cr-4ra-1PyrrhonMontaigneE. DreherC. Stumpf     
 
JOSEPH MARIE DEGERANDO
Betrachtungen
über den Skeptizismus

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"Die Ideen müssen eine gewisse Spannkraft, und die Köpfe eine fortschreitende Bewegung erhalten. Es sind noch große Entdeckungen zu machen, und sie fordern alle Anstrengungen der Philosophie auf. Die einzige Art des Skeptizismus, welche uns noch nützlich sein kann, ist diejenige, welche uns mitten unter neuen Tätigkeiten in einer heilsamen Wachsamkeit erhalten wird, aber nicht diejenige, welche uns an allem Erfolg zweifeln lassen, und mit den besten Aussichten auf die Zukunft auch die Mittel zur Vervollkommnung unserer Erkenntnisse entreißen würde."

Die Eindrücke des Mißtrauens sind außerordentlich ansteckend. Es ist denjenigen, welche uns in einem gewissen Punkt eines Irrtums überführt haben, etwas Leichtes, uns an allem Übrigen zweifeln zu machen. Es gehört viel Stärke des Geistes dazu, daß man seine Meinung aufzuschieben wagt, wenn jedermann um uns herum entscheidet; aber es ist noch mehr Stärke des Geistes erforderlich, um sich eine vernünftige Überzeugung zu bilden, wenn uns die Leere und Unruhe des Skeptizismus von allen Seiten umgibt.


Als im 15. und 16. Jahrhundert der Skeptizismus abermals erschien, um das Gebäude der scholastischen Philosophie umzustoßen, so sah man ebenfalls, wie bald sich die Einbildungskraft gegen den Zustand der Untätigkeit, zu welchem sie einige Zeit lang verurteilt war, auflehnte. Die Ideen der  Theosophen  erneuerten sich mit neuem Eifer, und wurden mit neuem Glück ausgebreitet; dogmatische System sprossen von neuem hervor. Jeder, den den MALEBRANCHE gelesen hat, wird bemerkt haben, bis auf welchen Punkt die Zweifel des MONTAIGNE Anteil an den Irrtümern dieses Cartesianers haben. MONTAIGNE steht immer vor seinen Augen wie ein Schatten, der ihn zu verfolgen droht, um der Ungewißheit zu entgehen, womit er ihn abschreckt, sucht er in den Lehren der Eingebung Zuflucht. Nachdem das 16. Jahrhundert vielleicht mehr als ein anderes dem Skeptizismus einen allgemeinen Beifall geschenkt hatte, sah man am Ene desselben Jahrhunderts eine Menge von kühnen Systemen in der Politik und Moral entstehen. Neue Sekten des Jlluminatismus haben mitten unter uns ihren Ursprung erhalten. Die Mesmerianer und Konvulsionisten haben den leichtgläubigen Enthusiasmus geweckt, welcher auch heutzutage noch von allen Seiten neue Objekte aufzusuchen scheint.

Warum ist dies so? Wenn das Gleichgewicht einmal unterbrochen ist, so muß man sich gefaßt machen, entgegengesetzte Übertreibungen wechselweise aufeinander folgen zu sehen, so wie die zwei Arme eines Hebels wechselweise steigen und fallen. Der absolute Zweifel ist ein allzu unnatürlicher Zustand für die menschliche Natur, als daß sich unser Geist in demselben fixieren könnte. Daher scheint der Skeptizismus selbst alle Verirrungen zu rechtfertigen, sobald der Instinkt des gesunden Verstandes, oder alle Bedürfnisse unseres Wesens den Menschen aus dieser vorübergehenden Untätigkeit herausreißen. Der Skeptizismus hatte ja wirklich alle menschlichen Meinungen in eine Klasse zusammengeworfen, Wahrheiten und Irrtümer verähnlicht; er hatte nicht erlaubt, ein Merkmal zu ihrer Unterscheidung festzusetzen, und alle Gesetze des Räsonnements, alle Prinzipien für gute Methoden zu vernichten. Sobald man daher sich dieser allgemeinen Ungewißheit entreißt, muß man unvermeidlich alle Meinungen, welche sich darbieten, ohne Unterschied annehmen; man findet sich nicht imstande, irgendeine Wahl zu treffen, oder bei irgendeiner Grenze stehen zu bleiben; man wird keinem anderen Führer folgen als dem Bedürfnis, der schrecklichen Lage, welche die Vernunft zur Verzweiflung brachte, zu entgehen. Sobald man zum Glauben entschieden ist, gibt es keinen Grund mehr, um irgendein System aus seinem Zutrauen auszuschließen, weil es keinen Grund gegeben hatte, um einige Wahrheiten aus seinem Zweifel auszunehmen. Indem uns der Skeptizismus zur Untätigkeit verurteilte, hatte er uns aller Werkzeuge beraubt, welche unsere Schritte leiten konnten. Sobald der Mensch aus Ungeduld, aus dieser leidenden Unbeweglichkeit herauszugehen, sich in wieder in Bewegung setzt, muß es sich unvermeidlich verirren.

Übrigens hatte der Skeptizismus des PYRRHO und ARKESILAUS in dem Zeitpunkt, da er sich zeigte, einen relativen Nutzen. Da er angehäuften Systemen folgte, so nötigte er die Philosohie, sich selbst zu fragen, und die noch wenig untersuchten Prinzipien der menschlichen Erkenntnis zu bestimmen; er ließ wichtige Probleme entstehen, und gab zu den schönen Theorien der Stoiker über die Gründe der Gewißheit Veranlassung. Aber der Zeitpunkt, in welchem wir uns befinden, und der wirkliche Zustand der Wissenschaft versprechen dem Skeptizismus nicht mehr dieselben Vorteile. Der Zeitpunkt des Zerstörens und Reformierens ist vorbei; der Zeitpunkt ist gekommen, wo man zum Wiederaufbauen arbeiten muß. Einsichtsvolle Menschen sind hinreichend von der Gefahr der Hypothesen unterrichtet, und über die Irrtümer, welche vor uns herrschten, aufgeklärt. Wer die Rückkehr dieser Irrtümer und die Wiederauferstehung des Dogmatismus fürchtet, muß sich vor allem in Acht nehmen, daß er nicht die Ungewißheiten verlängern, welche die Systeme hervorrufen, so wie die Anarchie des Despotismus herbeiruft. Wenn man zögert, das Gebäude der wahren Wissenschaft aufzuführen, so wird die Leichtgläubigkeit zuvorkommen.

Es gibt also heutigen Tages wenig Köpfe, welche eines bessern zu belehren sind, sehr viele aber, welche einer Überzeugung bedürfen. Wir bedürfen nicht der Gegenwart eines anmaßenden und entscheidenden Skeptizismus, um die großen auf die Prinzipien der Erkenntnisse sich beziehende Fragen in Erwägung zu ziehen; unsterbliche Genies haben sie in den beiden letzten Jahrhunderten aufgeklärt; ihre Hauptmomente sind gefunden. Man wird nie zu Ende kommen, wenn man mit jedem Schritt von Neuem anfangen, und sich ewig in demselben Kreis von Idee herum bewegen, wenn man, sobald eine kleine Anzahl von Wahrheiten mit Einsicht und Mäßigung wieder hergestellt wird, die Existenz einer Wahrheit überhaupt von Neuem in Zweifel setzen muß. Die Ideen müssen eine gewisse Spannkraft, und die Köpfe eine fortschreitende Bewegung erhalten. Es sind noch große Entdeckungen zu machen, und sie fordern alle Anstrengungen der Philosophie auf. Die einzige Art des Skeptizismus, welche uns noch nützlich sein kann, ist diejenige, welche uns mitten unter neuen Tätigkeiten in einer heilsamen Wachsamkeit erhalten wird, aber nicht diejenige, welche uns an allem Erfolg zweifeln lassen, und mit den besten Aussichten auf die Zukunft auch die Mittel zur Vervollkommnung unserer Erkenntnisse entreißen würde.

Es gibt eine Zeit zum  Überlegen,  aber auch zum  Handeln;  zum Reformieren, aber auch zum Hervorbringen. Wir wollen ein Beispiel an den Naturwissenschaften nehmen. Diese haben mit Nutzen den Rat des Zweifels angenommen, als das Studium der Natur durch eine leere Metaphysik auf Abwege gekommen war. Seitdem sie aber BACON auf einem sicheren Weg vereinigt hat, streben sie, ihre Eroberungen zu vervielfältigen, und verlieren nicht ewig die Zeit damit, daß sie über die Prinzipien streiten; sie sind auf ihrer Hut gegen übereilte Behauptungen; aber sie erlauben sich auch diejenigen Behauptungen, welche sich  mittels  strenger Methoden darbieten. Die Physiker lachen heutzutage, wenn sie exzentrische Köpre ihre schwache Stimme gegen die schönen Theorien des NEWTON erhoben sehen, und hüten sich, die kostbare Zeit mit der Widerlegung solcher Gegner zu verschwenden. Die Philosophie kann endlich den, zwischen ihr und dem absoluten Skeptizismus entsponnenen Kampf als beendet ansehen. Finden sich noch einige Menschen, welche im Ernst behaupten wollen, daß es keine Wahrheit gibt, oder daß es für die Vernunft unmöglich ist, je die Wahrheit zu erreichen, so sind wenig Worte ausreichend, um sie zum Stillschweigen zu bringen, oder um sich von der Verbindlichkeit, sie vom Gegenteil zu überzeugen, für befreit zu halten.

Je mehr man die Schriften der neueren Skeptiker durchläuft, desto mehr wird man von der außerordentlichen Unfruchtbarkeit der Ideen überzeugt, zu welcher der Skeptizismus verurteilt scheint. Es sind in der Tat immer wieder dieselben im Altertum gebrauchten Gründe, welche in anderen Ausdrücken erneuerert und auf andere Art angewendet werden. Der Kodex der Pyrrhonier aller Zeiten ist vollständig im SEXTUS enthalten; und SEXTUS selbst kann auf wenige Seiten zusammengedrängt werden. Aller Streit mit den Skeptikern kann auf die einzige Frage zurückgeführt werden:  Gibt es oder gibt es nicht ursprüngliche Wahrheiten, - Wahrheiten, welche durch sich selbst unseren Beifall erhalten müssen, und unerweislich sind; weil sie keines Beweises bedürfen. 

Wir wollen also keineswegs den Haupteinwurf der Skeptiker auf die Seite schieben, sondern ihn nur bis zuletzt aufsparen, um aus demselben das Prinzip ihrer Widerlegung selbst zu ziehen. In der Tat beruhen alle Einwürfe des Skeptizismus auf der Voraussetzung, daß man berechtigt ist,  für jede Behauptung eines Beweis zu fordern,  SEXTUS kommt alle Augenblicke auf diese Voraussetzungen zurück.
    "Wir fragen", sagt er zu seinen Gegnern, im Namen aller Skeptiker,  "welches ist der Charakter des Wahren,  dieser Charakter, welchen wir vergeblich suchen, und welchen Ihr gefunden zu haben vorgebt? Ihr werdet doch wohl nicht von uns verlangen, daß wir Euch auf das Wort glauben. Denn warum sollten wir diesen Tribut der Unterwürfigkeit eher einem Menschen als jedem andern, warum sollten wir ihn auf gut Glück auch ohne Beweise entrichten? Ihr werdet also die Belehrungen, die Ihr uns über das  Merkmal des Wahren  geben werdet, auf haltbare Gründe stützen müssen. Sollte es sich aber zutragen, daß wir diese Gründe bezweifeln, weil wir nicht imstande sind, einen gründlichen Beweis von einem schwachen zu unterscheiden, so werdet Ihr ohne Zweifel erwidern, wir täten Unrecht, daß wir uns den Gründen, welche den  Charakter des Wahren  an sich tragen, nicht ergeben. Wohlan, so macht uns doch um Himmels willen dieses so ersehnte  Merkmal  kenntlich; würdigt uns zu belehren, wie wir uns davon überzeugen können.

     Hier ist er,  werden Ihr sagen:  beweist ihn,  werden wir erwidern. Wenn Ihr diese Gefälligkeit habt, so werden wir Euch umd die neue Gefälligkeit bitten, Eure Beweise außer allen Zweifel zu setzen. Darauf werden Ihr von Neuem anfangen zu beweisen, um unsere gerechte Unruhe zu heben; und wir von Neuen Euch ersuchen, uns  untrügliche Merkmales Wahren  in diesen neuen Beweisen zu geben. So werden wir uns ingesamt in einen fehlerhaften Zirkel verlieren, und eine unendliche Reihe von Beweisen vor uns haben, welche einander wechselweise voraussetzen." (33)
Die neueren Skeptiker haben dieses Räsonnement auf mannigfaltige Weise gedreht, ohne der Darstellung neue Klarheit und Kraft zu geben (34). Wir müssen gestehen, die spekulativen Philosophen haben es selbst mehr als einmal gerechtfertigt, wenn sie es unter ihrer Würde hielten, sich dem Ansehen des gesunden Verstandes zu unterwerfen, und aus einer Verwechslung der Vernunft mit einer Schlußreihe selbst annehmen, alles was sich nicht auf Schlüsse gründet, sei nicht vernünftig, und eine Wahrheit könne nur durch einen Beweis aufgeklärt werden; wenn sie sich in allem Ernst anschicken, Demonstrationen zur Rechtfertigung der Evidenz und des inneren Sinnes aufzustellen; wenn sie schließlich äußern, es gibt keine wahre Philosophie, sofern nicht vor allem und zwar  a priori  nicht allein die  Realität,  sondern auch die  Möglichkeit  einer Erkenntnis überhaupt bewiesen worden ist.

Allein was soll man aus diesem großen und ewigen Einwurf der Skeptiker wirklich schließen? Nur dies allein, daß es ungereimt ist, für eine Behauptung keine anderen Gründe angeben zu wollen, als solche, welche selbst wieder eines Beweises bedürfen; daß wenn man berechtigt ist, jeden beliebigen Satz in Zweifel zu ziehen, kein Resultat aufgestellt werden kann, weil sich alsbald kein Grundsatz mehr retten kann, mit einem Wort, daß es keine Wahrheiten gibt, wenn nicht gewisse ursprüngliche Wahrheiten vorhanden sind, welche keiner Demonstration bedürfen. Dies ist das ganze Resultat aus dem Einwurf der Skeptiker, und wir werden uns wohl hüten, ihnen dies streitig zu machen. Alle diese Gründe setzen das in Frage stehende voraus, aber geben keine Auflösung. Weit gefehlt, daß sie das Nichtdasein ursprünglicher Wahrheiten beweisen sollten, so zwecken sie vielmehr darauf ab, ihre Anerkennung herbeizuführen, denn will man sie nicht anerkennen, so verliert man sich in endlose Widersprüche.

Und auf wie viele Weisen kann man nicht die Skeptiker zu dem Geständnis zwingen, daß sie sich selbst Lügen strafen, indem sie das Vorhandensein gewisser ursprünglicher Wahrheiten voraussetzen, und annehmen, daß sie ohne Widerrede anerkannt werden.

Wenn es keine absoluten Wahrheiten gibt, dann gibt es auch keine  Wahrscheinlichkeiten;  denn diese sind von den ersten abgeleitet. Die zweiten haben ihre Gültigkeit nur durch ihr Verhältnis und die Vergleichung mit den ersten. Weil man mit Gewißheit weiß, wieviele Kombinationen die Seiten eines Würfels darbieten, so kann man als wahrscheinlich betrachten, daß dieser oder jener Wurf des Würfels sich wirklich ereignen oder nicht ereignen wird. - Gleichwohl nehmen die Skeptiker Wahrscheinlichkeiten an.

Wenn man nicht positive Sätze als gewiß annimmt, so kann man keinen negativen Satz annehmen. Denn man kann nur darum behaupten, daß eine Sache nicht ist, weil man sie in Widerspruch mit einer existierenden Sache findet. Man kann einen Satz nicht als ungereimt verwerfen, wenn man keine klare und gewisse Erkenntnis von den darin enthaltenen Ideen, und den Beziehungen dieser Ideen hat. - Gleichwohl verwerfen die Skeptiker eine Menge Sätze als falsch oder ungereimt.

Wenn es nicht gewisse Wahrheiten gäbe, welche von allen Menschen auf gleiche Weise, und ohne Hilfe einer Demonstration anerkannt werden, welche also eine Art von gemeinsamen und allgemeinen Verstand bilden, so würden wechselseitige Mitteilungen unter den Menschen unmöglich stattgefunden haben, ja man hätte selbst keine Sprache einführen können. Denn man kann sich nicht verständlich machen, wenn man nicht in irgendetwas einstimmig ist, man würde unmöglich sprechen können, wenn man nicht wenigstens seinen eigenen Gedanken erkennt; man würde sich durch das Sprechen nicht verständlich machen, wenn sich nicht im Kopf des Andern eine ähnliche Erkenntnis finden würde. Gleichwohl diskutieren die Skeptier ebensoviel als andere Menschen, und hoffen verstanden zu werden, weil sie ihre Zweifel mitzuteilen suchen.

Es muß gewisse absolute Wahrheiten geben, wenn es relative gibt; denn die Verhältnisse der Dinge untereinander können nur das Resultat der Eigenschaften sein, welche jedem derselben eigentümlich sind. Eine Reihe von relativen Wahrheiten ist hinreichend, um eine absolute Wahrheit zu bilden - Gleichwohl scheinen die Skeptiker oft relative Wahrheiten anzunehmen, und ihnen nur den Charakter der Allgemeinheit und Beständigkeit streitig zu machen.

Wenn der Verstand unvermögend ist, mit Gewißheit zu urteilen, so muß ihm das Vermögen zu  vergleichen,  folglich auch nicht ein Verhältnis der Ähnlichkeit oder Verschiedenheit, der  Gleichheit  oder Ungleichheit zu bejahen, fehlen. - Und doch belehren uns die Skeptiker, nachdem sie die entgegengesetzten Gründe über jede Frage einander entgegengesetzt und abgewogen haben, daß sie dieselben von einer  vollkommen gleichen  Stärke gefunden haben. (35)

Wenn der Verstand aller gewissen Erkenntnis beraubt ist, so muß der Wille in Ewigkeit unbeweglich und unentschlossen bleiben. Denn es kann keinen Willen ohne Absicht, keine Absicht ohne Erkenntnis geben. - Gleichwohl kündigen die Skeptiker zumindest ihren Willen, sich nach den Gesetzen und Gewohnheiten zu richten, an.

Was könnte man nicht noch über die Widersprüche aller Art, in welche sich der absolute Skeptizismus einhüllt, um seinen Zweifel selbst zu rechtfertigen, sagen? Und was hat man nicht schon darüber gesagt, weil er aus Unklugheit diese Rechtfertigung unternimmt? (36) Das Licht leuchte hier von allen Seiten in solcher Fülle hervor, daß man sich oft zu der Annahme versucht fühlt, daß die alten Skeptiker ihre Einwürfe nicht mit Ernst und ohne Einschränkung vorlegten, daß sie vielmehr selbst durch die Übertreibung ihrer Zensur und durch die Unbesonnenheit ihrer Zweifel die Philosophen ihrer Zeit nötigen wollten, endlich einmal unveränderlichere Grundsätze aufzustellen, und noch strengere Methoden anzunehmen. Diese Erklärungsweise eines so unerklärlichen Systems würde uns eine große Wahrscheinlichkeit zu haben scheinen, hätten wir nicht selbst den Text der Schriften des SEXTUS vor unseren Augen. Es bleibt jedoch immer wahrscheinlich, daß die Anzahl derjenigen, welche im Altertum die Existenz einiger ursprünglicher Wahrheiten leugnen konnten, unter Männern von richtigem Verstand sehr eingeschränkt sein mußte, und es sceint uns ebenso schwer, absolute Skeptiker unter den Neueren zu finden.

Wie klein aber auch die Zahl derjenigen sein mag, welche eine ähnliche Maxime behaupten, und ernsthaft umfassen konnten, so müssen wir doch nichts destoweniger untersuchen, worauf sie sich stützen kann. Denn hier steht alles in einem engen Zusammenhang, und wir haben schon gezeigt - Andere werden es noch besser zeigen - daß der absolute Skeptizismus, wäre er auch eine Chimäre, doch eine unvermeidliche Folge ist, auf welche gewisse Systeme und gewisse Methoden führen müssen. Und wenn man überhaupt einmal erkannt hat, daß es gewisse erste Wahrheiten gibt, und die menschliche Vernunft das Vermögen hat, richtige Folgerungen abzuleiten; wenn es gelingen kann, daß man den Punkt, wo der menschliche Geist bei seinen Fragen stehen bleiben muß, und den Gang bestimmen, durch welchen er von den unmittelbaren Erkenntnissen herabsteigt; so werden alle Fragen, welche sich auf den Idealismus, auf die spekulative Philosophie und die verschiedenen Arten des Skeptizismus beziehen, außerordentlich vereinfacht werden. (37)

Da es hier auf die Grundlage alles unseres Wissens ankommt, und gewisse Philosophen nach ihrem Vorgeben über ein gewisses, ich weiß nicht welches frühere Wissen Licht erhalten haben, welches selbst der Grundlegung dieses Fundaments vorausgehen mußte, und eine Bedingung einer zweckmäßigen Grundlegung desselben wäre; so kann man wohl nicht zu viel Licht über einen Punkt verbreiten, welcher mit allem Recht der Eckstein der ganzen Philosophie genannt werden kann.

Wir gestehen es, wir können nicht in die Bewunderung einstimmen, mit welcher man den Ausspruch PASCALs:  die Vernunft bringt die Dogmatiker, und die Natur die Skeptiker zum Schweigen,  betrachtet zu haben scheint - ein Urteil, welches Zweideutigkeiten enthält, und vielleicht mehr Schimmer in den Ausdrücken, als Richtigkeit in den Begriffen erblicken läßt. So viel ist gewiß, die Natur bringt den  Dogmatismus,  der das Eigentümliche hat, daß er die von der Natur bezeichneten Grenzen überschreitet, auf eine feierliche Art zum Stillschweigen. Die Vernunft verdammt ebenso laut den Skeptizismus, weil kein System dieselbe so offenbar um alle ihre Rechte bringt, und sie durch auffallendere Widersprüche empört. Sollte also PASCAL die  Vernunft  und das Räsonnement, zwei so verschiedene Dinge verwechselt haben? Denn es ist oft bei wenig Räsonnement viel Vernunft vorhanden; oft beweist man Vernunft dadurch, daß man ganz und gar nicht räsonniert, wie in Anbetracht der unmittelbaren Wahrheiten; oft ist bei vielen Räsonnements wenig Vernunft zu finden. Wie viele durch die gesundeste Logik gerechtfertigte Gründe erheben sich aber nicht noch außerdem gegen den absoluten Skeptizismus?

Was in diese Fragen Verwirrung gebracht hat, ist der Umstand, daß die an den Gebrauch des Räsonnement zu sehr gewöhnte Vernunft, die Hilfe desselben nicht entbehren zu können, und ihre Würde zu verlieren glaubte, wenn sie ein Werkzeug niederlegt, welches doch in der Tat nur ihr Unvermögen bezeugt; denn ein uneingeschränkter Geist würde alles einsehen, ohne über etwas zu räsonnieren. Der menschliche Geist erschrak also, wenn er sich einen Augenblick dachte, daß er an die ersten Quellen seiner Erkenntnisse gelangt wäre, wo der Gebrauch des Räsonnements nicht mehr erlaubt ist und der Skeptizismus zog aus diesem Erstaunen alle Vorteile. Allzu dienstfertige Menschen kamen dazu, und riefen zu:  faßt wieder Mut!  wir bringen euch neue Gründe, um sie über die unmittelbaren Erkenntnisse zu setzen. Die Skeptiker triumphierten noch mehr nach einer so übel angebrachten Geschäftigkeit, und die Räsonnierer, welche so eifrig gewesen waren, die Evidenz zu beweisen, sehen sich ihrerseits durch Fragen überrascht, welche zu beantworten sie sich selbst außerstand gesetzt hatten.

Wie soll man schließlich aus diesem Chaos herauskommen? Wie soll man diesen Paradoxen entgehen, und dem unendlichen Fortschritt der Zweifel, welche sich über das Prinzip jedes Beweises erheben, eine Grenze setzen? Etwa dadurch, daß man das Vorhandensein ursprünglicher Wahrheiten beweist? Das Unternehmen würde selbst auf einen versteckten Widerspruch hinauslaufen; denn man könnte doch nicht ursprüngliche Wahrheiten auf dieselbe Weise darlegen, wie man sie anwendet, um untergeordnetet Wahrheiten mittels der schon erkannten zu beweisen. Es kommt hier nicht auf Beweise, auf Demonstrationen, sondern darauf an, ein  Faktum,  und zwar nicht ein entferntes, sondern ein gegenwärtiges und inneres Faktum anzuerkennen. Es kommt darauf an, sich über den Sinn der Frage zu verständigen, die Begriffe derselben sich bestimmt zu denken, und damm nit aller Ehrlichkeit, welche eine so wichtige Frage erfordert, in sein Inneres zu blicken. Daß der menschliche Geist erkennen kann, soll nicht bewiesen, auch nicht erklärt werden, wie er erkennen kann; es kommt nur darauf an, sich Rechenschaft davon zu geben, was in demselben vorgeht, wenn er die Operation vollbringt, welcher wir den Namen eines  Akts der Erkenntnis  geben.

Wenn wir also durch ein ernsthaftes und ruhiges Nachdenken in den Schoß unseres eigenen Denkens einkehren, Ordnung in unsere Ideen bringen, alle schwankenden Worte entfernen, zu dieser Untersuchung eine ernsthafte und anhaltende Aufmerksamkeit mitbringen, so nehmen wir alle in jedem Augenblick das hervorstechende Faktum wahr, das Faktum, welches ebenso wunderbar und unerklärbar ist, wie unsere eigene Existenz, das ebenso alt, so real, so eng mit unserem Dasein verknüpft ist,  den Akt der Erkenntnis. 

Ich erkenne.  Ich nehme es wahr; alles in mir versichert sich darüber. Selbst die Frage, welche ich an micht richte, bezeugt es; denn ich erkannte zumindest dasjenige, was ich mich fragen wollte (38).

Ich erkenne.  Mit diesem Akt fängt alles für meinen Geist an, und über diesen Akt hinaus gibt es für mich weder Beweis noch Ideen mehr, so wie vor der Existenz es nichts als das Nichts gibt.

Ich erkenne.  Aber ich erkenne nicht alles auf dieselbe Art, noch mit denselben Umständen, noch mit demselben Grad an Klarheit. Es gibt Dinge, welche ich auf eine mittelbare, entfernte, dunkle, hypothetische Weise erkenne, andere erkenne ich auf eine direkte unmittelbare Weise. Auf diese richtet sich meine Erkenntnis; sie entwickelt sie und identifiziert sich mit ihnen; sie ist von diesen Dingen nicht verschieden, nicht isoliert, nicht durch irgendeinen Zwischenraum getrennt. Es ist die Berührung, die Apprehension [Zusammenfassung - wp], die Anschauung der erkannten Sache.

Ich erkenne unmittelbar.  Dieses Vermögen meines Wesens gibt mir die unmittelbaren Wahrheiten, welche ich suche. Diese Erkenntnis ist keinem Zweifel unterworfen, weil sie nicht mein Werk ist, weil sie mich in demselben Augenblick, da sich mein Geist öffnete, mich aufgeklärt hat, weil sie mich selbst aufklärt, um einen Zweifel zu fassen, weil ohne eine solches Vermögen selbst der Zweifel nicht existieren würde; weil eine solche Erkenntnis gar keinen leeren Raum übrig läßt, in welchem der Zweifel eine Stelle einnehmen könnte; weil es hier kein Problem gibt, sondern ein Faktum, welches früher ist, als alle Probleme. Dieses Faktum existiert in Euch, zu denen ich mich jetzt wende, in Euch, die Ihr zur menschlichen Natur gehört, es ist in Euch, und zeigt sich Euch. Und sollte es ein Wesen geben, welches auf so eine bizarre Weise organisiert wäre, daß es dieses Vermögen nicht besäße, oder das Vorhandensein desselben nicht empfände, so wird es uns nicht einfallen, demselben zu widersprechen; es wird aber ebensowenig ein Recht haben, uns zu widersprchen. Wollte es sich dieses Recht anmaßen, so würde es einem Gichtkranken gleichen, welcher dem Menschengeschlecht das Bewegungsvermögen abspricht.

Dieses allgemeine Faktum, welches in in uns allen gleichartig ist, haben wir mit einem allgemeinen Wort,  Erkenntnis, ursprüngliche Wahrheit  genannt. Diese Erkenntnis ist wahr, nicht  weil sie mit ihrem Objekt übereinstimmt,  (39) sondern, weil sie dieses Objekt auffaßt und wahrnimmt. Es liegt wenig daran, mit welchem Namen man dieses Grundvermögen unseres Wesens, ob man es  gemeinen  Sinn, inneren Sinn, Bewußtsein, Evidenz, Anschauung' nennen will; das Licht, welches dasselbe in uns verbreitet, und in allen vorstellenden Wesen ähnlich ist, gibt uns jederzeit das Mittel, uns zu verstehen, in die Hand, und verschafft den Sprachzeichen ihre Gültigkeit.

Da die Erkenntnis ein ursprüngliches und einfaches Faktum für unseren Geist ist, so kann sie nicht definiert, aber doch von demjenigen, was nicht Erkenntnis ist, unterschieden werden. Gewisse Umstände begleiten sie; gewisse Bestimmungen des Willens, gewisse Bewegungen des Geistes folgen auf sie. Es ist wichtig, die Erkenntnis nicht mit dem Gefühl der Überzeugung, mit der Stärke des Entschlusses, der Ruhe des Geistes, der Lebhaftigkeit und Bestimmtheit der Ideen - lauter Dinge, welche Wirkungen der Erkenntnis sein können, aber doch nicht selbst Erkenntnis sind - zu verwechseln. Die ursprüngliche Erkenntnis ist ein einfacher und immer sich ähnlich bleibender Akt. Sie ist ganz in das Phänomen des  Bewußtseins  verwebt, und die Aufmerksamkeit entwickelt sich daraus.

Der sehr eingeschränkte Geist des Menschen kann auf einmal nur eine kleine Anzahl von Objekten in ein und demselben Akt umfassen. Der Gegenstand der ursprünglichen Erkenntnis wird daher notwendig sehr einfach sein; und je einfacher es ist, desto besser wird man sich versichern können, daß die Erkenntnis ursprünglich ist. Jede etwas zusammengesetzte Erkenntnis wird nur mittelbar und abgeleitet sein.

Da sich die ursprüngliche Erkenntnis unmittelbar auf ein Objekt bezieht, so muß ihr dieses Objekt unmittelbar gegenwärtig, mit ihr in unmittelbarer Berührung sein. Jeder vom Verstand durch einen Zwischenraum von Ort und Zeit entfernter Gegenstand wird nur einer abgeleiteten mittelbaren Erkenntnis angehören.

Die ursprüngliche Erkenntnis ist zugleich  Wahrnehmung  (Perzeption) und  Urteil;  Wahrnehmung, weil ihr Objekt angeschaut, Urteil, weil es als real angeschaut wird. Durch diese Identität der Wahrnehmung und des Urteils wird die ursprüngliche Erkenntnis charakterisiert.

Die  Definition  und  Schlüsse  sind die beiden Kanäle, wodurch das Licht der ursprünglichen Erkenntnis ausgebreitet, fortgepflanzt und mitgeteilt wird. Die Definition breitet das Licht der Anschauung auf alle Ideen aus. Das Räsonnement trägt das Licht des Urteilens bis auf die Folgesätze über.

Alle ursprünglichen Erkenntnisse existieren nicht auf einmal im Verstand; nicht alle sind in der ersten Periode der Entwicklung des Verstandes vorhanden; jeder Augenblick führt eine neue unmittelbare Erkenntnis herbei, indem er ein neues unmittelbar wahrgenommenes Faktum darbietet.

Das Phänomen des Bewußtseins ist gleichsam das Theater, auf welchem all diese Erkenntnis nacheinander zum Vorschein kommen.

Die Objekte der unmittelbaren Erkenntnis sind von zweierlei Art: einige werden dem Verstand bloß gegeben, andere entspringen aus den auf die ersten gerichteten Tätigkeiten des Verstandes.

Die Objekte, welche dem Verstand gegeben werden, sind, von der einen Seite, das  Ich sein Dasein und seine Modifikationen; von der anderen, die mit dem Ich im Zusammenhang und von demselben unterschiedenen existierenden Dinge.

Indem der Verstand auf diese beiden Klassen von gegebenen Objekten angewandt wird, so kann er drei verschiedene Akte ausüben, welche für ihn die Quelle von drei Akten von Erkenntnissen werden.

Jeder von diesen Akten entspringt aus einer wesentlichen Eigentümlichkeit des Geistes in der Funktion des Erkennens.

Die  Beharrlichkeit des Ich  gestattet in dieser Funktion dem Ich, sich und die Objekte wiederzuerkennen. Daher der Akt der  Erinnerung so leitet das Bewußtsein des Gegenwärtigen die Erkenntnis des Vergangenen ein.

Die  Identität des Ich  gestattet in derselben Funktion dem Ich, sobald es erkennt, seine Erkenntnis wahrzunehmen, was in seinem Innern vorgeht. Dies ist der Akt der  Reflexion,  und daraus entspringen alle Begriffe, welche sich auf Urteile der Identität beziehen.

Schließlich gestattet die  Einheit des Ich  in derselben Funktion, zugleich mehrere Objekte zu erkennen, ohne sich zu zerteilen. Das Ich setzt sich zwischen mehrere Objekte, unterscheidet sie, setzt sie einander entgegen, vereinigt und verähnlicht sie. Dies ist der Akt der  Vergleichung  und daraus entspringen die Erkenntnisse der  Relation

Diese drei letzten Arten von Erkenntnissen, welche wir zum Unterschied von den ersten, von uns  Erkenntnisse der Tatsachen  genannten,  modale  nennen können, sind in ihrem Ursprung bloß  besondere,  und haben anfänglich nur Gültigkeit für den augenblicklichen Gebrauch, welchen der Geist von seinen Funktionen in Bezug auf ein bestimmtes Objekt machte.

Solange wie sie im Rang von ursprünglichen Erkenntnissen bleiben, haben sie für den Geist gar nicht den Charakter von  Allgemeinheit

Die  allgemeinen Sätze,  welche ein Naturgesetz ausdrücken, können anfänglich nur ein wirkliches Faktum, wovon der Verstand eine unmittelbare Erkenntnis hat, oder ein vergangenes Faktum ausdrücken, welches er durch die Erinnerung wiedergefunden hat.

Die  identischen Sätze  sagen ansich betrachtet ursprünglich nur ein Verhältnis zwischen zwei Ideen, wovon die Seele ein wirkliches Bewußtsein hat, oder wenn man will, den Akt der Erinnerung aus, durch welchen der menschliche Geist erkennt, daß er dieselbe Idee unter zwei verschiedene Sprachzeichen geordnet hat.

Wir müssen bemerken, daß die beiden Ideen, deren Verhältnisse der Verstand bestimmt, entweder ganz  original,  ohne äußeres Muster, oder auch sinnliche durch den Verstand geformte, geordnete und vervollkommnete Ideen sein können, wie die Idee einer vollkommenen geometrischen Idee.

Wir werden im folgenden Kapitel sehen, wie diese beiden Arten von wirklichen Erkenntnissen das  Privileg der Allgemeinheit  erlangen, wenn ihnen der Verstand durch ihre Anwendung auf gewisse Voraussetzungen, die er sich gebildet hat, eine  virtuelle  oder  repräsentative  Gültigkeit gibt.

Indem ich diese ruhige und ernsthafte Rückkehr in mich selbst fortsetze, und mich unablässig über die ersten Phänomene meiner geistigen Existenz befrage; wenn ich mich befrage, was ich bei allen Irrtümern, in welche ich gefallen bin, entdeckt habe, so bemerke ich, daß diese Irrtümer immer und allein bei dem Punkt anfangen, wo das Gebiet der ursprünglichen Erkenntnisse zu Ende ist; daß sie beständig entweder daraus entspringen, daß ich gewisse Meinungen ohne Beweis annahm, und sie folglich mit dem Vorrecht der unmittelbaren Erkenntnisse belehnte, ungeachtet dessen, daß sie nicht in diese Klasse von Erkenntnissen gehörten, also willkürlich behauptete; oder daraus, daß ich diese Meinungen zwar in der Klasse der untergeordneten und abgeleiteten Erkenntnisse ließ, sie aber auf eine fehlerhafte Weise, das heißt, durch eine falsche Anwendung der ursprünglichen Erkenntnisse ableitete.

Also tat ich Unrecht, daß ich entweder nicht räsonnierte, wo das Räsonnement notwendig war, oder daß ich mit wenig Genauigkeit räsonnierte.

Wenn ich mich hinreißen ließ, das Recht der ursprünglichen Erkenntnisse, wodurch sie von allen Beweisen unabhängig sind, Meinungen einzuräumen, welche eines Beweises bedurften, so kam dies daher, daß ich aus Mangel an Aufmerksamkeit den Akt der Erkenntnis mit den begleitenden Umständen und Wirkungen verwechselte, oder daß ich nicht genug Aufmerksamkeit anwandte, um das Objekt meiner ursprünglichen Erkenntnis sorgfältig zu bestimmen, und es daher zu leichtsinnig mit einem verschiedenen Objekt für identisch hielt, und es also zu undeutlich wahrgenommen hatte.

Was wird es also für ein Mittel geben, um mit Gewißheit in jedem Fall zu erkennen, ob ich die Wahrheit besitze, oder ob ich mich zum Irrtum hinreißen lasse? Nur ein einziges Mittel ist vorhanden; ich muß mir Rechenschaft geben, auf welche Weise ich eine bestimmte Meinung erworben habe, ich muß bis zu ihrer Quelle hinaufsteigen und ihre Rechtsansprüche untersuchen. Dies wird auf folgende Weise geschehen. Für das Erste werde ich untersuchen, ob der Gegenstand meiner Meinung zur Klasse meiner ursprünglichen Erkenntnisse gehören kann oder nicht, und im ersten Fall, ob die ursprüngliche Erkenntnis auch wirklich von diesem Objekt unterrichtet, und ob diese Belehrung der von mir aufgefaßten Meinung genau entspricht, im zweiten Fall, ob sie bündig abgeleitet ist.

Die beiden Grundsätze, des  zureichenden Grundes  und des  Widerspruchs,  welche LEIBNIZ als das Kriterium aller menschlichen Erkenntnisse aufstellte, wären von vortrefflichem Gebrauch gewesen, wenn er sie nur dazu angewendet hätte, um die subordinierten Erkenntnisse den ursprünglichen unterzuordnen, und Rechenschaft zu geben von den Mitteln, wodurch jene von diesen abgeleitet werden könnten. Indem er sie aber als Grundsätze von allgemeinem Gebrauch und Anwendung darstellte, wurden sie unzureichend und sogar schädlich, weil sie die ursprünglichen Erkenntnisse selbst zum Gegenstand der Prüfung machen, und dadurch den menschlichen Geist in den unendlichen Kreis der Demonstrationen zurückweisen mußten.

Die ursprünglichen Erkenntnisse sind keinem  Kriterium  unterworfen, weil sie für andere Erkenntnisse zum Kriterium dienen müssen.

Die Philosophen verlangen etwas, was freilich sehr angenehm und für den Gebrauch sehr bequem sein würde, wenn sie ein  Kriterium  suchen, das so einfach und so dienstfertig ist, daß es auf den ersten Blick die Wahrheit vom Irrtum unterscheiden, und als ein sinnliches allgemeines Siegel für alle gültige Wahrheiten dienen, und auf die Art alle Prüfung entbehrlich machen könnte. Allein sie suchen eine ganz unmögliche Sache. Die Erfolglosigkeit der Versuche, welche zu ihrer Realisierung in allen Zeiten gemacht worden sind, beweist schon ihre Unmöglichkeit hinreichend. Das Los unserer Vernunft würde allzu glänzend und glücklich sein, wenn es für die Wahrheit solche in die Augen fallende Merkmale gäbe, daß sie beim ersten Anblick erkannt werden könnten. Nichts kann sie von der Pflicht eines geduldigen und methodischen Nachdenkens freisprechen. Ruhe und Ordnung in seinem Verstand herstellen, die erworbenen Ideen rückwärts verfolgen, und bis auf die Quelle der Erkenntnisse zurückgehen - dies ist der einzige Weg, der uns übrig ist, und wenn er auch zurückgelegt ist, müssen wir doch im Resultat dieser Prüfung der Schwäche unserer Vernunft noch einen Anteil übrig lassen, und in den abgeleiteten Meinungen, so genau man auch in ihrer Ableitung zu Werke gegangen ist, immer einige zufällige Irrtümer als möglich annehmen.

Versteht man unter  Kriterium  ein Prüfungsmittel der Gültigkeit der Erkenntnisse, so kann selbst der Zweifel in gewisser Hinsicht als eine Art von Kriterium betrachtet werden; zwar nicht derjenige Zweifel, welcher selbst die ursprüngliche Erkenntnisse zweifelhaft macht, auch nicht derjenige, welcher alle Untersuchung als vergeblich untersagt, aber doch der  kritische Zweifel,  welcher zur Untersuchung der Meinungen reizt, und den Verstand zur Nachforschung nötigt, wie diese Meinungen an die ursprünglichen Wahrheiten angeknüpft wurden, und welcher die Tätigkeit des Verstandes durch eine heilsame Unruhe verdoppelt.

Man sieht mit Wohlgefallen, wie LEIBNIZ die Verdienste des BAYLE und die Dienste anerkennt, welche seine Kritiken der Philosophie geleistet haben. Es war diesem erhabenen Genie angemessen, daß er mit Ruhe den vergeblichen Angriffen des neuen Skeptikers auf die ersten Gründe der Gewißheit zusah, mit so viel Ruhe und Gelassenheit zusah, daß er noch immer die Richtigkeit einer großen Anzahl von tadelnden Urteilen und die Wichtigkeit einiger Probleme, zu welchen BAYLE die Idee gegeben hatte, würdigen konnte. Der Skeptizismus verdankt sein Glück größtenteils einem gewissen panischen Schrecken, und selbst die Furcht, die er einflößt, unterwirft viele Personen seiner Gewalt. Wie viele Menschen sind nicht Skeptiker bloß allein dadurch geworden, daß sie es zu werden fürchteten. Die Eindrücke des Mißtrauens sind außerordentlich ansteckend. Es ist denjenigen, welche uns in einem gewissen Punkt eines Irrtums überführt haben, etwas Leichtes, uns an allem Übrigen zweifeln zu machen. Es gehört viel Stärke des Geistes dazu, daß man seine Meinung aufzuschieben wagt, wenn jedermann um uns herum entscheidet; aber es ist noch mehr Stärke des Geistes erforderlich, um sich eine vernünftige Überzeugung zu bilden, wenn uns die Leere und Unruhe des Skeptizismus von allen Seiten umgibt.

Ich erstaune, wenn ich sehe, wie DESCARTES mitten in einem gelehrten Jahrhundert sich auf einmal von allen alten Autoritäten losreißt, und auf den Trümmern aller menschlichen Meinungen einen Augenblick unbeweglich da steht. Allein DESCARTES setzt mich noch mehr in Erstaunen, wenn er in dem Augenblick, da seine Kräfte durch das lange Nachdenken über die Eitelkeit unserer Urteile erschöpft scheinen, mit neuen Kräften gerüstet auftritt, und sich für vermögend hält, zum zweitenmal alles, was er zertrümmert hatte, wieder aufzubauen. Man kann unmöglich mehr Gelehrsamkeit, Feinheit, Geist, Geschicklichkeit und Anhaltsamkeit haben, als BAYLE; er gab seinem Zeitalter eine ungemeine Energie; nur eins fehlte ihm, das  Genie,  und das Genie fehlte ihm nur darum, weil er die Zuversicht nicht kannte.

Die Zuversicht scheint in der Tat größtenteils die Quelle der geistigen Tätigkeit und Energie zu sein; nicht jene gelehrige Zuversicht, welche sich blindlings führen läßt, sondern die vernünftige, welche das Vorrecht der wirklichen Kraft ist.

Sie entfaltet, wenn man so sagen darf, unsere Denkkraft; sie verbreitet im Verstand die Ruhe und Heiterkeit, ohne welche Scharfsinn und Reflexion nicht möglich ist; sie macht Mut zur Untersuchung des Wahren; sie unterstützt in den Arbeiten, welche diese Untersuchung erfordert; sie setzt die Vernunft in den Stand, mit Freiheit über ihre Vermögen zu gebieten, ihre Ideen zu versammeln, und sie je nach Bedürfnis umbilden zu können. Die Liebe zur Wahrheit, dieses edle und tiefe Gefühl, welches gleichsam die Seele des Genies ist, die Liebe der Wahrheit setzt ein gerechtes Zutrauen in die Möglichkeit, die Wahrheit erreichen zu können, voraus. Hier zeigt sich, wir dürfen diese Bemerkung nicht vernachlässigen, eines von den schönsten Banden, welches das Interesse der Philosophie mit dem der Moral vereinigt.

Alle die moralischen Gesinnungen, welche das menschliche Herz erheben, stärke und erweitern, demselben das Bewußtsein seiner eigenen Würde geben, seine Blicke auf das hohe Ziel seiner Bestimmung richten, zu seiner Vervollkommnung beitragen, der engen und einsamen Existenz des Egoismus dasselbe entreißen, es mit Wesen derselben Art, mit der ganzen Gesellschaft vereinigen, mit einem Wort alle wohlwollenden Neigungen geben dieser köstlichen Zuversicht, durch welche der Geist nach dem Besitz und Genuß der Wahrheit streben kann, Nahrung. Sie geben seinen Aussichten mehr Umfang, seinen Vorstellungen mehr Klarheit, Zusammenhang und Harmonie. Das innere Wohlbefinden, welches die Tugend verbreitet, scheint gleichsam ein wohltätiger Tau zu sein, welcher die Seele zu den Nachforschungen der Weisheit und den wissenschaftlichen Arbeiten vorbereitet.

Von allen Widersprüchen der Skeptiker ist der befremdendste, sonderbarste und zugleich am wenigsten bemerkte, derjenige, welcher sich zwischen ihrer Denkart und der Geistesruhe, welche sie nach ihrem Vorgeben erreichen, zwischen der Glückseligkeit und den Vorteilen befindet, welche sie in diesem Zustand, wie sie sagen, antreffen. Der größte Teil derselben räumt uns die Möglichkeit ein, die Wahrheit zu erreichen, auch selbst dann noch, wenn sie uns den Genuß derselben versagen. Was diejenigen betrifft, welche in dieser Hinsicht eine absolute Unmöglichkeit behaupten wollten, so würden sie offenbar einen ganz unhaltbaren Satz annehmen. Denn mit welchem Recht könnten sie eine absolute Unmöglichkeit behaupten? Erkannten sie entweder die Natur der Dinge, oder die Natur des Menschen, oder die ewigen Gesetze dessen, was sein muß? Eine Sache kann nur darum unmöglich sein, weil sie mit dem Existierenden streitet, oder weil sie einen Widerspruch enthält - zwei Punkte, über welche zu urteilen die Skeptiker sich für unfähig halten. Es gehört zum Wesen des Skeptizismus, und der erklärt es nach dem Eingang seines Manifests, daß es für ihn bei jedem Objekt nur eine gleiche Möglichkeit zweier entgegengesetzten Behauptungen geben kann.

Ist also die Entdeckung der Wahrheit in der Tat möglich; hat die Wahrheit einen ausnehmenden Preis für den menschlichen Geist; ist sie sein einziger Reichtum, und für uns in aller Rücksicht das Wünschenswerteste, wie kann man wohl den Genuß einiger Ruhe für möglich halten, solange man noch nicht angefangen hat, sich in den Besitz der Wahrheit zu setzen? Kann man sich wohl in dieser geistigen Armut für glückselig halten? Muß man sich nicht vielmehr von der lebhaftesten Unruhe und drückendsten Unbehaglichkeit gequält fühlen, solange man sich nicht aus der Leerheit, aus dem Nichts, aus der Finsternis eines allgemeinen Zweifels losgerissen hat, um endlich einmal einige Elemente der gültigen Erkenntnis zu erfassen? Welches Wesen könnte wohl einer beklagenswürdigen Apathie Beifall geben, sie gutheißen, rechtfertigen, und ihr den Namen der Glückseligkeit geben, wenn es sich seiner edlen und hohen Fähigkeiten bewußt wäre?

Wir wollen jedoch einräumen, die Skeptiker könnten, weil sie die Existenz der Wahrheit zu sehr bestritten haben, aufhören, den Wert derselben zu würdigen und fänden nichts Untröstliches in der Beraubung einer Sache, deren Verlust für Geister von einigem erhabenen Gefühl so schmerzhaft ist (40). Allein wie soll man doch die ruhige Gleichgültigkeit erklären, in welcher sie sich nach ihrem Vorgeben im Hinblick auf die Güter und die Übel des Lebens befinden? (41) Ist es denn so ganz gleichgültig, wenn man keinen tröstenden Blick auf die Zukunft werfen kann, wäre es auch nur, um das Gefühl der gegenwärtigen Übel, von welchen sich die Skeptiker selbst gar nicht frei halten (42), zu versüßen? Ist es so ganz gleichgültig, daß man in einer vernünftigen Überzeugung gar nichts findet, was, wenn auch nicht zu einer vollkommenen Gewißheit, so doch zumindest zu einer gegründeten Hoffnung eines realen Gutes, welches die Bestimmungen des Lebens verschönern könnte, berechtigte? Ist es möglich, gleichgültig und ruhig zu bleiben, wenn man ohne Verteidigung den schauderhaftesten Schrecknissen ausgesetzt ist? Welches sind die Schrecken, gegen welche die Skeptiker mit Grund gesichert sein könnten? Müssen ihnen nicht alle Augenblicke alle Arten des Unglücks und die größten Übel ebenso vollkommen möglich scheinen, als alle Arten von Glückseligkeit? Wenigstens kann doch der Mensch, welcher eine vernünftige Überzeugung in sich unterhält, Waffen finden, um sich gegen diese schrecklichen Möglichkeiten in Sicherheit zu setzen; er kann in den unveränderlichen Gesetzen der Natur und im Gedanken an den gütigen Urheber derselben Hilfe dagegen finden. Allein derjenige Mensch, in dessen Augen alle Voraussetzungen von gleichem Gewicht sind, ist selbst nicht einmal vermögend, den lächerlichsten Aberglauben des gemeinen Mannes, oder die Wahrsagereien der Astrologen, oder die grausamsten und zugleich ungereimtesten Meinungen zurück zu treiben. Man muß eine Wahrheit haben, wenn man einen Irrtum zerstören will.

Der Skeptiker wird freilich sagen können, daß ihm ähnliche Ideen auf keine Art bewiesen erscheinen; er darf aber doch nicht behaupten, daß sie etwas Unmögliches enthalten. Nun ist die Möglichkeit des Übels eine hinreichende Bedingung der Furcht, weil sie hinreichend ist, um die Gefahr zu bilden, und weil die Gefahr oft drückender ist, als der Schmerz selbst. Was ist das also für eine sonderbare Sicherheit, welche sich mitten unter allen Gefahren, die die menschliche Einbildungskraft sich vorstellen kann, behauptet; welche den Menschen in Ruhe läßt, wenn er mitten über einem Abgrund schwebt, ja welche sogar vorgibt, daß sie die Ruhe und Glückseligkeit des Menschen aus einer seiner Natur so widerstreitenden Ungewißheit zieht? Man befrage die Geschichte und das menschliche Herz, und sage uns, ob die moralische Herzhaftigkeit wo anders zu finden ist, als in denjenigen Seelen, welche durch eine gründliche Überzeugung unterstützt werden. Die Finsternis ist fruchtbar an Schrecknissen, selbst für die Herzhaften, und was ist der Skeptizismus anderes, als eine grenzenlose, ewige Nacht? Was sollen wir schließlich sagen? Wir wollen den Skeptikern die sonderbare Gefühllosigkeit (43) einräumen, von welcher sie nach ihrer Versicherung durch den absoluten Zweifel umschanzt werden; wir wollen ihnen einräumen, daß diese Gefühllosigkeit für sie eine Glückseligkeit ist. Aber welcher Mensch wird sich eine Glückseligkeit wünschen, welche im Grunde doch nichts ist, als die Leerheit des Nichts und die Ruhe der Gräber? (44)

Mit einem Wort, der Friede kann nur eine Wirkung der  Sicherheit,  und die  Sicherheit  eine Folge der  Gewißheit  sein.

Das einzige Mittel, sich von solchen Widersprüchen zu befreien, ist die Bemerkung, daß die Skeptiker für das Resultat ihres Systems eine Gemütsstimmung gehalten haben, welche vielmehr das Prinzip und der Entstehungsgrund desselben ist. Wenn wir diejenigen Menschen ausnehmen, bei welchen der durchgängige Zweifel die Folge eines außerordentlichen Scharfsinns ist, welcher bei allem nach Gründen fragt - Menschen, welche die Objekte immer nur von einer Seite auffassen, und jedem Grund einen andern entgegenzusetzen wissen -; so wird sich übrigens der absolute Zweifel bei den Andern nur als die Folge einer großen Abspannung des Verstandes zeigen, es sei nun, daß ein Mißbrauch der Vergnügungen, oder eine Erschöpfung durch Leidenschaften, oder eine durch ein allzu oberflächliches Studium der Systeme der Meinungen und der Revolutionen der Philosophie entstandene Mutlosigkeit dieselbe erzeugt hat. Ist die Seele eine zu lange Zeit durch unmäßige Begierden, oder ehrgeizige Ideen beunruhigt worden, so fällt sie endlich in eine Art von moralischer Apathie, welche sie zu jeder Anstrengung unfähig macht. Die Bande, welche ihre Gedanken vereinigten, sind gebrochen; das Leben, welches ihre Vermögen beseelte, ist erloschen; die Kraftäußerungen der Vernunft sind gehemmt; eine tödliche Mattigkeit schläfert sie ein; und dieser Schlummer scheint ihr Ruhe zu sein. Daher kommt es, daß der absolute Skeptizismus hauptsächlich in den Zeitaltern entsteht und sich ausbreitet, wo die Sitten verdorben, die Verstandeskräfte entnervt sind, und wo das Gemälde der menschlichen Irrtümer vor unseren Augen ganz aufgerollt wird. Daher kommt es auch, daß kein Räsonnement auf den Skeptiker wirkt, weil das Prinzip aller geistigen Tätigkeit in ihm zerstört oder gelähmt ist. Der Skeptizismus gleicht der Furcht. Wie diese ist er unbeweglich und räsonniert nicht. Der Skeptiker fürchtet sich so sehr vor dem Irrtum, daß er die Wahrheit anzublicken unverögend ist, so wie ein Furchtsamer so von der Furcht betäubt wird, daß er seine Hilfsquellen nicht mehr berechnen kann.

Die meisten Gegner des Skeptizismus beschuldigen diesen, daß er sowohl dem Interesse der religiösen Ideen als auch der Moral entgegen ist. Das Sonderbarste dabei ist aber, daß der absolute Skeptizismus zu gleicher Zeit in den letzten Jahrhunderten seine mächtigsten Verteidiger unter den Anhängern der religiösen Ideen gefunden hat. Man erstaunt, den großen PASCAL, wie wir oben schon bemerkt haben, zu dieser außerordentlichen Unternehmung die Hand bieten zu sehen. Menschen, welche von religiösen Gefühlen innigst durchdrungen waren, konnten sich überreden, sie könnten die menschliche Vernunft nicht genug erniedrigen, sie könnten die menschliche Vernunft nicht genug erniedrigen, um den ihnen teuren Glauben triumphieren zu lassen, sie konnten sich überreden, daß wenn sie den Menschen alles natürlichen Lichts beraubten, sie ihn umso sicherer zwingen würden, sich dem Glauben in die Arme zu werfen. (45) Allein wie konnte der Eifer den Verstand mancher Menschen bis auf den Grad verblenden, daß sie nicht einsehen, welche Waffen sie gegen alle Beweise, die sie selbst von ihren Meinungen geben konnten, in Bereitschaft setzten. Wie war es möglich, nicht einzusehen, daß jedes System religiöser Ideen, um bewiesen zu werden, schon eine gewisse Anzahl von Vorbegriffen, welche aus dem natürlichen Verstandesvermögen geschöpft sein müssen, voraussetzte? Wie konnte man hoffen, einer religiösen Lehre bei demjenigen Eingang zu verschaffen, der noch gar nicht vom Dasein und Eigenschaften eines höchstens Wesens, und von einer ansich wahren Moral überzeugt ist? Kaum hat sich PASCAL Gewalt angetan, um die Rechte Vernunft zu vernichten, als er sich schon wieder mit ihr aussöhnt, und ihr ganzes Ansehen anzuerkennen scheint. Man könnte sagen, er habe sich nur unzufrieden mit ihr gestellt, um sie für sein Genie desto gelehriger zu machen.

Es ist bei religiösen Menschen heutzutage beinahe eine allgemeine Denkart geworden, daß sie eine Art des Skeptizismus über die Räsonnements mit einer lebhaften Anhänglichkeit an ihrem Glauben vereinbaren. Man kann diese Geistesstimmung als einen Zug betrachten, welcher den Zeitgeist, vorzüglich im Norden von Europa, wo die Religion noch von aufgeklärten Menschen eine allgemeinere Achtung erhält, am besten charakterisiert. Man ist der Untersuchungen so müde, zu welchen Meinungen der Art Veranlassung gegeben haben, und scheut die Arbeit, welche zur Auflösung der Subtilitäten dabei notwendig scheint, in einem solchen Grad, daß man für das Einfachste hält, der Gründung seiner Überzeugung auf eine reifliche Prüfung zu entsagen. Indessen läßt ein tiefer Instinkt der Moralität tugendhafte Seelen das Bedürfnis fühlen, sich im praktischen Leben auf diese Überzeugung zu stützen. Man sucht daher ein unmittelbares und kürzeres Mittel, das Interesse der Moral in ihren Beziehung auf religiöse Ideen sicher zu stellen. Man nimmt an, diese Ideen könnten unmittelbar durch ein besonderes geheimnisvolles Vermögen aufgefaßt werden, welches man in das menschliche Herz pflanzt, und dem man verschiedene Namen gibt. JACOBI nennt es  Glauben,  KANT  Religiosität (46).

Diese Art zu verfahren ist den Bedürfnissen der Zeit und der wirklichen Tendenz der Köpfe ziemlich angemessen; allein man kann im Voraus sagen, daß sie keine gründlichen Resultate gewähren, und langen Prüfungen nicht widerstehen wird. Der Instinkt der Moralität wird sich bald schwächen, wenn die Vernunft selbst auf die Art zu ihrer eigenen Herabwürdigung einwilligt, und sich selbst zu einem solchen Schlummer verurteilt. Diese Vernunft wird endlich einmal aufwachen, und alle widrigen Voraussetzungen, die man eingeräumt hat, in Anspruch nehmen.

Überhaupt wird diese Verfahrungsart nicht bei allen Köpfen und Charakteren ihr Glück machen, bei allen kaltsinnigen, des Enthusiasmus nicht empfänglichen Menschen ihre Absicht verfehlen. Sie wird endlich auch in Bezug auf die Enthusiasten selbst ihre Gefahren haben. Denn wenn man sie berechtigt, so blindlings auf das bloße Fürwahrhalten einer geheimen und unbestimmten Eingebung fortzuschreiten, wieviele Täuschungen werden sie nicht hervorbringen können? Wo werden sie stehen bleiben? Was wird man den Schwärmern erwidern können? Was wird erfolgen, wenn Jeder sich auf seinen eigenen Instinkt verläßt, und also seine Überzeugung von seinem Glauben trennt? Die Geschichte des Vergangenen kann uns dies ahnen lassen.
LITERATUR - Joseph Marie Degerando Betrachtungen über den Skeptizismus - Vergleichende Geschichte der Systeme der Philosophie mit Rücksicht auf die Grundsätze der menschlichen Erkenntnisse, Bd. 2, Marburg 1806
    Anmerkungen
    33) SEXTUS, Pyrrhon, Hypotypos. I. c. 15. II. c. 4. 12. 13.
    34) Es ist unmöglich, sagt BAYLE (Dictionnaire Article Pyrrhon. N. C.), ich will nicht sagen, einen Skeptiker zu überzeugen, sondern nur selbst folgerecht gegen ihn zu räsonnieren, da man ihm unmöglich etwas anderes, als das gröbste Sophisma, das nur denkbar ist, das heißt, eine  petitio principii  [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp] entgegensetzen kann. Es gibt in der Tat keine Schlußfolge, wenn man nicht voraussetzt, daß wo Evidenz ist, auch Wahrheit ist, das heißt aber, das in Frage Stehende voraussetzen. Denn der Pyrrhonismus besteht eben darin, daß er diesen Fundamentalgrundsatz der Dogmatiker nicht annimmt. - - - Übrigens scheint BAYLE einen Augenblick anzuerkennen, daß die Subtilitäten des Pyrrhonismus sich selbst zerstören; denn wären sie gründlich, sagt er, so würden sie beweisen, es sei gewiß, daß man zweifeln muß. - Doch er zieht den folgenden Schluß daraus: "Es scheint also, als wenn dieser vermeintliche und unselige Zustand, in welchen uns die Widersprüche versetzen, das beste Mittel sei, uns zu überzeugen, daß unsere Vernunft ein Weg zu Verirrungen ist, weil sie uns in einen solchen Abgrund stürzt, sobald sie sich mit etwas mehr Feinheit entwickelt. Das natürliche Resultat daraus muß sein, diesen Führer aufzugeben. - Die Vernunft ist viel zu schwach, als daß sie uns zur Wahrheit hinführen sollte, sie ist ein Prinzip zum  Zerstören aber nicht zum  Aufbauen.  Sie ist zu nichts tauglich, als um Zweifel zu erheben, und eine Sache bald links bald rechts zu wenden, um den Streit zu verewigen." (ebd. Artikel  Munichaeer)  - - - Der so drückende Einwurf des unter dem Namen AENESIDEMUS versteckten deutschen Professors, ist nichts anderes, als der ewige Vorwurf der Pyrrhonier, daß sie unaufhörlich einen Beweis von Beweisen fordern. Dieser Professor setzt voraus, es sei unmöglich, eine gültige Untersuchung über die Entstehung und die Gewißheit der Erkenntnisse anzustellen, wenn nicht vorher zwei Punkte ausgemacht sind, nämlich:  ob die Übereinstimmung unserer Ideen mit einem außerhalb derselben angenommenen Objekte möglich und real ist? und ob diese Übereinstimmung in ihrem Wesen erkannt werden kann?  Das ist, er nimmt an, ehe man anfängt zu zeigen, was der menschliche Verstand erkennt, müsse man beweisen, es sei ihm möglich zu erkennen, man müsse selbst beweisen, daß man in das wesentliche Prinzip dieser Möglichkeiten eingedrungen ist. Er hat unstreitig Vorteile, daß er den Dogmatikern allen Mut nimmt, je einer ähnlichen Forderung Genüge zu tun; denn wo sollten sie die Beantwortung ihrer Frage hernehmen. Allein, wenn es ursprüngliche Wahrheiten gibt, welche zugleich Tatsachen sind, so wird die Vernunft mit allem Fug und Recht bei ihnen stehen bleiben, ohne sich mit der Untersuchung a priori zu beunruhigen,  ob und wie sie möglich sind?  Sich selbst über diesen Punkt zu befragen, darin besteht also die ganze Entscheidung, dieser Schwierigkeiten, welche unauflöslich sind für Räsonnierer, die glauben, sie hören auf, Philosophen zu sein, wenn sie einmal zu räsonnieren aufhören.
    35) Aus allen diesen Forderungen ergibt sich nur so viel, daß der Skeptiker gewisse logische Prinzipien annehmen muß, weil er sonst nicht denken, nicht zweifeln, nicht sich verständlich machen könnte. Er muß eine logische Wahrheit zugeben, aber er kann dadurch nicht genötigt werden, eine objektive Wahrheit einzuräumen.
    36) Ich kann mir in der Tat nur eine einzige Art denken, wie der absolute Skeptizismus mit sich selbst konsequent werden könnte, wenn er nämlich darauf Verzichten würde, sich selbst als ein philosophisches System zu zeigen, sich durch gewisse Gründe zu rechtfertigen, und sich in irgendeine Erklärung einzulassen, wenn er sich selbst zu einer gänzlichen Untätigkeit des Geistes verurteilt, welche durchaus einer totalen Unwissenheit gleich kommt. Denn es ist einleuchtend, daß der reflektierende Skeptizismus schon etwas mehr als Unwissenheit ist, und sich folglich selbst zum Trotz einen Anfang der Erkenntnis voraussetzt. In jenem Zustand würde sich der Skeptiker nur als ein mit einer vollkommenen geistigen Trägheit behaftetes Wesen betrachten, welches als ein Fremdling im ganzen System der Operationen der Vernunft auch durch keine Art des Räsonnements erreicht und genährt werden könnte. Er hätte dann aber ebensowenig nötig sich zu rechtfertigen, wie die leblose aller Vorstellungsfähigkeit beraubte Materie. Allein dieser Zustand ist unserer Natur so zuwider, daß es noch keinem Skeptiker eingefallen ist, auch nie einfacllen wird, sich in demselben zu behaupten.
    37) So kann z. B. die Untersuchung über einen Vorwurf vereinfacht werden, welcher gegenwärtig eine von den Hauptsekten in Deutschland allen vorhergegangenen Philosophen macht, daß sie nämlich den menschlichen Erkenntnissen ein Fundament zu geben vernachlässigt haben - ein Vorwurf, worauf sie alle ihre besonderen Anmaßungen gründen. Alles, was diese Sekte tun konnte, bestand darin, daß sie ein neues Räsonnement vor die Sätze hinstellte, welche man bisher als ursprüngliche betrachtet hatte. Was war nun der Erfolg? Es kamen andere dazu, welche dieser Sekte ebenfalls wieder den Vorwurf machten, daß sie selbst ihrem  Fundament  ein  Fundament  zu geben vergessen hat, und sie suchten neue Prämissen für den Obersatz ihres Räsonnements. Diese sind abermals mit demselben Tadel heimgesucht worden, denn sie mußten doch irgendwo anfangen. Daher ist es dann nun endlich durch den beständigen Fortgang von  Fundament  zu  Fundament  und von  Prämissen  zu  Prämissen  so weit gekommen, daß man gar kein  Fundament  und gar keine Prämissen mehr hat. Ist man aber einmal einverstanden, daß es gewisse ursprüngliche Wahrheiten geben muß, so wird man es den Philosophen nicht mehr zum Tadel machen können, daß sie von gewissen Sätzen ohne Beweis ausgegangen sind, und dieses Verfahren nicht mehr als unzulänglich für die Vernunft darstellen; sondern es wird genug sein, wenn man prüft, ob ihre Sätze wirklich ursprüngliche Wahrheiten sind. Und nur dann, wenn man die Wirklichkeit ursprünglicher Wahrheiten festzusetzen sich bestrebt, wird man ihre Merkmale entwickeln.
    38) So wäre also ein Wissen um unser Vorstellen jedes Bild der Einbildungskraft, überhaupt jede Vorstellung mit Bewußtsein und Reflexion eine Erkenntnis? So wäre also kein Unterschied zwischen dem Vorstellen und dem Erkennen?
    39) Ich wage es zu sagen: es gibt zwei Grundsätze unserer Logiken, welche allgemein ohne Bedenklichkeit angenommen werden, und einander doch widersprechen, nämlich:  das Urteil besteht in der Vergleichung unserer Ideen,  und:  die Wahrheit ist eine Übereinstimmung unserer Ideen mit den Objekten  - Sätze, welche den Idealisten und Skeptikern so viele Vorteile gegeben haben und die Streitigkeiten durch eine Verlängerung der Mißverständnisse verewigt haben. Wenn man erkennt, daß es ursprüngliche Urteile gibt,  welche in der bloßen Wahrnehmung der Objekte bestehen,  und daß in diesen ursprünglichen Urteilen unsere Ideen die Objekte unmittelbar ergreifen und auffassen, so befreit man sich von diesem Widerspruch, und das unaufklärliche Problem verschwindet, durch welches man fragte, wie ein Urteil, welches über die wechselseitige Übereinstimmung unserer Ideen etwas aussagt, die Übereinstimmung dieser Ideen mit den außer den Ideen befindlichen Objekten rechtfertigen kann. [Dies hieße den Knoten willkürlich durch ein Machtgebot zerhauen. Begriffe und Urteile beziehen sich nicht unmittelbar auf reale Objekte, Wahrnehmungen beziehen sich unmittelbar auf Objekte. Beide sind wesentlich verschieden. Urteile, welche in der bloßen Wahrnehmung der Objekte bestehen, oder Wahrnehmungen sind, ist eine willkürliche Annahme, die sich selbst aufhebt, weil sie, wenn sie analysiert wird, aussagt, daß die Anschauung urteilt, denkt, oder der Verstand anschaut; es ist eine willkürliche Annahme, um die schwere Frage:  was ist die Wahrheit der Erkenntnis  zu umgehen, die nur in einer Philosophie möglich ist, welche in der Analyse auf halbem Weg stehen bleibt, Tätigkeit, Bestimmtheit und Präzision im Denken wenig achtet, und z. B. es für gleichgültig erachtet, ein und dieselbe Tätigkeit durch mehrere ganz verschiedene Worte zu bezeichnen, wovon gleich ein Beispiel folgt.]
    40) Man weiß, daß BAYLE so weit ging, daß er sagte, die Entdeckung der Irrtümer sei weder für den Staat, noch für die Einzelnen nützlich. - (Vorrede zum Dictionnaire).
    41) Die Aufschiebung des Fürwahrhaltens, sagt SEXTUS, ist mit einem angenehmen Zustand begleitet; man lebt ohne Unruhe; man erhitzt sich nicht für irgendeine Meinung; man fühlt weder Unruhe noch Ungeduld im Hinblick auf die Güte; man fürchtet nicht die Übel, weil man nicht weiß, ob die Dinge, die man verlangt, oder die uns beunruhigen, wirklich Güter oder Übel sind. - Dieser Zustand der Mäßigung in Beziehung auf die Gefühle erhält von den Skeptikern den Namen  Gleichmut  (Metriopathie, Hypotypos. Pyrrhon. I. c. 12.
    42) SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos. Pyrrhon. I. c. 12.
    43) Impassibility.  Soll dieses Apathie, Abwesenheit allen Gefühls sein, so liegt diese außerhalb der Grenzen des Skeptizismus, und der Skeptiker hütete sich wohl, so etwas der menschlichen Natur widerstreitendes zu behaupten. Er hat nur seine Gefühle in seiner Gewalt, und verhindert, daß sie nicht durch ein spekulatives absprechendes Urteil über die objektive Natur des empfundenen Gegenstandes zu einer übermäßigen Stärke anwachsen. (siehe Anm. 36)
    44) Man führt zugunsten des Skeptizismus den Vorteil an, daß er eine vollkommene Toleranz einflößt. Es würde gewiß ein großer Vorzug desselben sein, wenn die Skeptiker zumindest die Anlage zu einer Gesinnung besitzen würden, welche Jeder am Andern wünscht, und doch so Wenige für sich selbst annehmen wollen. Allein die wahre Toleranz besteht gar nicht in einer völligen Gleichgültigkeit gegen Wahrheit und Irrtum, sondern nur darin, daß man die Urteile über Meinungen nicht über die Personen ausdehnt, und eine schuldige Achtung gegen diejenigen behält, welche sich zu Meinungen, die den unsrigen entgegen sind, bekennen, wenn sie auf eine ehrliche Weise dabei zu Werke gehen. Demnach besteht das wahre Prinzip der  Toleranz  im Gefühl der  Achtung  und  Billigkeit  gegen Wesen seiner Art, in der aufrichtigen Achtung gegen die Rechte und die Unabhängigkeit der Vernunft. In dieser Hinsicht kann der Toleranz nichts mehr zuwider sein, als die tiefe Verachtung, welche der absolute Skeptizismus gegen alle menschlichen Meinungen ohne Unterschied einflößt. Würde man dadurch allein schon intolerant, daß man einem irrigen Urteil widerspricht, welcher Intoleranz machte sich der Skeptizismus nicht schuldig, indem er über alle Arbeiten der Vernunft den Bann ausspricht? Das Bewußtsein seiner eigenen Überzeugung macht, daß der vernünftige Mensch Achtung für die Überzeugung eines Andern hat. Überhaupt machen die Leidenschaften mehr Unduldsame als die Systeme.
    45) Dieses Raisonnement brauchte selbst BAYLE,  Dictionnaire,  Art. Pyrrhon.
    46) Sonderbare Ideen von dem, was JACOBI und vorzüglich KANT unter Glauben verstehen.