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HANS JÜRGEN HERINGER
Sprachkritik -
die Fortsetzung der Politik mit besseren Mitteln
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"Unsere Sprache ist voll abgesunkener Theorie und Ideologie, darunter nicht zuletzt antiquierte und gefährliche Ansichten über die Sprache selbst."

Sage mir, welche Sprachauffassung du hast, und ich sage dir, welche Sprachkritik du machst! Denn jede Sprachkritik fußt auf bestimmten Grundüberzeugungen über die Natur der Sprache. Die verbreitetste Sprachauffassung ist nun aber die Abbildtheorie der Sprache, jene Theorie, nach der die Wörter für Gegenstände der Welt stehen, die Sprache eine vorgegebene Wirklichkeit abbildet. Ein Satz ist wahr, wenn er mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Wie einfach scheint da alles!

Für den sprachkritischen Anhänger der Abbildtheorie sind Wörter dazu da, Dinge zu bezeichnen. Tun sie das nicht oder nicht mehr, "werden sie furchtbar". Allerdings -, nämlich für den Parteigänger dieser Theorie. Denn offensichtlich sind es für die Sprache so sonderbare Wörter nicht, mit denen wir "Nichtseiendes, das sein soll" (KUHN) bezeichnen. So täte jeder Sprachkritiker dieser Couleur gut daran, seinen eigenen Wortschatz auf solche furchtbaren Wörter zu durchforsten. Da würde ihm auch die Wut auf seine eigene Sprache kommen.

Ein Schnellschuß von der Sprache auf die Sache ist der klassische Fall der Sprachkritik: die vielkritisierte Verbaufspaltung, wenn es etwa im Amtsdeutsch oder gespreizter offizieller Rede heißt  eine Verlegung durchführen, etwas zur Entscheidung bringen  für  verlegen, entscheiden  usw. Ob man diese Erscheinung geißelt als Ausdruck einer Verumständlichung und Bürokratisierung der Welt oder ansieht als legitimen und adäquaten Ausdruck komplizierter demokratischer Entscheidungsfindung, stets ist der Zusammenhang von sprachlicher Form und sachlichem Vorgang ungebrochen vorausgesetzt.

Man argumentiert nach dem schlichten Muster: Komplexer Ausdruck = komplexe Welt, so als würden nicht auch komplexe Vorgänge mit kurzen einfachen Ausdrücken bezeichnet. Vielleicht mögen einem solche Ausdrucksweisen stilistisch mißfallen oder man mag eine Abneigung pflegen gegen jene Bereiche, aus denen sie kommen, aber als Indiz einer umständlicheren, komplexeren Welt können sie kaum gelten. Nur der Glaube an den ungebrochenen, magischen Zusammenhang von Sprache und Welt macht es möglich, die sprachlichen Zeichen, besonders die Wörter zu kritisieren und damit schon die Welt kritisiert zu haben, den Sack zu schlagen und den Esel zu meinen.

Sprachkritik gedeiht nicht auf dem Boden der Abbildtheorie. Für manch einen muß sie gar überflüssig sein. Vor allem für den, der die unangefochtene Hoffnung hat auf den "Zwang der objektiv-realen Tatsachen", von dem es so schön heißt, er setze sich "gegen jede Sprachregelung schließlich und endlich durch." (KLAUS 1969).

Und warum sollte es nicht die Sprache sein, die sich durchsetzt? Für andere hat die Sprachkritik bestenfalls eine sekundäre Rolle, sozusagen wenn die sachliche Hauptarbeit getan ist, kann man am siebten Tag auch mal sehen, wie das Ganze in der Sprache ausgesehen hat: "Kritik an Hitlers Sprache ist ohne eine politische Theorie des Faschismus nicht denkbar." (2) Aber sollte nicht das Sprechen schon ein wesentliches Ingredienz des Faschismus gewesen sein? Was für ein sprachunabhängiger Gegenstand ist das, Faschismus?

Die vordergründige Trennung und anschließende Analogisierung von Sprache und Welt ist nicht nur schlechter Nährboden für Sprachkritik, sie begünstigt auch nicht die politische Auseinandersetzung. Denn da für den Anhänger der Abbildtheorie die Realität ja feststeht und es nicht leicht zu ertragen ist, daß man gerade selbst nicht wisse, wie sie ist, wird er dazu neigen, wenn sein Gegner anderer Meinung ist, anzunehmen, daß der sich eben irrt, nichts weiß, lügt etc.

Hat man als Anhänger der Abbildtheorie aber erkannt: "Realität und Sprache klaffen auseinander", so sollte es nur ein kleiner Schritt sein, zu erkennen und anzuerkennen, daß jeder der politischen Gegner die Realität für sich reklamiert und auch den Hilfssatz, was der Gegner für Realität ausgebe, sei Ideologie, retournieren kann. So kann jeder leicht Remis spielen in diesem Spiel.

In einer etwas vermittelteren Form der Abbildtheorie ist die Sprache Kleid des Gedankens, Wörter sind Ideenkleider. Da kann einer also falsche Ideen von der Realität haben, er kann sie aber auch falsch einkleiden. So eignen sich Wörter auch gut, mancherlei zu bedecken, und sie sind ein gutes Lockmittel, wie man offenbar im sogenannten Semantikkampf angenommen hat. Man glaubte, über der schicken Kleidung komme es auf den Inhalt, den Gedanken gar nicht mehr an. Wenn nur die Wörter beliebt und positiv besetzt sind.

Für den Sprachkritiker dieser Sprachauffassung hat die Sprache etwas Gruseliges. Sind Wörter Ideenkleider und können Ideen auch verkleidet werden, so hat er ja bestenfalls noch zu seinen eigenen Ideen Zugang. Die Garderobe und die Einkleidung bleiben hinter den Kulissen. Da wundert es nicht, wenn er die Sprache hypostasiert zu einem geheimnisvoll wirkenden Wesen, zu einem Gespenst, das uns mit Schrecken erfüllen kann, das gut oder böse, krank oder gesund ist, uns täuscht und betrügt, verführt und belügt.

Sprachkritik auf der Grundlage der Abbildtheorie kann keine brauchbare Auskunft über Sinn und Zweck sprachlicher Kritik geben, weil der Zusammenhang zwischen Sprache und Welt, Sprechen und Handeln ungeklärt bleibt. Sie fördert damit eher die Annahme der Dichotomie: Hier die Sprache, da die Welt. In der Welt wird gehandelt, in der Sprache wird gesprochen. Es gibt die Täter und die Schwätzer.

Viele Probleme der Abbildtheorie stellen sich einer anderen Sprachauffassung nicht. Die sogenannte Gebrauchstheorie stellt - wie ihr Name sagt - in den Mittelpunkt den Gebrauch der Sprache. Es geht ihr nicht mehr nur um einzelne Wörter, sondern um ganze Texte, deren Verwendung und die Sprecher, die sie verwenden. Sprache lebt in den sprachlichen Handlungen und den übrigen Handlungen, in die sie eingebettet sind. Das alte Dilemma von Wort und Tat ist hier aufgehoben, und die Behauptung "Sprache und Gesellschaft bedingen einander" erhält erst ihren Sinn.

Sehen wir beispielsweise den Gebrauch eines Worte wie  Gewalt  im Handlungszusammenhang, so verstehen wir sehr gut, warum ein Polizist das, was er tut, gar nicht mehr als Gewalt gelten lassen will. Er möchte in seinem Interesse eine neue Deutung einführen, nach der legale Gewalt eben etwas ganz anderes ist als illegale. Hier also "stehen mit der Sprache die Verhältnisse zur Verhandlung" (3). Die Realität entsteht im Sprachgebrauch und wird durch ihn und mit ihm verändert.


Politische Sprachkritik
In der theoretischen Auseinandersetzung über die Rolle der Sprache in der Politik herrschen zwei extreme Positionen vor. Die politische Sprache muß in der Reihe gehalten werden, damit sie als politisches Instrument was taugt. Die Sprache ist so wichtig, weil sie politische Realität erst schafft, ja weil es sogar gelingt, mit der Regelung der Sprache politische Herrschaft auszuüben. Auf der anderen Seite der Slogan: "Worte machen keine Politik", der vertraut auf die wirkende Kraft der Realität, mit der man auch mit den schönsten Worten nicht vorbeikomme.

Hier schimmert natürlich die Abbildtheorie durch. Und da kommt es ja nicht auf die sprachlichen Etiketten an, höchstens soweit sie Anzeichen für die Realität sind. Andererseits ist es natürlich trivial, daß nicht die Worte Politik machen, sondern die Politiker. Aber tun die es nicht doch mit Wörtern?

Praktisch sind sich alle Politiker einig. Denn keiner ignoriert noch den Zusammenhang von Politik und Sprache. Politische Entscheidungen werden in Massenmedien sprachlich verkauft, hüben wie drüben. Politiker üben sich in rhetorischer Beeinflußung, in Agitation und Propaganda, schwarz wie rot. Also zumindest im Bösen ist der Zusammenhang schwer zu leugnen, und auch die moralisierende Losung "Worte machen keine Politik" richtet sich doch nur gegen den Mißbrauch der Worte, gegen die Bösen unter den Politikern - die andern also.

Man kann diesen Mißbrauch ausmalen bis hin zu einer Gesellschaft, die vollständig berherrscht wird durch die Beherrschung der Sprache. Denn "wer die Sprache beherrscht, beherrscht die Menschen", meint SCHELSKY. So könnte sprachliche Sinngebung als Mittel der Herrschaft und der äußersten Versklavung eingesetzt werden, wie so beängstigend in ORWELLs 1984, an das wir uns vielleicht schon allzusehr gewöhnt haben.

Nun mag diese Befürchtung übertrieben sein, weil es niemand gelingen kann, die Sprache vollständig zu beherrschen. Auch mag die Diagnose falsch sein, daß diese Art Herrschaft anfange, wo jemand in die Ordnung der Worte eingreift, weil wir doch alle ständig in die Ordnung der Worte eingreifen, zumindest unbewußt und mit zarter Hand. Dennoch gibt es genug Fälle für vollbeschäftigte Sprachkritiker, die durch Machtausübung entstehen und die man mit CARROLLs Alice hinter den Spiegel stecken könnte:

"Es fragt sich nur", sagte Alice, "ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann". "Es fragt sich nur", sagte Goggelmoggel, "wer der Stärkere ist, weiter nichts".
Politische Sprachkritik ist nun aber nicht beschränkt auf solche Formen öffentlicher Sprachlenkung oder gar auf die Kritik der politischen Fachsprache oder politischer Terminologie. Der politischen Sprachkritik muß es allgemein um das politische Sprechen, um die politische Willensbildung gehen. Und damit ist ihr Feld das gesamte öffentliche Sprechen, denn in einer Demokratie haben die Politiker die Sprache der Bürger zu sprechen, nicht irgendeine Fachsprache. Aufgabe der politischen Sprachkritik ist darum in der Hauptsache die Kultivierung des politischen Sprechens, und das heißt des politischen Handelns.

Eine solche Sprachkritik ist nicht nur politisch, weil politisches Sprechen ihre Zielscheibe ist, sie wird selbst politisch, insofern sie in die politische Auseinandersetzung eingreift.

Sie greift nich ein, indem sie dem Politiker gute Ratschläge für die Organisation der Kommunikation gibt, für besseres, effizienteres Reden, und auch nicht mit Besinnungsaufsätzen über politisch relevante Ausdrücke, die zur Offenlegung der politischen Position nützlich sein mögen. Das ist nicht Sprachkritik, sondern Material für Sprachkritik.

Ein Sprachkritiker hat nicht besseren Einblick in sachliche Zusammenhänge, er beherrscht keine höhere Form der Sachkritik. Er kritisiert die Möglichkeiten der Sinngebung überhaupt und schafft damit die Voraussetzung sinnvoler politischer Auseinandersetzung. Er arbeitet an einer politischen Verständigungsmoral.

Wir leben nicht in einer heilen Kommunikationsgemeinschaft, und wir haben keine homogene Sprache, in der alle alles gleich verwenden. Und schon gar nicht wurde uns mit dem Grundgesetz eine Sprache verordnet. Auf die Sprache erstreckt sich das Gewaltmonopol des Staates nicht, da haben wir alle ein Wort mitzureden. Offenbar ist aber unsere politische Gemeinschaft so elastisch, daß sie auch die Auseinandersetzung um Grundwerte aushält, und unsere Sprache ist allemal so elastisch, daß in ihr auch die unterschiedlichsten Standpunkte formulierbar sind. Politisches Sprechen als Form der politischen Auseinandersetzung ist gerade darum möglich, weil es keine einheitliche, starre Sprache gibt, die jeden Spielraum der Deutung abschließt.

Einem Sprachkritiker kann es nicht darum gehen zu ermitteln, was "Worte eigentlich meinen", oder festzulegen, was sie bedeuten sollen, oder den Politikern heimzuleuchten, indem er ihr schlechtes Deutsch vor ihnen herträgt. Er wird nichts dagegen haben, daß von Zensur gesprochen wird, wenn die Verbreitung von Büchern behindert oder durch marktverzerrende, unterlassene Förderung eingeschränkt wird.

Ebensowenig wird er jemandem verbieten, geräumige Wörter wie  Freiheit  zu verwenden oder das Wort  Solidarität  umzudeuten oder den Ausdruck  Demokratisierung  zu gebrauchen. Er ist kein Sprachpolizist. Er soll Auge und Ohr schärfen für solche Vorgänge im politischen Leben, und er soll die Sprecher gerade darauf vorbereiten, daß verschiedene Leute Wörter verschieden verwenden, aus lebensgeschichtlichen Gründen, aus Interesse etc.

Der Sprachkritiker darf nicht - wie der Anhänger der Abbildtheorie - in jedem andern Sprachgebrauch gleich einen falschen, in jeder andern Deutung gleich Unwahrheit und Lüge wittern. Er darf nicht Wörter verbieten oder stigmatisieren. Auf diese Weise wird er kaum zu einer Verständigung mit dem politischen Gegner kommen. Er muß vielmehr davon ausgehen, daß sein Gegner genauso in seiner Sprache spricht, aus seiner Sicht die Realität deutet, wie er selbst. Nur das hat natürlich seine Grenzen: Die Verwendung von Wörtern ist keine Privatangelegenheit.

Wenn man sich's genauer überlegt, erkennt man, daß der Traum von einer einheitlichen Sprache auf der Verkennung der Natur der Sprache beruht. Die Sprache ist nicht gedacht für eine Welt, in der alle bereits verständigt sind, sondern sie dient der Verständigung. Und wenn wir keine einheitliche Sprache haben, so haben wir doch eine gemeinsame, in der wir gemeinsam handeln können, uns auseinandersetzen können, in Streit oder Argumentation.

Da hat jeder das Recht auf seine Verwendungsweise sprachlicher Mittel und auf das Ziel der Verständigung und Angleichung der Verwendungsweisen in seinem Sinn. Zwar basiert eine gemeinsame Sprache auf gewissen gemeinsamen Überzeugungen, aber mit einer gemeinsamen Sprache ist kein homogenes Glaubenssystem gegeben. Die Sprache wandelt sich, alles ist im Fluß, nichts definitiv, nichts definiert, nichts festgelegt.

Die Anerkennung der Buntheit und Vielfalt unserer Sprache ist kein lascher Pluralismus. Sie ist eine direkte Folge des MILLschen Prinzips, daß moralisch nur der verurteilbar ist, der andern Schaden zufügt. Pflichten gegen sich selbst sind moralisch nicht zwingend, es sei denn sie implizieren Pflichten gegen andere. Wenn ich so rede, daß mein Partner mich nicht versteht oder mich mißversteht, so füge ich nicht ihm Schaden zu, höchstens mir. Denn es ist ja mein Ziel, verstanden zu werden; sonst bräuchte ich nicht zu reden.

Darum genügt mir die Einsicht, wie ich reden muß, damit ich verstanden werde, und wie ich, was ich sagen will, verständlich mache. Jeder Eingriff von außen in meine Sprache beschneidet nur meine Möglichkeiten und ist moralisch verwerflich. Wir müssen darum erst einmal die Mittel erschöpfend lernen, die uns die Sprache bietet, und die Fähigkeit, den Sprachgebrauch unserer Partner herauszubekommen und zu berücksichtigen. Dann brauchen wir keine Reform.

Aber bleibt da noch Raum für Sprachkritik? Sicherlich. Denn mit unserer Sprache ist sozusagen die Erbsünde in der Welt. Als Sprachteilnehmer leben wir alle im Stand der Sünde. Zum einen ist unsere Sprache voll abgesunkener Theorie und Ideologie, darunter nicht zuletzt antiquierte und gefährliche Ansichten über die Sprache selbst. Zum andern sagt man, eine ganze Mythologie sei in unserer Sprache niedergelegt, uns drohe die Verhexung durch diese Mythologie. Auch die gängigen Verständigungs- probleme gehören hierzu, etwa unvorsichtige Verwendung von Wörtern wie  immer,  und  nie  im Streit und dergleichen. Schließlich sind auch alle manipulativen Mittel und die Mittel zur Lüge Teil unserer Sprache.

In der Sprachkritik geht es nicht um Verbote oder Gebote. Es geht um eben diese kritische Analyse. Sie schafft die Voraussetzung für das Erkennen der Verständigungsprobleme. Sonst leben wir eingefahren in unsere sprachlichen Gewohnheiten und abgestumpft gegenüber den sprachlichen Handlungen in der Öffentlichkeit. Oft haben wir das dumpfe Gefühl, daß irgendetwas nicht stimmt, daß eine Verständigung schief läuft, aber wir verstehen nicht, worin das Problem besteht.

Wir sehen nicht, worin die Ursachen den kommunikativen Verwirrung liegen. Dann brauchen wir die kritische Analyse. Sie läßt uns gewahr werden, worin das Problem besteht. Und wenn wir die Analyse haben, dann liegt alles offen zutage. Wir verstehen, was der andere getan hat, wie er seine Äußerungen gemeint hat, wie er verstanden wurde, warum wir ihn nicht verstehen können, was wir selbst falsch gemacht haben, wo die Verständigung schief gelaufen ist und beständig schief läuft.

Sprachkritik ist hierin der Psychoanalyse verwandt. Wir müssen auch methodisch wie der Analytiker vorgehen: Um auf die wahren Probleme zu stoßen, müssen wir das sprachliche Leben so nehmen, wie es ist, müssen ernst nehmen, was die Leute sagen, nicht frühzeitig sprachliche Fakten verdrängen oder unausgewiesene Ideale in die Welt setzen. Nur so entdecken wir die Probleme.

Wollten wir den Leuten voreilig die Sprache nehmen, ihr Medium, die Probleme darzustellen, so würden wir nichts verstehen. Wir würden ihnen vielleicht eine neue Sprache verordnen, mit der wir ihnen die gleichen Probleme wieder aufladen - und vielleicht noch andere. Solange wir nicht wissen, worin die Probleme bestehen, solange wir keine Analyse haben, macht es überhaupt keinen Sinn, sie durch Einführung einer neuen Sprache beseitigen wollen.

Haben wir aber die Analyse, so ist auch alles getan. Die Probleme haben sich verloren, denn wir verstehen ja alles. Wenn ich beispielsweise sehe, worin die Manipulation besteht, wird sie wirkungslos für mich. Wenn ich mir meiner Vorurteile bewußt werde, habe ich ein anderes Verständnis. Die kritische Analyse setzt mich also in den Stand, mit Verständigungsproblemen besser umzugehen. Allerdings, den moralischen Willen, die Konsequenzen aus der Analyse - auch für das eigene sprachliche Handeln zu ziehen, muß jeder selbst aufbringen.


Kommunikative Ethik
Die Rede von mangelnder Glaubwürdigkeit in der Politik ist alt. Aber die Manifestation der Konsequenzen daraus für den Großteil einer Generation ist nicht nur schlicht ein verlorener Dialog. Es ist die Unmöglichkeit der Verständigung, weil der eine dem anderen nicht glaubt, und der andere den einen nicht versteht.

Sicherlich - wird mancher sagen - klingen die Maximen gut. Aber sind sie nicht doch etwas für Sonntagsredner? Sind sie nicht sehr abstrakt, wenn es um die tatsächliche Verständigung und ihre vielfältigen Probleme geht? Sicherlich mag das politische Desinteresse der Jugend mit der Mißachtung der Maximen zu tun haben; ebenso das Desinteresse der Bevölkerung für politische Fragen. Sicherlich hat die Skepsis gegen Politiker viel mit der Wahrhaftigkeitsmaxime zu tun, mit fehlender Glaubwürdigkeit. Aber was können Maximen hier schon helfen?

Eine kommunikative Ethik mit ihren Maximen kann die Grundlagen für Sprachkritik im Einzelfall bieten, aber auch für die Kritik ganzer Kommunikationsformen oder kommunikativer Institutionen. Da Kritik an der öffentlichen Sprache naturgemäß auch Kritik an den Medien ist - sie sind Macher und Mittler der öffentlichen Sprache - sei dies exemplarisch an ein paar Charakteristika der Medien vorgeführt.

Bekannt sind die vielen - oft subtilen - Verstöße gegen die Wahrhaftigkeitsmaxime. Das müssen nicht nur gewollte oder fahrlässige Falschmeldungen sein. Es gibt Unwahrhaftigkeit durch Auswahl, Weglassung, Pointierung, Tendenz, implizite oder explizite Kommentierung und wirre Weitergabe wirrer Meldungen. All dies wird verstärkt durch das Prinzip der Sprecherlosigkeit, das heißt, das nicht irgendwer die Behauptungen in Nachrichten aufstellt, der etwa wie in der normalen Verständigung von jedem Partner argumentativ zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Vielmehr handelt es sich um anonyme Texte, anonyme Behauptungen, die den Charakter der Behauptetheit verlieren und damit natürlich weniger Anlaß geben, bezweifelt zu werden. Gespenstisch wird dies etwa beim Staatsstreich, wenn man als Konsument nicht mehr weiß, wer die Macht über den Apparat hat.

Auf dem Hintergrund der kommunikativen Maximen erkennen wir weitere Mängel der Medien in ihrer heutigen Organisationsform, die schon aufbaut auf Verstößen gegen kommunikative Grundrechte, so etwa auf einem Verstoß gegen das Recht auf Kommunikation für jeden. Denn in den Medien kommen nur wenige zu Wort, die meisten Bürger müssen passiv bleiben. Die Idee, dies durch Repräsentation und Proporz zu mildern, ist theoretischer Unsinn, weil Kommunikation in keinem vernünftigen Sinn quantifizierbar ist. Unsinn bleibt dies auch, weil auch so nur ausgewählte Sprecher zu Wort kommen.

Die Idee der kommunikativen Stellvertretung wird nicht besser dadurch, daß Journalisten das Ethos der Objektivität entwickeln. Denn auch dies ist für den Sprachkritiker ein logisches Unding. Die Sprachbrille kriegen sie mit solchen Ideen nicht von der Nase. Ebensowenig wird die Parteilichkeit zugunsten bestimmter Umgangsformen, bestimmter Darstellungen, einer bestimmten Sprechweise damit gelindert, die doch heute schon dazu geführt hat, daß jeder der nicht eine öffentlich anerkannte Meinung oder Darstellung vertritt - das heißt eine Meinung, die nach den Grundüberzeugungen und den Darstellungsformen der Meinungsmacher anerkannt ist - nicht selbst in dem Medium zu Wort kommt.

Er ist zwar unter Umständen Objekt der Medien, über ihn wird berichtet, kann aber seine Meinung, seine Lebensform nicht selbst darstellen und damit etwa ein überzeugenderes Beispiel für sie geben als den gefilterten Ersatz der Journalisten. Da hilft nur, die Objekte, eben jene Exoten, selbst zu Wort kommen zu lassen. Das könnte eine Art Objektivität des Journalisten sein. Wenn wir schon diesen Berufsstand brauchen, sollte der Journalist ihn so verstehen, daß er die Möglichkeiten organisiert, daß andere zu Wort kommen, sich selbst darstellen können. Sei das in seinen Augen gut oder schlecht.

Die kommunikative Ethik kann sich gegen bestimmte Formen der Kommunikation im gesamten wenden. Beispielsweise gerät die Einweg-Kommunikation der Massenmedien notwendig in Konflikt mit der Verständlichkeitsmaxime. Wer zu einer sehr großen, natürlich nicht homogenen Menge von Leuten spricht, verstößt notgedrungen gegen die Maxime der Verständlichkeit. Er muß sich darüber im Klaren sein, daß er so nicht für jeden einzelnen optimal verständlich sein kann.

Die Sprachkritik kann gut vom Einklagen der Maximen leben. Der Sprachkritiker braucht dazu nicht die Hilfe irgendwelcher Theorien oder irgendein besonderes Sachwissen. Die Sprachkritik ist in dem Sinn selbständig, daß sie nur die Beachtung der kommunikativen Maximen bis in feinste Verästelungen verfolgt, ihre Kriterien also aus der Verständigung selbst zieht. Jeder Sprecher kann ja die Verständlichkeit beurteilen, und er lernt mit der Sprache, wie versucht wird zu manipulieren oder wie Scheinargumentationen aussehen.

Dies bedeutet, daß Sprachkritik nicht ist für Linguisten oder Politologen, für Rechte oder für Linke, für wissenschaftliche Drübersteher oder Dilettanten, für Jouralisten oder für "weite Kreise". Sprachkritik ist nichts für Experten, Sprachkritik ist etwas für alle. Jeder muß qua Sprachteilhaber kritisch sein gegenüber seinem Sprechen, reflektierter reden und zuhören. Und jeder muß ebenso kritisch sein gegen das Sprechen seiner Partner und natürlich das öffentliche Sprechen. Allein darin liegt die politische Brisanz der Sprachkritik.

Sprachkritik ist keine Gebrauchsanweisung für politische Agitation oder politische Rede. Noch stellt sie irgendwelche Normen für Politiker auf, nach denen sie sich verhalten sollen, etwa sie sollten rational argumentieren. Wir brauchen nicht zu hoffen, daß Politiker sich letztlich nach einer kommunikativen Ethik richten. Sicher wäre es auch nicht sehr lustig, wenn sie sich nach den guten Ratschlägen der Beamtenliteratur verhielten, die heute als Sprachkritik auftritt, und eher diätetisch als ethisch ist, eher einer Diät-Ethik als einer kommunikativen Ethik verpflichtet.

Politiker sind erfolgsorientiert, und nur wenn ihr ethisches Verhalten sich in Erfolg niederschlägt, werden sie es zeigen. Darum laßt sie machen, und schaut ihnen sprachkritisch aufs Maul! Dann werden sie schon merken, wie der Erfolg ausbleibt.

Sprachkritik bietet also jedem einzelnen die Möglichkeit der Kontrolle. Sie ist nicht affirmativ, sondern negativ. Und man darf, was H. MAIER als Rezept gegen die Linken empfohlen hat, getrost verallgemeinern: "Die Gegenwehr muß bei der Sprachkritik beginnen."

Der Sprachkritiker ist nicht Öl, sondern Sand im Getriebe der Politik, um ein Wort EICHs zu variieren. In seinem "kritischen Widerstand" ist er nicht auf irgendein Grundgesetz verpflichtet. Er zieht seine Kriterien aus allgemeineren Quellen, für die selbst Grundgesetze kritisierbar sind.


Die Universalität der Sprachkritik
Unter allen, die den Standpunkt außerhalb der Sprache verloren hatten, ging die Furcht um, die Sprache könne zum Gefängnis werden, aus dem wir nicht wieder herauskommen. MAUTHNER verkündete darum:
"Die Kritik der Sprache muß Befreiung von der Sprache als höchstes Ziel der Selbstbefreiung lehren."
Wohin könnte uns diese Befreiung aber führen, wenn nicht zum Schweigen? Diesen Weg haben viele postuliert - und doch weiter geredet. Wenn wir also die Sprachbrille nicht absetzen können, auch nicht und gerade nicht durch eine kommunikative Ethik, was dann? Wie kann unsere Sprachkritik Methode, wie unser Mißtrauen überhaupt ein Ziel haben?

Mißtrauen gegen die Verwendung der Sprache braucht keinen Standpunkt außerhalb. Die Möglichkeit, das Sprechen zu kritisieren und sogar der Sprache zu mißtrauen, ist in der Sprache angelegt. Diese Möglichkeiten der Kritik, die in unserer Sprache angelegt sind, machen vor nichts halt. Sie nehmen keinen Sprecher aus und keinen Gegenstand, nicht einmal die Kritik selbst.

Sprachkritik ist universal, wie die Sprache universal ist. Sie kommt zu keinem Ende. Und vor Gefangenschaft brauchen wir keine Bange, weil nichts außerhalb des Gefängnisses der Sprache ist. Darum kann unser Mißtrauen gegen die Sprache beruhigt einem neuen Vertrauen auf sie weichen. Schließlich ist sie unser ein und alles.

Befreiung von der Sprache kann darum nicht heißen, sprachlos leben. Die Befreiung wird in der Sprache selbst vollzogen und nur durch die Sprache. So wie die Erbsünde mit der Sprache in der Welt ist, so wie die Sprache uns die Möglichkeiten bietet, zu lügen und zu betrügen, mehrdeutig und unverständlich reden, sie bietet sie uns alle Mittel, diese Krankheiten zu bekämpfen, und wir gebrauchen diese Mittel auch fleißig.

Wenn man uns beispielsweise empfiehlt, gegen Mehrdeutigkeit verschiedene Bedeutungen zu unterscheiden und die Unterschiede jeweils durch ein differenzierendes Adjektiv deutlich zu machen, die kritische Potenz der Sprache zu nutzen.

Sprachkritik heißt also Kritik am Sprechen und an den Sprechern mit den Mitteln der Sprache. Sie setzt eine Erziehung zur Sprachkritik voraus: Die Erziehung zum reflektierten und sprachkritischen Sprecher, der frei über seine sprachlichen Mittel und über ihren Gebrauch entscheiden kann, ein Sprecher, der das eigene Sprechen reflektiert, aber auch das der andern kritisch beurteilt.

Der reflektierte Sprecher muß fähig sein, "das Vermittelte, manipulativ Verfärbte zu durchdringen" (H. MAIER) und die unbewußte Bestimmung durch andere reduzieren können. Nur dies ermöglicht ihm, dem sprachlichen Zwang des Kommunikationsapparates zu widerstehen und soweit wie möglich zu erkennen, wo Deutungen gegen konkurrierende Deutungen mit Macht und nicht argumentativ durchgesetzt werden, wo Sprachregelung die Vielfalt der Deutungen beschränken soll.

Reflektiertheit muß den Sprecher aber auch fähig machen, nicht nur den Splitter im Auge des Gegners zu sehen. Er darf es sich einerseits nicht so einfach machen wie stramme Antikommunisten, die sprachliche Erscheinungen als totalitäre Redeweisen brandmarken und sie im eigenen Lager geflissentlich übersehen, sollte andererseits auch gefeit sein gegen dialektischen Kunststücke wie sie G. KLAUS vorführt, wenn er die gleichen Agitationsweisen in beiden deutschen Staaten findet, nur seien sie hüben - bei ihm drüben - zu verdammen und drüben - bei ihm hüben - gerechtfertigt, weil sie der richtigen Politik dienten.

So natürlich es ist, die eigene politische Arbeit als Vertrauensarbeit, Aufklärung, Öffentlichkeitsarbeit zu sehen, die des Gegners aber als Agitation, Propaganda, Manipulation, so natürlich dies sein mag, Ausdruck sprachkritischen Bewußtseins ist es nicht. Die Fähigkeit zur Sprachkritik macht das Individuum sensibel für Sprachprobleme, auch hellhörig gegenüber dem eigenen Sprachgebrauch und der eigenen Fixierung in Deutungszusammenhängen.

Radikale Sprachkritik richtet sich auch gegen den Sprecher selbst. Sie ist kritische Begleitung des eigenen sprachlichen Handelns, wenn auch nicht, indem sie das Handeln ständig in Frage stellt und so zur Neurose ausartet. Tolerante Sprachkritik setzt nicht nur voraus, die Prinzipien auch auf sich selbst anzuwenden, die man auf den Partner anwendet, sondern sogar eine Hineinversetzung in den Partner. Denn für das Gelingen der Verständigung ist genauso wichtig, sich selbst an die kommunikativen Maximen zu halten, davon auszugehen, daß auch der Partner sich daran hält.

Das bedeutet, davon ausgehen, daß der Partner sinnvoll handelt, etwas Sinnvolles sagt. Also Sinnverdacht statt Unsinn unterstellen! Es bedeutet auch, davon ausgehen, daß der Partner - und sei es ein politischer Gegner - das Recht auf eigene Ansichten hat - mögen sie noch so verschieden sein von den meinen -, daß meine keinen prinzipiell höheren Status der Wahrheit haben. Hineinversetzung und Wechsel des Standpunktes schaffen eine sprachreflexive Distanz. Sie relativieren meinen eigenen Standpunkt, machen mich bereit, die Meßlatte, die ich an andere anlege, auch an mich selbst anzulegen. Sie sind eine Verfremdung des Allergewöhnlichsten, wie ein historische oder räumliche Verlegung der eigenen Realität, und schaffen damit die Möglichkeit, die Regeln besser zu sehen, die ich blind befolge.

Dem Partner seine Ansichten zugestehen heißt natürlich nicht, sie in der Auseinandersetzung zu akzeptieren. Es kann geradezu der Anlaß einer argumentativen Auseinandersetzung sein und sich so auf eine sinnvolle Form der Auseinandersetzung ohne Druck und Zwang auswirken. Toleranz und Befolgung der Maximen bedeuten nicht, handeln nach dem schlichten Leitspruch "Seid nett zueinander!"

Um Höflichkeit geht es hier nicht, auch nicht um unbedingten Respekt vor dem Gegner, wie es so schön heißt. Die Maximen können mich sogar verpflichten, nicht nett zu sein. Beispielsweise kann es sehr informativ sein, einem zu sagen, daß er nichts von der Sache versteht. Man kann ihm Kritisches auch klar und deutlich sagen, nämlich daß er blöd, gemein, betrügerisch oder sonstwas ist.

Der Sprachkritiker muß aber ertragen, seine eigene Sicht zu relativieren, und er muß selbst die Kritik der andern ertragen, so wie sie seine zu ertragen haben. Denn Sprachkritik ist - wie es MAUTHNER so schön sagte - "ein Holzfeuer in einem hölzernen Ofen".
LITERATUR - H. J. Heringer, Sprachkritik - die Fortsetzung der Politik mit besseren Mitteln, in Hans Jürgen Heringer (Hrsg), Holzfeuer im hölzernen Ofen, Aufsätze zur Sprachkritik, Tübingen 1982
    Anmerkungen
  1. L. Winckler, Studie zur gesellschaftlichen Funktion faschistischer Sprache, Frankfurt/M. 1970
  2. D. Sternberger, Gute Sprache und böse Sprache, in Neue Rundschau 74, 1963
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