tb-1StatistikC. G. HempelR. Wahle     
 
BENNO ERDMANN
Theorie der Typen-Einteilungen
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    I. Vorbemerkungen
II. Zum Begriff des fließenden Zusammenhangs
III. Schematische Einteilungen fließender Zusammenhänge
IV. Repräsentative Typen
V. Scheinbare Typen der Organismen
VI. Die Entwicklungstypen der Organismen
VII. Die Idealität der Entwicklungstypen der Organismen
VIII. Typen und Sprachen
IX. Perioden-Typen
X. Kritische Bemerkungen
XI. Zusammenfassung

"Jedem Versuch, die politische Geschichte in Perioden zu zerlegen, stellen sich bekanntlich schier unübersteigliche Hindernisse entgegen. Wenn wir von den älteren, schon der Zeit der Patristik unternommenen Einteilungen nach biblischen und kirchlichen Gesichtspunkten absehen, so bleibt vor allem die seit dem siebzehnten Jahrhundert üblich gewordene Dreiteilung in alte, mittlere und neuere Geschichte. Sie ist deutlich der praktischen Dreiteilung der menschlichen Entwicklung in Jugend, mittleres und späteres Alter nachgebildet."

IX. Perioden-Typen

In der Deutung der formalen Typen der äußeren Sprachform als Sprachstufen sind wir auf typische Arten gestoßen, die vom Umkreis der bisher betrachteten Typen nicht unwesentlich abweichen. Jene Deutung ergab sich allerdings als wenig wahrscheinlich. Aber es ist klar, daß jede Gliederung der Sprachentwicklungen in Perioden einen fließenden Zusammenhang zu teilen versucht, daß also die Perioden, die wir in jeder Sprachentwicklung unterscheiden können, selbst typische Glieder sind. Die Typen dieser Gruppe, die Perioden-Typen, sind sogar sehr viel älter als die morphologischen, genealogischen und repräsentativen Typen der Organismen sowie die formalen, formal-materialen und repräsentativen der Sprachen. Sie sind überdies allen Entwicklungsstufen eigen. Sie finden sich nicht nur in der Sprachwissenschaft, sondern ebensowohl in der wissenschaftlich einigermaßen zusammengeschrumpften Kosmogonie, in der Geologie, in der Wissenschaft von der organischen Entwicklung, in der politischen Geschichte, der Geschichte der wirtschaftlichen, der sozialen Beziehungen, in der Geschichte aller menschlichen Kultur mit Einschluß der Wissenschaften, der Künste und der Religion. In allen diesen Entwicklungswissenschaften zeigt der fließende Zusammenhang der Vorgänge, die sie zu untersuchen haben, eine Reihe von Gleichförmigkeiten. Dementsprechend sind unsere logischen Überlegungen im Hinblick auf sie alle anzustellen und müssen die Typen, die wir gewinnen, logisch im wesentlichen die gleiche Struktur erkennen lassen.

Es wird genügen, die logischen Momente, die hier in Betracht kommen, mit vorwiegender Rücksicht auf die Geschichte im engsten Sinne, die politische Geschichte, zu besprechen.

Vorweg ist zu bemerken, daß diese Einteilungen und zwar nicht infolge der fließenden Beziehungen ihrer Glieder, sondern aufgrund der Eigenart des Einteilungsganzen, notwendig machen, den Boden der überlieferten Lehre noch in anderer Richtung zu verlassen. Die Logik pflegt im Hinblick auf die Wechselbeziehungen von Definition und Einteilung zu behaupten, daß nur das Allgemeine, die Gattung, eine Einteilung vertrage, da nur in ihr sich der Begriff des Umfangs als Inbegriff der Arten, weiterhin der Exemplare erfülle. Nun ist es gewiß sachlich so abgeschmackt, wie formell zulässig, den Einzelgegenständen einen Umfang in analogem Sinne beizulegen wie den allgemeinen. Trotzdem gibt es zwar nicht Einzeldinge, aber Inbegriffe veränderlicher Beziehungen von und Inbegriffe sich entwickelnder Vorgänge in Einzeldingen, die eine einteilende Zerlegung vertragen, ja fordern. Speziell die Entwicklung von Einzelvorgängen, die uns hier allein interessiert, verlangt eine Gliederung in Entwicklungsperioden oder -Stufen oder -Phasen oder, unter besonderen Bedingungen, von Entwicklungsepochen; ganz so, wie die Entwicklung der allgemeinen Inbegriffe von Vorgängen. Dort wie hier finden wir sachliche Antriebe, das Ganze der Entwicklung eines Einzelgegenstandes systematisch zu gliedern, sei dieser eine historische Persönlichkeit, ein Staat, ein Produkt der freien Kunst oder der Technik, eine Wissenschaft, eine Religion, ein Stück der Erdoberfläche, unsere Erde selbst, unser Sonnensystem oder der Kosmos überhaupt. Hier wie dort umspannen die Glieder den Bereich des Ganzen; dort den Umfang im logischen Sinn, hier die Gesamtvorstellung der Vorgänge und ihrer Beziehungen. Auch hier bedürfen wir eines Grundes der Gliederung; und auch dieser geht zuletzt auf den Inhalt des eingeteilten Ganzen, d. h. hier den Entwicklungsverlauf zurück, wenn anders die Einteilung eine begrifflich bestimmte, eine Klassifikation ist. Und auch hier ist dieser Einteilungsgrund Gattung zu den Arten der Unterschiede, welche die einzelnen Glieder, d. h. die Perioden der Entwicklung, voneinander trennen. Auch hier endlich können alle Arten von Einteilungen Anwendung finden, die der stets fließende Zusammenhang der Glieder gestattet: Zwei, Drei- und Vielteilungen, ferner schematische, diagnostische oder sogenannte künstliche und sogenannte natürliche Klassifikationen.

Typen dieses Sinnes, d. h. nicht Arten von Gattungen, sondern Spezialisierungen von Gesamtvorstellungen und zwar Entwicklungstypen, also kausale Typen des Entwicklungszusammenhangs, sind auch die Perioden der Geschichte im engsten Sinne, deren "Arbeitsgebiet" wir im Sinne RANKEs und DIETRICH SCHÄFERs überall um den Staat herum zentriert denken müssen. Art- und Gattungstypen dagegen sind die Perioden der politischen Geschichte unseres Geschlechts überhaupt, der wirtschaftlichen, religiösen, wissenschaftlichen, künstlerischen Entwicklung des Menschengeschlechts im allgemeinen.

Die Behauptung, daß die Entwicklungstypen der Einzelgegenstände sich mit diesen Gattungstypen in ihren Einteilungscharakter decken, kann leicht nachgeprüft werden. Es wird deshalb genügen, hier nur die letzteren in Betracht zu ziehen.

Jedem Versuch, die politische Geschichte in Perioden zu zerlegen, stellen sich bekanntlich schier unübersteigliche Hindernisse entgegen. Wenn wir von den älteren, schon der Zeit der Patristik unternommenen Einteilungen nach biblischen und kirchlichen Gesichtspunkten absehen, so bleibt vor allem die seit dem siebzehnten Jahrhundert üblich gewordene Dreiteilung in alte, mittlere und neuere Geschichte. Sie ist deutlich der praktischen Dreiteilung der menschlichen Entwicklung in Jugend, mittleres und späteres Alter nachgebildet. Ihr typischer Charakter liegt vor Augen. Nicht einmal die äußeren Beziehungen des Raums, auf dem, oder der Zeit, in der sich die Geschichte vollzieht, gestatten eine feste Begrenzung. Der fließende Zusammenhang dieser Beziehungen ist sogar ein streng kontinuierlicher. Aber auch die Unterschiede der Rassen, Völker oder Staaten, der wirtschaftlichen oder religiösen Faktoren, sowie der Sprachgemeinschaften, welche die Entwicklung bedingen, liefern keine scharfen Grenzen. Überdies ist zweifellos, daß die Einteilung nicht nur in Rücksicht auf das Mittelalter, sondern ebenso auch in Anbetracht jeder der beiden anderen Perioden, so unförmlich wie äußerlich ist. Aber wir könnten an ihrer Stelle jede beliebige andere wählen: die nicht seltene, aus praktischen Gründen bevorzugte Vierteilung in alte, mittlere, neuere und neueste Geschichte mit ihren sich unverhältnismäßig verkürzenden Gliedern; oder den wunderlichen Einfall einer Teilung nach je drei Generationen oder nach Jahrhunderten, den wohl nur die Nebel des versinkenden Jahrunderts als eine ernsthafte Meinung erscheinen lassen. Stets würde es unmöglich bleiben, irgendwo reinlich abzugrenzen, ganz abgesehen davon, daß alle diese Einteilungen im Grunde nicht weniger von außen an die Geschichte herangetragen sind, als die jetzt billig zu tadelnden älteren. Die Veränderungen, die zu einem neuen politischen Zustand führen, wachsen im allgemeinen langsam an; die einzelnen zugleich in verschiedenem Tempo sowie in verschiedenem Grad. Gleichzeitig stirbt das politisch Alte unter analogen Differenzen der Bewegung langsam ab. Vielfach ferner verknüpft sich das Beharrende mit beiden Veränderungsreihen; und das in allen Formen von der äußerlichsten Anknüpfung bis zur innigsten Verschmelzung. Vor- und rückschreitende Bewegung einerseits, Aktion und Reaktion im allgemeinsten Sinne andererseits, bilden zusammen ein dicht verschlungenes Geflecht, in dem die bedeutsam wirkenden Persönlichkeiten zugleich geschobene und schiebende Knotenpunkte von besonderer Spannungskraft sind. Jeder und Jedes ist Hammer und Amboß zugleich. Auch hier berühren sich die Extreme; auch hier laufen die Wege nach oben und nach unten, neben, in und durcheinander.

Dieser Sachbestand wird für den Historiker auch kein anderer, wenn "tiefer er schaut und höher er nimmt", was die Gliederung der Geschichte vermittelt; wenn er also den Versuch macht, sich statt an "das Vergehende in der Erscheinung" vielmehr an "leitende Ideen" zu halten. Die leitenden Ideen mögen wie immer gefaßt werden: in einem metaphysisch-teleologischen Sinn der deutschen Spekulation seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts; inder Weise der Aufeinanderfolge der theologischen, metaphysischen und positiven Denkart im Sinne COMTEs; in der dunklen Bedeutung, die ihnen RANKE gibt, wenn er, noch dazu in mißverständlicher Zeitbegrenzung, von "herrschenden Tendenzen in jedem Jahrhundert" spricht. Zu einer reinlichen Ausgleichung der Entwicklungsperioden, in denen sie erscheinen, führen sie nimmermehr. RANKE hat allerdings behauptet:
    "In jeder Epoche der Menschheit äußert sich eine bestimmte große Tendenz und der Fortschritt beruth darauf, daß sich eine gewisse Bewegung des menschlichen Geistes in jeder Periode darstellt, welche bald die eine, bald die andere Tendenz hervorhebt und in demselben sich eigentümlich manifestiert."
Nun wird niemand den großen Zug, der in solchen Gedanken liegt verkennen. Wir können uns deshalb für unseren Zweck den unbestimmten Sinn, der hinter den "bestimmten Tendenzen" steckt und die ungewisse Bedeutung, in in den "gewissen Bewegungen" liegt, immerhin gefallen lassen. Wir dürfen uns weiter bescheiden, daß jene Tendenzen "nur beschrieben, nicht aber in letzter Instanz in einen Begriff summiert werden können." Wir brauchen nicht einmal zu prüfen, inwieweit solche Beschreibungen, wenn auch nur mittelbar, aus den Darstellungen des großen Historikers herausgelesen werden können. Wir könnten sogar annehmen, daß diese Ideen der sich entwickelnden Gemeinschaft der Menschen, würden sie für sich betrachtet, konstant wären, wie etwa die Naturgesetze. Endlich könnten wir selbst die bedenkliche metaphysische Behauptung wagen, daß diesen konstanten Ideen der Geschichte trotz ihrer Wirksamkeit in der Welt der Erscheinungen ein abgeschlossenes, abstrakt genommen isoliertes Dasein gegenüber dieser Welt zueigen sei, daß sie eine Welt eigener Art bilden, wie die Platonischen Ideen oder eine transzendente Realität im absoluten Geist Gottes besitzen, der das Epos der Geschichte dichtet.

Wer wollte trotz alledem behaupten, daß die Ideen  in dieser ihrer Selbständigkeit  den Erscheinungen immanent sind, deren Inbegriff der Gegenstand unserer Einteilung bleibt? Denn welcher Unbefangene würde dem abgestorbenen aristotelischen Gedanken innerhalb der Kreise der Entwicklungstheorien wieder Leben einflößen wollen, daß die innerweltlich gedachten Ideen das eigentlich Substantielle der Erscheinungen seien und gar in der Weise, daß aus ihrem Inhalt feste Grenzen für die Perioden der Geschichte abgeleitet werden könnten? Auch wenn wir diese Meinungen nach dem Muster der Genossenschaftsidee dahin umbiegen wollten, daß das Substrat für die Wirklichkeit der Ideen nicht die Geister der Einzelnen seien, sondern der Geist eines die Einzelnen beherrschenden kollketiven Inbegriffs höherer Realität: immer bliebe es eben die in der Periodengliederung zu bewältigende Tatsache der Geschichte, daß die Macht der Ideen über die Geister und in den Geistern allmählich wächst und abnimmt, daß daher die vom Schauplatz abtretenden, in dieser ihrer Rolle verkommenden Ideen noch vorhanden und also wirksam sind, während die aufstrebenden schon agieren. Ebenso unberührt bliebe endlich die Tatsache eines solchen fließenden Zusammenhangs, wo das Extrem dieses Realismus in das individualistische umschlüge, daß alles tiefere Wirken in der Geschichte lediglich von den Auserwählten unter den Berufenen ausginge. Denn so weit darf auch dieser Gedanke nicht übertrieben werden, daß er das Recht verliehe, die Fäden des historischen Zusammenhangs auch nur an einer einzigen Stelle abzureißen, etwa um sie unmittelbar und ausschließlich an den Geist Gottes anzuknüpfen.

Am deutlichsten tritt der fließende Zusammenhang gerade da hervor, wo die Existenz solcher leitender Ideen in den Geistern der Glieder einer Gemeinsachft keinem Zweifel unterworfen und ihr Sinn verhältnismäßig fest bestimmbar ist: in der Geschichte der Wissenschaften. Auch hier treffen wir ineinander fließende Perioden einerseits vorwiegenden, unter Umständen Epoche machenden Aufbaus, andererseits vorwiegender Durcharbeitung leitend gewordener Ideen in der Mathematik und vorwiegender Verifikation in den übrigen Wissenschaften; ebenso diesen sachlich gegliederten Perioden nicht notwendig entsprechende Zeitalter einesteils vorwiegender Neubildung, andernteils vorwiegender Zersetzung oder Zurückdrängung von Methoden und Ergebnissen, die führend und anscheinend gesichert waren. Mit beiden kreuzen sich ferner die Perioden der Aktion herrschender Gedankenmassen und der Reaktion der ihnen entgegengesetzten; dazu, durch sie alle hindurchfließend, der Strom der teils unberührten, teils nur äußerlich umgeformten Überlieferung.

Die Typen dieser Art, auch die naturwissenschaftlichen, sind durchgängig sehr viel verwickelter zusammengesetzt, als selbst die genealogischen unter den früher besprochenen. Sie sind Inbegriffe von Entwicklungsvorgängen individueller oder kollektiver Einzelgegenstände. Sie bleiben das nicht nur, sofern sie in ihrer Einzelheit betrachtet, sondern auch wenn sie allgemein genommen, d. h. nach ihrer Gleichartigkeit zu größeren Gruppen zusammengefaßt werden. Die Vorgänge, die in diesen Perioden-Typen zusammengefaßt werden, stehen in durchgängiger Kausalgemeinschaft. So weit entwickeltes geistiges Leben in ihren Gliedern vorhanden ist, sind diese Gemeinschaften zugleich teleologisch verknüpft.

Es ist möglich, in jedem dieser Typen Gruppen von vorherrschenden wirkenden Ursachen herauszufinden; sowohl dann, wenn die Ursachen lediglich mechanische sind, als auch dann, wenn sich diesen teleologisch wirkende zugesellen. Unmöglich ist es, diese Gruppen in Gedanken reinlich zu isolieren; ebenso, ihren Bestand zugleich übersichtlich und vollständig anzugeben. Es sind repräsentative Typen der kausal verbundenen Glieder. Bedenklich ist es, diese vorherrschenden, gestaltenden Kräfte auch da als Ideen zu bezeichnen, wo die Entwicklung nicht durch handelnde Personen geschieht. Ist der Zusammenhang der Gemeinschaft dagegen ein teleologisch bedingter, wie in der Geschichte des Menschengeschlechts, so ist es geboten, ihn im Sinne solcher Ideen zu konstruieren. Erst durch sie enthüllt sich der tiefere Zusammenhang des Geschehens. Sie verhüllen ihn nur, wenn sie zu selbständigen Realitäten verdichtet werden.

Der kausale Zusammenhang der Periodentypen wie der in ihnen vorherrschenden Kräfte ist, soweit lediglich mechanische Energien in Frage kommen, ein streng kontinuierlicher. In denjenigen Gruppen, deren Entwicklung durch das Zusammen- und Gegeneinander-Wirken belebter und beseelter Wesen zustande kommt, steht der Zusammenhang, innerhalb der kausalen Glieder der Ideen wie in er zu gliedernden Entwicklung selbst, der Kontinuität im strengen Sinne näher, als in den morphologisch-genealogischen Typen der Organismen und den formal-materialen Sprachen. Er entfernt sich jedoch von dieser Kontinuität in allen Periodentypen umso mehr, je mehr in ihren Inhalt neben den Energiemomenten auch  vorherrschende Züge,  d. h. Inbegriffe von Zuständen, Formen und Dingen aufgenommen werden, die durch die Entwicklung hervorgerufen sind: Lagerungen der Erdringe, Verteilung von Land und Wasser, Versteinerungen, dominierende Gruppen der Flora und Fauna, Nationalcharaktere, soziale Institutionen jeder Art. Denn diese den Periodentypen eigenen  materialen  Charaktere, wie sie im Unterschied von den morphologischen der Organismen und den formalen Sprachen genannt werden können, stehen mit den beiden letzteren logisch auf gleicher Stufe.

In wechselnder Fülle werden diese materialen Charaktere mit den kausalen verflochten. Sie stehen überall im Vordergrund der Beschreibung. In der Paläontologie der Erde und ihrer organischen Bewohner erhalten sie diese Stellung schon deshalb, weil es Postulat der Naturforschung geworden ist, für alle Räume und Zeiten eben die mechanischen Energien vorauszusetzen, die wir gegenwärtig wirksam finden. Analoge Voraussetzungen leiten neuerdings auch in der Sprachwissenschaft. Aus mehrfachen Gründen bedürfen endlich die Entwicklungswissenschaften des geistigen Lebens solcher materialen Charaktere: einmal: weil dieselben hier in besonderem Maße den Ausgangspunkt für die kausale Konstruktion bilden; dann, weil sie vor allem ermöglichen, ein anschauliches Gesamtbild für die Einbildung zu entwerfen; zuletzt, weil die Konstruktion der wirkenden Bedingungen, eben weil sie sich für jede Periode ins unbegrenzte zersplittern, über die leitenden Ideen nicht hinausgeführt werden kann. Denn diese sind gerade infolge ihres verwickelten Gefüges im allgemeinen mehr zu skizzieren als auszuführen. Die Einzeldarstellung hat deshalb in eben jenen Zügen dsa Material zu schaffen, das jene Ideen für das nachbildende Verständnis anschaulich macht. Die Entwicklungstypen sind demnach  material-kausale.  Die zeitlichen und räumlichen Erscheinungen geben nur den äußeren Halt und individualisierende Bestimmungen. Ersteren auch nur, sofern sie material bezogen, in den teleologisch durchsetzten Entwicklungen z. B. an leitende Persönlichkeiten oder Völker oder zentrale Ortsgebiete, an bedeutungsvolle Ereignisse oder Taten geknüpft sind. Jede anscheinden geschlossene Einrahmung dieser Art ist nur ein Ungefähr; sie gibt nicht Daten für das Verständnis, sondern für das Gedächtnis. Scharf zu trennen sind endlich nach alldem die Periodentypen von den früher besprochenen schlechterdings nicht. Der Erblichkits-Zusammenhang der Geschlecht, der organische Fortpflanzungszusammenhang jeder Art knüpft Beziehungen zu den genealogischen Typen. In ähnlicher Weise wirkt die Dauter des Anorganischen. Die synthetische und die analytische Sprachstufe, die WILHELM von SCHLEGEL zuerst in den flektierenden Sprachen unterschieden hat, sind zugleich formalen Charakters. Die materialen Charaktere heben sich von den morphologischen und formalen trotz aller Unterschiede nur bei peinlich logischer Beleuchtung deutlich ab.


X. Kritische Bemerkungen

Es ist ein vernächlässigtes Feld der Methodenlehre der Logik, dem wir durch die vorstehenden Typen-Einteilung der hauptsächlichsten Typen unserer wissenschaftlichen Erkenntnis einigen Ertrag abzugewinnen suchten.

JOHN STUART MILL war wohl nach WHEWELL der erste, der die Eigenart dieser Einteilungen mit einiger Aufmerksamkeit betrachtet hat. Aber seine Erörterung, deren polemische Seite wir außer Acht lassen dürfen, steht hinter den Darlegungen seines Vorgängers zurück. Sein Blick geht über das Gebiet der Organismen nicht hinaus. AUch in den späteren Auflagen vermag er überdies die Unklarheit des Artbegriffs von DARWIN nicht zu überwinden. Ihm gilt nach wie vor als Wahrheit, daß
    "jede Gattung oder Familie mit deutlicher Beziehung auf gewisse Charaktere gebildet, sowie in erster Reihe und vorwiegend aus Arten zusammengesetzt ist, die in eben diesen Charakteren übereinstimmen."
Er hilft sich mit der Ausflucht:
    "Zu diesen Arten kommen als  eine Art Anhang  andere,  im allgemeinen  wenige, die  nahezu  alle jene Charaktere besitzen."
Ja, er scheut nicht vor dem Muster einer schlechten Definition zurück:
    "Die Klasse kann als diejenigen Dinge definiert werden, welche entweder eine bestimmte Reihe von Charakteren besitzen oder den Dingen, die sie besitzen, mehr als irgendwelchen anderen ähnlich sind".
Wunderlich hat sich JEVONS in seiner kurzen, dem gleichen Feld entnommenen Besprechung der "Klassifikation durch Typen" gestellt. Er sagt:
    "Der Begriff der Klassifikation durch Typen ist streng genommen in logischer Hinsicht irrtümlich. Der Naturforscher versucht stets festbestimmte Gruppen von Lebenwesen abzugrenzen, obgleich die Organismen in sehr vielen Fällen so eine strenge Scheidung nicht zulassen. Daraus entspringt eine gewisse Laxheit der logischen Methode, die nur durch das unumwundene Geständnis zu bessern sind, daß nach der Theorie der Abstammung unter Vererbung die Gradation der Charaktere vielleicht die Regel, die präzise Begrenzung zwischen Gruppen die Ausnahme ist."
Wie viele Behauptungen, so viele Irrtümer oder schiefe Gedanken. Besser hat WUNDT gesehen. Aber auch er verkennt die durchgreifende Bedeutung dieser Einteilungen. Er geht ferner auf das logische Gefüge der Typen nicht ein, so daß er sich verführen läßt, statt dem logischen Bestand, vielmehr dem vielfach inkorrekten Sprachgebrauch der Naturforscher zu folgen.

Nicht überall nämlich, wo die Naturforscher sich gewöhnt haben, von Typen zu reden, liegen Typen im Sinne von Arten fließenden Zusammenhangs vor; so wenig wie umgekehrt überall da, wo Typen in dieser Bedeutung vorhanden sind, der sprachliche Ausdruck ihrem Wesen nach angepaßt ist.

Insbesondere fügen sich trotz einzelner Analogien, die den Sprachgebrauch entstehen ließen, die "Typen" älterer chemischer Hypothesen sowie die kristallographischen "Typen" nicht in den logischen Rahmen fließender Zusammenhänge.

Die  "chemischen  Typen", deren Theorie J. B. DUMAS seit 1839 im Anschluß an LAURENTs Substitutionshypothese entwickelt hat, sind vorerst von den "mechanischen Typen" desselben Autors zu scheiden. Die letzteren können hier beiseite bleiben; denn sie haben die klassifikatorische Bedeutung, die ihr Urheber sich versprach, nicht zu erlangen vermocht. DUMAS' chemische Typen waren in erster Linie Reihen chemischer Verbindungen mit ähnlichen Grundeigenschaften, in denen die gleiche Anzahl von Äquivalenten in der gleichen Weise vereinigt angenommen wurde. DUMAS verglich die Verbindungen eines solchen Typus mit Planetensystemen. Die Atome sind durch ihre Affinität zusammengehalten.
    "Wird darin ein Atom der einen Materie durch das eine anderen ersetzt, so bleibt dasselbe System. Es kann hierbei ein einfaches Atom durch ein zusammengesetztes vertreten werden, ohne daß dadurch die allgemeine Konstitution geändert wird. Erfolgt die Substitution nach gleicher Artenzahl und bleibt die gegenseitige Stellung der Atome, so behält die neue Verbindung denselben Typus."
Man sieht, daß die Analogie, die zur Bezeichnung des Typus führt, im Gedanken eines abstrakten Bauplans im Sinne CUVIER-BLAINVILLEs steckt, der den fließend zusammenhängenden Arten zwar den Namen gegeben hat, aber trotzdem schon oben aus dem Bereich eben dieser Arten auszuweisen war. GERHARDT hat sodann in seiner systematischen Ausgestaltung diesem abstrakten sogenannten Typus auch eine konkretere, repräsentative Bedeutung gegeben. In diesem Sinne wurden zu Repräsentanten jener Reihen-"Typen": das Wasser (H2O), ferner die Salzsäure (HCl), der Ammoniak (NH3) und der Wasserstoff (H2); oder, nach anderer Anordnung der "Haupttypen": der Wasserstoff (HH), das Wasser (H2O), der Ammoniak (NH3), sowie fernerhin das Grubengas (NH4). Später trat noch ein fünfter und ein sechster Typus hinzu. Aber zugleich wurden diese chemischen Typen im Gegensatz zu den morphologischen CUVIERs aus Typen der chemischen Konstitution zu Typen für Gruppen chemischer Vorgänge. Denn schon GERHARDT betonte nachdrücklich, daß die abstrakten Typen nicht sowohl Symbole des inneren Baus, der Auseinanderlagerung der Atome seien, sondern vielmehr Umsetzungsformeln, Analogien der Metamorphosen:
    "Der Typus ist lediglich die Einheit des Vergleichs für alle die Körper, welche analoge Zersetzungen zeigen, wie er oder welche das Produkt analoger Zersetzungen sind."
Verwickelter wurden diese Umsetzungstypen, als WILLIAMSON die "kondensierten" und KEKULÉ die "gemischten Typen" einführte und die Erkenntnis der unvollständigen Sättigung zur Aufstellung von "Resten" oder "unvollständigen Molekülen" nötigte. Aber auch diese Verwicklungen änderten am logischen Gefüge jener Arten nichts, ebensowenig die Streitfragen, die sich an die Reduktionsversuche schon des vierten Typus auf den dritten, sowie an die Wandelbarkeit der rationellen Formeln knüpften. Denn die chemischen Verbindungen, die durch die Formeln dargestellt werden, gehen eben nicht fließend ineinander über, sondern folgen dem Gesetz der konstanten Proportionen. Gewiss zeigen manche Erscheinungen, die der Chemiker in seinen Bereich zieht, fließende Zusammenhänge. So die früher besprochenen Aggregatzustände, die Legierungen u. a. m. Aber gerade die Verbindungsarten, die der Chemiker als Typen kennt, besitzen den logischen Charakter mit einigen der logischen Typen gemein. Im übrigen stehen sie logisch nicht einmal auf gleicher Stufe, wie die unechten Typen der Organismen, die ungefähr der gleichen Periode wissenschaftlicher Entwicklung angehören. Denn nur, wo sie irrig, als konstitutionelle Formeln gedeutet werden, erscheinen sie, wie wir sahen, als abstrakte oder konkrete Symbole des molekularen Baus der chemischen Verbindungen. Andererseits sind sie fester begrenzt als jene "Baupläne", weil sie quantitativ gebunden sind. Allem Anschein nach bleiben die gleichen Verhältnisse auch bestehen, wenn unsere logische Frage auf die Hypothesen von von HOFF und WISLICENUS über die mechanischen Bedingungen der Valenz und die molekulare Konstitution der Verbindungen eingestellt wird.

Ebenso feste Arten liegen endlich in den Einteilungen der  Kristalle  vor. Es können allerdings innerhalb der einzelnen, durch theoretische Ableitung fest zu scheidenden kristallographischen Systeme, von den "typischen" Grund- und den allgemeinsten Formen aus andere Formen durch streng kontinuierliche Übergänge abgeleitet werden. Aber diese Grenzbetrachtung verrückt nach den Erörterungen des oben zweiten Abschnitts das feste Gefüge der Formen, die sie in fließenden Zusammenhang bringt, so wenig, wie die Grenzbetrachtung in der Geometrie und Analysis. Das biquadratische Prisma bleibt von der biquadratischen Doppelpyramide streng geschieden, obgleich es aus dieser allgemeinsten Gestalt des quadratischen Sytems dann erhalten wird, wenn man die Hauptachse in unendlicher Entfernung schneiden läßt; ebenso der "Typus" des Hexakisoktaeders, der allgemeinsten Form des regulären Systems, vom "Typus" des Oktaeders, der einfachsten Grundform des Systems. Das Motiv, diese Formen als Typen aufzufassen, liegt wiederum lediglich in ihrer repräsentativen Bedeutung. Einer Umbildung, die ein repräsentatives Glied fester Arten in den logischen Typus fließenden Zusammenhangs überführte, sind sie nicht fähig.


XI. Zusammenfassung

Die allgemeinen Resultate der vorstehenden Untersuchung sind die folgenden:
    1) Neben den Einteilungen, deren Glieder scharf gegeneinander abgegrenzt werden können, hat die Logik auch solche anzuerkennen, deren Glieder durch mannigfaltige Zwischenstufen ineinander übergehen, deren Glieder demnach  in fließendem Zusammenhang  stehen.

    2) Der fließende Zusammenhang ist nicht notwendig ein kontinuierlicher. Er ist vielmehr in vielen Fällen durch die Ungleichmäßigkeit der Korrelationen eines  kollektiven  Inbegriffs bedingt, die bei jedem möglichen Einteilungsgrund bestehen bleiben.

    3) das einzuteilende Ganze, dessen Glieder fließend zusammenhängen, ist nicht notwendig eine Gattung, sondern kann auch ein Einzelgegenstand, die  Entwicklung  eines einzelnen Inbegriffs sein.

    4) Das Gebiet der Einteilungen von Inbegriffen, deren Glieder fließend zusammenhängen, erstreckt sich nicht nur über die Naturwissenschaften, sondern über unser praktisches und theoretisches Erkennen überhaupt.

    5) das Wort  "Typus",  das im praktischen Erkennen wesentlich die Bedeutung eines repräsentativen Gliedes hat und auch im wissenschaftlichen Erkennen ursprügnlich, von BLAINVILLE, in Beziehung auf Gruppen von Organismen in solchem Sinne gebraucht wurde, hat sich im wissenschaftlichen Sprachgebrauch allmählich als Bezeichnung von Arten eingebürgert, die in fließendem Zusammenhang stehen.

    6) Die Einteilungen der Gegenstände, deren Glieder fließend zusammenhängen, werden demnach zweckmäßig  Typen-Einteilungen  genannt.

    7) Es gibt verschiedene Arten von Typen:
      a) Schematische Typen (III)
      b) Repräsentative Typen (IV)
      c) Entwicklungstypen der Organismen (VI)
      d) Typen der Sprachen (VIII)
      e) Periodentypen (IX)


    8) Die logische Klassifikation der Typen ist selbst eine Typen-Einteilung eines kollektiven Inbegriffs, dessen Glieder in verwickeltem fließendem Zusammenhang stehen und zwar eine Typen-Einteilung in repräsentative Typen.

    9) Die ursprünglich (BLAINVILLE-CUVIER) sogenannten Typen der Zoologie und Botanik waren nicht Typen fließenden Zusammenhangs, sondern lediglich repräsentative Gattungen fester Begrenzung (V). Ebensowenig sind die chemischen und die kristallographischen sogenannten Typen eine Art der Typen im logischen Sinne des Worts (X).

    10) Der kontinuierlich fließende Zusammenhang, den die mathematische Grenzbetrachtung zwischen festbegrenzten Arten herstellt, macht diese Arten nicht zu typischen in logischer Bedeutung (II).

LITERATUR - Benno Erdmann, Theorie der Typen-Einteilungen, Philosophische Monatshefte, Bd. 30, Berlin 1894