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BENNO ERDMANN
Aufgabe und Einteilung der Logik
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"Kein Wort, das zu einem integrierenden Bestandteil der Sprache geworden ist, ist nur Repräsentant einer einzigen Bedeutungsvorstellung, sondern einer Reihe von solchen, die aufgrund eigenartiger Bedeutungsentwicklungen der praktischen Weltanschauung, der theoretischen Weltauffassung oder einer Verknüpfung beider miteinander zusammenhängen."

Kapitel 6
Logik und Grammatik I
[Psychologische Vorbemerkungen über das formulierte Denken]

22. Das formulierte Denken, das eigentliche Objekt der logischen Normierung, ist ein sprachliches. Seine Formelemente sind die Aussagen im weitesten Sinn des Wortes, die formulierten Urteile. Nicht alles Denken ist jedoch an Worte gebunden, geschweige denn alles Vorstellen. Unser wahrnehmendes Erkennen kann sich wortlos vollziehen und vollzieht sich zumeist auf diese Weise. Auch der Vorstellungsverlauf der Erinnerung bedarf der Sprache nicht notwendig; wir können Personen, Landschaften, selbst verwickelte Ereignisse aus dem Gedächtnis hervorrufen, d. h. in der Form der Erinnerung oder Wiedererinnerung reproduzieren, ohne daß sich ein formuliertes Denken einmischt. Wie Jllustrationen ohne begleitenden Text können die einzelnen Abschnitte einer Handlung, deren Urheber, Glieder oder Zeugen wir gewesen sind, einer Reise, die wir unternommen haben, in der Erinnerung oder Wiedererinnerung auftauchen. Sogar der Reproduktionsverlauf der Phantasie, nicht einmal der produktiven künstlerischen, etwa des Malers, Bildhauers oder Musikers, vermag ohne Unterstützung durch Worte sein Spiel zu treiben. Allerdings pflegt sich bei sehr vielen gerade während der scheinbar freien Verknüpfung des Materials der Erinnerungsvorstellungen in der Einbildung die Hilfe von Aussagebeziehungen einzustellen. Beim Durchschnitt der Menschen ist die Phantasie mehr träge als lebendig; durch frühes, vieles und flüchtiges Lesen wird sie in die Bahnen des formulierten Denkens hineingezogen; durch die technischen Fortschritte der optischen Symbolik aller Art wird sie leicht befriedigt, aber schließlich fast mehr gehemmt, als erregt.

23. In der Behauptung, daß alles formuoierte Denken ein sprachliches ist, sind die "Worte"  im weitesten Sinn  zu verstehen. Aus dem praktisch abgezielten Denken hat die grammatische und zumeist auch die psychologische Betrachtung der Sprache die Annahmen aufgenommen, daß die Worte als Glieder der sinnvollen Rede äußere Symbole von Gedanken sind, daß die Funktionen der Sprache somit in der  Mitteilung  von Gedanken bestehen. In diesen Annahmen steckt naheliegendes Richtiges in einer Schale von Mißverständnissen.

Keinem Zweifel unterliegt, daß die Worte vorerst als Bestandteile der Lautsprache auftreten, daß sie von dem, was sie bedeuten, unterschieden werden müssen und daß eine wesentliche Funktion der Sprache in den Zwecken der Mitteilung liegt.

24. Die Worte als Glieder der sinnvollen Rede, d. h. als  Redeteile  oder Worte im eigentlichen Sinn, sind Inbegriffe von  Worten im spezifischen Sinn  und von  Wortbedeutungen.  Von den Wortbedeutungen, dem also, was die Worte im spezifischen Sinn symbolisieren oder bezeichnen, sehen wir vorerst ab. Unter Worten sind also fürs erste lediglich die Worte im spezifischen Sinn zu verstehen.

Die verschiedenen Arten dieser Worte charakterisieren wir nach den  Stufen  der individuellen Sprachentwicklung derer, die als Glieder von Sprachgemeinschaften aufwachsen. Auf diese Weise gelangen wir vom psychologisch Einfacheren zum psychologisch Verwickelteren.

25. Die  erste  Stufe der Sprachentwicklung unserer Kinder besteht darin, daß sie gewisse Worte der sie umgebenden Personen verstehen lernen. Sie liegt im  Sprachverständnis.  Die Grundlage des Sprachverständnisses ist demnach die  Lautsprache,  die das Kind  hört.  Die spezifischen Worte, mit deren Verständnis unser sprachliches Leben beginnt, sind also gehörte, lediglich akustische Lautworte. die  akustischen Lautworte  im spezifischen Sinn sind als solche lediglich Inbegriffe von Klängen und Geräuschen, wie das Wagengerassel, das Sausen des Windes oder der Donner. Sie unterscheiden sich von diesen anderen akustischen Wahrnehmungen, wenn wir von ihren Bedeutungen absehen, nur durch ihren Ursprung: sie werden gehört, nachdem sie von Personen der Umgebung gesprochen sind. Die grundlegenden Lautworte auf der Stufe des Sprachverständnisses sind somit  akustische Wortwahrnehmungen. 

26. Nachdem die Bildung des Sprachverständnisses, deren Verlauf uns hier nicht interessieren darf, einigermaßen fortgeschritten ist, setzt die  zweite Stufe  der Sprachentwicklung ein, das  eigene Sprechen,  das in präformierten lautsprachlichen Reaktionsbewegungen früh angelegt ist. Mit dem Eintritt des eigenen Sprechens gesellen sich zu den akustischen Lautworten des Sprachverständnisses, die nunmehr auch aufgrund dieses Eigensprechens gehört werden, neue Sprachwahrnehmungen, die zumeist unbeachtet bleiben. Es sind dies die  motorischen Lautwahrnehmungen  oder lautlichen Kinästhesien [Bewegungen], die durch die reagierenden Bewegungen des eigenen Sprechens ausgelöst werden. Diese motorischen Wahrnehmungen der Lautsprache entsprechen den akustischen des eigenen Sprechens Glied für Glied: jedem gehörten Laut, d. h. jedem der akustischen Elemente, aus deren mannigfachen Variationen sich die Worte der Lautsprache zusammensetzen, jedem Übergang von Laut zu Laut und jedem Lautkomplex entspricht eine bestimmte Gruppe lautmotorischer Sensationen. Dennoch sind diese motorischen Sensationen von den akustischen Wahrnehmungen der Lautworte so modal verschieden, wie die Muskel-, Gelenk- und Tastempfindungen, aus denen sie sich zusammensetzen, von den Tonempfindungen. Beiden Umständen, jener durchgängigen Korrespondenz und dieser modalen Verschiedenheit der beiden Lautwahrnehmungen, entnehmen wir die Pflicht, die motorischen Lautwahrnehmungen des Eigensprechens den akustischen Lautworten desselben sowie des Sprechens Anderer als  motosensorische Worte  der Lautsprache zuzuordnen. Freilich ist die Trennung dieser beiden Bestandteile der Lautsprache nur in abstrakter Weise möglich. In der Wahrnehmung des eigenen Sprechens bilden beide Empfindungsgruppen, d. h. die  Lautworte im engeren Sinn,  enge Assoziationen durch Verflechtung,  assoziative Verschmelzungen wie die Tast- und Temperaturempfindungen bei Berührung oder die Geschmacks- mit Tast- und Geruchsempfindungen oder die Tast- und Kälte-Empfindungen in der Wahrnehmung des Nassen usw.

27. Aber die Arten der Lautworte sind mit diesen beiden Gruppen von  Wortwahrnehmungen  noch nicht erschöpft. Zweifellos gehören die Wahrnehmungen, psychologisch betrachtet, zu den Vorstellungen. Die üblich gewordene Dreiteilung der Bewußtseinsvorgänge, die wir unmittelbar als wirklich erleben, in Gefühle, Vorstellungen und Willensvorgänge setzt dies voraus; und diese Voraussetzung besteht zu Recht. Denn die Wahrnehmungen besitzen den gegenständlichen Charakter, den wir den Vorstellungsinhalten im Unterschied von den Gefühlen und Willensvorgängen zuschreiben, sogar in eminentem Maß. Sie sind überdies im wahrnehmenden Erkennen, d. h. in allen Wahrnehmungen des entwickelten Bewußtseins, wie wir noch sehen werden, Glied für Glied von reproduktiven Gedächtniswirkungen früherer Erfahrungen durchsetzt und mit anderen reproduktiven Gedächtniserregungen vielfältig verknüpft. Die akustischen und motosensorischen Worte der Sinneswahrnehmung sind demnach, auch wenn sie lediglich im spezifischen Sinne genommen werden,  Wortvorstellungen.  Wir scheiden die Wahrnehmungen von den aus ihnen abgeleiteten Vorstellungen terminologisch zweckmäßig dadurch, daß wir sie  Präsente  gegenüber diesen als  Repräsenten  nennen. Akustische Wortrpräsente finden sich schon auf der ersten Stufe der Sprachentwicklung: überall da, wo ein etwa wahrgenommener Bedeutungsinhalt die Wortvorstellung, die mit ihm assoziativ verflochten ist, reproduziert. Auf der zweiten Sprachstufe treten die Repräsene der assoziativen Verschmelzungen von akustischen und motosensorischen Wortwahrnehmungen hinzu. Solche Wortrepräsente leiten die Innervationen der sic entwickelnden muttersprachlichen Rede, wie etwa bei den Erwachsenen das Reden in fremden, noch ungeläufigen Sprachen.

28. Die  dritte  und letzte Stufe der individuellen Sprachentwicklung entsteht mit dem Lesen- und Schreibenlernen. Auf ihr erreichen wir zwei weitere Gruppen von Wortvorstellungen, die zueinander in ähnlichem Verhältnis assoziativer Verschmelzung stehen, wie die akustischen und motosensorischen der Lautsprache. In der entwickeltsten Form der Schrift oder, wie wir uns erlauben müssen, sie im Gegensatz zur Lautsprache hier zu nennen, der Schriftsprache, d. h. in der Buchstabenschrift, sind die  optischen  Worte Komplexe von Buchstaben, den optischen Zeichen für die Hauptarten der Laute. Mit ihnen sind nach den Bedingungen unseres Schreiblese-Unterrichts gleichfalls Zug um Zug motorische Sensationen verbunden, die den Schreibbewegungen entstammen. Diese Wahrnehmungen beruhen nicht, wie die motorischen Sensationen der Lautworte, auf präformierten reagierenden Bewegungen, sondern sind Kunstprodukte von weitester Variabilität des Ursprungs und Verlaufs. Trotzdem haben wir sie aus analogen Gründen, wie sie für die Lautsprache gelten, den  optischen  Worten als  graphische  zuzuordnen. (1)

29. Die  ideogrammatischen Symbole,  die der Lautsprache zugerechnet werden müssen, spielen im entwickelten Sprachleben nur eine geringe Rolle. Die ideogrammatischen Symbole schriftsprachlicher Art dagegen haben für das wissenschaftliche Denken, sofern sie direkt Bedeutungen symbolisieren, also dem Typus der sogenannten Begriffsschriften zugehören, eine nicht geringe und verdiente Verbreitung gewonnen. So die mathematischen und etwa die chemischen Bedeutungssymbole. Dem Typus der Buchstabenschrift stehen unsere stenographischen Symbole nahe, ebenso die telegraphischen.

Die graphischen Wortwahrnehmungen sind mit den ihnen zugehörigen optischen Wortvorstellungen ähnlich so assoziativ verschmolzen, wie die lautsprachlich motorischen Wortsensationen mit den zugehörigen akustischen. Assoziative Verflechtungen binden ferner die schriftsprachlichen mit den lautsprachlichen Worten zusammen. Auch von den schriftsprachlichen Wortpräsenten entwickeln sich Repräsente jeder Art.

30. Die Arten der spezifischen Wortvorstellungen der Normalsinnigen veranschaulicht am einfachsten folgende Tabelle:

Wortvorstellungen im spezifischen Sinn
Lautsprache Schriftsprache
1. akustische
2. motosensorische
3. Lautworte im
engeren Sinn
1. optische
2. graphische
3. Schriftworte im
engeren Sinn

Ideogrammatische
Zeichen

Ideogrammatische
Zeichen
a) Wortwahrnehmungen oder Wortpräsente
b) Abgeleitete Wortvorstellungen oder Wortrepräsente

31. Zu den materialen Bestandteilen der Sprache, zu Worten im eigentlichen Sinn, werden jedoch die verschiedenen Arten der spezifischen Worte erst dadurch, daß sie Zeichen oder Symbole für  Bedeutungsinhalte  sind, die ein sinniger Ausdruck FRANCIS BACONs als  animae verborum  bezeichnet hat. Die Interjektionen und interjektionalen Wendungen der Sprachen, durch die unser Sprechen ebenso mit tierischen Lautäußerungen zusammenhängt, wie es auf der anderen Seite mit reagierenden Ausdrucksbewegungen tierischen Ursprungs verknüpft ist, bieten den Beweis dafür, daß auch gegenwärtige Gefühle und Willensvorgänge als solche Bedeutungsinhalte von spezifischen Worten sein und auch in späteren Stufen der generellen Sprachentwicklung bleiben können. Im übrigen aber sind die Wortbedeutungen Vorstellungsinhalte oder Gegenstände von Vorstellungen. Es ist nur zu beachten, daß auch unsere Gefühle und dementsprechend unsere Willenserlebnsse oder Wollungen (nach dem HERBARTschen Ausdruck), während wir sie erleben, gegenständlich gefaßt oder vorgestellt werden können. Das Vorstellen reicht in diesem Sinn über sich hinaus und in das Gebiet des Fühlens und Wollens hinein. Solche gegenständliche Fassung unseres Fühlens ist vorhanden, wo immer wir ein gegenwärtiges Gefühl benennen, von ihm irgendetwas behaupten oder in Bezug auf ein solches irgendetwas fragen: "Dieses Gefühl nenne ich ein Spannungsgefühl - Dieses Spannungsgefühl steigt und fällt mit der Intensität der Aufmerksamkeit - Ich bin hungrig, zornig, erfreut, erregt - Ich denke daran, beabsichtige, habe vor, bin entschlossen, bin im Begriff, ihm zu antworten - Liegen in diesem Spannungsgefühl Momente der Lust?" (2) Die durch solche Beispiele verbürgte Möglichkeit, auch gegenwärtig erlebte, nicht nur durch Erinnerung zu Vorstellungen umgebildete frühere Gefühle und Willensvorgänge gegenständlich zu fassen, ist sogar eine notwendige Bedingung dafür, daß wir aufgrund der Selbstwahrnehmung eine Erkenntnis unseres geistigen Lebens gewinnen können. Jeder mögliche Bewußtseinsinhalt kann somit zur Bedeutungsvorstellung von Worten im spezifischen Sinne werden, wennschon offenbar für ganze Gebiete unseres geistigen Lebens die sprachliche Formulierung nicht die adäquate Form der Darstellung ist. Der Architekt, der Bildhauer, der Maler, der Musiker, ja selbst der Techniker haben andere Mittel, den Gehalt ihres Empfindens und Schauens zu symbolisieren.

32. Für das Verständnis des psychologischen Zusammenhangs zwischen Wort und Bedeutung ist in erster Reihe maßgebend, daß schon alle Arten von Worten im spezifischen Sinn als  Wortvorstellungen  angesehen werden müssen. Psychologisch betrachtet ist also die Beziehung zwischen Wort und Bedeutung oder, wie vom Standpunkt der praktischen Weltanschauung gesagt zu werden pflegt, zwischen "Wort" und "Vorstellung"  eine Beziehung zwischen verschiedenen Gruppen von Vorstellungen.  Als eine wechselseitig  reproduktive  ist diese Beziehung dadurch gesichert, daß jede Wortvorstellung, sei sie eine präsentative oder repräsentative, die dem Zusammenhang entsprechende Bedeutungsvorstellung und jeder zur Bedeutung gewordene Bewußtseinsinhalt die ihm entsprechende Wortvorstellung auszulösen vermag. Die Grundlage dieser Reproduktionszusammenhänge ist, wie etwa für den reproduktiven Zusammenhang zwischen den Laut- und Schriftwortvorstellungen im spezifischen Sinn, ein  assoziativer.  Denn er bildet sich aufgrund der Gewöhnung, die das Erlernen des Sprachverständnisses, des lauten und inneren Eigensprechens, sowie auch des Lesens und des Schreibens herbeiführt. Die Eigenart dieser assoziativen Verknüpfung ist fürs erste dadurch bedingt, daß die Lautworte im engeren Sinn nur ausnahmsweise Lautmalereien der ihnen zugehörigen Bedeutungen sein können. Denn eine solche Onomatopoesie [Lautmalerei, wp] setzt voraus, daß die Bedeutungsinhalte selbst akustischen Charakters seien. Weitaus die Mehrzahl unserer Bedeutungsvorstellungen entstammt jedoch den Gebieten der Gesichts- und Tastwahrnehmung, deren Wahrnehmungselemente akustisch gar nicht nachgeahmt oder abgebildet werden können. Der Zusammenhang zwischen Wort- und Bedeutungsvorstellung entwickelt sich also durch  assoziative Verflechtung,  ebenso wie der Zusammenhang zwischen Laut- und Schriftwort; und zwar ist der Zusammenhang zwischen dem Lautwort im engeren Sinne und der Bedeutungsvorstellung gemäß dem Verlauf unserer individuellen Sprachentwicklung ein  unmittelbarer,  zwischen dem Schriftwort und der Bedeutung dagegen für alle Formen der Buchstabenschrift ein  mittelbarer.  Dazu kommen insbesondere zwei weitere Momente. Die übrigen assoziativen Verflechtungen zwischen den Wahrnehmungsinhalten eines und desselben Gebietes, verschiedener Wahrnehmungsgebiete untereinander und der aus diesen allen abgeleiteten Vorstellungen sind Verflechtungen zwischen den verschiedenen  Teilen  von irgendwelchen Ganzen, der Bestandteile etwa eines Dinges, eines Vorgangs oder einer Beziehung oder endlich irgendwelcher Inbegriffe solcher Gegenstände. Jeder dieser Gegenstände wird dagegen dadurch zur Bedeutungsvorstellung eines Wortes, daß er in der  Gesamtheit  seiner Bestandteile durch dieses bezeichnet wird. Das Wort ist also kein Teil des Bedeutungsinhaltes, den es bezeichnet, sondern dessen Repräsentant. Kein Wort endlich, das zu einem integrierenden Bestandteil der Sprache geworden ist, ist nur Repräsentant einer einzigen Bedeutungsvorstellung, sondern einer Reihe von solchen, die aufgrund eigenartiger Bedeutungsentwicklungen der praktischen Weltanschauung, der theoretischen Weltauffassung oder einer Verknüpfung beider miteinander zusammenhängen. Die Psychologie dieser Bedeutungsentwicklungen bleibe hier außer Betracht; genug, daß in jedem Fall des Gebrauchs eines Wortes diejenige unter seinen mannigfachen Bedeutungen reproduziert wird, die der vorliegene sprachliche Zusammenhang fordert, falls sinnvoll gesprochen oder so Gesprochenes verstanden wird. In solchem Sinne sind die Lautwortpräsente unmittelbare Symbole ihrer Bedeutungen, die Schriftwortpräsente unmittelbare Symbole ihrer Bedeutungen, die Schriftwortpräsente der Buchstabenschrift unmittelbare Symbole der Lautworte, mittelbare der diesen eigenen Bedeutungen. Die Wortrepräsente dagegen sind, wenn wir dem Ausdruck "Symbol" seinen ursprünglichen Charakter eines darstellenden Wahrnehmungsinhaltes belassen wollen, unmittelbare oder mittelbare Zeichen von Bedeutungen.

33. Das formulierte Denken stellt sich also in mannigfachen Verzweigungen dar. Vom Standpunkt der individuellen Sprachentwicklung aus ist es:
    1.  Sprachverständnis; 

    2.  Eigensprechen  und zwar zuerst ausschließlich Nachsprechen, weiterhin zumeist gleichfalls Nachsprechen, allmählich selbständiges Sprechen;

    3.  Stilles sprachliches Denken,  das in denselben Verzweigungen verläuft, wie das Eigensprechen.

    Dazu kommt für eine Minderheit der Glieder von Sprachgemeinschaften:

    4.  Lesen  und

    5.  Schreiben,  beide gleichfalls in mannigfachen Verzweigungen.
Die drei ersten Arten des formulierten Denkens folgen in der individuellen Sprachentwicklung, wie wir gesehen haben, nacheinander. Für die Entwicklung der Sprache oder des formulierten Denkens überhaupt zerfallen sie vorerst in zwei Gruppen, in das  passive  Sprachverständnis und in das  aktive  laute und stille sprachliche Denken. Jede dieser beiden Gruppen setzt die andere voraus. Man darf den Sinn dieser Scheidung nur nicht mißverstehen. Aktiv sind das laute und das stille formulierte Denken nur im Gegensatz gegen das Sprachverständnis. Sie sind nicht aktiv in dem Sinne, daß sie wesentlich willkürlich verliefen. Die Reproduktionen, die unser stilles sprachliches Denken bedingen, verfließen vielmehr ebenso, wie die ihnen entsprechenden Innervationen [Nervengefühle, wp] unserer Sprachmuskulatur, aufgrund deren wir laut sprechen, wesentlich unwillkürlich. Aber auch die beiden Glieder des aktiven formulierten Denkens stehen in einem Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit. Der Parallelismus ihrer Entwicklung wird am leichtesten verständlich, wenn wir beachten, daß beim Sprechen oder lauten formulierten Denken zu den Reproduktionsverläufen des stillen sprachlichen Denkens nur die diesem fehlenden Innervationen der Sprachmuskulatur und die dadurch bedingten Lautwortwahrnehmungen hinzukommen. Der adäquate Verlauf des Sprechens setzt also voraus, daß die Innervationen der einzelnen Sprachbewegungen durch die Reproduktionen von Lautwortresiduen ausgelöst werden, die im stillen formulierten Denken ist demnach von diesem Standpunkt aus die Bedingung für das Sprechen. Wir benutzen diese Konsequenz hier jedoch nur, um festzustellen, daß die entscheidenden Bedingungen für den Ursprung der Sprache (im eigentlichen Sinn) in dem gesucht werden müssen, was allen drei primitiven, parallel sich entwickelnden Arten des formulierten Denkens gemeinsam ist. Als das Formelement des sprachlichen Denkens fanden wir oben vom Gesichtspunkt logischer Betrachtung aus das Aussagen oder formulierte Urteilen. Hier, vom Gesichtspunkt der psychologischen Sprachanalyse aus, haben wir in Übereinstimmung mit den Grammatikern zu sagen: das Formelement der Sprache im eigentlichen Sinn ist der Satz, d. h. das in Worten als Redeteilen formulierte Urteil.  Die Sprache ist also  nicht der sinnliche Ausdruck, nicht eine Art der Mitteilung von Gedanken, sondern eine und zwar die uns gegenüber den Tieren eigene  Art des Denkens: das aussagende oder formulierte Denken.  Sie dient dem Ausdruck und der Mitteilung von Gedanken nur deshalb, weil sie diejenige Art unseres Denkens ist, die sich durch die "sinnliche Materiatur" ihrer Wortvorstellungen im spezifischen Sinne, also durch ihre Lautwort- und weiterhin ihre Schriftwortpräsente, zum Ausdruck und zur Mitteilung von Gedanken als Urteilen eignet. Nur das unformulierte, anschauliche Denken geht als hypologisches der Sprache vorher. Verstehen wir unter dem "Verstand" oder der "Vernunft" der alten Vermögenspsychologie das uns eigene formulierte Denken, dasjenige also, in dem sich unser Denken vom aufmerksamen Vergleichen und Unterscheiden der uns nächstverwandten Tiere unterscheidet, so gibt es keinen Verstand und Vernunft  vor  der Sprache. Nur im Hinblick auf das intuitive Denken, das uns als hypologisches verbleibt, als hyperlogisches [überlogisch, wp] dagegen eigentümlich ist, können wir sagen: die Sprache ist ein Werkzeug und zwar das uns als Menschen eigene Werkzeug oder Organon des Denkens.

34. Auf einer Identifizierung der Sprache mit dem Denken beruhen schon bekannte platonische Bestimmungen: "Also Gedanken und Rede sind dasselbe, nur daß das innere Gespräch der Seele mit sich selbst, das ohne Stimme vor sich geht, von uns ist Gedanke genannt worden. ... Der Ausfluß von jenem aber mittels des Lautes durch den Mund heißt Rede." (3) Auch LEIBNIZ hat diese Annahme vertreten. Zur Grundlage feinsinniger, wenn auch vielfach unbestimmt allgemeiner Ausführungen wird dieselbe zu enge Fassung bei WILHELM von HUMBOLDT: "Die Sprache ist das bildende Organ des Gedankens. Die intellektuelle Tätigkeit, durchaus geistig, durchaus innerlich und gewissermaßen spurlos vorübergehend, wird durch den Laut in der Rede äußerlich und wahrnehmbar für die Sinne. Sie und und die Sprache sind daher Eins und unzertrennlich voneinander. Sie ist aber auch in sich an die Notwendigkeit geknüpft, eine Verbindung mit dem Sprachlaut einzugehen; das Denken kann sonst nicht zur Deutlichkeit gelangen, die Vorstellung nicht zum Begriff werden." (4) Als Fundament einer logischen Grammatik erscheint diese unzulängliche Identität etwa gleichzeitig bei K. F. BECKER: "Weil Denken und Sprechen innerlich eins sind, entwickeln sich Gedanke und Sprache gleichen Schrittes bei den einzelnen Menschen und bei ganzen Völkern." (5) - Unausgeführte Ansätze zu einer noch unzureichenderen, entgegengesetzten Auffassung der Sprache finden sich inbesondere in BERKELEYs Kritik der überlieferten Lehre von den abstrakten Vorstellungen. Hier galt es das Denken "von der Täuschung durch Worte völlig zu befreien ... und die Ideen (die Bedeutungsinhalte der Wortvorstellungen) gleichsam bloß und nackt aufzufassen ... sie von der Bekleidung und all dem beschwerlichen Anhang von Worten abzutrennen ... den Vorhang von Worten wegzuziehen" (6) usw. Eine ähnlich irrige Einschätzung der Sprache findet sich auch neuerdings, insbesondere bei FRANZ von BRENTANO, ANTON MARTY und THEODOR LIPPS. (7)
LITERATUR - Benno Erdmann, Logik, Halle 1892
    Anmerkungen
    1) Bei den Taubstummen bilden optische und Tastwahrnehmungen das Fundament des Sprachverständnisses, z. B. optische Sensationen der Fingersprache und taktile, sowie (mittelbar) motorische der berührenden Hand, die aus den Bewegungen der Halsmuskulatur der Sprechenden herstammen. Bei den Tauben, die sprechen lernen, geben die motosensorischen Worte der Lautsprache sowie die motorischen Sensationen der eigenen Fingersprache den Wortschatz. Analoges gilt für die Blinden, die lesen und schreiben lernen.
    2) HERMANN PAUL, Prinzipien der Sprachgeschichte, Seite 69; TH. WEGENER, Untersuchungen über die Grundfragen des Sprachlebens, Halle 1885, Seite 47f; KARL OTTO ERDMANN, Die Bedeutung des Wortes, Leipzig 1900, Seite 3f
    3) PLATON, Sophist. 263 E.
    4) WILHELM von HUMBOLDt, Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts in STEINTHAL, Die sprachphilosophischen Werke Wilhelms von Humboldt, Berlin 1184, Seite 277f.
    5) KARL FRIEDRICH BECKER, Organismus der Sprache, Frankfurt a. M. 1841
    6) GEORGE BERKELEY, A treatise concerning the Principles of Human Knowledge, Introduction §§ 23, 21, 24
    7) FRANZ von BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkte, Leipzig 1874, Seite 298f; ANTON MARTY, Über Annahmen (Zeitschrift für Psychologie, Bd. 40, 1905, Seite 1f; THEODOR LIPPS, Grundzüge der Logik, Hamburg und Leipzig 1893, Vorwort.