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Sprachkritik die Fortsetzung der Politik mit besseren Mitteln
Zieht man als hilfloser Anfänger oder als nacherzählender Darsteller ein deutsches Wörterbuch zu Rate, um zu erfahren, was Sprachkritik bedeutet, Nicht unbedingt. Im enzyklopädischen Lexikon sieht es besser aus. Dort wird Sprachkritik deklariert als philosophische Bestrebungen, Sprache auf ihren Wirklichkeitsgehalt zu untersuchen. An anderer Stelle finden wir Sprachkritik als Kritik an Sprachlenkung und Sprachnormierung. Da ist offenbar an praktischere Fragen gedacht, an die Abwehr sprachlicher Eingriffe, sprachlicher Manipulationen, oder an die kritische Untersuchung historischer Zustände einzelner Sprachen, vielleicht sogar an ihre Verbesserung. In ihrem Gefolge tritt uns auch Sprachkritik als Ideologiekritik entgegen. Allgemeiner wieder wird die Sprachkritik gesehen als Untersuchung eines sprachlichen Zeichensystems auf seine kommunikative Effizienz. Das klingt nach Kybernetik, und so auch die angebotenen Bewertungskriterien: Einfachheit, Funktionieren, Informationsmenge. Von Ideologiekritik spüren wir da nichts. Dem Mangel an Definitionen und den Mängeln der Definitionen kann man eine positive Deutung abgewinnen. Vielleicht wird die sprachkritische Lehre schon soweit beherzigt, daß man keine Definition von Sprachkritik geben will, um nicht dem "allherrschenden Aberglauben an die Definition" Zeugnis solch konsequenter Strenge bietet FRITZ MAUTHNER, einer der Großen unter den Sprachkritikern, wenn er für sein Wörterbuch der Philosophie zwar einen Artikel "Sprachkritik" schreibt, darin aber keine Definition offeriert. Konsequent erscheint dies, weil Sprachkritiker immer wieder gegen die verbreitete Willkür der Definition angetreten sind. Denn, wer die Frage stellt "Was ist Sprachkritik?" und darauf eine Antwort gibt wie "Sprachkritik ist ...", der ist in Gefahr, statt einer brauchbaren Grundlage brauchbares Material für Sprachkritik zu liefern. Sprachkritisch besehen laufen diese Antworten aber hinaus auf solche der Form "Unter Sprachkritik verstehe ich ..." oder "Unter Sprachkritik sollte man verstehen ...". Da offenbart sich die Anmaßung, die hinter solchem Vorgehen stehen kann: Denn, was ich unter Sprachkritik verstehe, schriftlich darzulegen, macht ja wohl nur Sinn, wenn ich einen privilegierten Zugang zu solchen Fragen mir anmaße. Aber gibt es dann überhaupt einen Weg, jemandem zu erklären, was Sprachkritik ist? Ja, es gibt ihn. Natürlich werde ich auch so nicht zum Fremdenführer ohne Interesse. Fragmente einer Geschichte der Sprachkritik Die Geschichte der Sprachkritik ist nicht geschrieben. Sie scheint zu umfassend und zu disparat, um als Geschichte einer Disziplin geschrieben zu werden. Für den, der in allen geschichtlichen Zusammenhängen Deutungen erkennt, Der erste Strang wurzelt ganz natürlich in der Sprache als Wesensmerkmal der condition humaine. Er treibt Fragen - Blüten der Philosophie: Wie wirkt die Sprache auf unsere Erkenntnis? Wie verhält sich Sprache zur Vernunft? Wie zur Wirklichkeit?Den zweiten Strang bestimmt das Interesse an Einzelsprachen, ihre Verbesserung und - speziell für das Deutsche - das Schaffen einer einheitlichen Nationalsprache.Den dritten Strang schließlich bildet Sprachkritik als Stilkritik oder Textkritik, das heißt Kritik an den sprachlichen Produkten einzelner Sprecher, ihrem sprachlichen Können und der Haltung, die das Produkt erkennen läßt. Zentral ist hier die Frage nach der Wahrheit und Wahrhaftigkeit.Hangeln wir uns an den einzelnen Strängen entlang! Sprachkritik ist natürlich älter als Sprachkritik; vielleicht so alt wie die Sprache selbst, oder zumindest fast so alt. Kann man es doch Sprachkritik nennen, wenn Erwachsene lernende Kinder korrigieren, und dies Korrigiert-werden gehört zur Sprache. Es ist eine natürliche Sprachkritik. Professionelle Sprachkritik - um die es hier ja geht - beginnt spätestens mit dem Lamento HERAKLITs, daß jedes Wort den bezeichneten Gegenstand beschränke und verfälsche. Sprache treibt ein Possenspiel mit den Menschen, gaukelt ihnen etwas vor, wo nichts ist oder etwas anderes ist. So zieht es sich als Topos durch die Geschichte: von der Bekämpfung der griechischen Sophisten bis zu einem Höhepunkt bei den Empiristen und den Aufklärern. BACON in seiner Idolenlehre warnt uns, die Wörter könnten der Vernunft schwer zu schaffen machen. Eigentlich sollten sie ihr dienen, beherrschen sie aber allzuoft. BERKELEY fand unser Wissen durch die Wörter so verunstaltet, daß er sich fragen mußte, ob die Sprache nicht mehr zur Behinderung als zur Beflügelung des Geistes beigetragen habe. Darum solle man so wenig Sprache wie möglich benutzen, die Ideen nackt und bar sprechen lassen. Denn wenn man den Vorhang der Sprache wegzieht, sind die Früchte der Erkenntnis mit Händen zu greifen. Über solcherlei Ansichten mokiert sich SWIFT in Gullivers Reisen: Da die Wörter doch nur Namen für Dinge seien, lasse man sie am besten ganz weg und benutze an ihrer Stelle gleich die Dinge zur Verständigung. Natürlich muß dann, wer mehr zu sagen hat, auch einen größeren Rucksack voll Dinge mit sich herumschleppen, eine gute Medizin für manchen Schwätzer. Ernstere Abhilfe wollten selbstredend die Philosophen. Ihre Kur war Sprachkritik. LOCKE beschreibt auf der Folie der Sprachmängel sprachliche Verlockungen und den Mißbrauch, der mit Sprache getrieben wird. Sein Katalog darf hier nicht fehlen, weil er so plausibel ist, daß er heute zur gemeinen Meinung geworden ist, oder besser: der so plausibel ist, weil er zur gemeinen Meinung geworden - Verwendung von Ausdrücken ohne BedeutungLOCKE sieht uns - wie LEIBNIZ, der einen Counterpart zu LOCKEs Essay geschrieben hat - durchaus nicht dem Gaukelspiel der Sprache ausgeliefert. Wir haben unsere Vernunft, die uns erlaubt, dieses Spiel zu durchschauen, und darum sind wir auch für Mißstände und Mißbräuche verantwortlich. Wir treiben den Mißbrauch bewußt; In der Folgezeit wurde der Mißbrauchskatalog erweitert oder aufgefrischt mit altbekannten Mißbräuchen wie falsches Schließen, Widersprüche, Metaphorik, Mehrdeutigkeit, Sinnlosigkeit. Es entstand der Traum, Die Idee hierzu kam von DESCARTES und LEIBNIZ, ausgeführt wurde sie im 19. und 20. Jahrhundert mit dem Entwurf von Idealsprachen in Form logischer Kalküle, die aber leider mehr für sonntags gedacht sind, für Logik und Wissenschaft. Für den Alltag sind sie schon deshalb schlecht geeignet, weil sie die Sprache und damit das Sagbare in unerhörter Weise beschneiden. Unerhört, weil wir uns alle die schönen Mißbräuche in jahrhundertelanger Arbeit ausgedacht haben, weil wir sie brauchen, mehr jedenfalls als blauäugige Idealsprachler. Auf deren Weise überwinden wir nicht das Durchgangsstadium der Affenmentalität (WHITEHEAD), wie sie sich in unserer Einen entscheidenenden Knacks bekam die aufklärerische Tradition durch die sprachphilosophische Einsicht, daß unser Denken, unsere Vernunft, gar nicht so unabhängig von der Sprache existiert, daß Sprache erst den Gedanken bildet. Der Glaube an die sprachlose Vernunft war eben auch nur ein Glaube. Diese neue Lehre - soweit irgendetwas neu ist - wurde besonders von HAMANN, HUMBOLDT und MAX MÜLLER - durchaus auch in sprachkritischem Bewußtsein - entwickelt. Sie jagte uns aus der sicheren Loge der Vernunft wo wir dem Spiel der Sprache zusehen konnten, in die Sprachkrise, wie sie um 1900 ausbrach. Exponent dieser Wende ist FRITZ MAUTHNER, der auf den ersten Blick allerdings nahtlos anschließt an LOCKE und die Aufklärung. Er geißelt etwa Metaphorik und Wortrealismus, scheint seine Kritik nur gewaltiger vorzutragen. Hinter seinem Pathos aber steht die Erfahrung des Ausgeliefertseins an die Sprache, und aus dieser Abhängigkeit wächst eine radikale Skepsis gegen Sprache und Denken, eine Skepsis, die um die Jahrhundertwende weit über die Philosophie hinaus auch die Literaten erfaßte. Ich erinnere an die viel beachtete Analogie von HUGO von HOFMANNSTHALs Chandos-Brief. Auf dem Hintergrund dieser verzweifelten Skepsis ist denn auch MAUTHNERs Diagnose mit ihren sozialen Aspekten zu verstehen:
Auch MAUTHNER sieht noch nicht ganz klar. Praktisch geschieht dies in der Wortkritik. In den Wörtern ist die Geschichte enthalten; Allerdings sieht MAUTHNER die Wortkritik eher im Sinn einer Entrümpelung. Positiv und reflexiv, als einzige Erkenntnismöglichkeit, kann sie erst später erkannt werden. MAUTHNER will die alten, die toten Wörter ausmerzen und stellt sich damit in Gegensatz zur traditionellen Sprachkritik, die gerade die neuen Wörter auf dem Kieker hat. Anstelle ihres Slogans "Was fällt, das soll man stützen", wäre MAUTHNERs Wahlspruch "Was fällt, das soll man stürzen". Hier werden auch zwei Einsprengsel MAUTHNERs sichtbar. Einmal greift er die Schule vehement an, weil sie gerade die alternden Begriffe künstlich am Leben erhält. Den Unterschichten soll durch die Lehre der künstlichen Sprache die Überwindung ihrer Schichtenbarrieren unmöglich gemacht werden. Eine bemerkenswerte Vorwegnahme eines Arguments der neueren Sprachbarrierenforschung. MAUTHNER fordert dagegen gerade einen sprachkritischen Unterricht. Dann gibt GUSTAV LANDAUER als begeisterter Anhänger MAUTHNERscher Sprachkritik ihr eine politische Wendung, die durchaus bei MAUTHNER vorgezeichnet ist: Die Sprache ist auch Mittel der politischen Unterdrückung. Eine politische Revolution müßte mit einer Zerstörung der Sprache beginnen. "Denn wo nichts mehr feststeht und kein Grund mehr ist, da gerade werden wir unsere Pfähle einrammen. (...) Wenn das Wort getötet ist:Der einzige Ausweg aus dem Gefängnis der Sprache "Alles wird in der Sprache ausgetragen." (WITTGENSTEIN).Dies ist ein fortgeschrittener Stand der Sprachkritik, der realisiert, daß Sprachkritik in der Sprache möglich ist, und nur in der Sprache. Die Sprache ist in diesem Sinn kein Gefängnis, sie bietet uns durch ihre Reflexivität die Möglichkeit, sie zu kritisieren und sie zu ändern, zumindest alles, was wir bemerken, explizit zu machen. So können wir - in lichten Momenten - den kommunikativen Zwang der Sprache durchschauen. Und wenn wir das nicht können, sollte er uns nicht scheren. Diese Anerkenntnis der universalen Rolle der Sprache scheint zuerst bei LICHTENBERG formuliert: "Unsere ganze Philosophie ist Berichtigung des Sprachgebrauches, also, die Berichtigung einer Philosophie, und zwar der allgemeinsten" (LICHTENBERG - Sudelbücher II)Diese Notiz skizziert in etwa das, was man die linguistische Wende der Philosophie im 20. Jahrhundert genannt hat. Die Sprache wird nun nicht mehr in erster Linie als Mittel der Abbildung der Wirklichkeit gesehen, sondern als Mittel der Verständigung. Sprache ist ihr Gebrauch, und in diesem Gebrauch erst konstituiert sich die Wirklichkeit. Sprache ist die unsichtbare Brille Der zweite Strang unserer Geschichte beginnt selbstverständlich auch bei den alten Griechen. Diesmal mit ihrem Sprachdünkel. In der Abwertung der sogenannten Barbaren haben wir sehr früh die Beurteilung einer ganzen Sprache vom Standpunkt der eigenen aus. Dies setzt voraus ein Bewußtsein von der eigenen Sprache, das sich nur in der Abgrenzung zu anderen bildet auf Grund von sozialen, historischen und sprachlichen Gegebenheiten. Ein solches Sprachbewußtsein setzt für das Deutsche - im Verhältnis zu anderen europäischen Kultursprachen - recht spät ein. Offenbar waren die politischen Voraussetzungen für die Entwicklung einer Nationalsprache nicht günstig. Denn wie schon LEIBNIZ bemerkte, blühen üblicherweise Nation und Sprache zu gleicher Zeit. Schon hier kann man das Dilemma der Vereinheitlichung erkennen: Sie führt dazu, daß immer mehr Sprecher sich verständigen können, die Vielfalt der sprachlichen Möglichkeiten wird aber zugleich eingeschränkt. Gegen die Pedanten und Schulmeister wetternd trat dann JAKOB GRIMM auf den Plan. Das Regelhafte - Ideal dieser Sprachkritiker - war gerade nicht die lebendige Kraft der Sprache. "wie ein volk, das durch sein auftreten den lebendigen hauch der fast erstorbenen freiheit in Europa anfachte, ein volk dessen rohe kraft noch frisch und ungekünstelt war, allmählich den unnatürlichsten und verschrobensten formen der rede verfallen konnte?"Für GRIMM war die Besinnung auf die Vergangenheit zwar gegen die lateinische Herrschaft gerichtet und ein Argument für die nationale Einheit, aber egal, aus welchen Gründen man den Blick zurückwendet, die Ideen GRIMMs haben diesen sehnsuchtsvollen Blick noch mehr fixiert, verhärtet in der konservativen Haltung der Sprachkritiker, die Verfall und Verderb der Sprache in allem Neuen witterten. Ihr Exponent ist WUSTMANN mit seinen Sprachdummheiten. Er inkriminiert - mit deutlich ideologischem Hintergrund - Modewörter, Schwulst, Neuerungen, Umgangssprache, Pressesprache und natürlich Fremdwörter. Es sind die Überzeugungen eines konservativen Bildungsbürgers, die vielleicht historisch oder lebensgeschichtlich begründet sind, aber als Kriterien für die Beurteilung einer Sprache kaum. Wir sollten uns nichts vormachen; diese Kriterien sind heute genauso beliebt wie ehedem - aber genauso unbegründet. Sie können nicht begründet werden, weil in einer Sprache alles gleichermaßen seine Existenzberechtigung hat. Wem irgendwelche sprachlichen Mittel nicht passen, der braucht sie ja nicht zu verwenden. Als Mittel der sozialen Kontrolle anderer Sprecher können solche Normierungen keine moralische Begründung haben. In neuerer Zeit firmiert diese Art der Sprachkritik unter dem euphemistischen Namen Sprachpflege - mit leichtem Anklang an die Sprachvorstellungen eines Gärtners. Doch nicht nur der Name hat sich geändert, man ist auch aufgeklärter geworden: man hält heute auf Ökonomie, Einfachheit, Präzision und Systemkonformität. Bei letzten muß man nicht erschrecken: Systemkonform heißt schlicht, daß Sprachpfleger ihre Entscheidungen der Sprache, ihrem System ablauschen wollen. Sie stellen die Forderung, daß bei Alternativen jener der Vorzug zu geben sei, die dem System der Sprache entspreche. So sei brauchen ein Modalverb, Modalverben werden ohne zu verwendet, und darum sei brauchen auch ohne zu zu gebrauchen. Und sollten wir das so lange falsch gemacht Der systematische, logische Defekt dieser Argumentation liegt darin, daß brauchen in diesem Sinn eben kein Modalverb ist. Abgesehen von der zweifelhaften Grundvoraussetzung, man müsse eine Alternative ausmerzen und das sei sprachgerecht: Warum sollte es so unerträglich sein, zwei Varianten zu haben? Alle Kriterien der Beurteilung einer ganzen Sprache greifen nicht und sind willkürlich. Eine Sprache ist eben nicht beurteilbar. Sie ist da, wie die Natur. Sie ist hinzunehmen, ihre Veränderung ergibt sich. Sprachkritik des dritten Strangs, Kritik von Texten, ist natürlich alt im literarischen Bereich, also könnten wir diesen dritten Strang auch weit zurückverfolgen. Im engeren Sinn der Sprachkritik scheint aber - abgesehen von Stilkritik - der Anfang bei F. KÜRNBERGER 1870 zu liegen. Hier kommt die Sprachkritik weg von der globalen Kritik hin zur Kritik einzelner Presseerzeugnisse. Sprachkritik wird praktisch und detailliert, und sie ist bezogen auf Damit entwickelt sie sich vom Politikum zum politischen Instrument. Hier endlich, Unbestrittener Meister KARL KRAUS war sprachbesessen. Er schreckte vor den kleinsten Äußerlichkeiten nicht zurück, zog daraus nicht nur gewagte, sondern auch wahnwitzige Schlüsse. Er war gegen jede Beckmesserei, und scheint doch selbst beckmesserisch KRAUS brauchte auch keinen grammatischen Aufpasser, sondern predigte und praktizierte die Freiheit des Stils. Fremdwörter ließ er sich nicht verbieten; er sah in der Fremdwortjagd nur eine Ersatzrevanche für die Kriegsniederlage. Ja, er konnte sogar von sprachlichen Äußerlichkeiten absehen, die von "der Lumperei der Gesinnung" ablenken. Seine ästhetische Kritik war immer moralische Kritik. Denn "Ethik und Ästhetik sind eins" "Wenn die Menschheit keine Phrasen hätte, bräuchte sie keine Waffen."Die sprachkritische Faschismusbewältigung nach 1945 ist inhaltlich und methodisch in der direkten Nachfolge von KRAUS zu sehen. Jetzt wurde es einerseits möglich, die Analysen aus der Zeit bis 1945 zu veröffentlichen (KLEMPERER) oder zu rezipieren und andererseits neue Untersuchungen zu beginnen. Da wurden die sprachlichen Mittel der Nazis deutlicher: Lüge und Manipulation, Verleumdung, Übertreibung, Tarnung und Euphemismus (beschönigende Bezeichnung). Die Nazis haben nicht in die deutsche Sprache eingegriffen, sie haben vielmehr bestimmte Deutungen der Fakten Eine - letzte? - Blüte trieb die essayistische Sprachkritik auf dem Mist des Nazideutsch allerdings doch noch einmal in den 60er Jahren mit einigen Essays GEORGE STEINERs, einer mit Namen "Das hohle Wunder". Die hohlsten Thesen waren: Die deutsche Sprache ist durch den Mißbrauch in der Nazizeit zerstört. verfault bis in die Syntax. Aber auch umgekehrt: An den Schrecken des Nazismus war die deutsche Sprache nicht ohne Schuld. Eine böse Sprache als Ursache und als Folge des Bösen. Methodische Bedeutung hat der sogenannte Streit um die Sprachkritik der 60er, wo die Linguistik kritisch die ideologiekritische Form der Sprachkritik anging. Diese Sprachkritik hatte sich mit den STERNBERGER / STORZ / SÜSKIND und KARL KORN dem Fortleben nazistischer Redeweisen und der Sprache in der sogenannten verwalteten Welt, der Bürokratie, der Technik angenommen. Es ging um die menschliche Aufgabe, die Sprache des Unmenschen zu entlarven. Man wollte zeigen, daß "die große Unfreiheit" "bloß von vielen kleinen Unfreiheiten abgelöst" worden war. Die Auseinandersetzung endete damit, daß beide Parteien das Feld räumten. Beide behielten aber mehr Recht, als sie glaubten. Die Linguistik hatte nachgewiesen, "Sprachkritik wäre also dasselbe wie Sprachwissenschaft, wenn diese nämlich kritisch wäre." LITERATUR - H. J. Heringer, Sprachkritik - die Fortsetzung der Politik mit besseren Mitteln, in Hans Jürgen Heringer (Hrsg), Holzfeuer im hölzernen Ofen, Aufsätze zur Sprachkritik, Tübingen 1982 |