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FRIEDRICH EDUARD BENEKE
Kant und die
philosophische Aufgabe unserer Zeit

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"...daß  aus bloßen Begriffen  keine Erkenntnis des  Seienden  oder keine Begründung der  Existenz des in diesen Begriffen Gedachten möglich sei.  Kant stellte sich mit diesem Satz, den Systemen des Cartesius, Spinoza, Leibniz, Wolff gegenüber, welche, wie verschieden sie auch über andere Gegenstände denken, doch darin übereinkommen, daß sie ohne weiteres den menschlichen Verstand als Norm auch für die  objektive  Wahrheit betrachten, die  deutliche  Darlegung eines Begriffs für die Darlegung der Existenz seines Gegenstandes halten und daher aus bloßen Begriffen die inneren Eigenschaften der Dinge, die Existenz Gottes usw. beweisen zu können glauben."

"Alle falsche Kunst, alle eitle Weisheit dauert ihre Zeit: denn endlich zerstört sie sich selbst und die höchste Kultur derselben ist zugleich der Zeitpunkt ihres Untergangs."

I. Was beabsichtigte Kant und wodurch ist das Mißlingen
seines großen Unternehmens von seiner Seite her begründet?

Allerdings mußten zu einem Unternehmen, wie das der kantischen Kritik war, sich viele Motive vereinigen und als solche im Werk selber ausgesprochen werden. Wir werden im Verfolg unserer Darstellung Gelegenheit haben, mehrere derselben hervorzuheben. Erfassen wir aber KANTs Unternehmen in seiner ganzen Tiefe: so ergibt sich augenscheinlich als die  Grundtendenz  desselben die Feststellung und Durchführung des Satzes: daß  aus bloßen Begriffen  keine Erkenntnis des  Seienden  oder keine Begründung der  Existenz  des in diesen Begriffen Gedachten möglich sei. KANT stellte sich mit diesem Satz, den Systemen des CARTESIUS, SPINOZA, LEIBNIZ, WOLFF gegenüber, welche, wie verschieden sie auch über andere Gegenstände denken, doch darin übereinkommen, daß sie ohne weiteres den menschlichen Verstand als Norm auch für die  objektive  Wahrheit betrachten, die  deutliche  Darlegung eines Begriffs für die Darlegung der Existenz seines Gegenstandes halten und daher aus bloßen Begriffen die inneren Eigenschaften der Dinge, die Existenz Gottes usw. beweisen zu können glauben. Im Gegensatz mit diesem Verfahren setzte KANT die Verschiedenheit des  Erkennens  vom  bloßen Denken  ins Licht. Zum bloßen Denken haben wir allerdings an unseren Begriffen genug, aber wir werden dann auch nichts anderes erhalten, als "bloße  Gedankenformen,  um aus gegebenen Anschauungen, Erkenntnisse zu machen". (1) Die Erkenntnis dagegen kann uns, insofern sie eine Existenz behauptet, nur durch die  Wahrnehmung  des Existierenden gegeben werden.

Auf die Feststellung dieses Satzes geht KANTs ganze Theorie der Erfahrungserkenntnis hinaus, wie sie in der transzendentalen Ästhetik und in der transzendentalen Analytik der "Kritik der reinen Vernunft", so wie in den "Prolegoma zu einer jeden künftigen Metaphysik" uns vorliegt. Zu jeder Erkenntnis (lehrt er) gehören notwendig Elemente von zwei verschiedenen Gattungen: die  Empfindung  (das  objektive  Element, die  Materie  der Erkenntnis), durch welche allein uns  der Gegenstand gegeben  werden kann und die aus uns selber, als  subjektive  Elemente, hinzugebrachten Erkenntnisformen  unseres Geistes. Diese letzteren sind wieder zwiefach: die Formen der Rezeptivität oder die reinen Anschauungen von Raum und Zeit, vermöge deren die Empfindung erst zur  Anschauung  wird und die Formen der Spontaneität oder die reinen Verstandesbegriffe (Kategorien), durch welche die Anschauungen  gedacht  werden.
    "Der Verstand vermag nichts anzuschauen und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, daß sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen." (2)
Die Kategorien sind  für sich  gar keine Erkenntnisse: sie sind nur allgemeine logische Formeln, völlig leer an Inhalt und die ihren Inhalt nirgends anderswoher, als durch die Anschauung erhalten können und ebenso kann auch die  reine  Anschauung ihren  Gegenstand,  mithin ihre  objektive  Gültigkeit, nur durch die  empirische  Anschauung bekommen, wovon sie die bloße Form ist. Eine Erkenntnis von der Existenz oder Realität ist daher nur vermöge  sinnlicher  (äußerer oder innerer)  Empfindung  möglich.
    "Alle Begriffe und mit ihnen alle Grundsätze, die in uns a priori gegeben sind, beziehen sich nur auf  empirische  Anschauungen, d. h. auf Data zur  möglichen Erfahrung;  ohne diese haben sie keine objektive Gültigkeit, sondern sind ein bloßes Spiel, es sei der Einbildungskraft oder des Verstandes." (3)
Durch diesen Satz schon ist es auf das bestimmteste ausgesprochen, daß die Erkenntnis der menschlichen Vernunft durchaus nicht über die Erfahrung hinauszugehen und also auf keine Weise das Übersinnliche zu erreichen imstande sei. Dies wird dann von KANT weiter entwickelt in seiner transzendentalen Dialektik. Die reinen Verstandesbegriffe (lehrt er) und die darauf begründeten Grundsätze sind nur von  empirischem,  nie von transzendentalem Gebrauch, d. h. sie geben nur allgemeine Bedingungen einer möglichen Erfahrung, sind nur Prinzipien für Erscheinungen, können nie die Schranken der Sinnlichkeit, innerhalb deren uns Gegenstände der Erfahrung gegeben werden, überschreiten." (4) Die Vernunft allerdings sucht "zur  bedingten  Erkenntnis des Verstandes das Unbedingte zu finden, womit die Einheit desselben vollendet wird." (5) Sie erzeugt in ihr keinen eigentümlichen Begriff, sondern macht nur den Verstandesbegriff von den unvermeidlichen Einschränkungen einer möglichen Erfahrung frei: unternimmt denselben "über die Grenzen des Empirischen zu erweitern, wenn auch in Verknüpfung mit demselben." (6) Eben deshalb aber können wir auch für die so entstandenen transzendentalen Vernunftbegriffe oder Ideen auf keine Weise die Gewißheit ihrer objektiven Realität gewinnen. Wir verleihen ihnen allerdings objektive Realität durch notwendige Vernunftschlüsse, welche einen unvermeidlichen Schein hervorbringen. Aber da diese durch die Kritik als unbegründet erkannt werden, als Sophistikationen, so sind sie eher  vernünftelnde  zu nennen. (7)

Diese Grundgedanken sind es, welche KANT ausführt und anwendet, indem er die Paralogismen in der Bestimmung der Natur unserer Seele, indem er in den Antinomien die Widersprüche darlegt, in welche, seiner Ansicht nach, die Vernunft notwendig verwickelt wird bei der Ausbildung ihrer Vorstellungen vom Weltganzen, indem er endlich in der Kritik der bisherigen Beweise für das Dasein Gottes zu zeigen unternimmt, daß dieselben alle, durch eine Art von Erschleichung, das zu Beweisende schon voraussetzen. Die menschliche Erkenntnis hat zwar (so schließt er seine transzendentale Dialektik) in Hinsicht ihrer Anschauungen, Begriffe und Ideen, "Erkenntnisquellen  a priori,  die beim ersten Anblick die Grenzen der Erfahrung zu verschmähen scheinen"; aber eine vollendete Kritik überzeugt uns, "daß alle Vernunft im spekulativen Gebrauch mit diesen Elementen  niemals über das Feld möglicher Erfahrung hinauskommen  kann und daß es die eigentliche Bestimmung dieses obersten Erkenntnisvermögens sei, sich aller Methoden und Grundsätze derselben nur zu bedienen, um der Natur nach allen möglichen Prinzipien der Einheit, worunter die der Zwecke die vornehmste ist, bis in ihr Innerstes nachzugehen,  niemals  aber ihre Grenzen zu überfliegen, außerhalb welcher für uns nichts als leerer Raum ist. Zwar hat uns die kritische Untersuchung aller Sätze, welche unsere Erkenntnis über die wirkliche Erfahrung hinaus erweitern können, in der transzendentalen Analytik hinreichend überzeugt, daß sie niemals zu etwas mehr, als einer möglichen Erfahrung leiten können und wenn man nicht selbst gegen die klarsten abstrakten und allgemeinen Lehrsätze mißtrauisch wäre, wenn nicht reizenden und scheinbare Aussichten uns lockten, den Zwang der ersteren abzuwerfen, so hätten wir allerdings der mühsamen Abhörung aller dialektischen Zeugen, die eine transzendente Vernunft zum Behuf ihrer Anmaßungen auftreten läßt, überhoben sein können: denn wir wußten es schon zum Voraus mit völliger Gewißheit, daß alles Vorgeben derselben zwar vielleicht ehrlich gemeint, aber schlechterdings nichtig sein müsse, weil es eine Kundschaft betraf, die  kein Mensch jemals bekommen kann.  Allein weil doch des Redens kein Ende wird, wenn man nicht hinter die wahre Ursache des Scheins kommt, wodurch selbst der Vernünftigste hintergangen werden kann und die Auflösung aller unserer transzendenten Erkenntnis in ihre Elemente (als ein Studium unserer inneren Natur) an sich selbst keinen geringeren Wert hat, dem Philosophen aber sogar Pflicht ist, so ist es nicht allein nötig, diese ganze, obwohl eitle Bearbeitung der spekulativen Vernunft bis zu ihren ersten Quellen ausführlich nachzusuchen, sondern, da der dialektische Schein nicht allein dem Urteil nach täuschend, sondern auch dem Interesse nach, welches man am Urteil nimmt, anlockend und jederzeit natürlich ist und so in alle Zukunft bleiben wird, so war es ratsam, gleichsam die Akten dieses Preises ausführlich abzufassen und sie im Archiv der menschlichen Vernunft,  zur Verhütung künftiger Irrungen ähnlicher Art,  niederzulegen." (8)

Hat sich nun, nach unserer bisherigen Darstellung, die kantische Kritik fast nur als Polemik und ihr Ergebnis als ein rein  negatives  gezeigt, so hatte doch KANT, nach vielfach wiederholten ausdrücklichen Erklärungen, bei diesen Negativen  zwei höchst wichtige positive Zwecke  im Auge. Zuerst, bei der Aufstellung des Satzes, daß nur auf der Grundlage der  Erfahrung  die menschliche Erkenntnis fest und sicher begründet werden könne, was seine Absicht darauf gerichtet, die herrlichen Geisteskräfte, welche früher der Lösung unlösbarer metaphysischer Probleme zugewandt und so verloren gegangen waren, von nun an für die Erfahrungserkenntnis zu konzentrieren und hierdurch ein reicheres und schnelleres Fortschreiten derselben zu bewerkstelligen. Indem man für alle Zeiten klar und unzweifelhaft sich überzeugte, daß das Übersinnliche auf keine Weise erreicht werden könne durch durch die spekulative Vernunft, sollten von nun an alle Denker, ungestört und unbeschränkt durch jene fruchtlosen Bemühungen, ihr Bestreben allein auf dasjenige richten, was, innerhalb des Bereiches der menschlichen Erkenntniskraft liegend und zugleich eine fruchtbare Anwendung für die Praxis verstattend, mit voller Gewißheit einen ins Unendliche hin sich mehrenden Gewinn der Erkenntnis verheißt. Zweitens aber wollte KANT "das  Wissen  aufheben, um zum  Glauben  Platz zu bekommen." (9) Der Dogmatismus der Metaphysik oder das Vorurteil einer aus reiner Vernunft zu gewinnenden Erkenntnis des Übersinnlichen, sei "die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden Unglaubens, der ebenfalls jederzeit dogmatisch sei"; und nur durch die klare Aufdeckung dieser unbegründeten Anmaßungen also könne das Interesse der Moral und der Religion sicher gestellt werden gegen jene immer wieder sich erneuernden Angriffe. Für alle Zukunft also sollten diese niedergeschlagen werden durch die Nachweisung, daß vom Übersinnlichen gar kein  Wissen  für uns möglich sei: nicht  dafür  und nicht  dagegen,  (10) und daß die Überzeugungen von Gott, von Unsterblichkeit und von Freiheit nur als  Postulate der praktischen Vernunft  für uns Gewißheit erhalten können. Auch KANTs praktische Philosophie liegt demnach wenigstens zum Teil in dieser Richtung; und wir haben nicht zu viel gesagt, wenn wir den Satz, daß "aus bloßen Begriffen keine  Erkenntnis  des Seienden oder keine Begründung der  Existenz  des in diesen Begriffen Gedachten möglich sei", als die Grundtendenz oder als den eigentlichen Mittelpunkt des kantischen Unternehmens bezeichnet haben.

Vergleichen wir nun diese Grundtendenz mit der allgemeinen Tendenz der neueren Philosophie, so zeigt sie sich vollkommen einstimmig mit dem Geist dieser letzteren. Die Konstruktion der Wissenschaften aus bloßen Begriffen und unabhängig von der Erfahrung ist das Charakteristische der  Scholastik.  Dieser nun war BACO in seinem Organon mit Kraft und Gelingen entgegengetreten. Aber durch sein Zusammenwirken mit mehreren anderen ausgezeichneten Männern, in welchen der gleiche Gegensatz in mehr besonderer Gestalt sich entwickelt hatte, war doch die scholastische Methode vollständig nur aus den auf die Erkenntnis der  äußeren  Natur gerichteten Wissenschaften verbannt worden. In der Wissenschaft vom  Geistigen  oder in der Philosophie glaubte man noch immer durch bloße Zergliederung und Aufklärung der Begriffe zugleich eine Erkenntnis des Seins zu erwerben. Aber von LOCKE angeregt und mit dessen Ansichten nach Frankreich und Deutschland verpflanzt, hatte auch auf diesem Erkenntnisgebiet schon lange Zeit hindurch eine weit und tief greifende Polemik gegen diese Methode und insbesondere gegen die darauf begründete Erkenntnis des Übersinnlichen sich gebildet: in sehr verschiedener Gestalt, nach Maßgabe des Charakters der verschiedenen Völker. Bei den Franzosen nahm diese Polemik einen mehr oder weniger frivolen Charakter an. Mit den falschen Beweisen für die übersinnlichen Wahrheiten glaubte man die in manchen anderen Beziehungen beschwerlichen übersinnlichen Wahrheiten selbst wegwerfen zu können; und wer dieselben festzuhalten suchte, wurde mit Spott und Persiflage verfolgt. Bei den Engländern dagegen erscheint diese Polemik ernster ausgebildet. BERKELEY, indem er die religiösen Überzeugungen nicht retten zu können meint gegen die von der Körperwelt her vorgebrachten Beweisgründe, verwirft lieber das Dasein der Körperwelt überhaupt; und HUME, bei aller Schärfe seines Skeptizismus, lenkt doch zuletzt immer wieder zum gesunden Menschenverstand zurück und hält überdies streng am moralischen Gefühl fest. Außerdem aber regen seine skeptischen Argumente gegen die Erkenntnis des Übersinnlichen von allen Seiten die heftigsten Rückwirkungen auf und es wird von der schottischen Schule eine neue Begründung jener Erkenntnis nach einer von der scholastischen gänzlich verschiedenen Methode versucht. Sehen wir demnach von der unwesentlichen Verschiedenheit in den Formen der philosophischen Entwicklung ab, so zeigt sich: überall hatte man eingesehen oder doch gefühlt, daß die bisherige, von den Scholastikern vererbte Metaphysik auf unhaltbaren Gründen ruhe und daß daher die Resultate derselben wenigstens  nicht in dieser Art  festgehalten werden könnten, sondern anderweitig gestützt werden müßten.

Nur in Deutschland bestand noch dieses Erbteil des Scholastizismus, als in KANTs Geist HUMEs Schriften "zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrachen und seinen Untersuchungen im Feld der spekulativen Philosophie eine ganz andere Richtung gaben." (11) Denn wenn auch die Lehren der englischen und französischen Philosophen allerdings in Deutschland bekannt geworden waren, so hatten sie doch, als bloß aus der Fremde übertragen, nur eine schwache Wirkung ausüben können. Indem also KANT auf eine völlige Umformung der Philosophie, auf eine gänzliche Verbannung des Philosophierens  aus bloßen Begriffen  und auf die Anerkennung der  Erfahrung,  als der  einzigen  Grundquelle für alle menschliche Erkenntnis drang, sprach er hiermit nur, wenn auch auf eine eigentümliche Weise, dasjenige aus, was von allen denkenden Köpfen seiner Zeit schon als entschieden angesehen wurde.
    "Die Kritik (bemerkt Kant) verhält sich zur gewöhnlichen  Schulmetaphysik  gerade wie  Chemie  zur  Alchemie,  oder wie  Astronomie  zur wahrsagenden  Astrologie.  Ich bin dafür gut, daß niemand, der die Grundsätze der Kritik auch nur in diesen Prolegomenen durchgedacht und gefaßt hat, jemals wieder zu jener alten und sophistischen Schulwissenschaft zurückkehren werde; vielmehr wird er mit einem gewissen Ergötzen auf eine Metaphysik hinaussehen, die nunmehr allerdings in seiner Gewalt ist, auch keiner vorbereitenden Entdeckungen mehr bedarf und die zuerst der Vernunft dauernde Befriedigung verschaffen kann ...  Alle falsche Kunst, alle eitle Weisheit dauert ihre Zeit: denn endlich zerstört sie sich selbst und die höchste Kultur derselben ist zugleich der Zeitpunkt ihres Untergangs.  Daß in Ansehung der  Metaphysik  diese Zeit  jetzt  da sei, beweist der Zustand, in welchen sie, bei allem Eifer, womit sonst Wissenschaften aller Art bearbeitet werden, unter allen gelehrten Völkern verfallen ist. Die alte Einrichtung der Universitätsstudien erhält noch ihren Schatten; eine einzige Akademie der Wissenschaften bewegt noch dann und wann durch ausgesetzte Preise, einen und den anderen Versuch darin zu machen. Aber unter die  gründlichen  Wissenschaften wird sie nicht mehr gezählt und man mag selbst urteilen, wie etwa ein geistreicher Mann, den man einen großen Metaphysiker nennen wollte, diesen wohlgemeinten, aber kaum von jemandem beneideten Lobspruch aufnehmen würde." (12)
Was also KANTs Kritik zerstören sollte, war im Grunde schon zerstört: sie "sprach das Geheimnis der ganzen Welt aus." Daher auch die ungeheure Wirkung derselben, nachdem man der ersten Befremdung Herr geworden und durch die, in vielen Beziehungen eben nicht ansprechende Umhüllung zu den Grundgedanken hindurchgedrungen war. Sie bestätigte auf eine, dem Sinne der Deutschen für Gründlichkeit genügende Weise, was man bisher nur instinktartig geglaubt und bruchstückweise eingesehen hatte; und so war denn die Grundtendenz der Kantischen Kritik im vollsten Einklang mit dem allgemeinen Kulturfortschritt, nicht nur der Deutschen, sondern aller philosophisch gebildeten Völker.

Das Gleiche läßt sich ohne Schwierigkeit in Hinsicht des Positiven in der kantischen Kritik nachweisen: in Hinsicht der Aufgabe, die er sich für seine Erkenntnistheorie gestellt hatte und in Hinsicht dieser Theorie selber. Der Plan KANTs ging dahin, die Grenzen der menschlichen Erkenntnnis zu bestimmen durch eine tiefere Untersuchung der zur Erzeugung derselben zusammenwirkenden Erkenntniskräfte. Den gleichen Plan hatte vor ihm schon LOCKE entworfen und ausgeführt. Der erste Schritt, um zwischen den verschiedenen Meinungen entscheiden zu können (sagt dieser in der Einleitung zu seinem berühmten Werk), (13) muß darin bestehen,
    "daß man einen Überblick nimmt über den menschlichen Verstand, dessen Kräfte untersucht und eine klare Einsicht gewinnt, welche Dinge diese zu erreichen imstande seien ... Überschreiten die Menschen mit ihren Untersuchungen die Schranken ihrer Fähigkeiten, versenken sie ihre Gedanken in die Tiefen, wo sie keinen sicheren Grund finden können: so darf man sich nicht wundern, daß sie Fragen aufwerfen und Streitigkeiten ins Unendliche hin vervielfältigen, welche, da sie nie klar gelöst werden können, nur geeignet sind, ihre Zweifel zu steigern und zu verlängern und sie auf diese Weise zuletzt in einem völligen Skeptizismus zu befestigen. Dagegen, wenn die Fassungskraft unseres Verstandes einmal klar bestimmt, der Umfang unserer Erkenntnis in ein helles Licht gesetzt und der Horizont begrenzt wäre, welcher die lichtvollen von den dunklen Seiten der Dinge, das uns Begreifliche vom uns Unbegreiflichen scheidet: so würden vielleicht die Menschen die nun allgemein anerkannte Unkenntnis des letzteren weniger unwillig sich gefallen lassen und dafür ihre Gedanken und Worte mit größerem Gewinn und größerer Zufriedenheit auf die erschöpfende Darstellung des Begreiflichen wenden."
Was LOCKE in dieser Stelle so lichtvoll ausspricht, hatte nun bereits seit hundert Jahren als belebendes Prinzip auf die philosophischen Forschungen seines und der übrigen gebildeten Völker gewirkt: so daß also KANTs Unternehmen auch im Ausland überall einen wohl vorbereiteten und empfänglichen Boden zu finden erwarten konnte.

Wir verfolgen dieses Verhältnis noch einen Schritt weiter. Die von KANT aufgestellte Erkenntnistheorie ist eine  idealistische,  d. h. seine Untersuchungen hatten ihn zu dem Ergebnis geführt, daß der menschlichen Erkenntnis keine metaphysische Wahrheit, keine  volle  Einstimmigkeit mit den Objekten zugestanden werden könne, sondern  nur eine beschränkte.  Ein Erkennen sei ja nur möglich auf der Grundlage gewisser Erkenntniskräfte oder Erkenntnisformen, welche, als untrennbare Bestandteile in die Erkenntnis eingehend, derselben einen gewissen  subjektiv  bestimmten Charakter erteilten. Unsere Erkenntnis sei also zwar eine  objektiv wahre,  insoweit als es doch die Dinge seien, welche, vermöge ihrer Kräfte und gemäß der Beschaffenheit derselben, unsere Erkenntnis wirken;  nur in diesen Wirkungen  aber seien sie für uns erkennbar, nich in ihrem  inneren Sein,  oder wie sie  in sich selber  existieren. War nun vielleicht hierin KANT mit den herrschenden Ansichten in Gegensatz und also hierdurch ihm der Weg verschlossen, über sein Vaterland hinaus auf seine Zeit einzuwirken? - Keineswegs unstreitig; vielmehr liegt auch in dieser Hinsicht sein System  ganz in der Richtung der allgemeinen philosophischen Entwicklung der neueren Zeit.  CARTESIUS und LOCKE, die Begründer der beiden Richtungen, welche seitdem die ganze neuere Philosophie geteilt haben, sind doch darin einstimmig, daß es ein Vorurteil sei, die Empfindungen der Farben, der Töne, des Geschmacks und Geruchs, der Wärme und Kälte, des Schmerzes usw., als auch außer dem Geiste in den Dingen existierend anzunehmen. LOCKE prägte diese Ansicht bestimmter aus in seiner berühmten Einteilung der Eigenschaften in erste oder ursprüngliche, welche  als solche  den Objekten zukommen und in zweite oder abgeleitete, denen in den Objekten, der Wahrheit nach, nichts weiter entspricht, als ein Vermögen, gewisse Empfindungen in uns oder gewisse Veränderungen in anderen Objekten hervorzubringen. Aber auch schon vor KANT war man hierin viel weiter gegangen und zwar in gleichem Maße in jenen beiden Hauptrichtungen und ohne irgendeine bedeutende Ausnahme. Sogar die Erkenntnistheorie des SPINOZA, welchen man gewöhnlich als den entschiedensten Realisten aufführt, hat eine augenscheinlich  idealistische  Grundlage. Die Wahrnehmungen von den Außendingen geben uns, nach ihm, keine adäquate Erkenntnis von denselben; vielmehr tragen sie, mit der Beschaffenheit des äußeren Körpers, zugleich auch die Beschaffenheit des menschlichen in sich; ja die letztere selbst in höherem Maß als die erstere. (14) In der LEIBNIZschen Monadenlehre sind Ausdehnung und Bewegung nur Phänomene: die Monaden, welche die einfachen Elemente alles Existierenden bilden, sind nicht ausgedehnt, indem ja die Ausdehnung nicht möglich ist ohne Zusammengesetztheit; auch ihre einfachen Perzeptionen an und für sich der Ausdehnung fremd. Diese letztere entsteht vielmehr erst aus ineinander gewirrten Perzeptionen. Der Raum ist etwas nur Relatives, nur die Ordnung des Koexistierenden, so wie die Zeit die Ordnung des Sukzessiven. - In gleicher Weise bildete sich der Idealismus auch in der anderen Hauptrichtung weiter aus. Schon BERKELEY hatte die ersten Qualitäten, in Hinsicht der  Subjektivität,  den zweiten ganz gleich gestellt und auch nach CONDILLAC kommt der Ausdehung, welche man doch meistenteils allen anderen Eigenschaften als Grundlage untergelegt hatte, nicht mehr wahre Objektivität zu, als den übrigen. Sie ist eine Modifikation der Seele, so wie diese. CONDILLAC macht sich selber den Einwand, man werde sagen, wenn es keine Ausdehnung gäbe, könne es auch keine Körper geben.
    "Was mich betrifft (bemerkt er hierüber), so behaupte ich auch nicht, daß es keine Ausdehnung gebe; ich behaupte allein, daß wie dieselbe nur in unseren eigenen Empfindungen wahrnehmen. Woraus folgt, daß wir die Körper nicht sehen, sie sie an sich selber sind. Vielleicht sind sie ausgedehnt und selbst schmackhaft, klingend, gefärbt, wohlriechend; vielleicht nichts von alledem. Ich behaupte weder das eine noch das andere und will es ruhig erwarten, daß man beweise, sie seien, was sie uns erscheinen oder etwas ganz anderes. Gäbe es aber auch keine Ausdehnung, so würde dies doch kein Grund sein, die Existenz der Körper zu leugnen. Alles, was man vernünftigerweise daraus schließen könnte und sollte, wäre nur, daß die Körper Dinge sind, welche Sensationen in uns hervorbringen und welche Eigenschaften haben, über die wir nichts bestimmt auszusagen imstande sind". (15)
Auch hierin also sehen wir die philosophischen Forschungen aller Völker in vollem Einklang mit dem kantischen System. Wenn nun aber beide das  Gleiche  und auf den  gleichen Grundlagen  erstrebten: wie war es nur möglich, daß, in der weiteren Entwicklung, der früher bezeichnete Gegensatz zwischen beiden sich bildete, infolgedessen nun schon mehrere Jahrzehnte hindurch, in Hinsicht der Philosophie, ein gänzlicher Bruch zwischen uns und den übrigen Völkern besteht? Man hätte allerdings erwarten können, daß, wie die Bekämpfung der scholastischen Methode und die an deren Stelle getretene Erkenntnistheorie bei den Engländern und bei den Franzosen einen verschiedenen Charakter entwickelt hatten, so auch die deutsche Eigentümlichkeit ihnen eine besondere Form aufdrücken werde. Man hätte erwarten können, daß die Polemik bei uns einen tiefen und ernsten Charakter an sich tragen, daß sie das im menschlichen Geist und Gemüt gegebene Höhere nicht mit seinen falschen Gründen zugleich leugnen und wegwerfen, sondern auch im Kampf dasselbe mit heiliger Ehrfurcht betrachten und nicht eher ruhen werde, bis sie seine wahren Gründe aufgefunden und klar dargelegt habe. Aber wenn die früher bemerkten Verschiedenheiten volkstümlicher Formen ein gemeinsames Fortarbeiten, ein dankbares Aufnehmen des vom Nachbarvolk geleisteten nicht gehindert hatten: warum war nicht auch im Verhältnis zu Deutschland das gleiche Zusammenarbeiten möglich? Und wie sollen wir, ungeachtet der gleichen Grundsätze, den Zwiespalt zwischen uns und jenen begreifen, welcher bis auf die neuesten Zeiten immer unversöhnlicher sich ausgebildet hat? Endlich, wie war es möglich, daß aus dem  kritischen Idealismus  bei uns ein  dogmatischer Realismus  hervorging, in einer Überspannung, wie er in keinem dogmatischen System der neueren Zeit sich auch nur annähernd findet? War es ein bloßes unglückliches Ungefähr, welches KANTs im Anfang so glücklichen Wurf verkehrte? Oder lag der Keim des Verderbens, infolgedessen KANT schon bei seinem Leben gerade das Gegenteil von dem mußte geschehen sehen und geschehen lassen, was er, als die höchsten Resultate seiner Erkenntnistheorie, für allein zulässig erklärt hatte, vielleicht ganz oder zum Teil in dem von ihm aufgestellten System selber?
LITERATUR - Friedrich Eduard Beneke, Kant und die philosophische Aufgabe unserer Zeit, eine Jubeldenkschrift auf die Kritik der reinen Vernunft, Berlin/Posen/Bromberg 1832
    Anmerkungen
    1) Kritik der reinen Vernunft, 6. Auflage, Seite 210
    2) ebenda, Seite 54f
    3) Kritik, Seite 217
    4) ebenda, Seite 220f
    5) ebenda, Seite 264
    6) Kritik, Seite 315
    7) Ebenda, Seite 257 und 288
    8) Kritik Seite 539f
    9) Kritik, Vorrede Seite XXIII
    10) Kritik Seite 495
    11) Prolegomena, Seite 13
    12) Prolegomena, Seite 190f
    13) JOHN LOCKE, An essay concerning human understanding, Book I, c 1., § 7
    14) Vgl. SPINOZA, Ethic, part II, prop XVI, besonders Coroll II und prop. XXV
    15) CONDILLAC, Traitè des sensations in den Oeuvres revues, corrigées par l'auteur etc., Paris 1798, Tome III, Seite 383