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FRIEDRICH EDUARD BENEKE
Kant und die
philosophische Aufgabe unserer Zeit

[3/7]

"Wir nehmen doch die Objekte nicht wahr, wie dieselben an und für sich und unabhängig von unserem Wahrnehmen sind, sondern nur in ihren Verhältnissen zu unseren Erkenntniskräften oder wie sie uns  erscheinen  (als Erscheinungen). Hierauf sind wir beschränkt mit allem unseren Erkennen: denn wir vermögen ja in keiner Art dieses Produkt aufzulösen in seine einfachen Faktoren; und das Objekt an sich bleibt uns also notwendig ein gänzlich Unbekanntes, ein  x,  von welchem wir gar nichts zu behaupten oder auch nur zu vermuten imstande sind."

"Bloße Begriffe können also solche aufgeklärt, können auf die mannigfaltigste Weise verglichen oder sonst in Verbindung miteinander gesetzt werden. Aber mit alldem erhalten wir nichts als allgemeine Formen, ohne irgendeine Gewähr für ihre  objektive  Realität. Die reinen Anschauungsformen und die reinen Verstandesbegriffe also können allerdings in unserem Geiste wirklich gegeben, aber können auch bloße Hirngespinste sein; und welches von beiden stattfindet, ist, nach Kants eigenen Grundsätzen, aus bloßen Begriffen nicht zu entscheiden."

I. Was beabsichtigte Kant und wodurch ist das Mißlingen
seines großen Unternehmens von seiner Seite her begründet?

[Forsetzung]

Bei einer genaueren Zergliederung des kantischen Systems können wir das letzte schwerlich in Abrede stellen. Wir fassen die Hauptmomente seiner Erkenntnistheorie in scharfen Umrissen zusammen:

I. Nach KANTs unzählig oft wiederholten Erklärungen haben wir alle menschliche Erkenntnis als ein Produkt anzusehen: als ein Produkt auf der einen Seite aus der von den Objekten hinzugegebenen Materie der Erkenntnis oder den sinnlichen Empfindungen und auf der anderen Seite aus den vom erkennenden Subjekt stammenden Formen, welche wieder zwiefach sind: die reinen Anschauungsformen des Raumes und der Zeit und die reinen Verstandesbegriffe oder Kategorien. Infolge des erstgenannten Faktors sind unsere Erkenntnis zwar  objektiv  begründet: denn durch die Empfindungen wird etwas in sie hineingegeben von den Objekten; aber wir nehmen doch die Objekte nicht wahr, wie dieselben an und für sich und unabhängig von unserem Wahrnehmen sind, sondern nur in ihren Verhältnissen zu unseren Erkenntniskräften oder wie sie uns  erscheinen  (als Erscheinungen). Hierauf sind wir beschränkt mit allem unseren Erkennen: denn wir vermögen ja in keiner Art dieses Produkt aufzulösen in seine einfachen Faktoren; und das Objekt an sich bleibt uns also notwendig ein gänzlich Unbekanntes, ein  x von welchem wir gar nichts zu behaupten oder auch nur zu vermuten imstande sind. Dies gilt, nach KANTs ebenfalls oft wiederholten Erklärungen, von  unserem eigenen Seelensein  nicht weniger als vom Außensein. Denn auch die Erkenntnis von uns selber ist ja nichts anderes möglich, als durch das Hinzutreten der, dem zu erkennenden Objekt an und für sich durchaus fremden, reinen Anschauungsform der Zeit und der ihm ebenso fremden Kategorien der Substanz, der Kausalität usw. Auch uns selber also erkennen wir  nur als Erscheinung;  und das Sein unserer Seele, wie dieselbe an und für sich und unabhängig von dieser Erkenntnisweise existiert, bleibt uns für immer gänzlich unbekannt.

Nun frage man sich: auf welche Weise hat KANT die Erkenntnis dieser Theorie gewonnen, die doch unstreitig ebenfalls den Regeln unterworfen sein muß, welche KANT als allgemeine Regeln für unser Erkennen aufstellt? - Da er dieselbe als eine  objektiv-wahre,  als eine in der Natur des menschlichen Geistes  wirklich  begründete darstellt, so konnte er sie unstreitig nur aus  innerer Erfahrung  gewonnen haben. Erfahrung allein kann ja, nach eben dieser Theorie, die  Existenz  des Gedachten, Erfahrung allein uns verbürgen, daß wir nicht bloße Hirngespinste denken, von welchen wir nicht einmal wissen können, ob sie auch nur einmal möglich sind. (1) Nur durch das innere Selbstbewußtsein also konnte KANT der Kräfte gewiß werden, welche der menschliche Geist zur Bildung seiner Erkenntnisse hinzubringt; nur durch das innere Selbstbewußtsein der Prozesse, durch welche die Erkenntnisse von diesen Kräften gebildet werden. Auch hierin würde dann KANT vollkommen einstimmig gewesen sein mit demjenigen, was von den philosophischen Denkern der übrigen gebildeten Völker als unumstößlich gewiß angesehen wird: zwischen welchen, wie verschieden sie auch sonst in ihren Ansichten sein mögen, doch seit geraumer Zeit schon kein Streit mehr darüber obwaltet, daß  nur auf der Grundlage der inneren Erfahrung  die Philosophie und insbesondere die Wissenschaft von der menschlichen Seele mit Sicherheit und Festigkeit aufgerichtet werden könne. (2)

Aber eben dieses ist nun, nach dem kantischen System, in anderen Beziehungen durchaus unzulässig. Zuerst nämlich: die reinen Anschauungen des Raumes und der Zeit und die Kategorien sollen, von der Seite des Subjektes her, die einfachen Grundelemente unserer Erscheinungserkenntnis bilden: sie können also unmöglich selbst wieder  Erscheinungen  sein. Die Erscheinungserkenntnis, als Produkt, hat zu Faktoren auf der einen Seite die sinnlichen Eindrücke der Objekte, auf der anderen die Erkenntnisformen unseres Geistes; und wie der  objektive  Urgrund oder dasjenige, wodurch die Empfindungen bewirkt werden, ein  Ding an sich  ist, so müssen ohne Zweifel auch die reinen Anschauungsformen und die reinen Verstandesbegriffe, welche den  subjektiven  Urgrund bilden,  Dinge an sich  sein. Wie wäre es also wohl möglich, die Erkenntnis dieses subjektiven Urgrundes durch  Erfahrung  zu gewinnen, da ja die Erfahrung, nach dem kantischen System, nichts als Erscheinungen zu erkennen gibt und die Dinge an sich, in Hinsicht unseres eigenen Seelenseins ebensowenig, als in Hinsicht der Außenwelt, irgendwie in ihren Bereich zu bringen imstande ist?

Könnte man über die Unmöglichkeit dieser Erkenntnisweise, nach KANTs Ansichten, noch den mindesten Zweifel hegen, so wird dieser völlig niedergeschlagen werden durch KANTs ausdrückliche Erklärungen. Die empirische Psychologie ist nach ihm schon durch ihre Idee gänzlich von der  reinen  oder  eigentlichen  Philosophie ausgeschlossen. Sie kann nur als  angewandte  Philosophie gelten, zu welcher die reine Philosophie die Prinzipien a priori enthält.
    "Gleichwohl (fährt KANT fort) wird man ihr, nach dem Schulgebrauch, doch noch immer (obzwar nur als Episode) ein Plätzchen darin verstatten müssen und zwar aus ökonomischen Ursachen, weil sie noch nicht so reich ist, daß sie allein ein Studium ausmachen und doch zu wichtig, als daß man sie ganz ausstoßen oder anderwärts anheften sollte, wo sie noch weniger Verwandtschaft, als in der Metaphysik, antreffen dürfte. Es ist also bloß ein so lange aufgenommener Fremdling, dem man auf einige Zeit einen Aufenthalt vergönnt, bis er in einer ausführlichen Anthropologie (dem Pendant der empirischen Naturlehre) seine eigene Behausung wird beziehen können." (3)
Die empirische Psychologie ist demnach ganz untauglich, die Grundlage zu bilden für die kantische Erkenntnistheorie. - Der erste bedeutende  Gegensatz  zwischen dieser und den von anderen aufgestellten Erkenntnistheorien.

Nur  unabhängig  von der Erfahrung also konnte KANT zur Erkenntnis der reinen Anschauungsformen und der Kategorien gelangt sein. Das spricht er auch an vielen Stellen ganz entschieden als seine Ansicht aus. Die philosophische Erkentni überhaupt ist ihm die  Vernunfterkenntnis aus Begriffen,(4) eine Erkenntnis a priori  aller  Erfahrung, ohne alle empirischen Quellen, innere sowohl wie äußere. Sie soll ja, "nicht physische, sondern metaphysische, d. h. jenseits der Erfahrung liegende Erkenntnis sein. Also wird weder äußere Erfahrung, welche die Quelle der eigentlichen Physik, noch innere, welche die Grundlage der empirischen Psychologie ausmacht, bei ihr zum Grunde liegen. Sie ist Erkenntnis a priori oder aus reinem Verstand und reiner Vernunft." (5) Auch ist weder bei der Deduktion von Raum und Zeit, als Formen der reinen Anschauung, noch bei der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe von einer Nachweisung die Rede, daß sich dieselben in einer gewissen Gestalt und mit einer gewissen Wirksamkeit dem Selbstbewußtsein oder der inneren Erfahrung darstellten, sondern durch eine rein an gewisse  Begriffe  sich anschließende Erwägung werden sie als Formen des menschlichen Geistes deduziert. - Ganz wohl; nur daß wir dann, nach KANTs eigenen Grundsätzen,' ihrer  Existenz  auf keine Weise gewiß sein können. Existenz wird allein durch Erfahrung begründet. Bloße Begriffe können also solche aufgeklärt, können auf die mannigfaltigste Weise verglichen oder sonst in Verbindung miteinander gesetzt werden. Aber mit alldem erhalten wir nichts als allgemeine Formen, ohne irgendeine Gewähr für ihre  objektive  Realität. Die reinen Anschauungsformen und die reinen Verstandesbegriffe also können allerdings in unserem Geiste wirklich gegeben, aber können auch bloße Hirngespinste sein; und welches von beiden stattfinde, ist,  nach KANTs eigenen Grundsätzen,  aus bloßen Begriffen nicht zu entscheiden. "Wir können überhaupt von keinem Realgrund und keiner Kausalität aus bloßen Begriffen a priori die Möglichkeit erkennen." (6)

Aber vielleicht (um keine Annahme versucht zu lassen) könnten jene Grundformen der menschlichen Erkenntnis als  Hypothesen  eingeführt werden: als vorläufige Annahmen, für deren Bestätigung man dann die Erfahrung weiter zu vergleichen hätte; in der Art also, wie wir in die Naturwissenschaften die Schwerkraft, die elektrische Kraft und überhaupt alle Kräfte einführen, die ja doch auch niemand jemals  als Kräfte  zu sehen oder sonst zu erfahren vermag, sondern welche wir, um einen Zusammenhang unter unseren Erfahrungen zu gewinnen, zuerst hypothetisch denselben unterlegen und dann durch Vergleichung des aus ihnen Erschlossenen mit den wirklich gegebenen Erfahrungen bekräftigen. Aber die Erfahrung kann, nach KANT, durchaus nicht das  An-sich  der Dinge erreichen, also auch nicht vermittelt und mithin auch in keiner Art auch nur einmal bestätigen. Überdies verwirft KANT die Hypothesen ausdrücklich für die Philosophie. Wir können "nicht einen einzigen Gegenstand nach einer empirisch nicht anzugebenden Beschaffenheit, den Kategorien gemäß, ursprünglich aussinnen und sie einer erlaubten Hypothese zum Grunde legen: denn dieses hieße, der Vernunft leere Hirngespinste, statt der Begriffe von Sachen, unterlegen." (7) Dies gilt unstreitig von den Kräften des menschlichen Geistes ebenso, wie von den Außendingen: wie es denn auch KANT im Folgenden gerade auf jene anwendet.

Endlich, wie würde sich das vorliegende Verhältnis für eine hypothetische Konstruktion ausbilden? - Unstreitig, indem wir von der einen Seite das objektive An-sich, das  x  der Dinge, von der anderen die subjektiven Formen, welche auch Dinge an sich sind, zur Erzeugung der Erkenntnis zusammenwirkend dachten. Aber dann müßten doch beide entweder substantiell oder inhärierend gedacht werden, müßten irgendwie in ein Kausalverhältnis oder in Gemeinschaft miteinander treten usw.; und so hätten wir also, auch schon in den äußersten Umrissen dieser Hypothesen, eine Anwendung der Kategorien auf  Dinge an sich,  welche KANT in den bestimmtesten Ausdrücken für  gänzlich unstatthaft  erklärt. (8)

Fassen wir demnach die gegebenen Erörterungen zusammen, so ergibt sich, daß, nach KANTs Grundsätzen, die einfachen Kräfte oder Formen des menschlichen Geistes  in keiner Art erkennbar sind:  weder unmittelbar aus der Erfahrung (denn diese kann nicht bis zum Einfachen, nicht bis zum An-sich vordringen, sondern ist ganz und gar auf Produkte oder Erscheinungen beschränkt), noch unabhängig von der Erfahrung (denn für das in dieser Art aus bloßen Begriffen Konstruierte haben wir ja keine Gewähr seiner Existenz), noch endlich durch irgendeine Vermittlung zwischen beiden, welche ja nur beide Unvollkommenheiten in sich vereinigen würde. Wir sehen also die kantische Erkenntnistheorie in dieser Hinsicht in einem  unlösbaren Widerspruch mit sich selber  befangen. Ist dieselbe wahr (d. h. aus bloßen Begriffen keine Erkenntnis der Existenz möglich), so folgt hieraus unwidersprechlich, daß sie nicht wahr sein könne (wir vermögen der Existenz der von KANT bezeichneten Erkenntnisformen nicht gewiß zu werden); und unter keiner anderen Bedingung also kann dieselbe wahr sein, als wenn sie falsch ist.

Dieser tief liegende Selbstwiderspruch ist es auch, welcher die Wirksamkeit der kantischen Lehre notwendig von Anfang an lähmen und endlich ganz vernichten müßte. KANT trieb die Spekulation aus bloßen Begriffen zur Vordertür hinaus, um sie zur Hintertür wieder einzulassen: an die Stelle der  objektiven  Dichtungen (der Dichtungen in Hinsicht auf Welt und Gott), über welche er mit Recht das Verdammungsurteil ausgesprochen hatte, setzte er  subjektive  Dichtungen. Für die letzteren aber konnte ebensowenig, wie für die ersteren, eine Gewähr gegeben werden, daß sie überhaupt existierten und gerade in dieser Art existierten und wirkten; und wenn man also auch eine Zeit lang durch die untergeordnete Verschiedenheit beider Verfahrungsweisen getäuscht werden konnte, so mußte doch sehr bald die wesentliche Gleichheit derselben ans Licht treten. Mit dem gleichen Recht, wie KANT gedichtet hatte in Hinsicht auf die Erkenntniskräfte unseres Geistes, konnte dies FICHTE ebenfalls tun; und SCHELLING und seine Nachfolger hatten, obgleich im Verhältnis zur Aufgabe der Wissenschaft Unrecht, doch gegen jene beiden vollkommen Recht, wenn sie zum  alten  Dichten über Gott und Welt zurückkehrten. Man sieht in der Tat nicht, warum, wenn einmal überhaupt in der  Wissenschaft  ein Dichten, das eine mehr oder weniger erlaubt sein solle, als das andere.

II. Im engsten Zusammenhang mit diesem Selbstwiderspruch steht ein zweiter im kantischen System.

HUME hatte die Behauptung aufgestellt, von dem ursächlichen Verhältnis sei uns weder a priori noch in der inneren oder äußeren Erfahrung irgendwie eine Anschauung gegeben; überall liege uns nur ine stetes  Nach-etwas, kein  Durch-etwas, keine  Notwendigkeit  der Verknüpfung oder kein  innerer  Zusammenhang zwischen den wahrgenommenen Erfolgen vor. Die Verbrennung des Holzes zu Asche nennen wir eine Wirkung des Feuers, der Ernährung des menschlichen Lebens legen wir den Genuß des Brotes oder anderer Nahrungsmittel als Ursache zugrunde, nicht deshalb, weil wir das innere Werden des Einen durch das Andere nachzuweisen imstande sind, sondern weil wir jene  beständig nach  diesem beobachtet haben. Die von uns angenommenen ursächlichen Verknüpfungen also seien ein Erzeugnis der Gewohnheit: was wir  stets  nach einem anderen wahrnähmen, gewöhnten wir uns als  notwendig  mit diesem zusammengehörig oder als durch dasselbe gewirkt zu betrachten; und für diese bloß  subjektiv  begründete Überzeugung lasse sich keine  objektive  Gewähr geben.

KANT nun wollte, im Interesse der menschlichen Erkenntnis, die  Notwendigkeit  und  objektive Realität,  nicht nur der ursächlichen Verbindung, sondern auch (denn sein systematischer Geist hatte ihn zu einem umfassenderen Gesichtspunkt geführt)  aller  derjenigen Verbindungen rechtfertigen, welche mit  objektiver  Beziehung in unserem Vorstellen gegeben sind, wie die Verbindung zwischen dem Ding und seinen Eigenschaften, dem zu Einem verbundenen Vielen usw. - Auf welche Weise aber begründet KANT die  objektive  Realität dieser Verbindungen? - Dadurch, daß er dieselben durch unseren Verstand, durch die Kategorien in unsere Erkenntnisse hineinkommen läßt: die  Objektivität  also soll  rein-subjektiven  Ursprungs sein! - Es gibt, nach KANT, zwei Arten von Urteilen. Die einen enthalten eine bloße Vergleichung oder Verknüpfung der Wahrnehmungen, welche ich in meinem Bewußtsein finde und haben, als solche, bloße  subjektive  Gültigkeit, sind bloße  Wahrnehmungs urteile. Sollen aus diesen  Erfahrungs urteile werden, die  objektive  Gültigkeit haben, so müssen "über die Vorstellungen der sinnlichen Anschauungen noch besondere,  ursprünglich im Verstand erzeugte Begriffe  hinzukommen, welche es eben machen, daß das Erfahrungsurteil  objektiv gültig  ist" (9). Spreche ich das Urteil aus: "wenn die Sonne den Stein bescheint, so wird er warm", so ist das ein bloßes Wahrnehmungsurteil, welches keine Notwendigkeit, keine Objektivität enthält, ich uns andere mögen dies noch so oft wahrgenommen haben; die Wahrnehmungen finden sich nur gewöhnlich so verbunden. Sage ich aber: "die Sonne erwärmt den Stein", so kommt über die Wahrnehmung noch der Verstandesbegriff der Ursache hinzu, der mit dem Begriff des Sonnenscheins den der Wärme  notwendig  verknüpft und das Urteil wird notwendig allgemeingültig, folglich objektiv und aus einer Wahrnehmung in eine Erfahrung verwandelt." (10)

Die  Objektivität  unserer Erkenntnisse soll demnach  rein-subjektiv  begründet sein! - KANT steht im Allgemeinen vollkommen klar in Hinsicht dieses Verhältnisses. Objektive Gültigkeit, bemerkt er, (11) ist ein Wechselbegriff mit notwendiger Allgemeingültigkeit für jedermann. Das Objekt  an sich  kennen wir nicht; aber wenn ein Urteil allgemeingültig und mithin notwendig ist, so wird eben hierunter die  objektive  Gültigkeit verstanden. Wir erkennen das Objekt aus der allgemein-notwendigen Verknüpfung unserer Wahrnehmungen, die aus den reinen Verstandesbegriffen stammt. - Also das  Subjekt  ist es, welches den  Objekten  ihre Verbindungen vorschreibt! Es erhellt sich augenscheinlich, daß hierdurch der von HUME angeregte Skeptizismus nicht nur nicht widerlegt, sondern vielmehr nur entschiedener und bestimmter ausgeprägt wird. Nach HUMEs Theorie blieb es ja noch zweifelhaft, ob nicht der ursächliche Zusammenhang, wenn er auch in seiner Objektivität  nicht von uns erkennbar  sei, doch in den Objekten  wirklich existiere.  Ja, HUME begründet denselben gewissermaßen selbst  für unsere Erkenntnis objektiv,  wenn auch freilich nicht für eine volle Gewißheit genügend. Denn das  stete Nach-etwas  ist ja doch nicht ein Erzeugnis unseres Geistes, sondern stammt aus den Erfolgen selber und also  aus den Objekten.  Überdies lehrt HUME, wie hoch er auch seinen Skeptizismus gespannt haben mag, zuletzt zu den Aussprüchen des gesunden Menschenverstandes zurück, mit der Bemerkung, die ursächliche Verbindung sei allerdings ihrem Ursprung oder Grund nach verdächtig, doch das Vertrauen darauf könne aber für die Praxis nicht entbehrt werden. HUME also läßt es noch unentschieden, ob nicht der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung dennoch in den Objekten selber stattfinde. Die kantische Theorie dagegen behauptet mit apodiktischer [logisch zwingender, demonstrierbarer - wp] Gewißheit ihren  rein-subjektiven  Ursprung. Die ursächliche Verbindung, wie alle übrigen Verbindungen dieser Art, wird rein aus dem Verstand in unsere Erkenntnisse hineingebracht; die Objekte geben nur eine durchaus unverbundene Mannigfaltigkeit sinnlicher Empfindungen, welche erst dadurch, daß sie unter die Kategorien zusammengefaßt werden, in jene Verbindungen miteinander treten. KANT also spricht diesen alle  wahre  Objektivität geradezu ab; und wenn er sie dessenungeachtet durch eben diesen Akt der Zusammenfassung  objektiv  werden läßt, so ist dies eine leicht aufzudeckende Verwirrung der Worte. Ein anderer würde diese  subjektive  Notwendigkeit oder  subjektiven  Zwang der Erkenntnis genannt haben.

Auch in dieser Theorie zeigt sich demnach der gleiche Fehler, wie in der früher betrachteten. Die Objektivität der als objektiv in unserem Vorstellen gegebenen Verbindungen kann allein dadurch wahrhaft begründet werden, daß man die  Unmöglichkeit  ihrer Ableitung aus dem  Subjekt  und so mittelbar nachweist, daß sie nur aus den sinnlichen Wahrnehmungen, als den  objektiven  Elementen unserer Erkenntnis, stammen können. Wir können mit KANT davon ausgehen (bemerkt einer der scharfsinnigsten Beurteilter der kritischen Philosophie (12), daß, was vom Subjekt stammt in unserer Erkenntnis, notwendig ist. Wenn also die Verbindung zwischen den Wahrnehmungen, welche eine Erfahrungserkentnis bilden, subjektiv wäre, so müßte sie eine notwendige sein. Nun aber finden wir unstreitig das Gegenteil. Die Verbindung zwischen der Figur, der Farbe, dem Geruch, dem Geschmack, der Schwere usw., der Pfirsich, die Verbindung zwischen der Anschauung des Feuers und der Anschauung der Asche usw. zeigen keine Notwendigkeit und sie können also nicht subjektiv, sondern müssen vielmehr objektiv oder in der Erfahrung begründet sein. - Eine Begründung dieser Art wäre auch in vollkommener Angemessenheit gewesen zu der schon oft hervorgehobenen Grundidee des kantisches Systems, daß nämlich die Existenz des in unseren Begriffen Vorgestellten niemals aus diesen Begriffen selber und für sich allein, sondern nur aus eine zu ihnen hinzukommenden Erfahrung (sinnlichen Wahrnehmung) erkannt werden könne. Aber nein: gerade aus Begriffen und noch dazu aus solchen, welche, nach KANT, nicht einmal mittelbar aus der Erfahrung stammen, sondern rein subjektiven Ursprungs sind, soll die objektive Realität jener Verbindungen abzuleiten sein!

Erklärt nun so KANT den Verstand für das Maß und das zu erzeugende Prinzip der objektiven Wahrheit, so ist das unstreitig wieder ein Überbleibsel eben des  Scholastizismus,  den KANT in seiner Kritik zu bekämpfen sich zum höchsten Ziel gesetzt hatte. (13) Für CARTESIUS, SPINOZA, LEIBNIZ, welche in dieser Beziehung noch ganz der scholastischen Philosophie angehören, indem sie den Verstand als offenbarend für die Außenwelt, die Deutlichkeit der Vorstellungen als die höchste Gewähr für die objektive Realität betrachten, hätte jene Rechtfertigung der Verbindung zwischen Ursache und Wirkung allerdings gepaßt. KANT aber, welcher ausdrücklich die Möglichkeit leugnet und bekämpft, aus bloßen Begriffen der Existenz des in diesen Begriffen Vorgestellten gewiß zu werden, durfte sich eine solche Deduktion der objektiven Realität auf keine Weise gestatten.

Übrigens erhellt sich leicht, wie auch dieser Irrtum weiter fortwirken konnte und gewissermaßen mußte. Schon KANT hatte die Kategorien auf das  "Ich denke"  zurückgeführt, als auf "die höchste Einheit, in welcher wir das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen in  einem  Bewußtsein verbinden" und also demselben die Objektivität aufprägen. (14) Dies wurde von FICHTE aufgefaßt, für welchen es nun schon gar keine andere Objektivität mehr gibt, als eben diese aus dem Ich stammende. Und wenn SCHELLING und die ihm folgenden Systeme von diesem überspannten Idealismus in einen überspannten Realismus überspringen, so nehmen sie im Grunde die gleiche Irrung in diesen mit hinüber: denn über das objektive, welches uns nicht unmittelbar gegeben ist, können wir ja nur entscheiden nach dem allein unmittelbar gegebenen Subjektiven; und so wird demnach in der Tat auch in diesen realistischen Systemen das Subjektive, ohne weitere Untersuchung und unbeschränkt, zum Kriterium gemacht für die Qualitäten, so wie für die Verknüpfungs- und Entwicklungsformen des Objektiven. Es ist ihnen, wie am deutlichsten in HEGEL Ausbildung der Schellingschen Lehre hervortritt, dem tiefsten Grunde nach, nicht Ernst mit ihrem Realismus: denn die Objekte müssen sich bequemen, ihre wesentlichen, ihre konstituierenden Grundformen dem Subjekt auszuborgen. So tot ist das Erbteil des fichteschen Systems auf seine Nachfolger übergegangen.

III. Zu diesen beiden Mängeln der kantischen Theorie kommt endlich ein dritter, noch tiefer greifender. KANT erklärt sich, wie wir gesehen haben, entschieden dagegen, daß die Erkenntnis der einfachen Grundkräfte unseres Geistes aus der inneren Erfahrung gewonnen werden könne und solle. Auf welche andere Weise aber hätte er diese Kräfte und die Verrichtungen, durch welche dieselben die menschliche Erkenntnis zustande bringen, in ihrer  wirklichen Beschaffenheit  aufzufassen vermocht? - indem er dieselben also nicht, wie sie in  Wahrheit  sind und wirken, darstellen konnte, mußte er zu einer anderen Darstellungsweise seine Zuflucht nehmen: er gibt uns dieselben in einem  Bild,  in einem  Gleichnis.  Denn wie entstht nach ihm das menschliche Erkennen? Indem die von den Objekten stammende  Materie  der Erkenntnis in die subjektiven  Formen  unseres Geistes zusammengefaßt wird. "Materie, Formen, zusammenfassen", das sind unstreitig Prädikate, welche man doch gewiß nicht im  eigentlichen  Sinne auf geistige Kräfte und geistige Prozesse wird anwenden wollen: denn sie setzen eine  räumliche  Ausdehnung und Begrenzung, setzen eine  räumliche  Bewegung und Veränderung voraus, welche auf den Geist, als ein durchaus unräumliches Wesen, keine Anwendung leiden können.

Nun ist zwar im Allgemeinen nichts dagegen einzuwenden, wenn man geistige Kräfte und Prozesse durch von der Außenwelt entlehnte Bilder bezeichnet. Die psychischen Kräfte und Erfolge sind so schwer mit Bestimmtheit aufzufassen, daß die bildliche Auffassung und Darstellung  anfangs  nicht vermieden werden kann; und die gewöhnliche Sprache hat daher für die Bezeichnung des Geistigen fast gar keine anderen Ausdrücke, als bildlich. Man denke an die Wörter: "vorstellen, begreifen, überlegen, erwägen" und unzählige ähnliche. Wir wollen dies also an und für sich keineswegs verwerfen oder tadeln. Auf der anderen Seite aber ist es doch augenscheinlich, daß, so lange wir  weiter nichts  haben für die Erkenntnis einer geistigen Kraft oder eines geistigen Erfolges, als solche Bilder, wir uns keineswegs rühmen dürfen, eine  wissenschaftliche  Theorie oder auch nur eine  eigentliche  Erkenntnis von denselben zu besitzen. Sprechen wir jetzt in der Wissenschaft oder selbst im Leben, von "begreifen" und "erwägen", so denkt niemand mehr beim ersteren an ein Zusammenfassen mit den Händen oder beim zweiten an die Schalen der Waage. Das Gleichnis ist ganz verschwunden: denn unsere Bildung ist so weit vorgeschritten, daß wie die  Sache selber,  den  eigentliche Erfolg  dieser Seelenakte klar aufzufassen und im Denken festzuhalten imstande sind.

So ist es aber bei jener kantischen Theorie nicht. KANT kommt gar nicht hinaus über jene Bilder: wir erfahren nirgends, in welcher Art denn  eigentlich  die reinen Anschauungen und die reinen Verstandesbegriffe ursprünglich oder a priori gegeben sind; erfahren nirgends, durch welchen  Prozeß  sie mit den an und für sich unräumlich, unzeitlich und unverbunden gegebenen sinnlichen Empfindungen zusammengebildet werden. Und doch würden wir allein durch diese Darlegung eine  wahrhaft wissenschaftliche  Erkenntnis von denselben erhalten, während wir in KANTs Theorie den psychischen Kräften und den psychischen Erfolgen äußerlich bleiben, in Bildern reden, wo wir eigentlich reden, uns eines Gleichnisses bedienen, wo wir die Sache selber darstellen sollten. Aber die Sache selber vermögen wir nur durch  Erfahrung,  nicht durch ein bloßes Dichten mit Begriffen oder durch Spekulation zu erkennen; und sobald also KANT jener den Rücken wandte, konnte er eben keine wahrhaft wissenschaftliche Erkenntnis geben, sondern mußte sich mit Bildern und Gleichnissen begnügen.

Es ist augenscheinlich, daß auch hierin leider alle späteren deutschen Systeme dem kantischen gefolgt sind. Wenn FICHTE das Ich in einer unendlichen Tätigkeit aus sich hinausgehen, sich eine Schranke oder das Nicht-Ich setzen und von diesem zu sich zurückgehen läßt, was haben wir hierin anders, als ein  Gleichnis:  denn in eigentlicher Bedeutung können wir doch unmöglich dem durchaus unräumlichen Geist solche Bewegungen im Raum beilegen. Wenn nachher in der schellingschen Schule von den Polen des Absoluten, von der Entzweiung desselben, von einem Abfall der Ideen oder bei HEGEL von einem Hinausgehen des Abstrakten aus sich zu seinem Anderssein und von einer Rückkehr desselben in sich die Rede ist: so sind das alles  Bilder,  die als eigentlich wissenschaftliche Prädikate anzuwenden, niemandem in den Sinn kommen kann, welcher von der Konstruktion einer Wissenschaft richtige Begriffe gewonnen hat. Streng wissenschaftliche Prädikate müssen aus dem gleichen Vorstellungsgebiet,  aus  dem gleichen Begriffsstamm  genommen werden, zu welchem die Subjektvorstellung gehört; in den so eben angeführten Beispielen aber gehören die Prädikate sämtlich nicht nur anderen Begriffsstämmen, sondern selbst ganz fremdartigen Vorstellungsgebieten an; und wie vielfach wiederholt also auch und mit wie stolzen Worten, die Urheber jener Systeme uns versichern mögen, eine alles Frühere weit hinter sich zurücklassende Wissenschaft aufgestellt zu haben: wir können diese Systeme höchstens als  Vorbereitungen  zur Wissenschaft von fern her gelten lassen, indem sie sich nirgends erheben über die leichteren und loseren Vorstellungsverknüpfungen, welche in der Entwicklung des menschlichen Geistes der eigentlichen Urteilsbildung vorangehen.
LITERATUR - Friedrich Eduard Beneke, Kant und die philosophische Aufgabe unserer Zeit, eine Jubeldenkschrift auf die Kritik der reinen Vernunft, Berlin/Posen/Bromberg 1832
    Anmerkungen
    1) Prolegomena, Seite 105 und besonders Seite 163 ("Nach den allerklarsten Beweisen, die wir oben gegeben haben, würde es ungereimt sein, wenn wir  von irgendeinem Gegenstand  mehr zu erkennen hofften, als zur Erfahrung desselben gehört."); Kritik der r. V., Seite 491f und an anderen Stellen.
    2) Man vergleiche die im dritten Abschnitt dieser Schrift hierüber beigebrachten Stellen.
    3) Kritik d. r. V., Seite 646
    4) ebenda, Seite 547
    5) Prolegomena, Seite 24
    6) Kritik d. r. V., Seite 134
    7) Kritik, Seite 589
    8) Vgl. Prolegomena, Seite 101; Kritik Seite 222, 491 und 535. In der "Kritik der praktischen Vernunft" (Seite 94f) spricht KANT zwar der Kategorie der Kausalität und durch deren Vermittlung allen übrigen objektive Realität auch für Noumenen zu, aber ausdrücklich nur für die  praktische  Anwendung,  nicht  für die Erkenntnis, um welche es sich doch hier handelt. Die Kausalität in ihrer Anwendung auf reine Vestandeswesen (Dinge an sich, Noumenen) ist, "weil ihr keine Anschauung, als die jederzeit nur sinnlich sein kann, untergelegt werden kann ... in Ansehung des  theoretischen  Gebrauchs der Vernunft, ein obgleich möglicher, denkbarer, dennoch leerer Begriff."
    9) Prolegomena, Seite 78
    10) ebenda, Seite 83
    11) Prolegomena, Seite 79f
    12) PASQUALE GALUPPI di TROPEA, Elementi di filosofia, Messina 1821 - 27, Tomo III, Seite 206f
    13) Vgl. oben I. ff
    14) Kritik d. r. V., Seite 97f