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HANS JÜRGEN HERINGER
Der Streit um die Sprachkritik

"... ist mir immer deutlicher geworden, daß man mit der damals üblichen modernen Sprachwissenschaft die Ziele, die ich im Sinn hatte, nicht verfolgen konnte."


HERINGER: Herr von POLENZ, in den 60er Jahren gab es den Streit um die Sprachkritik, wie man später sagte. Sie haben damals ja mitgestritten. Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit einem Ihrer Kontrahenten, und der hat mir gesagt, der Herr von POLENZ hat uns damals die Sprachkritik kaputtgemacht.

von POLENZ: So scharf hat er das ausgedrückt?

HERINGER: Ja, das hat er wörtlich gesagt. Es war ein alter Herr. Aber wie sehen Sie Ihre Rolle?

von POLENZ: Nein, so stark auf keinen Fall. Zunächst einmal: Damals habe ich meine Rolle vielleicht anders verstanden als heute im nachhinein. Mir ist vieles klarer geworden. Damals erschien es mir - Ihnen sicher auch - eher als Seitensprung. Sie gehörten gerade zu denen, die mir gesagt haben, es lohnt sich doch nicht, sich mit solchen Sachen zu beschäftigen: mit Sprachkritik, mit Veröffentlichungen solcher Publizisten. Das gehört nicht zur Sprachwissenschaft. Das war meine Auffassung, aber im Laufe der Zeit habe ich dann doch gesehen, daß meine Rolle natürlich darin bestand, zu provozieren und die Diskussion herauszufordern über ein Gebiet, das ungenügend bearbeitet worden ist sowohl von Sprachwissenschaftlern wie von Publizisten. Es war deutlich zu machen, daß hier ein wichtiges und aktuelles Thema der Gegenwartssprache behandelt wurde, aber mit ungenügenden Methoden. Die Sprachwissenschaft hatte sich damit überhaupt nicht beschäftigt, sie war weitgehend auf traditionelle Philologie, auf Mittelalter, auf historische Betrachtung beschränkt. Gegenwartssprache war kaum Gegenstand, das hat man Publizisten überlassen. Gegenüber den Sprachkritiker ging es darum, zu zeigen, daß die methodische Basis solcher Sprachbetrachtung ungeügend war: Sprachwissenschaft im Stile des 19. Jahrhunderts war nicht geeignet für die Gegenwartssprache und vor allem für die Sprache der Politik.

HERINGER: Mir ist es ähnlich im Gedächtnis. Heute sehe ich, was die Sprachwissenschaft hier tun kann, damals sah ich eine wichtige Aufgabe, aber nicht, wie die Sprachwissenschaft sie bewältigen könnte. Das hing ganz offenbar mit ihrem Entwicklungsstand zusammen, daß die Sprachwissenschaft in Deutschland sich damals gerade von einer Betrachtungsweise emanzipiert hatte oder glaubte, sich emanzipieren zu müssen.

von POLENZ: Das ist ein zweiter Gesichtspunkt, der mir auch später erst aufgegangen ist: Emanzipation, auch Selbstemanzipation als Sprachwissenschaftler. Wenn ich etwas sagen darf über meine persönlichen Motive: Damals nach meiner Berufung Heidelberg suchte ich ein neues Arbeitsgebiet. Ich wollte nicht bloß die gewohnte Arbeit der Mittelalterphilologie und der Dialektologie fortsetzen, suchte nach sprachwissenschaftlicher Forschung und Lehre, die für Studenten wichtig ist und mit aktuellen Fragen der Gegenwart zu tun hatte. Ich sah, daß in der traditionellen Sprachwissenschaft da so ungefähr gar nichts getan war. Neuere Richtungen, etwa WEISGERBER und die inhaltsbezogene Grammatik, erschienen mir methodisch zu fragwürdig, zu intuitiv und spekulativ, ohne Bezug auf gesellschaftliche Wirklichkeit. Auf der anderen Seite die strukturale Sprachwissenschaft hielt sich auch völlig fern von irgendeiner Gesellschaftsbezogenheit. Hier war eine Lücke und ein Feld für meine künftige Lehrtätigkeit. Das kann man mit dem Schlagwort Selbstemanzipation bezeichnen. Es ging mir nicht in erster Linie darum, hier bereits etwas zu bewirken, sondern ich wollte etwas für mich und meine Schüler in Heidelberg such, wollte anregen.

HERINGER: Aber das ist dann doch schnell politisch gelaufen. Nur aufgrund Ihrer Kontrahenten, oder war das auch von Anfang an ein Motiv für Sie?

von POLENZ: Ein politisches Motiv gab es für mich am Anfang noch nicht; das ist erst im Laufe der Entwicklung vom Gegenstand her und von den Argumentationen der Gegner hinzugekommen. Ich persönlich war damals ziemlich unpolitisch eingestellt. Ich war Flüchtling aus der DDR und genoß es, in der Bundesrepublik, in der ADENAUER-Ära, diese politischen Dinge mal alle von mir schieben zu können. Ich genoß die liberale Art, wie man an west-deutschen Universitäten damals lehren konnte. Von der Politisierung der Universitäten, wie sie 68 kam, war noch nichts zu spüren. Ich glaube, daß manches, was ich damals gesagt und geschrieben habe, politisch etwas naiv war, zu erklären daraus, daß ich eigentlich keine politische, sondern eben mehr eine fachwissenschaftliche Motivation hatte.

HERINGER: Aber es gibt doch verschiedene Arten von politischen Motiven, die einem vielleicht gar nicht so bewußt sind. Ich habe es immer so empfunden, das Sie in diesem Streit auch politisch Stellung bezogen haben, zugunsten der kleinen Leute, denen vorschnell bestimmte Intentionen in ihrem Sprechen unterstellt wurden. Diese großen Sprachkritiker diagnostizierten aufgrund von Äußerlichkeiten gar einen durchlaufenden faschistischen Faden im Untergrund, der mit sprachwissenschaftlichen Mitteln aufzulösen war.

von POLENZ: Sie meinen, ich hätte die Absicht gehabt, die sogenannten kleinen Leute gegenüber Sprachkritikern zu verteidigen. Ich wollte die Sprecher, die Sprachbenutzer gegen die Sprachkritiker verteidigen, also auch wieder eigentlich unpolitisch. Natürlich ist daraus dann in der Diskussion eine politische Sache geworden. Die Sprachkritiker hatten eine politische Motivation. In der ADENAUER-Ära herrschte in Bezug auf die Auseinandersetzung mit dem Faschismus ziemlich Stille. Man hat das weitgehend ausgeklammert in dieser Epoche der Restauration. Man wollte die Verhältnisse von vor 33 wieder herstellen, hat die eigentlichen Hintergründe des Faschismus gar nicht richtig aufgearbeitet. Die Wurzeln des Faschismus im späten 19. Jahrhundert sind nicht in den Blick gekommen.

HERINGER: Aber das gilt auch für den Großteil Ihrer Kontrahenten.

von POLENZ: Ja, aber die Publizisten spürten, daß etwas getan werden mußte, um diese Fragen geistig aufzuarbeiten. Doch ihre Faschismuskritik in Form von Sprachkritik bewältigte das Problem nicht eigentlich rational. Sie haben nur an Symptomen kritisiert, nur äußere Erscheinungsformen, und zwar auf sehr emotionale Weise. WOLFGANG FRITZ HAUG hat das gut herausgearbeitet. Er hat es nachgewiesen an der typischen biologischen und pathologischen Metaphorik. Ich denke gerade an ein Beispiel, wo STERNBERGER sagt, daß die Vorsilbe  be - den Menschen "wie eine Krallenpfote umgreift". Das gehört in diesen Bereich.

HERINGER: Ist es nicht auch eine Art von Reinwaschung, wenn man die Sprache für Dinge verantwortlich macht, wofür eigentlich die Menschen, einzelne Sprecher, verantwortlich sind? Sie werden ja oft so rezipiert, Sie hätten klargestellt, daß man eigentlich nicht die Sprache kritisieren könne, sondern die Sprecher im Gebrauche der Sprache zu kritisieren habe, wenn sie sich moralisch korrekt verhalten.

von POLENZ: Der Sprache die Schuld zuzuschieben ist ein Ersatzventil, eine Art von Vergangenheitsbewältigung des "hilflosen Antifaschismus", wie es HAUG genannt hat. Dahinter steckt aber auch eine Sprachideologie. Redeweisen wie  Wörter tun etwas, Wörter lügen, Wörter heherrschen den Menschen  sind weit verbreitete hypostasierende (vergegenständlichende) Redeweisen, die geradezu zum Wissenschafts- oder Bildungsjargon gehören. Solche semantischen Verschiebungen führe ich zurück auf eine Sprachideologie, in der man glaubt, die Sprache existiere so für sich. Die Wörter selber hätten eine ganz bestimmte Bedeutung, und die wirke von den Wörtern her, klebe an ihnen, als Bestandteil der Wörter. Man sieht nicht, daß Bedeutung sich auf ganz andre Weise konstituiert, nämlich durch Handlungen und Einstellungen von Menschen, durch Erinnerungen. Obwohl ic oder wir damals noch nichts wußten von einer pragmatischen Auffassung von Semantik, war es auch eins meiner Argumente, daß man über Sprache nicht nur als für sich existierenden Gegenstand reden, sondern Sprache in ihren Funktionen, im Gebrauch der Menschen betrachten solle.

HERINGER: Sie haben vorhin angedeutet, daß zu den ersten Anstößen später andere Motive für Sie hinzukamen.

von POLENZ: Ja, durch die Wissenschaftskritik, etwa ab 68, als die traditionelle Vorstellung von der wertfreien Wissenschaft angefochten wurde. Was mir damals klar wurde, vor allem von Studentenseite, ist mir sehr sympathisch gewesen. Die Wissenschaft ist nicht zweckfrei, sie muß in gewisser Weise auf Anwendungsziele ausgerichtet werden, damit sie wirklich fruchtbar werden kann.

HERINGER: Aber damals haben Sie mit der Sprachkritik aufgehört. Ich habe ein Separatum von Ihnen, wo drinsteht: "Zum allerletzten Mal!"

von POLENZ: Ja, damit kam eine große Pause, nicht nur weil die Auseinandersetzung mir zu polemisch und außerwissenschaftlich geworden ist, auch weil mir klarer wurde, daß ich mich erst mal mit der neuen hochschulpolitischen Situation, der Studentenbewegung, auseinandersetzen mußt. Auf der anderen Seite, noch wichtiger, ist mir immer deutlicher geworden, daß man mit der damal üblichen  modernen  Sprachwissenschaft die Ziele, die ich im Sinn hatte, nicht verfolgen konnte. Musterbeispiel: Ich habe in der Anfangszeit STERNBERGER manchmal etwas naiv den de SAUSSURE vorgehalten. Zwar konnte ich damit einige methodische Fehler - z.B. Vermischung von Synchronie und Diachronie, Vermischung von historischen Gesichtspunkten und gegenwartsbezogenen - erklären, aber mit dieser Art vn Sprachwissenschaft konnte man doch nur die innersprachliche Struktur untersuchen. Sie war zu wirklichkeits- und gesellschaftsfern. Also wäre eine neue Sprachwissenschaft zu entwickeln gewesen.

HERINGER: Aber die Sprachkritiker haben auch aufgehört. Warum haben die aufgehört? Hatten sie keinen angenehmen Gegner mehr?

von POLENZ: Ich möchte nicht behaupten, daß sie entmutigt wurden durch unsere Kritik. Ich glaube, daß denen die innenpolitische Entwicklung übern Hals gekommen ist. Sehen Sie die Rolle STERNBERGERs in der Heidelberger Universität: Sobald es unruhig wurde, hat er sich zurückgezogen, aus dem politischen Kampf herausgehalten, weil der ja sehr radikal wurde. Statt der naiven Vergangenheitsbewältigung kamen ganz andere Themen, auch andere Methoden der Vergangenheitsbewältigung auf, die schnell zu scharfen politischen Auseinandersetzungen und Gruppenmachtkämpfen führten. Das will man natürlich als Wissenschaftler nicht, sich so in den politischen Alltagskampf hineinbegeben. Denn da gibt es ja noch immer den Unterschied zwischen wissenschaftlicher Argumentation und politischem Handeln.

HERINGER: Wir haben jetzt von Ihren Motiven gesprochen, von der Wirkung dieser Art von Sprachkritik, auch schon von ihrem Ende. Aber die Sprachkritiker hatten ja auch Motive. Was meinen Sie, was z.B. STERNBERGERs Motive waren? Doch sicher politische?

von POLENZ: Das ist schwer zu sagen, weil ich hier gefangen bin. Natürlich, STERNBERGER ist ja Politologe, und ich könnte mir denken, er hat z.B. ein Interesse daran gehabt, seine politischen Meinungen und Absichten nicht nur innerhalb wissenschaftlicher Veröffentlichungen zu publizieren, er wollte auch auf weitere Kreise wirken, eine sehr berechtigte Absicht für einen politisch denkenden Menschen. Dazu hat er sich alle möglichen Arten und Weisen zu nutze gemacht, in der Presse oder im Rundfunk zu wirken. Und da gibt es eben verschiedene Formen, z.B. für einen beträchtlichen Teil der sogenannten Gebildeten die populäre Form der Sprachkritik.

HERINGER: Sonntagsbeschäftigung?

von POLENZ: Ja gut, eine Art Sonntagsbeschäftigung für Laien, die es ganz nett finden, sich mal außerhalb ihrer beruflichen Tätigkeit oder ernster Diskussion über Sprache zu unterhalten und nachzudenken, wo man sich sozusagen aus dem normalen Alltag herausheben kann. Da ist es ziemlich naheliegend, ziemlich einfach, daß man sich einzelne Wörter vornimmt, in Sprachglossen für Zeitungen, auch in Vereinen, nicht nur im Bereich der Fremdwörterkritik, des Sprachpurismus. Also die Art von Sprachkritik, die den meisten Menschen, die im sprachwissenschaftlichen Sinne Laien sind, vertraut ist, nämlich daß man Einzelheiten beobachtet, Wörter, gar einzelne Silben, aus dem Kontext herausgerissen. Hier nutzte STERNBERGER eine feuilletonistische Textsorte, die sich vielfältig verwenden läßt und bei vielen Leuten populär ist.

HERINGER: Das wäre nun allerdings ein sehr allgemeines - ich will nicht sagen oberflächliches - Motiv. Sollten da nicht auch spezifischere Zielsetzungen eine Rolle gespielt haben?

von POLENZ: Es gibt das Motiv, Erinnerungen wachzuhalten, weil die Menschen, vor allem die jüngeren Menschen, sich wenig vorstellen können von dem, was in der Nazizeit geschehen ist. So muß sich die ältere Generation wundern, daß manche Wörter, die in der Nazizeit mit gewalttätigen politischen Inhalten verbunden waren, heute ganz harmlos verwendet werden. Das wundert die Sprachkritiker, ärgert sie, daß auf diese Weise Erinnerungen schwinden.

HERINGER: Ist auch gefährlich, nicht? Ich entsinne mich zum Beispiel, daß MAIHOFER im Zusammenhang mit den Terroristengesetzen von  Sonderbehandlung  naiv und unbeschwert geredet hat, und das ist wirklich eine gefährliche Sache, glaube ich. Also, wenn man da keine Erinnerungen mehr hat!

von POLENZ: Das ist die Frage: Für wen ist das denn wirklich gefährlich, wenn sich im Sprachgebrauch allgemein durchsetzt, daß bestimmte Wörter (z.B.  Mischehe)  nicht mehr diesen Inhalt haben wie in der Nazizeit? Es ist die Frage, ob Erinnerungen unbedingt über den Sprachgebrauch erhalten werden müssen. Erinnerungen sind vielleicht viel besser, objektiver mit Medien wachzuhalten, die nicht der weiteren Entwicklung ausgesetzt sind wie die Sprache, nämlich Bilder, Dokumente usw. Nehmen Sie ENZENSBERGERs Kritik an der Redensart  bis zur Vergasung etwas tun,  als der den "Leuten, die in deutschen Vorortzügen sitzen" - das ist seine Umschreibung für Arbeiter - vorwirft, daß sie ständig diese Redensart im Munde führen und sich aufregt, dies sei unmenschlich. So eine Redensart - er meinte das Wort  Vergasung,  gar nicht die Redensart, mit dem früher der Massenmord an Juden und anderen Menschen verbunden war - dürfe nicht aus der Erinnerung verschwinden. Dagegen habe ich mich damals engagiert gewandet, daß man glaubt, solche Erinnerungen müßten unbedingt in den Wörtern drinstecken, sogar da, wo die Wörter in idiomatischen Redensarten verwendet werden. Da kann man doch niemanden, weder den Sprachbenutzern, den Arbeitern "im Vorortzug", irgendeine Schuld des Aufgebens von Erinnerung oder des Zynismus zuschieben, noch der Sprache.

HERINGER: Aber da würde ich doch gern einen Unterschied machen: Das eine ist die schlichte Unterstellung, daß diejenigen, die das Wort gebrauchen, am faschistischen Sprachgebrauch teilnehmen. Das ist natürlich absurd. Aber auf der anderen Seite muß die Erinnerung auch in den Wörtern wachgehalten werden. Zum reflektierten Sprechen gehört auch, daß man über einen überschaubaren historischen Zeitraum weiß, wie Wörter verwendet wurden. Denn wir verwenden ja nicht Wörter punktuell, in den Wörtern ist auch Geschichte drin. Natürlich kann man es niemandem zum Vorwurf machen, wenn er nie diesen Sprachgebrauch kennengelernt hat. Dann weiß er eben nichts von der Geschichte. Ich halte es schon für erstrebenswert, historische Reminiszenzen und Assoziationen zu erhalten.

von POLENZ: Da, glaube ich, kann man Sprache nicht künstlich beeinflussen. Wenn ein Wort oder eine Wendung lange Zeit, über Jahrzehnte hinweg, nicht mehr in bestimmten politischen Zusammenhängen, in bestimmten Kontexten verwendet wird, ändert sich auf ganz natürlichem Wege die Bedeutung. Und es wäre künstlich, die alte wieder einführen zu wollen.

HERINGER: Nein, es geht nicht darum, die alte wieder einzuführen, auch nicht um Künstlichkeit. Der Skandal ist der, daß das Wort nicht mehr in solchen Zusammenhängen vorkommt, daß die Erinnerung zugedeckt wird, daß sie bewältigt wird. Was wir jetzt als Renaissance haben, daß diese Erinnerung wieder hochgeholt wird, das ist für mich ein ganz natürlicher Vorgang. Was jene Sprachkritiker machen, hat zwar eine gewisse Art von Künstlichkeit - man kann den Gebrauch oder die Bedeutung nicht hinterher wieder zurückdrehen - meine Kritik aber darauf, daß es in der Zwischenzeit möglich war, jene Verwendungen zuzudecken.  Sonderbehandlung  ist ein gutes Beispiel.

von POLENZ: Aber es haben andere Gruppen das Recht, ein Wort auch in ihrem Sinne zu verwenden, und man darf da nicht Forderungen aufstellen, daß die historischen Erinnerungen immer dableiben müssen, wenn sie nicht durch die außersprachliche Entwicklung, die politische Entwicklung selbst, diese Bedeutung behalten haben.

HERINGER: Das wollte ich auch nicht sagen. Ich würde sogar darauf insistieren, daß jede Gruppe das Recht hat, die Ausdrücke in ihrem Sinn zu gebrauchen. Nur scheint mir, daß der reflektierte Sprecher sich eben auch dadurch auszeichnet, daß er weiß, wie andere Gruppen das Wort gebrauchen, daß er weiß, wie dieses Wort in der Geschichte gebraucht wurde. Nur damit kann er etwas von der Geschichte wissen. Er soll nicht das Wort so gebrauchen, wie es damals gebraucht wurde.

von POLENZ: Aber es ist zweierlei: Reflektieren über den Sprachgebrauch anderer Gruppen und reflektieren über historische Verwendungen. Man kann von Sprechern nicht so detaillierte Kenntnisse der Geschichte bis hin zur Geschichte einzelner Wörter verlangen.

HERINGER: Es geht mir nicht um abstrakte Wortgeschichte, es geht mir um Geschichte. Und Kenntnisse muß der Sprecher so weit haben, wie sie relevant werden. Im Fall  Sonderbehandlung  greifen außerdem Ihre beiden Aspekte ineinander. Und das war wohl auch bei vielen Wörtern so, die STERNBERGER/ SÜSKIND/ STORZ gegeißelt haben. - Ich möchte gern noch etwas allgemeine auf die Sprachkritik der 60er Jahre eingehen, auch auf ihr Verhältnis zur Sprachwissenschaft. Wenn man heute manche Thesen der damaligen Sprachkritiker liest, kommt einem der Verdacht, daß die vielleicht gar nicht in ihrer vollen Brisanz rezipiert wurden. Manches erschiene heute fast als systemgefährdend, nicht als eher konservative Sprachkritik. Wenn etwa STERNBERGER spricht von den Lakaien des Systems oder die ganze Thematik KARL KORNs gegen die Verwaltung, gegen den Bürokratismus; alles Themen, die auch heute Brisanz hätten, die damals für mich eigenartig behandelt wurden, verwirrend. Wir haben z.B. konservative Leute, die verlangen die nicht-wertfreie Wissenschaft. Normalerweise wollen die Konservativen die Wissenschaft wertfrei halten. Dann argumentieren sie gegen das bestehende System, auch erstaunlich. Ich könnte noch eine Reihe solcher Punkte nennen. Wenn man das im Rückblick sieht, scheint nicht so ganz klar, in welche Richtung es gehen sollte. Es ist viel Zündstoff drin gewesen, der nie hochging und der - meiner Meinung nach - heute noch da schlummert.

von POLENZ: Ich glaube nicht, daß Konservative gerade in Bezug auf Sprachwissenschaft der Ansicht sind, die Wissenschaft soll nicht Kritik üben. Da ist - glaube ich - die Sprachwissenschaft in einer besonderen Lage. Ich glaube umgekehrt, daß von der Sprachwissenschaft, von den Sprachwissenschaftlern erwartet wird, daß sie Sprachnormen setzen, die Sprache kontrollieren, weil Sprache ja nicht irgend ein Objekt ist. Wenn man eine konservative politische Haltung hat, hat man eine Abneigung gegen alles, was sich irgendwie unkontrolliert entwickeln könnte, und man beobachtet natürlich, daß Sprache sich entwickelt.

HERINGER: Die Sprache als Hort der Anarchie?

von POLENZ: Ja, ja. Wir wissen ja, daß in Deutschland viele Sprachwissenschaftler seit den Zeiten der Brüder GRIMM die normative Haltung abgelehnt haben. ADELUNG und CAMPE etwa waren die letzten normativen Sprachwissenschaftler. Dann kam die rein akademische, philologisch-historische Sprachwissenschaft. Das paßte aber Leuten, die in der Öffentlichkeit als Publizisten oder als Lehrer wirkten, eigentlich nicht. Auch Wissenschaftler anderer Fächer haben das meist nicht verstehen können. Bei einer konservativen Gesinnung, einer Gesinnung die auf Konformismus eingestellt ist, besteht das Bedürfnis nach Eindämmung der freien Sprachentwicklung, weil man glaubt, daß durch freie Sprachentwicklung mit der Gesellschaft etwas passiert, nämlich in Richtung auf Anarchie. Deshalb gab es immer schon - damit meine ich: seit es sowas wie Presse gibt, wie Massenmedien - die Auffassung, daß Sprache sich nicht selbst überlassen bleiben dürfe. Dazu gehört die verbreitete Ideologie, Sprachentwicklung sei Sprachverfall. Die ist stark verankert im deutschen Bildungsbürgertum und bei Wissenschaflern auch.

HERINGER: Würden Sie heute noch annehmen, daß man in der Sprachwissenschaft einen überlegenen Standpunkt einnehmen sollte? Oder sollte gerade die kritische Dimension, die in der Sprachkritik da war, von der Sprachwissenschaft übernommen werden?
LITERATUR - H.J. Heringer, Sprachkritik - die Fortsetzung der Politik mit besseren Mitteln, in Hans Jürgen Heringer (Hrsg): Holzfeuer im hölzernen Ofen, Aufsätze zur Sprachkritik, Tübingen 1982