cr-2p-4Schubert-SoldernH. PichlerR. BaerwaldJ. BahnsenH. Raeck     
 
GUSTAV TEICHMÜLLER
Die wirkliche
und die scheinbare Welt

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"Die alten Ephektiker blieben in der Schwebe und sagten weder Ja noch Nein. Sie sorgten zwar im praktischen Leben für ihre Gesundheit und Wohlfahrt, theoretisch aber bezweifelten sie den Unterschied von Gesundheit und Krankheit, Gutem und Übel, Gott und Zufall und dgl. und leugneten jede hinreichende Erkenntnisquelle für diese Begriffe."

"Wenn man nun in unserem aufgeklärten Jahrhundert zu der Meinung gekommen ist, man müsse die philosophische Wahrheit für das Volk nackt darstellen, so vergißt man, daß eine solche Klarheit und Verständlichkeit nur möglich wird, wenn der Inhalt der Lehre ein seichter Abklatsch der unphilosophischen, vulgären Denkungsart ist; denn dabei ist allerdings kein tieferes und kenntnisreicheres Denken nötig und keine höhere Entwicklung des Gemüts."

"Plato  verlangte eine strenge Stufenfolge der wissenschaftlichen Ausbildung und es fiel ihm nicht ein, den Kindern und dem Pöbel die reine Mathematik oder die reine Philosophie zu lehren. Als Staatsmann wußte er, daß das Volk etwas glauben muß, um richtig zu leben und den Gesetzen zu gehorchen, weil es zu philosophischer Freiheit unfähig ist und weder sich selbst, noch andere beherrschen kann."


Vorrede

Wie Jedermann von selbst die Sprache des Volkes, in dem er lebt, erlernt und zum Ausdruck seiner Gedanken gebraucht, wie er die Sitten seiner Nation unmerklich annimmt und sich ihren Gesetzen fügt, so muß sich auch Jeder, der in einem Gebiet der wissenschaftlichen Erkenntnis heimisch wird, unbewußt oder bewußt der Ausdrücke, Formeln und Vorstellungsweisen bedienen, welche durch die zugehörige Wissenschaft gefunden und ausgeprägt sind. In derselben Weise muß sich Jeder, der überhaupt  denkt  und in  irgendeinem  Gebiet etwas erkennt, unbewußt oder bewußt die Ausdrücke und Begriff aneignen, welche die Philosophie als die allgemeine Wissenschaftslehre gefunden und ausgeprägt hat. Die Philosophie ist eben die allgemeine Atmosphäre, in welcher die denken Menschheit atmet. Mithin hat jeder Denkende als Lehnsmann der Philosophie auch ein natürliches Interesse an ihrer Wahrheit und Geltung, und zwar ist dies das höchste Interesse, das er als Denkender haben kann; denn mit dem Fall der obersten Formen seines Denkens fiele ihm ja auch alles, was er gedacht hat, zusammen, nicht bloß die allgemeinen sogenannten Ansichten und Überzeugungen, sondern auch seine Erfahrungen, die er ja doch immer in irgendwelche Denkformen fassen muß, während die Erschütterung naturwissenschaftlicher, historischer und dergleichen spezialwissenschaftlicher Annahmen immer nur ein abgegrenztes kleineres Gebiet seines Gedankenkreises in Verwirrung stürzt. Die höher Gebildeten sind sich nun dieses natürlichen Abhängigkeitsverhältnisses bewußt und halten sich darum in Lehnspflicht zu einem philosophischen System; die weniger Gebildeten aber und vollends die Ungebildeten merken nicht, daß die Erkenntnisformen, in denen sie alle ihre Einsichten und Erfahrungen fassen und ausdrücken und die ihnen durch ihren Bildungsgang übermittelt sind, von der Philosophie geprägt wurden und das philosophische Lebenselement bilden, welches sie beherrscht, erleuchtet und trägt. Wie sie ihre Muttersprache gebrauchen, ohne sich bewußt zu werden, daß sie sich dabei zugleich den Formen und Regeln des Sprachgenius unterwerfen, so verwenden sie auch instinktiv die in jeder Periode der Geschichte gerade herrschenden philosophischen Begriffe, soweit diese in dem ihnen zugänglichen Erkenntnisgebiet zur Geltung gelangt sind, und glauben dabei frei und unabhängig zu sein von der Lehnsherrschaft der Philosophie. Dieses Gefühl der Freiheit gehört der Unwissenheit und ist gleichsam eine Art von Entschädigung für die Dunkelheit, in der sie leben.

Wenn nun die Entwicklung der Philosophie erforscht werden soll, so stellt sich eine Schwierigkeit entgegen durch den bei den meisten Philosophen herrschenden Gebrauch, das ererbte Gut nicht von ihren eigenen neuen Erwerbungen zu unterscheiden. Darum findet man in den Geschichten der Philosophie gewöhnlich eine für den Kenner unleidliche Adoleschie [Geschwätzigkeit - wp], indem bei jedem Philosophen die altbekannten Begriffe immer wieder von Neuem aufgezählt werden, als wären sie jedesmal eine neue Errungenschaft. Die Geschichte der Philosophie hat deshalb am Vorbild der Geschichte der Physik und der Mathematik und der Astronomie noch zu lernen, wie sie ihren Stoff vereinfachen und für einen geübteren Verstand annehmlicher machen soll. Zu dieser Aufgabe gehört es auch, eine Übersicht über die hauptsächlichsten Gegensätze und Richtungen zu gewinnen, um die großen Scharen der Arbeiter leichter zu gruppieren. Bei der Gelegenheit wird man dann auch bequemer überblicken können, wie wenig Neues die Einzelnen zum Erbgut der Schule hinzugebracht haben.

Da sich jede neue Arbeit nun selbst in die Reihe der geschichtlichen Entwicklung stellt, so ist es angezeigt, ein Bewußtsein über die Stellung zu den Früheren zu gewinnen. Zu diesem Zweck bin ich in meiner Schrift "Über die Unsterblichkeit der Seele" von TRENDELENBURGs Einteilungsprinzip (1) ausgegangen, welches die früheren Lehrmeinungen der Philosophen übersichtlich gruppiert. TRENDELENBURG fand nämlich nach der bisherigen Entwicklung der Philosophie zwei höchste Begriffe heraus, die in Gegensatz zu stehen scheinen und um deren Vermittlung sich die Denker bemüht hätten. Er nennt sie  "Denken und  "Sein",  hält aber von seinem Standpunkt natürlich eine Definition dieser Begriffe für unmöglich. Da es in die Augen fällt, daß bei diesem Einteilungsgrund diejenigen unbefangenen Philosophen, denen der Gegensatz von "bewußten Gedanken" und "blinder Kraft" noch nicht aufgegangen ist, unberücksichtigt bleiben mußten, so schickte ich den drei von TRENDELENBURG namhaft gemachten Weltansichten zuerst den  naiven  Hylozismus und  Dualismus  voraus, da der erstere den Gegensatz noch gar nicht merkt, der letztere ebenso naiv keine Schwierigkeit in der Zweiheit der Anfänge findet. Die Weltansichten sind aber nach TRENDELENBURG erstens der  Materialismus welcher irgendwie den Geist aus dem Stoff herauszukochen oder zu quirlen versucht, zweitens der  Idealismus,  welcher den Stoff irgendwie vom Geist setzen oder schaffen läßt oder ihn durch eine Zersetzung und Auseinandersprengung des Geistes entläßt, und schließlich der  Spinozismus der die beiden Gegensätze parallel aufstellt und sie wie Körper und Schatten als zwei ungleichartige Ausdrücke für ein und dasselbe Wesen geltend macht. Die völlige Unhaltbarkeit dieser drei Weltansichten habe ich in jener Schrift nachzuweisen versucht.

Man könnte TRENDELENBURGs Einteilung aber tadeln wollen, da sie ja den  Kritizismus  und  Skeptizismus  nicht mit umfaßt. Allein dieser Vorwurf wäre ungerecht; denn es handelt sich ja nur um Weltansichten und nicht um einen Standpunkt, der zu keiner Weltansicht gekommen ist. Die Kritizisten sind vom Für und Wider der verschiedenen Lehrsätze der Philosophen eingeschüchtert und getrauen sich nicht, Partei zu ergreifen. So blieben die alten Ephektiker [Zurückhalter - wp] in der Schwebe und sagten weder Ja noch Nein; ähnlich ließ sich KANT durch die sogenannte  praktische Vernunft  zwar "Gegenstände" geben, getraute sich aber nicht, "weder das Dasein noch die Möglichkeit" derselben einzusehen. Dies ist genau der Standpunkt der Ephektiker, die zwar im praktischen Leben für ihre Gesundheit und Wohlfahrt sorgten, theoretisch aber den Unterschied von Gesundheit und Krankheit, Gutem und Übel, Gott und Zufall und dgl. bezweifelten und jede hinreichende Erkenntnisquelle für diese Begriffe leugneten. Es ist daher streng genommen widersinnig, daß die Ephektier und KANT überhaupt von solchen "Gegenständen", wie Gott, Seele und dgl. sprachen, da dieselben ja durch keine Erkenntnisquelle gegeben sein sollen. Mithin hat man eigentlich nur mit Worten ohne Sinn zu tun; denn bei einem Wort ist ein Sinn ohne Erkenntnis nicht möglich. Das bloße Bewußtsein des leeren reinen Wollens oder des leeren unbedingten Sollens enthält ja nach KANT keine auf Gegenstände bezogene Erkenntnis; mithin muß eine theoretische Vernunft herbeigerufen werden, um mit Hilfe ihrer Kategorien daraus den Begriff von Gut und Böse, Gesetz, Freiheit, Gott, Seele usw. abzuleiten. Der Inhalt und Sinn dieser Worte kann also nur aus der theoretischen Vernunft stammen, die doch nach KANT nichts davon verstehen soll. Die theoretische Vernunft befindet sich dabei aber in einer lange nicht so günstigen Lage, wie wenn etwa ein Naturforscher die berüchtigte "Seeschlange" wissenschaftlich bestimmen sollte und ihr also notwendig eine gewisse Größe, irgendeine Farbe, eine gewisse Kraft, Bewegungsorgane, nach der Analogie auch eine Wirbelsäule, einen Verdauungstrakt und dgl. zuschreiben dürfte; denn ein solches Tier könnte ja möglicherweise wirklich existieren und durch Erfahrung bekannt werden, während nach KANT die Gegenstände, die für das menschliche Leben Wert haben, ja deren Erkenntnis das Leben erst zu einem menschlichen macht, niemals zur Erfahrung kommen und weder ihrem Dasein, noch ihrer Möglichkeit nach erkannt werden können.

Es war daher natürlich, daß die spätere Philosophie nur die großartige Leistung KANTs im Nachweis der transzendentalen Erkenntniselemente benutzte, die in greisenhafter Schwäche ausgeklügelte Skepsis aber  ad acta  legte, und es ist wohl ein schlimmes Omen für die Dauerhaftigkeit der  neuen Göttinger Theologie,  daß sie umgekehrt ihre Stärke in der  partie faible  [kleinen Teil - wp] des kantischen Gedankengangs sucht. Sie glaubt durch eine skeptische Verleugnung aller Metaphysik einen freien Spielraum für eine reine Offenbarungstheologie zu gewinnen; vergißt aber, daß diese ihre eigene Theologie doch wieder in irgendwelchen Begriffen erkannt und bestimmt werden muß. Soll man sich also bei ihrem Lehrinhalt irgendetwas denken, so muß man jedesmal die erforderlichen Begriffselemente schon durch eine höhere Ausbildung der allgemein menschlichen Vernunft besitzen, wie man die Sprache verstehen muß, in der man zu uns redet. Wenn man zu einem Pferd reden und ihm zugleich mit dem Schall der Worte auch den zugehörigen Sinn und Gedankeninhalt magisch einflößen könnte, dann wäre die neue Göttinger Lehre sehr annehmbar und könnte Worte und Begriffe zugleich überliefern, ohne daß ihr von Seiten des Lernenden eine gebildete Vernunft entgegenzukommen bräuchte; bei der Verallgemeinerung dieser Erfindung wären dann auch die Schulen und alle Kommentare und dgl. überflüssig. Da diese neue Theologie sich aber bei ihrer Verleugnung der Metaphysik auf den kantischen Kritizismus stützt und dadurch doch inkonsequenterweise die Lehnsherrschaft eines philosophischen Systems für ihren Gedankenkreis anerkennt und nicht ganz als Bauerntheologie ohne alle philosophische Bildung auftreten will, so muß sie auch, um nicht als blind zu gelten, ihren Standpunkt gegen alle Metaphysik verteidigen und wird sich dann allmählich bewußt werden, daß sie im Stillen ihren ganzen eigenen Lehrinhalt schon in lauter metaphysische Begriffe gefaßt hat und ohne Metaphysik nicht atmen und reden kann.

Man könnte vielleicht auch meinen, daß die alte Philosophie zwar innerhalb, die neueste Philosophie seit KANT aber außerhalb von TRENDELENBURGs Schema fiele; allein erstens springt doch sogleich in die Augen, daß das Divisionsfundament TRENDELENBURGs, der Gegensatz von Denken und Sein, gerade den Ausgangspunkt für FICHTE, SCHELLING, HEGEL und ihre Epigonen bildet, und zweitens habe ich auch in meinen Studien zur Geschichte der Begriffe (2) den kürzesten Weg einzuschlagen versucht, um den Gedankengehalt der neuesten Systeme zu überschauen und abzuschätzen, indem ich den philosophischen Lehrinhalt des platonischen Idealismus schärfer definierte und systematischer zusammenfaßte, losgelöst von einem Bilderkram, der zwar erstaunlich schön und anziehend und für die paränetische [ermahnende - wp] Absicht unentbehrlich ist, aber für das spekulative Interesse doch nur ein zerstreuendes und überflüssiges Beiwerk ist. Es zeigte sich nun, daß  keiner der Neueren über das Ziel hinausgekommen ist, das von Plato im Parmenides aufgestellt war;  denn es dreht sich bei allen Idealisten unseres Jahrunderts um die Vermittlung des Gegensatzes von Denken und Sein, Geist und Natur, Idealem und Realem, dem Einen und dem Vielen, und keiner hat diese Vermittlung anders bewerkstelligen können, wie PLATO in seinem  Parmenides

Allein wenn auch dieser Vorwurf abgewiesen wäre, so bliebe doch immer noch ein Stachel zurück, da es scheint, als wenn sowohl PLATO, wie auch der moderne Idealismus bei TRENDELENBURG nicht die richtige Stellung erhielten. Und dieser Vorwurf ist gerecht; denn eins muß man bei TRENDELENBURG tadeln, daß er dem  Spinozismus  eine zu große Ehre antut, indem er den Parallismus der Gegensätze von Denken und Sein als ein eigenes und bedeutendes System betrachtet. Es ist ja, wie ich schon mehrfach gezeigt habe, gerade dieses sogenannte System von vornherein  völlig zu eliminieren,  da das Denken bei SPINOZA schlechterdings vom Attribut der Ausdehnung unbeeinflußt bleiben soll, und SPINOZA also von der ganzen Welt im Raum konsequenterweise nichts perzipieren, nichts wissen und nichts ahnen kann. Dagegen wäre es angezeigt gewesen, die Systeme, welche TRENDELENBURG unter den Idealismus oder Platonismus ordnet, in zwei Gruppen zu zerlegen. Die einen gehen nämlich wirklich von einem bloßen Gedanken oder  logos  aus und lassen aus diesem die sinnenfälligen Dinge werden oder schaffen; die andern aber suchen den Gegensatz von Denken und Sein zu indifferenzieren und kommen daher zu einem Monismus. Hierhin gehört PLATO in erster Linie, der in seiner Weltseele als dem sich selbst bewegenden Prinzip Idee und Bewegung, Denken und "blindes Sein" mischt und die Mischung und Einigung dialektisch zu beweisen versucht. Der recht verstandene Plato müßte also die Stelle einnehmen, welche TRENDELENBURG dem SPINOZA zuweist, und dieser müßte vielmehr mit dem von mir zur Ergänzung der Einteilung hinzugefügten Dualismus und Hylozismus als eine naive Vorstufe der Philosophie zusammengeordnet werden. Dann würden die monistischen Systeme SCHELLINGs, HEGELs und einiger Epigonen mit ihrem Realidealismus oder Idealrealismus unter die dritte Gattung fallen, d. h. unter den recht verstandenen Platonismus. Denn wenn HEGEL unter den abstrakten Idealismus untergeordnet würde, so könnte man zwar zur Rechtfertigung sagen, daß bei ihm die Natur nur das Außersichsein des Geistes ist; allein man würde doch mit größerem Recht von seinem Standpunkt aus erwidern, daß die Idee nur deshalb die Natur entlassen konnte, weil sie dieselbe in sich hatte. Die Negativität ist ja der Grund des ganzen dialektischen Prozesses und durch diese ist erst die abstrakte Idee zu einer realen Kraft und weltschöpferischen Macht geworden, die sich selbst lebendig entwickelt, entzweit und zusammennimmt. Mithin würden sich durch diese Remedur [Abschaffung - wp] von TRENDELENBURGs Einteilung die modernen Systeme erst ohne Widerrede gerecht (3) klassifizieren lassen, wie dadurch auch der wahre PLATO erst sein volles Licht erhält, während er uns bei TRENDELENBURG trotz all seiner Zustimmung und Verherrlichung nur als Urheber einer ganz einseitigen und phantastischen Weltbetrachtung erscheinen muß.

Wenn ich nun meine Stellung zu diesen verschiedenen Systemen angeben soll, so darf ich wohl erst versuchen, sie mit Verzicht auf die beiden, TRENDELENBURGs Einteilung zugrunde liegenden undefinierten Begriffe verständlicher zu charakterisieren. Wir können nämlich beim Überblick des ganzen Inhalts aller menschlichen Erkenntnis zwei Gruppen unterscheiden, nämlich den empirischen und den spekulativen Inhalt. Aller empirische Inhalt wird auf sinnenfällige Objekte bezogen; aller spekulative Inhalt auf Ideen und Intelligibles. Nun scheint mir die Richtung aller Philosophen hiernach sich zu scheide; denn der sogenannte  Materialismus,  "Demokritismus" und Empirismus projiziert unsere Anschauungsbilder und die sich daran anschließende Erkenntnis nach Außen und glaubt an eine sinnliche Natur, an sinnenfällige, empirische Objekte oder Substanzen in einer Mehrheit oder in einer Einheit; für die im abstrakten Gebiet der Erkenntnis auftretenden Begriffe, die Kräfte, Gesetze und geistigen Funktionen aber weiß man natürlich kein materielles Ding als Träger ausfindig zu machen und muß sie in der unklarsten Weise und in völliger Ratlosigkeit irgendwie an die Dinge anhängen, was dann den gerechten Spott der Idealisten veranlaßt. Der sogenannte  Idealismus  andererseits projiziert nun gerade unsere Begriffe nach Außen und läßt einen naturfreien Logos, einen  nous,  die Liebe, das Gute, den Zweck, die Idee, die Weltordnung, das Gesetz und dergleichen intelligible höhere Mächte als die eigentliche Substanz auftreten; allein ebendarum wird es ihm unmöglich etwas Gescheites über den Ursprung der in der empirischen Erkenntnis gegeben sinnlichen Welt zu sagen; denn die Schöpfung aus Nichts, die Entlassung der Natur, oder der Schleier der Maja oder die Verfinsterung des Lichts durch die Entfernung vom Urbild oder ein Abfall und dergleichen Redensarten werden keinen Naturforscher überzeugen. Der sogenannte Monismus schließlich, oder der Realidealismus und die Systeme der ursprünglichen Identität oder Indifferenz des Absoluten beachten nach dem Vorbild von PLATOs Weltseele die Einigung und den Zusammenhang des empirischen und spekulativen Elements in unserer Erkenntnis von der Welt und projizieren diese Einheit nach Außen und lassen durch Dialektik oder durch Potenzreihen oder sonstwie Natur und Geist sich nebeneinander oder getrennt voneinander oder ineinander objektiv entwickeln.

Deshalb sind alle diese Systeme  projektivische  Darstellungen unseres Erkenntnisinhaltes und, da die Erkenntnis notwendig auf den Augenpunkt des Subjekts bezogen ist, bloß  perspektivische  Bilder. Da nun in der ganzen erkennenden Tätigkeit, sowohl in den sinnlichen Anschauungen, wie auch in den sogenannten Ideen und Prinzipien, nur unser Erkenntnisinhalt gegeben ist, der nur ein ideelles Sein als Erkenntnisinhalt hat, so leugne ich, daß von und in irgendeinem dieser Systeme das Existieren und das substanziale Sein gefunden werden kann, und setze diesen ideellen, perspektivischen Bildern der Welt das Subjekt entgegen, welches sich im Augenpunkt befindet und nur durch eine Fiktion "umgeklappt" und mit auf die Bildfläche geworfen wurde. Dieses Subjekt ist die vergeblich in seinem objektiven ideellen Inhalt gesuchte Substanz. Die Nuancen der verschiedenen Systeme und ebenso all ihre sogenannten prinzipiellen Gegensätze verschwinden daher für diesen neuen Standpunkt, von welchem aus sie alle nur als perspektivische Bilder gelten können. Dies ist die kurze Angabe meiner Stellung zur bisherigen Philosophie und ihren Richtungen; die ausführliche Begründung und nähere Erklärung und Rechenschaft muß die Schrift selbst geben.

Sollte man sich nun von vornherein darüber verwundern, daß in den verschiedenen Systemen kein Begriff der Substanz und der Existenz zu finden sei, da sie alle doch diese metaphysischen Begriffe vielfältig gebrauchen, so ist zu antworten, daß sich diese Begriffe wohl darin finden, aber nur so wie in den perspektivischen Konstruktionen der Augenpunkt in irgendeinem Punkt des Distanzkreises liegt. Die Existenz und Substanzialität wird den sinnlichen oder intelligiblen Objekten zugeschrieben, die den ideellen Inhalt unseres Erkennens ausmachen, z. B. den sinnlichen Dingen oder der sogenannten Idee. Mithin wirkten zwar unleugbar die metaphysischen Grundbegriffe in all diesen Systemen der Philosophie, aber sie erhielten notwendigerweise alle nur einen perspektivischen Charakter. Es ist also kein Grund zur Verwunderung mehr übrig, da der Grund des perspektivischen Charakters dieser Systeme in ihren eigenen Voraussetzungen liegt und nicht etwa willkürlich ihnen zugeschrieben wird. Man kann dies schon aus dem Ursprung des kantischen Kritizismus erkennen; denn die Lehren, welche Kant als "Dogmatismus" und als die Erkenntniskräfte überschreitend tadelt, überschreiten zwar nicht die Erkenntniskräfte, projizieren aber die metaphysischen Begriffe nach Außen und erzeugen bloß perspektivische Weltbilder, und wenn KANT statt  "dogmatisch",  was er freilich von seinem Standpunkt aus nicht konnte,  "perspektivisch"  gesagt hätte, so würden wir bei ihm schon auf festem Boden stehen.

Es könnte nur scheinen, als wenn der größte Genius der Philosophie,  Plato divinus,  eine Ausnahme von dieser Klassifizierung machen dürfte, da er ja die Seele als die Substanz bestimmte. Allein er sagt uns selber, daß er als das Wesen der Seele die  phronesis  [Klugheit, Verstand - wp], den objektiven Ideeninhalt, setzt, welcher ganz allgemein ist, und daß ihm die der Seele sonst noch zukommende Selbstbewegung nur das allgemeine Prinzip des Nichts oder des  thateron [das Andere - wp], d. h. die Abstraktion des sinnlichen Werdens bedeutet, daß seine Seele also nur wirklich die Mischung der objektiv genommenen und intelligiblen Welt, d. h. unserer empirischen und spekulativen Erkenntnissphären ist. Daß wir daher auch in seinem Prinzip nur ein perspektivisches Bild haben, kann jeder aus den Folgesätzen erkennen; denn da sich in unserem Bewußtsein sinnliche und spekulative Erkenntnis durchdringen, indem wir über das Sinnliche urteilen und es als Beispiel des Allgemeinen brauchen, so muß PLATO sich bemühen, der Idee zur Parusie [Anwesenheit - wp] in den projizierten sinnlichen Objekten zu verhelfen und diesen Objekten der Sinne eine  methexis  [Teilhabe - wp] an den projizierten Ideen irgendwie zu ermöglichen, so wunderlich und unmöglich einerseits und so notwendig andererseits auch sowohl dieses als jenes ist, wenn es sich nicht um unsere Denktätigkeit, sondern um reale Vorgänge handeln soll. Mithin steht auch PLATO mitten in einem perspektivischen Zauberkreis und schon aus diesem Grund ist es auf der Hand liegend, daß er auch im Traum nicht an seine Unsterblichkeit der Seele und überhaupt an individuelle Wesen, die nicht etwa bloß Erscheinungen wären, denken konnte.

Daß ich mich nicht früher schon an der spekulativen Arbeit beteiligte, kam daher, weil ich nicht geneigt war, in diesem Strom mitzuschwimmen. Den meisten modernen Produktionen konnte man ja auf Schritt und Tritt die Unreife anmerken, da ihren Autoren die ordentliche Kenntnis der Geschichte ihrer eigenen Wissenschaft fehlt. Als ich vor dreißig Jahren die Naturwissenschaften und die großen neueren Philosohen zu studieren anfing und gleichzeitig unter TRENDELENBURGs Anleitung mich in ARISTOTELES vertiefte und mir aus besonderer Sympathie PLATO zu eigen machte, so erkannte ich sehr bald, daß die ganze moderne Philosophie nur ein immer nach den vermehrten positiven empirischen Kenntnissen und nach dem Zeitgeschmack zugestutztes Abbild des antiken Urbildes sei. Deshalb versuchte ich zuerst die antike Philosophie in volles Licht zu heben und namentlich das Verhältnis des ARISTOTELES zu PLATO ins Reine zu bringen. Die Resultate dieser Arbeiten zeigten mir nun die alte granitne Straße, auf der die Kirchenväter wandelten, und die unveränderlich zugehauenen Bausteine, mit denen sie die Dogmatik, wie die Modernen ihre spekulativen Systeme bauten. Erst nachdem mir so die moderne Philosophie bis in ihre letzten Wurzeln historisch durchsichtig geworden war, glaubte ich meine eigenen, bisher nur in den Vorlesungen dargelegten Forschungen zur Mitteilung bringen zu dürfen.

Es gereichte mir daher zur Freude, daß die feineren Naturen unter den Zeitgenossen in meinen historischen Arbeiten auch das spekulative Interesse würdigten; denn ich ließ mich zwar nie verleiten, von den heute gerade herrschenden Überzeugungen aus, wie das den Meisten für philosophisch gilt, über die antike Plunderkammer abzuurteilen, sondern versuchte vielmehr die modernen Auffassungsweisen zu vergessen und ganz mit den alten Griechen zu fühlen und zu forschen, um nichts Fremdes in ihre Denkweise hineinzutragen; aber ich betonte im Altertümlichen immer das  punctum saliens  [den springenden Punkt - wp], welches auch noch heute in all den lebendigen philosophischen Systemen pulsiert und welches trotz aller Metamorphosen das immer gleiche und unsterbliche Leben des spekulativen Gedankens anzeigt. Diese Methode verbürgt für den feineren Kenner das spekulative Interesse historischer Arbeiten und liefert eine Geschichte der Begriffe.

Was nun die hier dargebotene neue Grundlegung der Metaphysik betrifft, so beabsichtigte ich ursprünglich, das ganze System vollständig drucken zu lassen. Die Spuren davon wird man noch in einigen Verweisungen auf spätere Kapitel finden, die zum Ganzen gehören. Allein ich ließ mich durch die buchhändlerischen Gesichtspunkte überzeugen und legte vorläufig die größere Masse der Arbeit beiseite, damit in einem handlicheren Buch zuerst die bloße Grundlegung erscheinen konnte. Dies hat einige Mängel herbeigeführt, die nur durch die zukünftigen Publikationen ergänzt werden können. So z. B. mußte ich die Theorie der Dialektik weglassen, so fehlt hier der Beweis für die von LOTZE bestrittene Intensität der Vorstellungen, die Theorie des Bewußtseins, die Entwicklung des Begriffs der Kontinuität usw. Diejenigen aber, die mir schon befreundet sind und die, deren Sympathie ich etwa durch diese Schrift gewinne, werden mir diese durch die äußere Notwendigkeit gebotenen Mängel verzeihen; die Verfasser größerer Werke werden zugleich aus eigener Erfahrung die Schwierigkeit würdigen, einen Teil des Ganzen ohne Verweis auf die Zusammenhänge abzurunden.

Während Werke der Poesie und Redekunst sofort den Leser fesseln können durch das angenehme Spiel der Einbildungskraft und durch die das Gemüt in Mitleidenschaft ziehenden Motive aus der moralischen Welt, so malt der Metaphysiker, wie HEGEL mit Recht sagt, Grau in Grau, da er nur das ganz Abstrakte der Begriffe auf der Palette hat. Genuß am reinen Denken zu finden ist aber nur den "goldenen" Naturen PLATOs eigen. Um deshalb auch einen etwas größeren Kreis von Lesern anziehen zu können, haben die Philosophen zwei Mittel angewendet. Das Eine besteht in der Anknüpfung der Spekulation an brennende Fragen. Wenn z. B. die Philosophie allein oder mit Hilfe der Naturwissenschaften gegen die Kirche Sturm läuft und das Christentum für abgelebt erklärt, oder umgekehrt das Christentum, wie dies KANT und HEGEL versuchen, durch den Nachweis der Unzulänglichkeit der Vernunft oder der Übereinstimmung mit spekulativer Vernunft zu stützen verspricht, so werden dadurch eine Menge Leser sogleich festgehalten. Ich habe auf dieses Reizmittel verzichtet, weil die Philosophie, mit welchen der herrschenden Leidenschaften sie sich auch verbinden mag, immer am Adel ihres herrschaftlichen Berufes verliert. Sie will eben Niemandem dienen; alle aber mögen sie benutzen. Wer deshalb zu den höher Gebildeten gehört, der wird die traurige Lage der Philosophie unserer Tage kennen, beim Bankrott aller Systeme von selbst mit Interesse jeden Versuch einer neuen Grundlegung der Philosophie willkommen heißen und die Stellung derselben zu seinem besonderen Interessenkreis ins Auge fassen. Den einzigen sittlichen Reiz, den die Philosophie nicht verschmähen kann, weil er ihre Geburtsstätte bildet, ist die Liebe zur Erkenntnis und die Freude an der Wahrheit. Diesem muß Genugtuung werden durch eine ungeschminkte Beurteilung aller Standpunkte, unbekümmert um den Zeitgeschmack, der jetzt nach der Art der alten Ägypter abgelebte Dinge, wie die Mumie KANTs, in den Hallen der Lebendigen aufzustellen und zu beräuchern beliebt.

Ein zweites gebräuchliches Mittel, der Philosophie ein weiteres Interesse zu verschaffen, besteht im  Stil.  Nun ist es ja freilich wahr, daß die schwerverständliche Kanzleisprache, deren sich viele bedienen, keine Kraft und Tiefe des Gedankens, sondern bloße Dyspepsie [Verdauauungsstörung - wp] anzeigt, allein es ist die Frage, ob z. B. die Eleganz der Form, welche LOTZEs  Mikrokosmus  vor allem auszeichnet, nachahmenswert ist. Denn es liegt zu viel Bestechendes in der Schönheit der Rede, von welcher jede Spur des Ursprungs und der Arbeit verwischt ist. Schon der Zwang, der in anmutiger Weise durch den Rhythmus der Worte und Perioden ausgeübt wird, verleitet den Leser, seine eigenen Gedanken und Einwände zu unterdrücken und zu vertagen, bis er sanft gleitend von einem Problem zu andern fortgeschoben ist, ohne die Übergänge zu bemerken und für seine stillen Fragen Luft zu bekommen. Wenn SCHELLING ("Philosophie und Religion", 1804, Seite IV) aber erklärte, es sei das
    "Gespräch  jene höhere Form, die einzige nach unserer Meinung, welche die bis zur Selbständigkeit ausgebildete Philosophie in einem unabhängigen und freien Geist aufnehmen kann",
so genügt es zu konstatieren, daß er weder in dieser, noch in allen späteren Schriften jene höhere Form angewendet hat. Die Ironie der Folgesätze, die sich aus seinem obigen Grundsatz und diesem Untersatz der Tatsachen ergeben, wollen wir ihm schenken. Der Dialog kann zwar schöner und auch im wirklichen Leben zuweilen erfreulicher sein, als die von ARISTOTELES zuerst gefundene und seitdem für die Wissenschaft gültig gewordene Form der Abhandlung; aber er gelang doch selbst seinem Schöpfer PLATO nur in wenigen unerreichten Mustern und wurde der Natur der Sache nach meistens zum Monolog, wie in den schönsten Stellen bei AUGUSTIN zum Gebet. Ich habe auch einmal die Form des Dialogs versucht ("Wahrheitsgetreuer Bericht über meine Reise in den Himmel von Immanuel Kant"), aber nur für einen polemischen Zweck, für welchen sie immer empfehlenswert bleibt, um die Öde der bloßen Widerlegung durch Humor zu beleben und dem Auge, welches die abstrakten Linien der Argumente schwerer erkennt, in der ganzen Persönlichkeit ein größeres und bunteres Gesichtsfeld zu geben, auf welchem die Fregatten der Lehrsätze ihre Breitseiten als Ziel darbieten. Für den Aufbau eines Lehrgebäudes aber schien mir die Form der Abhandlung geeignet. Da jedoch auch innerhalb dieser Stilgattung die mannigfaltigsten Formen möglich sind, so schien es mir am Geratensten, einfach und natürlich die Gedankebewegung abzuspiegeln, durch welche sich in der Werkstatt der Seele die Begriffe und Lehrsätze sich herausbildeten, weil der Reiz der Redekunst die Phantasie und das Gemüt als Bundesgenossen herbeiruft, um dadurch unmerklich die Widerstandskraft des Verstandes im Leser abzuschwächen, während die ungeschminkte Dialektik in ihrer Deutlichkeit und Einfachheit allein auf die Kraft der Wahrheit baut. Die Wahrheit des philosophischen Gedankens hat aber ihren Wert und ihre Macht in sich selbst und bedarf keines Zaubers und keiner Bundesgenossen.
LITERATUR - Gustav Teichmüller, Die wirkliche und die scheinbare Welt [Neue Grundlegung der Metaphysik] Breslau 1882
    Anmerkungen
    1) TRENDELENBURG, Historische Beiträge zur Philosophie, Bd. II, Seite 1-30.
    2) In den Schriften "Geschichte des Begriffs der Parusie", den "Studien zur Geschichte der Begriffe", der "Platonischen Frage", den drei Bänden der neuen "Studien zur Geschichte der Begriffe" und in den "Literarischen Fehden im vierten Jahrhundert vor Christus". Diese Arbeiten sind neuerdings in dem von der Akademie zu Florenz gekrönten Werk von CHIAPELLI "Della interpretazione panteistica di Platone", Firenze. Le Monnier 1881 (Pubblicazione del R. Istituto di Studi Superiori) als die pantheistische Auslegung PLATOs charakterisiert und geprüft. CHIAPELLI stimmt zwar allen meinen neuen prinzipiellen Gesichtspunkten zu, will dieselben aber dadurch einschränken, daß er dem historischen PLATO nicht die Energie zutraut, die Konsequenzen seiner Prinzipien ohne Schwanken und Zagen durchgeführt zu haben, und legt deshalb den Mythen und Metaphern einen größeren Wert bei. Über diese Frage und die Einwendungen im Detail werde ich an einem anderen Ort ausführlicher antworten und weise vorläufig nur hin auf die Beurteilung dieses Werkes CHIAPELLIs in der "Revue philosophique red. p. Ribot, 1882, wo PAUL TANNERY, der sich durch eine Reihe glänzender Arbeiten über die Geschichte der antiken Astronomie und Mathematik bekannt gemacht hat, über die Motive der mythischen Darstellungsweise PLATOs das rechte Wort ausspricht. [...] Wenn man nun in unserem aufgeklärten Jahrhundert zu der Meinung gekommen ist, man müsse die philosophische Wahrheit für das Volk so nackt darstellen, wie DAVID FRIEDRICH STRAUSS in seinem "Alten und neuen Glauben", so vergißt man, daß eine solche Klarheit und Verständlichkeit nur möglich wird, wenn der Inhalt der Lehre ein ebenso seichter Abklatsch der unphilosophischen, vulgären Denkungsart ist, wie bei STRAUSS; denn dabei ist allerdings kein tieferes und kenntnisreicheres Denken nötig und keine höhere Entwicklung des Gemüts. PLATO aber hatte mehr zu bieten und verstand auch als Pädagoge und Staatsmann besser die verschiedenen Begabungen des Menschen. Er verlangte deshalb eine strenge Stufenfolge der wissenschaftlichen Ausbildung und es fiel ihm nicht ein, den Kindern und dem Pöbel die reine Mathematik oder die reine Philosophie zu lehren. Als Staatsmann wußte er, daß das Volk etwas glauben muß, um richtig zu leben und den Gesetzen zu gehorchen, weil es zu philosophischer Freiheit unfähig ist und weder sich selbst, noch andere beherrschen kann. Darum reformierte er in seinem "Staat" die überlieferte Religion und man merkt überall, wie schwer ihm dies wird und welche Sehnsucht ihn nach einer wahren Religion erfüllt. Hätte er die christliche Religion schon vorgefunden, so hätte er sein Staatsideal ausführen können; denn es fehlte ihm gerade ein überlieferter Glaube, der die Wahrheit enthält und die Gemüter zu freiwilligem Gehorsam treibt. Da er aber mit der verwahrlosten griechischen Mythologie und Religion vorlieb nehmen mßte, so sucht er, so schön er kann, in diesen Mythen metaphorisch und symbolisch seine Philosophie auszudrücken. Natürlich konnte er bei der atheniensischen Pöbelherrschaft, wo kein vernünftiger Staatsmann zu einer dauernden Gewalt kam, sondern wo die Diabolie kunstmäßig betrieben wurde und gesinnungslose Redekünstler wie LYSIAS und ISOKRATES in Ansehen standen, sein Ziel nicht erreichen. Er wendet sich deshalb in erster Linie an die heranwachsenden begabteren Jünglinge, um diese zu erziehen und für das Gute zu gewinnen. Aber auch hier hält er, wie jeder Vernünftige, eine Stufenfolge der Bildung inne und er legt nicht den Architrav [Hauptbalken - wp] der Dialektik auf, ehe die Säulen darunter feststehen. Spricht er es doch selbst überall aus, daß das Licht der Wahrheit so hell ist, daß die Augen des Volkes es nicht vertragen. Mithin ist eine Dämpfung des Lichts dem Pädagogen geboten und dies geschieht im Mythos und in den Allegorien. PLATO aber - ich meine den Verfasser der uns überlieferten platonischen Dialoge und keinen anderen PLATO, den man sich etwa zurechtmacht - PLATO, sage ich, was zugleich  der erste Denker, der eine schlechthin voraussetzungslose Erkenntnis forderte und zu besitzen glaubte,  und einen solchen Denker darf man nicht in seine Mythen einschlagen, wie ein Wickelkind. Es ist darum natürlich, daß auf die große Menge und die Kirchenväter und auch auf viele Moderne die Mythen einen vorherrschenden Einfluß ausgeübt haben und die reine Dialektik nur bei den eigentlichen Philosophen Verständnis fand. Das ist eben in der Ordnung, änert aber die Philosophie PLATOs nicht, wie auch das Christentum darum nicht anders aufzufassen ist, weil sich in der römischen Kirche gewisse Seiten des christlichen Lebens vorherrschend ausbildeten und etwa in Mißbräuche übergingen. Es kann mir deshalb genügen, daß CHIAPELLI als Philosoph in meinen Studien den  spekulativen  PLATO zagen läßt und noch in die Mythen verwickelt glaubt, was völlig zugegeben werden müßte, wenn PLATO nicht neben der  Wissenschaft  ein Gebiet für die  Orthdoxie  abgegrenzt hätte. - Für uns ist hier nur der spekulative Inhalt des Platonismus von Wichtigkeit, da die neueren deutschen Philosophen, SCHLEIERMACHER, SCHELLING, HEGEL u. a. sich aus dieser Quelle nährten. Um daher Herz und Nieren dieser modernen Platoniker zu prüfen, ist es der kürzeste Weg, wenn man die alten Griechen studiert und die  vena dives [reiche Ader - wp] bloßlegt. - - - Da einmal die platonische Frage hier angeführt ist, will ich auch die Chronologie der platonischen Dialoge erwähnen. SCHANZ glaubt die Entdeckung gemacht zu haben und HEITZ spricht es ihm nach, mein aus dem  Theätet  gezogenes Einteilungsprinzip sei schon von SCHLEIERMACHER gesehen, aber wieder aufgegeben worden. Wenn dies nun wahr wäre, so folgte daraus bloß, daß SCHLEIERMACHER bei seinem verhängnisvollen Vorurteil über die Abfassungszeit des  Phädrus  von einem wichtigen Fund keinen Gebrauch machen konnte, wie man ja auch die Perle liegen läßt, wenn man im Besitz einer elenden Glasperle die echte für unecht hält. Die Sache verhält sich aber überhaupt ganz anders und die beiden Philologen täten gut, wo es sich um philosophische Begriffe handelt, etwas exakter zu interpretieren, um dann mit allen, welche lesen und verstehen können, zu bemerken, daß "dialogisch" nicht dasselbe bedeutet wie "dialektisch". Ich teile (Reihenfolge der platonischen Dialoge, Seite 22) alle Schriften PLATOs, welche  dialogisch  verfaßt sind, in zwei Epochen: in eine Epoche der erzählenden  "Dialektik",  weil derjenige Bestandteil des Dialogs, der die dialektische Entwicklung der Begriffe enthält, in der ersten Epoche wiedererzählt, in der zweiten dramatisch dargestellt wird. Beide Darstellungsformen aber sind dialogisch und es handelt sich bei der Einteilung bloß um den dialektischen Inhalt; der  nicht-dialektische Inhalt der Dialoge bleibt völlig frei und ist von Plato in allen Epochen, wie die sogenannten gemachten Dialoge zeigen, sowohl erzählend wie auch dramatisch behandelt worden.  Ich will darum hoffen, daß wer "dialogisch" und "dialektisch" nicht unterscheiden kann, nicht etwa bei Gelegenheit von "Papier" und "Papiergeld" ebenso hereinfällt. SCHLEIERMACHER war ein so guter Kopf und mit PLATO so vertraut, daß er gleich die mögliche Tragweite der Theätet-Stelle spürte, aber er hatte keine Ahnung von dem Gesichtspunkt, durch welchen sich diese Stelle erst in ihrem wahren Licht zeigt und fruchtbar werden kann. Er dachte bloß an die allgemein ästhetische Frage, wie sie den Philosophen nicht mehr, als jeden Dichter und Erzähler beschäftigen muß, wenn die Unbequemlichkeiten des Wiedererzählens sich empfindlich machen; er merkte aber nicht, daß PLATO im  Theätet  nur die passendste Form  für den dialektischen Inhalt  sucht und alles übrige Dialogische unerwähnt läßt. Mithin hat SCHLEIERMACHER mein Einteilungsprinzip so wenig gesehen, daß ich vielmehr mit seinem Räsonnement vollkommen einverstanden bin, ohne daß im Entferntesten dadurch meine Einteilung der Dialoge berührt würde. Und wenn SCHANZ und HEITZ Leser der "Göttingischen gelehrten Anzeigen" wären, so hätten sie dort schon am 15. Oktorber 1879, Stück 42, bei meiner Replik gegen Th. H. MARTIN ihre eigenen Mißverständnisse im Spiegel erblicken und korrigieren können. Daß sie SCHLEIERMACHER in Erinnerung brachten, ist dankenswert; aber mit dieser Erinnerung dienen sie nur meinem Interesse, da es sich zeigt, daß wer falsche Vorstellungen über die Zeit des  Phädrus  und des  Staats  mitbringt, wie mit einer Brille, die nicht richtig geschliffen ist, den Wegweiser, auch wenn er ihm vor Augen steht, nicht sehen kann und den Weg verfehlen muß.
    3) Die Gerechtigkeit kann man auch daraus erkennen, daß der gelehrteste und größte moderne Philosoph, HEGEL selbst, seinen Standpunkt bei ARISTOTELES wiedererkannt hat (vgl. "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften", 1830, Seite 600), wie SCHELLING sich ("Philosophie und Religion", 1804, z. B. Seite 68) auf PLATO beruft.