tb-1Kant und die Marburger SchuleDie beiden kantischen Schulen in Jena     
 
TRAUGOTT KONSTANTIN OESTERREICH
Die philosophischen Strömungen
der Gegenwart

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"Ungefähr die gleiche Bedeutung, die Husserl in Deutschland gewann, hat Meinong in Österreich erlangt. Auch er unternahm die Begründung einer neuen Disziplin, die nicht auf die Feststellung realer Fakta in der Welt gerichtet ist, und die er  Gegenstandstheorie  nennt. Der Grundgedanke dabei ist ein ähnlicher wie bei Husserl. Die Wissenschaft hat es, wie Meinong erkennt, nicht immer nur mit Wirklichem, sondern zuweilen auch mit Nichtwirklichem, ja sogar mit Unmöglichem zu tun: so z. B., wenn die Logik von unmöglichen Gegenständen wie dem  hölzernen Eisen  handelt und derartige widerspruchsvolle Dinge als unmöglich bezeichnet. Das  Vorurteil zugunsten des Wirklichen  muß überwunden werden. In Wahrheit kann alles, was nur in Gedanken auftaucht, Gegenstand denkender Untersuchung werden. So entsteht der Gedanke einer Theorie der Gegenstände überhaupt, wobei unter Gegenstand jeder überhaupt mögliche Inhalt des Denkens zu verstehen ist. Das Verfahren ist rein apriorisch. Die Mathematik ist ein bereits seit langem besonders entwickelter Teil der Gegenstandstheorie."

Ebenfalls aus dem Ende des 19. Jahrhunderts stammt die zweite große erkenntnistheoretische Bewegung der Gegenwart, die  positivistisch-empiriokritizistische.  Ihr Ziel ist, die Erfahrung so rein als möglich herauszuarbeiten und sie von dem sie umschlingenden Rankenwerk metaphysischer Ideen zu befreien -, also ein Ziel, das seine Herkunft aus dem naturalistischen Zeitalter an der Stirn trägt. An Bedeutung kommt diese Bewegung dem Neukantianismus freilich nicht gleich, wenigstens nicht, soweit ihr Einfluß innerhalb der eigentlichen Philosophie in Frage kommt; sie hat ihre größte Wirkung innerhalb der exakt-naturwissenschaftlichen Kreise entfaltet, denen sie sich durch ihre geistige Herkunft empfohlen hat. Ihr Begründer ist der österreichische Physiker ERNST MACH (1838 - 1901), der von AVENARIUS (1843 - 1896), dessen Wirkung auf die Gegenwart nur noch so gering ist, daß er hier nicht mit berücksichtigt werden kann, ganz unabhängig ist, trotz großer sachlicher Verwandtschaft ihrer Ideen. MACH und seine Anhänger verwerfen zwar auch das Ding ansich. Aber im Gegensatz zum Neukantianismus legen sie das Schwergewicht ganz auf die Seite des Wahrnehmens, deren Bedeutung zu übersehen auch MACH durch seine physikalische Praxis geschützt war. Als Ergebnis der Beseitigung alles metaphysischen Ballasts sieht diese Richtung die Einsicht an, daß alle Wirklichkeit lediglich aus Empfindungen besteht. Alles, was sich als nicht empfindungsmäßig im Bewußtsein darstellt, wird von MACH kurzer Hand als nur noch nicht genügend analysiert bezeichnet. Die Annahme einer hinter den Empfindungen stehenden Substanz sei völlig überflüssig, ebenso die Hypothese einer Kausalität im Sinne einer inneren Verkettung der Vorgänge unnötige gedankliche Zutat. Diese Auffassung der Kausalität soll durch den metaphysikfreien mathematischen Funktionsbegriff ersetzt werden, der einfach eine faktische Abhängigkeit von Größen ausspricht. Da alles Wirkliche aus Empfindungen besteht, ist für diesen Standpunkt der Unterschied zwischen Physik und Psychologie auch nicht mehr ein Unterschied des Gegenstandes, sondern nur noch seiner Betrachtungsweise, denn auch alle Gefühle, Gedanken, Willensakte bestehen sämtlich aus Empfindungen. Werden dieselben in ihrer Abhängigkeit von einem bestimmten Empfindungskomplex, jenem, den wir unseren Organismus nennen, betrachtet, so entsteht Psychologie. Werden sie dagegen unter völligem Absehen von dieser Abhängigkeit lediglich in ihren Beziehungen untereinander betrachtet, so entsteht Physik. Während nun der ältere Positivismus, wie ihn der Physiker KIRCHHOFF vertrat, als die Aufgabe der Wissenschaft die vollständige Beschreibung der Welt ansah, betrachtet der neue dieselbe unter einem biologischen Gesichtspunkt und sieht in ihr ein Mittel zur Selbsterhaltung des Individuums im Kampf ums Leben. Er bekundet damit einen entschiedenen Einfluß des Darwinismus. Der Nutzen der Wissenschaft liegt nun in der Ersparung von Erfahrung, denn jedes Naturgesetz erlaubt, zahllose Vorgänge in der Natur vorauszusehen, so daß es also nicht erforderlich ist, die entsprechenden Erfahrungen erst anzustellen. Auch braucht das Denken dann nicht zunächst zwischen zahllosen Möglichkeit herumzuirren, sondern hat sofort die richtige gegenwärtig ("Denkökonomik"). Einfluß auf philosophische Kreise hat MACH besonders in Österreich gewonnen, so auf WAHLE, STÖHR, H. GOMPERZ, in Deutschland auf CORNELIUS.

In Deutschland hat der Empirismus heute seinen bedeutendsten Vertreter in THEODOR ZIEHEN, einem Denker von enorm ausgedehnten Kenntnissen und großem Scharfsinn, aber dennoch nicht frei von naturalistischen Vorurteilen und Mangel an Verständnis in manchen Prinzipienfragen. Auch er strebt, die Wissenschaftstheorie möglichst frei von metaphysischen Bestandteilen zu halten, und ähnlich wie MACH glaubt er die ganze Wirklichkeit lediglich in Empfindungen und Vorstellungen auflösen zu können. Diese sind in ihrem ganzen Umfang zu klassifizieren und hypothesenfrei zu beschreiben. Es ergibt sich dabei, daß ein Teil der sich in den Empfindungen vollziehenden Änderungen unter die Gesetze der Naturwissenschaft gebracht werden kann, ein anderer dagegen nicht, doch erweist er sich vom ersten abhängig. Es hat sich im Verlauf der Forschung aber herausgestellt, daß auch der erst, von uns gewöhnlich als "objektiv" bezeichnete Teil der Empfindungen immer mehr hat reduziert werden müssen. Nur noch mit gewissen Momenten gehört auch der objektive Teil der Empfindungen noch dem wissenschaftlichen Bild der Natur an. Selbst der objektive Raum und die objektive Zeit sind mit dem Erlebnisraum und der Erlebniszeit nicht unmittelbar identisch. Auch diese reduzierten Empfindungen sind immer noch intrapsychisch, wenn auch ein Stehenbleiben beim Bewußtseinsinhalt des einzelnen Individuums ausgeschlossen ist. Die Schwächen der ZIEHENschen Erkenntnislehre, die in manchen Punkten vortrefflich ist, liegen vor allem in seinem Sensualismus, der ihn anderes als sinnliche Phänomene überhaupt nicht anerkennen und die Vielfältigkeit und Eigenart der übrigen psychischen Erlebnisse nicht erkennen läßt. Die Darstellung dieser Erkenntnistheorie ist übrigens durch zahlreiche neue Termini und Buchstabensymbole (unnötig) erschwert.

Wie in der deutschen Philosophie MACH und AVENARIUS unabhängig voneinander zu nahe verwandten Ansichten kamen, so hat sich die gleiche oder eine wenigstens sehr ähnliche Gedankenbildung auch auf außerdeutschem Boden vollzogen. Seit etwa 15 Jahren ist innerhalb der akademischen Philosophie Amerikas eine "Neue Wirklichkeitslehre" erfolgreich hervorgetreten, die mit dem Realismus MACHs völlig übereinstimmt, aber ganz unabhängig von ihm ist. J. E. WOODBRIDGE ist ihr Begründer. E. B. MacGILVARY baute sie am meisten aus. - In Italien huldigt ENRIQUES verwandten Ideen.

Eine ganz eigenartige Abwandlung der positivistischen erkenntnistheoretischen Bewegung der Gegenwart ist der  Pragmatismus Er ist eigentlich eine verspätete, im schlimmen Sinn unzeitgemäße Bewegung. Man kann ihn als die Erkenntnistheorie des  Darwinismus  bezeichnen. Nichts kennzeichnet vielleicht die große philosophische Interesselosigkeit innerhalb der naturalistisch-darwinistischen Bewegung in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts besser, als daß sie keine philosophischen Konsequenzen in größerem Umfang hervorgebracht hat, sondern daß ihre gedanklichen Konsequenzen - wenn sie damals auch bereits von mehreren Denkern in der Stille durchdacht wurden - doch erst hervortraten und vor allem zur Wirkung gelangt sind, nachdem das philosophische Leben wieder in höherem Maß erwacht ist. Wie der Darwinismus ist auch der Pragmatismus eine durchaus internationale Bewegung. In aufsehenerregender Weise ist er zuerst in Amerika hervorgetreten. Aber schon lange vorher waren die entscheidenden Gedanken von drei deutschen Denkern konzipiert worden, und zwar ganz unabhängig voneinander, am frühesten von VAIHINGER, der mit seinen Ideen freilich erst 33 Jahre (1911) später hervortrat, dann von NIETZSCHE, ferner von SIMMEL. VAIHINGER lehnt zwar die Ansicht, daß alles echte Erkennen ein Abspiegeln der Wirklichkeit ist, nicht ab, wohl aber bestreitet er der menschlichen Erkenntnis eigentlich im vollen Umfang diesen Charakter. Dieselbe komme an die wahre Wirklichkeit überhaupt nicht heran. Sie bewährt sich praktisch, aber das ist auch alles. Zum Zweck der biologischen Selbsterhaltung macht sich der Mensch seine Vorstellungen von der Welt, ohne danach zu fragen, ob dieselben wahr oder nicht wahr sind. Die nähere Betrachtung zahlreicher, in der Forschung unablässig gebrauchter wissenschaftlicher Begriffe wie derer des Atoms, des unendlich Kleinen, des Imaginären zeigt, daß sie voller Widersprüche sind, so daß sie nicht wahr sein können. Es sind lediglich "Fiktionen", die gar keinen Anspruch auf Wahrheit, sondern nur auf praktische Brauchbarkeit machen und sich insofern auch bewähren und deshalb mit Recht festgehalten werden. "Unser Vorstellungsgebilde der Welt ist ein ungeheures Gewebe von Fiktioinen, voll logischer Widersprüche." Ganz verwandte Ideen hat NIETZSCHE, ungefähr zur selben Zeit (zuerst in "Menschliches, Allzumenschliches"), entwickelt. Er glaubt damit sogar teilweise nur Konsequenzen aus KANTs Gedanken zu ziehen. Alle wissenschaftlichen Sätze sind für ihn "regulative Fiktionen", "lauter optisch notwendige Irrtümer". "Der Irrtum ist zum Leben notwendig." SIMMEL (1858 - 1918) endlich fügte den Gedanken der Selektion hinzu: alle Wahrheiten sind das Ergebnis biologischer Selektion. Wahrheit und Gattungszweckmäßigkeit sind identisch.

Trotz allem Naturalismus haben diese Ideen SIMMELs und NIETZSCHEs, obwohl sie eigentlich aufs beste zum Darwinismus paßten, zunächst gar keinen Einfluß in Deutschland gewonnen. Ein solcher ist ihnen in beschränktem Maß erst zuteil geworden, als nach 1900 die gleichen Gedanken aus Amerika nach Europa herüber kamen. Die Schwäche dieser Denkweise ist darin gelegen, daß sie fortgesetzt mit den Begriffen Wahr und Falsch im gewöhnlichen absoluten Sinn operiert, obwohl sie sie selbst bekämpft.

Bei JAMES schließt der Pragmatismus, wie schon bei seinem Vorgänger PEIRCE, mehrere völlig verschiedene Ideen in sich. Zunächst einmal werden unter den praktischen Konsequenzen eines Gedankens alle Folgerungen verstanden, die sich durch Erfahrung nachprüfen lassen. Sodann aber auch die realen psychischen Wirkungen, die etwa von einer metaphysisch-religiösen Überzeugung ausgehen. Nicht nur die ersten, sondern auch die zweiten werden zu Kriterien für die Wahrheit der Gedanken gemacht. Beides ist natürlich völlig zweierlei. Im Vordergrund steht das zweite Moment. JAMES sucht so vor allem eine Entscheidung zwischen auf anderem Weg nicht zur Erledigung zu bringenden metaphysischen Fragen herbeizuführen. Wahr wird dabei dann schnell identisch und synonym mit "sich im Leben bewährend". Der Gottesglaube etwa sei wahr, weil er im Leben der ihn besitzenden Person inneren Halt auch in Situationen gibt, in denen der Atheist zu versinken droht. Die Wahrheit wird von JAMES geradezu als eine "Art des Guten" bezeichnet. "Wahr heißt alles, was sich auf dem Gebiet der intellektuelle Überzeugung aus bestimmt angebbaren Gründen als gut erweist." Mit dieser Auffassung, die dem Denken einen weiten Spielraum gibt, verbindet sich gleichzeitig die Überzeugung, daß die Welt Raum hat für sehr vielartige Ideen über sie, sie ist "bildsam". Anererseits leistet sie dem Denken Widerstand, indem es nicht möglich ist, sie völlig unter irgendeine Theorie unterzuordnen. Eine Fortbildung hat der Pragmatismus in Amerika besonders durch DEWEY und in England durch den in Deutschland geborenen Oxforder Professor F. C. S. SCHILLER erfahren, der (wie SIMMEL) zum Kriterium der Wahrheit die soziale Nützlichkeit macht. SCHILLER will den Pragmatismus erweitern zu einer  "Humanismus",  dessen Anwendung auf die Erkenntnistheorie er darstelle. Der Humanismus soll im Gegensatz zur gewöhnlichen Philosophie und unter Ablehnung jedes apriorischen Verfahrens als Ausgangspunkt die ganze Breite der menschlichen Erfahrung nehmen (ebendaher sein Name), wobei Erfahrung freilich viel weitherziger verstanden wird, als es die moderne Kritik duldet. Er ist eine Fortsetzung der älteren Common-Sense-Philosophie. - Der amerikanisch-englische Pragmatismus gewann auch auf Frankreich und Italien Einfluß. -

Während die auf die Erforschung der erkenntnistheoretischen Struktur der Naturwissenschaften gerichteten bzw. von ihnen ausgehenden Tendenzen etwas völlig Neues nicht schufen, ist demgegenüber die schöpferische Hauptleistung der Gegenwart auf erkenntnistheoretischem Gebiet die Schaffung einer  Erkenntnistheorie  auch der  Geisteswissenschaften,  oder, besser, zunächst der  Geschichtswissenschaft  im engeren Sinn, denn zu einer Erkenntnistheorie der gesamten Geisteswissenschaften fehlt noch viel. Die Theorie der Psychologie etwa oder der Sprachwissenschaft ist überhaupt noch nicht ernsthaft in Angriff genommen. Der früheste und auch für die weitere Folge wichtigste Anstoß für die Erkenntnistheorie der Historie kam von DILTHEY. Seine systematische Hauptleistung liegt gerade eben hier. Gegenüber anderen Forschern brachte er vor allem die volle praktische Kenntnis der historischen Wissenschaften mit, war er doch einer der hervorragendsten geisteswissenschaftlichen Forscher um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts. Vollkommen unbeeinflußt durch die geistigen Nachteile, die das Übergewicht der Naturwissenschaften so vielfach für die historische Forschung mit sich führte (nur in seiner scharfen Abneigung gegen die Metaphysik brachte er dem Zeitgeist seinen Tribut), hat es sich so wenig wie in seiner eigenen geistesgeschichtlichen Arbeit auch nicht in seinen erkenntnistheoretischen Fundamentierungsarbeiten den Blick für ihre wissenschaftliche Eigenart und Selbständigkeit trüben lassen. Den tiefsten Unterschied der Geschichtswissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften findet DILTHEY darin, daß die Naturwissenschaften nur mit Sinneswahrnehmungen und dem Verstand arbeiten, während bei der Erkenntnis der Geisteswissenschaft der Mensch als Ganzes in Funktion tritt. Das Hauptobjekt der Geschichtswissenschaft bilden Individuen. Wenn die Geisteswissenschaften es auch nicht ausschließlich mit Menschen zu tun haben - es kommen auch materielle Objete, wie Kunstwerke, Urkunden usw. in Betracht -, so bilden die Individuen doch die entscheidenden Elemente der geschichtlichen Welt, welche erst die objektiven Kulturfakta hervorbringen. Es ist nun eine Tatsache, daß wir die geistigen Vorgänge innerlich zu verstehen imstande sind, indem wir sie in unserer Phantasie nachfühlen, während die Naturvorgänge uns völlig unverständlich bleiben und von uns lediglich rein verstandesmäßig begriffen werden können. Es hängt das damit zusammen, daß uns die Natur überhaupt nur in der Form von Erscheinungen, aber nicht in ihrem Ansich gegeben ist, während das Psychische uns in seiner Unmittelbarkeit in uns selbst zugänglich wird. Die geistige Funktion, durch die wir uns fremden Seelenlebens geistig bemächtigen, ist die seelische Phantasie. Sie ist nicht ein begrifflicher Denkvorgang, sondern ein alle Seiten der Seele in Anspruch nehmender Akt. Je reicher das eigene Leben des Individuums, desto größer auch seine Fähigkeit, fremdes Sein nachfühlend zu verstehen. Die Aufgabe des Historikers erschöpft sich nicht in einer verstandesmäßigen Feststellung des rohen Nachrichtenmaterials, sondern in seiner nachfühlenden synthetischen Interpretation. In dieser Tätigkeit ist der Forscher dem Künsterl verwandt, wenn er auch im Gegensatz zu diesem immer auf die Ermittlung einer (vergangenen) Wirklichkeit gerichtet bleibt.

Innerhalb der kantischen Schulen hat sich besonders die  badische  KANT-Schule mit dem Problem der erkenntnistheoretischen Struktur der Geschichte beschäftigt. WINDELBAND und in engem Anschluß an ihn RICKERT stellen Natur- und Geisteswissenschaften einander gegenüber als zwei gänzlich verschiedene Typen von Wissenschaften. Die ersten sollen es nur mit Allgemeinen, Gesetzen oder Typen, zu tun haben, während die Geschichte ganz auf das Individuelle eingestellt ist (nomothetische - ideographische Wissenschaften, Natur - Kulturwissenschaften). Die Frage, nach welchen Gesichtspunkten der Historiker, der sich ja nicht mit schlechthin allem Individuellen in der Wirklichkeit, sondern nur mit einer Auswahl davon beschäftigt, diese Auswahl trifft, wird von ihnen dahin beantwortet, daß dafür maßgebend die Kulturwerte sind. Nur etwas, das zu den Kulturwerten in Beziehung steht, ist eine "historische Tatsache". Irgendeine Aufgabe der Abgabe von eigenen Werturteilen soll aber für den Geschichtsforscher nicht bestehen. - Von ganz anderer Seite nimmt SIMMEL, ebenfalls vom Boden des Neokritizismus ausgehend, das Erkenntnisproblem der Historie in Angriff. Er legt das Schwergewicht auf die Untersuchung der Art, wie der Historiker aus dem vorgefundenen Stoff das eigentümliche Gebilde macht, das wir als "Geschichte" bezeichnen. Wie der Naturforscher nach Auffassung des Kritizismusaus dem Stoff des Sinnenmaterials mittels bestimmter Grundbegriffe des Verstandes (Kategorien) das Gedankengebilde Natur herstellt, so wirken auch beim Aufbau des geistigen Gebildes, das wir Geschichte nennen, apriorische geistige Funktionen mit ("historisches Apriori"). Es handelte sich bei der Historie keineswegs um eine Rekonstruktion einer vom Geist unabhängigen objektiven Tatsache. Es ist der Versuch, den naiven Wissenschaftsbegriff, nach dem es sich beim Erkennen um die Bemächtigung einer unabhängig von uns vorhandenen Wirklichkeit in einer Art geistigen Widerspiegelns handelt, zu ersetzen durch die allgemein neukantische Vorstellung vom Erkennen, nach der das erkannte Objekt überhaupt erst durch den Erkenntnisprozeß entsteht, nicht aber unabhängig von ihm vorhanden ist und von ihm erst erfaßt wird.

Alle diese erkenntnistheoretischen Untersuchungen zur Geschichtswissenschaft bezeichnen sich als "Geschichtsphilosophie". Sie stellen einen völlig neuen Typus derselben dar, insofern sie sich eigentlich nicht mit der Geschichte, sondern nur mit der Wissenschaft von der Geschichte beschäftigen. Die auf den Geschichtsverlauf selbst gerichtete philosophische Reflexion tritt in der Gegenwart stark zurück.

Ungefähr gleichzeitig war man auch auf französischer Seite um die Erkenntnistheorie der Geschichte bemüht (LACOMBE, BERR u. a.). Eine gegenseitige Berührung besteht, wenigstens von deutscher Seite, nicht. Auch der Balkan griff durch den Rumänen XÉNOPOL in diese Forschungen aktiv ein. -

Einen gleich großen Umfang wie die erkenntnistheoretische Produktion besitzt in der Gegenwart die psychologische. Die  Psychologie  war diejenige philosophische Disziplin, die sich noch früher als die Erkenntnistheorie innerhalb des naturalistischen Zeitalters wieder Ansehen verschaffte, freilich nur um den Preis einer inneren Naturwissenschaft zu werden. An die Stelle der Introspektion trat als Methode das von jener, wie man glaubte, gänzlich verschiedene Experiment. Als  experimentelle Psychologie  hat die moderne Psychologie ihren Siegeszug gehalten. Die Eigenart ihres Verfahrens, das zum größeren Teil eine Vertrautheit mit einem nicht unbeträchtlichen Inventar von Apparaten vorausgesetzt, deren Unentbehrlichkeit an den meisten Universitäten zur Gründung besonderer Institute Veranlassung gegeben hat, hat zu einer vielfach verbreiteten Tendenz nach voller Loslösung dieser Disziplin von der Philosophie geführt, die in Amerika bereits Tatsache geworden ist, so daß dort eine strenge Scheidung der Lehrstühle zwischen Philosophie und Psychologie stattfindet.

Die experimentelle Psychologie entstand seinerzeit als eine Disziplin, die die psychphysischen Probleme empirisch lösen sollte, FECHNER nannte sie deshalb Psychophysik. Sie trat in eine enge Beziehung zur Physiologie, innerhalb derer eine experimentelle Prüfung der Sinneswahrnehmungen längst gang und gäbe war. Diese Auffassung der Aufgaben der experimentellen Psychologie hat heute einer viel weitergehenden Aufgabestellung Platz gemacht. Die experimentelle Psychologie der Gegenwart hat keine so enge Berührung mehr mit dem psychophysischen Problem. Sie will vielmehr in erster Linie die Gesamtheit der dem Experiment zugänglichen psychischen Erlebnisse mittels desselben wissenschaftlich behandeln. Während am Anfang der experimentellen Psychologie die Probleme der Sinnesempfindungen im Vordergrund standen, ist das jetzt nicht mehr der Fall. Die experimentelle Psychologie erstreckt jetzt ihre Arbeit über den Totalbereich des Seelenlebens. Es sind im wesentlichen vier Schulen, in denen die Arbeit erfolgt: die Leipziger (WUNDT), die Göttinger (G. E. MÜLLER), die KÜLPEsche (ehemals Würzburger Schule genannt) und die Berliner (STUMPF), wozu in Österreich noch die Grazer Schule hinzukommt (MEINONG). Die Hoffnung und die früher nicht selten gehörte Versicherung, es werde sich die experimentelle Psychologie zu einer für die gesamten Geisteswissenschaften ebenso grundlegenden Disziplin entwickeln, wie es innerhalb der Physik die Mechanik ist, sind nicht in Erfüllung gegangen. Vielmehr ist in allen urteilsfähigen Köpfen heute die Überzeugung vorhanden, daß die experimentelle Psychologie nicht das Ganze der Psychologie darstelle, sondern lediglich einen bestimmten Teil und daß auch das Experiment nicht als solches den unbedingten Ausschlag gibt, sondern die Qualität des Beobachters der letztentscheidende Faktor ist, der unter Umständen ohne Experiment mehr zu leisten imstande ist als ein unbefähigter Beobachter bei noch sovielen Experimenten. Man kann sich auch nicht dem Eindruck entziehen, daß innerhlab der experimentellen Forschung ein gewisser Stillstand eingetreten ist. Die Zahl der belangreichen Entdeckungen hat stark abgenommen. Mehr und mehr tritt die  angewandte  experimentelle Psychologie in den Vordergrund. Ein zur Zeit besonders stark gepflegter Zweig ist die pädagogische Psychologie, die in Deutschland von MEUMANN und W. STERN begründet wurde.

Bei aller Anerkennung der positiven Leistungen der experimentellen Forschung auf den ihr zugänglichen psychischen Gebieten kann doch nicht erkannt werden, daß der enge Anschluß der Psychologie an die Naturwissenschaft zugleich in sie eine Menge der naturalistischen Irrtümer einströmen ließ, die in der Naturwissenschaft herrschten. Es bekundet sich der Naturalismus in der Psychologie zunächst einmal in der Forderung, die das Schlagwort, "Psychologie ohne Seele" (WUNDT) ausspricht. Die individuelle Psyche sollte danach aus einem Komplex psychischer Phänomene oder später, als man das als ungenügend einzusehen begann, aus einer bloßen Verkettung von Funktionen bestehen, da nur so die Analogie des Seelischen zur materiellen Natur eine vollständige wird. Eine weitere schwere Schädigung der Psychologie war zunächst die Auflösung der Denkprozesse in Vorstellungsphänomene, womit dann Hand in Hand ein allgemeiner Assoziationismus ging (G. E. MÜLLER, ZIEHEN). Beide Auffassungen haben in der deutschen Psychologie erst Einfluß gewonnen, seit sie sich die Naturwissenschaft zum Vorbild nahm. Sie sind auch heute noch nicht allgemein überwunden. Bei einem Teil der Forscher erhält sich sogar auch jetzt noch eine starke Abneigung gegen die Philosophie überhaupt, die sonst aus der modernen Wissenschaft im allgemeinen verschwunden ist, wie denn auch jene Kreise heute noch die eigentlichen Vertreter materialistischer Gedankenrichtung sind. Doch befindet sich, als Ganzes genommen, die experimentelle Psychologie seit etwas mehr als einem Jahrzehnt auch in den von den naturalistischen Vorurteilen am meisten betroffenen psychologischen Prinzipienfragen in einem deutlichen Aufstieg. Diese Umwandlung hat ihren Ausgangspunkt von der  Untersuchung  des Denkens genommen, die seit geraumer Zeit zu einem besonders stark bevorzugten Arbeitsgebiet namentlich jüngerer Forscher gehört. Die Hauptantriebe wie auch die Hauptleistungen kamen für die Psychologie des Denkens freilich zunächst nicht aus der experimentellen Forschung, sondern aus der deskriptiven Psychologie, die neben der experimentellen, wenn auch von ihr getrennt und von ihr mißachtet, dauernd weiterbestanden hat. Es war dieselbe Schule, welche im Bereich der Logik den eingetretenen Niedergang beseitigte, die gleichzeitig auch innerhalb der Psychologie des Denkens die Forschung über den geradezu unwürdigen Tiefstand hinausführte, der seit der Loslösung der Psychologie von der Philosophie eingetreten war: die Schule BRENTANOs. Und zwar waren es in erster Linie die "Logischen Untersuchungen" HUSSERLs, die von tiefer Wirkung waren. Es ist unverkennbar, daß die wichtigen Ergebnisse, die die experimentellen Untersuchungen des Denkens gebracht haben, durch die Kenntnis der deskriptiven Analysen HUSSERLs bedingt waren.

Als das philosophisch wichtigste theoretische neuere Hauptergebnis der deskriptiven psychologischen Forschungen kann wohl einmal die Lehre von den  Akten  oder  Funktionen  bezeichnet werden, und sodann die damit in Verbindung stehende, immer weitere Forscherkreise ergreifende Rückkehr zur Annahme eines spezifischen  Ich faktors, einer "Seele" (TH. LIPPS, KÜLPE, OESTERREICH, GEYSER, HUSSERL). Nach dieser Auffassung ist bei den meisten, wenn nicht allen psychischen Erlebnissen zu unterscheiden zwischen ihrer subjektiven Seite, die in einer Erregung des Ich besteht, und einem objektiven Moment(Inhalt oder Gegenstand genannt), auf das der Akt intentional gerichtet ist. Diese Feststellung ist auch für die Erkenntnistheorie von beträchtlicher Bedeutung, denn es ist damit die ältere Auffassung durchbrochen, daß alle unmittelbaren Bewußtseinsinhalte seelischer Natur im Sinne von Zuständlichkeiten des Ich seien. Es ergibt sich vielmehr, daß weder die Sinnesinhalte, noch die rein logischen Inhalte des Denkens solche sind. Unser Bewußtsein reicht über uns selbst hinaus.

Mit der Vertiefung des philosophischen Bewußtseins hat sich in größerem Umfang als früher die Aufmerksamkeit auch jenen Teilen der Psychologie zugewandt, die dem experimentellen Verfahren nicht zugänglich sind, wie auch den deskriptiven Forschungen, wie sie von BRENTANO, TH. LIPPS, GROOS, H. MAIER, HUSSERL, MEINONG u. a. geleistet worden sind. Die Forderung DILTHEYs nach der Schaffung einer rein deskriptiv-analytischen Psychologie als einer Grundlegung für die historischen Geisteswissenschaften ist zwar noch nicht in ihrem ganzen Umfang in Angriff genommen. Wohl aber sind einzelne Stücke davon in Areit. Die Sprachpsychologie verdankt sehr viel MARTY, auch ein Schüler BRENTANOs. Die Religionspsychologie entwickelt sich nunmehr auch in Deutschland (OESTERREICH), ebenso die Individualpsychologie (STERN). Das weitgreifendste Unternehmen ist WUNDTs Völkerpsychologie, die eine psychologische Erforschung der seelischen Entwicklungsvorgänge auf dem Gebiet der Sprache, des Mythos, der Kunst und der Sitte im Auge hat, eine gewaltige Leistung eines einzelnen Forschers, jedoch überwiegt die Einstellung auf die Primitivkulturen.

Was den Einfluß der Psychologie auf die übrigen Gebiete der Philosophie anlangt, so ist derselbe teilweise ein beträchtlicher gewesen. Günstig wirkte vor allem die Vertiefung der psychologischen Analyse, wenn dieselbe freilich auch noch nicht zum Gemeingut aller Forscher geworden ist. MARBE hat vor einigen Jahren eine lehrreiche Zusammenstellung solcher philosophisch folgenschwer gewesenen Unkenntnisse einer Reihe von Erkenntnistheoretikern, insbesondere  Neukantianern,  zusammenzustellen vermocht. Ungünstigen Einfluß übte dagegen die aus der Psychologie geraume Zeit in die Philosophie eingedrungene Tendenz, die Psychologie zur Grundlage für alle Disziplinen zu machen, welche sich nicht mit der materiellen Welt beschäftigen. Besonders schwer waren die Schädigungen innerhalb der Logik, wo sie eine Denkrichtung erzeugten, die man heute als "Psychologisus" bezeichnet. Dieselbe ist dadurch gekennzeichnet, daß sie psychologische und logische Dinge durcheinander wirft. Es werden etwa die Gesetze, die zwischen Sätzen bestehen (die syllogistischen Schlußregeln), fälschlich als psychologische Denkgesetze angesehen. Oder der Satz des Widerspruchs wird dahin interpretiert, daß er sage, daß bestimmte Vorstellungen nicht zusammen gedacht werden könnten. Dieser Psychologismus, der am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts einen beträchtlichen Umfang angenommen hatte, kann heute freilich außerhalb der postivistischen Strömungen im wesentlichen als überwunden gelten. Förderlich war der Einfluß der Psychologie innerhalb der Logik auf die  Methodenlehre In großem Umfang sind die Denkmethoden, die in den einzelnen Disziplinen zur Anwendung kommen, psychologisch analysiert. unter dem Einfluß SIGWARTs erschien als die Hauptaufgabe längere Zeit den meisten überhaupt die Methodenlehre. Mit erstaunlicher Beherrschung ausgedehnter, sehr verschiedenartiger Wissenschaftsgebiete hat WUNDT diesen Gedanken in zuvor nicht gekanntem Umfang realisiert. Beiträge zur psychologischen Analyse der Methoden haben aber eigentlich alle neueren Erkenntnistheoretiker geleistet, teils ausdrücklich, teils immanenter Art. Besonders sei als die Logik vom Boden der psychologischen Analyse aus fördernd noch BENNO ERDMANN genannt.

An der Entwicklung der experimentellen Psychologie, insbesondere der Kinderpsychologie sowie der übrigen angewandten Gebiete dieser Wissenschaft nimmt auch das Ausland, in erster Linie Amerika, lebthaft teil. Umd die Psychologie des Denkens ist besonders der französische Psychologe BINET verdient, der ungefähr gleichzeitig mit der deutschen Forschung unabhängig von ihr ebenfalls zur Erkenntnis der Selbständigkeit der Denkfunktionen gelangte.

Im übrigen ist der Hauptarbeitsbereich der französischen Forschung das Grenzgebiet zwischen normalem und krankem Seelenleben (RIBOT, JANET, BINET) ,während in Deutschland die Psychologie die längste Zeit einer engeren Fühlung mit der Psychiatrie entbehrte. Erst im letzten Jahrzehnt sind auch bei uns die Wechselbeziehungen beider Disziplinen engere geworden (JASPERS, SPECHT, STOERRING, OESTERREICH, KRONFELD).

Die philosophisch wertvollste psychologische Leistung der englisch-amerikanischen Forschung ist die Begründung der  Parapsychologie,  worunter die Erforschung gewisser übernormaler psychischer Leistungen wie Telepathie, Hellsehen usw., wie der zugehörigen psychophysischen Phänomene (Telekinese, Materialisation u. a.) zu verstehen ist (Society for Psychical Research - JAMES, MYERS, HODGSON, CRAWFORD u. a.). Auch französische und schweizer Forscher sind daran beteiligt (RICHET, FLOURNOY), ebenso italienische (MORSELLI, BOTTAZZI). Von besonderem philosophischem Interesse ist die Begründung der modernen Religionspsychologie durch den amerikanischen Philosophen JAMES. Ein wichtiger allgemeiner Unterschied zwischen der deutschen und der französischen wie der angelsächsischen Psychologie ist in ihrem verschiedenen Verhältnis zum Begriff des Unbewußten (subconscious) gelegen. Im Ausland ist die Hypothese vom Unbewußten allgemein akzeptiert. Auf deutschem Boden findet man sie im wesentlichen nur innerhalb der FREUDschen Schule, die großenteils aus Dilettanten besteht.

Alle bisher betrachteten Strömungen haben ihre Wurzeln noch im vergangenen Jahrhundert, wenn sie ihre eigentliche Entfaltung teilweise auch erst im neuen Jahrhundert gefunden haben. Das neue Jahrhundert hat auch ganz neue Bewegungen entstehen lassen. Vor allem hat sich die Auffassung von der Aufgabe der Philosophie selbst wesentlich verändert. So sehr die erkenntnistheoretische und psychologische Arbeit fortdauert, so sind doch die eigentlichen geistigen Triebkräfte jetzt ganz andere als das Bedürfnis nach einer Untersuchung der Struktur der Forschung und Ermittlung psychischer Tatbestände. Die Philosophie will wieder Weltanschauung werden und das Problem des Lebens durchleuchten. Die Lage in der positiven Wissenschaft selbst gibt die Möglichkeit, die Aufgaben wieder höher zu stellen, denn die für alles philosophische Denken ertötende Überzeugung, daß die Wissenschaft die wesentlichsten Rätsel der Welt gelöst habe, die im Zeitalter des Naturalismus so stark war, ist wieder gewichen. Die Wissenschaft wankt in ihren Grundfesten. Gerade die Grundanschauungen müssen neu gewonnen werden. Die Mitarbeit der Philosophie ist dabei unumgänglich.

Auf erkenntnistheoretisch-logischem Gebiet sind zwei neue Bewegungen entstanden, die vorläufig ohne größere Berührung nebeneinander hergehen. Auch sie sind nicht auf Deutschland beschränkt.

Davon ist in Deutschland die bedeutsamste die  phänomenologische Bewegung.  Sie ist genau auf der Scheidelinie der beiden Jahrhunderte geboren worden (1900). Diese Bewegung, die ursprünglich lediglich als eine Reform der am wenigsten populären philosophischen Disziplin, der Logik, auftrat, hat sich allmählich zu einer Revolution innerhalb des Gesamtbereiches der Philosophie entwickelt. Im Gegensatz zum Neukantianismus lebt in dieser Bewegung der Geist von LEIBNIZ, wenn es ihr auch bisher nicht zu vollem Bewußtsein gekommen ist. Ihr zeitlich nächster unmittelbarer Anreger ist ein anderer Denker, dessen Name in Deutschland nicht über die fachwissenschaftlichen Kreise hinausgelangt ist, der aber auf österreichischem Boden eine große Wirkung geübt und einen großen Namen erworben hat. Es ist FRANZ BRENTANO (1838 - 1917). Aus dem katholischen Klerikerstand hervorgegangen, an ARISTOTELES und der  Scholastik  logisch ausgezeichnet geschult, hat er auf einen beträchtlichen Schülerkreis eine sehr tiefe Wirkung geübt und eigentlich als der einzige unter den bedeutenderen Denkern der Gegenwart gegen die Allmacht KANTs bewußt angekämpft. Und aus den von ihm gegebenen Anregungen, die wir angesichts der großen Zurückhaltung, die er sich im Publizieren seiner zahlreichen und umfangreichen Arbeiten auferlegt hat, erst ungenügend zu übersehen vermögen, ist dann im weiteren Verlauf der Gedankenarbeit seiner Schüler die gesamte phänomenologische Bewegung in Deutschland und Österreich, wo sie den Namen  "Gegenstandstheorie trägt, hervorgegangen. Ihre Begründer sind in Deutschland EDMUND HUSSERL, in Österreich ALEXIUS von MEINONG. Beide Forscher, zwischen denen es gelegentlich zu einem scharfen Zusammenstoß über Prioritätsfragen gekommen ist, sind wohl voneinander unabhängig, dagegen beide in hohem Maße durch ihren Lehrer BRENTANO bedingt.

HUSSERL betrachtet die Phänomenologie geradezu als den ersten Anfang zu einer wissenschaftlichen Philosophie überhaupt, demgegenüber alle frühere Philosophie nur ein Vorspiel gewesen ist, da sie eines sicheren Bestandes lehrbarer Sätze entbehrte. Fortan soll sie von der Strenge und Beweisbarkeit der Mathematik sein und ganz wie diese sich Schritt für Schritt vermehren, indem sich Lehrsatz auf Lehrsatz baut. Den Weg zu diesem Ziel glaubt HUSSERL in einer neuen Methode gefunden zu haben, die er als die phänomenologische bezeichnet. Während sich alle Erfahrungswissenschaften mit bestimmten, in Raum oder (bzw. und) Zeit vorhandenen Fakta beschäftigen, hat es die Phänomenologie mit dem rein logischen überzeitlichen Wesen der Dinge zu tun. Sie fragt z. B. nicht danach, ob und wo in der Wirklichkeit Farben oder Töne vorhanden sind, sondern sie fragt nach dem "Wesen" der Farben und Töne. Sie kommt zur Erkentnis dieses Wesens, indem sie ganz vom  hic et nunc  [hier und jetzt - wp] absehend sich in die Seinsbeschaffenheit von Farbe und Ton - und ebenso aller übrigen Dinge - versenkt. In einer Art von "Wesensschau" dringt sie zur Erkenntnis davon vor. "Wenn wir uns in reiner Schauung, etwa von Wahrnehmung zu Wahrnehmung blickend, zur Gegebenheit bringen, was Wahrnehmung, Wahrnehmung ansich - dieses Identische beliebiger fließender Wahrnehmungssingularitäten - ist, so haben wir das Wesen der Wahrnehmung schauend gefaßt." Es kann prinzipiell alles, nicht nur einzelne Objekte, sondern auch ganze Wirklichkeitsgebiete, ja die Totalität der Wirklichkeit selbst zum Gegenstand phänomenologischer Betrachtung gemacht werden. Durch systematische Durchführung der Wesensschau treten dann den verschiedenen empirischen Einzelwissenschaften lauter "eidetische" [gestaltschauende - wp] Disziplinen zur Seite entsprechend den verschiedenen Regionen des Wirklichen bzw. der entsprechenden Wesen (Eidos = Wesen). Neben diesen materialen eidetischen Disziplinen ("Ontologien") gibt es aber auch solche rein formaler Natur. Dahin gehören die bereits in weitem Umfang entwickelten Wissenschaften der formalen Logik, der Arithmetik, der reinen Analyses und der Mannigfaltigkeitslehre. Alle diese Disziplinen sind unempirischer, apriorischer Natur. Sie sind aber nicht ohne Bedeutung auch für die positiven Disziplinen, sondern für sie ebenso grundlegend, wie etwa die Mathematik für die Physik es ist, denn alles Wirkliche steht unter eben diesen apriorischen Strukturgesetzen. in diesem allgemeinen Sinn gebraucht nun freilich HUSSERL selbst das Wort Phänomenologie meist nicht, sondern er spricht statt dessen von eidetischen Disziplinen. Phänomenologie ist ihm selbst eine von diesen eidetischen Wissenschaften: jene, die sich mit der Wesensforschung der psychischen Funktionen beschäftigt, also die eidetische Grundlegung der Psychologie. Die eidetischen Bewußtseinsinhalte haben keine räumlich-zeitliche, sondern eine rein ideelle Existenz, womit aber nicht gesagt werden soll, daß sie etwa nur in Bewußtseinen existieren. Man kann sie sich zum Bewußtsein bringen oder nicht, sie selbst werden davon in ihrem Sein nicht berührt. Es ist deutlich, daß hier eine enge Berührung HUSSERLs mit dem logischen Realismus der Scholastik besteht, sofern man diesen nicht in der groben Weise versteht, daß man ihn eine gleichsam sinnliche Existenz der Begriffe lehren läßt. HUSSERLs Phänomenologie schlägt eine Brücke zwischen KANT und LEIBNIZ-WOLFF. Durch die Aufnahme der RICKERTschen Lehre vom Bewußtsein überhaupt hat sich HUSSERL in jüngster Zeit dem Neukantianismus, weit mehr als früher, genähert. Doch ist diese merkwürdige Schwenkung von den übrigen Vertretern der Phänomenologie nicht mitgemacht worden. Der Einfluß der phänomenologischen Grundideen ist namentlich auf die jüngeren Forscher in Deutschland vielfache ein so bedeutender gewesen, daß ihm kein anderer in jüngster Zeit zur Seite gestellt werden kann. Doch auch die älteren Forscher, wie besonders LIPPS, haben sich ihm nicht entziehen können. Man kann bereits sagen: die Phänomenologie hat den Neukantianismus abgelöst.

Ungefähr die gleiche Bedeutung, die HUSSERL in Deutschland gewann, hat MEINONG in Österreich erlangt. Auch er unternahm die Begründung einer neuen Disziplin, die nicht auf die Feststellung realer Fakta in der Welt gerichtet ist, und die er  "Gegenstandstheorie nennt. Der Grundgedanke dabei ist ein ähnlicher wie bei HUSSERL. Die Wissenschaft hat es, wie MEINONG erkennt, nicht immer nur mit Wirklichem, sondern zuweilen auch mit Nichtwirklichem, ja sogar mit Unmöglichem zu tun: so z. B., wenn die Logik von unmöglichen Gegenständen wie dem "hölzernen Eisen" handelt und derartige widerspruchsvolle Dinge als unmöglich bezeichnet. Das "Vorurteil zugunsten des Wirklichen" muß überwunden werden. In Wahrheit kann alles, was nur in Gedanken auftaucht, Gegenstand denkender Untersuchung werden. So entsteht der Gedanke einer Theorie der Gegenstände überhaupt, wobei unter Gegenstand jeder überhaupt mögliche Inhalt des Denkens zu verstehen ist. Das Verfahren ist rein apriorisch. Die Mathematik ist ein bereits seit langem besonders entwickelter Teil der Gegenstandstheorie.

Die außerordentlich starke Wirkung verdanken die Lehren HUSSERLs und MEINONGs dem Umstande, daß sie erstens eine unbedingt sichere Erkenntnis in Aussicht stellen, und sodann der Tatsache, daß sie in die letzten Strukturverhältnisse des Seins eindringen. Drittens eröffnen sie einen Einblick in eine neue Sphäre, die jenseits von Raum und Zeit steht und über der die Weihe der Ewigkeit liegt: das rein Logische. Trotz ihres scheinbar so nüchternen Ausgangspunktes, der Logik, hat die Phänomenologie wie die Gegenstandstheorie starke, ins Religiöse übergehende Stimmungen erregt und einen tiefen Einfluß auf die Bemühungen um eine neue Weltanschauung gewonnen. Es gibt kaum ein Gebiet der Philosophie, auf welchem die phänomenologische Methode unversucht blieb. In der Ethik ist es in erster Reihe SCHELER, der auf der Grundlage dieser Methode zu einem "Umsturz der Werte" fortschreitet, ein Umsturz, der im wesentlichen eine Rückkehr zur christlich-katholischen Wertung darstellt, insofern als der asketische mittelalterliche Heiligentypus als die dem Rang nach evendentermaßen höchste Daseinsform angesehen wird. Ebenso bemerkenswert ist SCHELERs Rückkehr zur Lehre von der Objektivität der Werte in dem Sinne, daß sie als objektive Eigenschaften der Dinge im eigentlichen Sinne angesehen werden. Auf rechtsphilosophischem Gebiet hat REINACH apriorische Fundamente aufzudecken versucht, die unabhängig von allem positiven Recht absolute Geltung haben sollen. In der Ästhetik gehen GEIGER und UTITZ die von HUSSERL gewiesenen Wege. Für die experimentelle Psychologie hat LINKE aus der phänomenologischen Analyse Ergebnisse gewonnen. Merkwürdig ist, daß die Phänomenologie selbst in die modernsten Künstlerkreise Eingang gefunden hat. Der Expressionismus (BURGER) benutzt sie, wenn auch in höchst unklarer und wirrer Weise, zur Durchführung seiner Theorie, daß der expressionistische Künstler in das Wesen und die treibenden metaphysischen Kräfte der Dinge eindringe.

Recht auffallende, obwohl bisher nicht beachtete Verwandtschaft mit der Phänomenologie weist in mancher Hinsicht auch eine nach ihrem Ausgangspunkt in der Regel einer ganz anderen, heute nicht mehr bedeutsamen Richtung, der Immanenzphilosophie, eingeordnete Bewegung auf: die  Grundwissenschaft  REHMKEs, deren Einfluß freilich unvergleich geringer ist. Auch er fordert von der Philosophie eine Analyse der allgemeinsten Tatbestände der unmittelbaren Bewußtseinsinhalte oder wie der Ausdruck REHMKEs lautet: des "Gegebenen überhaupt", was bei ihm im Grunde dasselbe bedeutet, was MEINONG "Gegenstände" nennt. Das Gegebene zerfällt auch ihm in Einzelnes und Allgemeines - andere Ausdrücke für Konkretes und Begriffe. Durchaus nur ihm zueigen ist der Gedanke, daß das Konkrete aus Allgemeinem besteht, wenn auch nicht entsteht. Der Grundunterschie des Wirklichen und des Nichtwirklichen ist ihm die Fähigkeit des Wirkens, die nur dem Wirklichen und ihm stets zukommt. Mit der einst ziemlich starken, heute bedeutungslosen Immanenzphilosophie (der übrigens auch HUSSERL in diesem Punkt zustimmt) ist REHMKE darin eins, daß es Wirkliches nur im Bewußtsein gibt. Jenseits des Bewußtseins Befindliches existiere nicht. Wie HUSSERLs Gedanken in einen Teil des modernsten Künstlertums Eingang gefunden haben, so REHMKEs in einen anderen. Natürlich handelt es sich auch dabei nur um ein gewisses Sichberauschen an einigen Worten. - Verwandtschaft mit HUSSERLs Phänomenologie weist auch die "Ordnungslehre" von HANS DRIESCH auf, welche aufgrund von Selbstbesinnung darstellen soll, was das Erlebte zu einem Geordneten macht.

Es ist überaus bemerkenswert, daß sich auch die logizistische Bewegung nicht auf das deutsche Sprachgebiet beschränkt, sondern daß ebenso im Ausland, besonders in England, eine Strömung hervorgetreten ist, die mit ihr eine deutliche innere Verandtschaft besitzt, obwohl eine äußere Abhängigkeit nicht zu bestehen scheint. Es ist dort von G. H. MOORE ein neuplatonischer Realismus entwickelt worden, der ebenfalls den Begriffen eine nichtpsychische Existenz zuschreibt und in ihnen Wesen per se erblickt. Alle Erkenntnis soll nur aus sie gerichtet sein und alle Welt aus ihnen bestehen. Die Existenz sei selbst ein Begriff. Auch in der modernen englischen Philosophie der Mathematik tritt bei ihrem bedeutendsten Vertreter RUSSELL die Anerkennung des objektiven ideellen Charakters der Begriffe stark hervor. In Frankreich ist der Hauptvertreter des Rationalismus COUTURAT (1868 - 1913). - Es überrascht nicht, daß die meisten Vertreter dieser Richtung: HUSSERL, RUSSELL, COUTURAT, zugleich bahnbrechende Forschungen auf der Gebiet der Philosophie der Mathematik aufzuweisen haben.

Während die Vertreter der Phänomenologie auf dem Weg des strengsten Denkens neue Fundamente in der Philosophie legen zu können hoffen, so daß sie an Strenge der Mathematik gleichkommen soll, hat die Inhaltsleere der Philosophie der letzten Jahrzehnte und der geistige Hunger nach Lebensgehalt bei anderen Denkern zu einer radikalen Abwendung vom begrifflichen Denken geführt. Man bezeichnet diese neue Strömung als  Irrationalismus  oder als  Intuitivismus Ihr Hauptgedanke ist, daß es neben dem Denken noch andere Quellen der wissenschaftlichen Erkenntnis gibt. Zum Intuitivismus im weiteren Sinn gehört natürlich auch bereits alle Erkenntnistheorie, die neben dem Denken noch die Wahrnehmung als echte Erkenntnisquelle gelten läßt, denn, wenn es auch richtig ist, daß alle Wahrnehmung zugleich ein Denken ist, so gilt doch auch umgekehrt, daß alle Wahrnehmung mehr als bloßes Denken ist, denn sonst bestände überhaupt kein Unterschied dazwischen, ob wir etwas nur denken oder wahrnehmen. Im allgemeinen spricht man aber erst da von Irrationalismus, wo außer dem Denken und den gewöhnlichen Wahrnehmungsfunktionen noch andere Akte als konstitutive Faktoren der Erkenntnis angesehen werden.

In Deutschland lehrt besonders DILTHEY (1833 - 1912) und seine Schule, daß am Erkenntnisprozeß die  Totalität unseres Wesens  beteiligt sei. Das Absehen davon und die Isolation des Denkens sei eine unberechtigte Konstruktion. "In den Adern des erkennenden Subjekts, das LOCKE, HUME und KANT konstruieren, rinnt nicht wirkliches Blut, sondern der verdünnte Saft von Vernunft als bloßer Denktätigkeit." Für ein spezielles Problem hat DILTHEY sein Programm konkret durchzuführen versucht: für das Problem der Außenwelt. Die Überzeugung von ihrer Realität beruht nach ihm nicht auf einem Schluß auf die Ursachen unserer Empfindungen, sondern auf Willenserfahrungen des Menschen. Wir treffen in unseren Willenshandlungen, wenn wir etwa mit einem Stock auf den Boden stoßen, auf einen Widerstand der Welt, und in dieser Widerstandserfahrung werden wir des Daseins einer von uns unabhängigen Wirklichkeit gewiß, nicht etwa, indem wir von unseren Empfindungen auf eine äußere Ursache für sie schließen. Es soll sich also keineswegs etwa um einen Schluß aus dem Widerstand auf eine äußere Ursache desselben handeln, sondern um ein viel unmittelbareres Gewißwerden der Realität der Außenwelt. Eine größere Wirkung, über den doch nur engen Kreis der DILTHEYschen Schule hinaus, haben diese Gedanken bisher nicht gefunden. - Der Irrationalismus DILTHEYs schließt aber noch eine andere Seite in sich, die ihn zu einem solchen macht. Er hält die Wirklichkeit selbst für irrationaler Natur. Sie erscheint ihm als jenseits der logischen Grundsätze stehend. "Sie ist von Antinomien durchzogen." Diese sind nicht nur scheinbar, sondern wirklich und durch kein Denken zu beseitigen. Vor allem bestehen restlose Determination und indeterministische Freiheit nebeneinander. Das Vorhandensein der letzten wird durch die innere Erfahrung bewiesen, aber ebenso die universelle Determination des Handelns durch die wissenschaftliche Reflexion.

Im Ausland ist der Hauptvertreter des Irrationalismus der Franzose HENRI BERGSON. Er greift das begriffliche Denken als solches an und wirft ihm, dabei auf die von den Eleaten geltend gemachten Schwierigkeiten zurückgreifende, vor, daß es lediglich der starren, toten, materiellen Außenwelt gegenüber brauchbar sei, aber gegenüber dem Leben, ja schon vor der Bewegung durchaus versage. Es ist lediglich ein praktischer Notbehelf. Versuchen wir, wie es in der Regel geschieht, die aus der räumlichen Welt stamenden Kategorien auf das Leben und das Psychische anzuwenden, so werden diese dabei völlig vergewaltigt. Um das Leben zu erfassen, bedarf es einer besonderen  "Intuition".  Wir besitzen nach BERGSON neben dem rationalen Denen wenigstens in gewissem Umfang überrationale intellektuelle Fähigkeiten, mit deren Hilfe wir uns in das Leben selbst hineinzuversetzen imstande sind. Man muß das im Fluß Befindliche innerlich nach- und miterleben, wenn man es verstehen will. Diese Intuition soll imstande sein, das "Absolute" zu erreichen. Da sie in das Wesen der Dinge eindringt, ist sie das eigentliche Forschungsmittel der Metaphysik. Auch BERGSON ergibt sich dabei, daß sich die Wirklichkeit nicht den aus unserem Denken stammenden Begriffen fügt. Wir befinden uns hier also in einem Ideenkreis, der sehr stark an SCHELLING erinnert, aber sicher nicht ein Plagiat ist. Ihre große Wirkung verdanken BERGSONs Gedanken vor allem der glänzenden schriftstellerischen Form, in die er sie gekleidet hat. Ansich sind sie recht unklar.

Unter dem Einfluß von BERGSON ist zuletzt auch JAMES zum Irrationalismus übergegangen. Er glaubte auf diesem Weg das zuvor unlösliche Problem lösen zu können, wie neben unseren individuellen Bewußtseinssphären noch eine (bzw. auch mehrere) höhere Bewußtseinssphären existieren können, in die die ersten eingeschlossen sind. JAMES akzeptiert allgemein BERGSONs Lehre, daß unsere Begriffe nicht an die Realität heranreichen, sondern es sich in das Leben selbst zu versenken gilt, wenn man es in seiner Ganzheit ergreifen will. - In Deutschland hat der Irrationalismus bisher keinen beträchtlichen Einfluß gewonnen. Er findet starken Widerstand an der deutschen wissenschaftlichen Gründlichkeit, der eine solche zauberartige Lösung der Probleme mit Recht verdächtig ist.

Wohl aber hat sich ungefähr um die gleiche Zeit, seit die Phänomenologie wirksam zu werden begann, noch eine andere bedeutsame Wandlung in der deutschen Philosophie zu vollziehen begonnen: die Abneigung gegen die  Metaphysik  begann zu schwinden.

Diese Abneigung hat mit der Macht eines geistigen Instinkts fast alle Denker der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beeinflußt und wirkt in der älteren Generation teilweise noch jetzt fort.

Die neukantischen Strömungn sind zum größeren Teil seit jeher aller Metaphysik durchaus abgeneigt. KANT erscheint ihnen meist in der Rolle des Vernichters aller Metaphysik. Besonders scharf ausgeprägt und teilweise bis zu Verachtung und Haß sich steigernd ist die Abneigung bei RIEHL und COHEN. Eine Ausnahme bildete schon früh VOLKELT, der eine Metaphysik für unumgänglich hielt, ohne damit früher einen besonderen Eindruck zu erzielen. Der Positivismus (MACH, ZIEHEN) ist mit Ausnahme des Pragmatismus auch heute noch aller Metaphysik durchaus abgeneigt und steht ir mit der alten Antipathie gegenüber, die für den Ausgang des 19. Jahrhunderts so charakteristisch ist. Während man sonst gern die Tatsächlichkeit psychischer Prozesse auch als einen Rechtsgrund für die Existenz der betreffenden geistigen Erscheinungen ansah, wurde der Kampf gegen die Metaphysik gerade umgekehrt mit dem Argument geführt, daß alle metaphysischen Ideen lediglich subjektiver Natur seien, also jedes Daseinsrechts entbehrten. Insbesondere RIEHL zeigte den Zusammenhang zwischen dem psychologischen Charakter eines Philosophen und seiner metaphysischen Lebensanschauung. Auch die philosophiegeschichtliche Forschung war bestrebt, die großen System der Vergangenheit aus der psychishen Totalität ihrer Schöpfer zu begreifen und legte dabei ebenfalls das Schwergewicht auf die Gemütsfaktoren, während die intellektuellen Seiten der Systeme dabei zuweilen stark in den Hintergrund traten. Ihren Höhepunkt hat der Kampf gegen die Metaphysik in DILTHEY erreicht. Er vertritt einen  irrationalistischen Skeptizismus.  Er glaubt alle in der Geschicht hervorgetretenen Systeme auf drei große Typen zurückführen zu können, die von den Ausgangspunkten des Denkens abhängen. Geht ein Denker von der in der sinnlichen Wahrnehmung gegebenen äußeren Welt aus, so gelangt er zu einem positivistisch-materialistischen System. Das psychische Leben wird dann nach Analogie des materiellen Geschehens betrachtet. Die Welt erscheint als ein kausal geschlossenes Ganzes, in dem nur die Beziehungen von Ursache und Wirkung herrschen, alle Wertbegriffe dagegen keine objektive Bedeutung besitzen. Nimmt ein Denker seinen Ausgang dagegen vom Gefühlsverhältnis zur Welt, so erscheint sie ihm als der Ausdruck eines höheren Sinnes. Sie gewinnt einen inneren Wertzusammenhang. Das ist der Standpunkt des objektiven Idealismus. Geht man endlich aus von den Erlebnissen des Willens, so kommt man zu der Überzeugung von der Freiheit und Souveränität des Geistes gegenüber der Natur. Es ist der Standpunkt des Idealismus der Freiheit. Die Betrachtung der Welt selbst nach Analogie zu den menschlichen Willenserfahrungen führt zum Theismus. Eine Entscheidung zwischen diesen Systemen erachtet DILTHEY für unmöglich. Sie stehen gleichberechtigt und unwiderlegbar nebeneinander. Infolge des irrationalen Charakters der Wirklichkeit sind sie in ihren Widersprüchen real miteinander verträglich. Die Aufgabe der Philosophie soll in Zukunft nur noch sein, die Systeme in ihrer Entstehung zu begreifen. Anstatt selbst Weltanschauung zu geben, wird die Philosophie zur Lehre von den Weltanschauungen. Ihr letztes Wort ist der Skeptizismus.

Bei allem grundsätzlichen Widerwillen gegen die Metaphysik ist man aber auch zur Zeit seiner Herrschaft durchaus nicht frei von solcher gewesen. In Wahrheit bekannte und bekennt in jenen Kreisen man sich zumeist zu einer positivistisch-materialistischen Ansicht: zur mechanischen Weltanschauung. Wo dieselbe von der älteren Generation nicht als ausreichend angesehen wird, ergänzt man sie durch eine  pantheistische  Auffassung. So entstand der moderne Monismus, der vor dem Krieg die populäre Metaphysik darstellte. Der Grundzug im Monismus ist die Überzeugung von der Einheitlichkeit der Welt. Alles soll miteinander verwandt und im Grunde zuletzt eines Wesens sein. Die Welt erscheint als ein harmonisch geordnetes Ganzes. In praktischer Hinsicht neigt der Monismus zu einer optimistischen, aller Transzendenz abgeneigten diesseitigen Lebensstimmung. Der Pantheismus entsprach der Lebensfreudigkeit der letzteren. Im einzelnen gab und gibt es recht verschiedene Richtungen im Monismus. Die älteste, noch bei HAECKEL stark wirksame; ist vom Materialismus kaum zu unterscheiden. Ihr steht eine andere heute als die herrschende gegenüber. Sie kann als spiritualistischer Monismus bezeichnet werden. Ihr eigentlicher Inaugurator ist wohl WUNDT gewesen, in breitere Kreise hat sie PAULSEN hineingetragen. Nach dieser Auffassung besteht die Wirklichkeit in letzter Hinsicht aus lauter Psychischem. Dieses selbst ist im Grunde lauter Wille ("voluntaristischer Monismus"). Das Psychische selbst besteht aus lauter Prozessen ("aktualistische Seelenauffassung"), die sich zu Bewußtseinseinheiten vereinigen. Alles ist beseelt, vom Atom an bis zum Weltganzen. Jedem geschlossenen System entspricht eine psychische Einheit, dem Universum demgemäß die Weltseele. Das Verhältnis von Physischem und Psychischem wird durchgängig im Sinne des universellen Parallelismus bestimmt: jedem physischen Vorgang entspricht ein psychischer, dessen bloße Erscheinung er ist. Der Beweggrund für diese Theorie ist stets die Überzeugung von der universellen Gültigkeit der mechanischen Prinzipien, die bei einer Wirkung des Psychischen auf das Physische durchbrochen würde.

Auch in religiöser Hinsicht ist der Monismus stark schattiert. Ein, heute recht geringer, Teil ist antireligiös geblieben, ein anderer, immer größer gewordener hat die neuen religiösen Tendenzen der Gegenwart in steigendem Maß in sich aufgenommen; zunächst war es eine panästhetische, bewußt auf GIORDANO BRUNO zurückgreifende Religiosität, später vertiefte sie sich, ja es kam teilweise zur Annäherung des Pantheismus an das Christentum. HAECKEL, der sich bedenklich dem Materialismus näherte, und PAULSEN waren seine Hauptvertreter.

Auf französischem Boden wurde der Monismus von FOUILLÉE (1838 - 1912) und GUYAU (1854 - 1888) vertreten. Der erste weist unverkennbare Verwandtschaft mit WUNDT auf. Er lehrt einen Evolutionismus der Kraft-Ideen, d. h. einen voluntaristischen Spiritualismus. Der zweite ist ein Dichterphilosoph von hohem Reiz, in mancher Beziehung der französische NIETZSCHE. Weniger einflußreich scheint der Monismus in der angelsächsischen Welt zu sein, was mit deren geringerer Empfänglichkeit für ein rein weltlich gesinntes Lebensbewußtsein zusammenhängen dürfte. Dort hat der Theismus in der Philosophie viel länger eine große Bedeutung besessen als in Deutschland, wo er in den letzten Jahrzehnten gänzlich bedeutungslos war. Immerhin ist heute auch seine Position dort bei weitem nicht mehr die alte. Auch in die angelsächsische Welt, deren konservative kulturelle Stabilität ja auch sonst in neuerer Zeit erheblichen Wandlungen unterliegt, hat in den letzten zwanzig Jahren der  pantheistische Monismus  seinen Einzug gehalten. Kein geringerer als JAMES bezeugte 1907: "Der dualistische Theismus geht an unseren britischen und amerikanischen Universitäten in den letzten Jahren zurück, um durch einen mehr oder weniger offenen oder versteckten monistischen Pantheismus ersetzt zu werden. Ich habe den Eindruck, als ob seit den Zeiten T. H. GREENs (1836 - 1882) der absolute Idealismus in Oxford entschieden im Wachstum begriffen ist. Auch an meiner eigenen Harvard-Universität ist das der Fall." Als besonders wirksame Vertreter des "monistischen Idealismus" hat JAMES dabei BRADLEY in England und ROYCE in Amerika im Auge. Die Gestalt, in der in der angelsächsischen Welt der Monismus auftritt, erinnert meist mehr als an den modernen deutschen Pantheismus, an den deutschen dialektischen Monismus vor hundert Jahren. Dieser angelsächsische Monismus hält auch den aus der deutschen Philosophie bis vor kurzem verschwunden gewesenen Terminus des Absoluten fest und faßt dieses als eine Bewußtseinseinheit auf, in der die einzelnen menschlichen Bewußtseinssphären als Teile enthalten sind. - Stark positivistisch gefärbt ist der Monismus beim Deutschamerikaner PAUL CARUS, der demselben durch die von ihm begründeten Zeitschriften "The Monist" und "The Open Court" sowie zahlreiche eigene philosophische Schriften und Übersetzungen Wirkung verschaffte.

Obwohl der Pantheismus auch jetzt noch in Deutschland einen bedeutenden Anhängerkreis besitzt, kann er doch nicht mehr als die maßgebende Metaphysik bezeichnet werden. Schon zur Zeit seiner Blüte war er nicht allbeherrschend. WUNDT, der ihm in vieler Hinsicht nahesteht und dessen Schriften ihm in wirksamer Weise den Weg bereiteten, indem sie den voluntaristisch-spiritualistischen Monismus schufen, hat ihn persönlich als letztes Wort doch stets abgelehnt. Der Weltgrund kann nach ihm überhaupt nur postuliert werden. Von seinen Eigenschaften wissen wir nichts, wir können nur vermuten, daß unser sittliches Menschheitsideal sich als seine Folge ergibt. Noch mehr entfernte sich EUCKEN vom Monismus, der geradezu als metaphysischer Vorläufer einer neuen Zeit angesehen werden muß. Auch einige andere Denker wie LIEBMANN, VOLKELT, KÜLPE gingen dauernd eigene Wege.

Was sich so unter der Oberfläche schon lange vorbereitete, ist in jüngster Zeit nun mit großer Macht an den Tag getreten: eine  neue Metaphysik  ist a als eine relativ geschlossene philosophische Strömung. Es ist die wissenschaftliche Lage selbst, die sie aus sich geboren hat, und eben deshalb, weil es sich nicht um rein persönliche Überzeugungen handelt, sondern um Gedanken, die ein Ergebnis der positiven Forschung sind, haben sie eine unwiderstehlich vorwärtsdrängende und siegreich sich verbreitende Kraft. Die ganze monistische Gedankenwelt ist jetzt innerhalb der Wissenschaft im Versinken begriffen. Ihre Hauptthese: der mechanische Charakter der Welt ist durch die physikalische Forschung selbst entwurzelt. Die als universale Weltgesetze jahrzehntelang gefeierten mechanischen Grundgesetze gelten selbst innerhalb der anorganischen Natur nur in beschränkten Gebieten. An die Stelle des Monismus tritt ein neuer Dualismus oder gar Pluralismus, an die Stelle des Pantheismus wieder der Theismus. Es handelt sich demnach um eine sehr tiefgehende Umwandlung, über deren grundstürzenden Charakter man sich bisher kaum in Fachkreisen, geschweige denn in der breiteren Öffentlichkeit bewußt geworden ist. Die Hauptmotive für die Umbildung der metaphysischen Überzeugungen kommen zurzeit noch aus den auf die Welt des Lebens gerichteten Disziplinen, da der Gedankenkreis der Relativitätstheorie auf die Philosophie noch keine tiefere Rückwirkung geübt hat.

Eine unmittelbare zwangsmäßige Veranlassung zur Bildung neuer metaphysischer Hypothesen ist seit geraumer Zeit besonders in der  Biologie  vorhanden. Die Zeit ist vorüber, als man sich aufgrund der DARWINschen Selektionslehren über die in die Augen fallenden Unterschiede der organischen und der anorganischen Gebilde (vor allem der bloßen Aggregate) leicht hinwegsetzte und sie für Gebilde erklärte, die von den anorganischen nicht grundsätzlich verschieden seien. Heute herrscht in der Biologie wieder die Überzeugung von der Eigengesetzlichkeit der Organismen. Ihre teleologische Struktur ist nicht rückführbar auf mechanische Zufälligkeiten. Ihr Vorhandensein ist es, das in erster Linie zu metaphysischen Hypothesen Anlaß gibt. Faktoren müssen postuliert und in ihrer Natur und der Art ihres Wirkens näher anzugeben versucht werden, die die Struktur der Organismen erzeugen.

Es sind besonders zwei Forscher, die sich die Aufstellung solcher Hypothesen haben angelegen sein lassen, ein Botaniker: REINKE, und ein zunächst als Zoologe tätig gewesener Philosoph: DRIESCH. REINKE greift auf den Theismus zurück. Die ersten Organismen sollen eine unmittelbare Schöpfung Gottes gewesen sein, die weitere Entwicklung ist ohne solche besonderen Eingriffe Gottes vor sich gegangen und bedingt durch spezielle zielstrebige, intelligente, organische Kräfte, die sich der anorganischen Materie bedienen und nur die Richtung der anorganischen Kräfte ändern, so daß ein Konflikt mit dem Energieprinzip ausgeschlossen bleibt. Logisch weit schärfer und auch der Zeit nach früher als REINKE, der in mancher Hinsicht doch den philosophischen Dilettanten erkennen läßt, hat DRIESCH den neuen Vitalismus formuliert und begründet. Die Genauigkeit seines Denkens hat ihm sogar mehrfach den Vorwurf "scholastisch" zu sein, zugezogen. Unter Wiederaufnahme  aristotelischer  Ideen und Ausdrucksweise nimmt er einen besonderen biologischen "Naturfaktor" an, den er als "Entelehie" bezeichnet. Obwohl in den Raum wirkend ist er selbst unräumlicher Art, eine intensive Mannigfaltigkeit der höchsten Art. Er ist nicht selbst seelischer Natur, aber in seinem Wirken nur nach Analogie des menschlichen Zweckhandelns zu verstehen (und wird darum von DRIESCH auch "Psychoid" genannt). Das Seelenleben selbst soll erst ein Ausfluß des Psychoids sein. Die Vertiefung, die DRIESCH für die begriffliche Fixierung des Wesens der Organismen gebracht hat, besteht besonders in der Überwindung der Maschinentheorie, die auch bei den Gegnern der mechanischen Auffassung vielfach noch fortwirkt: der Organismus ist viel mehr als eine Maschine, denn keine Maschine erzeugt andere ihresgleichen und besitzt Regenerationsfähigkeit und andere erstaunliche Eigenschaften der Organismen. Einen Konflikt mit dem Energieprinzip vermeidet auch DRIESCH peinlich, während BECHER und OESTERREICH einem solchen nicht mehr aus dem Weg gehen. Auch den Gedanken einer höchsten Weltentelechie zieht DRIESCH heran, wennschon er weniger entschieden Stellung nimmt als REINKE, da strenge Beweise hier unmöglich sind.

Der Einfluß dieser neovitalistischen Metaphysik erstreckt sich heute schon bis tief in die Kreise der positiven Forschung hinein (JAKOB von UEXKÜLL, WIESNER, R. H. FRANCÉ, HERTWIG u. a.).

In wesentlichen Punkten hat bereits EDUARD von HARTMANN Theorien des Neovitalismus vorweggenommen, mit durchaus verwandten Begründungen, ohne jedoch im Zeitalter des Mechanismus irgendeinen Eindruck auf die Wissenschaft damit zu machen.

Die aus der  geistigen Welt  kommenden Antriebe zu metaphysischer Ideenbildung sind vorläufig weniger theoretischer Art als religiöser. Außerordentlich erleichtert wird die Lage für die Metaphysik jedoch, ja sie erfährt unmittelbare lebhafte Förderung durch die veränderten Anschauungen im Bereich der  Psychologie An die Stelle der früher üblichen Versuche, das Psychische in möglichste Analogie zum Physischen zu bringen, ist die Einsicht in die völlige Wesensverschiedenheit beider getreten. Von Bedeutung für die Metaphysik ist vor allem die Rückkehr zur Annahme eines spezifischen Ichfaktors, die Abwendung von der "Psychologie ohne Seele", und sodann die erneute Preisgabe der Theorie des psychophysischen Parallelismus und der Übergang zur Theorie der Wechselwirkung von Physis und Psyche. In beiden Fällen bedeutet der eingetretene Wandel die Wiederanerkennung der Erfahrung und die Preisgabe konstruktiver Theorien, die ihre Entstehung lediglich den Bedürfnissen der mechanischen Weltanschauung verdankten. Auch die  Freiheit  wird wieder anerkannt (WENTSCHER, HERMANN SCHWARZ, R. MANNO, JOEL, OESTERREICH), ja geradezu durch experimentelle Psychologie zu erweisen versucht (ACH).

Ein weiterer Strom der neuen Metaphysik kommt aus den  historischen Geisteswissenschaften  her.

Es handelt sich weniger darum, den Kausalzusammenhang der Wirklichkeit durch die Annahme metaphysischer Potenzen lückenlos zu gestalten, als vielmehr darum, einen  Sinnzusammenhang  in die Wirklichkeit hineinzudeuten, was nicht ohne metaphysische Hypothesen möglich ist. Mit vollster Klarheit tritt das metaphysische Grundmotiv, die Wirklichkeit sinnvoll zu deuten, in der einflußreichsten, weit über die Landesgrenzen hinaus wirksamen modernen deutschen Metaphysik: der EUCKENs zutage, die durchaus antinomistischer, dualistischer Art ist. Sie gibt sich von vornherein nicht als eine streng beweisbare Lehre, sondern als Hypothese. EUCKEN stellt als das unbewiesene und nicht beweisbare Grunddogma an die Spitze der Metaphysik denselben Satz, auf dem schon der deutsche Idealismus (mit dem EUCKEN überhaupt eine deutliche Wesensverwandtschaft besitzt) ruhte, daß die Wirklichkeit sinnvoller Art ist. Und seine Metaphysik will zeigen, unter welchen Voraussetzungen die Welt einen solchen höheren Sinn hat. Am Ende scheint es ihm notwendig zu sein, daß es in der Welt nicht nur die uns aus der Erfahrung bekannte Fülle menschlicher Personen gibt, sondern ein höheres überindividuelles Geistesleben, an dem sie Anteil haben oder wenigstens Anteil haben können. Gäbe es nur eine Geisteswelt von rein egoistisch-eudämonistisch orientierten Individuen, wie es die biologische Betrachtung sooft fingiert hat, so wäre die Welt schlechthin sinnlos. Es muß eine höhere Geisteswelt darüber da sein. Doch hat der Mensch nicht von Natur aus an ihr teil, sondern er muß sich diese Teilnahme erst erringen. Und er kann es nur, wenn er mit seiner naturhaften Egozentrizität grundsätzlich bricht. Nur eine tiefere innere Umkehr, eine Metanoia, eine Geistesbekehrung vermag das zu leisten. Jene Teilnahme ist aber keineswegs auf das sittliche oder das religiöse Gebiet im engeren Sinne beschränkt, sondern, wo immer ein Individuum sich über sich selbst erhebt, also auch in der wissenschaftlichen und künstlerischen Tätigkeit, soweit sie echt ist, findet ein Teilhaben des Menschen am höheren Geistesleben statt. Mit hingebender Begeisterung hat EUCKEN diese Grundgedanken in mannigfachen Variationen in seinen zahlreichen Schriften immer wieder mit der Kraft des Reformators, mehr predigend als wissenschaftlich lehrend, vertreten. Er steht damit dem Christentum weit näher als der monistisch-pantheistischen Metaphysik der Gegenwart. Weder vergöttlicht er die naturhafte Welt, noch den Menschen, vielmehr finden sich in seiner Metaphysik Töne, die stark dualistisch klingen und an die transzendenzfreudige, weltabgewandte Mystik des Mittelalters erinnern, sowenig er mit dem traditionellen, theologisch positiv gerichteten Christentum der Gegenwart übereinstimmt.

Nahe verwandt mit den Überzeugungen EUCKENs sind die von TROELTSCH. Er ist jener deutsche Metaphysiker, der auf erkenntnistheoretischem Gebiet aus dem Neukantianismus, und zwar dem badischen, hervorgegangen ist, wie denn überhaupt innerhalb dieser Richtung des deutschen Neokritizismus die Abneigung gegen Metaphysik etwas weniger ausgeprägt ist, als in anderen Strömungen. Auch TROELTSCH nimmt an, daß es auch auf religiösem Gebiet ebenso wie innerhalb der Erkenntnis, der Sittlichkeit und des Ästhetischen apriorische Vernunftprinzipien gibt, die in der empirischen Wirklichkeit freilich nur vermischt mit rein Tatsächlichem, Irrationalem zutage treten, die aber doch jene Gebiete, soweit sie vernünftig, rational, notwendig sind, konstituieren und von der Religionsphilosophie zu bestimmen sind. Im Gegensatz zum ganzen übrigen Neukantianismus leugnet TROELTSCH den rein mechanischen Charakter der Welt. Die geistige Welt ist der naturwissenschaftlichen Kausalität nicht unterworfen. Ja, es gibt auch empirische Erlebnisse des Göttlichen: alle Religiosität hat ihren Kern in mystischen Erfahrungen. - Das erkenntnistheoretische Problem, das in den religiösen Zuständen enthalten ist, ist von OESTERREICH herausgearbeitet worden. Es besteht in der Frage, ob und wie eben das Göttliche in irgendeiner Weise zur unmittelbaren Erfahrung gelangt.

Die heute in Deutschland langsam das Übergewicht gewinnende metaphysische Ideenrichtung ist wieder  theistisch.  Es ist recht auffallend, wie von ganz verschiedenen Seiten her die theistischen Gedanken wieder hervorgetreten sind. Unter den Psychologen hat seit langem bereits KÜLPE eine monadologisch gerichtete theistische Metaphysik gelehrt. Schon seit langem huldigt dem Theismus, dabei wesentlich von ästhetischen Gedanken ausgehend, auch VOLKELT, der dabei eine sichtliche Verwandtschaft mit CHR. H. WEISSE (1801 - 1866), dem heute zu Unreht vergessenen Lehrer LOTZEs, für den er von der größten Bedeutung war, aufweist, ebenso HERMANN SCHWARZ. In jüngster Zeit gewinnt der Theismus Unterstützung aus dem BRENTANOschen Kreis heraus. Bei HUSSERL wird der theistische Gedanke zu einer wissenschaftlich unaufgebbaren Idee. Auch EHRENFELS und SCHELER, der sich im Übergang zur Neuscholastik befindet, haben die theistische Hypothese aufgenommen. Das theistische Hauptwerk dürfte für geraume Zeit, sobald es zum Druck gelangt, ein hinterlassenes großes metaphysisches Werk BRENTANOs werden, in dem er die philosophische Hauptfrucht seines langen Lebens sah und das den theistischen Gedanken vermutlich mit dem ganzen Aufgebot an Scharfsinn, der ihm zueigen war, verteidigt. Von einem Einfluß des Theismus auf größere Kreise kann aber noch nicht gesprochen werden. Dennoch unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß das theistische Problem ein religionsphilosophisches Hauptproblem der nächsten Zeit sein wird. Die moderne Metaphysik mündet damit in eine Geistesrichtung ein, die in den mittleren Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die geistig führende Stellung einnahm und die eine heute noch nicht in ihrer Bedeutung erkannte wichtige philosophische Fortbildung darstellte, der auch der bedeutendste nachhegelsche deutsche Denker LOTZE angehörte. Ein Unterschied besteht vor allem insofern, als heute das Problem des Theismus nach allen Seiten kühner als damals und ohne im voraus festgelegte Entscheidungen durchdacht wird. Insbesondere bildet das Verhältnis Gottes zur Welt einen Gegenstand der Erörterung: ob die Welt Gottes Schöpfung ist oder als ein selbständiges Wesen neben ihm steht. Es ist das Theodizee-Problem [Rechtfertigung Gottes - wp], das wieder mit Leidenschaft behandelt zu werden beginnt. EHRENFELS macht den Versuch, aufgrund des erfahrungsmäßigen Charakters der Welt den transzendenten Dualismus durchzuführen. Auch DRIESCH und OESTERREICH haben das Problem wieder zur Diskussion gestellt.

Wie stark die neue metaphysische Welle ist, zeigt am besten, daß sie Rückwirkungen auch auf solche Kreise ausgeübt hat, die der Metaphysik die längste Zeit durchaus ablehnend gegenüberstanden, vor allem auf den Neukantianismus. Am frühesten zeigte sie sich bei WINDELBAND. In vollem Widerspruch zu seiner Erkenntnistheorie, welche die Annahme von transzendenten Dingen ansich ausschließt, ist er in der Religionsphilosophie zur Postulierung der transzendenten Existenz eines Wesens, des "Heiligen", fortgeschritten, das aus den Werten des absolut Wahren, des absolut Guten und des absolut Schönen besteht. Die absoluten Normen sollen also nicht nur in der Form des Sollens bestehen, sondern im Transzendenten noch eine greifbarere Existenz haben. Weit zurückhaltender hat sich der Marburger Neukantianismus verhalten. Doch zeigt auch COHEN in seiner letzten Schrift über den "Begriff der Religion" der Metaphysik gegenüber eine weit weniger feindlich gestimmte Haltung als früher. Bei NATORP ist, wenn auch unbewußt, jetzt ein metaphysisches Moment vorhanden in seiner Idee eines vor aller Erkenntnis gelegenen "unmittelbaren" Erlebens", das äußerst stark an BERGSONs Gedanken erinnert. Weit deutlicher nocht ist der metaphysische Einschlag in der neueren Entwicklung SIMMELs, der ja im Erkenntnistheoretischen den Marburgern nicht fernsteht. Seine letzten Schriften sind voll von metaphysischen Ideen, wenn auch freilich eine letzte eigene Stellungnahme wie immer von ihm vermieden wird. Immerhin wird es deutlich genug, daß diese Gedanken für ihn zuletzt doch eine ganz andere Bedeutung besessen haben als in früheren Zeiten. Selbst innerhalb des Positivismus besteht das Streben, der metaphysischen Strömung entgegenzukommen. In Deutschland fordert VAIHINGER metaphysische Gedankenfreiheit. Sind auch unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse weiter nichts als biologische Zweckhandlungen, so steht nichts im Weg, auch religiöse Gedanken festzuhalten oder neu zu bilden, die biologisch wertvoll sind. Als Glauben läßt auch ADICKES die Metaphysik gelten.

Im Zusammenhang mit erneuter metaphysischer Hypothesenbildung geben sich die auf Gewinnung einer zusammenhängenden, wissenschaftlich begründeten Weltanschauung gerichteten Tendenzen der Gegenwart in unmittelbarer Form kund durch Versuche zu Synthesen umfassenderer Art. Die Einengung der Philosophie auf die Erkenntnistheorie gehört der Vergangenheit an. Auf allen Gebieten drängt es wieder nach inhalterfülltem Denken. In den letzten zwei Jahrzehnten ist der Erkenntnistheorie der Naturwissenschaften eine neue sachlich Naturphilosophie zur Seite getreten (OSTWALD, BECHER). Den Versuch, ein sowohl die materielle wie die geistige Welt umfassendes Weltbild vom Standpunkt der Gegenwart zu entwerfen, hat OESTERREICH gemacht. Andere sind gefolgt (KOPPELMANN u. a.).

Mit dem Wachwerden des Bewußtseins für die Gesamtaufgabe der Philosophie ist auch die  Kultur  wieder zu einem Gegenstand der philosophischen Reflexion geworden, zu dem sie erst HEGEL gemacht hat. Allerdings haben wir es noch nicht mit einer eigentlichen neuen philosophischen Disziplin zu tun. Dazu tragen die Arbeiten auf diesem Gebiet noch zu sehr den Charakter der Vereinzelung und der Subjektivität, wie denn auch der philosophische Dilettantismus sich darin recht breit macht. Das beherrschende Grundproblem ist das Problem der  Kulturwerte.  Welches sind die in unserer europäischen Kultur vorhandenen Werte und entspricht dem uns vorschwebenden Ideal einer Kultur ihr gegenwärtiger Zustand? Das sind die Hauptfragen, welche die moderne Kulturphilosophie bewegen.

Damit ist eine allgemeine Werttheorie zum philosophischen Desiderat geworden. Sie stand bisher unverkennbar im Hintergrund der philosophischen Diskussion. Die Ästhetik hat sich sogar in erheblichem Umfang von den übrigen philosophischen Disziplinen losgelöst. In der Ethik ist der positivistische Relativismus schon seit geraumer Zeit überwunden. Der  Neukantianismus  einerseits, fast im gesamten Umfang, und sodann BRENTANO haben schon in den Anfängen der gegenwärtigen Philosophie einen erfolgreichen Kampf gegen ihn eröffnet. Selbstverständlich bewegt sich auch die Phänomenologie in derselben Richtung. Auch in England ist jetzt eine gegen die traditionelle utilitaristisch-eudämonistische Tendenz gerichtete absolute Ethik erfolgreich hervorgetreten, deren Vertreter ebenfalls der englischen Phänomenologie angehören (MOORE, RUSSELL). WINDELBAND hat sogar das Wesen der Philosophie darin sehen wollen, Wertwissenschaft zu sein. Während alle positiven Wissenschaften nach ihm Tatsachen zum Gegenstand habe, soll der Philosophie die Normgebung obliegen. Sie hat zwischen den faktischen Wertungen die Entscheidung zu treffen, zu sagen, was in Wahrheit wahr, gut und schön bzw. falsch, schlecht und unschön ist. WINDELBAND hat sich jedoch auf die Stellung der Aufgabe im wesentlichen beschränkt. MÜNSTERBERG und RICKERT haben dann Wertsysteme zu entwickeln versucht. Versuche, die Totalität der Kultur zu entsprechendem philosophischen Bewußtsein zu erheben, sind jedoch nur von jüngeren Denkern unternommen worden (JONAS COHN, HAMMACHER). Ohne bewußte Methodik, aber mit dem Instinkt einer großen geisteswissenschaftlichen Begabung und kulturphilosophischer Befähigung, ist das ganze Gebiet vom Ausgang der siebziger Jahre an im achten Dezennium des vergangenen Jahrhunderts vom Philologen NIETZSCHE durchpflügt worden. Und noch immer sind seine Schriften lebendigstes Ferment in der deutschen Philosophie. Er setzt der Philosophie sogleich die höchste Aufgabe: Lehrmeisterin aller Kultur zu sein. Und er versucht in leidenschaftlicher Reaktion gegen Mißstände der Zeit eine "Umwertung aller Werte", mehr im Ton des geistigen Diktators als des Forschers, ohne sich eine tiefere Rechenschaft über die logischen Grundlagen seiner Umwertungsversuche zu geben. Sein Haß gilt vor allem dem Christentum und dem Sozialismus. In beiden findet er die Tendenz herrschend, an Stelle der Rücksicht auf die wertvollen Einzelnen die Masse der minder oder gar nicht wertvollen Individuen zum Maßstab des Handelns zu machen. Das Christentum erscheint ihm als der Vernichter der antiken Kultur, der Sozialismus als sein unmittelbarer Nachfolger in der Gegenwart. Beide haben es bewirkt, daß die Werte der Kraft und Stärke vom Ideal des Altruismus und der Preisgabe der eigenen Individualität völlig verdrängt worden sind. Demgegenüber fordert er die Rückkehr zum angeblich aristokratisch-antiken Ideal des Herrenmenschen, der "jenseits von Gut und Böse" steht. Mit maßloser Leidenschaftlichkeit wird dieser Gedanke bis zur Verherrlichung des Verbrechers gesteigert und gegen das Christentum eine Flut von Schmähungen ausgestoßen. Fast unvermittelt läuft daneben ein anderer Gedankenstrom, der NIETZSCHE zum unmittelbaren Nachfolger der Kulturidee des klassischen deutschen Zeitalters macht. Unter völliger Geringschätzung des politischen Lebens erscheint ihm, als "dem letzten antipolitischen Deutschen", als das allein Wertvolle im Leben der Völker die geistige Kultur, ein Gedanke, der NIETZSCHE dann unmittelbar weiterführt zum kulturellen Kosmopolitismus, dessen bedeutendster Vertreter er in der Gegenwart ist. Diese zweite Seite seines Philosophierens ist bisher gegenüber der ersten fast völlig unbeachtet geblieben, obwohl sie die weit wertvollere ist.

Zu einer voll entwickelten Philosophie der Kultur würde auch eine  inhaltliche Geschichtsphilosophie  gehören, die nach dem Gang der geschichtlichen Entwicklung fragt - eine Frage, auf die die Geschichtsforschung, die sich mehr und mehr in Detailforschung zersplittert und deren Horizont meist nicht über den Einzelvorgang hinausreicht, keine Antwort gibt. Es ist oben hervorgehoben worden, wie die moderne Geschichtsphilosophie vorläufig zum größten Teil noch Erkenntnistheorie ist. Die Philosophie entbehrt auf geistesgeschichtlichem Gebiet zur Zeit noch der völligen Erfassung ihrer Gesamtaufgabe. Sie leidet sichtlich unter der Überfülle des historischen Materials, das jedem Versuch einer Synthese außerordentliche Schwierigkeiten entgegensetzt. Andererseits wird gesagt werden können, daß ein wirklich schöpferischer Geist höherer Art noch niemals durch Materialfülle erdrückt worden ist. Der bedeutendste Versuch, der Gesamtmasse des historischen Stoffs geistig Herr zu werden, ist von JAKOB BURCKHARDT gemacht worden (er wurde erst in jüngerer Zeit, beträchtlich nach seinem Tod herausgegeben). Ungeachtet der grundsätzlichen Gegnerschaft, die BURCKHARDT zu aller Geschichtsphilosophie einnimmt, geben seine "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" dennoch die tiefste Philosophie der Geschichte seit HEGEL, indem sie allgemeine Sätze über das gegenseitige Verhältnis der großen von ihm unterschiedenen drei Potenzen des geschichtlichen Lebens: Staat, Religion, Kultur entwickeln. Daneben sind etwa noch DILTHEYs Ideen über die Wertungszusammenhänge und den Sinn der Geschichte zu nennen, die auch über das bloß Erkenntnistheoretische hinausgehen. Neue Ideen hat, unter schärfstem Widerspruch positiver Forscher, LAMPRECHTs Schule gebracht, insofern der Versuch gemacht wurde, allgemeine typische Verlaufsformen der Kulturentwicklung innerhalb aller Völker aufzuweisen, die es sogar ermöglichen sollen, aus kleinsten Kulturfragmenten den Gesamtzustand der zugehörigen Kultur durch Analogieschluß zu ermitteln. In jüngster Zeit hat WUNDT den Versuch einer Geschichtsphilosophie unternommen und eine neue Gliederung des Geschichtsverlaufs versucht. Immerhin leiden seine Versuche unter der verhältnismäßig viel stärkeren Berücksichtigung, welche die Naturvölker gegenüber den Kulturvölkern finden. Noch jünger sind die Geschichtsphilosophien NATORPs und SPENGLERs. Von Bedeutung für das immerhin im historizistischen Zeitalter auffallende Fehlen größerer geschichtsphilosophischer Versuche ist auch die allgemeine Überzeugung von der Auflösbarkeit des historischen Geschehens in den Beziehungen zwischen Individuen gewesen, die eine bedingungslose Ablehnung der Annahme irgenwelcher, im geschichtlichen Leben (wenn auch durch Vermittlung von Individuen) wirksamer individueller geistiger Potenzen, die etwa ein Analogon zu den vitalistischen Faktoren der Biologie darstellen würden. Es sind Anzeichen vorhanden, daß diese in der Romantik unter dem Namen "Idee" weit verbreitet gewesene Hypothese wieder ins Leben treten dürfte (DRIESCH u. a.).

Weit früher als in Deutschland hat die Wendung zur Metaphysik in  Frankreich  eingesetzt, dessen philosophischer Entwicklungsprozeß nicht durch die materialistische Reaktioin auf den Überschwang der Naturphilosophie in ihrer historischen Kontinuität unterbrochen worden ist, wie es in Deutschland der Fall war. So findet man denn schon beim bedeutendsten französischen Neokritizisten des 19. Jahrhunderts, bei RENOUVIER, viele in KANTs System enthalten gewesene metaphysische Ideen beibehalten, während sie vom deutschen Neukantianismus eigentlich ausnahmslos ausgeschaltet worden sind. Insbesonder hat RENOUVIER die Gedanken der Freiheit und Unsterblichkeit festgehalten, ja die Freiheit, die KANT nur für die noumenale Welt hatte gelten lassen, wieder auch für die Erscheinungswelt reklamiert. Auch von anderen französischen Denkern wurde die Freiheit festgehalten. Sie ist heute eins der allgemein anerkannten Lehrstücke der französischen Metaphysik. BOUTROUX versuchte scharfsinnig den Nachweis, daß die Zufälligkeit keineswegs auf die menschliche Willenshandlung beschränkt ist, sondern ein in der Natur weit verbreitetes Phänomen darstellt. Ihren Gipfelpunkt erreichte die französische Metaphysik in BERGSON, dem heute einflußreichsten Denker der ganzen Welt. Seine Philosophie ist eine eigentümliche Mischung aus Empiriokritizismus, Spiritualismus und Neovitalismus. Er lehrt, daß unsere Wahrnehmungen mit den Dingen selbst zusammenfallen, daß hinter der Welt Geistiges steht, ein élan vital, der in freien schöpferischen, nicht voraussehbaren Handlungen die Welt, insbesondere die organische Entwicklung vorwärts treibt; Gott ist ihm kein abgeschlossenes Wesen, sondern für ihn ist auch Gott in einem dauernden Werden begriffen: Dieu se fait [Gott wird - wp]. Damit ist der Evolutionsgedanke auf Gott selbst ausgedehnt. In besonderen Intuitionsakten soll es möglich sein, sich in diese Lebensschwungkraft zurückzuversetzen und damit in das innere Getriebe der Welt einzudringen. Im Gegensatz zur Materie, die räumlich ausgedehnter und vor allem quantitativer Natur ist, soll das eigentliche psychische Leben, wozu BERGSON augenscheinlich auch den élan vital rechnet, reine Qualität oder, wie er vielmehr sagt, reine Intensität und reine Dauer sein. Auch das Verhältnis von Körper und Seele wird von BERGSON ganz neu bestimmt. Das Seelenleben wird nicht vom Körper völlig abhängig gemacht, vielmehr die "reine Erinnerung" als vom Gehirn ganz unabhängig bezeichnet. Mittels dieses Organs soll der Organismus lediglich eine biologisch zweckmäßige Auswahl unter den zur Verfügung stehenden zahllosen Erinnerungen des Geistes treffen. In glänzender bilderreicher Sprache vorgetragen haben diese Gedanken trotz vielfacher unverkennbarer großer Unklarheit und obwohl sie weder biologisch noch psychopathologisch überzeugend begründet sind, eine außerordentlich große Wirkung geübt.

Bedeutsam ist, daß sich auch in der  angelsächsischen  Welt, die bei uns noch gern als Hort des Positivismus angesehen wird, die Metaphysik zu neuem Leben entfaltet hat. Ja, es gilt das dort sogar gerade auch von den im erkenntnistheoretischen Sinne als empirisch-positivistisch zu bezeichnenden Strömungen.

Während in der deutschen Metaphysik auch bei denen, die an der Spitze der modernen Bewegung stehen, noch immer alle Metaphysik meist an die gewöhnlichen Erfahrungsgrundlagen angeknüpft wird, von denen auch die übrigen Wissenschaften ausgehen, so daß die Metaphysik nur weitergehende Fragen erhebt und zu ihrer Beantwortung kühnere Hypothesen schafft, hat auf amerikanischem Boden WILLIAM JAMES allen Ernstes die Basis der Metaphysik erweitert. Was bei EUCKEN im wesentlichen nur Hypothese ist und nur unter der Voraussetzung Anerkennung verlangt, daß hinter der Wirklichkeit ein höheres Geistesleben steht, glaubt JAMES, als Erfahrung hinstellen zu können. In seinem Buch "The Varieties of religious Experience" hat er anhand einer sehr großen Zahl religiöser Selbstzeugnisse aller Art, in zuächst rein psychologischer Absicht, gezeigt, daß innerhalb des religiösen Lebens in sehr vielen Fällen gesteigerter Religiosität die Aussage begegnet, besondere spezifische Erfahrungserlebnisse zu besitzen, wie sie außerhalb der Religiosität nicht vorkommen: Erfahrungen von überweltlichen geistigen Potenzen göttlicher oder gottverwandter Art. JAMES zweifelt nicht, daß es sich dabei nicht um bloße Einbildungen der Phantasie, sondern um Realität handelt. Seine Metaphysik ist also im gewöhnlichen Sinne des Wortes gar nicht Metaphysik, sondern steht ihrem Erkenntnisanspruch nach in einer Reihe mit den empirischen Disziplinen. Er war unter den Denkern der letzten Zeit auch der erste Philosoph, welcher die Wichtigkeit der parapsychischen Phänomene erkannt hat. (War er doch zugleich eigentlich wissenschaftlicher Entdecker des Falles der Miß PIPER, in dem übernormale Kenntnisse durch langjährige Beobachtung dieser Frau über jeden Zweifel sichergestellt worden sind.) Und er ist auf ihrer Grundlage im Anschluß an Gedanken FECHNERs zur Annahme eines höheren Bewußtseins fortgeschritten, in das die individuellen menschlichen Bewußtseine eingeschaltet sein sollen, also ebenfalls auf empirischer Grundlage. Ein nicht weniger bedeutsames Moment seiner Metaphysik ist seine Bekämpfung des Monismus in jener kaum noch als solcher zu bezeichnenden Gestalt, die er im traditioniellen Theismus aufweist, nach dessen Anschauung zuletzt doch alle Dinge ihren Ursprung in Gott haben. Es geht von ihm eine Richtung aus, die auch auf transzendentem Gebiet mit dem Dualismus vollen Ernst macht und einen "Pluralismus" (oder "radikalen Empirismus") lehrt, nach dem es neben Gott eine von ihm unabhängige Weltpotenz gibt, deren Vorhandensein die Unvollkommenheit der Welt erklärt. Gott steht im Kampf mit dieser Potenz und hat im wesentlichen bereits triumphiert, aber ein gewisser Bruchteil des Universums konnte von ihm noch nicht in sich mit einbezogen werden. Der Mensch erscheint dieser Metaphysik dann als ein Mitstreiter Gottes, nicht, um, wie es der pessimistische weltmüde EDUARD von HARTMANN wollte, die Welt aus der Unseligkeit des Seins zuletzt wieder zum Nichtsein zu erlösen, sondern um das Universum ganz zu vergöttlichen. Weniger auffallend ist die Hinwendung zur Metaphysik in England, denn ganz im Gegensatz zur üblichen kontinentalen Auffassung, die in England stets den Empirismus am Ruder glaubt, hat dort, zumals in Oxford, dauernd eine starke Schätzung HEGELs innerhalb der akademischen Philosophie bestanden. Ihr vornehmster Repräsentant ist noch immer BRADLEY, der um seines, an die Eleaten erinnernden Scharfsinnes berühmteste englische Denker der Gegenwart. Gegen diese intellektualistische Tradition hat nun zwar in Oxford selbst durch SCHILLER eine pragmatistische Reaktion eingesetzt, aber auch sie ist auf Metaphysik gerichtet. Ebenso ist er alte Theismus erneut produktiv (JAMES LINDSAY). Auch die englische Parallelbewegung zur deutschen Phänomenologie ist ihm nicht abgeneigt.

Besonders auffallend ist der Umschwung in  Italien,  wo der Positivismus lange tiefe Wirkungen übte. In einer italienischen Charakteristik der jetzigen Lage heißt es (1915): "Es sind erst einige Lustren [á 5 Jahre - wp], und es scheinen Jahrhunderte, als in Italien COMTE und SPENCER triumphierten ... Heute ist der Positivismus immer mehr im Schwinden." Es sind besonders zwei Denker, von denen der geistige Umschwung ausgeht. Der eine ist BENEDETTO CROCE, der in einer Erneuerung und Fortbildung der HEGELschen Philosophie - die übrigens auch in Holland in BOLLAND einen neuen Propheten gefunden hat - das Heil erblickt und in Italien eine enorme Wirkung erzielt hat. Der andere ist VARISCO, der bedeutendste Denker des heutigen Italien, der, ursprünglich von positivistischen Gedanken ausgehend, sich allmählich zu Anschauungen durchgerungen hat, die denen der auf LEIBNIZ zurückgehenden deutschen Bewegung der Gegenwart eng verwandt sind. Er neigt zu einem theistischen Spiritualismus.

Ganz wie der deutsche Positivismus macht übrigens auch der italienische eine Schwenkung zur Metaphysik. ENRIQUES will den Religionen als "Ausweitungen poetischen Lebens" absolute "Freiheit" gewähren.

Auch in  Rußland  war - ich spreche vom vorbolschewistischen Rußland - die Zeit des Positivismus abgelaufen und eine Zeit neuplatonischen Mystizismus angebrochen. Der bedeutendste Denker der letzten Zeit war WLADIMIR SOLOWJOW, der ganz in neuplatonischem Sinn die Philosophie mit der Offenbarung und dem Kirchenglauben zu versöhnen strebte (1854 - 1900). -

Eine besondere Stellung innerhalb der modernen Philosophie nimmt der  Neuthomismus  ein. Derselbe ist seit dem Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die offizielle Philosophie der katholischen Kirche und wie diese selbst eine schlechthin internationale geistige Bewegung. Soweit die kirchliche Organisation reicht und kirchliche Lehranstalten auf der Erde vorhanden sind, wird heute die neuthomistische Philosophie gelehrt. Diese Philosophie ist in erkenntnistheoretischer Hinsicht realistisch, in metaphysischer Hinsicht theistisch gerichtet. Sie ist selbstverständlich zugleich neovitalistisch orientiert und in logischer Beziehung der modernen phänomenologischen Richtung geistesverwandt. Sie erscheint also im Grund in ihrem philosophischen Standpunkt heute recht modern. Was ihr eine Sonderstellung im geistigen Leben gibt, ist ihre Gebundenheit in religiöser Hinsicht. Wesentliche Züge der Weltanschauung sind diesen Denkern durch die kirchliche autoritäre Tradition gegeben, und sie kennen neben der Erkenntnis noch einen anderen Weg zur Wahrheit: die Offenbarung. Auf dieser traditionellen Gebundenheit beruth auch die Minderschätzung, die dem Neuthomismus in wissenschaftlichen Kreisen zuteil zu werden pflegt, und die einer Wirkung seiner philosophischen Arbeit stark abträglich ist. Es kann gesagt werden, daß diese Minderschätzung nicht allzuselten viel zu weit geht. Es ist in dieser Schule immerhin viel solide philosophische Tradition und gute Schulung des Denkens vorhanden. Mancher naturalistische und psychologistische Irrtum, der sonst allgemein verbreitet gewesen ist, hat in sie niemals Eingang gefunden. Und es ist auch mancher recht selbständige Denker in diesem Kreis hervorgetreten, dessen Ideen größere Berücksichtigung verdient hätten, z. B. in Deutschland E. L. FISCHER, LEHMEN und besonders JOSEPH GEYSER, der die Verknüpfung der Neuscholastik mit der modernen Logik und Psychologie vorgenommen hat. Im ganzen allerdings überwiegt im Neuthomismus die Lehre die Forschung. Ein entschiedenes Verdienst besitzt der deutsche Neuthomismus durch seine ausgedehnten historischen Arbeiten zur Erschließung der Philosophie des Mittelalters, die ohne ihn niemals in solchem Umfang erfolgt wäre. Durch die moderne phänomenologische Richtung haben diese Forschungen teilweise auch ein aktuelles systematisches Interesse gewonnen, insofern die scholastische Logik manche Probleme der modernen Logik bereits aufgeworfen und behandelt hat (GRABMANN).

Der Gesamteindruck, den die gegenwärtige Philosophie hinterläßt, ist sonach der eines unablässigen stetigen Aufstiegs. Wir befinden uns in einer Zeit, in der Philosophie wieder umfassende Weltanschauung zu sein beginnt und in der auch Natur- und Geschichtsphilosophie anfangen, wieder mehr zu sein als Methodologie und Erkenntnislehre. Der geschichtliche Prozeß, in dem sich solche neuen umfassenden systematischen Versuche bilden, ist freilich heute ein weit langsamerer als vor hundert Jahren, wo den Nachfolgern KANTs zwar nicht der Anspruch und das Verlangen nach wissenschaftlicher Strenge, wohl aber diese selbst in großem Umfang verloren gegangen war und deshalb neue Systeme mit erstaunlicher Schnelligkeit entstanden. Der Gegenwart ist das Bedürfnis nach Wissenschaftlichkeit so innerlich zu eigen, daß die Arbeit, in der ein neues, sich wirklich als überzeugend durchzusetzen vermögendes System nur in einem so langsamen Prozeß des Reifens wie der, in dem sich KANTs Gedankenwelt bildete, zu entfalten imstande ist. Alle romantischen Versuche, sich auf irgendeinem Weg über das intellektuelle Verfahren der Wissenschaft hinwegzusetzen, und die Philosophie entweder auf eine rasche zum Ziel führende, überverstandesmäßige Intuition zu gründen oder kurzer Hand einfach auf Beweise wie auf etwas dem Leben gegenüber Minderes zu verzichten, müssen angesichts der Reife der Gegenwart wirkungslos bleiben. Ein neues System der Philosophie wird nur dann Gewalt über die Menschen gewinnen imstande sein, wenn es intellektuell überzeugend ist. (1)

LITERATUR - Traugott Konstantin Oesterreich, Die philosophischen Strömungen der Gegenwart in Paul Hinneberg (Hg), Systematische Philosophie, Berlin und Leipzig 1921
    Anmerkungen
    1) Was die staatliche Universitätsunterrichtsorganisation anlangt, so entspricht ihr Ausbau leider in keiner Weise dem dauernden Aufstieg der philosophischen Entwicklung. Es muß vielmehr gesagt werden: je größer die Fortschritte auf dem Gebiet der Philosophie sind, desto mehr Lehrstühle gehen ihr in Deutschland verloren. Von zwei Seiten aus geht der Abbröcklungsprozeß vor sich: von der experimentellen Psychologie und neuerdings in höchst gefährlicher Weise von der Pädagogik aus. Für die Besetzung von Professuren der Philosophie fällt heute sehr häufig die philosophische Qualität des Forschers überhaupt nicht mehr in erster Hinsicht ins Gewicht, sondern ausschlaggebend ist, ob er experimenteller Psychologe oder Pädagoge ist. Das Gebiet der Philosophie soll von ihm nebenher erledigt werden. Wie weit es ihm möglich ist und ob er auch nur eine persönliche Schätzung für die philosophische Forschung besitzt, gilt nicht als wesentlich.