tb-1P. SternF. MauthnerH. Lanz     
 
OLIVER HAZAY
Die Struktur des
logischen Gegenstandes

[2/6]
0 - Einleitung
1 - Die quasi-subjektiven Gegenstände
2 - Die Relationsstruktur der Gegenstände
3 - Das Argument der logischen Funktionen
4 - Das Problem der Äquivalenz
5 - Die "unmöglichen" Gegenstände

"Der Diamant hat, insofern er als Schmuck betrachtet wird, nichts zu tun mit dem spezifischen Gewicht, mit seiner chemischen Beschaffenheit, er ist vielmehr von seiner Schönheit, seiner Unempfindlichkeit äußeren Einflüssen gegenüber, sowie seinem materiellen Wert abhängig. Für den Juwelier und die Weltdame ist dies der Sinn des Gegenstandes:  Diamant." 

"Das alltägliche Wahrnehmungsding baut sich erst auf einzelnen quasi-subjektiven Aspekten auf, welche zwar durch keinen bewußten Zweckgedanken geformt werden, aber gleicherweise auf dem eben besprochenen Moment der Bezogenheit beruhen. Diese Bezogenheit ruht hier in jenem Gesichtspunkt, durch den der einzelne Aspekt zur Einheit zusammengefaßt und von der Vielheit seiner zeitlichen und örtlichen Umgebung abgegrenzt wird. Wir wünschen jetzt keine psychologische Erklärung zu geben, wir gehen im Gegenteil auf die logische Beleuchtung der psychologischen Wahrnehmungsbilder aus. Und da zeigt es sich eben, daß sich immer ein Bezugspunkt finden läßt, der die Einheitlichkeit des Wahrnehmungsbildes schafft, von dem aus gesehen es allein eine Einheit bilden kann; einmal ist es die gleiche Färbung, das anderemal die Geschlossenheit der Kontur, meist aber der erkannte Sinn, die Bedeutung des Wahrgenommenen."

"Nicht nur  daß,  sondern auch  wie  die tieferen Gegenstände zusammenhängen, ist durch Hilfe des höheren Gegenstandes verständlich: indem nämlich der quasi-subjektive Gegenstand zwischen dem höheren Gegenstand und jenem Bezugspunkt steht, dem er seinen ganzen Sinn verdankt, indem aber ferner auch diese Bezugspunkte untereinander in bestimmten Beziehungen stehen, entsteht eine Art System mit dem höheren Gegenstand als Zentrum, in welchem jeder Gegenstand seinen im Verhältnis zu den übrigen wohldeterminierten Platz hat."

Erster Teil
Das System der logischen Gegenstände

1. Kapitel
Die quasi-subjektiven Gegenstände

6. Wir haben in den vorhergehenden programmatischen Vorbemerkungen schon erwähnt, daß unser Ausgangspunkt der tatsächliche logische Gegenstand sein muß, so wie er sich in den verschiedenartigen Gegenstandsbeispielen darbietet. Wir haben von einzelnen Beispielen auszugehen, haben diese zu untersuchen und müssen trachten, an diesen selbst Anhaltspunkte zu finden, von denen wir dann in die Gegenstandsstruktur tiefer eindringen können, bis zu jenem Kern, der bei allen Gegenständen gleichartig ist, bis zu jenen Voraussetzungen, die notwendig sind, damit der Gegenstand eben Gegenstand sein könne.

Wenn wir uns aber nur aufs Geratewohl einen beliebigen Gegenstand herausfischen und an diesem dann nach unserem Vorsatz ganz vorurteilsfrei, d. h. ebenfalls wieder ohne jeden eigentlichen Plan herumvernünfteln, so wird dieses unser Vorgehen wenig Aussicht auf Erfolg haben. Nicht von diesem oder jenem Gegenstand dürfen wir daher ausgehen, sondenr von der Totalität der logischen Gegenstände. Wir müssen uns eine Übersicht über diese ihre Gesamtheit verschaffen, müssen das Verhältnis der Gegenstände zueinander untersuchen, ihre gegenseitigen Beziehungen aufdecken; auf diese Weise müssen wir uns doch wohl dem Verständnis der Gegenstandsnatur von der einen oder der anderen Seite nähern. Dabei machen wir nun freilich die Voraussetzung, daß solche Beziehungen zwischen den Gegenständen tatsächlich bestehen. Dies ist jedoch keine unerlaubte Voraussetzung, kein Vorurteil: wären die einzelnen Gegenstände völlig isoliert, so könnten sie keinen vernünftigen Sinn haben oder es könnte doch wenigstens keine Logik geben. Die Voraussetzung solcher Beziehungen ist also schon durch das bloße Unterfangen, eine logische Untersuchung zu beginnen, mitgegeben. Im übrigen müßte sich ja die Falschheit unserer Annahme schon bei den ersten Schritten herausstellen.

Dabei ist aber unser Ziel nicht etwa eine  inhaltliche  Übersicht über alle möglichen Gegenstände: das wäre wohl eine unvollendbare Aufgabe, würde uns aber auch nichts nützen, da wir ja unserem ganzen Problem gemäß eben von allem Inhalt der Gegenstände absehen müssen, um zur wahren logischen Struktur gelangen zu können. Der Gesichtspunkt, von dem aus wir eine Ordnung der Gegenstände anstreben, ist vielmehr ihre logische Natur, sagen wir vielleicht: ihre logische Dignität. Von den gewöhnlichsten, alltäglichen Gegenständen mit ihrer praktischen Brauchbarkeit aber logischen Unbestimmtheit ist ein Weg zu suchen bis zu jenen theoretischen Grenzgebilden, die praktisch vielleicht überhaupt unmöglich sind, die aber im platonischen Reich der Gegenstände ihrem logischen Wert nach zu oberst stehen.

Nicht in die Breite also, hinaufzu ist das System auszubauen; und daher ist es nun auch verständlich, daß wir unser Ausgangsbeispiel wirklich aufs Geratewohl wählen können: es ist nicht entscheidend, an welchem Punkt des Fundaments wir den Bau beginnen. Mancher Punkt mag aber freilich besser taugen, als der andere, und so werden auch wir trachten, ein Beispiel zu wählen, das uns das Vordringen in der überwältigenden Masse der Gegenstände nach Möglichkeit erleichtert, d. h. ein solches Beispiel, an dem die Verknüpfung mehrer Gegenstände am leichtesten zu studieren ist.

7. Ich denke z. B. an APOLLO, den hehren Künstlergott, den Führer der Musen und Schöpfer des künstlerischen Ebenmaßes, der Harmonie. Ein Nimbus von Hoheit umgibt ihn, er führt uns heraus aus dem schmerzvollen Weltgetümmel. Da plötzlich fällt mir ein, daß er in anderen Augenblicken nicht dieser friedliche Glücksspender ist, daß seinem Bogen Pfeile entfliegen und daß von diesen Pfeilen die furchtbare Pest gesät wird. Es ist  derselbe  APOLLO, der die Seuche schafft und der den Musen voransteht und doch sind es ihrer zwei. Es ist derselben, wenn auch nicht seinem religionsgeschichtlichen Ursprung nach, aber doch in dem Stadium der griechischen Mythologie, das unserer Schulmythologie zugrunde liegt. Derzufolge ist er derselbe, denn er ist auch während des Racheaktes nebenbei der Musengott und auch am Helikon [griechisches Gebirge, wp] könnte ihn die Laune anwandeln, seine verderbenbringenden Pfeile zu versenden. Und doch liefert er in anderer Hinsicht zwei Denkgegenstände: APOLLO, insofern er Pest verbreitet, hat ein ganz andere Bedeutung als APOLLO, der Musaget [Musenführer, wp]. Die beiden Attribute verbinden sich an ihm nur zufällig und logisch handelt es sich um etwas ganz Fremdartiges. Eine logische Theorie, die diesem Verhältnis gerecht werden will, muß daher sowohl diese Zweiheit, als auch die schließlich doch bestehende Einheit widerspiegeln; es handelt sich hier um zwei logische Gegenstände: APOLLO, der Pestversender und APOLLO, der Musengott und diese beiden gehen dann auf einer anderen Stufe, durch eine anders gewandte Betrachtungsweise in eine neue Einheit ein.

Unser Beispiel ist überzeugend, weil wir es ja hier tatsächlich mit zwei verschiedenen Personen zu tun haben, die nur im Laufe der Entwicklung zu einer Person verschmolzen sein dürften; dieser Umstand ist aber wieder andererseits verwirrend, weil es dadurch so erscheinen mag, als liege der Grund zu der logischen Zwiespältigkeit des Gegenstandes nur in dieser eigentümlichen Provenienz. Auch das wäre ja ohne jeden Einfluß auf den logischen Sinn des Gegenstandes; trotzdem wollen wir uns ein zweites, präziseres Beispiel suchen. Das Alltagsleben bietet übergenug solcher Fälle, denen es zwar an der wissenschaftlichen Klarheit des Apollobeispiels gebricht, die uns aber infolge ihrer Vertrautheit leichter verständlich sind.

Ingenieur Müller ist mein Freund. Er ist Ingenieur  und  ist mein Freund. Wenn er mich besucht, sprechen wir durchaus nicht über Brückenbau, wenn ich an ihn denke, wenn ich beschließe, ihm einen Brief zu schreiben, so ist der Gegenstand meines Denkens nicht der Ingenieur Müller. Ich habe keinen Grund, einem Brückenbau-Ingenieur einen Brief zu schreiben, wohl aber drängt es mich dazu, sobald es sich um meinen Freund Müller handelt. Andererseits hat wieder die Firma S & Co. keinen Grund, meinen Freund Müller mit hoher Bezahlung anzustellen, man kennt mich dort gar nicht, meine Freundschaft ist dort keine Gewähr, doch schätzt man den erfahrenen Techniker Müller.

Man mag mir einwenden, daß es sich hier um nur psychologisch bestimmte, besser gesagt: um rein individuelle Unterschiede in der Betrachtungsweise handelt; mir sei er der Freund, jener Firma ihr Ingenieur. Doch kann erstens natürlich auch ich über den Ingenieur Müller ein Urteil fällen, ohne z. B. durch meine Freundschaft beeinflußt zu werden. Und dann könnten und müssen diese Gegenstände sogar unabhängig von jeglichem denkenden Individuum betrachtet werden und auch dann ist ihre logische Verschiedenheit offenkundig. Aus dem Gegenstand: "mein Freund Müller" folgt durch keine Begriffsanalyse, daß es sich um eine technisch geschulte Person handelt, während diese Bestimmung im Gegenstand: "Ingenieur Müller" enthalten ist. Das Urteil: "Ingenieur Müller ist mein Freund Müller" ist keine bloße Tautologie, es ist nicht gleichwertig mit jenem anderen: "Ingenieur Müller ist Ingenieur Müller". Es wurden im ersten Urteil zwei verschiedene Gegenstände in Beziehung gesetzt. Jeder von ihnen hat seinen besonderen Sinn, ihre Abgrenzung ist nicht das Werk einer individuellen Laune, die Unterscheidung ist auch nicht etwa bloß sprachlicher Natur, verschiedenartige Benennung desselben Gegenstandes; dem denkenden oder sprechenden Individuum kommt hier gar keine Rolle zu: rein logisch betrachtet stehen einander zwei völlig selbständige Gebilde gegenüber, die erst in einem späteren Schritt zueinander in Beziehung treten.

Aber wird nicht durch so eine Thorie jeder Gegenstand vertausdenfacht? Wir können doch neben den Ingenieur Müller und meinen Freund Müller noch "Müller als Angestellten von S & Co." oder den "zukünftigen Familienvater Müller" und noch unzählige ähnliche Gegenstände stellen, auch manche solche, die ich je nach Laune recht drollig gestalten könnte. Und wenn ich diese alle dann von meiner Laune absondere und sie als selbständige, objektive, zeitlose Gegenstände hinstelle, heißt das nicht, die ohnehin unendliche Menge von Gegenständen noch unnötig und unfruchtbar zu vervielfältigen? Ist das nicht Spielerei, ist das nicht Scholastik?

Es ist vielleicht hauptsächlich jener Begriffsrealismus, der uns von unseren Alltagsstunden her im Blut steckt, der diese Fülle der logischen Gegenstände so erschrecklich erscheinen läßt. Vielleicht hat diese Vervielfältigung der Gegenstände gar keine so furchtbaren Konsequenzen, daß man sich ihrer durch eine Ehrenbeleidigung - denn eine solche steckt heutzutage im Wort "Scholastik" - entledigen müßte. Aber auch, wenn diese Betrachtungsweise Scholastik wäre, im bösen Sinne des Wortes, auch dann wollen wir sie nicht fallen lassen. Sie dient uns hier als Ausgangspunkt und ein Ausgangspunkt birgt seinen Wert nicht in sich selbst, sondern erhält ihn durch den Weg, der bei ihm entspringt und durch das Ziel, wohin dieser führt. Und darum wollen wir über den Wert jener von uns vollzogenen Trennung der verknüpften Gegenstände vorläufig nicht streiten, sondern uns hier den Weg bahnen zu ferneren Positionen.

8. Die Gegenstände, die wir hier zu Beginn unserer Betrachtungen untersuchen, sind von jener Art, wie sie im praktischen Leben, im gewöhnlichen subjektiven Denken vorkommen. Man könnte sie subjektive Gegenstände nennen. Um aber auszudrücken, daß sie nicht von der Eigenart dieser oder jener Person abhängen, ja sogar unabhängig sind von den menschlichen Eigenarten im allgemeinen, wollen wir sie lieber  quasi-subjektive  Gegenstände nennen. Der erste Teil des Wortes soll psychologistische Mißverständnisse abwehren, der zweite aber andeuten, daß diese Gegenstände doch zu einem "Subjekt überhaupt" in Beziehung stehen, da ihre Struktur durch einen Zweckgesichtspunkt, durch ein Ziel bestimmt wird, Zweck und Ziel aber nur durch ein zielsetzendes Subjekt sinnvoll werden. Das hier erwähnte Subjekt ist also völlig unpersönlich, es ist aber darum durchaus nicht mit jenem oben erwähnten "logischen Bewußtsein" identisch. Indem es spezielle Zwecke hat, ist es kein "reines" Bewußtsein; der Platz, den es in der Reihe der möglichen Subjektsbegriffe einnimmt, ist ein viel tieferer, es steht meinem aktuellen, individuellen Ich bedeutend näher, als jenes extrem abstrakte logische Bewußtsein.

Insofern das Subjekt unpersönlich zu verstehen ist, ist auch sein "Zweck" kein aktueller Willenszweck; es ist dies wieder nur ein bequemerer Ausdruck, um die Bezogenheit der quasi-subjektiven Gegenstände auf einen außer ihnen liegenden Gesichtspunkt anzudeuten, dem sie sozusagen nur eine bestimmte Seite zukehren.

So hat z. B. der Diamant, insofern er als Schmuck betrachtet wird, nichts zu tun mit dem spezifischen Gewicht, mit seiner chemischen Beschaffenheit, er ist vielmehr von seiner Schönheit, seiner Unempfindlichkeit äußeren Einflüssen gegenüber, sowie seinem materiellen Wert abhängig. Für den Juwelier und die Weltdame ist das der Sinn des Gegenstandes: "Diamant". Unstreitig ist aber weder Putzsucht, noch ein Juwelierladen notwendig, um diesen Gegenstand denken zu können. Ein Stein von der und der äußeren Beschaffenheit, schön, teuer, kaum beschädigbar, ist ein völlig sinnvoller logischer Gegenstand. Würde man keinen derartigen Stein kennen und ein reicher Fürst gäbe den Auftrag, für ihn ein solches Kronjuwel zu suchen, so wäre sein Auftrag logisch klar determiniert. Das, was die übrigen Eigenschaften des Diamanten zurücktreten läßt, ist entweder Unkenntnis, d. h. Unbestimmtheit derselben oder aber ihre  Irrelevanz  in bezug auf unseren Zweckgedanken, auf die Verwendbarkeit als Schmuck: beides subjektive Momente, aber dabei durchaus unpersönliche.

Insofern also die quasi-subjektiven Gegenstände durch eine Auswahl ihrer Bestimmungen nach einem Gesichtspunkt bestimmt sind, ist es auch durchaus nicht zutreffend, sie als unvollständige Gegenstände anzusehen, wie das zuweilen geschieht. Sie sind durchaus vollständige, sinnvolle Gegenstände, nur daß an ihnen gewisse Bestimmungen unerwähnt bleiben, welche an ihrer realen Erfüllung im praktischen Leben nicht fehlen können. Der logische Gegenstand ist aber von seinem realen Erfüllungsgegenstand unabhängig, ja eigentlich gehen die Erfüllungsgegenstände die reine Logik gar nichts an. Nicht von Unvollständigkeit darf gesprochen werden, sondern von einer spezifischen determinierenden Bezogenheit.

Der "vollständige" Gegenstand ist dagegen ein kompliziertes logisches Gebilde, das als Denkgegenstand im gewöhnlichen, nichtwissenschaftlichen Leben ziemlich selten vorkommt. Dieses hat es meist mit realen Gegenständen zu tun, die vollständig, d. h. adäquat gar nicht erfaßbar sind und die daher nach dem momentanen praktischen Gesichtspunkt in der quasi-subjektiven Sphäre erfaßt werden; das wäre schon für sich genügend, um den Vorwurf der scholastischen Gekünsteltheit derselben abzuwehren. Jener höhere, vollständigere Gegenstand entsteht erst durch das Zusammenfließen solcher quasi-subjektiven Gegenstände. Sein logisches Primat wird dadurch keineswegs angegriffen, aber er steht auf späterer Stufe.

9. Selbst das alltägliche Wahrnehmungsding baut sich erst auf einzelnen quasi-subjektiven Aspekten auf, welche zwar durch keinen bewußten Zweckgedanken geformt werden, aber gleicherweise auf dem eben besprochenen Moment der Bezogenheit beruhen. Diese Bezogenheit ruht hier in jenem Gesichtspunkt, durch den der einzelne Aspekt zur Einheit zusammengefaßt und von der Vielheit seiner zeitlichen und örtlichen Umgebung abgegrenzt wird. Wir wünschen jetzt keine psychologische Erklärung zu geben, wir gehen im Gegenteil auf die logische Beleuchtung der psychologischen Wahrnehmungsbilder aus. Und da zeigt es sich eben, daß sich immer ein Bezugspunkt finden läßt, der die Einheitlichkeit des Wahrnehmungsbildes schafft, von dem aus gesehen es allein eine Einheit bilden kann; einmal ist es die gleiche Färbung, das anderemal die Geschlossenheit der Kontur, meist aber der erkannte Sinn, die Bedeutung des Wahrgenommenen. So treten dann viele Bestimmungen gänzlich in den Hintergrund und aus den übrigen formt sich der subjektive Gegenstand (dem logisch der quasi-subjektive entspricht) dem betreffenden Bezugspunkt gemäß. Und ebenso wird ein solcher Bezugspunkt dafür entscheidend, welchen Merkmalen wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden, auch dieser Bezugspunkt nimmt dermaßen an der Formung des betreffenden Gegenstandes teil. Der Beruf des Wahrnehmenden oder seine zeitweilige Beschäftigung, oft aber auch wieder die Umgebung des wahrgenommenen Dings: das sind z. B. solche Bezugspunkte in grober Form skizziert.

Unter diese aussondern wirkenden Bezugspunkten wollen wir noch eine Gruppe hervorheben, die ihrer Selbstverständlichkeit halber leicht übersehen werden könnte. Es ist das die zeitliche und besonders örtliche Beziehung des Wahrnehmenden und Wahrgenommenen. Das Ding zeigt sich uns nur von einer besoneren Seite, zu bestimmter Zeit, unter eigenartigen Verhältnissen; und vom Standpunkt der Wahrnehmung ist sein Aspekte von einem anderen Ort aus gesehen, zu anderer Zeit und unter anderen Voraussetzungen ein ganz neuer, vom früheren streng unterschiedener Gegenstand.

Rein psychologisch betrachtet, baut sich die Dingvorstellung erst nachträglich auf diesen verschiedenartigen Aspekten auf. Diese Frage nach dem zeitlichen Vorher oder Nachher hat nun zwar für die logische Problemstellung keinen Sinn, aber es ist auch offenkundig, daß vom logischen Standpunkt aus der Gegenstand unserer Wahrnehmung nicht das Ding ist. Wir mögen in diesen Wahrnehmungsgegenstand getrost auch solche Bestimmungen mit einbeziehen, die eigentlich nicht wirklich wahrnehmbar sind, die wir aber in jede Dingwahrnehmung tatsächlich mit einbegreifen, auch dadurch haben wir uns noch nicht dem Ding genähert, wir sind auch damit eigentlich nicht wesentlich darüber hinausgekommen, was REHMKE "Dingaugenblick" nennt. Von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet, im Wechsel der Verhältnisse bieten sich verschieden gestaltete Aspekte; alle diese Aspekte gehören unstreitig zusammen, sie weisen auf "dasselbe Ding" hin und ihr Verhältnis zu diesem hinter ihnen liegendem Ding wird durch die  Beziehung  auf die waltenden Umstände bestimmt.

Wie steht es nun aber mit diesem "vollständigen" Ding? Ist es überhaupt zu erfassen? Praktisch wohl kaum, praktisch kommen wir über mehr oder weniger reiche Aspekte nicht hinaus, aber theoretisch, das heißt rein logisch steht einer Bestimmung des "vollständigen" Dinges nichts im Wege. Dasselbe ist ein neuer, selbständiger Gegenstand, der auf den Aspektgegenständen aufgebaut ist. Er ist nicht die Summe ihrer Bestimmungen, denn dieselben fallen teilweise ineinander; er ist also weniger aber andererseits auch mehr als ihre Summe, denn er ist eine neue Einheit von selbständigem Wert.

Mehr noch. Er ist es, von dem jene tieferen Gegenstände teilweise ihr Licht, ihre Bedeutung borgen. Ihr hauptsächlichster Sinn wird dadurch bestimmt, daß sie auf das vollständige Ding hinweisen, daß sie dasselbe "meinen". Es gehört also zu ihren Bestimmungen dazu, daß sie in einer ganz genau determinierten Relation zum Ding stehen, andererseits sind aber auch diesem seine Aspekte notwendig zugeordnet. Die beiden Schichten sind korrelativ.

10. Dieses Verhältnis, das bei Ding und Aspekt so klar zutage tritt, gilt jedoch, wie sich leicht einsehen läßt, für alle quasi-subjektiven Gegenstände. Ihnen allen ist eine höhere Schicht beigeordnet, in der sie zu neuen Einheiten zusammenfließen. Jener Schmuck und das entsprechende Mineral weisen in letzter Linie auf einen gemeinsamen Gegenstand hin und zu diesem "vollständigen" Diamanten gehört dann sowohl, daß er Kohlenstoff ist, als auch, daß er hohen Wert besitzt.

Wir haben schon betont, daß dieser höhere Gegenstand nicht etwa eine bloße Zusammenfassung, eine Summierung der tieferen ist, sondern eine besondere Einheit bildet. Was seine genauere Struktur ist, dies festzustellen, sind wir an dieser Stelle noch nicht imstande, sein Verhältnis zu den quasi-subjektiven Gegenständen läßt sich jedoch schon aufgrund des bisherigen so ziemlich klarlegen. Vor allem muß uns auffallen, daß die quasi-subjektiven Gegenstände auch  untereinander  durch diesen höheren Gegenstand zusammenhängen. Daß der Ingenieur Karl Müller und mein Freund Karl dieselbe Person sind, ist nur der Ausdruck davon, daß beide Gegenstände in denselben höheren einmünden; oder vielleicht besser: daß sie eigentlich nur verschieden bezogen Aspekte desselben Gegenstandes sind. Aber nicht nur  daß,  sondern auch  wie  die tieferen Gegenstände zusammenhängen, ist durch Hilfe des höheren Gegenstandes verständlich: indem nämlich der quasi-subjektive Gegenstand zwischen dem höheren Gegenstand und jenem Bezugspunkt steht, dem er seinen ganzen Sinn verdankt, indem aber ferner auch diese Bezugspunkte untereinander in bestimmten Beziehungen stehen, entsteht eine Art System mit dem höheren Gegenstand als Zentrum, in welchem jeder Gegenstand seinen im Verhältnis zu den übrigen wohldeterminierten Platz hat. So ist z. B. der Aspekt meines Schreibtisches von vorn gesehen und sein Bild von links nicht bloß zum selben Ding gehörig, sondern die beiden Gegenstände stehen in ganz bestimmter räumlicher Beziehung. Da sich weiterhin die Bezugspunkte ins Unendliche vervielfältigen lassen, so bilden auch die Aspekte kontinuierliche Reihen, deren Glieder in gesetzmäßig bestimmten Beziehungen stehen, so daß wir früher völlig berechtigt waren, ihre Gesamtheit ein System zu nennen. Daß in diesem System nicht alle Punkte tatsächlich praktisch unterscheidbar, nicht alle Beziehungen aufweisbar sind, ist selbstverständlich, hat aber keine logische Bedeutung.

Darin aber haben wir gefehlt, daß wir den höheren Gegenstand als Zentrum des Systems auffassten; wir sind dabei einem naiven Raumsymbolismus in die Falle gegangen. Das Zentrum wäre ein leerer, an sich bedeutungsloser Punkt, unser Gegenstand ist aber nichts weniger als leer, ja wir haben ihn sogar als "vollständigen" Gegenstand ausgezeichnet. Alles, was den quasi-subjektiven Gegenständen eigen ist, ist es auch dem höheren Gegenstand, dieser ist also nicht das Zentrum des Systems, eher das Integral [Grenzwert, wp] desselben. Er ist der Inbegriff des ganzen Beziehungsgewebes, der Grund der darin wirkenden Gegenstandsverknüpfungen. Wir werden im nächsten Kapitel an diese Gedanken von neuem anknüpfen, um uns von hier aus dem eigentlichen Charakter des logischen Gegenstandes überhaupt, welcher Art er auch sei, zu nähern: an dieser Stelle soll es uns genügen, das Verhältnis der beiden zutage geförderten Gegenstandsschichten beleuchtet zu haben.

Daß von den beiden Schichten der quasi-subjektiven die geringere logische Dignität zukommt, ist nun klar; das reinere, unpersönlichere Gebilde ist der "höhere" Gegenstand, er ist nur psychologisch der spätere  te physei  [der Natur nach, wp] steht er voran und der quasi-subjektive Gegenstand ist sozusagen nur seine dem Bezugspunkt zugekehrte Seite.

11. Doch darf man darum nicht meinen, daß diese bezogenen Gegenstände logisch wertlos sind, daß sie ihr Dasein nur der Oberflächlichkeit oder Unzulänglichkeit unseres Denkens verdanken, derzufolge wir oft nicht imstande sind, die höheren Gegenstände adäquat aufzufassen. Auch wenn uns das in jedem Fall möglich wäre, würde den inhaltsärmeren Gegenständen eine bedeutende Rolle in der Logik zukommen. Denn diese sind wohl inhaltsärmer, aber diese Armut ist andererseits die Folge einer Art Bereicherung des Inhalts, nämlich einer Betonung jener Beziehung zum betreffenden Bezugspunkt. Dieser Betonung und dem mit ihr Hand in Hand gehendenden Herausheben der im gegenwärtigen Fall relevanten Bestimmungen verdanken unsere Gegenstände ihre große Brauchbarkeit in den Erkenntnisfunktionen.

Das zeigt sich in besonderem Maße beim Urteil; hier könnte man sagen, daß die in ihm vorkommenden Gegenstände gleichsam eine solche Stellung einnehmen, daß sie sich ihre aufeinander bezüglichen Bestimmungen wechselseitig zukehren. Der Diamant schneidet das Glas; aber nicht weil er wertvoll, noch weil er durchsichtig und glänzend ist. Ich mag beim Aussprechen des Urteils den Diamanten mit all seinem Glanz vor mir sehen, dies ist aber nur die psychologische Sachlage; logisch ist der Glanz nicht mitbestimmend und der Gegenstand wirkt nur mit seiner dem anderen Gegenstand zugekehrten Seite.

Auch beim Sammeln der wissenschaftlichen Daten kommt den quasi-subjektiven Gegenständen die führende Rolle zu. Die Erfahrung hat es mit individuellen, d. h. unendlich bestimmten Gegenständen zu tun; diese hätten ihrem Bestimmungsreichtumg, ihrer Einzigkeit und Unwiederholbarkeit zufolge, z. B. für die Naturwissenschaft keinen Wert, wenn sie nicht "unvollständig", d. h. in ganz besonderer, ihrem Zweck angemessener Bezogenheit betrachtet würden. Ja, in manchen Fällen ist es sogar bloß eine solche, den Gegenständen im Grunde genommen ganz fremde Wertbezogenheit, der dieselben ihre ganze wissenschaftliche Bedeutung verdanken. So interessiert sich der Historiker für die Wagramer Ebene durchaus nicht wegen ihrer spezifischen Beschaffenheit, sondern ihrer historischen Bezogenheit zuliebe.

Aus dem Gesagten folgt nun aber auch, daß die quasi-subjektiven Gegenstände nicht nur nicht "unvollständig" sind, sondern auch ebensowenig "überfüllt". BOLZANOs "überfüllte Vorstellungen" (1) sind vom Standpunkt aus gesehen, den wir jetzt noch einnehmen, keineswegs überfüllt. Daß ein Gegenstand solche Bestimmungen enthält, welche zu seiner eindeutigen Determination nicht unbedingt notwendig sind, daß er daher nicht mehr bedeutet als jener andere, dem diese Bestimmungen fehlen, läßt sich überhaupt erst feststellen, wenn man über die beiden Gegenstände hinausgeht, bis zu jenem gemeinsamen Gegenstand, auf den beide hinweisen. Die quasi-subjektiven Gegenstände sind aber in ihrer verschiedenen logischen Zweckbezogenheit durchaus nicht gleichwertig und sind auch erkenntnispraktisch, d. h. für die Wissenschaft nicht von gleicher Brauchbarkeit. "Die Ebene von Wagram, auf der NAPOLEON seinen großen Sieg errang", bedeutet gewiß denselben Ort, wie die "Ebene von Wagram" schlechthin; trotzdem ist letztere nicht derselben Gegenstand und mag sogar für gewisse Zwecke gar nicht ausreichen.

Daß ein solcher überfüllter Gegenstand von selbständiger Bedeutung ist, erhellt sich schon daraus, daß mit der überfüllenden Bestimmung völlig sinnvolle Urteile gebildet werden können. Daß das allervollkommenste Wesen auch allwissend sei (BOLZANO), ist durchaus keine triviale Tautologie von der Art: "jede Goldmünze ist aus Gold."
LITERATUR - Oliver Hazay, Die Struktur des logischen Gegenstandes, Kant-Studien, Ergänzungsheft, Bd. 35, Berlin 1915
    Anmerkungen
    1) BOLZANO, Wissenschaftslehre, Bd. I, Seite 309. Dieselben wären nur dann überfüllt, wenn sie Definition des betreffenden Gegenstandes anzugeben bestrebten.