tb-1M. PlanckH. KleinpeterJ. Baumann    
 
HANS KLEINPETER
Über den Begriff der Erfahrung
[ein Nachtrag] (1)
   
"Tatsachen können nur erlebt, aber nicht mitgeteilt werden."
   

In meinem Aufsatz "Über Ernst Machs und Heinrich Hertz' prinzipielle Auffassung der Physik" im letzten Heft dieses Jahrgangs ist das Wort "Erfahrung" nebst einigen damit zusammenhängenden Ausdrücken in einem Sinne gebraucht, der wesentlich von dem sonst üblichen abweicht. Um daraus sich ergebende unnötige Mißverständnisse nach Möglichkeit hintanzuhalten, erscheint es zweckdienlich, die Seite 172 gegebenen Ausführungen einigermaßen zu ergänzen.

 "Erfahrung"  besteht in der Beobachtung von Empfindungen beziehungsweise Empfindungsgruppen; ein Wissen vom "Gegenstand" (der Erfahrung) liefert sie nicht, da "Gegenstand" ein Begriff ist und alle Begriffe Kunstprodukte unseres Denkens sind. So lehrt z. B. die Erfahrung, ob die Quecksilbersäule eines Thermometers steigt oder nicht, die im Satz auftretenden Begriffe werden jedoch nicht durch die Erfahrung gegeben. Ebensowenig lehrt uns die Erfahrung Eigenschaften des Thermometers oder der Wärme kennen. Was die Erfahrung lehrt, ist  gewiß,  aber ein  Wissen  ist es insofern nicht, als man unter diesem Wort etwas bezeichnet, was auch ausgesprochen werden kann, wozu es ja der Begriffe bedarf.

Was die "Erfahrung" liefert, nennt man  "Tatsachen".  Eine solche (und zwar eine ganz bestimmte) ist z. B. auch das Vorhandensein eines noch so "unbestimmten" Gefühles, das wir durch Worte zu beschreiben außerstande sind. Zwischen "Tatsachen" gibt es keinen logischen Zusammenhang, da dieselben empfunden, nicht gedacht werden. Der HERTZsche Ausdruck "naturnotwendig" bedeutet nicht "logisch notwendig", er ist eine kurze, aber nicht ganz angemessene Bezeichnung für die einfache Aufeinanderfolge von Tatsachen.

Tatsachen können nur erlebt, aber nicht mitgeteilt werden. Zur Mitteilung ist die Benützung von Begriffen unvermeidlich.  "Erfahrungswissen"  bedeutet ein System von Begriffen; es enthält keine "Tatsachen" als Bestandteile, was unmöglich wäre, sondern seine Aufgabe liegt darin, ein "Bild" der Tatsachen zu liefern, welches diese oder vielmehr ihr Erlebtwerden zu ersetzen geeignet ist. Als "gewiss" läßt es sich deshalb nicht bezeichnen, weil diese Eigenschaft nur den bereits beobachteten Tatsachen und auch diesen nur im Moment ihres Auftretens, beigelegt werden kann, während das Begriffssystem zufolge der Natur unserer Begriff auch über Nichtbeobachtetes Aussagen macht. Hypothetischen Charakter besitzt es aber auch insofern, als die Wahl der zur Beschreibung geeigneten Begriffe innerhalb gewisser Grenzen eine willkürliche ist, und wir die "Erscheinung wie durch eine gefärbte Brille sehen" (MAXWELL). So kann z. B. das Steigen der Quecksilbersäule ein nur "scheinbares" sein, hervorgerufen durch die Veränderung des Glases.

Da es hiernach unmöglich ist, etwas wirklich "Gewisses" mitzuteilen, so folgt, daß es nicht "Sache der Wissenschaft ist,  Wissen  (d. i. Gewisses) zu enthalten".
LITERATUR - Hans Kleinpeter, Über den Begriff der Erfahrung (ein Nachtrag), Archiv für systemische Philosophie, Neue Folge, Band V, Berlin 1899
    Anmerkungen
    1) Wir geben diesen nachträglichen Bemerkungen zu des Verfassers Aufsatz in Heft II um so lieber Raum, als sie geeignet scheinen, durch Beseitigung bloß verbaler Schwierigkeiten zur weiteren Klärung der Streitfrage zwischen Empirismus und Kritizismus beizutragen. Der Herausgeber.