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HANS JÜRGEN HERINGER
Sprachkritik
die Fortsetzung der Politik mit besseren Mitteln

"Wortrealismus, der auf der Annahme beruht, jedes Wort bezeichne ein real existierendes Ding, die Sprache sei der Wirklichkeit angemessen wie das Wams dem Leib ..."


Zieht man als hilfloser Anfänger oder als nacherzählender Darsteller ein deutsches Wörterbuch zu Rate, um zu erfahren, was  Sprachkritik  bedeutet, so findet man sich im Stich gelassen:  Sprachkritik  ist kein Stichwort.  Sprachkritik,  obwohl lange im Deutschen gebräuchlich, ist eher ein Unwort. Ist sie auch ein Unding?

Nicht unbedingt. Im enzyklopädischen Lexikon sieht es besser aus. Dort wird Sprachkritik deklariert als philosophische Bestrebungen, Sprache auf ihren Wirklichkeitsgehalt zu untersuchen. Nun, das wäre philosophische Sprachkritik, und der ein oder andere Philosoph mag durchaus an diesen Bestrebungen partizipiert haben. Andere mögen sich aber für den normativen Gehalt der Sprache, für Ethik also, interessiert haben. Und wieder andere mögen mehr Wert gelegt haben auf die Form der Sprache: Wie muß eine Sprache aussehen, in der man den Sätzen ansieht, welche logischen Folgerungen man aus ihnen ziehen kann? Also schon unter den philosophischen Spielarten können wir uns vielfältige Zielsetzungen einfallen lassen.

An anderer Stelle finden wir Sprachkritik als Kritik an Sprachlenkung und Sprachnormierung. Da ist offenbar an praktischere Fragen gedacht, an die Abwehr sprachlicher Eingriffe, sprachlicher Manipulationen, oder an die kritische Untersuchung historischer Zustände einzelner Sprachen, vielleicht sogar an ihre Verbesserung. In ihrem Gefolge tritt uns auch Sprachkritik als Ideologiekritik entgegen.

Allgemeiner wieder wird die Sprachkritik gesehen als Untersuchung eines sprachlichen Zeichensystems auf seine kommunikative Effizienz. Das klingt nach Kybernetik, und so auch die angebotenen Bewertungskriterien: Einfachheit, Funktionieren, Informationsmenge. Von Ideologiekritik spüren wir da nichts.

Dem Mangel an Definitionen und den Mängeln der Definitionen kann man eine positive Deutung abgewinnen. Vielleicht wird die sprachkritische Lehre schon soweit beherzigt, daß man keine Definition von  Sprachkritik  geben will, um nicht dem "allherrschenden Aberglauben an die Definition" (ADORNO) zu erliegen.

Zeugnis solch konsequenter Strenge bietet FRITZ MAUTHNER, einer der Großen unter den Sprachkritikern, wenn er für sein Wörterbuch der Philosophie zwar einen Artikel "Sprachkritik" schreibt, darin aber keine Definition offeriert. Konsequent erscheint dies, weil Sprachkritiker immer wieder gegen die verbreitete Willkür der Definition angetreten sind. Denn, wer die Frage stellt "Was ist Sprachkritik?" und darauf eine Antwort gibt wie "Sprachkritik ist ...", der ist in Gefahr, statt einer brauchbaren Grundlage brauchbares Material für Sprachkritik zu liefern. Ein gutgläubiger Leser könnte annehmen, es sei entschieden, was Sprachkritik ist, und es gebe Leute, die wüßten es. Vielleicht glaubt er auch, es gebe Sprachkritik, so wie es die Natur gibt, die Elemente oder das Finanzamt.

Sprachkritisch besehen laufen diese Antworten aber hinaus auf solche der Form "Unter Sprachkritik verstehe ich ..." oder "Unter Sprachkritik sollte man verstehen ...". Da offenbart sich die Anmaßung, die hinter solchem Vorgehen stehen kann: Denn, was ich unter Sprachkritik verstehe, schriftlich darzulegen, macht ja wohl nur Sinn, wenn ich einen privilegierten Zugang zu solchen Fragen mir anmaße. Und ebenso maße ich mir Autorität an, wenn ich bestimme, was man unter Sprachkritik verstehen sollte. Selbst wenn ich es in der verschleiernden Form einer neutral aussehenden Definition tue.

Aber gibt es dann überhaupt einen Weg, jemandem zu erklären, was Sprachkritik ist? Ja, es gibt ihn. Man kann den Neugierigen abwärts in die Geschichte führen, die ist voll von Sprachkritik unterschiedlicher Art und unterschiedlicher Zielsetzung; da kann jeder Sprachkritikern bei ihrer zersetzenden Arbeit zusehen. Das bewahrt ihn davor, einen fixen Begriff von Sprachkritik zu entwickeln oder gar anzunehmen, die Sprachkritiker selbst hätten im Laufe der Geschichte gemeinsam an der Entwicklung eines einheitlichen Begriffs gearbeitet. Er wird dafür viele Möglichkeiten der Sprachkritik, die bunte Vielfalt ihrer Ziele sehen - und sich dann nicht mehr entscheiden können für eine als  die  Sprachkritik oder für eine, an der allein er mitstricken möchte, sofern man eine so destruktive Tätigkeit überhaupt als Stricken sehen kann. Eher doch wohl als Aufziehen von Strickwerk.

Natürlich werde ich auch so nicht zum Fremdenführer ohne Interesse. Denn das historische Sightseeing soll nicht nur deine Schaulust befriedigen, es soll dich dazu bewegen - während viele kräftig am andern Ende des großen Mäntelchens stricken - beim Aufziehen zu helfen, vielleicht deine eigene Art des Aufziehens zu entwickeln.


Fragmente einer Geschichte der Sprachkritik

Die Geschichte der Sprachkritik ist nicht geschrieben. Sie scheint zu umfassend und zu disparat, um als Geschichte einer Disziplin geschrieben zu werden. Für den, der in allen geschichtlichen Zusammenhängen Deutungen erkennt, ist dies eine angenehme Lage, weckt sie doch keine allzu großen Erwartungen an die Kohärenz seiner Geschichte. Da aber der Darstellung eine schlichte Ordnung guttut, wollen wir uns die Geschichte der Sprachkritik in drei großen Strängen denken, allerdings vielfältig ineinander verwachsen, verdröselt und verfilzt.

Der erste Strang

wurzelt ganz natürlich in der Sprache als Wesensmerkmal der  condition humaine.  Er treibt Fragen - Blüten der Philosophie: Wie wirkt die Sprache auf unsere Erkenntnis? Wie verhält sich Sprache zur Vernunft? Wie zur Wirklichkeit?
Den zweiten Strang
bestimmt das Interesse an Einzelsprachen, ihre Verbesserung und - speziell für das Deutsche - das Schaffen einer einheitlichen Nationalsprache.
Den dritten Strang schließlich
bildet Sprachkritik als Stilkritik oder Textkritik, das heißt Kritik an den sprachlichen Produkten einzelner Sprecher, ihrem sprachlichen Können und der Haltung, die das Produkt erkennen läßt. Zentral ist hier die Frage nach der Wahrheit und Wahrhaftigkeit.
Hangeln wir uns an den einzelnen Strängen entlang!

Sprachkritik ist natürlich älter als  Sprachkritik;  vielleicht so alt wie die Sprache selbst, oder zumindest fast so alt. Kann man es doch Sprachkritik nennen, wenn Erwachsene lernende Kinder korrigieren, und dies Korrigiert-werden gehört zur Sprache. Es ist eine natürliche Sprachkritik.

Professionelle Sprachkritik - um die es hier ja geht - beginnt spätestens mit dem Lamento HERAKLITs, daß jedes Wort den bezeichneten Gegenstand beschränke und verfälsche. Sprache treibt ein Possenspiel mit den Menschen, gaukelt ihnen etwas vor, wo nichts ist oder etwas anderes ist. So zieht es sich als Topos durch die Geschichte: von der Bekämpfung der griechischen Sophisten bis zu einem Höhepunkt bei den Empiristen und den Aufklärern.

BACON in seiner Idolenlehre warnt uns, die Wörter könnten der Vernunft schwer zu schaffen machen. Eigentlich sollten sie ihr dienen, beherrschen sie aber allzuoft. BERKELEY fand unser Wissen durch die Wörter so verunstaltet, daß er sich fragen mußte, ob die Sprache nicht mehr zur Behinderung als zur Beflügelung des Geistes beigetragen habe. Darum solle man so wenig Sprache wie möglich benutzen, die Ideen nackt und bar sprechen lassen. Denn wenn man den Vorhang der Sprache wegzieht, sind die Früchte der Erkenntnis mit Händen zu greifen.

Über solcherlei Ansichten mokiert sich SWIFT in Gullivers Reisen: Da die Wörter doch nur Namen für Dinge seien, lasse man sie am besten ganz weg und benutze an ihrer Stelle gleich die Dinge zur Verständigung. Natürlich muß dann, wer mehr zu sagen hat, auch einen größeren Rucksack voll Dinge mit sich herumschleppen, eine gute Medizin für manchen Schwätzer.

Ernstere Abhilfe wollten selbstredend die Philosophen. Ihre Kur war Sprachkritik. LOCKE beschreibt auf der Folie der Sprachmängel sprachliche Verlockungen und den Mißbrauch, der mit Sprache getrieben wird. Sein Katalog darf hier nicht fehlen, weil er so plausibel ist, daß er heute zur gemeinen Meinung geworden ist, oder besser: der so plausibel ist, weil er zur gemeinen Meinung geworden ist. LOCKE behandelt folgende Mißbräuche:

- Verwendung von Ausdrücken ohne Bedeutung oder ohne klare Idee. Hierzu zählt er  Gnade  und  Wahrheit  - für manche Politiker würde heute  Klassenkampf  dazugehören - mit denen zusammen ja noch eine ganz schöne Menge anderer Wörter aus dem Lexikon zu vertilgen wäre.

- Verwendung von Ausdrücken mit schwankender Bedeutung. Muster wäre eine Argumentation, in der gerade die Kernwörter mal in dieser, mal in jener Bedeutung verwendet werden.

- Verwendung von Wörtern in ungewöhnlicher, neuer Bedeutung oder gar von neuen und unverständlichen Wörtern.

- Wortrealismus, der auf der Annahme beruht, jedes Wort bezeichne ein real existierendes Ding, die Sprache sei der Wirklichkeit angemessen wie das Wams dem Leib.

- Annahme, daß für alle Sprecher die Wörter das gleiche bedeuten. Dies ist neben der schwankenden Bedeutung eine der anerkannten Ursachen für Streit um Worte.
LOCKE sieht uns - wie LEIBNIZ, der einen Counterpart zu LOCKEs Essay geschrieben hat - durchaus nicht dem Gaukelspiel der Sprache ausgeliefert. Wir haben unsere Vernunft, die uns erlaubt, dieses Spiel zu durchschauen, und darum sind wir auch für Mißstände und Mißbräuche verantwortlich. Wir treiben den Mißbrauch bewußt; in einem Ausflug zu unserem dritten Strang hier von LEIBNIZ genannte Motive: Schlamperei, Widerspruchsgeist, Bosheit, Geltungssucht und Rechthaberei.

In der Folgezeit wurde der Mißbrauchskatalog erweitert oder aufgefrischt mit altbekannten Mißbräuchen wie falsches Schließen, Widersprüche, Metaphorik, Mehrdeutigkeit, Sinnlosigkeit. Es entstand der Traum, all dies von vornherein auszuschließen durch Neukonstruktion einer Sprache, die Mißbräuche in ihrer Form offenlegen würde und sie damit unmöglich machte.

Die Idee hierzu kam von DESCARTES und LEIBNIZ, ausgeführt wurde sie im 19. und 20. Jahrhundert mit dem Entwurf von Idealsprachen in Form logischer Kalküle, die aber leider mehr für sonntags gedacht sind, für Logik und Wissenschaft. Für den Alltag sind sie schon deshalb schlecht geeignet, weil sie die Sprache und damit das Sagbare in unerhörter Weise beschneiden. Unerhört, weil wir uns alle die schönen Mißbräuche in jahrhundertelanger Arbeit ausgedacht haben, weil wir sie brauchen, mehr jedenfalls als blauäugige Idealsprachler. Auf deren Weise überwinden wir nicht das Durchgangsstadium der Affenmentalität (WHITEHEAD), wie sie sich in unserer Sprache erhalten haben soll. Im Gegenteil.

Einen entscheidenenden Knacks bekam die aufklärerische Tradition durch die sprachphilosophische Einsicht, daß unser Denken, unsere Vernunft, gar nicht so unabhängig von der Sprache existiert, daß Sprache erst den Gedanken bildet. Der Glaube an die sprachlose Vernunft war eben auch nur ein Glaube. Diese neue Lehre - soweit irgendetwas neu ist - wurde besonders von HAMANN, HUMBOLDT und MAX MÜLLER - durchaus auch in sprachkritischem Bewußtsein - entwickelt. Sie jagte uns aus der sicheren Loge der Vernunft wo wir dem Spiel der Sprache zusehen konnten, in die Sprachkrise, wie sie um 1900 ausbrach.

Exponent dieser Wende ist FRITZ MAUTHNER, der auf den ersten Blick allerdings nahtlos anschließt an LOCKE und die Aufklärung. Er geißelt etwa Metaphorik und Wortrealismus, scheint seine Kritik nur gewaltiger vorzutragen. Hinter seinem Pathos aber steht die Erfahrung des Ausgeliefertseins an die Sprache, und aus dieser Abhängigkeit wächst eine radikale Skepsis gegen Sprache und Denken, eine Skepsis, die um die Jahrhundertwende weit über die Philosophie hinaus auch die Literaten erfaßte. Ich erinnere an die viel beachtete Analogie von HUGO von HOFMANNSTHALs Chandos-Brief. Auf dem Hintergrund dieser verzweifelten Skepsis ist denn auch MAUTHNERs Diagnose mit ihren sozialen Aspekten zu verstehen:
  • Die Sprache hat den Bezug zur Wirklichkeit verloren, ihre Begriffe sind leer.
  • Die Sprache ist eine erstarrte Formelsprache, sie hat kein Leben mehr.
  • Die Sprache kann nicht der Verständigung dienen, wir reden aneinander vorbei.
Dies zusammen mit der Überzeugung, daß wir uns nicht über die Sprache hinausschwingen können, war nicht leicht zu ertragen. Spätere politische Sprachkritiker haben es dadurch versucht psychisch zu bewältigen, daß sie es nur für die Sprache ihres politischen Gegners gelten ließen, ihre eigene aber ausnahmen. So verdünnt finden wir die Diagnose bis in den Wortlaut wieder: "Das rote Sprachkostüm verhüllt die Wirklichkeit, verfremdet den natürlichen Bezug zur Sache"; für Schwarzgekleidete natürlich.

Auch MAUTHNER sieht noch nicht ganz klar. Sein Riesenwerk ist eher eine brodelnde Ursuppe voller Widersprüche des Übergangs. Manchmal leuchtet noch als rettender Standort die Wirklichkeit auf. Da wir aber auch zu ihr keinen Zugang haben als durch das, was er Zufallssinne nennt, bleibt als letzte Konsequenz nur, die Sprache in uns zu vernichten.

Praktisch geschieht dies in der Wortkritik. In den Wörtern ist die Geschichte enthalten; die Bedeutungen von Wörtern sind kondensierte Entwicklungen von Begriffen. Wortkritik ist darum Sachkritik. Allein die Wortkritik kann uns von dem Zwang der Wörter befreien, die unser Denken in vorbestimmte Bahnen zwängen.

Allerdings sieht MAUTHNER die Wortkritik eher im Sinn einer Entrümpelung. Positiv und reflexiv, als einzige Erkenntnismöglichkeit, kann sie erst später erkannt werden. MAUTHNER will die alten, die toten Wörter ausmerzen und stellt sich damit in Gegensatz zur traditionellen Sprachkritik, die gerade die neuen Wörter auf dem Kieker hat. Anstelle ihres Slogans "Was fällt, das soll man stützen", wäre MAUTHNERs Wahlspruch "Was fällt, das soll man stürzen".

Hier werden auch zwei Einsprengsel MAUTHNERs sichtbar. Einmal greift er die Schule vehement an, weil sie gerade die alternden Begriffe künstlich am Leben erhält. Den Unterschichten soll durch die Lehre der künstlichen Sprache die Überwindung ihrer Schichtenbarrieren unmöglich gemacht werden. Eine bemerkenswerte Vorwegnahme eines Arguments der neueren Sprachbarrierenforschung. MAUTHNER fordert dagegen gerade einen sprachkritischen Unterricht.

Dann gibt GUSTAV LANDAUER als begeisterter Anhänger MAUTHNERscher Sprachkritik ihr eine politische Wendung, die durchaus bei MAUTHNER vorgezeichnet ist: Die Sprache ist auch Mittel der politischen Unterdrückung. Eine politische Revolution müßte mit einer Zerstörung der Sprache beginnen.
"Denn wo nichts mehr feststeht und kein Grund mehr ist, da gerade werden wir unsere Pfähle einrammen. (...) Wenn das Wort getötet ist: Was soll dann noch stehen bleiben? Und was hinwiederum soll dann nicht versucht werden?(1)
Der einzige Ausweg aus dem Gefängnis der Sprache scheint diesen Sprachkritikern das Schweigen oder blinder Aktionismus, wie er MAUTHNER tatsächlich während des ersten Weltkrieges befällt. Es gibt aber noch einen anderen Ausweg, und der ist: anzuerkennen, daß wir aus der Sprache nicht herauskommen.
"Alles wird in der Sprache ausgetragen." (WITTGENSTEIN).
Dies ist ein fortgeschrittener Stand der Sprachkritik, der realisiert, daß Sprachkritik in der Sprache möglich ist, und nur in der Sprache. Die Sprache ist in diesem Sinn kein Gefängnis, sie bietet uns durch ihre Reflexivität die Möglichkeit, sie zu kritisieren und sie zu ändern, zumindest alles, was wir bemerken, explizit zu machen. So können wir - in lichten Momenten - den kommunikativen Zwang der Sprache durchschauen. Und wenn wir das nicht können, sollte er uns nicht scheren.

Diese Anerkenntnis der universalen Rolle der Sprache scheint zuerst bei LICHTENBERG formuliert:

"Unsere ganze Philosophie ist Berichtigung des Sprachgebrauches, also, die Berichtigung einer Philosophie, und zwar der allgemeinsten" (LICHTENBERG - Sudelbücher II)
Diese Notiz skizziert in etwa das, was man die linguistische Wende der Philosophie im 20. Jahrhundert genannt hat. Die Sprache wird nun nicht mehr in erster Linie als Mittel der Abbildung der Wirklichkeit gesehen, sondern als Mittel der Verständigung. Sprache ist ihr Gebrauch, und in diesem Gebrauch erst konstituiert sich die Wirklichkeit. Sprache ist die unsichtbare Brille auf unserer Nase, durch die wir die Wirklichkeit sehen. Abnehmen können wir die Brille nicht, eine Beurteilung von außerhalb ist unmöglich. Damit ist natürlich einer globalen Kritik der menschlichen Sprache der Boden entzogen. Die Kriterien der Kritik sind selbst sprachliche Kriterien.

Der zweite Strang unserer Geschichte beginnt selbstverständlich auch bei den alten Griechen. Diesmal mit ihrem Sprachdünkel. In der Abwertung der sogenannten Barbaren haben wir sehr früh die Beurteilung einer ganzen Sprache vom Standpunkt der eigenen aus. Dies setzt voraus ein Bewußtsein von der eigenen Sprache, das sich nur in der Abgrenzung zu anderen bildet auf Grund von sozialen, historischen und sprachlichen Gegebenheiten.

Ein solches Sprachbewußtsein setzt für das Deutsche - im Verhältnis zu anderen europäischen Kultursprachen - recht spät ein. Offenbar waren die politischen Voraussetzungen für die Entwicklung einer Nationalsprache nicht günstig. Denn wie schon LEIBNIZ bemerkte, blühen üblicherweise Nation und Sprache zu gleicher Zeit. Für das Deutsche scheint sogar die Sprache der Nation etwas vorgeblüht zu haben. Unsere Nationalsprache entstand aus der Notwendigkeit großräumiger Kommunikation, sie war eine Ausgleichssprache. Das neuerfundene Medium gedrucktes Buch spielte bei ihrer Ausbreitung die entscheidende Rolle.

Schon hier kann man das Dilemma der Vereinheitlichung erkennen:

Sie führt dazu, daß immer mehr Sprecher sich verständigen können, die Vielfalt der sprachlichen Möglichkeiten wird aber zugleich eingeschränkt. Bei der weiteren Entwicklung des Deutschen haben Sprachkritiker in dieser Richtung mitgespielt. Während am Anfang die Schaffung neuer Ausdrucksmittel stand - durch LUTHER etwas als kreatives Vorbild, der seine Autorität von seiner sprachlichen Potenz bezog - trat sehr bald die Normierung in den Vordergrund, das heißt die Auswahl aus bestehenden Alternativen.

Gegen die Pedanten und Schulmeister wetternd trat dann JAKOB GRIMM auf den Plan. Das Regelhafte - Ideal dieser Sprachkritiker - war gerade nicht die lebendige Kraft der Sprache. So fragt sich GRIMM,

"wie ein volk, das durch sein auftreten den lebendigen hauch der fast erstorbenen freiheit in Europa anfachte, ein volk dessen rohe kraft noch frisch und ungekünstelt war, allmählich den unnatürlichsten und verschrobensten formen der rede verfallen konnte?"
Für GRIMM war die Besinnung auf die Vergangenheit zwar gegen die lateinische Herrschaft gerichtet und ein Argument für die nationale Einheit, aber egal, aus welchen Gründen man den Blick zurückwendet, die Ideen GRIMMs haben diesen sehnsuchtsvollen Blick noch mehr fixiert, verhärtet in der konservativen Haltung der Sprachkritiker, die Verfall und Verderb der Sprache in allem Neuen witterten.

Ihr Exponent ist WUSTMANN mit seinen Sprachdummheiten. Er inkriminiert - mit deutlich ideologischem Hintergrund - Modewörter, Schwulst, Neuerungen, Umgangssprache, Pressesprache und natürlich Fremdwörter.

Es sind die Überzeugungen eines konservativen Bildungsbürgers, die vielleicht historisch oder lebensgeschichtlich begründet sind, aber als Kriterien für die Beurteilung einer Sprache kaum. Wir sollten uns nichts vormachen; diese Kriterien sind heute genauso beliebt wie ehedem - aber genauso unbegründet. Sie können nicht begründet werden, weil in einer Sprache alles gleichermaßen seine Existenzberechtigung hat. Wem irgendwelche sprachlichen Mittel nicht passen, der braucht sie ja nicht zu verwenden. Als Mittel der sozialen Kontrolle anderer Sprecher können solche Normierungen keine moralische Begründung haben.

In neuerer Zeit firmiert diese Art der Sprachkritik unter dem euphemistischen Namen  Sprachpflege  - mit leichtem Anklang an die Sprachvorstellungen eines Gärtners. Doch nicht nur der Name hat sich geändert, man ist auch aufgeklärter geworden: man hält heute auf Ökonomie, Einfachheit, Präzision und Systemkonformität. Bei letzten muß man nicht erschrecken: Systemkonform heißt schlicht, daß Sprachpfleger ihre Entscheidungen der Sprache, ihrem System ablauschen wollen.

Sie stellen die Forderung, daß bei Alternativen jener der Vorzug zu geben sei, die dem System der Sprache entspreche. So sei  brauchen  ein Modalverb, Modalverben werden ohne  zu  verwendet, und darum sei  brauchen  auch ohne  zu  zu gebrauchen. Und sollten wir das so lange falsch gemacht haben?

Der systematische, logische Defekt dieser Argumentation liegt darin, daß  brauchen  in diesem Sinn eben kein Modalverb ist. Abgesehen von der zweifelhaften Grundvoraussetzung, man müsse eine Alternative ausmerzen und das sei sprachgerecht: Warum sollte es so unerträglich sein, zwei Varianten zu haben?

Alle Kriterien der Beurteilung einer ganzen Sprache greifen nicht und sind willkürlich. Eine Sprache ist eben nicht beurteilbar. Sie ist da, wie die Natur. Sie ist hinzunehmen, ihre Veränderung ergibt sich.  Leave your language alone! 

Sprachkritik des dritten Strangs, Kritik von Texten, ist natürlich alt im literarischen Bereich, also könnten wir diesen dritten Strang auch weit zurückverfolgen. Im engeren Sinn der Sprachkritik scheint aber - abgesehen von Stilkritik - der Anfang bei F. KÜRNBERGER 1870 zu liegen. Hier kommt die Sprachkritik weg von der globalen Kritik hin zur Kritik einzelner Presseerzeugnisse. Sprachkritik wird praktisch und detailliert, und sie ist bezogen auf die öffentliche Sprache, auf Gesellschaft und Politik.

Damit entwickelt sie sich vom Politikum zum politischen Instrument. Hier endlich, in diesem dritten Strang, können nun Fragen der Wahrhaftigkeit und - wenn man es wagt - Fragen der Wahrheit diskutiert werden. Denn eine Sprache selbst dient ja dem Ausdruck des Wahren wie des Falschen. Von der Wahrheit einer Sprache zu sprechen, ist darum falsch oder Unsinn.

Unbestrittener Meister dieser Sprachkritik ist KARL KRAUS. Er war der festen Überzeugung, daß die Sprache selbst nicht kritisierbar ist, wohl die Sprecher, ja, daß man die Sprache vor ihren Benutzern in Schutz nehmen muß, vor allem vor den Faschisten. Denn der aufkommende Faschismus war der Dollpunkt der KRAUSschen Sprachkritik. Worüber er nicht hinwegkam war, "daß eine ganze Zeile von einem halben Menschen geschrieben sein könne". So suchte der zähe Spürhund in dem, was einer sagte, seine Gesinnung auszumachen, seinen Charakter, ja sogar den Charakter der Zeit.

KARL KRAUS war sprachbesessen. Er schreckte vor den kleinsten Äußerlichkeiten nicht zurück, zog daraus nicht nur gewagte, sondern auch wahnwitzige Schlüsse. Er war gegen jede Beckmesserei, und scheint doch selbst beckmesserisch geworden. Er gab aber auch scharf treffende Analysen, wo der Erfolg seine Methode heiligt. Anarchisch und autoritär zugleich, hatte er eine souveräne Position zur Sprachkritik: Das Individuum läßt sich nicht pressen durch oktroyierte Regeln.

KRAUS brauchte auch keinen grammatischen Aufpasser, sondern predigte und praktizierte die Freiheit des Stils. Fremdwörter ließ er sich nicht verbieten; er sah in der Fremdwortjagd nur eine Ersatzrevanche für die Kriegsniederlage. Ja, er konnte sogar von sprachlichen Äußerlichkeiten absehen, die von "der Lumperei der Gesinnung" ablenken. Seine ästhetische Kritik war immer moralische Kritik. Denn "Ethik und Ästhetik sind eins" (WITTGENSTEIN). Bei KARL KRAUS ist die Sprachkritik eingebettet in eine durchdringende Gesellschaftskritik vom moralischen Standpunkt aus:

"Wenn die Menschheit keine Phrasen hätte, bräuchte sie keine Waffen."
Die sprachkritische Faschismusbewältigung nach 1945 ist inhaltlich und methodisch in der direkten Nachfolge von KRAUS zu sehen. Jetzt wurde es einerseits möglich, die Analysen aus der Zeit bis 1945 zu veröffentlichen (KLEMPERER) oder zu rezipieren und andererseits neue Untersuchungen zu beginnen. Da wurden die sprachlichen Mittel der Nazis deutlicher: Lüge und Manipulation, Verleumdung, Übertreibung, Tarnung und Euphemismus (beschönigende Bezeichnung). Nicht die Sprache oder die Wörter, sondern die sprachlichen Handlungen der Nazis wurden als verwerflich erkannt.

Die Nazis haben nicht in die deutsche Sprache eingegriffen, sie haben vielmehr bestimmte Deutungen der Fakten durchgesetzt und andere Deutungen durch Kassieren von Wörtern versucht unmöglich zu machen; das, was KÜRNBERGER "Verschlucken von Gedanken" genannt hatte. Der Mythos von einer eigenen Sprache der Nazis erwies sich als ein Mittel der Vergangenheitsbewältigung, ein Mittel der Reinwaschung des guten alten Deutsch - und der Mitläufer. Wir gehörten gar nicht dazu, die Nazis hatten sogar eine eigene Sprache. Waren sie am Ende gar keine Deutschen.

Eine - letzte? - Blüte trieb die essayistische Sprachkritik auf dem Mist des Nazideutsch allerdings doch noch einmal in den 60er Jahren mit einigen Essays GEORGE STEINERs, einer mit Namen "Das hohle Wunder". Die hohlsten Thesen waren: Die deutsche Sprache ist durch den Mißbrauch in der Nazizeit zerstört. verfault bis in die Syntax. Aber auch umgekehrt: An den Schrecken des Nazismus war die deutsche Sprache nicht ohne Schuld. Eine böse Sprache als Ursache und als Folge des Bösen. Diese Art von Sprachkritik hat RÜHMKORF zurecht als kritischen Pfusch und methodischen Mumpitz bezeichnet.

Methodische Bedeutung hat der sogenannte Streit um die Sprachkritik der 60er, wo die Linguistik kritisch die ideologiekritische Form der Sprachkritik anging. Diese Sprachkritik hatte sich mit den STERNBERGER / STORZ / SÜSKIND und KARL KORN dem Fortleben nazistischer Redeweisen und der Sprache in der sogenannten verwalteten Welt, der Bürokratie, der Technik angenommen. Es ging um die menschliche Aufgabe, die Sprache des Unmenschen zu entlarven. Man wollte zeigen, daß "die große Unfreiheit" "bloß von vielen kleinen Unfreiheiten abgelöst" worden war.

Die Auseinandersetzung endete damit, daß beide Parteien das Feld räumten. Beide behielten aber mehr Recht, als sie glaubten. Die Linguistik hatte nachgewiesen, daß die Sprachkritiker zu schnell auf die Intentionen der Sprecher geschlossen hatten und zu früh auf die Sprache ganzer Gruppen, wohl auch zu viel falschen historischen Zierat mitgeliefert hatten. Die Sprachkritik hatte gezeigt, daß eine unkritische, system- und vergangenheitsorientierte Linguistik steril ist. Vielleicht hatte schon GUSTAV LANDAUER das Richtige getroffen, als er 1923 schrieb:

"Sprachkritik wäre also dasselbe wie Sprachwissenschaft, wenn diese nämlich kritisch wäre."

LITERATUR - H. J. Heringer, Sprachkritik - die Fortsetzung der Politik mit besseren Mitteln, in Hans Jürgen Heringer (Hrsg), Holzfeuer im hölzernen Ofen, Aufsätze zur Sprachkritik, Tübingen 1982
    Anmerkungen
  1. Gustav Landauer, Kritik der Sprache, in Die Zukunft 9, Bd. 35, (1901), Seiten 220-224