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    p-4Das Grundproblem der ErkenntnistheorieDas ErkenntnisproblemDas Problem der Gegebenheit     
 


GERARD HEYMANS
[ 1857 - 1930 ]
Die Gesetze und Elemente
des wissenschaftlichen Denkens


"Man wird vielleicht fragen, was es denn eigentlich für diese Erkenntnistheorie zu untersuchen gebe? Das Ziel des Denkens sei doch die Wahrheit seiner Ergebnisse; unter Wahrheit verstehe man aber die Übereinstimmung der Vorstellungen mit ihren Gegenständen: man könne demnach der Wahrheit seiner Vorstellungen nur dann gewiß sein, wenn man dieselben mit ihren Gegenständen verglichen hat. Das heißt also, in die kausale Terminologie übertragen: die einzig mögliche Ursache der Gewißheit sei die Vergleichung der Vorstellungen mit ihren Gegenständen."


Vorwort

Der Zweck des vorliegenden Buches ist ein doppelter: für den Nichtphilosophen soll es ein Lehrbuch der Erkenntnistheorie, für den Philosophen aber eine durch Beispiele erläuterte Abhandlung über die Methode in dieser Wissenschaft sein. Das Bestreben, beiden in  einem  Buch zu vereinen, wurzelt in meiner Überzeugung, daß eben jene empirische Forschungs- und Beweismethode, deren gutes Recht in der Philosophie ich den Fachgenossen gegenüber zu verteidigen wünsche, sich auch als Darstellungsmethode ganz besonders demjenigen empfiehlt, der wissenschaftlich gebildete Menschen in die Philosophie einzuführen hat. Freilich glaube ich mit der Ansicht, daß die Erkenntnistheorie em Wesen nach eine empirische Wissenschaft sei, nicht etwas wesentlich Neues vorgetragen, sondern nur theoretisch begründet zu haben, was in der Praxis doch schon Gemeingut aller ist. Oft kam es mir sogar vor, als ob ich nur "le secret de tout le monde" [Das Geheimnis für jedermann - wp] ausspräche. Denn sämtliche erkenntnistheoretische Untersuchungen der Gegenwart beschäftigen sich doch eben mit Problemen, welche aus den gegebenen Erscheinungen des Denkes hervorgehen, und versuchen dieselbe durch gegebene oder hypothetisch vermutete Tatsachen des Denkens zu lösen. Es erschien mir wünschenswert, diesen Sachverhalt auch in der Form einmal voll und klar zum Ausdruck zu bringen.

Mit der Bestimmung des vorliegenden Buches, an erster Stelle ein Lehrbuch zu sein, hängt aber verschiedenes zusammen.

Erstens, daß es mir vor allem am Herzen liegen mußte, auf die Bedeutung der  Probleme,  deren massives, von aller Willkür unabhängiges Gegebensein noch so oft verkannt wird, das volle Licht fallen zu lassen. Der Dozent der Philosophie ist eben darin gegen andere im Nachteil, daß er die "Verwunderung über das Gegebene", aus welcher alles wissenschaftliche Interesse hervorgeht, nicht voraussetzen darf, sondern erst erwecken muß. Ich habe mich in dieser Sache lieber dem Vorwurf allzu großer Ausführlichkeit, als dem Vorwurf ungenügener Klarheit ausgesetzt.

Was zweitens die  Lösungen  der Probleme betrifft, habe ich mich bestrebt nur dasjenige zu geben, was sich beweisen, oder doch in hohem Grad wahrscheinlich machen läßt. Offene Fragen offen zu lassen, habe ich mich nicht gescheut; Vermutungen und Aussichten auf bloß mögliche Lösungen entweder zurückgehalten oder ausdrücklich als solche markiert. Allerdings können auch über die Frage,  ob  ein gegebener Beweis stichhaltig ist, die Meinungen wieder geteilt sein; ich habe mich nur bemühen können, durch möglichst vollständige Angabe der Beweisgründe dem Leser die Kontrolle zu erleichtern.

Drittens habe ich geglaubt, in der Erörterung und Widerlegung entgegengesetzter Ansicht mich auf solche Erklärungsversuche beschränken zu müssen, welche ich als in weiteren wissenschaftlichen Kreisen bekannt voraussetzen dürfte; während ich umgekehrt diejenigen Theorien, welche man nur durch philosophische Fachstudien kennen lernt, unberücksichtigt gelassen habe. Nur für  eine  Frage: diejenige nach dem Verhältnis zwischen Erkenntnistheorie und Psychologie, habe ich ihrer grundlegenden Bedeutung wegen eine Ausnahme machen zu müssen geglaubt. Ich bemerke demnach ausdrüclich,  daß  die auf diese Frage sich beziehenden Paragraphen (4 - 7) bei einer ersten Lektüre ohne Nachteil für das Verständnis des Folgenden übergangen werden können.'

Endlich: die Literaturangaben gehören ausschließlich dem "Lehrbuche" an. Das heißt: dieselben beanspruchen nicht alles Wichtige, selbst nicht alles Wichtigste, aus der einschlägigen Literatur hervorzuheben; sondern dieselben wollen nur dem Anfänger, der sich über die hier behandelten Fragen genauer zu orientiern wünscht, das Suchen erleichtern. Es sind ja auch hier nur die ersten Schritte, welche der Führung bedürfen.

So viel über den Inhalt des Buches. Für die sprachliche Form bitte ich als Ausländer um Nachsicht. Ich bin mir vollkommen bewußt, nicht immer den zutreffenden Ausdruck für meine Gedanken gefunden zu haben, und kann nur hoffen, daß man das Buch besser lesen wird, als ich es geschrieben habe.


Einleitung

1. Die Aufgabe der Erkenntnistheorie. Das wissenschaftliche Denken erscheint uns gewöhnlich ausschließlich als ein Objekt teleologischer Betrachtung. Wir beurteilen dasselbe als ein Mittel zur Erreichung eines bestimmten Zwecks, sei es daß dieser Zweck in der theoretischen Erkenntnis oder in der praktischen Beherrschung und Nutzbarmachung der gegebenen Wirklichkeit gesucht werde. Bei jedem Stück wissenschaftlicher Arbeit erheben wir die Frage, ob wahr oder unwahr? richtig oder unrichtig? - und je nach der Antwort, welche wir finden, entscheiden wir darüber, ob die dargebotenen Ergebnisse angenommen oder verworfen werden müssen.

Es ist aber, neben dieser teleologischen, auch eine rein theoretische, auf die Erforschung von Ursachen und Gesetzen gerichtete Betrachtung des wissenschaftlichen Denkens möglich. Wissenschaftliche Überzeugungen sind Bewußtseinserscheinungen, genauso wie Zorn, Begierde, Schmerz, ein Willensentschluß Bewußtseinserscheinungen sind. Daß gesetzmäßig wirkenden Ursachen das Auftreten dieser Erscheinungen bedingen, ist von vornherein mindestens sehr wahrscheinlich, nicht nur weil wir bis jetzt auf jedem Gebiet die kausale Betrachtung anwendbar gefunden haben, sondern auch aufgrund der vorliegenden Tatsachen selbst. Schon die einfache Erwägung, daß es so etwas wie  Beweise  gibt, legt eine kausale Auffassung des Denkprozesses nahe. Denn was heißt es eigentlich: etwas beweisen? Was tut eigenlich der Mann der Wissenschaft, wenn er mir die Wahrheit irgendeines Satzes beweisen will? Er versucht durch Worte und Zeichen, durch Hinweisung auf wahrnehmbare oder durch Erzählung wahrgenommener Tatsachen, in meinem Bewußtsein solche Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen in einer solchen Gruppierung zu erzeugen, daß sich daraus mit Notwendigkeit die Überzeugung von der Wahrheit des zu beweisenden Satzes bei mir entwickelt. Diese Notwendigkeit empfinde ich sehr lebhaft: ich kann ebensowenig ohne Beweis jene Überzeugung willkürlich in mir hervorzaubern, wie ich dieselbe willkürlich unterdrücken kann, nachdem ich einmal den Beweis verstanden habe. Ob ich jenen Beweis anhören, jener Vorstellungsgruppe den Zutritt zu meinem Bewußtsein gestatten werde, das kann von meinem Willen abhängen; wie aber der Beweis, wenn einmal in mein Bewußtsein aufgenommen, wirkt, ob er dort eine Überzeugung und  welche  Überzeugung er zustande bringt, das ist von meinem Willen vollständig unabhängig. Offenbar muß demnach zwischen Beweis und Überzeugung, beide als Bewußtseinserscheinungen betrachtet, ein  ursächliches Verhältnis  angenommen werden. Wollte man dagegen einwenden, daß der Beweis doch nicht, wie die Ursache ihre Wirkung,  ausnahmslos  die entsprechende Überzeugung zustande bringt, so ließe sich dieser Einwand leicht durch den Hinweis auf analoge Verhältnisse in anderen Wissenschaften entkräften. Wenn ich den Hahn eine geladenen Gewehres losdrücke, so wird jeder diese Handlung die Ursache des nachfolgenden Schusses nennen: dennoch kann der Schuß ausbleiben, wenn etwa das Pulver feucht oder der Mechanismus des Gewehres in Unordnung geraten ist. Ähnlich müssen auch hier gewisse Bedingungen erfüllt sein, wenn die Ursache ihre Wirkung hervorbringen soll: eine gewisse Spannung der Aufmerksamkeit, Klarheit und Beweglichkeit der Vorstellungen und vielleicht noch andere. Hier ebensowenig wie dort wird aber dadurch die Anwendbarkeit der kausalen Betrachtung ausgeschlossen. (1)

 Die exakte, durch empirische Untersuchung des gegebenen Denkens zu ermittelnde Feststellung und Erklärung der kausalen Beziehungen, welche das Auftreten von Überzeugungen im Bewußtsein bedingen, ist die Aufgabe der Erkenntnistheorie. 

2. Das empiristische Vorurteil. Man wird vielleicht fragen, was es denn eigentlich für diese Erkenntnistheorie zu untersuchen gebe? Das Ziel des Denkens sei doch die Wahrheit seiner Ergebnisse; unter Wahrheit verstehe man aber die Übereinstimmung der Vorstellungen mit ihren Gegenständen: man könne demnach der Wahrheit seiner Vorstellungen nur dann gewiß sein, wenn man dieselben mit ihren Gegenständen verglichen hat. Das heißt also, in die kausale Terminologie übertragen: die einzig mögliche Ursache der Gewißheit sei die Vergleichung der Vorstellungen mit ihren Gegenständen. - Über diese dem natürlichen Denken geläufige Ansicht haben wir vor allem einiges zu bemerken.

Ohne Zweifel ist der Gedanken, welcher derselben zugrunde liegt, an und für sich richtig. Wenn wir darüber nachdenken, was wir mit den Worten  Wahrheit, Wissen, Erkenntnis  eigentlich meinen, so sehen wir gar nicht ein, wie es möglich sein könnte, über irgendeinen Gegenstand wirklich etwas zu wissen, außer sofern wir es der auf diesen Gegenstand sich beziehenden Erfahrung entnommen haben. Untersuchen wir aber nicht den abstrakten Begriff des Wissens, sondern die tatsächlich gegebene Wissenschaft, so finden wir zu unerem Erstauenen,  daß dieselbe auf allen Gebieten unendlich mehr enthält, als die vorliegende Erfahrung gewährleisten zu können scheint.  Zu demjenigen, was wir als nacktes Erfahrungsergebnis anerkennen, wird überall im Denken noch etwas hinzugetan; und zwar etwas von so eingreifender Bedeutung, daß ohne dasselbe die Wissenschaft ihr eigentümliches Gepräge vollständig verlieren müßte. Am leichtesten läßt sich das für die Sätze nachweisen der Arithmetik und Geometrie: die  absolute  Genauigkeit, welche diese Sätze in Anspruch nehmen, läßt sich offenbar ebensowenig durch unsere doch immer nur approximativen Messungsmethoden verifizieren, wie die  notwendige  Geltung, welche wir denselben zuschreiben, in der nur Tatsächliches bietenden Erfahrung gegeben sein kann. Aber der aufgestellte Satz behält auch für die Naturwissenschaft seine Gültigkeit. Nicht nur weil die Geologie Tatsachen bespricht, welche stattgefunden haben, als noch kein menschliches Auge da war, dieselben wahrzunehmen; nicht nur weil die kinetische Theorie der Gase den Atomen und Molekülen Abmessungen und Geschwindigkeiten zuschreibt, welche sich nicht nur der Wahrnehmung, sondern selbst der Vorstellung entziehen; - auch im einfachsten empirischen Gesetz, in der bloßen Konstatierung einer isolierten Tatsache, liegt schon vieles, was über die Erfahrung hinauszugehen scheint. Wir sehen, daß zwei Erscheinungen regelmäßig aufeinander folgen; wir behaupten aber, daß die eine  Ursache  der anderen sei: d. h. wir machen aus der bloß zeitlichen eine inhaltliche Beziehung, welche wir dennoch als sinnlich unwahrnehmbar und unvorstellbar anerkennen müssen. Aber noch weiter! Die Naturwissenschaft beschäftigen sich mit den Dingen der Außenwelt; kann ich aber je ein außer mir befindliches Ding unmittelbar wahrnehmen? Schon die Physiologie der Sinnesorgane gibt eine verneinende Antwort. Sie weist nach, daß überall und immer zwischen dem Auftreten des vorausgesetzten Dinges und der entsprechenden Empfindung höchst komplizierte Prozesse verlaufen, dergestalt, daß dasjenige, welches wir wahrnehmen, niemals das Ding selbst, sondern stets etwas ganz anderes ist, welches wir im besten Fall nur als die sehr entfernte Wirkung eines Geschehens außer uns, dessen Inhalt durch die Eigenschaften jenes Dings für einen größeren oder geringeren Teil mitbestimmt wird, interpretieren können. Auch eine Berufung auf physikalische oder physiologische Theoreme, durch welche die Übereinstimmung zwischen Vorstellung Ding verbürgt werde, kann nichts nützen. Denn erstens wäre mit dieser Berufung selbst anerkannt, daß nicht die direkte Vergleichung der Vorstellung mit dem Objekt, sondern eben jene physikalischen und physiologischen Schlußfolgerungen in letzter Instanz die Gewißheit begründen; zweitens aber enthielte dieselbe offenbar einen Zirkelschluß, insofern der Beweis für den Erkenntniswert der Sinneswahrnehmung Wissenschaften entnommen würde, welche sich selbst in ihrem ganzen Umfang auf der Voraussetzung dieses Erkenntniswertes stützen. Es bleibt demnach bei der in der Philosophie nicht eben neuen, jedenfalls aber von der Physilogie glänzend bestätigten Einsicht, daß uns niemals die Dinge selbst, sondern stets nur unsere Empfindungen in der Wahrnehmung gegeben sind. Nur bei den Urteilen über eigene Empfindungen und Gemütszustände ("ich sehe rot", "ich empfinde Wärme" und dgl.), sowie über die Beziehungen zwischen denselben ("das Rot ist dem Gelb mehr als dem Grün verwandt", "die Empfindung großer Wärme ist derjenigen großer Kälte ähnlich") läßt sich die Wahrheit des Urteils durch Vergleichung der Vorstellung mit ihrem Gegenstand bestätigen. Bei allen Urteilen über die Außenwelt aber (das Urteil: "Es gibt eine Außenwelt" eingeschlossen) scheint diese Vergleichung ein für allemal unmöglich zu sein.

3. Die Erklärung der Denkerscheinungen. Wenn nun aber dessenungeachtet eine Wissenschaft, welche die Macht besitzt, jedem, der ihren Demonstrationen folgen kann und will, die Überzeugung von der Richtigkeit ihrer Ergebnisse beizubringen,  tatsächlich existiert,  so scheint daraus hervorzugehen, daß die Überzeugung von der Wahrheit eines Urteils auch auf anderem Weg als durch Vergleichung mit seinem Objekt entstehen  kann  und im gegebenen wissenschaftlichen Denken tatsächlich  entsteht.  Es stellt sich heraus, daß die Wissenschaft die Tatsachen der Erfahrung nicht bloß  sammelt,  sondern auch  verarbeitet:  denselben etwas Neues, in der Erfahrung nicht schon Gegebenes, hinzufügt. - Man wird wahrscheinlich sagen, wenn sich die Sache so verhält, gehöre jenes Hinzugefügte auch nicht zur wahren Erkenntnis; es sei die Aufgabe der Wissenschaft, sobald wie möglich mit demselben aufzuräumen und sich auf dasjenige zu beschränken, was wirklich in der Erfahrung gegeben ist. Wir wollen diese Frage vorläufig beiseite lassen; später kommen wir auf dieselbe zurück. Für jetzt fragen wir nicht nach dem Erkenntniswert unserer Überzeugungen, sondern betrachten, dem Vorhergehenden gemäß, Erfahrungsdaten und Überzeugungen lediglich als ursächlich verbundene Bewußtseinserscheinungen und konstatieren rein empirisch die Tatsache, daß in diesen Überzeugungen manches enthalten ist, was wir in jenen Daten nicht entdecken. Diese Tatsache verdient, wie alle Tatsachen, unsere Achtung; zugleich aber erfordert sie, wie manche andere, eine  Erklärung.  Denn wenn wir uns recht in dieselbe hineindenken,  so erscheint es uns unverständlich, undenkbar, daß wir etwas für wahr halten sollten, ohne daß wir dazu in irgendeiner Weise im Gegebenen die genügenden Gründe gefunden hätten.  Erläutern wir die Sache durch einige Beispiele. Wir erinnern uns etwa, daß wir, eine bestimmte Farbe wahrnehmend, dieselbe für rot erklärt haben; das erscheint uns auch sehr natürlich; denn wir haben ja die wahrgenommene Farbe mit der Vorstellung, welche das Wort  rot  bei uns hervorruft, verglichen und dieselben für identisch befunden. Nun erinnern wir uns aber weiter, daß wir, irgendein Dreieck betrachtend, die Summe seiner Winkel zwei Rechten gleichgestllt und für diese Behauptung absolute Exaktheit beansprucht haben: dieser zweite Fall muß uns offenbar weniger verständlich erscheinen als der erstere. "Das ist doch merkwürdig," müssen wir uns sagen, "daß wir, die wir doch unter Wahrheit Übereinstimmung zwischen Vorstellung und Gegenstand verstehen, und die wir ganz wohl wissen, daß sämtliche Messungsmethoden, über welche wir verfügen, ungenau und fehlbar sind, dennoch über gegebene Verhältnisse Überzeugungen besitzen, welche absolute Genauigkeit in Anspruch nehmen." Und wir werden diese Tatsache nicht, wie jene, ruhig hinnehmen können, sondern uns genötigt finden, eine  Erklärung  für dieselbe zu suchen.

Es kann vielleicht nützlich sein, über die eigentliche Bedeutung dieses Erklärungsbedürfnisses uns an anderen, weiter fortgeschrittenen und daher zu festeren Formen gelangten Wissenschaften zu orientieren. Im allgemeinen entstehen in der theoretischen Wissenschaft  Probleme,  so oft gegebene Erscheinungen mit allgemeinen Sätzen, welche uns evident erscheinen, in Widerspruch geraten; wir empfinden dann das Bedürfnis diese Erscheinungen zu  erklären,  d. h. jenen Widerspruch aufzuheben. Dies kann aber offenbar in zweifacher Weise geschehen: entweder so, daß der evident scheinende Satz als ein Irrtum erkannt und verworfen wird, oder auch so, daß wir zu einer solchen Auffassung der jenen Erscheinungen zugrunde liegenden Wirklichkeit gelangen, daß dieselben jetzt in einem allgemeinen Satz passen. Einzelne Beispiele mögen diesen Sachverhalt verdeutlichen. - Wenn ein in schränger Richtung teilweise unter Wasser getauchter Stab vom sehenden Auge als gebrochen, von der tastenden Hand als gerade wahrgenommen wird, so sind uns diese Erscheinungen zunächst unverständlich, weil sie dem logischen Identitätsprinzip zu widersprechen scheinen; die Theorie der Lichtbrechung macht es aber möglich, die Ausnahme der Regel unterzuordnen. Wenn die Mischung von 1 Liter Alkohol und 1 Liter Wasser weniger als 2 Liter ergibt, so scheint der arithmtische Satz, der  1 + 1 = 2  setzt, eine Ausnahme zu erleiden; durch die Annahme der Porösität der Körper wird aber der Widerspruch aufgehoben. Wenn eine im magnetischen Meridian ruhende Magnetnadel durch einen derselben parallel laufenden elektrischen Strom in Bewegung gesetzt wird, so scheint diese Bewegung dem Satz, daß ein symmetrisches Kräftesystem ein Gleichgewicht ergeben muß, zu widersprechen; aber durch die Theorie von 'AMPÉRE wird die Übereinstimmung zwischen beiden wieder hergestellt. Wenn man findet, daß die Bewegung eines fallenden Körpers nach Richtung und Beschleunigung von der Stellung der Erde abhängt, so scheint diese Tatsache mit der alten Regel: corpus non agit ubi non est [Wo kein Körper, da keine Tätigkeit. - wp] unvereinbar; demzufolge wird dann auch von einigen diese Regel als unrichtig verworfen, während andere immer aus neue versuchen, die gegebenen Erscheinungen so zu ergänzen oder zu deuten, daß sie sich derselben wieder unterordnen. - Das nämliche gilt, soweit ich sehen kann, für die ganze theoretische Wissenschaft. Überall entstehen die Probleme aus dem Widerspruch zwischen einer als gewiß vorausgesetzten Regel und gegebenen Erscheinungen; und überall werden dieselben dadurch gelöst, daß in der einen oder anderen Weise der Widerspruch aufgehoben und die Harmonie im System unserer Überzeugungen wiederhergestellt wird.

Machen wir jetzt die Anwendung auf den vorliegenden Fall. Die Erscheinungen des wissenschaftlichen Denkens, welche wir im vorigen Paragraphen kennen gelernt haben, sind uns darum unverständlich und undenkbar, weil wir, jeder für sich, fest davon überzeugt sind,  daß wir vernünftige, nach zureichenden Gründen urteilende Wesen sind.  Mit dieser festen Überzeugung scheint eben die Tatsache, daß unser Wissen von irgendeinem Gegenstand  weit mehr  umfaßt, als wir von diesem Gegenstand wahrgenommen haben, absolut unvereinbar zu sein. Wir können nicht umhin zu fragen: wo in aller Welt stammt denn dieses über die Erfahrung hinausgehende Wissen her? - wie kommen wir dazu, dreist und zuversichtlich zu behaupten, daß einem Gegenstand  A  die Eigenschaften  a, b  und  c  zukommen, wenn wir nur die Eigenschaften  a  und  b  an demselben wahrgenommen haben? Offenbar ist dieses Problem, seinem allgemeinen Charakter nach, mit den früher erörterten Problemen vollkommen identisch; und es bedarf, im nämlichen Sinn wie diese, einer Erklärung. Auch könnte diese Erklärung, genauso wie dort, in doppelter Weise stattfinden. Denn es könnte  erstens  sein, daß jene allgemeine Voraussetzung unrichtig wäre, daß  nicht  all unser Wissen aus zureichenden Gründen hervorginge, sondern daß auch aus Ursachen, welche nicht als zureichende Gründe gelten können, etwa mittels Assoziationswirkungen, Gewißheit entstehen könnte.  Zweitens  aber wäre es denkbar, daß sich die vorliegenden Tatsachen in einer Weise ergänzen oder deuten ließen, welche dennoch die Zurückführung jenes rätselhaften Wissens auf zureichende Gründe gestattete: etwa durch die Auffindung bisher verborgener, dem bewußten Denken zugrunde liegender Daten; oder durch den Nachweis, daß der wesentliche Inhalt unserer wissenschaftlichen Überzeugungen ein anderer ist, als wir geglaubt hatten. In welcher Weise für jedes einzelne Problem die Erklärung stattfinden muß, kann natürlich nur die spezielle Untersuchung entscheiden; und zwar wird die Methode der Untersuchung keine andere als die in sämtlichen kausalen Wissenschaften übliche induktiv-empirische sein können. Denn es sind Tatsachen des Denkens (über das zur Begründung derselben angeführte Erfahrungsmaterial hinausgehende Überzeugungen), welche das Erklärungsbedürfnis wachgerufen haben; um über die Zulässigkeit einer versuchten Erklärung urteilen zu können, müssen wir dieselbe mit diesen Tatsachen vergleichen; und damit diese Vergleichung in entscheidender Weise stattfinden könne, muß uns eine erschöpfende und genaue Kenntnis dieser Tatsachen zu Gebote stehen. Wir werden also für jede Gruppe von Denkerscheinungen damit anfangen müssen, diese Erscheinungen, so wie sie tatsächlich vorliegen, möglichst genau und vollständig kennen zu lernen; wobei wir die zur Begründung irgendeiner Überzeugung angeführten Daten ausschließlich als die Ursachen derselben und die Überzeugung selbst als die Wirkung dieser Daten (beide als Bewußtseinserscheinungen betrachtet) aufzufassen haben. Erst wenn das geschehen ist, können Inkongruenzen zwischen den bekannten Daten und den darauf sich gründenden Überzeugungen mit Sicherheit festgestellt und für diese Inkongruenzen eine Erklärung gesucht werden.

4. Erklärung und Rechtfertigung. Den vorhergehenden Erörterungen zufolge ist für uns die Erkenntnistheorie nichts weiter als eine Psychologie des Denkens: also eine auf Erforschung und Erklärung gegebener Tatsachen gerichtete Wissenschaft. In der philosophischen Literatur stößt man vielfach auf entgegengesetzte Ansichten. Es wird behauptet, die Erkenntnistheorie habe nicht die Entstehung unserer Überzeugungen zu erklären, sondern uns über den Erkenntniswert derselben zu unterrichten; die letztere Aufgabe könne und müsse aber unabhängig von der ersteren gelöst werden. Denn niemals könne die Entstehungsgeschichte irgendeiner Überzeugung über deren Erkenntniswert entscheiden; vielmehr müsse die Erkenntnistheorie selbst erst nachweisen, welcher Erkenntniswert den sich auf die Entstehung unserer Überzeugungen beziehenden psychologischen Sätzen zukomme. - Ich teile diese Ansicht nicht und werde meine abweichende Meinung zu begründen versuchen.

Untersuchen wir zuerst, in welchen Fällen und durch welche Beweggründe wir uns veranlaßt finden, den Erkenntniswert unseres Wissens zu bezweifeln, so stellt sich leicht heraus,  daß  es die nämlichen Fälle und die nämlichen Beweggründe sind, welche uns früher veranlaßt haben, eine Erklärung für dieses Wissen zu fordern.' Die Einsicht, daß für eine tatsächlich gegebene Überzeugung zureichende Gründe fehlen, führt sowohl zum Zweifel an der Richtigkeit dieser Überzeugung, als zur Verwunderung darüber, daß vernünftige Wesen derselben beigestimmt haben. So oft wir demnach finden, daß irgendeine Überzeugung mehr enthält als in der zur Begründung derselben angeführten Erfahrung gegeben ist, erscheint diese Überzeugung nicht nur als der Erklärung bedürftig, sondern auch als ungewiß; und  nur  wenn es uns gelingen sollte, ein Wissen zustande zu bringen, welches nicht wie jenes über den Inhalt des Gegebenen hinausginge, könnten wir des Erkenntniswertes dieses Wissens vollständig sicher sein. Es fragt sich, ob und wie dieses Ziel zu erreichen sei.

Man wird vielleicht meinen, in der Frage selbst sei die Antwort schon mitgegeben: man brauche nur aus dem Weltbild der Wissenschaft alles dasjenige zu entfernen, was sich als subjektive, im Denken entstandene Zutat erkennen läßt, um ein vollkommen reines, nur den Inhalt der gegeben Erfahrung reproduzierendes Wissen zurückzubehalten. Es läßt sich aber unschwer nachweisen, daß diese Forderung (diejenige des Positivismus und der immanenten Philosophie), wenn folgerichtig durchgeführt, auf eine vollständige Aufhebung aller und jeder Wissenschaft hinauslaufen müßte. Die Sache liegt eben so, daß nicht hier und dort in die Erfahrungsdaten sich einzelne nicht-empirische Elemente hineinmischen, sondern  daß  vielmehr unser ganzes Wissen von solchen nicht-empirischen Elementen durchsäuert ist durch dieselben erst zusammengehalten wird.' Man nehme etwa den Begriff der Ursache. daß etwas Ursache eines anderen ist, läßt sich offenbar nicht wahrnehmen, sondern wird eben zur Wahrnehmung der regelmäßigen Aufeinanderfolge hinzugedacht. Der Begriff der Ursache müßte also aus der Wissenschaft ausgeschlossen und nur die regelmäßige Aufeinanderfolge darin aufgenommen werden. Aber nun diese regelmäßige Aufeinanderfolge selbst: was berechtigt mich dieselbe auch auf nichtwahrgenommene Fälle auszudehnen? Offenbar gehe ich damit ebenso gewiß über die gegebene Erfahrung hinaus, als wenn ich dieselbe in ein ursächliches Verhältnis umwandle: ich sehe gar nicht ein (außer mit Hilfe der kausalen Begriffe, welche ich eben eliminieren wollte) warum zwei Erscheinungen, die ich bis jetzt regelmäßig nacheinander wahrgenommen habe, sich auch in der Zukunft regelmäßig nacheinander müssen wahrnehmen lassen. Genauso verhält sich aber die Sache überall. Der Positivist dürfte, wenn er aus einem Standpunkt Ernst machen wollte, weder von Gesetzen noch von Dingen reden; er müßte sich mit einem bloßen Referat über die isolierten Empfindungen, welche sich ihm dargeboten haben, begnügen. Das stünde aber offenbar mit dem vollständigen Aufgaben all dessen, was wir Wissenschaft nennen, gleich.
LITERATUR - Gerard Heymans, Die Gesetze und Elemente des wissenschaftlichen Denkens - ein Lehrbuch der Erkenntnistheorie in Grundzügen - Leipzig 1905
    Anmerkungen
    1) Die Begriffe der Ursache, der Wirkung und der Bedingung werden später, bei der Behandlung des Kausalitätsproblems, näher erörtert werden. Hier kam es nur darauf an, die Analogie zwischen dem Denkprozeß und anderen, der kausalen Betrachtung anerkanntermaßen unterworfenen Prozessen ans Licht treten zu lassen.