p-4 p-4Franz HillebrandJohn Stuart Mill    
 
FRANZ BRENTANO
Von der Klassifikation
der psychischen Phänomene

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"Aristoteles hat zwei verschiedene Grundklassen unterschieden, Denken und Begehren. Unter den Modernen aber ist eine Dreiteilung in Vorstellungen, Gefühl und Streben (oder wie man sonst die drei Gattungen zu benennen liebt) anstatt jener Zweiteilung üblich geworden. Wir halten dafür, daß hinsichtlich der verschiedenen Weise ihrer Beziehung zum Inhalt drei Hauptklassen von Seelentätigkeiten zu unterscheiden sind. Aber diese drei Gattungen sich nicht dieselben wie die, welche man gemeinglich aufstellt, und wir bezeichnen in Ermangelung passenderer Ausdrücke die erste mit dem Namen  Vorstellung,  die zweite mit dem Namen  Urteil,  die dritte mit dem Namen  Gemütsbewegung, Interesse  oder  Liebe." 

"Philosophen - wie Descartes, Leibniz, Spinoza, Wolff, Platner u. a.betrachteten die vorstellende Fähigkeit, wie sie sie nannten, die Fähigkeit der Erkenntnis, als das Grundvermögen der Seele, von dem sich alle anderen ableiten und beachteten nicht, daß, obwohl Lust und Unlust, Begierde und Willen bloß sind, insofern sie als seiend erkannt werden, dennoch in diesen Modifikationen ein  absolut  neues Phänomen hinzugekommen ist, welches nie in der bloßen Fähigkeit der Erkenntnis enthalten war, und daher auch nie daraus entwickelt werden konnte."


Zweites Kapitel
Einteilung des Seelentätigkeiten in Vorstellungen,
Urteile und Phänomene der Liebe und des Hasses.

§ 1. An welche Grundsätze haben wir uns bei der Grundeinteilung der psychischen Phänomene zu halten? - Offenbar an diejenigen, welche auch anderwärts bei der Klassifikation in Betracht kommen und von deren Anwendung uns die Naturwissenschaft mehr als  ein  ausgezeichnetes Beispiel bietet.

Eine wissenschaftliche Klassifikation soll von der Art sein, daß sie in einer der Forschung dienlichen Weise die Gegenstände ordnet. Zu diesem Zweck muß sie natürlich sein; d. h. sie muß das zu einer Klasse vereinigen, was seiner Natur nach enger zusammengehört, und sie muß das in verschiedene Klassen trennen, was seiner Natur nach sich relativ fern steht. Daher wird sie erst bei einem gewissen Maß von Kenntnis der Objekte möglich; und es ist die Grundregel der Klassifikation, daß sie aus dem Studium der zu klassifizierenden Gegenstände, nicht aber aus apriorischer Konstruktion hervorgehen soll. KRUG fiel in diesen Fehler, wenn er von vornherein argumentierte, daß die Seelentätigkeiten von zweifacher Gattung sein müßten: solche, die von außen nach innen, und solche, die von innen nach außen gerichtet seien. Und auch HORWICZ verstieß gegen das Prinzip, wenn er, wie wir früher sahen (1), statt durch ein genaueres Studium der Seelenerscheinungen selbst eine Sicherung oder Berichtigung der üblichen Grundeinteilung anzustreben, auf dem Grund physiologischer Betrachtungen, die ihm den Gegensatz von Empfindungs- und Bewegungsnerven zeigten, zur Annahme eines ähnlichen, das ganze Seelengebiet durchdringenden Gegensatzes von Denken und Begehren sich verstieg. Allerdings begreift es sich beim zurückgebliebenen Zustand der Psychologie sehr wohl, daß man gerne auf andere Untersuchungen als die der psychischen Phänomene gestützt eine entsprechende Klassifikation gewinnen möchte. Allein wenn der naturgemäße Weg noch wenig gangbar ist, so knüpft sich doch an keinen anderen einen Hoffnng dem Ziel näher zu kommen. Derjenige aber, welcher die bis jetzt erlangten Kenntnisse der psychischen Erscheinungen maßgebend werden läßt, wird selbst dann, wenn es ihm heute noch unmöglich wäre, eine endgültig beste Grundeinteilung festzustellen, eine solche wenigstens vorbereiten, indem wie anderwärts auch hier Klassifikation und Kenntnis der Eigentümlichkeiten und Gesetze sich in der weiteren Entwicklung der Wissenschaft dann gegenseitig vervollkommenen werden.

§ 2. Die im vorigen Kapitel betrachteten Einteilungsversuche sind sämtlich insoweit zu billigen, als sie aus dem Studium der psychischen Phänomen selbst hervorgegangen sind. Auch waren ihre Urheber darauf bedacht, daß die Gliederung naturgemäß sei, indem sie die Unabhängigkeit der einen Erscheinungen von den anderen oder eine tiefgreifende Unähnlichkeit maßgebend werden ließen. Freilich ist damit nicht gesagt, daß nicht vielleicht die Unvollkommenheit ihrer Kenntnis des psychologischen Gebietes sie bei diesem Streben mißleitet habe. Und jedenfalls sind einige von den Einteilungsversuchen nicht in gleichem Maße wie andere verwertbar; sowohl weil ihre Grundlage noch strittig ist, als auch weil die Vorteile, welche sie der Forschung zu gewähren versprechen, infolge besonderer Hindernisse verloren gehen.

Machen wir dies im einzelnen klar.

ARISTOTELES schied die psychischen Phänomene in solche, welche dem Menschen mit den Tieren gemein, und solche, welche ihm eigentümlich sind. Stellen wir uns auf den Standpunkt der aristotelischen Lehre, so wird diese Einteilung in vieler Hinsicht vorzüglich scheinen. Denn ARISTOTELES glaubte gewisse Seelenvermögen dem Menschen ausschließlich eigen, und hielt diese für immateriell, die allgemein animalischen dagegen für Vermögen eines körperlichen Organes. Es sondert also, wenn wir die Richtigkeit seiner Anschauungen voraussetzen, jene Einteilung im ersten Glied Erscheinungen für sich ab, welche auch in der Natur von den anderen isoliert auftreten; und der Umstand, daß die einen Funktionen eines Organs sind, die anderen nicht, läßt erwarten, daß jede der beiden Klassen wichtige gemeinsame Eigentümlichkeiten und Gesetze zeigen wird. Aber die aristotelischen Ansichten, aufgrund deren die Einteilung sich empfehlen würde, enthalten gar manches, was bestritten werden kann. Viele stellen in Abrede, daß dem Menschen im Gegensatz zum Tier geistige Kräfte eigen sind; ja überhaupt ist man schon darüber nicht einig, welche psychischen Erscheinungen dem Menschen mit dem Tier gemein sind und welche nicht. Während DESCARTES den Tieren jede psychische Tätigkeit abspricht lassen andere und nicht unbedeutende Forscher die höheren Tierklassen an allen Arten unserer einfacheren psychischen Phänomene Teil haben. Nur graduell glauben sie ihre Tätigkeiten von den unsrigen verschieden und sind der Meinung, daß der gesamte Unterschied ihrer Leistungen sich genügend daraus erklären läßt. Wenn insbesondere ARISTOTELES der Ansicht ist, daß den Tieren das Vermögen für allgemeine, abstrakte Begriffe fehlt, so stimmt ihm zwar LOCKE zu, aber von anderen und entgegengesetzten Seiten streitet man dagegen, daß hierin eine fundamentale Verschiedenheit zwischen der psychischen Begabung von Mensch und Tier zu finden ist: die einen wollen allgemeine Begriffe mit Bestimmtheit auch bei Tieren nachgewiesen haben; die anderen, BERKELEY an der Spitze, leugnen, daß sie in Wirklichkeit nur dem Menschen zukommen.

Die Ansicht von DESCARTES, wenn auch manche im Hinblick auf die Reflexerscheinungen sich neuerdings ihr zuneigen, wird uns wohl weniger beirren: für die entgegengesetzte treten aber auch jetzt noch angesehene Denker von sonst verschiedenen Richtungen ein; und insbesondere sind die Berkeleyaner in England zahlreich geworden und fangen auch auf dem Kontinent sich auszubreiten an. Fände sich nun wirklich zwischen der psychischen Begabung von Menschen und Tieren kein, wie man sich ausdrückt, qualitativer Unterschied: so würde offenbar die Einteilung der psychischen Phänomene in allgemein animalische und eigentümlich menschliche viel von ihrer Bedeutung verlieren. Und jedenfalls erlaubt es uns schon der Streit der Ansichten und die Schwierigkeit ihn zu entscheiden nicht, diese Einteilung bei der Anordnung unseres Stoffes als Grundeinteilung zu benützen.

Zudem wird der vorzüglichste Vorteil, welchen die Klassifikation im besten Fall der Forschung bieten könnte, nämlich das isolierte Studium eines Teils unserer psychischen Phänomene, dadurch wesentlich beeinträchtigt, daß wir in das psychische Leben der Tiere nur indirekt einen Einblick besitzen. Und dieser Umstand sowohl als auch der Wunsch keine unerwiesenen Voraussetzungen zu machen, hat selbst ARISTOTELES abgehalten, sie bei der systematisch geordneten Darlegung seiner Seelenlehre als Grundeinteilung zu verwenden.

BAIN, wie wir hörten, hat die Seelenerscheinungen in elementare und in solche geschieden, welche sich aus diesen in einer weiteren Entwicklung ergeben. Auch hier umfaßt die erste Klasse Erscheinungen, welche in der Natur von den anderen unabhängig auftreten. Aber auch hier gilt ähnliches wie das, was wir eben bemerkten, daß sie nämlich da, wo sie unabhängig auftreten, nicht direkt von uns zu beobachten sind. Auch hat es keine geringen Schwierigkeiten, sich über den Charakter der ersten Anfänge des Seelenlebens ein sicheres Urteil zu bilden. Wenn in späteren Jahren ein physischer Reiz eine Empfindung hervorruft, so können erworbene Dispositionen einen mächtig umgestaltenden Einfluß auf die Erscheinung üben. Und so finden wir tatsächlich, daß dieses Feld heutzutage ein vorzügliches Gebiet des Streites ist. Wie wir daher auch immer den BAIN'schen Gesichtspunkt bei der Anordnung unserer Untersuchungen zu berücksichtigen haben werden, für die Grundeinteilung werden wir besser tun einen anderen Maßstab zu wählen.

Es bleiben von den betrachteten Klassifikationen noch diejenigen übrig, welche die verschiedene Beziehung zum immanenten Gegenstand der psychischen Tätigkeit oder die verschiedene Weise seiner intentionalen Existenz oder die verschiedene Weise seiner intentionalen Existenz zum Einteilungsgrund haben. Dieser Gesichtspunkt war es, den ARISTOTELES bei der Anordnung des Stoffs vor allen übrigen bevorzugte, und den häufiger als irgendeinen anderen auch die verschiedensten Denker späterer Zeit, mehr oder minder bewußt, bei der Grundeinteilung der psychischen Phänomene einnahmen. Die psychischen Phänomene unterscheiden sich von allen physischen durch nichts so sehr als dadurch, daß ihnen etwas gegenständlich innewohnt. Und darum ist es sehr begreiflich, wenn die am tiefsten greifenden Unterschiede in der Weise, in welcher ihnen etwas gegenständlich ist, zwischen ihnen selbst wieder die vorzüglichsten Klassenunterschiede bilden. Je mehr sich die Psychologie entwickelte, umso mehr hat sie auch gefunden, daß an die fundamentalen Unterschiede in der Weise der Beziehung zum Objekt sich mehr als an irgendwelche andere gemeinsame Eigentümlichkeiten und Gesetze knüpfen. Und wenn die zuvor besprochenen Klassifikationen dem Bedenken unterlagen, daß ihr Nutzen großenteils durch die Stellung des Beobachters verloren geht, so ist dagegen diese frei von einer solchen Beeinträchtigung ihres Wertes. Somit werden wir durch die mannigfachsten Erwägungen dazu geführt, das gleiche Prinzip auch bei unserer Grundeinteilung zu benützen.

§ 3. Aber wieviele und welche höchste Klassen werden wir zu unterscheiden haben? - Wir sahen, daß in dieser Hinsicht zwischen den Psychologen keine Einigkeit besteht. ARISTOTELES hat zwei verschiedene Grundklassen unterschieden, Denken und Begehren. Unter den Modernen aber ist eine Dreiteilung in Vorstellungen, Gefühl und Streben (oder wie man sonst die drei Gattungen zu benennen liebt) anstatt jener Zweiteilung üblich geworden.

Um sogleich unsere Ansicht auszusprechen, so halten auch wir dafür, daß hinsichtlich der verschiedenen Weise ihrer Beziehung zum Inhalt drei Hauptklassen von Seelentätigkeiten zu unterscheiden sind. Aber diese drei Gattungen sich nicht dieselben wie die, welche man gemeinglich aufstellt, und wir bezeichnen in Ermangelung passenderer Ausdrücke die erste mit dem Namen  Vorstellung,  die zweite mit dem Namen  Urteil die dritte mit dem Namen  Gemütsbewegung, Interesse  oder  Liebe. 

Keine dieser Benennungen ist von der Art, daß sie nicht mißverständlich wäre; vielmehr wird jede häufig in einem engeren Sinne angewandt. Aber unser Wortvorrat bietet uns keine einheitlichen Ausdrücke, welche sich besser mit den Begriffen decken. Und obwohl es etwas Mißliches hat, Ausdrücke von schwankender Bedeutung als Termini bei so wichtigen Bestimmungen zu benützen, und mehr noch, sie in einem vielleicht ungewöhnlich erweiterten Sinn anzuwenden: so scheint mir das in unserem Fall doch besser als die Einführung völlig neuer und unbekannter Benennungen.

Darüber, was wir  Vorstellen  nennen, haben wir uns auf früher schon erklärt. Wir reden von einem Vorstellen, wo immer uns etwas erscheint. Wenn wir etwas sehen, stellen wir uns eine Farbe, wenn wir etwas hören, einen Schall, wenn wir etwas phantasieren, ein Phantasiegebilde vor. Vermöge der Allgemeinheit, in der wir das Wort gebrauchen, konnten wir sagen, es sei unmöglich, daß sich die Seelentätigkeit in irgendeiner Weise auf etwas bezieht, was nicht vorgestellt wird. (2) Höre und verstehe ich einen Namen, so stelle ich mir das, was er bezeichnet, vor; und im allgemeinen ist dieses der Zweck der Namen, Vorstellungen hervorzurufen. (3)

Unter  Urteilen  verstehen wir, in Übereinstimmung mit dem gewöhnlichen philosophischen Gebrauch, ein (als wahr) Annehmen oder (als falsch) Verwerfen. Daß aber ein solches Annehmen oder Verwerfen auch da vorkommt, wo Viele den Ausdruck "Urteil" nicht gebrauchen, wie z. B. bei der Wahrnehmung psychischer Akte und bei der Erinnerung, haben wir schon berührt. Und natürlich werden wir uns nicht abhalten lassen, auch diese Fälle der Klasse des Urteils unterzuordnen.

Für die dritte Hauptklasse, deren Phänomene wir als  Gemütsbewegungen,  als Phänomene des  Interesses  oder als Phänomene der  Liebe  bezeichneten, fehlt am meisten ein recht geeigneter einheitlicher Ausdruck. Diese Klasse soll nach uns alle psychischen Erscheinungen begreifen, die nicht in den beiden ersten Klassen enthalten sind. Aber unter den Gemütsbewegungen begreift man gemeiniglich nur Affekte, die mit einer merklichen physischen Aufregung verbunden sind. Zorn, Angst, heftige Begierde wird jeder als Gemütsbewegungen bezeichnen; in der Allgemeinheit, in der wir das Wort gebrauchen, soll es dagegen auch auf jeden Wunsch, jeden Entschluß und jede Absicht in gleicher Weise Anwendung finden. Doch bediente sich KANT wenigstens des Wortes Gemüt in noch weiteren Sinn als wir, indem er jedes psychische Vermögen, sogar das der Erkenntnis, als ein Vermögen des Gemüts bezeichnete.

Auch den Ausdruck  Interesse  pflegt man vorzugsweise nur für gewisse akte, die zu dem hier umschriebenen Gebiet gehören, zu gebrauchen; namentlich in Fällen, wo Wißbegier oder Neugier erregt wird. Doch kann man wohl nicht leugnen, daß jede Lust oder Unlust an etwas, sich nicht ganz unpassend als Interesse bezeichnen läßt, und daß auch jeder Wunsch, jede Hoffnung, jeder Willensentschluß ein Akt des Interesses ist, welches an etwas genommen wird.

Statt mit dem einfachen Namen  Liebe,  hätte ich die Klasse streng genommen als Lieben oder Hassen bezeichnen müssen; und nur weil man auch anderwärts, wie z. B. wenn man das Urteilen als ein Fürwahrhalten bezeichnet, oder von Phänomenen des Begehrens in einem weiteren Sinn redet (4), den Gegensatz mit eingeschlossen denkt, habe ich der Kürze halber den einen namen für sich allein das Namenpaar vertreten lassen. Aber auch abgesehen davon wird mir vielleicht mancher vorwerfen, daß ich den Namen zu weit gebrauche. Und es ist sicher, daß er nicht in jedem Sinn das ganze Gebiet umspannt. In einem anderen Sinn sagt man nämlich, daß man einen Freund, in einem anderen, daß man den Wein liebt; jenen liebe ich, indem ich ihm Gutes wünsche, diesen, indem ich ihn selbst als etwas Gutes begehre und mit Lust genieße. In einem Sinn wie dem, welchen das Wort im zweiten Fall hat, glaube ich nun, daß in jedem Akt, der zu dieser dritten Klasse gehört, etwas geliebt, genauer gesprochen etwas geliebt oder gehaßt wird. Wie jedes Urteil einen Gegenstand für wahr oder falsch nimmt, so nimmt in analoger Weise jedes Phänomen, welches der dritten Klasse zugehört, einen Gegenstand für gut oder schlecht. Spätere Erörterungen werden dies näher erklären und hoffentlich vollkommen außer Zweifel setzen.

§ 4. Vergleichen wir unsere Dreiteilung mit derjenigen, welche seit KANT in der Psychologie vorherrscht, so finden wir, daß sie in einer doppelten Hinsicht von ihr abweicht. Sie trennt in zwei Grundklassen die Phänomene, die bisher in der ersten Klasse vereinigt wurden; und sie faßt die Phänomene der beiden letzten Klassen in  einem  Glied zusammen. In jeder dieser Beziehungen werden wir uns zu rechtfertigen haben.

Wie aber soll uns eine solche Rechtfertigung gelingen? Werden wir etwas anderes tun können, als auf die innere Erfahrung verweisen, welche lehrt, daß die Beziehung des Bewußtseins zum Objekt in den einen Fällen eine durchaus gleiche oder eine ähnliche, in den anderen dagegen eine grundverschiedene ist? - Es scheint, als ob uns kein anderes Mittel zu Gebote steht. Die innere Erfahrung ist offenbar die Schiedsrichterin, die im Streit über Gleichheit oder Verschiedenheit der intentionalen Beziehung allein zum Urteil berechtigt ist. - Aber auf seine innere Erfahrung beruft sich auch jeder von unseren Gegner. Und wessen Erfahrung wird hier den Vorzug verdienen?

Doch die Schwierigkeit ist keine andere als in vielen anderen Fällen. Auch sonst geschieht es, daß man bei der Beobachtung Fehler macht: sei es, daß man etwas übersieht; sei es, daß man etwas, was man erschließt oder sonstwie denkend hinzubringt, mit dem Beobachteten vermengt oder verwechselt. Wird man aber von anderen aufmerksam gemacht, so erkennt man, namentlich bei erneuerter Beobachtung, den begangenen Fehler. Dies also werden wir auch hier tun müssen, in der Hoffnung, eine Änderung abweichender Überzeugungen und eine allgemeine Übereinstimmung in dieser wichtigen Frage zu erzielen.

Indessen, wenn angestammte und tief eingewurzelte Vorurteile dem Fehler der Beobachtung zur Seite stehen, so lehrt die Erfahrung und erklärt die Psychologie, daß die Erkenntnis des Irrtums nicht wenig erschwert ist. Es genügen dann nicht ein bloßer Widerspruch gegen die hergebrachte Meinung und eine Aufforderung zu neuer Betrachtung; auch nicht ein Hinweis auf die Punkte, in welchen die Fehler der Beobachtung liegen, die man berichtigen will, und eine Entgegenstellung des wahren Tatbestandes: vielmehr wird es nötig sein, die Aufmerksamkeit zugleich auf solche Eigentümlichkeiten zu lenken, die damit in Zusammenhang stehen, und namentlich auch auf solches, was gemeinsam anerkannt, aber im Widerspruch mit der angeblichen Beobachtung ist. Endlich muß man suchen, nicht allein die Täuschung, sondern auch den Grund der Täuschung aufzudecken.

Wenn irgendwo, so ist all das auch in unserem Fall geboten; und wir werden auf eine solche Weise im nächsten Kapitel unsere Trennung von Vorstellung und Urteil, und in dem darauf folgenden unsere Zusammenfassung von Gefühl und Streben sorgfältig zu rechtfertigen uns bemühen.


Drittes Kapitel
Vorstellung und Urteil
zwei verschiedene Grundklassen

§ 1. Wenn wir sagen, Vorstellung und Urteil seien verschiedene Grundklassen psychischer Phänomene, so meinen wir damit nach dem zuvor Bemerkten, sie seien zwei gänzlich verschiedene Weisen des Bewußtseins von einem Gegenstand. Dabei leugnen wir nicht, daß alles Urteilen ein Vorstellen zur Voraussetzung hat. Wir behaupten vielmehr, daß jeder Gegenstand, der beurteilt wird, in einer doppelten Weise im Bewußtsein aufgenommen ist, als vorgestellt und als anerkannt oder geleugnet. So wäre denn das Verhältnis ähnlich dem, welches mit Recht, wie wir sahen, von der großen Mehrzahl der Philosophen, und von KANT nicht minder als von ARISTOTELES, zwischen Vorstellen und Begehren angenommen wird. Nichts wird begehrt, was nicht vorgestellt wird; aber das Begehren ist doch eine zweite, ganz neue und eigentümliche Weise der Beziehung zum Objekt, eine zweite, ganz neue Art von Aufnahme desselben ins Bewußtsein. Nichts wird auch beurteilt, was nicht vorgestellt wird; aber wir behaupten, daß, indem der Gegenstand einer Vorstellung  Gegenstand  eines anerkennenden oder verwerfenden Urteils wird, das Bewußtsein in eine völlig neue Art von Beziehung zu ihm trete. Er ist dann doppelt im Bewußtsein aufgenommen, als vorgestellt und als für wahr gehalten oder geleugnet, wie er, wenn sich die Begierde auf ihn richtet, als vorgestellt zugleich und als begehrt ihm innewohnt.

Das, sagen wir, ist, was die innere Wahrnehmung und die aufmerksame Betrachtung der Erscheinungen des Urteilens im Gedächtnis klar erkennen lassen.

§ 2. Freilich hat das nicht verhindert, daß das wahre Verhältnis zwischen Vorstellen und Urteilen bis jetzt allgemein verkannt wurde, und ich muß deshalb darauf rechnen, daß ich, wenn ich auch nichts anderes sage, als was das Zeugnis der inneren Wahrnehmung unmittelbar bestätigt, mit meiner Aufstellung zunächst dem größten Mißtrauen begegnet.

Aber wenn man nicht annehmen will, daß im Urteilen zum bloßen Vorstellen eine zweite, grundverschiedene Weise der Beziehung des Bewußtseins zum Gegenstand hinzutritt, so leugnet man doch nicht und kann nicht leugnen, daß irgendein Unterschied zwischen dem einen und anderen Zustand besteht. Vielleicht wird eine nähere Erwägung darüber, worin die Verschiedenheit des Urteilens, wenn sie nicht in unserer Weise aufgefaßt wird, eigentlich liegen mag, zur Annahme unserer Behauptung geneigter machen, indem sie zeigt, daß keine einigermaßen haltbare Antwort gegeben werden kann.

Käme im Urteilen nicht eine zweite und eigentümliche Weise der Beziehung zum Vorstellen hinzu; wäre also die Weise, wie der Gegenstand des Urteils im Bewußtsein ist, wesentlich dieselbe wie die, welche Gegenständen, insofern sie vorgestellt werden, zukommt: so könnte ihr Unterschied wohl nur gefunden werden entweder in einem Unterschied des Inhalts, d. h. in einem Unterschied zwischen den Gegenständen, auf welche sich Vorstellung und Urteil beziehen, oder in einem Unterschied der Vollkommenheit, mit welcher derselbe Inhalt (5) beim bloßen Vorstellen und beim Urteilen von uns gedacht wird. Denn zwischen dem Denken, welches wir Vorstellen, und demjenigen, welches wir Urteilen nennen, besteht ja doch ein innerer Unterschied.

ALEXANDER BAIN allerdings hatte den unglücklichen Gedanken, den Unterschied zwischen Vorstellen und Urteilen nicht in diesen Denktätigkeiten selbst, sondern in den daran geknüpften Folgen zu suchen. Weil wir dann, wenn wir etwas nicht bloß vorstellen, sondern auch für wahr halten, es in besonderer Weise bei unserem Wollen und Handeln maßgebend werden lassen, so meinte er, der Unterschied des Fürwahrhaltens vom bloßen Vorstellen besteht in nichts anderem als in diesem Einfluß auf den Willen. Das Vorstellen, welches einen solchen Einfluß übt, ist dadurch, daß es ihn übt, ein Glaube (belief). Ich nannte diese Theorie eine unglückliche. Und in der Tat, woher kommt es denn, daß das eine Vorstellen des Gegenstandes jenen Einfluß auf das Handeln hat, das andere ihn aber nicht hat? - Das bloße Aufwerfen der Frage genügt, um das Versehen, dessen BAIN sich schuldig machte, deutlich zu zeigen. Die besonderen Folgen würden nicht sein, wenn nicht ein besonderer Grund dafür in der Beschaffenheit des Denkens gegeben wäre. Weit entfernt, daß der Unterschied in den Folgen die Annahme einer inneren Verschiedenheit zwischen der bloßen Vorstellung und dem Urteil entbehrlich machte, weist er vielmehr nachdrücklich auf eine solche innere Verschiedenheit hin. Von JOHN STUART MILL bekämpft (6), hat BAIN darum selbst die von ihm in seinem großen Werk über die Gemütsbewegungen und den Willen (7), sowie in den ersten Ausgaben seines Kompendiums der Psychologie vertretene Behauptung in einer Schlußbemerkung zu dessen dritter Auflage als irrig anerkannt und zurückgenommen (8).

In einen ähnlichen Fehler ist der ältere MILL (9) und in neuester Zeit wieder HERBERT SPENCER (10) gefallen. Diese beiden Philosophen sind der Meinung, das Vorstellen einer Vereinigung von zwei Merkmalen ist dann mit  Glauben  verbunden, wenn sich im Bewußtsein zwischen den beiden Merkmalen eine untrennbare Assoziation gebildet hat, da. h wenn die Gewohnheit zwei Merkmale verbunden vorzustellen so stark geworden ist, daß die Vorstellung des einen Merkmals unausbleiblich und unwiderstehlich auch das andere ins Bewußtsein ruft und mit ihm verknüpft. In nichts anderem als in einer solchen untrennbaren Assoziaton, lehren sie, besteht das Glauben. Wir wollen hier nicht untersuchen, ob wirklich in jedem Fall, in welchem eine gewisse Verbindung von Merkmalen für wahr gehalten wird, eine untrennbare Assoziation gebildet hat, die Verbindung für wahr gehalten wird. Angenommen vielmehr, beides sei richtig, so ist es doch leicht erkennbar, daß diese Bestimmung des Unterschiedes zwischen Urteil und Vorstellung nicht genügen kann, da, wenn der angegebene Unterschied allein zwischen dem Urteil und der betreffenden Vorstellung besteht, beide in sich selbst betrachtet ein völlig gleiches Denken sein würden. Die Gewohnheit zwei Merkmale vereinigt zu denken ist nicht selbst ein Denken oder die besondere Beschaffenheit eines Denkens, sondern eine Disposition, die sich einzig und allein in ihren Folgen offenbart. Und die Unmöglichkeit von zwei Merkmalen das eine ohne das andere zu denken, ist ebensowenig selbst ein Denken oder die besondere Beschaffenheit eines Denkens; sie ist vielmehr nach Ansicht der genannten Philosophen nur ein besonders hoher Grad jener Disposition. Wenn sich diese Disposition nur darin offenbart, daß die Verbindung von Merkmalen ausnahmslos, aber ganz in derselben Weise wie vor ihrer Erwerbung gedacht wird, so ist es klar, daß, wie wir sagten, zwischen dem Denken vorher, welches ein bloßes Vorstellen, und dem Denken nachher, welches ein Glauben sein soll, in sich selbst kein Unterschied besteht. Wenn sich die Disposition aber noch in anderer Weise von Einfluß zeigt, so daß nach ihrer Erwerbung das Denken der Verbindung modifiziert ist und eine neue, besondere Beschaffenheit erlangt hat, so muß man sagen, daß in dieser Beschaffenheit, nicht aber in der inseparablen Assoziation, aus welcher sie hervorgeht, der eigentliche Unterschied des Fürwahrhaltens vom bloßen Vorstellen anzuerkennen ist. Darum sagte ich, der Fehler von JAMES MILL und HERBERT SPENCER sei denjenigen von BAIN verwandt. Denn, wie BAIN eine Besonderheit der Folgen mit der inneren Besonderheit des Fürwahrhaltens verwechselte, so haben der ältere MILL und SPENCER etwas als Besonderheit dieser Weise des Denkens geltend gemacht, was sie nur etwa als Ursache seiner Besonderheit hätten bezeichnen dürfen.

§ 3. So viel steht fest, daß der Unterschied zwischen Vorstellen und Urteilen ein innerer Unterschied des einen Denkns vom anderen sein muß. Und wenn das so gilt, was wir oben gesagt haben, daß nämlich, wer unsere Anschauung über das Urteilen bestreitet, die Verschiedenheit, die zwischen ihm und dem bloßen Vorstellen besteht, nur in einem von beiden, entweder in einem Unterschied der gedachten Gegenstände, oder in einem Unterschied der Vollkommenheit, mit welcher sie gedacht werden, suchen kann. Ziehen wir von diesen zwei Annahmen zunächst die letztere in Erwägung.

Wo es sich um einen Unterschied der Vollkommenheit zweier psychischer Tätigkeiten handelt, die sowohl hinsichtlich der Weise ihrer Beziehung auf das Objekt als auch hinsichtlich des Inhalts, auf welchen sie sich beziehen, übereinstimmen, da kann wohl von nichts anderem als von einem Unterschied der Stärke des einen und anderen Aktes die Rede sein. Die Frage, die wir zu untersuchen haben, ist also keine andere als die, ob etwa darin die Besonderheit des Urteilens gegenüber dem Vorstellen besteht, daß beim Urteilen der Inhalt mit größerer Intensität gedacht, also das Vorstellen eines Objektes durch eine Zunahme seiner Intensität zum Fürwahrhalten gesteigert wird. Es leuchtet ein, daß eine solche Auffassung nicht richtig sein kann. Nach ihr wäre das Urteil eine stärkere Vorstellung, die Vorstellung ein schwächeres Urteil. Aber ein Vorgestelltsein, wenn auch noch so klar und deutlich und lebendig, ist nicht ein Beurteiltsein, und ein mit noch so geringer Zuversicht gefälltes Urteil ist nicht eine bloße Vorstellung. Allerdings mag es geschehen, daß einer etwas, was ihm mit fieberhafter Lebhaftigkeit in der Phantasie erscheint wie etwas, was er sieht, für wirklich nimmt, was er nicht tun würde, wenn es ihm in einem schwächeren Eindruck erschiene; aber wenn mit der größeren Stärke einer Vorstellung in gewissen Fällen ein Fürwahrhalten gegeben ist, so ist sie deshalb nicht selbst das Fürwahrhalten. Die Jllusion kann darum schwinden, während die Lebendigkeiit der Vorstellung beharrt. Und in anderen Fällen hält man mit aller Zuversicht etwas für wahr, obwohl der Inhalt des Urteils nichts weniger als lebendig vorgestellt wird. Wie endlich sollte, wenn die Anerkennung des Gegenstandes ein starkes Vorstellen wäre, die verneinende Verwerfung desselben gefaßt werden?

Gewiß wäre es unnütz, wollten wir uns länger mit der Bekämpfung einer Hypothese aufhalten, bei welcher schon von vornherein nur wenige geeignet sein werden, sie zu vertreten. Sehen wir vielmehr, ob es uns ebenso gelingen wird, den anderen Weg, auf welchem man mit einem größeren Schein unsere Annahme für vermeidbar halten könnte, als einen unmöglichen nachzuweisen.

§ 4. In der Tat geht eine sehr gewöhnliche Meinung dahin, daß das Urteilen in einem Verbinden oder Trennen besteht, welches sich im Bereich unseres Vorstellens vollzieht, und das bejahende Urteil und, in etwas modifizierter Art, auch das verneinende werden darum im Gegensatz zur bloßen Vorstellung sehr gewöhnlich als ein zusammengesetztes oder auch beziehendes Denken bezeichnet. So gefaßt würde das, was den Unterschied des Urteilens vom bloßen Vorstellen ausmacht, wirklich nichts anderes sein als ein Unterschied des Urteilsinhaltes vom Inhalt des bloß vorstellenden Denkens. Würde eine gewisse Art von Verbindung oder Beziehung zweier Merkmale gedacht, so wäre der Gedanke ein Urteil, während jeder Gedanke, der nicht eine solche Beziehung zum Inhalt hätte, eine bloße Vorstellung genannt werden müßte.

Aber auch diese Ansicht ist unhaltbar.

Nehmen wir an, es sei richtig, daß immer nur eine gewisse Art von Verbindung mehrerer Merkmale den Inhalt eines Urteils bildet, so wird dies die Urteile zwar von einigen, keineswegs aber von allen Vorstellungen unterscheiden. Denn offenbar kommt es vo, daß ein Denkakt, welcher nichts als ein bloßes Vorstellen ist, eine vollkommen ähnliche, ja eine völlig gleiche Zusammensetzung mehrerer Merkmale zum Inhalt hat, wie diejenige, welche in einem anderen Fall den Gegenstand eines Urteils bildet. Wenn ich sage: irgendein Baum ist grün, so bildet das Grün als Eigentümlichkeit mit einem Baum verbunden den Inhalt meines Urteils. Es könnte mich aber einer fragen: ist irgendein Baum rot? und ich, in der Pflanzenwelt nicht genügend erfahren und uneingedenk der herbstlichen Farbe der Blätter, könnte mich jedes Urteils über die Frage enthalten. Aber dennoch würde ich die Frage verstehen und mir infolgedessen einen roten Baum vorstellen. Das Rot ganz ähnlich wie zuvor das Grün, als Eigentümlichkeit mit einem Baum verbunden, würde dann den Inhalt einer Vorstellung bilden, mit welcher kein Urteil gegeben wäre. Und hätte jemand nur Bäume mit roten und niemals einen mit grünen Blättern gesehen, so würde er vielleicht bei einer Frage über grüne Bäume nicht bloß eine ähnliche, sondern sogar dieselbe Verbindung von Merkmalen, die der Inhalt meines Urteils war, in einer bloßen Vorstellung erfassen.

Offenbar hatten JAMES MILL und HERBERT SPENCER das erkannt, da sie bei der Bestimmung der Eigentümlichkeit des Urteils nicht wie die meisten anderen dabei stehen blieben, daß der Inhalt des Urteils eine gewisse Art von Verbindung vorgestellter Merkmale ist, sondern als eine weitere Bedingung hinzufügten, daß eine inseparable Assoziation zwischen denselben bestehen muß. Und auch BAIN hatte darum für nötig gehalten, noch eine besondere Bestimmung hinzuzufügen, nämlich den Einfluß des Denkens auf das Handeln. Der Fehler, den sie begingen, war nur der, daß sie nicht der Angabe einer inneren Besonderheit des urteilenden Denkens, sondern in einem Unterschied von Dispositionen oder Folgen die Ergänzung suchten. Glücklicher war hier JOHN STUART MILL, der den besprochenen Punkt mit großem Nachdruck hervorhob und überhaupt mehr als irgendein anderer Philosoph einer richtigen Würdigung des Unterschieds zwischen Vorstellung und Urteil nahe gekommen ist.
    "Es ist", sagt er in seiner Logik, "ganz richtig, daß wir, wenn wir urteilen  Gold ist gelb,  die Idee von Gold und die Idee von gelb haben, und daß beide Ideen in unserem Geist zusammengebracht werden müssen. Es ist aber klar, daß dies nur ein Teil von dem ist, was vorgeht; denn wir können zwei Ideen zusammenstellen, ohne daß ein Glauben stattfindet, wie wenn wir etwas, z. B. einen goldenen Berg, nur erdichten, oder wenn wir geradezu  nicht  glauben; denn sogar um  nicht  zu glauben, daß MOHAMMED ein Apostel Gottes war, müssen wir die Idee von MOHAMMED und die eines Apostels Gottes zusammenstellen. Zu bestimmen, was im Fall von Zustimmung oder Leugnung außer dem Zusammenstellen zweier Ideen noch weiter vorgeht, ist eines der verwickeltsten metaphysischen Probleme." (11)
In seinen kritischen Noten zu JAMES MILLs Analyse der Phänomene des menschlichen Geistes geht er tiefer in die Sache ein. Er bekämpft in dem Kapitel über die Aussage (Prädikation) die Ansicht, welche in ihr in ähnlicher Weise den Ausdruck für eine einzelne Idee wie im Namen den Ausdruck für eine einzelne Idee sehen wollte. Der charakteristische Unterschied zwischen einer Aussage und einer anderen Form des Sprechens, behauptet er seinerseits, sei vielmehr der, daß sie nicht bloß ein gewisses Objekt vor den Geist bringt, sondern daß sie etwas darüber  behauptet,  daß sie nicht bloß zur Vorstellung einer gewissen Ordnung von Ideen, sondern zum Glauben an sie anregt, indem sie anzeigt, daß diese Ordnung eine wirkliche Tatsache ist. (12) Wiederholt kommt er darauf zurück, sowohl bei demselben (13) als bei späteren Kapiteln, wie beim Kapitel über das Gedächtnis, wo außer der Idee vom Ding und der Idee davon, daß ich es gesehen habe, nebst anderem auch noch der  Glaube,  daß ich es gesehen habe, hinzukommen muß (14). Besonders ausführlich handelt er aber in einer langen Anmerkung zum Kapitel "Belief" von der eigentümlichen Natur des Urteils gegenüber der bloßen Vorstellung. Er zeigt wiederum deutlich, daß es sich nicht in bloße Vorstellungen auflösen und durch bloße Zusammensetzung von Vorstellungen bilden läßt. Vielmehr, sagt er, muß man jeden Versuch einer Ableitung der einen aus der anderen Erscheinung als etwas Unmögliches anerkennen und den Unterschied zwischen Vorstellung und Urteil als eine letzte und ursprüngliche Tatsache betrachten. "Kurzum", fragt er am Schluß einer langen Erörterung, "was ist für unseren Geist der Unterschied zwischen dem Gedanken, es sei etwas wirklich, und der Vorstellung eines von der Einbildungskraft entworfenen Gemäldes? Ich gestehe, daß ich keinen Ausweg finde, auf dem man sich der Ansicht entziehen könnte, daß der Unterschied ein letzter und ursprünglicher ist." (15) Wir sehen, JOHN STUART MILL erkennt hier einen Unterschied an, ähnlich dem, welchen KANT und andere zwischen Denken und Gefühl geltend gemacht haben. In ihrer Sprache ausgedrückt, würde die Behauptung von MILL diese sein, daß für Vorstellen und Glauben oder, wie  wir  sagen würden, für Vorstellen und Urteilen zwei verschiedene Urvermögen angenommen werden müssen. Nach unserer Ausdrucksweise aber ist seine Lehre die, daß Vorstellen und Urteilen zwei völlig verschiedene Arten der Beziehung auf einen Inhalt, zwei grundverschiedene Weisen des Bewußtseins von einem Gegenstand sind.

Also, wie gesagt, angenommen es findet sogar wirklich bei jedem Urteilen ein Verbinden oder Trennen vorgestellter Merkmale statt - und JOHN STUART MILL war in der Tat dieser Ansicht (16) - : so besteht hierin doch nicht die wesentliche Eigentümlichkeit des urteilenden im Gegensatz zum bloß vorstellenden Denken. Eine solche Eigentümlichkeit des Inhalts würde die Urteile zwar von einigen, nicht aber schlechthin von allen Vorstellungen unterscheiden. Und sie würde darum die Annahme einer anderen und mehr charakteristischen Besonderheit, wie die, welche wir im Unterschied der Weise des Bewußtseins anerkennen, nicht entbehrlich machen.

§ 5. Aber noch mehr. Es ist nicht einmal richtig, daß bei allem Urteilen eine Verbindung oder Trennung vorgestellter Merkmale statt hat. So wenig als das Begehren oder Verabscheuen, so wenig ist auch das Anerkenen oder Verwerfen ausschließlich auf Zusammensetzungen oder Beziehungen gerichtet. Auch ein einzelnes Merkmal, das wir vorstellen, kann anerkannt oder verworfen werden.

Wenn wir sagen "A ist", so ist dieser Satz nicht, wie viele geglaubt haben und noch jetzt glauben, eine Prädikation, in welcher die Existenz als Prädikat mit  A  als Subjekt verbunden wird. Nicht die Verbindung eines Merkmals "Existenz" mit "A", sondern "A" selbst ist der Gegenstand, den wir anerkennen. Ebenso wenn wir sagen, "A ist nicht", so ist dies keine Prädikation der Existenz von  A  in einem entgegengesetzten Sinn, keine Leugnung der Verbindung eines Merkmals "Existenz" mit "A", sondern "A" ist der Gegenstand, den wir leugnen.

Damit dies recht deutlich wird, mache ich darauf aufmerksam, daß, wer ein Ganzes anerkennt, jeden einzelnen Teil des Ganzen einschließlich anerkennt. Wer immer daher eine Verbindung von Merkmalen anerkennt, erkennt einschließlich jedes einzelne Element der Verbindung an. Wer anerkennt, daß ein gelehrter Mann, d. h. die Verbindung eines Mannes mit dem Merkmal "Gelehrsamkeit" ist, erkennt einschließlich an, daß ein Mann ist. Wenden wir dies auf das Urteil "A ist" an. Wäre dieses Urteil die Anerkennung der Verbindung eines Merkmals "Existenz" mit "A", so würde darin einschließlich die Anerkennung jedes einzelnen Elementes der Verbindung, als auch die Anerkennung von  A  liegen. Wir kämen also an der Annahme einer einschließlichen einfachen Anerkennung von  A  nicht vorbeit. Aber wodurch würde sich diese einfache Anerkennung von  A  von der Anerkennung der Verbindung von  A  mit dem Merkmal "Existenz", welche im Satz "A ist" ausgesprochen sein soll, unterscheiden? Offenbar in gar keiner Weise. Somit sehen wir, daß vielmehr die Anerkennung von  A  der wahre und volle Sinn des Satzes, also nichts anderes als  A  Gegenstand des Urteils ist.

Erwägen wir in derselben Weise den Satz "A ist nicht": vielleicht wird seine Betrachtung der Wahrheit unserer Auffassung noch einleuchtender machen. Wenn derjenige, welcher ein Ganzes anerkennt, so gilt doch nicht ebenso, daß derjenige, welcher ein Ganzes leugnet, jeden Teil des Ganzen einschließlich anerkennt, so gilt doch nicht ebenso, daß derjenige, welcher ein Ganzes leugnet, jeden Teil des Ganzen einschließlich leugnet. Wer leugnet, daß es weiße und blaue Schwäne gibt, leugnet darum nicht einschließlich, daß es weiße Schwäne gibt. Und natürlich; da, wenn auch nur  ein  Teil falsch ist, das Ganze nicht wahr sein kann. Wer daher eine Verbindung von Merkmalen verwirft, verwirft dadurch keineswegs einschließlich jedes einzelne Merkmal, welches Element der Verbindung ist. Wer z. B. leugnet, daß es einen gelehrten Vogel, d. h. die Verbindung eines Vogels mit dem Merkmal "Gelehrsamkeit" gebe, leugnet damit nicht einschließlich, daß ein Vogel, oder daß Gelehrsamkeit in Wirklichkeit besteht. Machen wir auch hiervon auf unseren Fall Anwendung. Wäre das Urteil "A ist nicht" die Leugnung der Verbindung eines Merkmals "Existenz" mit "A", so würde damit keineswegs  A  selbst geleugnet sein. Das aber wird unmöglich jemand behaupten. Vielmehr ist klar, daß nichts anderes als eben das der Sinn des Satzes ist. Somit ist auch nichts anderes als  A  der Gegenstand dieses verwerfenden Urteils.

§ 6. Daß die Prädikation nicht zum Wesen eines jeden Urteils gehört, geht auch daraus recht deutlich hervor, daß jede Wahrnehmung zu den Urteilen zählt; ist sie ja eine Erkenntnis oder doch ein, wenn auch irrtümliches, Fürwahrnehmen. Wir haben dies, da wir von den verschiedenen Momenten des inneren Bewußtseins sprachen, schon berührt (17). Und es wird auch von solchen Denkerns nicht geleugnet, welche dafür halten, daß jedes Urteilen in einem Verbinden von Subjekt und Prädikat besteht. So erkennt z. B. JOHN STUART MILL es ausdrücklich am sowohl anderwärts als auch an der zuletzt von uns zitierten Stelle. Es liegt, fügt er hier bei, keine größere Schwierigkeit darin, so, wie er es getan hat, den Unterschied zwischen dem Anerkennen einer Realität und dem Vorstellen eines imaginären Gebildes für einen letzten und ursprünglichen zu halten, als darin, den Unterschied zwischen einer Sensation und einer Idee (18) für einen ursprünglichen zu erklären. Es scheint dieser kaum etwas anderes als dieselbe Differenz unter einem veränderten Gesichtspunkt betrachtet. (19) Nun dürfte es aber nicht leicht etwas geben, was offenbarer und unverkennbarer wäre, als daß eine Wahrnehmung nicht in der Verbindung eines Subjekt- Prädikatbegriffes besteht, oder sich eine solche bezieht, daß vielmehr der Gegenstand einer  inneren  Wahrnehmung nichts anderes ist als ein psychisches Phänomen, der Gegenstand einer  äußeren  nichts anderes als ein physisches Phänomen, Ton, Geruch oder dergleichen ist. Also haben wir hier einen recht augenscheinlichen Beleg für die Wahrheit unserer Behauptung.

Oder sollte einer auch hier noch Bedenken hegen? Sollte er, weil man nicht bloß sagt, man nehme eine Farbe, einen Ton, man nehme ein Sehen, ein Hören wahr, sondern auch, man nehme wahr, daß ein Sehen, Hören existiert, sich zu dem Glauben verleiten lassen, auch die Wahrnehmung besteht in der Anerkennung der Verbindung eines Merkmals "Existenz" mit dem betreffenden Phänomen? Mir scheint eine solche Verkennung offen liegender Tatsachen fast undenkbar. Doch aufs Neue und mit einer vorzüglichen Klarheit wird sich die Unhaltbarkeit einer solchen Meinung aus der Erörterung des Begriffs der Existenz ergeben. Manche waren der Ansicht, daß dieser Begriff nicht der Erfahrung entnommen sein kann. Wir werden darum bei der Untersuchung über die sogenannten angeborenen Ideen ihn in dieser Hinsicht zu prüfen haben. Und wir werden dann finden, daß er allerdings der Erfahrung, aber der  inneren  Erfahrung entstammt und nur im Hinblick auf das Urteil gewonnen wurde. So wenig daher der Begriff des Urteils im ersten Urteil Prädikat sein konnte, so wenig der Begriff der Existenz. Und darum erkennt man auch auf diesem Weg, daß wenigstens die erste Wahrnehmung, diejenige, welche im ersten psychischen Phänomen gegeben war, unmöglich in einer solchen Prädikation bestanden haben kann.

JOHN STUART MILL definiert in der letzten (achten) Ausgabe seiner Logik den Begriff "Existenz" in folgender Weise. Sein, sagt er, heißt soviel als  irgendwelche (egal welche)  Sinnesempfindungen oder sonstige Bewußtseinszustände erregen oder erregen können. (20) Obwohl ich diese Bestimmung nicht vollkommen billige, so würde doch auch sie genügen, um die Unmöglichkeit, daß bei der ersten Empfindung der Begriff "Existenz" als Prädikat des Urteils benützt werden konnte, recht anschaulich zu machen. Denn darin stimmt sie mit derjenigen, welche wir als die richtige darzutun hoffen, überein, daß sie erst im Hinblick auf psychische Tätigkeiten gewonnen werden konnte, die in jenem Fall umgekehrt ihrerseits ihn voraussetzen und als einen schon gegebenen verwenden würden.

§ 7. Daß sich nicht jedes Urteil auf eine Verbindung vorgestellter Merkmale bezieht, und die Prädikation eines Begriffes von einem anderen nicht unumgänglich dazu gehört, ist ein Wahrheit, die zwar gewöhnlich, aber doch nicht ausnahmslos verkannt wurde. KANT hat bei seiner Kritik des ontologischen Gottesbeweises die treffende Bemerkung gemacht, in einem Existentialsatz, d. h. in einem Satz von der Formel "A ist", sei das Sein "kein reales Prädikat, d. h. ein Begriff von etwas, was zum Begriff eines Dings hinzukommen kann". "Es ist", sagte er, "bloß die Position eines Dings oder gewisser Bestimmungen ansich." Anstatt aber nun zu erklären, daß der Existentialsatz überhaupt kein kategorischer Satz ist, weder ein im kantischen Sinn analytischer, d. h. ein solcher bei welchem das Prädikat im Subjekt eingeschlossen ist, noch ein synthetischer, bei welchem das Subjekt das Prädikat nicht in sich begreift (21), ließ KANT sich dazu verleiten, den Satz zu den synthetischen zu rechnen, indem er meint, wie das "ist" der Kopula gewöhnlich zwei Begriff zueinander in Beziehung setzt, so setzt das "ist" im Existentialsatz "den Gegenstand in Beziehung auf meinen Begriff". "Der Gegenstand", sagt er, "kommt zu meinem Begriff synthetisch hinzu." (22)

Dies war eine unklare und widerspruchsvolle Halbheit. HERBART machte ihr ein Ende, indem er die Existentialsätze deutlich als eine besondere Art von den kategorischen Sätzen unterschied (23). Andere Philosophen, und nicht bloß seine zahlreichen Anhänger, sondern bis zu gewissen Maß auch solche, die, wie TRENDELENBURG, der HERBART'schen Schule gewöhnlich polemisch entgegentreten, haben sich ihm in diesem Punkt angeschlosen (24).

Aber noch mehr. Wenn auch nicht alle Denker die von uns vertretene Auffassung des Existentialsatzes bereits als richtig anerkennen, so geben doch gegenwärtig alle ohne Ausnahme eine andere Wahrheit zu, aus welcher sich dieselben mit der größten Stringenz erschließen läßt. Auch diejenigen, welche die Natur des "ist" und "ist nicht" im Existentialsatz mißdeuten, beurteilen doch das "ist" und "ist nicht", welche als Kopula zu einem Subjekt und Prädikat hinzukommen, vollkommen richtig. Wenn sie glauben, daß das "ist" und "ist nicht" im Existentialsatz etwas für sich allein bezeichnet, daß es die Vorstellung des Prädikats "Existenz" zu der Vorstellung des Subjekts hinzubringt, um beide miteinander zu verknüpfen: so erkennen sie dagegen hinsichtlich der Kopula an, daß sie, für sich allein genommen ohne alle Bedeutung, nur den Ausdruck von Vorstellungen zum Ausdruck eines anerkennenden oder verwerfenden Urteils ergänzt. Hören wir z. B. JOHN STUART MILL, der in der Auffassung des Existentialsatzes unser Gegner ist: "Ein Prädikat und ein Subjekt", sagt er, "sind alles, was nötig ist, um ein Urteil zu bilden. Da wir aber aus der bloßen Zusammenstellung zweier Namen nicht ersehen können, daß sie Prädikat und Subjekt sind, d. h. daß das eine von dem anderen behauptet oder verneint werden soll, so muß ein Modus oder eine Form da sein, woraus sich das erkennen läßt, irgendein Zeichen, um eine Prädikation von jeder anderen Redeform zu unterscheiden . . . Diese Funktion wird bei einer Affirmation gewöhnlich vom Wort "ist", bei einer negation von "ist nicht" oder durch einen anderen Teil des Zeitwortes "sein" übernommen. Ein solches als Zeichen der Prädikation dienendes Wort wird Kopula genannt". (25) Von diesem "ist" oder "ist nicht" der Kopula unterscheidet er dann ausdrücklich dasjenige, welches den Begriff der Existenz in seiner Bedeutung einschließt. Das ist die Lehre nicht allein von MILL, sondern man darf sagen von allen, welche in der Auffassung des Existentialsatzes nicht mit uns übereinstimmen. Außer von Logikern findet man sie auch von Grammatikern und Lexikographen vertreten. (26) Und wenn JOHN STUART MILL erst JAMES MILL diese Auffassung klar entwickeln läßt (27), so ist er sehr im Unrecht. Er hätte sie z. B. in der Logik von Port Royal schon ganz ebenso dargelegt finden können (28).

Wohlan denn, - es bedarf nicht mehr als dieses Zugeständnisses, welches unsere Gegner allgemein in Bezug auf die Kopula machen, um daraus mit Notwendigkeit zu folgern, daß auch dem "ist" und "ist nicht" des Existentialsatzes keine andere Funktion zugeschrieben werden kann. Denn auf das Deutlichste läßt sich zeigen, daß jeder kategorische Satz ohne irgendwelche Änderung des Sinnes in einen Existentialsatz übersetzt werden kann, und daß dann das "ist" und "ist nicht" des Existentialsatzes keine andere Funktion zugeschrieben werden kann. Denn auf das Deutlichste läßt sich zeigen, daß jeder kategorische Satz ohne irgendeine Änderung des Sinns in einen Existentialsatz übersetzt werden kann, und daß dann das "ist" und "ist nicht" des Existentialsatzes an die Stelle der Kopula tritt.

Ich will dies an einigen Beispielen nachweisen.

Der kategorische Satz "irgendein Mensch ist krank" hat denselben Sin wie der Existentialsatz "ein kranker Mensch ist" oder "es gibt einen kranken Menschen".

Der kategorische Satz "kein Stein ist lebendig" hat denselben Sinn wie der Existentialsatz "ein lebendiger Stein ist nicht" oder "es gibt keinen lebendigen Stein".

Der kategorisch Satz "alle Menschen sind sterblich" hat denselben Sinn wie der Existentialsatz "ein unsterblicher Mensch ist nicht" oder "es gibt keinen unsterblichen Menschen". (29)

Der kategorische Satz "irgendein Mensch ist nicht gelehrt" hat denselben Sinn wie der Satz "ein ungelehrter Mensch ist" oder "es gibt einen ungelehrten Menschen".

Da in den vier Beispielen, die ich wählte, die sämtlichen vier Klassen von kategorischen Urteilen, welche die Logiker zu unterscheiden pflegen (30), vertreten sind, so ist die Möglichkeit der sprachlichen Umwandlung der kategorischen Sätze in Existentialsätze dadurch allgemein erwiesen: und es ist deutlich, daß das "ist" und "ist nicht" des Existentialsatzes nichts als ein Äquivalent der Kopula, also kein Prädikat, und für sich allein genommen gänzlich bedeutungslos ist.

Doch ist die von uns gegebene Rückführung der vier kategorischen Sätze auf Existentialsätze auch wirklich richtig? Gerade von seiten HERBARTs, den wir zuvor als Zeugen anriefen, würde sie vielleicht beanstandet werden. Denn seine Auffassung der kategorischen Sätze war von der unsrigen völlig verschieden. Er glaubte, daß jeder kategorische Satz ein hypothetisches Urteil ausdrückt, daß das Prädikat nur unter einer gewissen Voraussetzung, nämlich unter Voraussetzung, nämlich unter Voraussetzung der Existenz des Subjekts, demselben zu- oder abgesprochen wird. Gerade darauf gründete er seinen Beweisversuch dafür, daß der Existentialsatz nicht als ein kategorischer Satz gefaßt werden darf. (31) Nach uns dagegen entspricht der kategorische Satz einem Urteil, das man ebensogut in der existentialen Formel aussprechen kann, und die in Wahrheit affirmativen kategorischen Sätze enthalten einschließlich die Anerkennung des Subjekts (32). Allein, so sehr wir die Ansicht HERBARTs über das "Sein" des Existentialsatzes billigen, so wenig können wir uns mit seiner Deduktion derselben einverstanden erklären. Vielmehr scheint uns diese ein Beispiel zu sein, das in ausgezeichneter Weise die Bemerkung des ARISTOTELES bestätigt, daß irrige Prämissen zu einem richtigen Schlußsatz führen können. Es ist eine starke, ja unmögliche Zumutung, zu glauben, daß der Satz "irgendein Mensch geht spazieren" oder auch der oben angeführte "irgendein Mensch ist krank" die stillschweigende Voraussetzung "wenn es nämlich einen Menschen gibt" enthält. Und ebenso ist es nicht bloß nicht richtig, sondern es hat auch nicht den mindesten Schein für sich, daß der Satz "irgendein Mensch ist nicht gelehrt" diese Voraussetzung macht. Bei dem Satz "kein Stein ist lebendig" wüßte ich gar nicht, was die Beschränkung "wenn es nämlich einen Stein gibt" für eine Bedeutung haben sollte. Wenn es keinen Stein gäbe, so wäre es ja sicher eben so richtig, daß es keinen lebendigenn Stein gibt, als jetzt, da Steine existieren. Nur bei dem Beispiel "alle Menschen sind sterblich", einem von den gewöhnlich sogenannten allgemein bejahenden Sätzen, hat es allerdings einen gewissen Schein, als ob eine beschränkende Bedingung darin enthalten ist. Er scehint die Verbindung von "Mensch" und "sterblich" zu behaupten. Diese Verbindung von Mensch und sterblich besteht offenbar nicht, wenn kein Mensch besteht. Und doch läßt sich aus dem Satz "alle Menschen sind sterblich" die Existenz eines Menschen nicht erschließen. Somit scheint er die Verbindung von  Mensch  und  sterblich  nur unter der Voraussetzung der Existenz eines Menschen zu behaupten. Doch ein Blick auf den diesem kategorischen Satz äquivalenten Existentialsatz löst die ganze Schwierigkeit. Er zeigt, daß der Satz in Wahrheit keine Bejahung, sondern eine Verneinung ist, und darum gilt von ihm Ähnliches wie das, was wir soeben über den Satz "kein Stein ist lebendig" bemerkten.

Wenn ich übrigens die Lehre HERBARTs, daß alle kategorischen Sätze hypothetische Sätze sind, hier bekämpfte, so tat ich es nur, um meine oben gegebenen Übersetzungen in Existentialsätze im einzelnen zu rechtfertigen, nicht aber, weil im Fall, daß HERBART recht hätte, eine solche Rückführung unmöglich sein würde. Im Gegenteil gilt von den hypothetischen Sätzen dasselbe, was ich von den kategorischen sagte; auch sie lassen sich sämtlich in die existentiale Formel kleiden, und es ergibt sich dann, daß sie lauter verneinende Behauptungen sind. Ein Beispiel wird genügen, um zu zeigen, wie dasselbe Urteil ohne die geringste Veränderung sowohl in der Formel eines hypothetischen als in der eines kategorischen und eines Existentialsatzes ausgesprochen werden kann. Der Satz "wenn ein Mensch schlecht handelt, schädigt er sich selbst" ist ein hypothetischer Satz. Er ist aber dem Sinn nach derselbe wie der kategorische Satz "alle schlechthandelnden Menschen schädigen sich selbst". Und dieser wiederum hat keine andere Bedeutung als der Existentialsatz "ein sich selbst nicht schädigender schlechthandelnder Mensch ist nicht" oder, etwas gefälliger ausgedrückt, "es gibt keinen sich selbst nicht schädigenden schlechthandelnden Menschen". Die schwerfällige Gestalt, die der Ausdruck des Urteils in der existentialen Formel erhält, macht es sehr begreiflich, warum die Sprache außer ihr auch andere syntaktische Einkleidungen erfunden hat, aber mehr als ein Unterschied sprachlichen Ausdrucks liegt in der Verschwiegenheit der drei Sätze nicht vor, obwohl der berühmte Philosoph von Königsberg sich verleiten ließ, um derartiger Verschiedenheiten willen fundamentale Unterschiede der Urteile anzunehmen, und besondere apriorische Kategorien auf diese "Relation der Urteile" zu gründen.

Die Rückführbarkeit der kategorischen, ja die Rückführbarkeit aller Sätze, welche ein Urteil ausdrücken, auf Existentialsätze ist also zweifellos (33). Und dies dient in doppelter Weise die irrige Meinung derjenigen zu widerlegen, welche den wesentlichen Unterschied des Urteils von der Vorstellung darin finden wollten, daß es eine Verbindung von Merkmalen zum Inhalt hat. Einmal tritt bei der Rückführung des kategorischen auf den Existentialsatz das "Sein" des Existentialsatzes an die Stelle der Kopula und läßt so erkennen, daß es so wenig wie diese ein Prädikat enthält. Dann sieht man recht anschaulich, wie die Verbindng mehrerer Glieder, die man für die allgemeine und besondere Natur der Urteile so wesentlich glaubte, die Kombination von Subjekt und Prädikat, von Antezedens und Konsequens usw., in Wahrheit nichts anderes als Sache des sprachlichen Ausdrucks ist.

Hätte man dies von Anfang erkannt, so wäre wohl niemand auf den Gedanken gekommen, Vorstellungen und Urteile dadurch zu unterscheiden, daß der Inhalt der ersteren ein einfacher, der Inhalt der letzteren ein zusammegesetzter Gedanke ist. Denn in Wahrheit besteht hinsichtlich des Inhalts nicht der geringste Unterschied. Der Bejahende, der Verneinende und der ungewiß Fragende haben denselben Gegenstand im Bewußtsein: der letzte, indem er ihn bloß vorstellt, die beiden ersten, indem sie ihn zugleich vorstellen und anerkennen oder verwerfen. Und jedes Objekt, das Inhalt einer Vorstellung ist, kann unter Umständen auch Inhalt eines Urteils werden.

§ 8. Überblicken wir noch einmal rasch den Gang unserer Untersuchung in seinen wesentlichsten Momenten. Wir sagten, wenn man nicht zugibt, daß zwischen Vorstellung und Urteil ein Unterschied wie zwischen Vorstellung und Begehren, d. h. ein Unterschied in der Weise der Beziehung zum Gegenstand besteht, so leugnet doch niemand, daß  irgendein Unterschied  zwischen beiden anerkannt werden muß. Ein bloß äußerer Unterschied, eine bloße Verschiedenheit in den Ursachen oder Folgen kann aber dieser Unterschied offenbar nicht sein. Vielmehr ist er, wenn man die Verschiedenheit der Beziehungsweisen ausschließt, nur in zweifacher Weise denkbar; entweder als ein Unterschied in dem,  was  gedacht wird, oder als ein Unterschied der  Intensität, mit welcher  es gedacht wird. Wir prüften beide Hypothesen. Die zweite erwies sich sofort als hinfällig, aber auch die erste, zu der man zunächst eher geneigt sein konnte, zeigte sich bei näherer Betrachtung als völlig unhaltbar. Wenn eine noch immer sehr gewöhnliche Meinung dahin geht, daß die Vorstellung auf einen einfacheren, das Urteil auf einen zusammengesetzteren Gegenstand, auf eine Verbindung oder Trennung geht, so wiesen wir dagegen nach, daß auch bloße Vorstellungen diese zusammengesetzten Gegenstände, und andererseits auch Urteile jene einfacheren Gegenstände zum Inhalt haben. Wir zeigten, daß die Verbindung von Subjekt und Prädikat und andere derartige Kombinationen durchaus nicht zum Wesen des Urteils gehören. Wir begründeten dies durch die Betrachtung des affirmativen wie des negativen Existentialsatzes; wir bestätigten es durch den Hinweis auf unsere Wahrnehmungen, und endlich durch die Rückführung der kategorischen, ja aller Arten von Aussagen auf Existentialsätze. So wenig also ein Unterschied der Intensität, so wenig kann ein Unterschied des Inhalts es sein, was die Eigentümlichkeit des Urteils gegenüber der Vorstellung aus macht. Somit bleibt nichts anderes übrig als, wie wir es getan haben, die Eigentümlichkeit des Urteils als eine Besonderheit in der Beziehung auf den immanenten Gegenstand zu begreifen.

§ 9. Ich glaube, die eben beendete Eröterung ist eine kräftige Bestätigung unserer These; so zwar, daß sie jeden Zweifel daran niederschlägt. Dennoch wollen wir wegen der fundamentalen Bedeutung der Frage den Unterschied von Vorstellung und Urteil nochmals und von einer anderen Seite her beleuchten. Denn nicht bloß die Unmöglichkeit sonstwie von ihm Rechenschaft zu geben, auch vieles andere weist uns auf die Wahrheit hin, die nach unserer Behauptung unmittelbar in der inneren Erfahrung vorliegt.

Vergleichen wir zu diesem Zweck das Verhältnis von Vorstellung und Urteil mit dem Verhältnis zwischen zwei Klassen von Phänomenen, deren tiefgreifende Verschiedenheit in der Beziehung zum Objekt außer Frage steht: nämlich mit dem Verhältnis zwischen Vorstellungen und Phänomenen von Liebe und Haß. So sicher es ist, daß ein Gegenstand, der zugleich vorgestellt und geliebt, oder zugleich vorgestellt und gehaßt wird, in zweifacher Weise intentional im Bewußtsein ist: so sicher gilt dasselbe auch in betreff eines Gegenstandes, den wir zugleich vorstellen und anerkennen, oder zugleich vorstellen und leugnen.

Alle Umstände sind hier und dort analog; alle zeigen, daß, wenn in dem einen, auch in dem anderen Fall eine zweite, grundverschiedene Weise des Bewußtseins zu der ersten hinzugekommen ist.

Betrachten wir das im einzelnen.

Zwischen Vorstellungen finden wir keine  Gegensätze  außer die der Objekte, die in ihnen aufgenommen sind. Insofern Warm und Kalt, Licht und Dunkel, hoher und tiefer Ton und dgl. Gegensätze bilden, können wir die Vorstellung des einen und des anderen entgegengesetzte nennen; und in einem anderen Sinn findet sich überhaupt auf dem ganzen Gebiet dieser Seelentätigkeiten kein Gegensatz.

Indem Liebe und Haß hinzutreten, tritt eine ganz andere Art von Gegensätzen auf. Ihr Gegensatz ist kein Gegensatz zwischen den Objekten, denn derselbe Gegenstand kann geliebt und gehaßt werden: er ist ein Gegensatz zwischen den Beziehungen zum Objekt; gewiß ein deutliches Zeichen, daß wir es hier mit einer Klassen von Phänomenen zu tun haben, bei welchen der Charakter der Beziehung zum Objekt ein durchaus anderer als bei den Vorstellungen ist.

Ein ganz analoger Gegensatz tritt aber unverkennbar auch dann im Bereich der Seelenerscheinungen auf, wenn sich nicht Liebe und Haß, sondern Anerkennung und Leugnung auf die vorgestellten Gegenstände richten.

Ferner (34). In den Vorstellungen findet sich keine  Intensität  außer der größeren oder geringeren Schärfe und Lebhaftigkeit der Erscheinung.

Indem Liebe und Haß hinzukommen, kommt eine ganz neue Gattung von Intensität hinzu, die größere oder geringere Energie, die Heftigkeit oder Mäßigung in der Gewalt dieser Gefühle.

In ganz analoger Weise finden wir aber auch eine vollkommen neue Gattung von Intensität in dem zur Vorstellung hinzutretenden Urteil. Denn das größere oder geringere Maß von Gewißheit in Überzeugung oder Meinung ist offenbar nichts, was dem Unterschied in der Stärke der Vorstellungen verwandter genannt werden könnte als der Unterschied in der Stärke der Liebe.

Noch mehr. In den Vorstellungen wohnt  keine Tugend und keine sittliche Schlechtigkeit, keine Erkenntnis und kein Irrtum.  Das alles ist ihnen innerlich fremd, und höchstens in homonymer Weise können wir eine Vorstellung sittlich gut oder schlecht, wahr oder falsch nennen; wie z. B. eine Vorstellung schlecht genannt wird, weil, wer das Vorgestellte liebt, sündigen, und eine andere falsch, weil, wer das Vorgestellte anerkent, irren würde; oder auch, weil in der Vorstellung eine Gefahr zu jener Liebe, eine Gefahr zu dieser Anerkennung gegeben ist. (35)

Das Gebiet der Liebe und des Hasses zeigt uns also eine ganz neue Gattung von Vollkommenheit und Unvollkommenheit, von welcher das Gebiet der Vorstellung nicht die leiseste Spur enthält. Indem sich Liebe und Haß zu den Vorstellungsphänomenen gesellen, tritt - wenigstens häufig, und da, wo es sich um zurechnungsfähige psychische Wesen handelt - das sittlich Gute und Böse in das Reich der Seelentätigkeit ein.

Doch auch hier gilt in Bezug auf das Urteil Ähnliches. Denn die andere eben so neue und wichtige Gattung von Vollkommenheit und Unvollkommenheit, an der, wie wir sagten, kein bloßes Vorstellen Teil hat, ist in ähnlicher Weise das Eigentum des Gebietes des Urteils, wie die erstgenannte das Eigentum des Gebietes der Liebe und das Hasses ist. Wie die Liebe und der Haß Tugend oder Schlechtigkeit sind, so sind die Anerkennung oder Leugnung Erkenntnis oder Irrtum.

Endlich noch eines. Obwohl von den Gesetzen des Vorstellungsverlaufs nicht unabhängig, unterliegen doch Liebe und Hauß, als eine besondere, in der ganzen Weise des Bewußtseins grundverschiedene Gattung von Phänomenen, noch  besonderen Gesetzen der Sukzession und Entwicklung,  welche vornehmlich die psychologische Grundlage der Ethik ausmachen. Sehr häufig wird ein Gegenstand wegen eiens anderen geliebt oder gehaßt, während er uns an und für sich in keiner von beiden Weisen oder vielleicht nur in einer entgegengesetzten bewegen würde. Und oft haftet die Liebe, einmal in dieser Weise übertragen, ohne Rücksich auf den Ursprung bleibend am neuen Objekt.

Auch in dieser Hinsicht aber finden wir eine ganz analoge Tatsache bei den Urteilen. Auch bei ihnen kommen zu den allgemeinen Gesetzen des Vorstellungsverlaufs, deren Einfluß auf dem Gebiet des Urteils nicht zu verkennen ist, noch besondere Gesetze hinzu, die speziell für die Urteile Geltung haben, und in ähnlicher Beziehung zur Logik, wie die Gesetze der Liebe und des Hasses zur Ethik stehen. Wie  eine  Liebe aus der anderen nach besonderen Gesetzen entsteht, so wird  ein  Urteil aus dem anderen nach besonderen Gesetzen gefolgert.

So sagt dann mit Recht JOHN STUART MILL in seiner Logik der Geisteswissenschaften: "In betref des  Glaubens  werden die Psychologen immer  durch spezifisches Studium  nach den Regeln der Indukton zu untersuchen haben, welchen Glauben wir durch unmittelbares Bewußtsein haben, und nach welchen Gesetzen ein Glaube den anderen erzeugt; welches die Gesetze sind, kraft deren ein Ding, mit Recht oder mit Unrecht, von unserem Geist als Beweis für ein anderes Ding angesehen wird. In Bezug auf das  Begehren  werden sie ebenso zu untersuchen haben, welche Gegenstände wir ursprünglich begehren, und welche Ursachen uns dazu führen, Dinge zu begehren, die uns ursprünglich gleichgültig oder sogar unangenehm sind usw." (36) Dem entsprechend verwirft er in seinen Noten zur Analyse von JAMES MILL nicht bloß die Ansicht des Verfassers sowie HERBERT SPENCERs, daß der Glaube in einer untrennbar festen Assoziation von Vorstellungen besteht, sondern er leugnet auch, daß, wie diese beiden Denker notwendig annehmen mußten, daß sich der Glaube nur nach den Gesetzen der Ideenassoziation bildet. "Wäre dies der Fall", sagt er, "so würde das Fürwahrhalten eine Sache der Gewohnheit und des Zufalls und nicht der Vernunft sein. Sicher ist eine Assoziation zwischen zwei Vorstellungen so stark sie auch sein mag, kein hinreichender  Grund  des Fürwahrhaltens; sie ist kein Beweis dafür, daß die betreffenden Tatsachen in der äußeren natur verbunden sind. Die Theorie scheint jeden Unterschied aufzuheben zwischen dem Fürwahrhalten des Weisen, welches durch Beweisgründe geleitet wird und den wirklichen Sukzessionen und Koexistenzen der Tatsachen in der Welt entspricht, und dem Fürwahrhalten eines Toren, welches durch irgendeine zufällige Assoziation, welche die Vorstellung einer Sukzession oder Koexistenz im Geist hervorruft, mechanisch hervorgebracht worden ist, einem Fürwahrhalten, das treffend charakterisiert wird durch die gemeinhin übiche Bezeichnung,  etwas für wahr halten, weil man es sich in den Kopf gesetzt hat."  (37)

Es wäre überflüssig, jetzt länger bei einem Punkt zu verweilen, der genügend klar und, mit geringen Ausnahmen, auch von allen Denkern anerkannt wird. Spätere Erörterungen werden das, was hier über die besonderen Gesetze der Urteile und der Gemütsbewegungen gesagt worden ist, noch mehr ins Licht setzen. (38)

Unser Ergebnis ist also dieses: Aus der Analogie aller begleitenden Verhältnisse ist aufs neue ersichtlich, daß, wenn zwischen Vorstellung und Liebe, und überhaupt irgendwo zwischen zwei verschiedenen psychischen Phänomenen, auch zwischen Vorstellung und Urteil eine fundamentale Verschiedenheit der Beziehung zum Objekt angenommen werden muß.

§ 10. Fassen wir die Beweisgründe für diese Wahrheit kurz zusammen, so sind es folgende:
     Erstens  zeigt die innere Erfahrung unmittelbar die Verschiedenheit in der Beziehung auf den Inhalt, die wir für Vorstellung und Urteil behaupten.

     Zweitens  würde, wenn nicht ein solcher, überhaupt kein Unterschied zwischen ihnen bestehen. Weder die Annahme einer verschiedenen Intensität, noch die Annahme eines verschiedenen Inhaltes für die bloße Vorstellung und das Urteil ist haltbar.

     Drittens  endlich findet man, wenn man den Unterschied von Vorstellung und Urteil mit anderen Fällen psychischer Unterschiede vergleicht, daß von allen Eigentümlichkeiten, welche sich anderswo zeigen, wo das Bewußtsein in völlig verschiedenen Weisen zu einem Gegenstand in Beziehung tritt, auch hier nicht eine einzige mangelt. Also, wenn nicht hier, so dürften wir wohl auch in keinem anderen Fall einen solchen Unterschied auf psychischem Gebiet anerkennen.
§ 11. Es bleibt uns nun noch  eine  Aufgabe zu lösen. Außer dem Irrtum in der gewöhnlichen Ansicht müssen wir auch den Anlaß des Irrtums nachweisen.

Die Ursachen der Täuschung waren, wie mir scheint, von doppelter Art. Der eine Grund war ein  psychischer,  d. h. eine psychische Tatsache, welche die Täuschung begünstigte; der andere ein  sprachlicher. 

Der  pyschische  Grund scheint mir vorzüglich darin zu liegen, daß in jedem Akt des Bewußtseins, so einfach er auch sein mag, wie z. B. in dem, worin ich einen Ton vorstelle, nicht bloß eine Vorstellung, sondern zugleich auch ein Urteil, eine Erkenntnis beschlossen ist. Es ist dies die Erkenntnis des psychischen Phänomens im inneren Bewußtsein, deren Allgemeinheit wir früher nachwiesen. (39) Dieser Umstand, der manche Denker dazu veranlaßt hat, alle psychischen Phänomene unter den Begriff des Erkennens als unter eine einheitliche Gattung zu subsumieren, hat andere bestimmt, wenigstens Vorstellung und Urteil, weil sie nie getrennt erscheinen, in eins zu fassen, indem sie nur für die Phänomene, die, wie Gefühle und Bestrebungen, in besonderen Fällen hinzukommen, besondere neue Klassen aufstellten.

Ich brauche, um diese Bemerkung zu bestätigen, nur eine schon früher einmal angezogene Stelle aus HAMILTONs Vorlesungen in Erinnerung zu bringen. "Es ist offenbar", sagte er, "daß jedes psychische Phänomen entweder ein Akt der Erkenntnis oder einzig und allein durch einen Akt der Erkenntnis möglich ist,  denn das innere Bewußtsein ist eine Erkenntnis;  und das ist der Grund, weshalb viele Philosophen - wie DESCARTES, LEIBNIZ, SPINOZA, WOLFF, PLATNER u. a. - dazu geführt wurden, die vorstellende Fähigkeit, wie sie sie nannten, die Fähigkeit der Erkenntnis, als das Grundvermögen der Seele zu betrachten, von dem sich alle anderen ableiten. Die Antwort darauf ist leicht. Jene Philosophen beachteten nicht, daß, obwohl Lust und Unlust, Begierde und Willen bloß sind, insofern sie als seiend erkannt werden, dennoch in diesen Modifikationen ein  absolut  neues Phänomen hinzugekommen ist, welches nie in der bloßen Fähigkeit der Erkenntnis enthalten war, und daher auch nie daraus entwickelt werden konnte.  Die Fähigkeit der Erkenntnis ist sicher die erste  der Ordnung nach und insofern die condition sine qua non [Grundvoraussetzung - wp] der übrigen usw." (40)

Wir sehen, weil kein psychisches Phänomen möglich ist, außer insofern es von innerer Erkenntnis begleitet ist, so glaubt HAMILTON, ein Erkennen sei der Ordnung nach das erste in uns, und unterscheidet, indem er das Vorstellen mit ihm in eines faßt, nur noch für Gefühl und Streben besondere Klassen. In der Tat es es aber nicht richtig, daß ein Erkennen der Ordnung nach das erste ist, da ein solches zwar in jedem und darum auch in einem ersten psychischen Akt auftritt, aber nur sekundär. Das primäre Objekt des Aktes ist nicht immer erkannt (sonst könnten wir nie etwas falsch beurteilen) und auch nicht immer beurteilt (sonst würden die Frage und Untersuchung darüber wegfallen), sondern oft und in den einfachsten Akten nur vorgestellt. Und auch hinsichtlich des sekundären Objekts bildet die Erkenntnis in gewisser Weise nur das zweite Moment, indem sie wie jedes Urteil die Vorstellung des Beurteilten zur Vorbedingung hat, also diese (wenn auch nicht zeitlich, doch der Natur nach) das Frühere ist.

Auf dieselbe Weise, wie HAMILTON für die Erkenntnis, könnte man auch für das Gefühl den ersten Platz in der Ordnung der Phänomene in Anspruch nehmen und infolge davon auch dieses mit Vorstellung und Urteil konfundieren. Denn, wie wir gesehen haben, kommt auch ein Gefühl als sekundäres Phänomen in jedem psychischen Akt vor. (41) Wenn dieses nicht oder doch nicht so häufig wie die Allgemeinheit der begleitenden inneren Wahrnehmung zu einem ähnlichen Mißgrif veranlaßte, so erklärt sich das nur daraus, daß einerseits die Allgegenwart der Gefühle nicht so allgemein erkannt wurde und andererseits gewisse Vorstellungen uns wenigstens relativ gleichgültig lassen, und dieselbe Vorstellung zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen, ja entgegengesetzten Gefühlen begleitet ist (42). Die innere Wahrnehmung dagegen besteht immer und wechsellos mit derselben Fülle der Überzeugung, und wenn sie einem Unterschied der Intensität unterliegt, so ist es ein solcher, der mit einer Intensität des von ihr begleiteten Phänomens in gleichem Grad steigt und fällt (43).

Dies also ist, was ich den psychischen Grund des Irrtums nannte.

§ 12. Zu ihm kommt, wie gesagt, auch ein  sprachlicher. 

Wir können nicht erwarten, daß Verhältnisse, die sogar scharfsinnigen Denkern der Anlaß einer Täuschung wurden, nicht auch auf die gewöhnlichen Ansichten einen Einfluß gewonnen haben sollten. Aus diesem aber erwächst die Sprache des Volkes. Und so müssen wir von vornherein vermuten, daß unter den Namen, mit welchen das gemeine Leben die psychischen Tätigkeiten zu bezeicnen pflegt, sich einer findet, welcher auf Vorstellungen wie Urteile, aber auf kein anderes Phänomen anwendbar, beide wie zu einer einheitlichen, weiteren Klasse gehörig zusammenfaßt. Dies zeigt sich in der Tat. Wir nennen Vorstellen und Urteilen mit gleicher Ungezwungenheit ein Denken; auf ein Fühlen oder Wollen dagegen können wir den Ausdruck nicht wohl anwenden, ohne der Sprache Gewalt anzutun. Auch finden wir in fremden Sprachen, antiken wie modernen, Bezeichnungen, die in demselben Umfang gebräuchlich sind.

Wer die Geschichte der wissenschaftlichen Bestrebungen kennt, wird mir nicht widersprechen, wenn ich diesem Umstand einen hindernden Einfluß zuschreibe. Wenn sehr berühmte Philosophen der Neuzeit, ein um das andere Mal, sogar dem Paralogismus der Äquivokation erlegen sind, wie sollte nicht eine Gleichheit der Benennung bei der Klassifikation eines Erscheinungsgebietes verführerisch für sie gewesen sein? WHEWELL in seiner Geschicht der induktiven Wissenschaften zeigt solche Versehen und andere ihnen verwandte Fehler in reichen Beispielen; denn wie zu einem Verbinden, wo keine Gleichheit, so führte die Sprache oft zu einem Unterscheiden, wo keine Verschiedenheit vorlag, und die Scholastiker waren nicht die einzigen, die Distinktionen auf bloße Worte gründeten. Es ist also sehr natürlich, wenn die Homonymie des Namens "Denken" in unserem Fall nachteilig gewirkt hat.

§ 13. Aber weit mehr ohne Zweifel hat eine andere Eigenheit des sprachlichen Ausdrucks die Erkenntnis des richtigen Verhältnisses erschwert.

Die Aussage eines Urteils ist, man kann sagen, durchgehend ein Satz, eine Verbindung mehrerer Worte, was sich auch von unserem Standpunkt leicht begreifen läßt. Es hängt damit zusammen, daß eine Vorstellung die Grundlage eines jeden Urteils ist, und daß bejahende und verneinende Urteile hinsichtlich des Inhalts, auf den sie sich beziehen, übereinstimmen, indem das negative Urteil nur den Gegenstand leugnet den das entsprechende affirmative anerkennt. Obwohl der Ausdruck des Urteils der vorzügliche Zweck sprachlicher Mitteilung war, so war es daher sehr naheliegend, den einfachsten sprachlichen Ausdruck, das einzelne Wort, nicht für sich allein zu verwenden. Benützte man es für sich als den Ausdruck der einem Urteilspaar gemeinsam zugrunde liegenden Vorstellung, und fügte man, um Ausdrücke für die Urteile selbst zu erhalten, eine doppelte Art von Flektion oder auch eine doppelte Art von stereotypen Wörtschen (wie "sein" und "nicht sein") hinzu, so ersparte man durch diesen einfachen Kunstgriff dem Gedächtnis die Hälfte der Leistung, indem dieselben Namen in den affirmativen und in den entsprechenden negativen Urteilen Verwendung fanden. Außerdem hatte man den Vorteil, bei der Weglassung jener Ergänzungszeichen den Ausdruck einer anderen Klassen von Phänomenen, der Vorstellungen auch für Begehren und Fühlen die Grundlagen sind, in Fragen, in Ausrufungen, in Befehlen usw. noch weitere treffliche Dienste leisten konnte.

So konnte es nicht fehlen, daß längst vor den Anfängen eigentlich wissenschaftlicher Forschung der Ausdruck des Urteils eine Zusammensetzung aus mehreren unterscheidbaren Bestandteilen geworden war.

Danach bildete man sich die Ansicht, das Urteil selbst müsse ebenfalls eine Zusammensetzung, und zwar - da die Mehrzahl der Worte Namen, Ausdrücke von Vorstellungen, sind - eine Zusammensetzung von Vorstellungen sein (44). Und stand das einmal fest, so schien ein unterscheidendes Merkmal des Urteils von der Vorstellung gegeben, und man fühlte sich nicht aufgefordert näher zu untersuchen, ob dies der ganze Unterschied zwischen Vorstellung und Urteil sein kann, ja ob sich ihre Verschiedenheit nur irgendwie in dieser Weise begreifen läßt.

Nach all dem vermögen wir es uns recht wohl zu erklären, weshalb das wahre Verhältnis zwischen zwei fundamental verschiedenen Klassen psychischer Erscheinungen so lange Zeit verborgen blieb.

§ 14. Inzwischen hat natürlich die falsche Wurzel mannigfache Schößlinge des Irrtums hervorgetrieben, welche in weiter Verzweigung nicht bloß über das Gebiet der Psychologie, sondern auch über das der Metaphysik und Logik sich ausbreiteten. Das ontologische Argument für das Dasein Gottes ist nur eine ihrer Früchte. Die gewaltigen Kämpfe, welche die mittelalterlichen Schulen über  essentia  und  esse,  ja über  esse essentiae  und  esse existentiae  führten, geben von den konvulsivischen Anstrengungen einer energischen Denkkraft Zeugnis, welche sich müht des unverdaulichen Elementes Herr zu werden. THOMAS, SCOTUS, OCKHAM, SUAREZ - alle beteiligen sich lebhaft an diesem Kampf; jeder hat in der Polemik, keiner in seinen positiven Aufstellungen Recht. Immer dreht sich die Frage nur darum, ob die Existenz des Wesens eine andere, oder ob sie dieselbe Realität wie das Wesen sei. SCOTUS, OCKHAM, SUAREZ leugnen mit Recht, daß sie eine andere Realität sei (was besonders SCOTUS sehr hoch anzurechnen und schier bei ihm wie ein Wunder zu betrachten ist); aber sie fallen infolge dessen in den Irrtum, die Existenz eines jeden Dings gehört zum Wesen des Dings selbst, sie betrachteten dieselbe als seinen allgemeinsten Begriff. Hier war nun der Widerspruch der Thomisten im Recht, obwohl ihre Kritik den eigentlich schwachen Punkt nicht traf und sich vornehmlich auf die Grundlage gemeinsamer irriger Annahmen stützte. Wie, rifen sie, die Existenz eines jeden Dings sein allgemeinster Begriff? - Das ist unmöglich! - Würde doch seine Existenz sich dann aus seiner Definition ergeben, und folglich die Existenz des Geschöpfs so selbstevident und von vornherein notwendig wie die des Schöpfers selber sein. Aus der Definition eines kreatürlichen Seins ergibt sich nicht mehr, als daß es ohne Widerspruch, also möglich ist. Das Wesen einer Kreatur ist demnach ihre bloße Möglichkeit, und jede wirkliche Kreatur ist aus zwei Bestandteilen, aus einer realen Möglichkeit und einer realen Wirklichkeit zusammengesetzt, deren eine von der anderen im Existentialsatz ausgesagt wird, und die sich ähnlich wie nach ARISTOTELES Materie und Form in den Körpern zueinander verhalten. Die Grenzen der Möglichkeit sind natürlich auch die der in ihr aufgenommenen Wirklichkeit. Und so ist die Existenz, die ansich etwas Schrankenloses und Allumfassendes wäre, in der Kreatur eine beschränkte. Anders ist es bei Gott. Er ist das in sich selbst notwendig Seiende, auf welches alles Zufällige zurückweist. Er ist also nicht aus Möglichkeit und Wirklichkeit zusammengesetzt. Sein Wesen ist seine Existenz; die Behauptung, daß er nicht sei, ein Widerspruch. Und eben darum ist er unendlich. In keiner Möglichkeit aufgenommen, ist die Existenz bei ihm unbeschränkt; und so ist er der Inbegriff aller Realität und Vollkommenheit.

Das sind hochfliegende Spekulationen, die aber niemanden mehr mit sich über die Wolken erheben werden. Bezeichnend ist es aber, daß ein eminenter Denker, wie THOMAS von AQUIN sicher einer war, wirklich mittels eines solchen Beweises die unendliche Vollkommenheit des Urgrundes der Welt dargetan zu haben glaubte. Ich brauche demnach nicht mehr auf die allbekannten Beispiele der neueren Metaphysik zu verweisen, welche den nachteiligen Einfluß irriger Anschauungen über die Urteile und das, was damit in einem nächsten Zusammenhang steht, nicht minder anschaulich machen können. (45)

§ 15. Auch in der Logik hat die Verkennung des Wesens der Urteile mit Notwendigkeit weitere Irrtümer erzeugt. Ich habe den Gedanken nach dieser Seite in seine Konsequenzen verfolgt und gefunden, daß er zu nichts Geringerem als zu einem völligen Umsturz aber auch zu einem Wiederaufbau der elementaren Logik führt. Und alles wird dann einfacher, durchsichtiger und exakter. Nur in einigen Beispielen will ich den Kontrast zwischen den Regeln dieser reformierten Logik und der althergebrachten nachweisen, indem uns hier die vollständige Durchführung und Begründung natürlich zu lange aufhalten und zu weit von unserem Thema abführen würde. (46)

An diese Stelle der früheren Regeln von den kategorischen Schlüssen treten als Hauptregeln, die eine unmittelbare Anwendung auf jede Figur gestatten, und für sich allein zur Prüfung eines jeden Syllogismus vollkommen ausreichend sind, folgende drei:
    1.  Jeder kategorische Syllogismus enthält vier Termini von denen zwei einander entgegengesetzt sind und die beiden anderen zweimal zu stehen kommen. 

    2.  ist der Schlußsatz negativ, so hat jede der Prämissen die Qualität und einen Terminus mit ihm gemein. 

    3.  Ist der Schlußsatz affirmativ, so hat die eine Prämisse die gleiche Qualität und einen gleichen Terminus, die andere die entgegengesetzte Qualität und einen entgegengesetzten Terminus. 
Das sind Regeln, die ein Logiker der alten Schule zunächst nicht ohne Grauen hören wird. Vier Termini soll jeder Syllogismus haben: und er hat die Quaternio terminorum immer als Paralogismus verdammt. (47) Negative Schlußsätze sollen lauter negative Prämissen haben: und er hat immer gelehrt, daß aus zwei negativen Prämissen nichts gefolgert werden kann. Auch unter den Prämissen des affirmativen Schlußsatzes soll sich ein negatives Urteil finden: und er hätte darauf geschworen, daß er unumgänglich zwei affirmative Prämissen verlangt. Ja, für einen kategorischen Schluß aus affirmativen Prämissen ist gar kein Raum gelassen: und er hatte doziert, daß die affirmativen Prämissen die vorzüglichsten sind, indem er, wo eine negative sich dazu gesellte, diese als die "pejor pars" [üblen Teil - wp] bezeichnete. Von "allgemein" und "partikulär" endlich hört man in den neuen Regeln gar nichts: und er hatte diese Ausdrücke sozusagen immer im Mund geführt. Und haben nicht seine alten Regeln sich bei der Prüfung der Syllogismen so geeignet erwiesen, daß nun umgekehrt wieder die tausend an ihrem Maßstab gemessenen Schlüsse für sie selbst Probe und Bewährung sind? Sollen wir den berühmten Schluß: "Alle Menschen sind sterblich, Cajus ist ein Mensch, also ist Cajus sterblich", und alle seine Begleiter nicht mehr als bündig anerkennen? - Das scheint eine unmögliche Zumutung.

Doch so schlimm steht die Sache auch nicht. Da die Fehler, aus welchen die früheren Regeln der Syllogistik entsprangen, in der Verkennung der Natur der Urteile nach Inhalt und Form bestanden, so glichen sie, bei der Anwendung derselben konsequent festgehalten, meistens ihre nachteilige Wirkung selber aus. (48) Von allen Schlüssen, die man nach den bisherigen Regeln für richtig erklärte, waren nur die nach vier Modis gefolgerten ungültig, wogegen auf der anderen Seite freilich auch eine nicht unbedeutende Zahl richtiger Modi übersehen wurde (49).

Schädlicher waren die Folgen in der Lehre von den sogenannten unmittelbaren Schlüssen. Nicht bloß von den sogenannten unmittelbaren Schlüsen. Nicht bloß ist z. B. die richtige Regel für die Konversion, daß jeder kategorische kategorische Satz simpliciter konvertibel ist (man muß nur über das wahre Subjekt und über das wahre Prädikat im Klaren sein), sondern man erklärte nach den alten Regeln auch viele Konversionen für gültig, die in Wahrheit ungültig sind, und umgekehrt. Bei den sogenannten Schlüssen durch Subalternation und Opposition ergibt sich dasselbe. (50) Auch stellt sich, wenn man kritisch die alten Regeln miteinander im Widerspruch stehen, so daß, was nach der einen als gültig nach der anderen als ungültig zu bezeichnen wäre.

§ 16. Doch wir überlassen es einer künftigen Revision der Logik, dies im Einzelnen auszuführen und zu bewähren (51). Uns geben hier weniger die nachteiligen Folgen an, welche die Verkennung der Natur des Urteils für Logik oder Metaphysik hatte,, als diejenigen, welche sich für die Psychologie ergaben und, wegen des Verhältnisses der Psychologie zur Logik, allerdings auch für diese ein neues Hindernis fruchtbarer Entwicklung wurden. Die bisherige Psychologie hat, man kann sagen, durchwegs die Erforschung der Gesetze der Entstehen der Urteile in ungebührlicher Weise vernachlässigt; und das kam daher, weil man immer Vorstellen und Urteilen als "Denken" zu einer Klasse zusammenrechnete, und mit der Erforschung der Gesetze der Aufeinanderfolge der Vorstellungen auch für die Urteile das Wesentliche getan glaubte. So sagt selbst ein so eminenter Psychologe wie HERMANN LOTZE: "In bezug auf die Urteilskraft und Einbildungskraft werden wir ohne Bedenken zugeben, daß diese beiden nicht zum angeborenen Besitz der Seele gehören, sondern Fertigkeiten sind, die sich durch die Bildung des Lebens, die eine langsam, die andere schnell entwickeln. Wir werden zugleich zugestehen, daß zur Erklärung ihrer Entstehung  nichts als die Gesetze des Vorstellungslaufes nötig sind".  (52) Hier zeigt sich der Grund des großen Versäumnisses unverhüllt. Er lag in der mangelhaften Klassifikation, die LOTZE von KANT übernommen hatte.

Richtiger hat hier JOHN STUART MILL geurteilt. In den früher von uns zitierten Stellen sahen wir ihn mit Nachdruck eine spezifische Erforschung der Gesetze des Fürwahrhaltens als unumgängliches Bedürfnis betonen. Eine bloße Ableitung aus den Gesetzen des Vorstellungsverlaufs schien ihm in keiner Weise genügend. Aber die Vorstellungsverbindung, die Zusammensetzung von Subjekt und Prädikat, die er bei sonst sehr richtigen Ansichten über die Natur des Urteils immer noch für wesentlich hielt, ließ den Charakter desselben als einer besonderen, den andern ebenbürtigen Grundklasse nicht hinreichend hervortreten. Und so ist es gekommen, daß nicht einmal BAIN, der MILL so nahe stand die von ihm gegebenen Wink zur Ausfüllung einer weitklaffenden Lücke der Psychologie benützt hat.

Das Wort, welches die Scholastik von ARISTOTELES ererbt hatte, "parvus error in principio maximus in fine" hat sich also in unserem Fall nach jeder Seite hin bewährt.
LITERATUR - Franz Brentano, Von der Klassifikation der psychischen Phänomene [Neue, durch Nachträge stark vermehrte Ausgabe der betreffenden Kapitel der Psychologie vom empirischen Standpunkt] Leipzig 1911
    Anmerkungen
    1) Psychologie vom empirischen Standpunkt, Buch I, Kap. 3, § 5
    2) Psychologie vom empirischen Standpunkt, Buch II, Kap. 1, § 3
    3) Viel enger fassen MEYER (Kants Psychologie), BERGMANN (Vom Bewußtsein), WUNDT (Physiologische Psychologie) u. a. den Begriff der Vorstellung, während z. B. HERBART und LOTZE den Namen ähnlich wie wir gebrauchen. Es gilt hier, was wir früher in Bezug auf den Namen  Bewußtsein  bemerkten (Buch II, Kap. 2, § 1). Man wird am besten tun, den Namen so zu gebrauchen, daß er am meisten eine Lücke in der Terminologie auszufüllen dient. Nun besitzen wir für jene spezielleren Klassen auch andere Ausdrücke, während uns für unsere erste Grundklasse kein anderer gegeben ist. Somit scheint die Verwendung in diesem allgemeinsten Sinn geboten.
    4) Wie KANT, wenn er das eine seiner drei Grundvermögen  Begehrungsvermögen  nennt, und ARISTOTELES, indem er  orexis  [Streben, Verlangen - wp] als Namen einer Grundklasse verwendet.
    5) Die Weise, in welcher ich hier den Namen "Inhalt" gebrauche, und welche ich, meiner Absicht getreuer Reproduktion entsprechend, auch in dieser Ausgabe beibehalte, ist kaum empfehlenswert. Sie entfernt sich von dem, was gemeinhin üblich ist. Denn niemand dürfte vom Urteil "Gott ist" sagen, daß es mit dem Urteil "Gott ist nicht" denselben Inhalt hat, weil es mit ihm dasselben Objekt hat. In den Bemerkungen, die ich in dieser Ausgabe als Anhang beifüge, habe ich selbst das Wort "Inhalt" nicht in diesem, hier ihm gegebenen ungewöhnlichen Sinn genommen, sondern mich an den gemeinhin üblichen gehalten.
    6) JOHN STUART MILL In einer Note zur "Analysis of the Phenomena of the Human Mind" von JAMES MILL, Bd. 1, Seite 402
    7) ALEXANDER BAIN, The Emotions and the Will.
    8) BAIN, Mental and Moral Science, London 1872, Note on the chapter on Belief, Anhang Seite 100.
    9) JAMES MILL, Analysis of the Phenomena of the Human Mind, Chapter XI
    10) HERBERT SPENCER, Principles of Psychology I, London und Edinburgh 1870. Siehe darüber JOHN STUART MILL in einer Note zu dem eben zitierten Kapitel der "Analysis etc." Seite 402.
    11) JOHN STUART MILL, Logik I, Kap. 5, § 1
    12) "The characteristic difference between a predication and any other form of speech, ist eht it does not merley bring to mind a certain object . . .; it  asserts  something respecting it . . . Whatever view we adopt of the psychological nature of Belief, it is necessary to distinguish between the mere suggestion to the mind of a certain order among sensations or ideas - such as takes place when we think of the alphabet, or the numeration table - and the indication that order is an actual fact, which is occurring, or which has occured once or oftener, or which, in certain definite circumstances, always occurs; which aer the things indicated as true by an affirmative predication, and as false by a negative one. (Analysis of the Phenomena of the Human Mind, Chap. IV, Kap. 4, Note 48, Seite 162.
    13) Analysis etc. a. a. O. Seite 187, Note 55
    14) Analysis, Chap. X. Seite 329, Note 91
    15) "that the distinction is ultimate and primodial". (Analysis etc. a. a. O. Seite 412
    16) Sowohl in seiner Logik gibt sie sich zu erkenen, wo MILL vom Inhalt der Urteile handelt (Buch I, Kap. 5) als auch in seinen Noten zum genannten Werk seines Vaters. So z. B. in folgende Stelle: "I think it is true, that every assertion, every object of Belief, - everything that can be true or false - that can be an object of assent or dissent - is some order of sensations or of ideas: some coexistence or succession of sensations or ideas actually experienced, or supposed capable of being experienced." (a. a. O. Chap. IV, Note 48, Seite 162).
    17) Psychologie vom empirschen Standpunkt, Buch II, Kap. 3, § 1
    18) Im Sinne HUMEs, siehe Psychologie vom emp. etc, Buch I, Kap. 1, § 2, Seite 15
    19) Er fährt fort: There ist no more difficulty in holding it to be so, than in holding the difference between a sensation and an idea to be primordial. It seems almost another aspect of the sam difference. Ebenso sagt er im Verlauf derselben Abhandlung: The difference (between recognizing something as a reality in nature, and regarding it as mere thougt of our own) presents itself in its most elementary form in the distinction between a sensation an an idea (a. a. O. Seite 419)
    20) Übersetzung von GOMPERZ, Anhang III, Seite 373
    21) Auch diese Bestimmungen gebe ich nach KANT. Daß sie eigentlich nicht auf die betreffenden Urteile passen (was aus den folgenden Untersuchungen hervorgehen wird), hindert nicht, daß sie, wegen ihrer Übereinstimmung mit der Ansicht, die man gemeinhin von ihnen hat, sie genugsam kennzeichnen.
    22) Daß KANT die Urteile der Existentialsätze noch mit den zu den kategorischen Urteilen rechnete, ersieht man daraus, daß er ihrer bei der Relation der Urteile nicht besonders erwähnt. - - - Ganz ebenso nahe wie KANT ist eim Mittelalter THOMAS von AQUIN der Wahrheit gekommen, und merkwürdigerweise in Reflexion auf denselben Satz "Gott ist". Auch nach ihm soll das "ist" kein reales Prädikat, sondern ein Zeichen des Fürwahrhaltens sein. (Summ. Theol. P. I. Q 3, A. 4 ad 2) Aber auch er hält dennoch den Satz für kategorisch (ebd) und glaubt, daß das Urteil einen Vergleich unserer Vorstellung mit ihrem Gegenstand enthält, was nach ihm von jedem Urteil gelten soll. (Q. 16, A. 2) Daß dies unmöglich ist, haben wir früher gesehen. (Vgl. Psychologie vom emp. etc. Buch II, Kap. 3, § 2, Seite 182f
    23) Vgl. dazu MORITZ DROBISCH, Logik, Seite 61
    24) TRENDELENBURG, Logische Untersuchungen II, Seite 208. Vgl. auch das Zitat aus SCHLEIERMACHER (ebd. Seite 214, Anm. 1). Anklänge an die richtige Auffassung der Existentialsätze finden sich schon bei ARISTOTELES. Doch scheint er nicht zu voller Klarheit über sie gelangt zu sein. In seiner Metaphysik Φ 10 lehrt er, daß, da die Wahrheit des Denkens in seiner Übereinstimmung mit den Dingen besteht, die Erkenntnis einfacher Gegenstände im Gegensatz zu anderen Erkenntnissen nicht eine Verbindung oder Trennung von Merkmalen, sondern ein einfaches Denken, ein Wahrnehmen (er nennt es Berühren) sein muß. In der Schrift "De interpretatione" (Kap. 3) spricht er klar aus, daß das "Sein" der Kopula nicht etwas für sich bedeutet wie ein Name, sondern nur den Ausdruck eines Urteils ergänzt, und von diesem "Sein" der Kopula hat er das "Sein" im Existentialsatz nie als etwas wesentlich anderes, und als etwas, was schon für sich eine Bedeutung hat, unterschieden. ZELLER sagt mit Recht: "Daß jeder Satz, selbst der Existentialsatz, logisch betrachtet aus drei Bestandteilen besteht, sagt ARISTOTELES nirgends." Und er macht darauf aufmerksam, wie vielmehr manches eine entgegengesetzte Ansicht bei ARISTOTELES erkennen läßt (Philosophie der Griechen II, 2, Seite 158, Anm. 2) Wäre dies richtig, so würde ARISTOTELES hierdurch nicht hinter der Lehre der gewöhnlichen späteren Logik zurückstehen, wie ZELLER zu glauben scheint, sondern im Gegenteil hier wie in manchem anderen Punkt eine richtigere Anschauung antizipiert haben. (Man vgl. auch die Reprodukton der aristotelischen Lehre bei THOMAS von AQUIN, Summ. Theol. P. I, Q. 85, A. 5)
    25) JOHN STUART MILL, Deduktive und induktive Logik I (Übersetzung SCHIEL), Seite 93
    26) Vgl. z. B. HEYSEs Wörterbuch der Deutschen Sprache.
    27) JOHN STUART MILL, Logik, Seite 95
    28) Logique ou l'Art de Penser, II. Partie, Chap. 3
    29) Die gewöhnliche Logik erklärt, die Urteile "alle Menschen sind sterblich" und "kein Mensch ist nicht sterblich" für äquipollent (vgl. z. B. ÜBERWEG, Logik, Teil 5, § 96, Seite 235), in Wahrheit sind sie identisch.
    30) Die partikulär bejahenden, die allgemein verneinenden, und die irrtümlich sogenannten allgemein bejahenden und partikulär verneinenden. In Wahrheit ist, wie die obige Rückführung auf die existentiale Formel deutlich erkennen läßt, kein bejahendes Urteil allgemein (es müßte denn ein Urteil mit individueller Materie allgemein genannt werden) und kein verneinendes Urteil partikulär.
    31) Vgl. DROBISCH, Logik, Seite 59.
    32) Die in Wahrheit affirmativen sind nach dem, was in einer vorausgehenden Note bemerkt worden ist, das sogenannte partikulär bejahende und das sogenannte partikulär verneinende. Die in Wahrheit negativen Behauptungen, zu welchen auch die allgemein bejahenden gehören, enthalten selbstverständlich nicht die Anerkennung des Subjekts, da sie ja überhaupt nicht etwas anerkennen, sondern verwerfen. Warum sie auch nicht die Verwerfung des Subjekts enthalten, zeigt eine frühere Erörterung (Seite 46).
    33) Es gibt noch gewisse Fälle, in welchen eine solche Rückführbarkeit aus spezielleren Gründen beanstandet werden könnte. Obwohl ich ihretwegen den Gang der Untersuchung im Text nicht aufhalten will (denn mancher wird sich von vornherein wenig daran stoßen), so scheint es mir doch andererseits gut, sie wenigstens in einer Anmerkung zu berücksichtigen. JOHN STUART MILL, wo er in seiner Logik die verschiedene Natur des "Seins" der Kopula und des "Seins" des Existentialsatzes, welches nach ihm den Begriff der Existenz einschließt, klar machen will, beruft sich zur Verdeutlichung auf den Satz "ein Zentaur ist eine Erfindung der Poeten". Dieser, sagt er, kann unmöglich eine Existenz aussagen, da vielmehr im Gegenteil daraus hervorgeht, daß das Subjekt kein reales dasein besitzt (Buch I, Kap. 4, § 1). Ein anderes Mal führt er zu ähnlichem Zweck den Satz an: "Jupiter ist ein Non-Ens". In der Tat sind diese Sätze von der Art, daß bei ihnen die Rückführbarkeit auf existentiale Sätze am wenigsten möglich scheint. Im Briefwechsel mit MILL hatte ich einmal die Frage über die Existentialsätze zur Sprache gebracht, und namentlich auch die Möglichkeit der Zurückführung einer jeden Aussage auf einen Existentialsatz dagegen geltend gemacht, daß das "Sein" desselben sich zu dem der Kopula so, wie er glaubte, verhalte. In seiner Antwort beharrte MILL auf seiner alten Auffassung. Und obwohl er nicht ausdrücklich der von mir dargelegten Rückführbarkeit aller anderen Aussagen auf existentiale widersprach, so vermutete ich doch, ich möge diesen Punkt meiner Beweisführung ihm nicht genügend einleuchtend gemacht haben. Ich kam darum nochmals auf ihn zurück und besprach auch speziell die Beispiele in seiner Logik. Da ich unter meinen Papieren gerade ein Brouillon [Entwurf - wp] des Briefes finde, so will ich die kleine Erörterung hier wörtlich wiederholen. "Es dürfte", schrieb ich, "nich undienlich sein, wenn ich die Möglickeit einer solchen Reduktion speziell an einem Satz zeige, welchen Sie in Ihrer Logik sozusagen als ein Beispiel, an dem das Gegenteil ersichtlich ist, anführen. Der Satz "ein Zentaur ist eine Erfindung der Poeten" verlangt, wie Sie mit Recht bemerken, nicht, daß ein Zentaur existiert, vielmehr das Gegenteil.. Allein er verlangt, um wahr zu sein, wenigstens, daß etwas anderes existiert, nämlich eine Fiktion der Poeten, die in einer besonderen Weise Teile des menschlichen Organismus und Teile des Pferdes verbindet. Wenn es keine Fiktion der Poeten gäbe, und wenn es keinen von den Poeten  fingierten  Zentauren gäbe, so wäre der Satz falsch; und seine Bedeutung ist tatsächlich keine andere als die, "es gibt eine poetische Fiktion, welche einen menschlichen Oberleib mit dem Rumpf eines Pferdes zu einem lebenden Wesen vereinigt denkt", oder (was dasselbe sagt) "es gibt einen  von den Poeten fingierten  Zentauren". Ähnliches gilt, wenn ich sage, Jupiter sei ein Non-Ens, d. h. wohl, er sei etwas, was bloß in der Einbildung, nicht aber in Wirklichkeit besteht. Die Wahrheit des Satzes verlangt nicht, daß es einen Jupiter, wohl aber, daß es etwas anderes gibt. Gäbe es nicht  etwas, was bloß in der Vorstellung existiert,  so wäre der Satz nicht wahr. - Der besondere Grund, warum man bei Sätzen wie "der Zentaur ist eine Fiktion" geneigt ist, ihre Rückführbarkeit auf Existentialsätze anzuzweifeln, liegt in einem, wir mir scheint, von den Logikern bisher übersehenen Verhältnis ihrer Prädikate zu ihren Subjekten. Ähnlich wie die Adjektiva für das ihnen beigefügte Substantiv, sind auch die Prädikate für das mit ihnen verbundene Subjekt gewöhnlich etwas, was den Begriff durch neue Bestimmungen bereichert, manchmal aber etwas, was ihn modifiziert. Das erste gilt z. B., wenn ich sage  ein Mensch ist gelehrt;  das zweite, wenn ich sage  ein Mensch ist tot.  Ein gelehrter Mensch ist ein Mensch; ein toter Mensch ist aber kein Mensch. So setzt dann der Satz  ein toter Mensch ist  nicht, um wahr zu sein, die Existenz eines Menschen, sondern nur die eines  toten  Menschen voraus; und ähnlich fordert der Satz  ein Zentaur ist eine Fiktion  nicht, daß es einen Zentauren, sondern einen  fingierten  Zentauren, d. h. die Fiktion eines Zentauren gibt, usw." Vielleicht dient diese Erklärung dazu, ein Bedenken, das in jemand entstanden sein konnte, zu beseitigen. Was MILL selbst betrifft, so zeigte es sich, daß sie bei ihm gar nicht nötig gewesen wäre, denn er antwortete mir am 6. Februar 1873: "You did not, as you seem to suppose fail to convince me of the invariable convertibility of all categorical affirmative propositions into predications of existence (er meint affirmative Existentialsätze, die ich natürlich nicht als "Prädikationen von Existenz" bezeichnet hatte). The suggestion was new to me, but I at once saw its truth when pointed out. It is not on that point that our difference hinges etc." Daß MILL trotz der zugestandenen Rückführbarkeit aller kategorischen Sätze auf Existentialsätze seine Meinung, das "ist" und "ist nicht" in ihnen enthalte einen Prädikatsbegriff "Existenz" wie früher festhielt, zeigt sich schon in der mitgeteilten Stelle seines Briefes, und er sprach es in dem darauf Folgendenn noch entschiedener aus. Wie er aber dabei an seiner Lehre von der Kopula festhalten könne, zeigte er nicht. Konsequent hätte er sie aufgeben und überhaupt noch vieles in seiner Logik (wie z. B. Buch I, Kap. 5, § 5) wesentlich umbilden müssen. Ich hoffte, im Frühsommer seiner Einladung nach Avignon folgend, über diese wie über andere zwischen uns schwebende Fragen mündlich mich leichter mit ihm verständigen zu können, und urgierte den Punkt nicht weiter. Doch sein plötzlicher Tod vereitelte meine Hoffnungen. - - - Noch eine kurze Bemerkung will ich meiner Erörterung gegen Mill beifügen. Die Sätze von der Art wie "ein Mensch ist tot" sind im wahrsten Sinne des Wortes gar nicht kategorisch zu nennen, weil tot kein Attribut, sondern, wie gesagt, eine Modifikation des Subjekts enthält. Was würde einer zu dem kategorischen Schluß sagen: "alle Menschen sind lebende Wesen?" Er wäre aber, wenn die Minor ein wahrer kategorischer Satz wäre, ein gültiger Schluß der dritten Figur. Wollten wir nun mit KANT, solchen verschiedenen Aussageformen entsprechend, verschiedene Klassen von "Relation" der Urteile annehmen, so hätten wir hier wieder neue "transzendentale" Entdeckungen zu machen. In Wahrheit ist aber die besondere Aussageformel leicht abgestreift, indem der Existentialsatz "es gibt einen toten Menschen" ganz und gar dasselbe besagt. Und somit, hoffe ich, wird man endlich einmal aufhören, hier sprachliche Unterschiede mit Unterschieden des Denkens zu verwechseln.
    34) Zu dem hier Folgenden vgl. die Erörterungen des Anhangs und meine Untersuchungen zur Sinnespsychologie, auf welche ich in diesen verweise.
    35) Vgl. was schon ARISTOTELES in dieser Hinsicht bemerkt hat, in meiner Abhandlung "Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles", Seite 31f.
    36) JOHN STUART MILL, Logik, Buch IV, Kap. 4, § 3
    37) MILL, Logik I, Kap. XI, Note 108, Seite 407
    38) MILL, Logik, Buch IV und V.
    39) BRENTANO, Psychologie, Buch II, Kap. 3
    40) WILLIAM HAMILTON, Lectures on Metaphysics I, Seite 187
    41) BRENTANO, Psychologie, Buch II, Kap. 3, § 6. - Vgl. aber auch die Erörterungen im Anhang und meine Untersuchungen zur Sinnespsychologie, auf die sie verweisen.
    42) Vgl. Psychologie, ebenda
    43) Siehe Psychologie, § 4
    44) Man vergleiche zum Beleg das erste Kapitel der aristotelischen Schrift  De Interpretatione. 
    45) Einwirkungen auf KANTs Transzendentalphilosophie wurden im Voraus bereits berührt.
    46) Zum Zweck meiner Vorlesungen über Logik, die ich im Winter 1870/71 an der Würzburger Hochschule hielt, habe ich eine auf die neue Basis gegründete logische Elementarlehre vollständig und systematisch ausgearbeitet. Da sie nicht bloß bei meinen Zuhörern, sondern auch bei Fachmännern in der Philosophie, denen ich davon Mitteilung machte, Interesse erregte, so ist es meine Absicht, sie nach vollendeter Herausgabe meiner Psychologie nochmals zu revidieren und zu veröffentlichen. Die Regeln, die ich hier im Text beispielsweise folgen lasse, werden, mit den übrigen, in dieser Schrift jene sorgfältige Begründung finden, die man bei einem Widerspruch gegen die gesamte Tradition seit ARISTOTELES gewiß zu verlangen berechtigt ist. Übrigens werden viele vielleicht von selbst die notwendige Verkettung mit der dargelegten Ansicht von der Natur des Urteils erkennen. Vgl. hierzu FRANZ HILLEBRAND, Neuere Theorien von den kategorischen Schlüssen.
    47) In der allerneuesten Zeit hat auch ein englischer Logiker, BOOLE, richtig erkannt, daß manche kategorische Syllogismen vier Termini haben, von denen zwei einander kontradiktorisch entgegengesetzt seien. Andere haben ihm beigepflichtet, und auch ALEXANDER BAIN, der in seiner Logik ausführlich über BOOLEs Zusätze zur Syllogistik berichtet, gibt seine Zustimmung unzweideutig zu erkennen (I, Seite 205). Obwohl BOOLE diese Syllogismen mit vier Terminis nur neben Syllogismen mit drei Terminis stellt, statt die Quaternio terminorum als allgemeine Regel anzuerkennen, und obwohl die ganze Weise seiner Ableitung mit der meinigen keine Ähnlichkeit hat: so war sie mir doch interessant als ein Zeichen, daß man auch jenseits des Kanals am Gesetz der Dreiheit der Termini zu zweifeln anfängt.
    48) Sagte man z. B. infolge des Mißverständnisses der Sätze: zum richtigen kategorischen Schluß gehören drei Termini, so bewirkte dasselbe Mißverständnis, daß man im einzelnen Schluß drei Termini sah, wo in Wahrheit vier gegeben waren.
    49) Letzteres wurde auch von den vorerwähnten englischen Logikern bereits erkannt. Die vier ungültigen Modi, von denen ich spreche, sind in der dritten Figur Darapti und Felapton und in der vierten Bamalip und Fesapo.
    50) Unzulässig ist die Konversion eines sogenannten allgemein bejahenden in einen partikulär bejahenden Satz: die gewöhnlichen Schlüsse durch Subalternation sind sämtlich ungültig, und von denen durch Opposition die Schlüsse auf die Unwahrheit der sogenannten konträren so wie die auf die Wahrheit der sogenannten subkonträren Urteile.
    51) Vgl. die inzwischen erschienene Abhandlung von FRANZ HILLEBRAND, Neuere Theorien der kategorischen Schlüsse, welche bei dem, was ich hier berührte, eingehender verweilt.
    52) HERMANN LOTZE, Mikrokosmus I, Seite 192