|
|
Der Streit um die Sprachkritik - I I -
von POLENZ: Ich bin heute nicht mehr der Auffassung, daß Sprachwissenschaft keine kritische Stellungnahme abgeben soll. Ich natürlich nach wie vor der Auffassung, daß keine voreiligen Normsetzungen, keine voreilige Kritik geübt werden sollte, ehe der Gegenstand in der Weise untersucht ist, wie sich's gehört. HERINGER: Also die Analyse vor der Normierung? von POLENZ: Die vielseitige Analyse, das konnte man damals in der Sprachwissenschaft so gut wie nicht. Man hat nur die Oberfläche, die Ausdrucksformen betrachtet. Erst die Entwicklung neuerer Teildisziplinen wie Soziolinguistik, Textlinguistik, Satzsemantik, Sprachpragmatik und Argumentationslehre ermöglicht die vielseitige Analyse. Jetzt können wir die sprachlichen Ausdrucksformen in Beziehung bringen zu den Sprechern, baruchen nicht mehr nur über Ausdrucksformen zu reden, sondern können über Handlungstypen sprechen. Und wenn heute Sprachwissenschaft kritische Aufgaben übernehmen kann, dann nicht im Sinne der Normsetzung, daß nur das eine richtig ist und das andere alles falsch, sonderm im Sinne der Bewußtmachung von Unterschieden und der Bewußtmachung von Bedingungszusammenhängen. HERINGER: Aber das ist natürlich keine kritische Haltung im klassischen Sinn. Das ist die alte deskriptive Haltung, nur eben mit einem weiteren Problemhorizont. von POLENZ: Auf jeden Fall eine viel differenziertere deskriptive Haltung. Ich glaube aber auch, daß wir gerade in der Sprachpragmatik nicht ohne Normen auskommen können. Wenn wir z.B. Sprachhandlungstypen herausarbeiten oder Gesprächsregeln, wie man sich verhalten soll, ohne daß die Erwartungen des anderen enttäuscht werden, der dann wieder auf andere Weise reagiert als erwartet, dann machen wir Regeln bewußt. Ist das keine Normsetzung? Gerade die Konservationspostulate, das ist doch ein Regelwerk, das man lehrbar machen kann. HERINGER: Sind Sie der Meinung, daß die GRICEschen Maximen normativ sind? von POLENZ: Zunächst nicht, in seiner Absicht nicht. HERINGER: Nein die Maximen oder die kommunikative Ethik dürfen auch nicht normativ sein. Sie ist eher deskriptiv, aber darum nicht weniger brisant. Wenn nur erkannt wird, was sprachlich geschieht, dann kann schon lange nicht mehr so viel passieren. Bestimmte - nehmen wir jetzt mal krud - Manipulationsstrategien laufen ja nicht, wenn die Beteiligten erkennen, was gespielt wird. von POLENZ: Ja, die Beteiligten erkennen aber nicht nur, was gespielt wird, sondern sie lernen in der Sprachpragmatik oder praktischen Semantik - sie Sie es nennen - selber mit bestimmten typischen, regelhaften Erwartungen zu rechnen. So werden die GRICEschen Gesprächsregeln in der Anwendung normativ. Sobald man z.B. im Hochschulunterricht - in Seminaren mit Studenten, die zum großen Teil Deutschlehrer werden - so was behandelt, kommt es auch in öffentliche Anwendung. Ich glaube, daß das meiste, was in der Sprachpragmatik gemacht wird, im Hinblick auf die Behandlung in der Schule - vor allem in der höheren Schule, wo die Schüler für das Kommunizieren im öffentlichen Leben etwas mitbekommen sollen - in gewisser Weise normativen Charakter hat. Beispiel: Sprachhandlungsausdrücke. Sie sind eine Frucht der Beeinflußung der öffentlichen Kommunikation durch Wissenschaftssprache im Sinne der Entwicklung von argumentativem Reden. Und das hat sich natürlich mit der Demokratisierung mehr und mehr durchgesetzt. Wenn heute in Gremien argumentativ kommuniziert werden soll, ist es notwendig, nicht nur Geschäftsordnungen zu haben mit den paar festgesetzten terminologisierten Dingen, sondern auch solche Gesprächsregeln bewußter zu machen, und auch solche Sprachhandlungsausdrücke, wie sie sich seit der Aufklärung in unserer Sprache entwickelt haben, bewußter zu machen in ihren semantischen Unterschieden. Insofern glaube ich, daß die Sprachpragmatik schon vom Hochschulunterricht her notwendig zur normativen Beschäftigung mit Sprache führt, zu Normen für Inhalte, zu Normen für sprachliche Handlungstypen. HERINGER: Man kann diese Idee getrost ausdehen auf die Politik überhaupt. Nicht? In der Demokratie muß ja alles verbal ausgetragen werden, und man könnte an eine Art Kodex für den öffentlichen Sprachgebrauch denken, der so etwas wäre wie eine Geschäftsordnung für die öffentliche politische Auseinandersetzung. Würden Sie das auch für erstrebenswert halten? von POLENZ: Ganz bestimmt. Nicht nur die Schule kann etwas beitragen zur Verbesserung der Kommunikationssitten. Es muß auch in der Öffentlichkeit zugänglich z.B. Nachschlagewerke geben, die ganz bestimmte, für die öffentliche Kommunikation wichtige Teile des Wortschatzes vor allem vom Inhalt her aufarbeiten. HERINGER: Ein solches Nachschlagewerk wäre aber vielleicht eine ungerechtfertigte Normierung, wo übre den Sprachgebrauch hinweg - nun sogar im Inhaltlichen - bestimmte Regelungen eingeführt würden, etwa daß Sprechhandlungsverben in festgelegter Weise zu verwenden sind. Für diese Normierung kann man keine Argumente anführen als technizistische, daß man meint, die Kommunikation würde besser laufen, wenn alle den Ausdruck gleich und fix verwenden. von POLENZ: Man muß nach Situationstypen unterscheiden. Im Privatgespräch mag ungenau geredet werden; es gibt aber Situationstypen, z.B. in Gremien, wo für einen Staat und für eine ganze Bevölkerung wichtige Probleme ausgehandelt werden, wo es viel mehr darauf ankommt, genau zu sprechen. HERINGER: Und was ist der Maßstab der Genauigkeit? Woher wissen Sie, daß manche Dinge ungenau sind und andere sind genau. Ich meine, wollen die Leute ungenau reden, wissen sie, daß sie ungenau reden, oder wissen nur Sie das von Ihrem überlegenen Standpunkt? von POLENZ: Maßstäbe im Sinne von Möglichkeiten, zu erkennen, ob ungenau geredet wird, gibt es ja genug. Wir erkennen doch oft, woran es liegt, daß man stundenlagne, ganze Sitzungen lang sich herumstreitet und gar nicht zur eigentlichen Sache kommt... HERINGER: Genau wie im Wahlkampf, im größeren Maßstab. von POLENZ: Es liegt oft daran, daß die Leute sich nicht an bestimmte Regeln des Sprachgebrauchs halten oder an Regeln der Abfolge bestimmter Themen, bestimmter Argumenationsweisen, oder es bleibt unklar, ob jemand etwas meint als Behauptung, als Feststellung oder als bloße Vermutung. Wenn das im Unklaren gelassen wird, hält es unter Umständen eine Argumentationsfolge in empfindlicher Weise auf. Und das stört die Arbeit eines solchen Gremiums. Ich meine nicht, daß Konflikte aus der Welt geschafft werden können, aber daß Konflikte so ausgetragen werden können, daß es in absehbarer Zeit zu Ergebnissen führt. Dazu muß fairer sprachlicher Umgang in bestimmten Situationstypen gelehrt werden, nicht eine äußerlich, ästhetische Rhetorik, sondern eine Rhetorik des fairen Miteinanderredens. HERINGER: Damit werden Sie offene Türen einrennen. Aber solche Regeln kann man nicht herleiten von den GRICEschen Maximen. Mir erscheint das - pointiert gesagt - so: Wenn man erst mal eine bestimmte Künstlichkeit des Umgangs - wie z.B. in Gremien - eingeführt hat, dann zieht das andere Künstlichkeiten nach sich, dann muß man bestimmte sprachliche Verhaltensformen ändern, normieren, einschränken. Man kann ja nicht davon ausgehen, daß diejenigen, die in den Gremien den Lauf der Dinge aufhalten, weil sie es nicht gewohnt sind, in bestimmter Weise zu kommunizieren, daß die von vornherein Unrecht haben. Das ist doch heute das Problem alternativer Bewegungen, ökologischer Bewegungen oder bestimmter Minderheiten, die ja gerade über solche Regulierungen der Kommunikationsform untergebuttert werden. Das ist natürlich nicht Ihre Idee, Sie sagen ja: faire Formen, aber was heißt "fair"? Außerdem: Ich weiß nicht, wie wir als Sprachwissenschafler oder Sprachkritiker - oder wie wir uns nennen wollen - andere Möglichkeiten der Durchsetzung haben als nur das hinzustellen, auszuarbeiten. Und dann taucht ja die Frage auf, wenn dagegen wirklich Interessen stehen oder auch nur, wenn diejenigen, die so handeln, nicht wissen, daß das nicht gut ist, warum sollen sie unsere Regulierungen akzeptieren? Glauben Sie, daß man so die Journalisten etwa domestizieren könnte? von POLENZ: Ich würde eine gewisse Regelung des Sprachgebrauchs nicht Künstlichkeit nennen. Es sind bestimmte Fähigkeiten, die man in der Sprachpragmatik unter dem Schlagwort "Metakommunikation" behandelt. Es sind die Fähigkeiten, bei Bedarf, in bestimmten Situationen des Gesprächsverlaufs herauszutreten aus dem normalen Ablauf... HERINGER: Was ich jetzt mache - unterbrechen - ist nicht verboten? von POLENZ: Nein, soll sogar gemacht werden. Es sollte gelernt werden, in der richtigen Weise zu unterbrechen. Viele Menschen sind im Kommunikationskonflikt schon in der Lage zu sagen, daß sie etwas nicht akzeptieren. Sie sind aber oft nicht in der Lage, weiter zu argumentieren, aus welchen Gründen z.B. etwas "kein Argument" ist für sie oder überhaupt. Da müßte man einsetzen mit der Bewußtmachung von Argumentationsstrukturen, von Handlungstypen, von Gesprächsregeln, damit man nicht nur emotional ins Gerangel kommt, sondern in einen Dialog über die Verfahrensweise eintreten kann. Erfolgreich reden heißt dann, daß jeder Sprecher dem anderen die Chancen läßt, die ihm zustehen. HERINGER: Ich glaube, das ist in der Relevanzmaxime drin: "Sei relevant!" heißt ja, daß jeder nur so lange reden darf, wie er meint, für den Fortgang des Gesprächs sei es relevant, daß er jetzt derjenige ist, der spricht. Zwar gibt es die ständige Versuchung zu glauben, daß man selber sagen sollte, was man meint, - da weiß man ja, wie wichtig es ist - aber wenn man ihr erliegt, erkennt man unter Umständen gar nicht, daß der andere viel relevantere Beiträge zu machen hätte. von POLENZ: Gut, man kann das einbauen, aber man muß publik machen, was man heute in der Sprachpragmatik, auf wissenschaftlicher Ebene, erkennt, was aber noch nicht einmal in Wörterbüchern z.B. nachzuschlagen ist. Zum Beispiel, daß solche kleinen Wörtchen wie natürlich oder selbstverständlich oder eigentlich sehr oft verwendet werden, HERINGER: wennes gerade nicht natürlich ist, von POLENZ: wenn jemand keine Begründung für seine Behauptung geben will. HERINGER: Ich möchte jetzt gern etwas von diesem Pfad abgehen, auf einen anderen, aber nahen kommen. Man kann doch dem anfänglich zitierten Kontrahenten zubilligen, daß ganz offenbar die Sprachkritik, wie wir sie in den 60er Jahren hatten, eingestellt wurde oder eingegangen ist. Auf jeden Fall gibt es nichts mit deren Publizität. Es ist aber ganz erstaunlich, daß in den 70er Jahren im politischen Bereich der sogenannte Semantikkampf ausgebrochen ist, parallel zu der von Ihnen skizzierten Weiterentwicklung der Linguistik mit Blick auf pragmatische Fragestellungen. Offenbar hatte das überhaupt keine Wirkung: In diesem neuen Streit oder Kampf - oder was immer da an Kampfmetaphern üblich ist - ging es sogar hinter das methodisch Bewußtsein, das kritische Bewußtsein, der 60er Jahre zurück. Ist es nicht eine verfehlte Hoffnung, wenn man meint, daß durch den Fortschritt der Linguistik und einen Kodex für das öffentliche Sprechen etwas zu erreichen wäre im politischen Leben? von POLENZ: Ich glaube nicht, daß man die Auswirkungen der neueren Forschung schon beurteilen kann. Die Zeit ist noch nicht lang genug. Die Auswirkungen einer handlungs- und gesellschaftsbezogenen Sprachwissenschaft - die es ja noch nicht einmal an allen Hochschulen gibt - können sich noch nicht z.B. in der Publizistik zeigen. Wenn einmal ein großer Teil der Journalisten so was studiert haben sollte, dann erst könnte es sich auswirken. Wir wissen doch, wie schwer es ist für unsere Germanistikstudenten, als Lehrer in der Schule neue Auffassungen oder Methoden, will gar nicht sprechen von neuen Theorien, durchzusetzen in ihrem Kollegium, gegen Widerstände von älteren Lehrern, die dort den größeren Einfluß haben. So erwarte ich, daß eigentlich erst zwanzig Jahre, nachdem solche Studenten in die Schule gegangen sind, sie in Bezug auf Sprachunterricht auch mal das Sagen haben und dann eine andere Art von Sprachbetrachtung durchsetzen können. Und genau so ist es sicher auch bei Journalisten. Wenn heute jemand kommt als Journalist und schreibt Sprachglossen in pragmatischer Manier, wird das zunächst Befremden auslösen bei der Redaktion, bei der womöglich die alten Vorstellungen von Sprachkritik noch vorherrschen. HERINGER: Könnte man sagen, daß man nach Ihrer Meinung heutzutage eine Sprachkritik im klassischen Sinne ebensowenig braucht, wie man sie vor zehn oder zwanzig Jahren gebraucht hat? Daß die kritische Sprachwissenschaft die Aufgaben der Sprachkritik übernehmen sollte? von POLENZ: Teilweise, manche Aufgaben der Sprachkritik. STERNBERGER und KORN haben schon viel gesehen an politischen und kulturgeschichtlichen Zusammenhängen. Manche von ihren Motiven und Aufgaben kann wissenschaftliche Sprachkritik heute übernehmen, nämlich inwieweit Sprachgebrauch zusammenhängt mit bestimmten politischen Interessen, politischen Machtverhältnissen. HERINGER: Und was bleibt dann noch? von POLENZ: Es bleiben Bereiche wie Kritik an der politischen Werbesprache, an dem Sprachgebrauch der Warenwerbung oder an der Verwaltungssprache, an bürokratischem Deutsch. Da würde man heute anders vorgehen. Man würde bewußt machen, was inhaltlich verbunden ist mit den Weglassungen bei Substantivierungen etwa, daß man da rückfragenkann, daß man jemand zur Rede stellen kann, wo etwas nicht ausgedrückt ist, daß man nach Mitgemeintem fragt, daß man solche Texte kritisch analysiert. Nicht nur, daß die Bürokraten künftig besser, verständlicher schreiben oder sprechen, sondern daß die Sprachbenutzer auch in die Lage kommen, solche Texte kritisch zu hinterfragen, in ihrem politischen Handeln etwa Interessen durchzusetzen, die gegen die Interessen der Verwaltung gerichtet sind. HERINGER: Wenn ich Sie richtig verstehe, sehen Sie die politische Wirkung dieser Sprachkritik darin, daß jeder Bürger in den Stand gesetzt werden sollte, sich kritisch in der öffentlichen Kommunikation zu verhalten. Das wäre ein Kontrast zu den 60er Jahren, wo Sprachkritik eine Art von elitärer Tätigkeit bestimmter Bildungsbürger war, mit den entsprechenden bildungbürgerlichen Idealen. von POLENZ: Nur ist das natürlich nach wie vor eine ausgesprochen bürgerliche Angelegenheit - ich würde nicht sagen bildungsbürgerliche - eine politische Haltung, die eben noch Vertrauen auf die Möglichkeiten und den Erfolg parlamentarischer Demokratie hat. Nur solange man glaubt, man könne über Gremien, in denen man sich um einen echten Konsens bemüht, etwas erreichen, solange man diesn Optimismus hat, kann man das vertreten. Hat man eine andere politische Auffassung, außerhalb von parlamentarischer Demokratie, da kann man wahrscheinlich nichts mehr davon anwenden. Das ganze ist gebunden an das Vertrauen auf die Möglichkeit der fairen Einigung auf sprachlichem Wege. HERINGER: Natürlich, wenn es uns nicht gelingt, die verbalen Mittel zu kultivieren, dann müßte es zu anderen Formen der Auseinandersetzung kommen. Aber das heißt noch nicht, daß man in diesem Rahmen schon eine Form gefunden habe. Dazu müßte eine kritische Sprachwissenschaft auch etwas zu bieten haben. von POLENZ: Naja, die erste Prämisse der Sprachpragmatik lautet ja: Sprache ist regelgeleitetes Handeln. Das impliziert, daß das sprachliche Handeln nicht nur so spontan, unreflektiert geschieht. In gesellschaftlichen Situationen, wo jemand verantwortlich für andere handeln muß, ist auf die Regelgeleitetheit besonderer Wert zu legen. HERINGER: Glauben Sie denn, daß man solche Regeln setzen kann, ohne inhaltlich einzugreifen? Glauben Sie, daß solche Regeln neutral sind? Wir haben vorhin mal erwähnt das Problem der Minderheiten: Es könnte ja Minderheiten geben, wie wir sie sicherlich haben, die ganz andere Kommunikationsgewohnheiten haben. Ist es für die denn etwas anderes als ein Oktroi (Zwang) von Regeln? Oder können die Regeln so abgefaßt werden, daß sie für alle akzeptabel sind, außer jenen natürlich, die zu schierer Gewalt greifen? von POLENZ: So lange parlamentarische Demokratie an das Mehrheitsprinzip gebunden ist, nach dem immer eine Minderheit zurückstehen, nachgeben muß, wo also die Konsense durch Mehrheitsabstimmungen festgestellt werden, kommt man nicht darum herum, daß eine Minderheit unterliegt. HERINGER: Aber das ist gefährlich. von POLENZ: Man kann es nicht abschaffen, man kann janicht von der Sprache her solche Dinge ändern. HERINGER: Wenn die Regeln, die Sie finden, in dem Sinn nicht neutral sind, dann ist das nur ein anderer Weg, über die Regeln Minderheiten auszuschalten. Das wird nicht zum Erfolg führen. Wir sehen ja schon, daß auch demokratische Mehrheitsentscheidungen nicht zum Erfolg führen. Das Problem Minderheit-Mehrheit ist komplexer. Man kann nicht einfach sagen, die Mehrheit beschließt und die Minderheit muß sich fügen. Sie fügt sich eben unter Umständen auch nicht, und die Mehrheit, die in Ihrem Sinne entscheidet, hat auch eine Verantwortung gegenüber der Minderheit. von POLENZ: Ja, man kann nicht einfach sagen, Minderheiten ausschalten, sondern man muß bestimmte Phasen des politischen Handelns, des politischen Kommunizierens beachten wie bei Gerichstprozessen, daß die Meinung der Minderheit angehört wird, ihre Argumente geprüft werden, bis ein bestimmter Punkt erreicht ist, der ja in Geschäftsordnungen oder Gerichtsordnungen festgelegt ist. Es ist eine Phase einzuhalten, während der das politische Handeln ausgesetzt wird für eine gewisse Zeit, um die Minderheit zu Wort kommen zu lassen. Das Unterdrücken der Minderheit ist Sache der dritten Phase, wenn eine Minderheitsbildung durch Abstimmung geschehen und damit eine Entscheidung getroffen ist. Von da an ist für die Minderheit ein kommunikatives Handeln im Sinne von argumentativem Umgang, fairem Umgang eigentlich nicht mehr möglich. Deswegen greifen oft Minderheiten zu ganz anderen Mitteln, das ist aber eine andere Art von Politik. Es geht hier im Grunde genommen nur um die Regeln für eine bestimmte Phase der Entscheidungsfindung, daß eben Entscheidungen nicht plötzlich und einsam von Machthabern getroffen werden, sondern daß in einer manchmal sehr langwierigen Phase der Parteien, die verschiedenen Interessengruppen gehört werden, daß sie zu Wort kommen, daß sie argumentativ miteinander eine ganze Strecke weit ihre Chancen haben, aber nicht für die Phase nach der Entscheidung. HERINGER: Der Vergleich mit der Strafprozeßordnung weckt ungute Gefühle in mir, weil man ziemlich gut zeigen kann, daß die Strafprozeßordnung genau in dem Sinn, wie ich das meine, eine Art Oktroi ist und eine Art von autoritärer Struktur mit dem Ziel: Funktionieren des Apparats. Ich glaube, daß gerade die kommunikativen Regeln für die politische Auseinandersetzung einen andern Status haben sollten. von POLENZ: Ich jetzt natürlich nicht nur an das Verhalten der Angeklagten. Die Gerichtssprache ist derartig spezialisiert, daß man eben leider den Verteidiger nötig hat. Aber Verteidiger sind natürlich diejenigen, die solche Regeln in hohem Maße beherrschen. HERINGER: Vor Gericht sind bestimmte Möglichkeiten der Auseinandersetzung durch diese Regelung ausgeschlossen. Da ist die normale Kommunikation soweit zurechtgestutzt, daß bestimmte Dinge zu bestimmten Zeitpunkten nicht gebracht werden können, daß sie nicht gewertet werden, daß sie unmöglich sind. von POLENZ: Weil die kommunikativen Fähigkeiten der Angeklagten in der Regel nicht so entwickelt sind... HERINGER: Sie dürfen es einfach per Prozeßordnung nicht. Das ist ein ganz scharfer Eingriff in die Möglichkeiten der Kommunikation, und das sollte doch offenbar dieser Regelkodex nicht tun. Er sollte doch nicht von vornherein... von POLENZ: Nein, nein, insofern ist der Vergleich natürlich falsch, das ist ein Oktroi. Ich meine nur, daß es auch hier eine Phase gibt, in der die Entscheidung hinausgeschoben wird, um der andern Partei Gelegenheit zu geben, kommunikativ ihre Interessen zu vertreten, auf welche Weise, das ist dann sehr verschieden in den Institutionen. Sprachpragmatik kann für diese Phase zur Verbesserung der kommunikativen Fähigkeiten der Betroffenen nützlich sein. Nicht für die ganze Politik, die ist weitgehend von Macht bestimmt. Es geht nur um die Phasen, wo die Menschen Gelegenheit haben kommunikative für ihre Interessen zu handeln. Die sind - das wissen wir genaue - für viele Betroffene viel zu gering, manchen haben gar keine, und denen ist natürlich damit gar nicht zu helfen. Unterdrückte Minderheiten haben ganz andere sprachliche Hebel, beispielsweise das provozierende sprachkritische Verhalten, so wie es seit der Studentenbewegung öfters ganz spontan und manchmal erfolgreich angewandt worden ist: die Entlarvung der Leerformeln und Euphemismen des sprachlichen Establishments durch überraschendes Anderssagen, durch sprachlichen Tabubruch, durch Sprachverfremdung im Sinne BRECHTs und so weiter. Auch dafür sollte eine wissenschaftliche Sprachkritik etwas tun. HERINGER: Da können wir als destruktive Kritiker auch endlich mal produktiv werden. |