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BENNO ERDMANN
Theorie der Typen-Einteilungen
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    I. Vorbemerkungen
II. Zum Begriff des fließenden Zusammenhangs
III. Schematische Einteilungen fließender Zusammenhänge
IV. Repräsentative Typen
V. Scheinbare Typen der Organismen
VI. Die Entwicklungstypen der Organismen
VII. Die Idealität der Entwicklungstypen der Organismen
VIII. Typen und Sprachen
IX. Perioden-Typen
X. Kritische Bemerkungen
XI. Zusammenfassung

"Die Sprachen sind fürs erste ohne Zweifel keine Dinge, weder individuelle noch Inbegriffe von Dingen, sondern  Inbegriffe von Vorgängen,  die sich in den höchstentwickelten Organismen vollziehen."

VIII. Typen und Sprachen

Den in den letzten Abschnitten erörterten morphologisch-genealogischen und repräsentativen Typen der materialen, geschichtlichen Naturwissenschaften sind die Gliederungen der menschlichen Rassen nahe verwandt. Sie sind ein Ableger von jenen. Etwas ferner stehen jenen Typen die Einteilungen der Völker. Noch mehr diejenigen der Sprachen.

Die logischen Variationen, die dem Typusbegriff in seiner Anwendung auf die Sprachen zuteil werden, bedürfen deshalb selbständiger Besprechung.

Die Typeneinteilungen sind in der Sprachwissenschaft um ein Vierteljahrhundert früher verwertet worden, als in den biologischen Disziplinen und zwar in einer Weise, die schon DARWIN auf die scheinbar enge Analogie der naturhistorischen zu den Sprachgattungen hinweisen ließ. Seidem SCHLEICHER von sprachwissenschaftlicher Seite aus diese scheinbare  Analogie  ausführlicher begründet hat, ist sie von den Verfechtern des Darwinismus der Regel nach benutzt und von Sprachforschern mehrfach genauer erörtert worden.

Auf den ersten Blick kann es in der Tat scheinen, daß die Analogie eine so durchgreifende sei, wie allgemein, auch SPENCER und von SPITZER in seinen philosophischen Beiträgen zur Deszendenztheorie, behauptet worden ist.

Hier wie dort sind die Übergänge fließende; in beiden Fällen ist der Zusammenhang spezieller ein genetischer. "Kein Sprachorganismus" - mit diesen Worten formulieren WHITNEY-JOLLY die bekannte Tatsache - "bleibt sich unverändert gleich; vielmehr ist jeder in einer unaufhörlichen Veränderung, so in formeller wie in materieller Hinsicht, begriffen. ... Keine lebende, keine tote Sprache ist etwas von jeher Dagewesenes; jede vielmehr die Tochter oder Enkelin einer älteren, der vielleicht auch noch andere lebende oder tote Sprachen entsprossen sind." Insbesondere fließend sind die Übergänge zwischen Sprache und Dialekt. Ähnlich wie im Reich der Organismen stehen ferner diesen verschwimmenden Übergängen ebenso unsicher zu bestimmende isolierte Sprachen zur Seite, wie das Baskische, das Etruskische und etwa die kaukasischen Sprachen. Selbst so verschiedenartige Sprachstämme wie der indogermanische und der semitische zeigen so viel Gemeinsames, daß der Gedanke einer Verwandtschaftsbeziehung zwischen ihnen ernsthaft erwogen werden konnte. Dazu kommt endlich, ähnlich wie bei den Organismen, daß fort und fort Sprachen untergehen. Es ist deshalb unbegreiflich, daß über die logischen Gattungen der Sprachen "bei den Sprachforschern nicht minder große Uneinigkeit obwaltet als bei den Botanikern und Zoologen". Die Fragen nach der Anzahl der bekannten Sprachen, ja selbst nach der Anzahl der größeren Sprachgruppen, die allerdings mehr der Neugierde als dem Wissenstrieb entspringen, finden dementsprechend durchaus verschiedene Antworten. Insbesondere mannigfaltig sind die Übergänge zwischen den Formen des grammatischen Baues der Sprachen, so daß STEINTHAL zu dem Urteil kommen konnte, eine auf diese Unterschiede gestützte Einteilung der Sprachen sei überhaupt unzulässig.

Es kann demnach nicht überraschen, daß auch den Sprachforschern da, wo sich die Verwandtschaftsbeziehungen der Glieder eines Sprachstammes mit einiger Sicherheit feststellen lassen, das Gleichnis des Stammbaums bequem wurde, das SCHLEICHER vor allen aus dem DARWINschen Gedankenkreis hierher übertragen hat. Aus denselben Analogien ist dann das hinkendere Gleichnis erwachsen, das JOHANN SCHMIDT und nach seinem Vorbild O. SCHRADER eingeführt hat: das Bild einer schiefen, vom Sanskrit zum Keltischen in ununterbrochener Linie geneigten Ebene, aus der allmählich "durch das Aussterben vermittelnder Varietäten" (!) eine Treppe geworden sei.

Alle diese naheliegenden Analogien werden durch die Verschiedenheit des gegenwärtigen Standes der Sprachwissenschaft gegenüber dem der Botanik und der Zoologie anscheinend wenig beeinträchtigt.

Die Sprachforschung steht den inneren, psychologischen Bedingungen der Sprachentwicklung trotz aller seit WILHELM von HUMBOLDT, neuerdings insbesondere durch STEINTHAL und PAUL darauf verwendeten Arbeit fremder noch gegenüber, als die Entwicklungslehre der Organismen den mechanischen Energien. Allerdings nicht wesentlich durch ihre Schuld. Die Psychologie leistet vielmehr auf diesem, von ihr erstaunlich vernachlässigten Feld des geistigen Lebens, der Sprachwissenschaft geringere Hilfe, als den biologischen Wissenschaften die Physik und Chemie. Außerdem beherrscht die Sprachforschung ihr eigenes Gebiet ungleichmäßiger, als jene Wissenschaften die ihrigen. Große Reihen komplizierter Sprachen, so manche asiatische, viele afrkikanische und austra sowie die amerikanischen Sprachen sind nicht genug durchforscht, als daß die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen ihnen und zu anderen Sprachen deutlich hervortreten könnten. Die Annahme, daß allen Sprachen der Erde eine Entwicklung etwa der indogermanischen und der semitischen Sprachen ähnlich sei, ist keine verifizierte Hypothese, sondern lediglich ein aus allgemeinen Gründen gesichertes Postulat für eine solche.

Wird die Analogie der Sprachtypen mit denen der Organismen jedoch genauer geprüft, so zeigt sich, daß sie ungleich weniger durchführbar ist, als auch die Sprachforscher allgemein angenommen haben. Der Glaube an diese Analogie ist vielmehr allem Anschein nach nur deshalb allgemein verbreitet, weil die Sprachforscher in geringerem Maße als die Naturforscher das Bedürfnis empfunden haben, den logischen Sinn ihrer Typen klarzlegen.

Um diese Aufgabe zu lösen, setzen wir fürs erste an die Stelle eines beliebten Bildes eine schärfere begriffliche Bestimmung.

Die Sprachforscher reden seit Anfang unseres Jahrhunderts von den Sprachen gern als von Organismen. Diese Analogie war für das Zeitalter unserer Naturphilosophie, schon für die Gebrüder SCHLEGEL und für BOPP naheliegend. Sie ist durch K. F. BECKER, wie anerkannt werden muß, nicht unerheblich vertieft worden. Sie dränge Sich später, als die Hypothese DARWINs alle Geister erregte, überall unwillkürlich auf. Aber sie beruth, ebenso wie etwa die Analogie der Aufmerksamkeit mit der Gesichtswahrnehmung, lediglich auf einem verführerischen Bild. es wäre aussichtslos, das Wesen des Organismus in die knappe Form einer Definition zwängen wollen. Es ist jedoch unzweifelhaft, daß Organismen in eigentlicher Bedeutung ausschließlich Dinge mit Eigenschaften seind, die uns zumeist lediglich in der Sinneswahrnehmung entgegentreten, nur in unserer eigenen Erfahrung uns auch nach ihrer geistigen Seite, in der Selbstwahrnehmung gegeben sind. Organismus ist also das abstrakt Allgemeine von lebenden Objekten oder Dingen mit den Eigenschaften des Lebens, die Gegenstände möglicher Wahrnehmung sind. Wir dürfen so sagen, da es nicht unsere Aufgabe sein kann, das Rätsel des Lebens hier in Betracht zu ziehen, also die Diallele [das Durcheinander - wp] in den Begriffen des Organismus und des Lebens zu vermeiden.

Uns genügt eine Reihe von Konsequenzen, die durch diese Frage nicht berührt werden. Die Sprachen nämlich sind fürs erste ohne Zweifel keine Dinge, weder individuelle noch Inbegriffe von Dingen, sondern  Inbegriffe von Vorgängen,  die sich in den höchstentwickelten Organismen vollziehen. Zu einer genaueren Bestimmung gelangen wir, wenn wir den Begriff der Sprache auf das für uns Wesentliche beschränken. Demnach fällt die Unterstufe der sogenannten Tiersprachen ohne weiteres aus. Ebenso dürfen alle Arten der Gebärdensprachen, auch die kunstmäßig entwickelte der Taubstummen, außer Betracht bleiben. Nicht minder endlich das sekundäre Produkt der Sprachentwicklung, die Schriftsprache mit ihren optischen Wortvorstellungen, sowie ihr Tastsinnskorrelat bei den Blinden. Die Inbegriffe von Vorgängen, welche die Sprache im engeren Sinne bilden, bestehen daher in der akustischen Sprache des normalsinnigen, durch keine aphatischen Störungen behinderten Menschen.

Die akustischen Sprachvorgänge bewegen sich auf  zwei  Stufen.

Auf der Stufe, die dem Sprachforscher zunächst liegt, ist die Sprache  Laut sprache im eigentlichen Sinn, ein Inbegriff von bedeutungsvollen Lauten, d. h. ein Inbegriff von akustischen Wahrnehmungsvorstellungen, die mit ihren Bedeutungsvorstellungen assoziativ verknüpft, verflochten sind. In diesem Sinne ist die Sprache nur wirklich, sofern sie lautlich gesprochen, gehört wird und wenigstens im Sprechenden selbst Bedeutungsvorstellungen zum Ausgangs- oder Zielpunkt der reproduktiven Erregung hat, also verstanden wird.

Die psychologisch zweite Stufe der akustischen Sprache ist diejenige des gleichsam inneren Sprechens, des lautlosen Denkens, d. h. des an die Sprache gebundenen, wenn auch lautlosen Urteilens. Diese weder von den Sprachforschern noch von den Psychologen bisher hinreichend gewürdigte Stufe der akustischen Sprache ist die logisch bedeutsamere. Allerdings nicht für denjenigen, der noch immer in der Sprache nur "umhüllende und verhüllende Formen" des Denkens zu finden weiß, der sich mit den hier vorliegenden Tatsachen durch die tiefsinnige Bemerkung abfindet, daß "man doch auch nicht den Bau des menschlichen Körpers aus der Betrachtung des bekleideten Körpers kennen lernt". Als eine zweite Stufe der  akustischen  Sprache haben wir sie aufzufassen, indem wir uns aufgrund hier nicht zu erörternder Daten das Recht nehmen, die durch sekundäre Verflechtungs-Assoziationen entstandenen Erinnerungen an optische Wortvorstellungen außer Acht zu lassen. Denn selbst in den wenigen Fällen, wo sie scheinbar prävalieren [vorherrschen - wp], sind nicht sie, sondern die Reproduktionen der akustischen Wahrnehmungsworte die leitenden Bedingungen des stillen Denkens. Wir dürfen demnach behaupten, daß die Sprache auf dieser Stufe nur wirklich ist, indem die akustischen Wortvorstellungen der Wahrnehmung in mehr oder mindern vollständigem Zusammenhang von Sätzen reproduziert und verstanden werden.

Auf beiden Stufen ist die Sprache im engeren Sinne demnach ein Inbegriff von Wortvorstellungen auf akustischer Wahrnehmungsgrundlage, die mit den ihnen entsprechenden Bedeutungsvorstellungen assoziativ verknüpft sind. Den assoziativen Zusammenhang ihrer Bedeutungen helfen sie bilden und festigen. Vielfach vermögen sie die Bedeutungen, deren Zeichen sie werden, in der Erinnerung zu vertreten. Für die prädikative Gliederung des Denkens ist ihr Satzzusammenhang eine notwendige Bedingung; ja, dieser Zusammenhang der lautlosen Rede ist ein notwendiger  Bestandteil  des Denkens.

Ein Inbegriff von  Vorgängen  ist die Sprache auf beiden Stufen deshalb, weil sich unser sprachlich verknüpftes, prädikativ gegliedertes Vorstellen stets in einen Vorstellungs verlauf  auseinanderlegt; selbst dann, wenn die Urteile sich grammatisch zu einem Satzwort zusammenziehen, oder gar nur  ein  gedanklich betonter Satzteil in der bewußten Reproduktion anzutreffen ist. Auch unter diesen Umständen tritt ein Vorstellungsverlauf schon deshalb ein, weil der psychophysiologische Zusammenhang der akustischen Wortvorstellungen mit den Innervationen [Nervengefühle - wp] der Sprachmuskulatur für jedes elementare Lautbild wirksam ist.

Die Sprachen  leben  ferner auch nicht in dem Sinne, in dem Organismen leben. Sie gehören lediglich zu den Vorgängen, durch die sich in den höchst-organisierten Lebenwesen das Leben vollzieht. Sie besitzen überdies, so wesentlich ihre Wortbildungen physiologisch, durch die Sprachmuskulatur und die sonstigen beim Sprechen beteiligten Organe mitbedingt sind, auch nicht im eigentlichen SInn  morphologische  Charaktere: die Lautsprache kann selbstverständlich weder gesehen noch getastet werden.

Die Entwicklung der Sprachen ist allerdings eine  organische.  Aber nur in demselben Sinne, wie die aller übrigen physiopsychologischen Lebensfunktionen des Menschen, nicht wie die des Menschen als Organismus selbst, geschweige denn wie die der Organismen überhaupt. Denn daß sie das Medium aller menschlichen Kulturgemeinschaft ist, hebt die Sprache aus diesem natürlichen organischen Zusammenhang nicht heraus. Wider die unmittelbaren Analogien ihrer Typen mit den morphologischen streitet demnach ihr psychologischer Charatker. Denn wer, nach dem Stand unseres gegenwärtigen Wissens im voraus, an die Analogien der morphologischen Substrate für die mechanischen Korrelate ihres psychischen Bestandes zu den morphologischen Substraten der übrigen mechanischen Lebensvorgänge denken wollte, würde nach dem Früheren eben nicht Sprach-, sondern Naturwissenschaft treiben.

Ebenso ist endlich klar, daß auch die absichtliche und unabsichtliche Übertragung der Sprache auf andere geistig mehr oder weniger entwickelte Individuen dadurch, daß man dies eine Fortpflanzung nennt, keiner der Formen analog wird, die den Fortbestand der pflanzlichen und tierischen Organismen sichern.

Diese Erörterungen mögen pedantisch erscheinen. Solcher Schein entsteht unvermeidlich, wo es notwendig wird, an die Stelle eines beliebten Bildes begriffliche Bestimmungen zu setzen. Daß sie notwendig waren, wird schon daraus klar, daß wir ihnen zufolge die etwa vorhandenen Analogien der sprachlichen zu den naturhistorischen Typen erst aufnehmen dürfen, wenn wir jene Typen ohne solche Rücksichten aus dem Wesen der Sprache heraus bestimmt haben.

Die Sprachforscher lehren, daß das Wesen einer jeden Sprache sich aus zwei Reihen von Bestimmungen zusammensetzt, aus dem Sprach stoff  oder den  Sprachwurzeln,  d. h. den letzten, etymologisch nicht weiter zerlegbaren Lautbestandteilen der Worte und aus der Sprach form,  d. h. der Art und  Weise, in der diese Bestandteile als Worte  der menschlichen Rede, als  Redeteile aufeinander bezogen sind. 

Die vorstehenden Bestimmungen sind so gewählt, daß sie die spezielleren Fragen der Sprachforschung, die sich an sie knüpfen, möglichst unberührt lassen.

Es bleibt also fürs erste dahingestellt: aus welchen Lautarten die Wurzeln zusammengesetzt sind; ob ihre Lautbestände fest oder nur typisch und wenn letzteres, in welchem Sinne sie unterschieden werden können; welche Silbenzahl ihnen in diesem oder jenem Fall zuzusprechen ist; welche Arten von ihnen, nach ihren sprachlichen Funktionen im Zusammenhang der Rede, zu trennen und ob solche Gliederungen überhaupt durchführbar sind; wie die Bedeutungen der Wurzeln verstanden werden müssen usw. Anzunehmen würde nur sein, daß die Wurzeln einer Sprache in jedem Fall von den Worten getrennt werden können. Das aber erscheint auch hinsichtlich der hin und wieder so genannten Wurzelsprachen geschehen zu dürfen. Denn auch wo Wurzel und Wort in ihren Lautbestandteilen zusammenfallen, läßt sich jene von diesem abstrakterweise absondern; dadurch nämlich, daß der Wurzel der Inbegriff von Bestimmungen, z. B. der Stellung oder des Akzents, in Gedanken genommen wird, die den Worten als Redeteilen bald so, bald anders eigen sind. Wurzeln sind demnach in jedem Fall abstrakter, als die Worte, die ihnen zugehören. Diese Voraussetzung ist allerdings umstritten. Sie entspricht im wesentlichen der Meinung POTTs, daß die Wurzel "die ... Einheit genetisch zusammengehöriger Wörter und Formen ist", also einer Meinung, der andere, nicht nur MAX MÜLLER, sondern z. B. auch DELBRÜCK und von der GABELENTZ widersprochen haben. Indessen nach dem eben Angeführten schwerlich mit Recht. Aufzugeben ist nur, weil psychologisch unhaltbar, was POTT den zitierten Worten einfügt, daß nämlich jene Einheit "dem Sprachbildner bei der Schöpfung der Worte in der Seele als Prototyp vorschwebte". Aber dieser Zusatz ist für die Sprachforscher, welche die Auffassung POTTs angenommen haben, glücklicherweise nur ein bedeutungsloser Schmuck geblieben.

Ähnlich allgemein ist die obige Bestimmung der Sprach form.  Sie soll der allerdings etwas dunkel gekleideten Einsicht WILHELM von HUMBOLDTs entsprechen:
    "Wenn den unvollkommeneren Sprachen die wahre Einheit eines, sie von innen aus gleichmäßig durchstrahlenden Prinzips mangelt, so liegt es doch in dem hier geschilderten Verfahren, daß jede demungeachtet einen festen Zusammenhang und eine, zwar nicht immer aus der Natur der Sprache überhaupt, aber doch aus ihrer besondern Individualität hervorgehende Einheit besitzt. Ohne Einheit der Form wäre überhaupt keine Sprache denkbar".
Die Sprachform pflegt seit WILHELM von HUMBOLDT in eine verhältnismäßig klare Art, die  äußere  Sprachform und eine unverhältnismäßig unklare, die  innere  Sprachform, geschieden zu werden. Die  äußere Sprachform  ist der Inbegriff der grammatischen Beziehungen (Wortstellung, Aneinanderfügung von Worten, Flexion usw.), die den Worten als Redeteilen eigen sind und deshalb den grammatischen Aufbau der Sprache charakterisieren. Sie wird nach dem Vorgang WILHELM von HUMBOLDTs dementsprechend auch als grammatische Form bezeichnet: "Was in einer Sprache in grammatisches Verhältnis charakteristisch (so daß es im gleichen Fall immer wiederkehrt) bezeichnet, ist ihre grammatische Form". Die  innere Sprachform  dagegen entspringt aus der Rücksicht auf die psychologischen Bedingungen der äußeren, grammatischen Form. Sie umfaßt, wie wir etwa sagen können, alle die psychologischen Vorgänge, die zu der äußeren Form führen. Bestimmteres zu sagen, erscheint zur Zeit bedenklich. Denn trotz der eindringenden Arbeit, die insbesondere STEINTHAL der Untersuchung der inneren Sprachform gewidmet hat, stehen wir doch in den ersten Anfängen einer psychologischen Erkenntnis jener Prozesse. Eine festere Basis wird die Psychologie für diese ihr zugehörigen Probleme erst finden, wenn sie den Versuch macht, die neuere Technik der psychopathologischen Diagnose der Sprachstörungen, sowie die psychophysiologischen Hypothesen, die aus den Ergebnissen dieser Technik herausgearbeitet worden sind, eingehend zu würdigen. Klar ist vorläufig nur, daß keine Hoffnung besteht, die innere von der äußeren Sprachform jemals reinlich trennen zu können. Denn auch die grammatischen Sprachformen sind, trotz ihrer physiologischen Bedingtheit, wesentlich psychologischer Natur. Der Kausalzusammenhang der Sprachformen ist ferner durchgängig ein wechselseitiger, so daß jede empirisch bestimmbare Wirkung andererseits Ursache, jede solche Ursache andererseits Wirkung ist.

Damit haben wir die sachlichen Voraussetzungen für die logische Bestimmung der sprachlichen Typen gewonnen.

In erster Reihe sind die von der Sprachwissenschaft verwendeten Typen demnach  formale,  d. h. solche, die auf Unterschieden der Sprachform beruhen. "Morphologische", wie sie genannt zu werden pflegen, sind sie nur in bildlichem Sinn. Und auch dieses Bild entstammt seiner sinnlichen Grundlage nach nicht speziell der Ähnlichkeit zwischen den Sprachformen und den organischen Geweben, sondern allgemeiner der Analogie der Sprachformen mit einem Gebilde, das wie jene Gewebe, aber auch wie tausenderlei anderes, aus einem gegebenen Stoff sich aufbaut. Die Ähnlichkeit mit den organischen Geweben überhaupt mit den Gebilden der materiell-mechanischen Natur versagt sogar noch schneller, als die Analogie zu kunstmäßig auferbauten stofflichen Gebilden. Denn die menschliche Rede hängt nicht bloß von unwillkürlich, sondern auch von teleologisch wirkenden Ursachen ab, von den Zwecken der inneren, urteilsmäßigen Darstellung sowie der Mitteilung usneres geistigen Lebens. Ebenso unglücklich ist schon deshalb auch POTTs Deutung dieser Typen als "physiologischer".

Die formalen Typen-Einteilungen der Sprachen sind teils der äußeren, teils aus der inneren Sprachform hergenommen. Vorzugsweise nennen die Sprachforscher diejenigen formalen Typen, deren Einteilungsgrund die äußere Sprachform ist, morphologische. So hat die Meinung entstehen können, daß die Einteilungen nach der äußeren und inneren Sprachform richtiger als "morphologische" und "psychologische" zu scheiden seien. Aber es ist klar, daß diese Fassung hinsichtlich des zweiten Gliedes nach dem oben über beide Arten der Sprachform Ausgeführten ebenso verwirrend ist, wie nach dem eben Dargelegten hinsichtlich des ersten. FRIEDRICH MÜLLER, der Urheber dieser Scheidung, durfte es überdies nicht eine "Inkonsequenz" nennen, daß beim Ausgang von der äußeren Sprachform schon auf das Verhältnis der Sprache zum Denken "Rücksicht" genommen wird. So eine Rücksicht fließt vielmehr unvermeidlich aus dem Zusammenhang der Sache.

Aus den Unterschieden der äußeren Sprachform sind mannigfache Typen abgeleitet worden. Einer spezifischen  Zwei teilung in isolierende und flektierende Sprachen gedenkt WHITNEY. Auf wiederholten kontradiktorischen Dichotomien [Zweiteilungen - wp] beruht die alte, auf die Gebrüder SCHLEGEL zurückzuführende  Drei teilung in flexionslose, affigierende (zusammengenommen: anorganische) und flektierende oder organische Sprachen. Sie verrät deutlich die Einwirkungen der spekulativen Naturphilosophie. Sachlich verwandt ist die Dreiteilung WHITNEYs in isolierende und flektierende, der letzteren in agglutinierende und in flektierende Sprachen (1) im engeren Sinn. Sie ist ebenfalls eine abgeleitete, d. h. aus Dichotomien konstruierte Dreiteilung; aber in ihr sind an die Stelle der unklaren kontradiktorischen schärfere spezifische Zweiteilungen getreten. Diesen abgeleiteten Dreiteilungen verdanken die logisch selbständigen Trichotomien von BOPP und SCHLEICHER ihren Ursprung. Jener gliedert, indem er die sonst vereinigten semitischen und indogermanischen Sprachen trennt, in einsilbige, zusammensetzende und modifizierende; dieser gibt das verbreitete Schema der isolierenden, agglutinierenden und flektierenden Sprachen. Aus einer normativen Dreiteilung ist die  Vier teilung POTTs abgeleitet in:
    1) normale, d. h. eigentlich flexivische;

    2) isolierende und

    3) agglutinierende, d. h. zusammengenommen intranormale und

    4) transnormale, d. h. einverleibende oder, wie man sie auch nennt, polysynthetische Sprachen.
Logisch sind diese formalen Typen fürs erste dadurch charakterisiert, daß sie, wie wir sagen können, die allgemeinsten "Baupläne" angeben sollen, die dem grammatischen Gefüge ungleich großer Sprachgruppen zur Zeit zu entnehmen sind. Sie sind insofern den oben besprochenen Typen CUVIERs verwandt, aber von vornherein mit der Einschränkung, daß es sich hier um grammatische, nicht um morphologische Bauformen handelt und in der Umbildung, daß statt der festen Unterschiede jener Arten hier ein fließender Zusammenhang vorliegt, der zu Typen in unserem Sinne führt. Es sind abstrakte, schematische Vorstellungen der Hauptformen des äußeren, grammatischen Gefüges der Sprachen, d. h. der Beziehungen, durch die sich die Worte der Sprachen von ihren hypothetischen Wurzeln unterscheiden. CUVIERs morphologische Typen waren ferner von ihrem Urheber ohne Reihenzusammenhang gedacht; später ist ihnen ein solcher zugeschrieben worden. Hier dagegen herrscht Streit, ob die formalen Typen, wie manche der oben genannten Einteilungen voraussetzen, in Reihenzusammenhang stehen und wenn das der Fall ist, wie sie auf- oder absteigend geordnet werden müssen. Wahrscheinlich ist, wie wir sehen werden, daß ein solcher Zusammenhang fehlt.

Diesen formalen Sprachtypen treten ferner in ähnlicher Weise repräsentative zur Seite, wie den morphologischen Typen der Naturwissenschaften. Und hier wie dort hat die Logik lediglich zuzugestehen, daß dieser Nebensinn, der einen oder mehrere speziellere Typen zu Repräsentanten der allgemeineren macht, zurecht besteht; dementsprechend auch die Gewohnheit, einzelne Merkmale der logischen Gattungen jeder Höhe als "typische" zu bezeichnen. So wird das Chinesische zum repräsentativen Typus für die einsilbigen Sprachen. Ähnlich werden die ural-altaischen Sprachen typische Repräsentanten die zuerst vorwurfsvoll so genannten agglutinierenden. Weniger einfach liegen die Bedingungen für diesen Nebensinn in den flektierenden Sprachen. Hier haben die am besten bekannten, die indogermanischen einerseits, die semitischen andererseits, als gleich ausgezeichnete Repräsentanten zu gelten, falls überhaupt richtig ist, diese beiden formal wesensverschiedenen Sprachstämme in einem "Bauplan" zu vereinigen. Schwierig endlich scheint es, unter den nordamerikanischen Indianersprachen überhaupt ein Glied zu finden, das sich zum typischen Repräsentanten des in sich selbst wenig bestimmten polysynthetischen Sprachbaus eignet.

Der Durchführung dieser Einteilungen nach der äußeren Sprachform stellen sich allerdings erhebliche Schwierigkeiten entgegen. Die Urheber dieser Gliederungen pflegen selbst den fließenden Zusammenhang zwischen ihnen zu betonen, auch die von ihnen bevorzugten als nicht reinlich durchgreifende zu bezeichnen. Schärfer sind die Schwächen jeder einzelnen unter ihnen von den Gegnern beleuchtet worden. Gegen sie alle sprechen die Gründe, die aus der Äußerlichkeit des Einteilungsgrundes hergenommen worden sind. Denn es ist unzweifelhaft, daß die innere Sprachform, wäre sie selbst scharf zu begrenzen, eine tiefdringende psychologische Handhabe für die Gliederung bieten könnte. Es ist deshalb begreiflich, daß es trotz der verschwimmenden Umrisse der inneren Sprachform an Versuchen nicht fehlt, sie mit der äußeren im Einteilungsgrund zu verbinden. Als ein erster Versuch dieser Art ist die von STEINTHAL schematisierte Einteilung WILHELM von HUMBOLDTs zu deuten. Diese ist eine Tetrachotomie [Vierteilung - wp], die von einer normativen, kontradiktorischen Dichotomie ausgeht und durch zwei spezische Zweiteliungen fortschreitet, deren eine der äußeren Sprachform entnommen ist, während die andere dem Gebiet der inneren nahesteht. Denn WILHELM von HUMBOLDT scheidet nach der genannten Schematisierung fürs erste unvollkommenere und vollkommenere Sprachen, sodann innerhalb der ersten Gruppe Partikel- und Pronominal-, endlich innerhalb der letzteren isolierende und flektierende Sprachen. Verwickelter ist, um von anderen abzusehen, die Achtteilung, die STEINTHAL durchzuführen versucht hat. Sie geht aus einer kontradiktorischen Zweiteilung in formlose und Formsprachen hervor und wird durch zwei spezifische Dichotomien (nebensetzende und abwandelnde Sprachen), denen zwei spezifische Trichotomien [Dreiteilungen - wp] aggregiert sind, spezieller gegliedert. Ob solche Einteilungen denen aus der äußeren Sprachform in der Tat überlegen sind, ob sie ihnen bei besserer Einsicht in die innere Sprachform als wir gegenwärtig besitzen, überlegen werden können, ob es, endlich jemals möglich sein wird, die innere Sprachform zum ausschließlichen Einteilungsgrund zu stempeln: das alles entzieht sich der logischen Beurteilung. Deutlich aber ist, daß der formale und repräsentative Charakter der Gattungen, sowie ihr lediglich typischer Unterschied, auch in diesen Fällen erhalten bleiben würde.

Der formale Charakter der Typen aus der äußeren Sprachform bleibt jedoch in den Erörterungen der Sprachforscher nicht gewahrt. Auch in die Einteilungen aus der inneren Sprachform werden tatsächlich Fäden hineingezogen, die durch einen wesentlich anderen Gedankengang gesponnen sind. Mehrfach nämlich, insbesondere von MAX MÜLLER, aber z. B. auch von WHTNEY und von der GABELENTZ, ist behauptet worden, daß speziell die Typen des isolierenden, agglutinierenden und flektierenden Sprachbaus zugleich Sprach stufen,  d. h. Perioden der Sprachentwicklung darstellen. "Alle Sprachen" würden demnach "naturgemäß diese drei Stufen durchmachen, die Flexion" würde "ausnahmslos Agglutination und die Agglutination bloße Nebeneinanderstellung voraussetzen". Es bleibe ungeprüft, ob diese Hypothese zutreffend ist. Sie ist es schwerlich. Wo indessen angenommen wird, daß jene formalen Sprachtypen Wechselbegriffe mit diesen Sprachstufen seien, da tritt dem formalen Typus ein neuer, der  Perioden-Typus  zur Seite, den wir in späterem Zusammenhang logisch zu erläutern haben. Damit aber wäre eine Typenbeziehung gegeben, die trotz aller Analogie, die diese Perioden mit den Perioden der Organismen-Entwicklung darbieten, den Sprachtypen ausschließlich eigen wäre. Denn selbstverständlich darf MAX MÜLLERs eben zitierte Behauptung nicht beim Wort genommen werden. Nicht "alle Sprachen" würden jene Entwicklung durchmachen. Nur die Sprach stämme  hätten sie durchgemacht und unter diesen nur diejenigen, die sich bis zu der flektierenden Stufe erhoben hätten. Und auch diese nicht als abstrakte Sprachstämme, sondern in der Weise, daß von den ihnen zugehörigen Sprachen, würden sie in ihrer Gesamtheit bis auf die Anfänge zurückverfolgt, sich die ältesten als der isolierenden, spätere als der agglutinierenden, die neueren als der flektierenden Stufe zugehörig erweisen würden. Die dem agglutinierenden Typus zugehörigen Stämme würden in gleicher Weise die beiden ersten repräsentieren. Es wird nicht nötig sein auszuführen, inwiefern die Analogien zu den allgemeinsten morphologischen Typen der Organismen hier in allem Wesentlichen versagen. Ebensowenig, weshalb derjenige, dier hier an ein Seitenstück zum vielberufenen Parallelismus der individuellen und der Stammesentwicklung der Organismen dächte, lediglich begrifflicher Verwirrung nachgäbe.

In anderer Hinsicht läßt sich jedoch die Beziehung der Sprachtypen zu den naturhistorischen noch weiter verfolgen.

Wir gehen zu dem Zweck von den nicht eben glücklich so genannten indogermanischen Sprachen aus. Die Sprachen dieses "Stammes" zeigen bekanntlich nicht nur tiefgreifende Ähnlichkeiten der Sprachform, sondern auch eine weitreichende  materiale  oder Wurzelgemeinschaft. Dieser doppelte Zusammenhang hat zu dem Schluß geführt, daß alle einzelnen Sprachen des Stammes auf eine Ursprache zurückzuführen seien, die übrigens nach ihrem hypothetischen Bestand selbst schon das Produkt einer Entwicklung von historisch unschätzbarer Dauer sein würde. Wahrscheinlich ist deshalb, daß sie selbst bereits als in sich dialektisch gespalten angenommen werden muß. Aus ihr haben sich, wird weiter angenommen, zu verschiedenen Zeiten, also auch unter verschiedenen politischen und sozialen Verhältnissen, einzelne Sprachgemeinschaften losgelöst, die sich dann, auch unter verschiedenen geographischen Bedingungen sowie unter mehr oder weniger starker Einmengung fremder Sprachelemente, selbständig weiter entwickelt haben. Die indogermanischen Sprachen sind demnach durch eine Gemeinschaft der Abstammung verbunden, die wir nach Analogie der Geschlechtsgemeinschaft der Organismen, also bildlich als eine genealogische fassen dürfen. Auch dieser engere Stammeszusammenhang aber ist ein fließender. Ebenso die noch engeren Zusammenhänge mancher dieser Sprachen untereinander, z. B. der italokeltischen; nicht minder der wiederum speziellere etwa der germanischen oder romanischen; endlich der engste der gleichzeitigen dialektischen Verschiedenheiten einer Sprache. Die Stammesgliederung dieser Sprachen vollzieht sich demnach durch Typen, die in übertragenem Sinne gleichfalls  genealogische  genannt werden können.

Allerdings nur in übertragener Bedeutung. Denn die genealogischen Typen der Sprachen sind von den genealogischen Typen der Organismen wesensverschieden. Jene waren die um die Verwandtschaftsbeziehungen bereicherten morphologischen Typen; diese sind die um die Wurzelgemeinsamkeiten bereicherten formalen. Jene gaben die Verwandtschaftsbeziehungen der Arten organischer, bei den höheren Tieren der geschlechtlichen Fortpflanzung wieder. Hier handelt es sich um Verwandtschaftsbeziehungen, die aus der Übertragung der Sprachen gleicher Herkunft auf mehr oder weniger selbständig gewordene, mehr oder weniger eigenartig fortentwickelte sprachliche Gemeinschaften entstehen. Kontinuität im strengen Sinne ist hier wie dort dem fließenden Zusammenhang nicht eigen. So weit sich die Sprachforscher darin gefallen, von ihr zu reden, meinen sie nur fließende Übergänge im engeren Sinn. Jede noch so vermittelte lautliche Verschiebung vollzieht sich, mathematisch genommen, in kleinen diskreten Absätzen. Weniger noch endlich als dort trifft hier das Gleichnis des Stammbaums, das SCHLEICHER nicht sowohl "aus der alten genealogischen Auffassung vom Ursprung der Völker", als aus unklaren Analogien zur Entwicklung der Organismen erwachsen zu sein scheint, wirklich das Wesen der Sache. Mit glücklichen historischen Blick hat EDUARD MEYER darauf aufmerksam gemacht, daß "alle Versuche, aus Sonderübereinstimmungen unter den Einzelsprachen größere zusammengehörige Gruppen nachzuweisen und sich ihre Ausbreitung in Form eines Stammbaums vorzustellen - in der Art, daß das Urvolk sich in zwei oder drei Völker und diese dann weiter gespalten hätten - scheitern mußten". Das Treppen- und das Wellengleichnis, das man ohne Rücksicht auf solche Analogien herangezogen hat, hinken freilichen, wie bereits angedeutet, aus anderen Gründen in noch stärkerer Weise.

Diese Unterschiede werden nicht geringer, wenn wir vom indogermanischen zu anderen Sprachstämmen übergehen. Wahrscheinlich ist allerdings, daß nicht nur die semitischen Sprachen, sondern auch die einzelnen Sprachen aller übrigen Sprachstämme eine genealogische Gliederung zulassen, die sich von der typischen Genealogie der indogermanischen Sprachen nicht allzuweit entfernt. Die Sprachforschung wird demnach wahrscheinlich eine Reihe von Ursprachen zu postulieren haben. Damit ist allerdings noch nichts darüber entschieden. ob die Glieder dieser Reihe sich wiederum in mehrere oder gar zuletzt in eine genealogisch verknüpfte Gruppe vereinigen lassen, ob also ein einziger oder ob eine Mehrheit von Sprachursprüngen wahrscheinlicher werden wird. Vorläufig sind alle Hypothesen über den, wie wir nach Analogie sagen können, monophyletisch [die Gruppe hat eine gemeinsame Stammform und umfaßt auch alle Untergruppen, sowie die Stammform selbst - wp] Sprachursprung auf Luft gebaut. Die Unklarheit, die in MAX MÜLLERs Annahmen über einen solchen Ursprung herrscht, kann das im Einzelnen verdeutlichen. Aber es ist ebenso daran zu erinnern, daß die durch POTT insbesondere verbreitete vorsichtigere Meinung eines polyphyletischen Ursprungs nur dem gegenwärtigen Stand der Sprachforschung entspricht. Zur Entscheidung der Frage werden auch, wenn es sich einmal verlohnen wird, sie ernsthaft zu diskutieren, nicht nur sprachwissenschaftliche, sondern auch psychologische und ethnologische Daten, ferner Gründe aus dem Bereich der Urgeschichte, endlich und vielleicht nicht am wenigsten Deduktionen aus der Entwicklungstheorie der Tiere Material liefern.

Enger würde die Analogie der genealogischen Sprachtypen zu den genealogischen Typen der Organismen werden, wenn wir die Verwandtschaftsbeziehungen der Sprachen zu denen der Rassen der Tiere in ein festes Verhältnis bringen könnten. Das hat FRIEDRICH MÜLLER in der Tat behauptet.
    "Da für die Sprachen ... mehrere voneinander unabhängige Sprachursprünge angenommen werden müssen ..., so muß man, soll eine Befassung dieser [letzten] Abteilungen unter einem höheren Prinzip stattfinden,  hinter  die Sprache zurückgehen. Es ist mithin notwendig, auf jene Typen zurückzugehen, welche vor der Begründung der Sprachtypen existierten (!) - also auf die Rassen-Typen. Diese bilden ... den Ausgangspunkt des genealogischen Systems."
Aber die scheinbaren Schlüsse dieser Begründung sind in Wahrheit Gedankensprünge. Die polyphyletische Hypothese des Sprachursprungs führt im vorliegenden Gedankenzusammenhang lediglich zu der Frage: Wie lassen sich die als selbständig vorauszusetzenden hypothetischen Ursprachen gliedern? Die Antwort kann nur sein: Insoweit, als sich Gemeinsamkeiten des Wurzel- und des entsprechenden Bedeutungsbestandes oder Gleichartigkeiten der Sprachform zwischen einzelnen unter ihnen ergeben. Denn wo beides vereinigt wäre, müßten wir eine genealogische Beziehung einsetzen.  Hinter  den Sprachbestand  zurück  führt der Weg nur zu den psychophysischen und sozialen Bedingungen des Sprachursprungs. Wollten wir über die Sprache  hinaus-,  und speziell zu den Rassen  über gehen, so müßten wir dartun können, daß in diesen Urgemeinschaften Sprach- und Stammesgenossenschaft zusammenfiele oder daß mindestens ungleich festere Beziehungen zwischen ihnen obwalteten, als für historische Zeiten behauptet werden dürfen. Es wird schwer sein, haltbare Gründe für diese Voraussetzungen herbeizubringen. So lange wir statt dessen auf so mangelhafte Rassentypen angewiesen sind, wie gegenwärtig und Rassen und Sprachen so ineinander laufen, wie das gegenwärtig nach Analogie der geschichtlichen Beobachtungen auch für die vorhistorischen Zeiten zu schließen ist, kann die Gliederung der Rassen zur Sprachentscheidung, wie auch umgekehrt, nichts Wesentliches beitragen. Da wo die Erörterung etwas schärfer gefugt werden kann, wie bei den indogermanischen Sprachen, ist dieser Sachbestand deutlich. Die Ausführungen SCHRADERs zeigen das im Einzelnen. Werden jene Erörterungen allgemeiner gefaßt, so verfallen sie dem Schicksal der Darlegung WHITNEYs, ohne rechtes Zentrum zu sein und deshalb ergebnislos zu bleiben.

Einer letzten Analogie zu den naturhhistorischen Typen könnten wir begegnen, wenn wir auszumachen suchen, ob die formalen Typen der Sprachstämme oder wenigstens die genealogischen innerhalb der einzelnen Sprachstämme eine bestimmte Reihenordnung zulassen. Etwa nach der Kraft, mit der in den anscheinend wurzelhaft verschiedenen Sprachen oder den wurzelhaft verwandten Sprachen eines Stammes die Aufgaben der Sprache für das Denken und die Mitteilung der Gedanken gelöst werden. Eine solche "Sprachwürderung" wäre innerhalb der Grenzen der äußeren Sprachform möglich, wen wir das oben bestrittene Recht hätten, die allgemeinen formalen Typen der isolierenden, agglutinierenden und flektierenden Sprachen oder irgendwelche anderen dieser Art zugleich als Typen der Sprachabstufung anzusehen. Denn dann dürften wir den Schluß ziehen, daß diese in günstigen Fällen vollzogene Fortbildung eine aufsteigende Reihe ergäbe. Lassen wir diese Annahme fallen, so würde auch für die Antwort auf die allgemeinere Frage außer dem grammatischen Bestand im engeren Sinn noch die innere Sprachform sowie der Wurzelreichtum in Betracht zu ziehen sein. Aber es scheint, daß diese Frage weder im allgemeinen, noch im besonderen Fall eine feste Antwort zuläßt; noch weniger als bei den Tieren und - nach NÄGELIs Ausführungen - selbst bei den Pflanzen. Die Tatsachen der sprachlichen Entwicklung weisen vielmehr darauf hin, daß der Gedanke einer allgemein abstufbaren Entwicklung der "Sprachidee", den STEINTHAL nach dem Vorgang WILHELM von HUMBOLDTs festgehalten hat, schwerlich zu Recht besteht. Allem Anschein nach können sehr verschiedene Weisen der Sprachbildung den sprachlichen Funktionen im Denken und Mitteilen ungefähr gleich entsprechen. Die Bedeutung der Diskussionen über diese Frage, die in den allgemeinen Werken über Sprachwissenschaft angestellt zu werden pflegen, besteht demnach im wesentlichen darin, daß sie über diese verschiedenen Wege orientieren und so den geistigen Horizont erweitern können, eine Aufgabe, der WILHELM von HUMBOLDTs Untersuchung über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus in noch immer unübertroffener Weise gerecht wird.
LITERATUR - Benno Erdmann, Theorie der Typen-Einteilungen, Philosophische Monatshefte, Bd. 30, Berlin 1894
    Anmerkungen
    1) Agglutinierende Sprachen sind solche, die Wörter zum Zweck des Beziehungsausdrucks an andere Wörter anfügen, ohne daß es, wie in den flektierenden Sprachen, zu einer festen Verschmelzung kommt. Eine feste Grenze zwischen diesen beiden Sprachgattungen ist freilich nicht zu ziehen. [Meyers Großes Konversationslexikon, Bd. 1. Leipzig 1905, Seite 168 / wp]