tb-1Fortschritt der ErkenntnisRiehl - Humes KausalitätstheorieDie Lehre Humes     
 
FRIEDRICH HEINRICH JACOBI
David Hume über den Glauben
Idealismus und Realismus
(ein Gespräch)
[ 4/5 ]


    Vorbemerkung
Beilage - Vom transzendentalen Idealismus

"Ich meine, daß es der Erbschaden, der uralte Krebs der Menschheit ist, den Kern über der Schale, die Sache über dem Schein, das Wesen über der Form zu vergessen. Überall ist Religion in Zeremonien und Aberglauben, bürgerliche Vereinigung in politische Maschinerie, Philosophie in Geschwätz, Kunst in Gewerb ausgeartet: warum sollte nicht auch einmal der Gebrauch der Vernunft in einen bloßen Gebrauch ihrer Art und Weise ausarten können?"

"Darum mein Freund, was die philosophischen Magnetisierer auch von ihren Manipulationen und dem dadurch erregten divinatorischen Schlaf rühmen mögen: wir wollen lieber allen Schlaf uns aus den Augen reiben und anstatt diesem eine Klemme erkünsteln, sie so weit auftun als wir können; lieber das Wachen verbessern, als das Träumen und für keinen Preis uns desorganisieren lassen."

"Hernach geht aus der erhöhten Fertigkeit zu abstrahieren und willkürliche Zeichen an die Stelle der Dinge und ihrer Verhältnisse zu setzen, eine solche blendende Klarheit hervor, daß  die Dinge selbst  davon verdunkelt und am Ende gar nicht mehr gesehen werden. Nichts kann einem Traum ähnlicher sein, als der Zustand, in welchem sich der Mensch alsdann befindet."

"Wie? die Vorstellungen sind nur Kopien der wirklichen Dinge, nur aus Teilen derselben zusammengesetzt und sollen das Wirkliche doch nie darstellen können?"

"Gott ist für den Menschen nur durch die Menschen der Gott der Menschen."

Das Gespräch
Fortsetzung

Er: Ich kenne diese Abhandlung und erinnere mich unter anderem, daß Sulzer den Umfang der Vernunft vom Umfang des Geschmacks abhängen läßt und ihren wahren Grund in der durch die Deutlichkeit der Vorstellungen verursachten Aufmerksamkeit findet. Nun muß notwendig diese Deutlichkeit der Vorstellungen, die eine  Ursache  der Aufmerksamkeit ist, zu  ihrer  Ursache die Vollkommenheit der Eindrücke haben; welches denn allerdings darauf hinausläuf, daß die Vernunft, als auszeichnender Charakter des Menschen vor den Tieren, nur der Charakter seiner besonderen Sinnlichkeit sei.

Ich: Dies behauptet Sulzer auch mit klaren Worten. Und wo selbst seit Aristoteles die Philosophie, aus deren Grundsätzen sich nicht dasselbe ergäbe; die es nicht auch, in dieser oder jener Form, als Lehre vortrüge und ihre Lieblingshypothesen danach bildete? Nur daß wir meistens hinterher diese aus der Sinnlichkeit hervorgegangene Vernunft, ich weiß nicht was für ein Junges wunderbar gebären lassen, das mit ganz eigenen Gaben und Kräften ausgerüstet sein soll, um uns weit über die Sphäre unserer Empfindungen zu erheben. - Ich lästere doch wohl nicht, was auch Sie anbeten?

Er: Darüber können Sie ruhig sein. Sie müssen bemerkt haben, daß, wenn ich von einem Menschen das Höchste sagen will, ich von seinem Sinn rede.  Man hat nie mehr Verstand, als man Sinn hat. 

Ich: Der gemeine Sprachgebrauch, der gewöhnlich klüger ist, als die Philosophie, wenn sie ihn zum Narren machen wille, lehrt dasselbe; zumal in unserer deutschen Sprache, von welcher Leibniz sagte:  ignorat inepta  [unwissend unfähig, wp]. Die treffendsten Charaktere, sowohl des Verstandes als des Unverstandes, sind vom Sinn hergenommen. Unsinn, als der äußerste Mangel des Verstandes, steht dem Sinn entgegen. Hernach kommen Schwachsinn, Stumpfsinn, Leichtsinn und ihr entgegengesetztes, Scharfsinn und Tiefsinn.

Er: Sie vergessen den  Wahnsinn ein Wort, dessen Bedeutung mir in diesem Augenblick ganz außerordentlich auffällt. Wir nennen einen Menschen wahnsinnig, wenn er seine Einbildungen für Empfindungen oder wirkliche Dinge hält. Also sprechen wir ihm deswegen die Vernunft ab, weil seinen Vorstellungen, die er für Dinge hält,  das Ding  oder  die sinnliche Wahrheit  mangelt; weil er für wirklich  ansieht,  was nicht wirklich ist. Und folglich würde alle Vernunfterkenntnis geschaffner Wesen zuletzt an ihrer sinnlichen Erkenntnis geprüft werden müssen; jene müßte von dieser ihre  Gültigkeit  entlehnen.

Ich: Mir deucht, wer hieran zweifelt, darf nur an seine Träume denken. So oft wir träumen, befinden wir uns in einer Art Wahnsinn. Das Prinzip aller Erkenntnis, alles Wahrheitsgefühls, aller richtigen Verknüpfung,  die Wahrnehmung des Wirklichen  verläßt uns und in dem Augenblick, da sie uns verläßt oder aufhört überwiegend zu sein, können wir Dinge (d. i. Vorstellungen, die wir für Dinge halten, wie im Traum geschieht) auf die tollste Weise zusammenreimen; denn wir reimen die Dinge objektiv nie anders zusammen, als nach den objektiven Bestimmungen der Ordnung, in der sie uns erscheinen; und die objektive Ordnung, in der sie uns im Traum erscheinen, erfolgt hauptsächlich nach bloß  subjektiven  Bestimmungen. Wir halten aber überhaupt, was uns als objektiv erscheint, für wirklich oder  wir glauben was wir sehen und können gar nicht anders;  darum müssen wir im Traum, wo das wirkliche Dasein das  Zugleichdasein  des bloß Vorgestellten nicht ausschließt, die ungereimtesten Dinge glauben. Überall bequemt sich die Vernunft nach den Erscheinungen; sie schickt sich in den Wahn, wie sie sich in die Wahrheit schickt; träumt mit der Seele und wacht mit dem Leibe.

Er: Aber woher nun die Gewißheit, wenn wir wachen, daß wir nicht träumen? Woran läßt sich das Wachen vom Träumen und das Träumen vom Wachen zuverlässig unterscheiden?

Ich: Vom Träumen läßt sich das Wachen nicht unterscheiden, wohl aber vom Wachen das Träumen.

Er: Was wollen Sie mit diesem Wortspiel?

Ich: Sie erinnern, daß zu jedem Unterschied wenigstens zwei Dinge erforderlich sind.

Er: Sie wollen sagen, im wachen Zustand haben wir eine klare Vorstellung von diesem Zustand und zugleich vom Zustand im Traum; im Traum hingegen haben wir ... Nein, so geht es nicht.

Ich: Nicht wahr, Sie wissen nicht, ob Sie im Traum mehr eine Vorstellung vom Wachen oder mehr eine vom Traum haben wollen?

Er: So ist es. Wir glauben zu wachen, wenn wir träumen; also haben wir beim Träumen eine Vorstellung vom Wachen. Wir fragen uns oft im Traum, ob wir nicht träumen; also haben wir selbst im Traum auch eine Vorstellung vom Träumen. Nun ist aber die Vorstellung vom Wachen im Traum eine falsche Vorstellung und die vom Traum im Traum verdient gewiß keinen besseren Namen. Wirren Sie mir dieses auseinander, wenn Sie können.

Ich: Das Auseinanderwirren ist eine böse Sache. Lassen Sie uns den Anfang des Fadens suchen. Erinnern Sie sich noch, was Sie erst vor einer Stunde versicherten, nie in Ihrem Leben mehr vergessen zu können?

Er: Sehr wohl!

Ich: Schwerlich! Was Sie glaubten, nie mehr vergessen und nie mehr bezweifeln zu können, war, daß die Erkenntnis des Wirklichen außer uns, geradezu durch die Darstellung des Wirklichen selbst gegeben werde, so daß kein anderes  Erkenntnismittel  dazwischen eintrete. Ferner: daß alle bloße  Vorstellungen  von Gegenständen außer uns nur Kopien der unmittelbar wahrgenommenen wirklichen Dinge sein und darauf auch immer, als auf ihre Quellen, zurückgeführt werden können. - War es nicht dieses, was Sie vollkommen gefaßt zu haben versicherten?

Er: Und abermals versichere.

Ich: Also noch einmal: alle Vorstellungen von Gegenständen außer uns sind Kopien der unmittelbar von uns wahrgenommenen wirklichen Dinge oder sind aus Teilen derselben zusammengesetzt; kurz:  bloße den wirklichen Dingen nachgemachte Wesen,  die ohne dieselben auf keine Weise dasein können?

Er: Zuverlässig.

Ich: Aber auch darin sind wir, meine ich, übereingekommen, daß diese nachgemachten Wesen von wirklichen Wesen nur durch Vergleichung mit dem Wirklichen selbst unterschieden werden können?

Er: Richtig.

Ich: Also muß in der Wahrnehmung des Wirklichen etwas sein, was in den bloßen Vorstellungen nicht ist, sonst könnte beides nicht voneinander unterschieden werden. Nun betrifft aber dieser Unterschied gerade  das Wirkliche  und sonst gar nichts.  Also  kann in der bloßen Vorstellung das Wirkliche selbst, die Objektivität, nie dargestellt werden.

Er: Wie? die Vorstellungen sind nur Kopien der wirklichen Dinge, nur aus Teilen derselben zusammengesetzt und sollen das Wirkliche doch nie darstellen können?

Ich: Ich sage, die Vorstellungen können das Wirkliche,  als solches,  nie darstellen. Sie enthalten nur Beschaffenheiten der wirklichen  Dinge,  nicht das  Wirkliche selbst.  Das Wirkliche kann außer der unmittelbaren Wahrnehmung desselben ebensowenig dargestellt werden,  als das Bewußtsein außer dem Bewußtsein, das Leben außer dem Leben, die Wahrheit außer der Wahrheit.  Wahrnehmung des Wirklichen und Gefühl der Wahrheit, Bewußtsein und Leben, sind eine und dieselbe Sache. Der Schlaft ist des Todes Bruder und der Traum nur des Lebens Schatten. Wer nie gewacht hätte, könnte nie träumen,  und es ist unmöglich, daß es ursprüngliche Träume, einen ursprünglichen Wahn gebe.  Diese Wahrheit scheint mir von der größten Wichtigkeit zu sein, deswegen bat ich Sie vorhin so sehr, den Erkenntnisgrund derselben, welcher der Erkenntnisgrund der Gewißheit selbst und ihre einzige Quelle ist, recht fest zu halten.

Er: Wirklich fühle ich erst jetzt, wie sehr Sie Ursache hatten, mit dieses so nachdrüklich zu empfehlen und wie hart es hält, aus einem langen tiefen Traum recht zu erwachen. Man träumt das Erwachen selbst wieder in den Traum hinein und hat nur desto größere Mühe, sich von neuem und vollkommen zu besinnen.

Ich: Darum mein Freund, was die philosophischen Magnetisierer (16) auch von ihren Manipulationen und dem dadurch erregten divinatorischen Schlaf rühmen mögen: wir wollen lieber allen Schlaf uns aus den Augen reiben und anstatt diesem eine Klemme erkünsteln, sie so weit auftun als wir können; lieber das Wachen verbessern, das das Träumen und für keinen Preis uns desorganisieren lassen. Wer über seinen Vorstellungen und den Vorstellungen von seinen Vorstellungen aufhört, die Dinge selbst wahrzunehmen, der fängt an zu träumen. Die Verknüpfungen dieser Vorstellungen, die Begriffe, die sich aus ihnen bilden, werden dann immer subjektiver und in demselbigen Verhältnis an objektivem Inhalt ärmer. Wohl ist das ein großer Vorzug unserer Natur, daß wir fähig sind, von den Dingen solche Eindrücke, die uns ihr Mannigfaltiges unterscheidend darstellen, anzunehmen und so das innere Wort,  den Begriff,  zu empfangen, dem wir alsdann ein äußeres Wesen durch einen Schall unseres Mundes erschaffen und ihm die flüchtige Seele einhauchen. Aber diese aus endlichen Samen gezeugten Worte, sind nicht wie die Worte dessen  der da ist,  und ihr Leben ist nicht wie das Leben des aus dem Nichts Wesen hervorrufenden Geistes. Lassen wir diesen unendlichen Unterschied außer acht, so entfernen wir uns in demselben Augenblick von der Quelle aller Wahrheit, verlieren Gott, die Natur und uns selbst. - Und es ist so leicht, ihn außer acht zu lassen! Denn erst werden unsere der Natur abgeborgten Begriffe mehr oder minder nach subjektiven Bestimmungen der Aufmerksamkeit gebildet, fortgeleitet, verknüpft und geordnet. Hernach geht aus der erhöhten Fertigkeit zu abstrahieren und willkürliche Zeichen an die Stelle der Dinge und ihrer Verhältnisse zu setzen, eine solche blendende Klarheit hervor, daß  die Dinge selbst  davon verdunkelt und am Ende gar nicht mehr gesehen werden. Nichts kann einem Traum ähnlicher sein, als der Zustand, in welchem sich der Mensch alsdann befindet. Denn auch im Traum sind wir nicht ohne alle Empfindung des Wirklichen. Aber die lebhafteren Vorstellungen überwiegen diese schwachen Eindrücke und die Wahrheit wird im Wahn verschlungen.

Er: Ich wünschte, diese Vergleichung würde von einem guten Kopf einmal so ausgeführt, wie sie ausgeführt zu werden verdiente. Ein merkwürdiger Unterschied zwischen dem gemeinen und dem philosophischen Traum müßte aber nicht vergessen werden; nämlich, daß man aus dem gemeinen Traum endlich doch von selbst erwacht, in den philosophischen hingegen sich nur immer tiefer hineinträumt und seine Vollkommenheit bis zum wunderbarsten Somnambulismus erhöht.

Ich: Sehr gut! Stellen Sie sich einen Somnambulisten vor, der auf die höchste Spitze eines Turms geklettert wäre und nun träumte - nicht daß er auch dem Turm stünde und von ihm getragen würde; sondern daß der Turm an ihm herabhinge; am Turm hinge die Erde und Er hielte das alles schwebend - O Leibniz, Leibniz!

Er: Wie kommen Sie zu dieser plötzlichen Ausrufung?  Anrufung  kann es doch unmöglich sein.

Ich: Warum sollt es nicht  Anrufung  sein können? Ich wüßte kaum einen Denker, der heller gewacht hätte, wie unser Leibniz.

Er: Doch auch keinen, der tiefer  geträumt  hätte? Wenn Sie dieses vom Erfinder der prästablisierten Harmonie und der Monaden leugnen, so weiß ich wahrlich nicht, was ich von ihrer Lobrede auf das Wachen denken soll.

Ich: Die prästabilisierte Harmonie ruht auf einem Grund, der mir sehr fest zu sein dünkt und auf den ich mit Leibniz baue. Auch stehen die Monaden oder die  substanziellen Formen  nebst den angeborenen Idenn, bei mir in nicht geringem Ansehen. - Was sehen Sie mich so starr an?

Er: Ich kann nicht glauben, daß Sie meiner spotten wollen und Ihr Ernst kann es doch auch nicht sein, wenn Sie von Schwarz und Weiß wie von einerlei Farbe reden. Erst leiten  sie  die Beschaffenheit der Vernunft aus der Beschaffenheit der Sinnlichkeit her und lassen die Vollkommenheit der Organisation die mögliche Vollkommenheit der Erkenntnis bestimmen und nun leugnen Sie mit Leibniz allen physischen Einfluß des Leibes auf die Seele und lassen diese alle Vorstellungen aus sich selbst herausspinnen.

Ich: Wenn Sie die Philosophie des Leibniz im Leibniz selbst studiert hätten, würden Sie mir keine Widersprüche vorwerfen. Es lehrt ja dieser große Mann ausdrücklich und wird nicht müde zu wiederholen, daß alle erschaffenen Geister notwendig mit einem organischen Körper vereinigt sein müssen. Ich erinnere mich unter anderem sehr deutlich einer Stelle in den  Nouveaux Essais  wo es heißt: "Die Sinne geben den Stoff zur Reflexion  und wir würden unser Denken selbst nicht denken, wenn wir nicht an etwas anderes dächten,  nämlich  an die Partikularitäten, welche die Sinne uns verschaffen.  Und ich bin überzeugt, daß erschaffene Seelen und Geister sinnlicher Werkzeuge und sinnlicher Vorstellungen ebenso wenig je entbehren können, als ie je ihren Verstand ohne willkürliche Zeichen zu Hilfe zu nehmen, gebrauchen können." Eben dieser Leibniz sagt in der  Theodizee  [Rechtfertigung Gottes - wp] sogar: "Woran sollte ein vernünftiges Wesen denken, wenn keine Bewegung, keine Materie, keine Sinne wären? Hätte ein solches Wesen nur deutliche Vorstellungen," (d. i. erkennte es alles auf einmal unmittelbar und vollkommen), "so wäre es Gott; seine Einsicht hätte keine Grenzen. Sobald aber eine Mischung von verworrenen Vorstellungen da ist, so sind Sinne, so ist Materie da. Deswegen gibt es nach meiner Philosophie kein vernünftiges Geschöpf ohne irgend einen organischen Körper; keinen erschaffenen Geist, der von aller Materie getrennt wäre." Dieselbige Behauptung finden Sie überall im Leibniz wiederholt, denn sie hängt mit allen seinen Grundsätzen auf das genaueste zusammen. (17)

Er: Aber eben dieser Leibniz sagt doch eben so ausdrücklich auch: daß man ihn ganz unrecht verstehe, wenn man glaube, er eigne einer jeden Seele eine besondere Portion Materie zu, eine gewisse Masse, die ihr eigen zugehöre und zu ihrem Dienst gewidmet sei. Er sagt ausdrücklich, daß wenn es auch keine Seelen gäbe, die Leiber dennoch handeln würden wie sie gegenwärtig handeln und umgekehrt, wenn es auch keine Leiber gäbe, die Seelen dennoch handeln (d. i. eben die Vorstellungen und Bestimmungen des Willens hervorbringen) würden, wie sie gegenwärtig tun. (18)

Ich: Sie bringen zwei Sätze in Verbindung, die nicht zusammen gehören. Was den ersten angeht, so soll durch denselben nur besser eingeschärft werden, daß jede Substanz jeder anderen Substanz zugleich  Sinn  und  Gegenstand  sei und es keine besondere Materie für die Werkzeuge der Anschauung gebe. Jede einzelne Form wird durch die Form des Ganzen bestimmt und was wir Sinn nennen, ist nichts anderes, als die Art des Verhältnisses einer Substanz zur andern im großen All. Seele, Sinn und Gegenstand; Begierde, Genuß und Mittel des Genusses sind in jedem Punkt der Schöpfung unzertrennlich vereinigt. Darum macht auch nach Leibniz, die mit einem Leib vereinigte Entelechie [Zweckvollendund, wp] ein  Unum per se  [aus sich selbst eine Einheit, wp] und nicht bloß ein  Unum per accidens  [bloße Ansammlung von Aggregaten, wp] aus. (19) Wenn irgendein Teil der Materie zu keinem organischen Gebäude gehörte, so wäre irgendein Teil der Welt ohne Beziehung auf die übrigen. Also ist jeder, auch der kleinste Teil der Materie, ein  gegliedertes Glied  und die Materie nicht allein ins Unendliche teilbar, sondern wirklich ins Unendliche geteilt. (20)

Wie nach Spinoza so auch nach Leibniz, stellt eine jede Seele zuerst, das ist unmittelbar, ihren Körper und nicht anders, als gemäß der Beschaffenheit und Einrichtung dieses Körpers die Welt vor.

Ich glaube nun zu Ihrem zweiten Satz übergehen zu können.

Er: Da erwarte ich Sie!

Ich: Und ich freue mich darauf, Sie da zu treffen. Wir sind vorhin miteinander übereingekommen, als über etwas das in allen Systemen, die Idealistischen Systeme allein ausgenommen, gleichen Bestand hätte: daß, wie sehr ein Individuum auch von außen her bestimmt werden möchte, es doch allein nach den Gesetzen seiner eigenen Natur bestimmt werden könne, folglich, insofern,  sich selbst bestimmen müsse.  Wir behaupteten einmütig, ein solches Individuum müsse etwas an und für sich selbst sein, weil es sonst nie etwas für ein anderes sein und diese oder jene zufällige Beschaffenheit annehmen könnte; es müsse an und für sich selbst wirken können, weil es sonst unmöglich wäre, daß irgendeine Wirkung durch dasselbe entstünde, fortgesetzt würde oder nur in ihm erschiene.

Nun sagen Sie mir, ob Sie diese Meinung behalten wollen, oder nicht?

Er: Ich behalte sie zuverlässig.

Ich: So werden Sie denn auch ohne Anstand einräumen und hätten mir es wahrscheinlich auch schon geradezu eingeräumt: daß die Gegenstände, die wir außer uns wahrnehmen, unser  Wahrnehmen selbst,  das ist, die innere Handlung des Empfindens, Vorstellens und Denkens nicht hervorbringen können; sondern daß unsere Seele oder die denkende Kraft in uns, jede Vorstellung und jeden Begriff,  als solche, selbst und allein  hervorbringen müsse?

Er: Ohne Anstand. Der äußerliche Gegenstand kann ebensowenig irgendeine Bestimmung  des Denkens, als solche,  hervorbringen, als er das Denken selbst oder die denkende Natur hervorbringen kann. Wirklich drückt es zuwenig vom Ungereimten der entgegengesetzten Meinung aus, wenn man, wie Spinoza, fragt: ob die Seele eine leblose Tafel sei, welche von den Dingen nur übermalt werde oder, wie Leibniz, ob sie Fenster oder andere Öffnungen habe, durch welche die Dinge hineinsteigen.

Ich: Nun weiter. Das denkende Wesen,  als solches,  hat mit dem körperlichen Wesen,  als solchem,  keine Eigenschaften gemein; es ist also unmöglich ...

Er: Das sie ineinander eingehen, wollen Sie sagen, Bestimmungen gegenseitig miteinander wechseln, sich gegenseitig geben und von einander nehmen können:  Also ... 

Ich: Ich begreifen nicht, was Sie dawider haben können, da dieselbige Gedankenreihe und dasselbige Resultat Ihnen in den Briefen über Spinoza so durchaus und so auffallend wahr geschienen hat.

Er: Mir deucht, da wäre doch ein mächtiger Unterschied. Körperliche Ausdehung und Denken sind bei Spinoza nur verschiedene Eigenschaften eines und desselben Wesens; bei Leibniz hingegen zwei ganz verschiedene Dinge, die, wie man weiß nicht in was für eine Harmonie geraten sind.

Ich: Zwischen Spinozens und Leibnizens Vorstellung von der Vereinigung des denkenden Wesens mit dem körperlich ausgedehnten Wesen, ist allerdings ein Unterschied. Ich glaube aber, Sie werden nach einer tieferen Untersuchung finden, daß nicht Spinoza, sondern unser Leibniz dabei gewinnt. (21) Zwei ganz verschiedene Dinge, wie Sie sich ausdrücken, die, man weiß nicht in was für eine Harmonie (öfter gebraucht Leibniz die Wörter  Conformitas  und  Consensus)  geraten sind, sind nach Leibniz das körperliche Wesen keineswegs. Sie sind, was die erschaffenen Wesen angeht, vollkommen so unzertrennlich bei ihm, wie bei Spinoza.

Er: Reimen Sie mir das mit der deutlichen Äußerung des Leibniz, die ich Ihnen vorgehalten habe: daß wenn es auch keine Seelen gäbe, die Leiber dennoch handeln würde, wie sie gegenwärtig handeln; und umgekehrt, wenn es auch keine Leiber gäbe, die Seelen dennoch handeln würden, wie sie gegenwärtig handeln.

Ich: Sie vergessen das  Per Impossibile,  welches Leibniz wohlbedächtig hinzufügte. Er erlaubt sich öfter dergleichen metaphysische Fiktionen, wie er selbst sie wiederholt genannt hat. Im ersten öffentlichen Vortrag seines neuen Systems äußerte er sich sogar dahin: "Daß die Perzeptionen, oder die Vorstellungen von äußeren Dingen, in der Seele, kraft ihrer eigenen Gesetze,  wie in einer besonderen Welt entstünden und als wenn nichts als Gott und die Seele vorhanden wären."  Aber nun lesen Sie seine Erläuterungen darüber, vornehmlich die gegen Bayle; lesen Sie das Schreiben an Wagner, die "Commentatio de Anima Brutorum"; die höchst merkwürdigen Briefe an Des Bosses. - Übrigens möchte ich für keinen Preis mit einem philosophischen Zanker mich auf etwas von allem diesem einlassen. Leibniz hat seine Ideen so vielerlei Köpfen und Systemen anzupassen, so häufig die Wahrheit dem Irrtum gleichsam nur unterzuschieben gesucht und war überhaupt (gezwungen und ungezwungen) so voll allerlei Rücksichten: daß wie seine Schriften nun da liegen, man leicht, auch mit dem ehrlichsten Gemüth, aus Vorurteil oder Kurzsichtigkeit ihn mißverstehen aber noch unendlich leichter aus Schalkheit ihn mit sich selbst entzweien kann. Ein jeder nütze nach seiner Art diesen unschätzbaren Nachlaß. Sie aber, lesen Sie die Stücke die ich Ihnen nannte: hernach sprechen wir weiter.

Er: Ich verstehe mich zum Lesen und zum Verschub. Aber eins müssen Sie mir noch heute sagen: in welchem Verstand Sie den angeborenen Ideen und den Monade zugetan sind. Ich habe eine Zitation in petto, die ich gern anbringen möchte.

Ich: Damit Sie desto eher zum Schlag kommen, wollen wir mit den Monaden anfangen. Lassen Sie uns abermals von Sätzen ausgehen, über die wir uns heute schon einmal verstanden haben und worüber wir uns also wahrscheinlich auf das erste Wort zum zweitenmal verstehen werden. Wenn ich drei, vier oder fünf verschiedene Dinge hier auf dem Tisch zusammenstelle und sie entweder nach ihrer Zahl oder anderen Verhältnissen in  einer  Vorstellung vereinig, so ist meine Vorstellung die Vorstellung einer Totalität oder eines Ganzen. Diesem Ganzen oder dieser Totalität korrespondiert aber außer mir nichts, das  an sich  ein Ganzes oder eine Totalität wäre. Die Einheit meiner Vorstellung ist keine wirklich objektive oder reale, sondern eine bloß ideale Einheit.

Er: Ganz richtig. Nur muß nicht vergessen werden, daß doch die  Data  zu dieser Einheit, nicht allein was die Materie,  sondern auch was die Form angeht,  wirklich außer mir vorhanden und das Ganze oder die Totalität insofern also auch wirklich  objektiv  ist. Ständen der isolierten Dinge nur vier da, so hätten Sie nicht die Vorstellung der fünften und stände die fünfte in einer anderen Ordnung, so könnten Sie sie nicht  wahrhaft  zu dem Bild vereinigen, zu welchem Sie sie jetzt vereinigen. Wenn ich nicht irre, so hat aus dieser Ursache Leibniz dergleichen Dinge  semimentalia  genannt und sie mit dem Regenbogen verglichen.

Ich: Richtig; und Ihre Bemerkung ist in verschiedenen Absichten von der größten Wichtigkeit. Sie setzt den wahren Unterschied zwischen dem Idealisten und dem philosophischen Realisten fest. Hier aber kommt es nicht auf objektive  Data  zu einer Erscheinung, sondern auf das Verknüpfende im Ding selbst an; auf das Verknüpfende zu einer realen  vollkommenen objektiven Einheit.  Daß aber hier diese isolierten Körper, weder zur Zahl fünf, noch zu sonst einer Form innig verknüpft sind und also  für sich,  außer der Vorstellung, kein Ganzes ausmachen, werden Sie mir unbedenklich zugeben?

Er: Unbedenklich.

Ich: Dasselbige wird von allen Kunstwerken gelten müssen, wie bewunderungswürdig ihr Mannigfaltiges auch zu  einem  Zweck zusammengefügt sei. Die Form, welche ihre Einheit ausmacht, wohnt in der Seele des Künstlers, der sie erfand oder des Kenners, der sie beurteilt, nicht in ihr selbst. In ihr selbst ist sie ohne wesentlichen Zusammenhang, wie der rohste Klumpen.

Er: Vollkommen richtig. Den organischen Wesen allein können wir eine solche innerliche Einheit zuschreiben, die wahrhaft objektiv und real ist.

Ich: Also, wenn wir die fünf Gegenstände hier auf dem Tisch in ein wirkliches Ganzes, in ein  unum per se  verwandeln wollten, müßten wir ein organisches Wesen aus ihnen bilden können?

Er: So ist es.

Ich: Würden wir aber eine solche Bildung durch ein bloßes  Bilden  wohl herauszubringen imstande sein, gesetzt auch, daß uns alle physischen Kräfte zu Gebot ständen, die Materie grenzenlos nach Willkür zu zerteilen und diese Teile ebenso willkürlich und grenzenlos gegeneinander in Bewegung zu setzen? Würde daraus wohl ein solches Gesamtes entstehen können, das eine Essenz, ein  Compositum substantiale  ein  unum per se  ausmachte?

Er: Unmöglich.

Ich: Also, um die Möglichkeit eines organischen Wesens zu denken, wird es notwendig sein, dasjenige was seine Einheit ausmacht zuerst:  das Ganze  vor seinen Teilen zu denken?

Er: Allerdings; und ich sitze hier, um durch Sie ein solches Denken in mir bewirken zu lassen.

Ich: Das ist in Ihnen schon lange ohne mich bewirkt, da Sie selbst ein  Compositum substantiale  sind und zum Gefühl Ihres Daseins gewiß nie gekommen wären, wenn Sie dasjenige, was Ihre Einheit ausmacht, nicht zuerst empfunden hätten. Sicher sind Sie nicht aus der Peripherie in das Zentrum, sonden aus dem Zentrum in die Peripherie gekommen.

Er: Ich bin weder aus der Peripherie in das Zentrum, noch aus dem Zentrum in die Peripherie gekommen, sondern mein ganzer Zirkel war mit einem Male da. So lehren Sie ja selbst.

Ich: Wir wollen uns nicht damit aufhalten, einen Mißverstand zu heben, der gering und hier ohne Folgen ist. Genug, Ihr Körper ist aus einer unendlichen Menge von Teilen zusammengesetzt, die er annimmt und wieder zurückgibt, so daß von allen auch nicht  einer  wesentlich zu ihm gehören kann. Sie fühlen aber diese Teile als zu ihm gehörig mittels einer unsichtbaren Form, die  wie einen Wirbel mitten in einem Strom  verursacht. Bloß nach Maßgabe dieser Form fühlen Sie die Menge der Teile und Sie fühlen sie in einem einzigen, unveränderlichen, unteilbaren Punkt, den Sie Ihr  Ich  nennen. Sollte dieser Punkt wohl ein bloßer mathematischer Punkt sein?

Er: Unmöglich!

Ich: Ein physischer dann.

Er: Also vollends ein Unding.

Ich: Etwas muß unser Ich doch sein, wenn es anders mit dem, was wir eben ausgemacht haben, seine Richtigkeit behält, nämlich, daß aus der Vielheit nie eine wahre objektive Einheit entspringen kann. Dieses Etwas nun, das unmöglich etwas  nicht  reales ist, wird von Leibniz die substanzielle Form des organischen Wesens; das  vinculum Compositionis essentiale,  [wesentliche Band der Schöpfung, wp] oder  die Monade  genannt. Und  insoweit  bin ich der Monadenlehre mit ganzer Seele zugetan.

Er: Sie überraschen mich. - Aber ich bitte, fahren Sie fort und sagen Sie mir, was für eine Vorstellung Sie sich von dieser substanziellen Form der organischen Wesen machen.

Ich: Ich glaube Ihnen dieses schon gesagt zu haben. Eigentlich kann ich mir gar keine Vorstellung von ihr machen, denn das Eigentümliche ihres Wesens ist,  sich von allen Empfindungen und Vorstellungen zu unterscheiden.  Sie ist dasjenige, was ich im eigentlichen Verstand  mich selbst  nenne und von dessen Realität ich die vollkommenste Überzeugung, das innigste Bewußtsein habe, weil es die Quelle selbst meines Bewußtseins und das Subjekt aller seiner Veränderung ist. Die Seele, um eine  Vorstellung  von sich zu haben, müßte sich von sich selbst unterscheiden,  sich selbst äußerlich werden können.  Von dem, was Leben ist, haben wir gewiß das innigste Bewußtsein; aber wer kann sich vom Leben eine Vorstellung machen?

Er: Das ist wahr.

Ich: Und nichts anderes ist unsere Seele, als eine gewisse bestimmte Form des Lebens. Ich weiß nichts verkehrteres, als das Leben zu einer Beschaffenheit der Dinge zu machen, da im Gegenteil die Dinge nur Beschaffenheiten des Lebens, nur verschiedene Ausdrücke desselben sind;  denn das Mannigfaltige kann im Lebendigen allein sich durchdringen und Eins werden.  Wo aber Einheit, reale Individualität aufhört, da hört alles Dasein auf und wenn wir uns etwas, das kein Individuum ist, als ein Individuum vorstellen, so legen wir einem Aggregat unsere eigene Einheit unter. Nicht das Konkretum, sondern nur die Data dazu sind, in einem solchen Fall, wirklich außer uns vorhanden.

Er: Das heißt, Sie stimmen mit Leibniz auch darin vollkommen überein, daß es keine andere wahrhaft  wirklichen  Dinge in der Natur gibt, noch geben kann, als organische Wesen und behaupten, daß jede erschaffene oder endliche Substanz notwendig aus Leid und Seele zusammengesetzt sein muß, indem Leib und Seele gegenseitig sich dergestalt aufeinander beziehen, daß keins ohne das andere  natürlicher  Weise bestehen kann.

Ich: Auch das letztere  mit Leibniz.  Die eigentliche Materie, welche er  materiam secundam  oder die Massa nennt, ist, nach ihm,  die Mischung der Wirkungen des Unendlich.  In dieser Materie befinden sich die wahrhaft wirklichen Dinge, die alle, aus Leib und Seele zusammengesetzte, das ist, organische Wesen sind. Aber nicht jede  Portion  dieser Materie ist ein organisches Wesen.

Er: Es ist unmöglich, von der Herrlichkeit und Größe dieses Systems nicht ergriffen zu werden.

Ich: Wie ich den angeborenen Ideen zugetan sein kann, wird nun keiner weitläufigen Erklärung mehr bedürfen; ich brauche Sie nur an das, was wir vorhin von den schlechterdings allgemeinen Begriffen abgehandelt haben, zu erinnern und Ihnen zu sagen, daß eben diese Begriffe meine  angeborenen Begriffe  sind. Jene Entwicklung muß Ihnen nun doppelt einleuchten, da meine Heischesätze zu Grundsätzen auf die rechtmäßigste Weise seidem empor gestiegen sind.

Ich fasse zusammen und wiederhole.

Jedes erschaffene einzelne Wesen bezieht sich auf eine unendliche Menge anderer einzelner Wesen, die sich alle wieder auf dieses einzelne Wesen beziehen; und der gegenwärtige Zustand eines jeden dieser einzelnen Wesen wird durch seinen Zusammenhang mit allen übrigen in jedem Augenblick auf das genaueste bestimmt.

Alle wahrhaft wirklichen Dinge sind Individua oder einzelne Dinge und als solche, lebendige Wesen,  principia perceptiva et activa,  [Prinzip von Wahrnehmung und Tätigkeit, wp] und auseinander.

Folglich, wie ein Individuum gesetzt wird, so müssen notwendig zugleich in ihm die Begriffe von Einheit und Vielheit, von Tun und Leiden, von Ausdehnung und Sukzession gesetzt werden; das heißt, es sind diese Begriffe jedem Individuum angeborene oder anerschaffene Begriffe.

Diese Begriffe unterscheiden sich von allen übrigen Begriffen dadurch, daß ihre Gegenstände unmittelbar und in allen Dingen  vollkommen  und auf  gleiche Weise  gegeben sind. Es sind uns also die Gegenstände dieser Begriffe nie  bloß  in der Vorstellung, sondern immer auch  wirklich  gegenwärtig und können durch keine  Verrückung,  wie sie Namen haben mögen, je nur einen Augenblick der  unmittelbaren  Wahrnehmung und der  notwendigen Vereinigung im Begriff  entzogen werden. Auch ist der vollkommenste Wahnsinn nicht vermögend, diese  Wurzel  des Verstandes auszurotten.

Er: Auf diese Weise habe ich gegen Ihre angeborenen Ideen nichts einzuwenden. Es ist klar, daß wir zum Bewußtsein unseres Bewußtseins, dem Gefühl von uns selbst nicht anders gelangen, als indem wir uns von etwas außer uns unterscheiden. Dieses Etwas ist ein Mannigfaltiges Unendliches, in dem wir selbst mit begriffen sind. Die Begriffe von Einem, von Vielem und von Allem, nebst ihren Grundeigenschaften und Verhältnissen, müssen also in jedem, auch dem schwächsten Bewußtsein, schon gegeben sein und, dem Wesentlichen nach, unter allen möglichen Verwandlungen des Individuums dieselben bleiben. Ihre Deutlichkeit aber hängt von der Deutlichkeit des Bewußtseins ab, das ist, von dem Grad, in dem wir uns intensiv und extensiv von den außer uns daseienden Dingen unterscheiden.

Ich: Sollten wir nicht auch nach diesem Grad den Grad der Vernunft und des Lebens, den eine Gattung von Geschöpfen vor der anderen voraus hat, überall mit Sicherheit bestimmen können?

Er: Ich glaube, wir können es. Leben und Bewußtsein sind eins. Der höhere Grad des Bewußtseins hängt von der größeren Anzahl und der Beschaffenheit der im Bewußtsein  vereinigten  Wahrnehmungen ab. Jede Wahrnehmung drückt zugleich etwas äußerliches und etwas innerliches und beides im Verhältnis zueinander aus. Jede Wahrnehmung ist folglich an sich schon ein Begriff. Wie die Aktion, so die Reaktion. Ist die Fähigkeit, Eindrücke anzunehmen, so mannigfaltig und vollkommen, daß ein artikuliertes Echo im Bewußtsein laut wird, so erhebt sich über die Empfindung das Wort; es erscheint, was wir  Vernunft,  es erscheint, was wir Person nennen.

Das vernünftige Wesen ist also vom unvernünftigen durch einen höheren Grad des Bewußtseins, folglich des Lebens, unterschieden und dieser Grad muß in demselbigen Verhältnis steigen, wie das Vermögen steigt, sich von anderen Dingen extensiv und intensiv zu unterscheiden. - Gott unterscheidet sich von allen Dingen auf das vollkommenste und muß die höchste Persönlichkeit und allein eine  ganz reine Vernunft  besitzen.

Ich: Es ist also wohl möglich, wenn man nicht sich selbst und sein eigenes Leben haßt, die Vernunft gering zu schätzen. Aber wie werden wir es am besten angreifen, um ihr je mehr und mehr in uns aufzuhelfen? - Werden wir nicht am weisesten handeln, wenn wir suchen, ihr ganz unmittelbar beizukommen, um geradezu ihre Kräfte nach der Reihe zu stärken und zu vergrößern? - Kurz, wenn wir uns in einem fort nur bemühen, die Vernunft recht vernünftig zu machen? - Was meinen Sie?

Er: Ich meine, daß es der Erbschaden, der uralte Krebs der Menschheit ist, den Kern über der Schale, die Sache über dem Schein, das Wesen über der Form zu vergessen. Überall ist Religion in Zeremonien und Aberglauben, bürgerliche Vereinigung in politische Maschinerie, Philosophie in Geschwätz, Kunst in Gewerb ausgeartet: warum sollte nicht auch einmal der Gebrauch der Vernunft in einen bloßen Gebrauch ihrer Art und Weise ausarten können?

Ich: Die verschiedenen Namen, die jetzt von ihr im Schwange sind, bezeugen, daß man sie auf allerhand Art und Weise zu gebrauchen wenigstens der Meinung ist; denn alle diese Namen sind von diesem oder jenem Gebrauch, der von ihr gemacht wird, hergenommen. Mir deucht, ich höre sie am häufigsten und lautesten eine Fackel nennen, wozu sie, allmählich aus einem schwachen Licht soll geworden sein. Und von dieser Fackel heißt es denn auch, daß sie überall  hingetragen  wird, welches mit der Vernunft, so lange sie nur ein Licht war, auch nicht geschah. - Ich muß bekennen, daß ich selbst die Vernunft, die eine Fackel geworden ist, noch nicht gesehen habe.  Meine  Vernunft ist ein  Auge  und keine Fackel. Und wenn ich mich nich sehr betrüge, so hat man immer, da man noch bloß ein Licht an der Vernunft hatte, mit dem Wort Licht die Sehkraft selbst gemeint. - Alles  Verdachtes  gegen die Fackel kann ich mich nicht erwehren. Oft wird eine wohin getragen, damit ein einzelner Gegenstand recht hell gesehen und vornehmlich darum so hell gesehen werde, damit es um ihn herum desto finsterer sei. (22)

Er: Das Rätsel mit der Fackel kann ich Ihnen vollends auflösen. Ganz leere Prahlerei ist es nicht damit. Es ist dieselbe Fackel, welche ehemals die Erfahrung zur Vernunft trug, wo die Wahrheit sie aus ihrer Hand empfing. Man sagte: die Fackel  gehöre  der Erfahrung nicht. Und die sie ihr von hinten zu aus der Hand rissen, schrien nun aus vollem Hals:  ihnen  gehöre die Fackel! und an jedem Ort, wohin die die Fackel trügen, da sei die Vernunft und die Wahrheit und an jedem anderen Ort, die Lüge. - Aber es ist ein Gemurmel, als wolle die Fackel nicht in Brand bleiben wie sehr man sie auch zerstampfe und im Wind herumschwinge.

Ich: O, daß sie wieder in die Hände der Erfahrung käme und es begänne von neuem der alte Zug mit ihr zur Vernunft und zur Wahrheit! - Es kann ja doch dem scharfen und tiefen Beobachter unmöglich entgehen, daß alle unsere Erkenntnis auf dem Positiven beruth und daß wir in dem Augenblick, da wir es verlassen, in Träume und die leersten Einbildung geraten. Positiv und unmittelbar genommen vom Wirklichen, das sich uns darstellt, sind, wie wir gesehen haben, selbst diejenigen Begriffe und Sätze, die wir a priori nennen. Positiv sind unmittelbar vom Wirklichen genommen, das sich uns darstellt, auffallender noch unsere  komparativ  [vergleichend, wp] allgemeinen Begriffe und Sätze. Jene beruhen auf einer verworrenen Vorstellung von  Allem  und ihr Gegenstand ist uns immer und in jedem auch dem kleinsten Teil der Schöpfung gegenwärtig; diese, auf einer verworrenen Vorstellung von  Einig  und ihre Gegenstände sind uns nicht immer und auch nur in diesem und jenem Besonderen gegenwärtig. Also können so wenig die absolut allgemeinen Begriffe, als die nur komparativ allgemeinen uns über das, was wir in uns und außer uns wirklich empfinden oder empfunden haben, hinausführen.  Die vollkommenere Wahrnehmung,  und der höhere Grad des Bewußtseins, der damit verknüpft ist, darin besteht das Wesentliche desjenigen Vorzugs unserer Natur, den wir  Vernunft  heißen. Alle ihre Verrichtungen entwickeln sich daraus von selbst. Sobald ein Mannigfaltiges von Vorstellungen, in  einem  Bewußtsein  vereinigt,  einmal gesetzt ist, so ist damit zugleich gesetzt, daß auch diese Vorstellungen, teils als einander ähnlich, teils als voneinander verschieden, das Bewußtsein affizieren müssen. Das Bewußtsein wäre ja sonst ein toter Spiegel und kein Bewußtsein, kein in sich konzentrierendes Leben. Wir haben also außer der ursprünglichen Handlung der Wahrnehmung keine besonderen Handlungen des Unterscheidens und Vergleichens nötig, bei denen sich auch gar nichts denken läßt. So erkläre ich mir auch das Nachsinnen, das Überlegen und ihre Wirkungen, aus der immer fortgesetzten Bewegung (wenn ich mich so ausdrücken darf) des aktiven Prinzips in uns gegen (nicht  wider)  das passive, nach Maßgabe der empfangenden Eindrücke und ihrer Verhältnisse. Bei jeder Wiederholung ihres Konsensus in Absicht eines nämlichen Gegenstandes muß die Vorstellung neue Bestimmungen erhalten und bald mehr  subjektiv  bald mehr  objektiv  vergrößert werden. Die Entdeckung wichtiger Wahrheiten und die Entstehung lächerlicher Irrtümer, wird auf diese Weise gleich begreiflich.

Wenn wir von der Seite der Spontaneität allein - ohne zu erwägen, daß diese sich nur reagierend äußert - die Vernunft betrachten: so sehen wir der Vernunft nicht auf den Grund und wissen nie recht was wir an ihr haben. Charakterisieren wir sie als das Vermögen Verhältnisse  einzusehen,  so ist die Fähigkeit vollkommenere Eindrück von den Gegenständen zu empfangen schon vorausgesetzt. Von dieser weggesehen kann das leere Vermögen Verhältnisse aufzufassen, unsere Erkenntnis nicht einmal mit der Entdeckung eines noch nicht wahrgenommenen  idem  oder  non idem  bereichern.

Scharf und viel fassender, anhaltend strebender, tief eindringender Sinn - das Wort  Sinn  im ganzen Umfang seiner Bedeutung (als Wahrnehmungsvermögen überhaupt) genommen, - das ist die edle Gabe, die uns zu vernünftigen Geschöpfen macht und deren Maß den Vorzug eines Geistes vor dem anderen bestimmt. Die reinste und reichste Empfindung hat die reinste und reichste Vernunft zur Folge. Jeden sich selbst beobachtenden Forscher muß die eigene Erfahrung gelehrt haben, daß er bei seinem Forschen keine Kraft des Unterscheidens, des Vergleichens, des Urteilens und Schließens, sondern einzig und allein die Kraft seines  Sinnes  anstrengt, um seine Vorstellungen so deutlich zu machen, als sie werden können. Mit aller Gewalt hält er die Anschauung fest,  sinnt  und  sinnt  und zieht sie sinnend immer dichter an das Auge seines Geistes. Und wie ein lichter Punkt hervorspringt, ruht die Seele einen Augenblick, um ihn leidend aufzunehmen. Leidend empfängt sie jedes Urteil das in ihr entsteht. in  willkürlicher  Anschauung,  Betrachtung  allein ist sie tätig.

Er: Aber so könnte man ja wohl gewissermaßen sagen, die ganze Vernunft käme von außen in den Menschen herein.

Ich: Was kann man nicht  gewissermaßen  sagen? Wenn aber die Vernunft ein lebendiges Prinzip voraussetzt, das eine Welt in einem unteilbaren Punkt zusammenfassen und aus diesem Punkt zurückwirken kann auf das Unendliche, so sehe ich nicht, wie man auch nur  gewissermaßen  wollte sagen können, die Vernunft komme dem Menschen von außen. Das Geschäft der Sinne ist, Eindrücke anzunehmen und zu überbringen. -  Wem  zu überbringen? - Wo geschieht die Anhäufung der Eindrücke? Und was wäre mit einer solchen bloßen Anhäufung getan? - Vielheit, Verhältnis, sind  lebendige Begriffe,  die ein lebendiges Wesen, welches in seine Einheit das Mannigfaltige  tätig  aufnehmen kann, voraussetzen. Die dunkelste Empfindung aber drückt schon ein Verhältnis aus. Und so muß man nicht allein von den Erkenntnissen, die  a priori  heißen, sondern überhaupt von aller Erkenntnis sagen, daß sie nicht durch die Sinne gegeben, sondern allein durch das lebendige und tätige Vermögen der Seele bewirkt werden könne. Sinnlichkeit, wenn darunter etwas anderes als -  ein Mittel zugleich der Trennung und Vereinigung  - wobei das zu scheidende und zu verbindende Substanzielle schon vorausgesetzt wird, verstanden werden soll, ist nur ein leeres Wort. Als ein solches Mittel aber ist sie das Werkzeug der allmächtigen Liebe oder (Sie dulden einen kühnen Ausdruck) der  geheime Handgriff  des Schöpfers. Allein durch dieses Mittel konnte die Wohltat des Lebens; die Wohltat des sich unterscheidenden und dadurch sich selbst genießenden Daseins einer unendlichen Schar von Wesen verliehen und eine Welt aus dem Nichts hervorgerufen werden. - Ein Schauer ergreift mich, so oft ich dieses denke; mir ist jedesmal, als empfinge ich in dem Augenblick unmittelbar aus der Hand des Schöpfers meine Seele.

Er: Sie erinnern mich an das ehrwürdige alte Buch, wo es heißt: " Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele." -  Das Gefäß,  der Leib, mußte zuerst gebildet werden und wurde, um  Gefäß  zu sein,  allein  gebildet.

Ich: Die Vorstellungsarten der Menschen sind verschieden und nicht ein jeder sieht dasselbe in den Dingen. Nach meiner Vorstellungsart ist in dem aus Leib und Seele überall zusammengesetzten Wesen, in dem auf diese Weise durch Trennen und Binden bis ins Unendliche vervielfältigten Leben, die freie Hand eines allgenungsamen Gebers, ich möchte sagen bis zum Ergreifen, sichtbar. Was wir Materie nennen, grenzt a ns Nichts durch seine unwesenhafte Teilbarkeit bis ins Unendliche. - Was ist Körper? Was ist organischer Körper? - Alles Nichts, alles Unding und ohne eine Spur von wesenhaftem Bestand, wenn nicht Form durch  Substanz,  ein Reich der Geister zuerst gedacht; wenn nicht von der schlechterdings einfachen Natur des Lebens ausgegangen wird. - Also jedes, auch das kleinste System, deren Millionen in einer Made enthalten sein können, erfordert einen Geist, der es einigt, bewegt und zusammenhält - einen  Herrn und König des Lebens.  - Und das System aller Systeme, das All der Wesen, würde bewegt und zusammengehalten - von  Nichts?  - Es wäre nicht geeinigt? - Denn wenn es geeinigt ist, so muß es durch  Etwas  geeinigt sein und nichts ist wahrhaft  Etwas,  als der  Geist.  Derjenige Geist aber, der das All zu Einem macht, den Haufen der Wesen bindet zu einem  Ganzen,  ist unmöglich ein Geist  der nur  eine Seele wäre. Die Quelle des Lebens bedarf keines Gefäßes. Sie ist nicht wie der Tropf, der es bedarf, daß ein Gefäß ihn sondernd fasse und bewahre.  Schöpfer  ist dieser Geist; und das ist seine Schöpfung, daß er Seelen eingesetzt, endliches Leben gestiftet und Unsterblichkeit bereitet hat.

Er: Mir ist das nicht weniger auffallend wie Ihnen, daß ein eingeschränktes Leben, wie wir überall - bewirkt durch eine unendliche Mannigfaltigkeit von Formen - wahrnehmen, auf ein uneingeschränktes absolutes Leben und einen freien Urheber des Mannigfaltigen durch forderndes Bilden gerade hinweist. Dieses überschwengliche Wesen aber begreifen, seine Natur einsehen,  ergründen  wollen, würde heißen, Gott zu suchen, der uns den Gott  werden  lasse. Wie töricht! Wir wundern uns, erschrecken wohl gar darüber, daß ein  allein in sich  seiendes, durchaus  vollkommenes  Wesen uns endlichen und darum notwendig in unserem Dasein und Wirken eingeschränkten und bedingten,  wesentlich unkommenenen  Wesen, als ein  unmögliches  Wesen erscheint. Welch ein Schöpfer, der dem Geschöpf nicht also erscheinen müßte?

Ich: Die Anmaßungen und Begierden der Menschen sind sonderbar genug. Sie möchten gern mit den bloßen Augen sehen, ohne Licht und noch lieber gar auch ohne Augen. So, meinen sie, würde man erst recht  eigentlich, wahrhaft  und  natürlich  sehen. Nach dergleichen Vorstellungsarten das Unnatürlichste als das Natürlichste und das Natürlichste als das Unnatürlichste zu betrachten, das heißt dann Philosophie. Ich erinnere mich, daß ich in einer vermischten Gesellschaft einmal die Frage aufwerfen hörte: wie das menschliche Geschlecht wohl möchte fortgepflanzt worden sein, wenn der Sündenfall nicht eingetreten wäre. Goethe antwortete schnell:  ohne Zweifel durch einen vernünftigen Diskurs! (23)

Er: Köstlich! Aber was meinen Sie wohl, daß aus unseren vernünftigen Diskursen geworden wäre, wenn wir, so wie wir sind, in einer Welt und befänden, die an Unregelmäßigkeit dem Märchen vom Schlaraffenland gliche?

Ich: Diese Frage kann Ihnen die Geschichte großenteils beantworten. Sie finden dort eine Menge verschiedener Welterscheinungen und zugleich, daß die Vernunfterscheinungen den Welterscheinungen allemal genau entsprochen haben. Könnten wir in der Natur nur einigermaßen den Meister spielen oder auf das Ganze der Gesellschaft wirken, wie es in unseren Häusern und in einzelnen Staaten geschieht, die unsinnie Welt von der sie eben sprachen und ihr Korrelat die unsinnige Vernunft, wären lange da. Aber so hält eine unwandelbare  objektive  Vernunft, die wankende und schwankende  subjektive  mit Gewalt noch immer so weit im Gleis, daß sie nicht vollends umwerfen kann. Hie und da hat es zuweilen ausgesehen, als wollte man versuchen, Gewalt gegen Gewalt zu gebrauchen und es wäre daran, daß die Menschen selbst aus  diesem  Gleis kämen.

Er: Wäre dieses unser eigener Fall, so machte es mit dem philosophischen Evangelio, - daß wir auf dem besten Wege seien, von unserer Vernunft  allein  regiert zu werden und das goldene Zeitalter anzutreten, - einen sonderbaren Kontrast.

Ich: Ich wüßte nicht. Verständigen wir uns über die Sache; Sie werden finden, daß sie dennoch sich gewissermaßen denken und annehmen läßt.

Ist die menschliche Vernunft etwas anderes, als die menschliche Seele selbst, insofern sie über ihre einzelnen Empfindungen und Wahrnehmungen in Begriffen sich erhebt und nach Vorstellungen von Gesetzen in ihrem Tun und Lassen sich bestimmt? Die menschliche Seele selbst aber ist das, was, vom  Du  (dem Nicht-Ich) das  Ich  unterscheidend, deutlich iun uns ausspricht - das Ich. Da nun eben dieses auch die Vernunft ist, so stimmt jedes  Ich,  das in seinen Begriffen, Urteilen und Willensbestimmungen mit sich selbst übereinstimmt, notwendig auch mit seiner Vernunft überein und wir müssen sagen, daß es dann  allein  durch sich selbst regiert werde. Die Möglichkeit eines solchen Zustandes der Alleinherrschaft der Vernunft hängt von den Einschränkungen ab, zu welchen sich das  Ich,  um zu diesem Zustand zu gelangen, wohl bequemen will. Diese Einschränkungen, die freilich Verstümmelungen zu vergleichen sind, können so beschaffen sein, daß nun das Ich zu seinen allein vorbehaltenen  übrigen  Zwecken dadurch,  daß es sich immer nur sich selbst überlegt,  das ist allein durch seine also eingeschränkte Vernunft, ohne hinzukommende andere Erleuchtung und Kraft, den rechten Weg zu finden und bei seinem Ziele anzulangen sich imstande sieht. Das goldene Zeitalter jener Verkünder dürfte also wohl noch erscheinen und neue, bisher nie gewesene, Verfassungen mit sich bringen;  vollkommene, unveränderliche, feste,  wie jene - der Ameisen und Bienen. Einigermaßen ein Vorbild dazu haben wir bereits an China; und es ist als solches von europäischen Philosophen auch schon mehrmals angepriesen worden.

Er: Sie haben mich trefflich verständigt und ich begreife nun vollkommen. Alles muß der Erde gleich gemacht werden; was sich auf ihr über sie erhebt, das ist vom Übel.

Ich: Tempel und Altäre - nicht nur die sichtbaren, sondern auch die unsichtbaren - müssen allmählich einsinken, zuletzt aber ganz verschwinden. Dann erst ist das goldene Zeitalter wirklich eingetreten, wenn von Gott und göttlichen Dingen gar nicht mehr die Rede sein kann. Damit wieder auch nur die  Rede  davon käme, müßten wenigstens neue wundertätige Propheten auftreten und ein allgemeines Staunen erregen.

Er: Sie würden unsere  Goldenen  doch eher in Wahnsinnige als in Gläubige verwandeln. Solche Menschen - ich meine die  Vorläufer  der wirklich und durch und durch Goldenen, wie uns dergleichen denn häufig genug begegnen - solche Menschen, die in ihrer engen Sphäre gemeiniglich sehr hell denken und leicht sehr hell denken  können,  pflegen auf die hartnäckigste Weise die Grenzen ihrer Imagination für die Grenzen der Möglichkeit und die  Gesetze  ihrer Imagination  für die absoluten Gesetze der Natur und Vernunft  zu halten. Ihrer Erfahrung - dem, was sie so nennen, - muß alles widersprechende Raissonement; und ihrem Raisonnement alle widersprechende Erfahrung - die sie alsdann leugnen - auf der Stelle weichen. Was ihrer eigenschränkten Vorstellungsart nicht gemäß ist, das ist nicht, das  kann  nicht sein, das ist  überhaupt nicht denkbar.  Sie würden eher ihre Sinne, als ihre vorgefaßten Meinungen verleugnen und würden in der Tat, wenn sie diese verleugneten,  den Verstand,  den sie  haben,  aufgeben müssen.

Ich: Gestern besuchte mich ** aus ***, noch immer ganz untröstlich über den Verlust seines in der Tat unschätzbaren Weibes. Sie wissen, er ist ein entschiedener Gottesleugner und vollkommen überzeugt, daß mit dem Tod für den Menschen alles aus ist. Er sagte bei dieser Gelegenheit wieder, was ich mehrmals von ihm gehört hatte, daß Zeugnisse von Tatsachen für das Gegenteil oder auch eigene Erfahrungen dieser Art, ihn eher zum Narren machen, als ihm eine andere Überzeugung geben würden. Hierauf legte ich ihm die Frage ans Gewissen; wenn bei vollkommenem Wachen seine verstorbene Frau in ihrer eigenen deutlich ausgedrückten Gestalt so vor ihm erschiene, daß er vor der Erscheinung sich nicht entsetzte und sie sagte mit der Stimme, die er kennt zu ihm: "Sei ruhig, ich lebe glücklicher als hier auf Erden und wir sehen uns wieder" - Ich fragte ihn, ob er dann nicht an ein Leben nach dem Tod glauben würde?

Er: Zuverlässig hat er beteuert, daß er dennoch nicht glauben würde und Ihnen auf allerhand Weise gezeigt, mit welcher Wahrscheinlichkeit man die Erscheinung, die er gehabt, aus der Einbildung, der gegenwärtigen Gemütsfassung usw. würde erklären können.

Ich: So war es. Letzteres gab ich in Absicht auf alle anderen Menschen, ohne mich auszunehmen, zu; nur in Absicht auf ihn selbst gab ich es nicht zu. Ich versicherte ihn, wenn er vollkommen wach gewesen und bei der lieben Erscheinung unerschrocken und sich vollkommen gegenwärtig geblieben wäre: so würde ihm kein Mensch einreden, er hätte diese Erscheinung nur geträumt: und er würde auch von der Stunde an von seiner Fortdauer nach dem Tod gewiß geworden sein.

Er: Ob es bis ans Ende seines Lebens geholfen hätte, wäre unterdessen noch die Frage. Aber der Fall, den Sie annehmen, da gewiß ein jeder, der sich ihn denkt, die Wahrheit der Behauptung, die Sie darauf gründeten, empfinden muß, zeigt wieder auffallend das Übergewicht der unmittelbaren Anschauung über alle Schlüsse, die ja nie entdecken können, daß irgend etwas ist, mithin überall ein schon vorhandenes  Bewußtsein der Wahrheit  voraussetzen, auf das sie sich durchaus berufen. - Da aber die Verstorbenen nicht zu erscheinen pflegen und Gott sich nicht empfinden läßt, würden wir nicht mit unserer Philosphie am Ende auf den Schluß geraten, daß diejenigen, die keine positive Offenbarung annehmen, sobald sie zur gehörigen Besinnung kommen, den Glauben an Gott und an ein Leben nach dem Tode aufgeben müssen? denn aller Glaube muß sich zuletzt auf Tatsache, auf eigene oder fremde Erfahrung stützen. Jede Erfahrung ist aber nur aus Empfindungen zusammengesetzt.

Ich: Wenn Gott sich nicht empfinden, wenn er sich auf keine Art erfahren läßt, so haben Sie recht. Denn unsere ganze Erkenntnis besteht außer den Empfindungen und Vorstellungen nur aus Begriffen, Urteilen und Schlüssen und wir haben gesehen, daß die Begriffe, Urteile und Schlüsse, das ganze Gewebe unseres Denken, auf die  vollkommenere Empfindung  und ihren Fortgang, (24) oder die Progression des Bewußtseins nicht allein zurückgeführt werden  kann,  sondern wenn wir an unserer eigenen Vernunft nicht irre werden wollen, darauf zurückgeführt werden muß. Also, was wir  in diesem Verstand  von Gott nicht  empfinden  können, das können wir auf keine andere Weise von ihm erfahren oder gewahr werden. Denn noch einmal, wir erfahren und werden gewahr nur  mit  dem Verstand und  mit  der Vernunft, nie aber  durch  den Verstand und  durch  die Vernunft,  als wären sie besondere  aus sich offenbarende  Kräfte.  Abgesondert vom offenbarenden Vermögen, dem Sinn, als dem  Vermögen der Wahrnehmung überhaupt,  sind sie ohne Inhalt und Geschäft, bloße Gedankendinge, Wesen der Einbildung. Nicht also in der Wirklichkeit und Wahrheit, wo sie die vollkommenere Empfindung  selbst  sind, das edlere Leben, die höchste Äußerung der Kraft des Daseins, die wir kennen. Die Vollkommenheit der Empfindung bestimmt die Vollkommenheit des Bewußtseins  mit allen seinen Modifikationen.  Wie die Rezeptivität, so die Spontaneität, wie der Sinn, so der Verstand. Der Grad unseres Vermögens, uns von den Dingen außer uns intensiv und extensiv zu unterscheiden, ist der Grad unserer Persönlichkeit, das ist,  unserer Geisteshöhe.  Mit dieser köstlichsten Eigenschaft der Vernunft erhielten wir  Gottesahndung;  Ahndung dessen,  Der Du Ist:  eines Wesens,  das sein Leben in ihm selbst hat.  - Von da her weht die  Freiheit  die Seele an und die Gefilde der Unsterblichkeit tun sich auf.

Er: Ein Meer von Empfindungen und Gedanken hat mit Ihren letzten Worten sich in mir geregt, Freund ...

Ich: Es ist spät geworden; lassen Sie uns abbrechen. Aber damit unser Gespräch nicht zu feierlich und nicht zu gemein sich endige, so hören Sie noch ein paar Stellen aus einem Buch an, das ich gestern zum Zeitvertreib in die Hand nahm und das mich an einem kranken Tag so wohl gemacht hat, als ich es an nicht vielen der gesundesten gewesen bin.

Er: Lassen Sie sehen, eh ich höre! -  Lienhard und Gertrud?  - Davon schwebt mir etwas im Sinn.

Ich: Es ist seltsam, daß wir beide nicht genug davon erfuhren, um es längst gelesen zu haben. Was dem Verfasser fehlen möchte und was darum sein Buch teils  hat  und teils  nicht  hat, warum es mir nicht ganz gefällt: das hat wahrlich keine Schuld daran. - Kommen sie, daß wir über dem Buche nicht das Buch vergessen.

Er: "Taten lehren den Menschen und Taten trösten ihn - fort mit den Worten!"

"Alles was man immer dem Menschen beibringen kann, macht ihn nur insoweit brauchbar oder zu einem Mann, auf den oder auf dessen Kunst man bauen kann, insofern sein Wissen und seine Kunst auf den Schweiß seiner Lehrzeit gebaut ist und wo dieser fehlt, sind die Künste und Wissenschaften der Menschen, wie ein Schaum im Meer, der oft von weitem wie ein Fels scheint, der aus dem Abgrund empor steigt, aber verschwindet, so bald Wind und Wellen ihn anstoßen."

"Es hilft nichts zum Gehen, die Nacht zu beschreiben und die schwarze Farbe ihrer Schatten zu malen: nur wenn du das Licht anzündest, kannst du zeigen, was die Nacht war und nur wenn du den Star stichst, was die Blindheit gewesen."

"So wahr ist es, daß man die Menschen vom Irrtum abzuführen, nicht die Worte der Thoren widerlegen, sondern den  Geist  ihrer Torheit in ihnen auslöschen muß."

"Wir verheeren unser Inneres, wenn wir dem Schatten entweichen wollen, den Gott um uns gelegt hat."

"Gott hat die Nacht gemacht wie den Tag; warum willst du nicht ruhen in Gottes Nacht, bis er seine Sonne dir zeigt, die ewig kein Träumen hinter den Wolken, hinter denen Gott sie verborgen, hervorrufen wird?"

"Gott ist für den Menschen nur durch die Menschen der Gott der Menschen."

"Der Mensch kennt Gott nur, insofern er den Menschen, das ist sich selber kennt. - Und ehret Gott nur, insofern er sich selber ehrt, das ist, insofern er an sich selber und an seinen Nebenmenschen nach den reinsten und besten Trieben, die in ihm liegen, handelt."

"Daher soll auch ein Mensch den andern nicht durch Bilder und Worte, sondern durch sein Tun  zur Religionslehre  emporheben."

"Denn es ist umsonst, daß du dem Armen sagst, es ist ein Gott und dem Waisenkind, du hast einen Vater im Himmel; mit Bildern und Worten lehrt kein Mensch den andern Gott kennen."

"Aber wenn Du dem Armen hilfst, daß er wie ein Mensch leben kann, so zeigst du ihm Gott; und wenn du das Waisenkind erziehst, das ist, wie wenn es einen Vater hätte, so lehrst du ihn den Vater im Himmel kennen, der dein Herz also gebildet, daß du es erziehen mußtest."

Er:  Herrlich! Herrlich!  - Aber ich weiß nicht, wie mir gerade ein Aufsatz von Asmus in Gedanken kommt, worin von  schweren podagrischen Füßen  die Rede ist; und von anderen,  die der Mantel verbirgt."  Die letzten Worte, die einen gewaltigen Eindruck auf mich gemacht haben, sind:  "Fußsalbe, Mann von Sinope!"  
LITERATUR - Friedrich Heinrich Jacobi, David Hume über den Glauben oder Idealismus und Realismus(ein Gespräch), Werke, Bd. 2, Leipzig 1815
    Anmerkungen
    16) Den  medizinischen  Magnetismus lasse ich an seinen Ort gestellt sein, ohne dafür noch dawider eine entschiedene Meinung zu haben, weil verständige, gelehrte und ehrwürdige Männer versichern, gesehen zu haben und ich nicht gesehen habe.
    17) Zu den auffallendsten Stellen gehören diejenigen, welche im dritten Schreiben an Mendelssohn aus den  Principes de la Nature et de la Grace  anfgeführt worden sind.
    18) LEIBNIZ, Principia Philosophiae, § 74 und 84
    19) Brief an REMONDE de MONTMORT; Nouveaux Essais (Seite 278). Vornehmlich die Briefe an DES BOSSES (Seite 265)
    20) LEIBNIZ, Principia Philosophiae, § 68
    21) Unterschied und Vorzug liegen im Begriff der  forma substantialis,  welche der eigentliche Kern ist, aus welchem Leibnizens System erwuchs. Hierüber mehr an einem anderen Ort. Siehe Briefe über die Lehre des Spinoza, zweite Auflage, Beilage VI
    22) Der selige Lessing pflegte den Geist des Jahrhunderts durch eine Vergleichung mit den Krebsen, die man zuweilen mit einer ungeheuren  großen  Schere und einer  elend kleinen  daneben findet, zu charakterisieren. Er sagte von sich, daß er lieber ein mittelmäßiger Krebs mit zwei gleichen Scheren sein möchte.
    23) Dieser Blitzstrahl des Geistes wurde später zu folgendem sinnreichen Spruch:
      Fortzupflanzen die Welt sind alle vernünftigen Diskurse unvermögend;
      durch sie kommt auch kein Kunstwerk hervor. (Goethes Werke I, Seite 403)
    24) Daß sich ein leidendes Vermögen nicht für sich allein, sondern nur als die Modifikation eines tätigen Prinzips gedenken läßt, erinnere ich noch einmal zum Überfluß.