tb-1Der kritische IdealismusErnst CassirerLeonard Nelson     
 
OTTO MEYERHOF
Der Streit um die
psychologische Vernunftkritik

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"Wer hintritt und sagt:  mir ist das unmittelbare Tatsache des Bewußtseins,  der beweist gerade durch diese Art der Begründung, daß es  für ihn  nicht wahr ist, daß er die ganze Sache nur vom Hörensagen, nur aus seinem Katechismus hat."

"Haben wir die Notwendigkeit einer solchen unmittelbaren Erkenntnis einmal eingesehen, so haben wir damit den archimedischen Punkt entdeckt, von dem alle Philosophie fortan ihren Ausgang nehmen kann. Jetzt brauchen wir keine Schwierigkeit mehr zu fürchten, da wir gegen alle Einwände, die sich gegen unsere Methode erheben könnten, von vornherein gerüstet sind."

II.

1. Gegen die hier skizzierten Ausführungen NELSONs zur kritischen Methode hat ein Vertreter der in den Abhandlungen heftig befehdeten Neukantianer, ERNST CASSIRER, in einer längeren Schrift Stellung genommen, die als erste der von HERMANN COHEN und PAUL NATORP herausgegebenen "Philosophischen Arbeiten" unter dem Titel "Der kritische Idealismus und die Philosophie des gesunden Menschenverstandes" erschienen ist. Er sucht darin zu beweisen, daß die von NELSON dargestellte "kritische Methode" nichts anderes sei, als die Common-Sense-Philosophie der schottischen Schule, deren Fehlerhaftigkeit KANT auf das exakteste nachgewiesen hat, ohne daß NELSON ein neues Argument für sie vorbrächte. Fragen wir, wie CASSIRER zu dieser Ansicht kommt, so müssen wir zunächst feststellen, daß das von ihm gegebene Referat der NELSONschen Aufsätze von unserem sehr stark abweicht; und da seine Darstellung eine große Reihe von Fehlern der FRIES-NELSONschen Lehre involviert, die ihr in unserer Wiedergabe fehlen, so kommen wir zu den Behauptung, daß er die NELSONschen Ausführungen großenteils mißverstanden hat. (1)

In der CASSIRERschen Darstellung fällt sofort auf, daß er das Wesen der FRIESschen Deduktion nicht richtig erfaßt hat; er hält sie für eine Art der Selbstbeobachtung, also für ein demonstratives Verfahren, wobei nach NELSON die Deduktion zwar durch die Selbstbeobachtung eingeleiete, aber durch die  Theorie der Vernunft  ausgeführt werden soll, die bezeichnenderweise von CASSIRER in der ganzen Abhandlung mit keinem Wort erwähnt wird. CASSIRER Seite 17: "Neben der Berufung auf die tatsächliche Anwendung des Kausalprinzips aber bleibt NELSON kein anderer Weg, als der der unmittelbarene Selbstbeobachtung übrig und auf ihne werden wir dann auch zur Ergänzung des anfänglichen regressiven Verfahrens fort und fort verwiesen." (Ferner Seite 7, 19 u. a.) Aber auch den grundlegenden Gegensatz von Abstraktion und Deduktion, von Auffindung und Begründung der Grundsätze, übersieht CASSIRER; das  nur  vorbereitende Verfahren der Abstraktion faßt er als endgültig auf und reiht ihr dementsprechend die Deduktion ohne Erklärung als ein unwesentliches Anhängsel an. So sagt er in seinem Referat: "Es gibt keine andere Bewährung eines Grundsatzes, als indem wir dartun, daß er in allen unseren empirischen Urteilen in tatsächlichem Gebrauch ist" (Seite 3 und 4). "Es ist demnach klar, daß die letzten Ergebnisse dieser Philosophie von jenen ersten Zugeständnisse, die wir der naiven Vorstellung entnommen haben, ihrem Wert nach abhängig bleiben" (Seite 5).

Man vergleiche dazu, was NELSON hiervor sagt: "Da dieses Verfahren (die Abstraktion) kein Beweis, überhaupt keine objektive Begründung, sondern nur eine subjektive Berufung ad hominem [Polemik in Bezug auf die Person des Gegners - wp] ist, so bleiben wir mit seinen Resultaten immer von jenen ersten Zugeständnissen abhängig, die doch selbst erst durch die gefundenen Prinzipien ihre objektive Begründung erhalten." (Abhandlungen Seite 11) Hieraus zieht er in längerer Erörterung den Schluß, daß zum Nachweis, ob ein Satz wirklich ein Grundsatz ist, das regressive Verfahren der Abstraktion für sich nicht hinreicht. Er bedient sich als Beispiel des Energieprinzips und zeigt daran, daß es sich zwar aus der faktischen Unmöglichkeit des perpetuum mobile abstrahieren, nimmermehr aber begründen lasse. Es bedarf daher einer anderen Rechtfertigung seiner Gültigkeit. "Durch Erfahrung können wir ein derartiges Prinzip nicht beweisen, a priori beweisbar ist es aber ebenso wenig, sofern es wirklich ein Grundsatz ist. Wodurch sollen wir es denn aber als solchen beglaubigen und es schützen, wenn sich der Zweifel dagegen kehrt?" (Abhandlung Seite 13). Was aber schreibt CASSIRER (Seite 21, nach dem Zitat dieser Stelle): "Ich gestehe offen, daß ich die Antwort auf  diese  Frage, so begierig ich nach ihr gescuht habe, an keiner Stelle der NELSONschen Schrift zu entdecken vermochte." Das darf nicht wundernehmen, wenn man sieht, wie CASSIRER die Ergänzung des regressiven Verfahrens durch Deduktion und Demonstration und wie er diese beiden selbst auffaßt. Von der Demonstration sagt er (angeblich nach NELSON):
    "So haben wir alle geometrischen Sätze begründet, wenn wir sie auf die  Axiome  der Geometrie zurückgeführt haben." (Seite 21)
Jeder, der sich ein wenig mit den neueren mathematischen Bestrebungen der Nicht-euklidischen Geometrie bekannt gemacht hat, wird uns darin beistimmen, daß die geometrischen Axiome von der Willkür des Urteilens abhängig sind, was NELSON übrigens auch in einigen späteren Aufsätzen ausführlich nachweist. Besteht aber etwa die  Demonstration  der mathematischen Sätze nach NELSON in ihrer Zurückführung auf die Axiome? Keineswegs. Vielmehr steigt man nach ihm durch regressive Zergliederung der Beweise allmählich zu den Axiomen der Geometrie auf, die als die obersten Urteile, d. h. als höchste  mittelbare  Erkenntnis, allen mathematischen Lehrsätzen zugrunde liegen. Die Demonstration aber führt erst diese Axiome selbst - die mittelbare Erkenntnis - auf einen von der Willkür des Urteilens abhängigen Grund - eine unmittelbare Erkenntnis - zurück. Dies ist hier die reine mathematische Anschauung. Nur was in ihr demonstriert worden ist, kann als ein in unserem Raume gültiges Axiom angesehen werden.

Damit sind wir schon auf ein weiteres Mißverständnis CASSIRERs gekommen; er verkennt nämlich die Natur der unmittelbaren Erkenntnis, verwechselt sie bald mit der mittelbaren Erkenntnis im Urteil, bald allgemein mit dem Bewußtsein. Die Unmittelbarkeit hält er für unmittelbare Gewißheit und so wird schließlich aus der unmittelbaren, nicht anschaulichen Erkenntnis der reinen Vernunft ein unmittelbar gewisses (also doch wohl anschauliches?) Bewußtsein von Erkenntnissen. So spricht er von "den metaphysischen Grundsätzen, die sich weder durch einen Beweis noch auch in einer direkten Anschauung beglaubigen lassen sollen, die aber dennoch, wenn sie kraft der Reflexion einmal zu deutlichem Bewußtsein erhoben worden sind, nicht minder gewiß und unmittelbar evident sein sollen." (Seite 21f) Ferner (Seite 28): "ihm (NELSON) ist ein Urteil wahr und notwendig, wenn es von jedem denkenden Subjekt kraft seiner psychischen Verfassung hingenommen und anerkannt werden muß." Es braucht wohl nicht noch einmal hervorgehoben zu werden, daß jedes Urteil zu seiner Geltung nach NELSON einer  Begründung  durch Zurückführung auf unmittelbare Erkenntnis bedarf. Am klarsten geht aber die oben gekennzeichnete Verwechslung aus einem FICHTE-Zitat hervor, das CASSIRER am Schluß seines Aufsatzes NELSON entgegenhält: "... Wer (somit) hintritt und sagt:  mir ist das unmittelbare Tatsache des Bewußtseins,  der beweist gerade durch diese Art der Begründung, daß es  für ihn  nicht wahr ist, ... daß er die ganze Sache nur vom Hörensagen, nur aus seinem Katechismus hat." (Seite 34) Dieses Mißverständnis berührt umso merkwürdiger, als NELSON in der von CASSIRER angegriffenen Arbeit COHEN bereits der gleichen Verwechslung von unmittelbarer Erkenntnis und Bewußtsein in einem Referat über FRIES geziehen hatte (Abhandlungen, Bd. I, Seite 83

Mit diesen falschen Auffassungen ist die Reihe der CASSIRERschen Irrtümer in der Darstellung des NELSONschen Verfahrens keineswegs erschöpft. Nur einer sei noch erwähnt: Während NELSON der unmittelbaren Erkenntnis (sofern sie nur wirklich als solche erwiesen ist) die Möglichkeit der Falschheit und des Irrtums bestreitet, weil sie höchste Instanz alles Fürwahrhaltens ist, der Maßstab, an dem sich erst die Gültigkeit der mittelbaren Erkenntnis bemessen läßt, bezieht CASSIRER den Anspruch dieser Irrtumslosigkeit auf die von NELSON befolgte kritische Methode, die sich demnach durch ein unerhörtes Machtwort ihre eigene Unfehlbarkeit verbürgt hätte. "Haben wir die Notwendigkeit einer solchen unmittelbaren Erkenntnis einmal eingesehen, so haben wir damit den archimedischen Punkt entdeckt, von dem alle Philosophie fortan ihren Ausgang nehmen kann. Jetzt brauchen wir keine Schwierigkeit mehr zu fürchten, da wir gegen alle Einwände, die sich gegen unsere Methode erheben könnten, von vornherein gerüstet sind." (Seite 5)

2. Wir mußten diese Mißverständnisse etwas weitläufig auseinandersetzen, weil ohne sie die meisten Argumente CASSIRERs nicht verständlich sein würden. Es ist nicht verwunderlich, daß er seinem Referat einen Erleichterungsseufzer nachsendet, das Faustwort variierend: "das also war des Pudels Kern." Eine Lehre, die mit so großen Versprechungen auftrat, hat nur einen so kärglichen, von durchsichtigen Fehlern zeugenden Inhalt:
    "Wir waren bisher der Meinung, daß die Philosophie, daß insbesondere die  Erkenntniskritik  die Aufgabe hätte, anstelle des blinden  Glaubens  die  Rechtfertigung  der Prinzipien zu setzen, daß sie nicht nur die tatsächliche empirische Anwendung der logischen Grundsätze aufzuweisen, sondern auch deren  Notwendigkeit  und objektive Gültigkeit darzutun hätte." (Seite 8)
Dieser Mangel wird der neuen Lehre fort und fort vorgeworfen und bildet den Hauptgedanken der CASSIRERschen Argumentation.
    "Jetzt erweist es sich alsbald, wie zweideutig und fragwürdig die bloße Behauptung einer unmittelbaren, nicht weiter zu rechtfertigenden Erkenntnis aus reiner Vernunft ist." (Seite 13)
und schließlich das KANT-Zitat, das NELSON entgegengehalten wird:
    "Wenn das eingeräumt wird ..., daß man synthetische Sätze, so evident sie auch sein mögen, ohne Deduktion auf das Ansehen ihres eigenen Anspruches dem unbedingten Beifall aufheften dürfe, so ist alle Kritik des Verstandes verloren ..." (Seite 19)
Die NELSONsche Deduktion, die CASSIRER, wie schon gesagt, für bloße Selbstbeobachtung hält, sieht er - in dieser Auffassung allerdings mit vollem Recht - nicht als eine Deduktion "im kantischen Sinne" an. Einer solchen Lehre fehlt offenbar jedes Kriterium für die Wahrheit ihrer Erkenntnis. Man braucht sich nur ein wenig zu besinnen und über sich selbst zu grübeln, um alle philosophischen Wahrheiten in seinem Inneren aufzufinden, wobei es keines andere Grundes für sie bedarf als dieses, daß man sie just in seinem Bewußtsein besitzt. Man beruft sich auf ein "psychisches Zwangsgefühl", eine "innere Stimme", "einen Instinkt", auf das Vertrauen zu seiner eigenen Vernunft, die einem diese Erkenntnis gäbe, wobei jeder, der sie nicht hat, kurzerhand für blödsinnig erklärt wird. Was ist das für eine Philosophie, fragt CASSIRER. Und er antwortet: es ist die Philosophie des "gesunden Menschenverstandes", des common sense der schottischen Schule, deren Mängel und "dreiste Anmaßungen" schon von KANT mit Recht an den Pranger gestellt wurden, eine Behauptung, die CASSIRER zum Überfluß aus seinem reichen Schatz historischer Kenntnisse mit einer ganzen Anzahl Zitate belegt. Die angeführten KANT-Stellen (Seite 17 und 19) beweisen allerdings zur Genüge die Fehlerhaftigkeit der schottischen Philosophie: aber für die uns beschäftigende Frage sind sie von keinerlei Belang. Wir glauben vielmehr durch die oben erörterten Mißverständnisse CASSIRERs seine Auffassung, die NELSONsche Lehre sei eine Neuauflage der common sense-Philosophie zwar verständlich gemacht, aber zugleich als völlig unhaltbar erwiesen zu haben.

3. Nun nimmt diese historische Erörterung nur den ersten Teil der CASSIRERschen Arbeit ein. Ehe er sich zum zweiten Abschnitt, der sachlichen Kritik, wendet, berührt er noch kurz die Frage, ob sich die NELSONsche Lehre als kantisch bezeichnen dürfe und beantwortet sie mit einem runden Nein. Er nennt sie das gerade Widerspiel der kantischen Methode, sie hätte die Vernunftkritik um "ihr eigentliches Zentrum gebracht". Hier unterläuft ihm zwar wieder ein eigentümliches Mißverständnis; nach ihm hätte NELSON KANTs transzendentalen Leitfaden zur Ableitung der Kategorien "verschmäht", während der doch mit FRIES gerade diesem kantischen Leitfaden durch eine Theorie der Vernunft seine Rechtfertigung und Stütze geben will. (2) Auch bestreitet CASSIRER, wie wir sahen, zu unrecht, daß die FRIESsche Lehre der kantischen Forderung Genüge täte: es müsse von jedem synthetischen Satz a priori "wo nicht ein Beweis, doch wenigstens eine Deduktion der Rechtmäßigkeit seiner Behauptung unnachlässig hinzugefügt werden" (Seite 19). Andererseits ist wohl zuzugeben, daß sie große Abweichungen von der kantischen Kritik enthält und darüber zu streiten, was deren "eigentliches Zentrum" ist, scheint uns eine sehr müssige Sache. Wird doch jeder Kantschüler dieses Zentrum in demjenigen sehen, in dem seine eigene Überzeugung am weitesten mit KANT übereinstimmt! Die historische Frage nach der Stellung der FRIESschen Lehre wird in der oben erwähnten Arbeit EGGELINGs im allgemeinen dahin beantwortet, daß sie in den  Resultaten  KANTs fast durchgängig folgt, im  Verfahren  der Kritik aber von ihm hauptsächlich darin abweicht, daß sie anstelle einer rein logischen eine psychologische Begründung der metaphysischen Grundsätze durch eine Theoriee der Vernunft versucht.

4. Auch unter den sachlichen Einwänden CASSIRERs, deren wir übrigens im Verlauf der Darstellung schon zum Teil Erwähnung getan haben, steht wieder die Frage nach der Rechtmäßigkeit der unmittelbaren Erkenntnis ob an. Sollte es sich nicht, so fragt vielleicht mancher mit CASSIRER, auch bei der FRIESschen a priori nur um eine "innere Stimme" handeln, die jedes kritischen Anspruches auf Gültigkeit entbehrt, ein bloßes Behaupten eines Faktums ohne alle Rechtfertigung, das, wie FICHTE sagt, bei jedem Menschen nur "der Eindruck von seiner Amme, seiner Wärterin, seinem Katechismus" ist? "Die  exakte  psychologische Zergliederung sieht sich hier letzten Endes auf eine Instanz verwiesen, auf die jegliche Art der Mystik sich von jeher berufen und auf die sie ihre Ansprüche gestützt hat" (CASSIRER, Seite 22)

Wie steht es nun in Wahrheit um die Natur von FRIES' unmittelbarer Erkenntnis? Hier ist zuerst zu bemerken, daß die Unmittelbarkeit nicht auf die  Klarheit  des  Bewußtseins  gehen soll, sondern auf den  Ursprung  der Erkenntnis. Es ist die ursprüngliche Synthesis, die allen Urteilen zugrunde liegt. Und die "Erkenntnis" ist nicht das "Bewußtsein um diese Erkenntnis" Bewußtsein ist vielmehr allgemein nur ein Zustand der Deutlichkeit von Vorstellungen, Erkenntnis aber ist eine innere Tätigkeit. So gibt es das Bewußtsein ohne Erkenntnis im Traum, in dichtender Phantasie, wie Erkenntnis ohne gegenwärtiges oder abgesondertes Bewußtsein - und dies trifft gerade bei der philosophischen Erkenntnis zu - deren Behauptungen, wie z. B. das Kausalitätsgesetz, allen Erfahrungsurteilen zugrunde liegen, ohne doch für sich bewußt zu werden.

Als unmittelbare Erkenntnis bezeichnet FRIES die notwendige spontane Erkenntnistätigkeit der Vernunft, die der mittelbaren Erkenntnis des Verstandes im Urteil ihren Gehalt gibt. So hatten die Wahrnehmungsurteile ihren Grund in der unmittelbaren Erkenntnis der Sinnesanschauung, die geometrischen Axiome in der reinen Anschauung des Raumes. Die synthetischen Urteile a priori der Metaphysik müssen ebenfalls einen Grund außer sich haben, eben weil sie synthetisch sind. Dieser Grund kann, wie bei allen synthetischen Urteilen, nur eine unmittelbare Erkenntnis sein. Doch da sich nur Reflexion oder Anschauung in unser Bewußtsein füllen kann, die reine Vernunfterkenntnis aber weder das eine noch das andere ist, so bleibt sie für sich unbewußt, ursprünglich dunkel. Daher kann man auch die Grundsätze der Metaphysik nicht - wie die geometrischen Axiome mit der reinen Anschauung des Raumes - unmittelbar mit der ihnen zugrunde liegenden Erkenntnis vergleichen. Vielmehr bedarf es des Umweges der Deduktion, um die nicht-anschauliche unmittelbare Erkenntnis der reinen Vernunft aufzufinden und dadurch die Grundsätze zu begründen.

Mit dieser Feststellung selbst aber ist doch die Begründung noch keineswegs beendet, wie CASSIRER offenbar glaubt, sondern sie soll vielmehr erst beginnen. Denn jetzt ist die Frage, wie ich nun die einzelne bestimmte Vernunfterkenntnis finden kann, zu beantworten. Diese schwierige Arbeit soll mittels einer Theorie der Vernunft bewerkstelligt werden, die ihre Daten aus innerer Selbstbeobachtung findet. "Welchen Vorzug hat im methodischen Sinne die innere vor der äußeren Erfahrung"? fragt CASSIRER (Seite 22). Keinen; aber soll man deshalb die Fakta für die psychologische Theorie der Vernunft durch äußere Beobachtung gewinnen? Es ist klar, daß ein aus gültiger Theorie gefolgertes Resultat nicht einer beliebigen Suggestion oder Zwangsvorstellung gleich zu achten, sondern vollauf begründet ist. Die Frage geht hier also nur danach, ob es eine solche Theorie gibt, respektive ob die von FRIES in seiner Vernunftkritik gegebene richtig ist. Das kann natürlich nur durch eine genaue Nachprüfung, nicht a priori entschieden werden. Haben wir aber erst einmal diese Theorie, so können wir aus ihr als unmittelbare Folgerung die Stelle jedes metaphysischen Satzes in der Vernunft finden; durch diese "transzendentale Topik" haben wir ihn dann begründet.

Das "Selbstvertrauen der Vernunft" spielt in dieses Verfahren gar nicht hinein. Es soll nur dasjenige, was als unmittelbare Erkenntnis, sei es der Anschauung, sei es der reinen Vernunft auf irgendeine Weise erwiesen worden ist, mit dem Stempel "wahr" versehen. Diese Wahrheit geht also nicht auf einzelne Erkenntnisse, sondern auf das Ganze der unmittelbaren Erkenntnis. Daher ist auch der Verzicht auf dieses Selbstvertrauen für den  Inhalt  der Erkenntnis ohne Belang; nur verliert das Erkennen dadurch offenbar jeden Sinn, ja sogar seine Wortbedeutung. - Niemals dagegen behauptet die FRIES-NELSONsche Lehre die Wahrheit irgendwelcher Urteile aufgrund des Faktums, daß ich sie besitze, sondern stellt vielmehr fest, daß jedes Urteil als mittelbare Erkenntnis dem Irrtum unterworfen ist. Es gilt vielmehr, bei der Möglichkeit des Irrtums doch die Gültigkeit der Erkenntnis überhaupt sicher zu stellen. Dies geschieht durch die Beziehung jedes Urteils auf eine zugrunde liegende unmittelbare Erkenntnis, die der Frage nach dem Grund des Urteils ein letztes Ziele setzt.

5. CASSIRER wendet sich aber nicht nur gegen den Inhalt der psychologischen Kritik, sondern sucht schon vom methodischen Standpunkt aus ihre Unmöglichkeit zu beweisen. Er unterscheidet dabei zwei Fälle: Entweder wird das System auf die Kritik gegründet, dann sind seine Urteile von "gleichem logischen Rang" wie die "Tatsachen-Wahrheiten" der Kritik. "Dieser Zusammenhang bleibt bestehen, gleichviel ob man annimmt, daß die Kritik die metaphysischen Sätze logisch zu  beweisen  oder daß sie sie nur zu "deduzieren", d. h. in unserer inneren Erfahrung als vorhanden  aufzuweisen  habe" (Seite 23). Mit diesem Satz sagt CASSIRER unter Berufung auf Stellen des NELSONschen Aufsatzes, das genaue  Gegenteil  von dem, was dieser zum Angelpunkt seiner ganzen Beweisführung gemacht und durch zahlreiche Argumente gestützt hat, daß nämlich die logische Abhängigkeit des Systems von der Kritik zwar beim  Beweis,  nicht aber bei der Deduktion' bestehen bleibt. Unterdessen setzt CASSIRER noch eine andere Möglichkeit, daß "dem System" ein besonders selbständiger Machtbereich unabhängig von der "Kritik" zugestanden wird. Dies soll in die "dogmatische Ansicht von der Stellung und Bedeutung der Metaphysik zurückführen (CASSIRER, Seite 23, 24) Da uns diese Unterscheidung gänzlich unverständlich geblieben ist (Machtbereich des Systems kann unserer Ansicht nach stets nur die Anwendung des Systems auf die Wissenschaften heißen!), so werden wir uns nur mit den Konsequenzen beschäftigen, die CASSIRER aus seiner Darstellung gegen die empirische Kritik zieht. Im ersten Fall "ist die Sicherheit, die einem einzelnen philosophischen Grundsatz zukommt, vom  jeweiligen Stand,  den die Kritik als empirische Wissenschaft erreicht hat, abhängig" (Seite 23). Diese Sicherheit hat aber mit dem empirischen Charakter der Kritik gar nichts zu tun. Denn der Unterschied empirischer und rationaler Erkenntnis beruth nicht auf verschieden großer Gewißheit oder Wahrscheinlichkeit, sondern betrifft den Ursprung der Erkenntnis. Wenn ich vor mir einen Baum mit grünen Blättern sehe und dann aussage, daß der Baum belaubt ist, so ist dieses Urteil ebenso gewiß, wie der pythagoreische Lehrsatz. Dasselbe gilt aber auch umgekehrt für die Möglichkeit des Irrtums. Allerdings kann durch "einen Fortschritt der Zergliederung und Selbstbeobachtung" dasjenige, was bisher als unumstößlich gewiß erschien", z. B. die Behauptung, daß ein gewisser Satz ein synthetisches Urteil a priori sei, sich als fehlerhaft herausstellen. Ist das aber das Auszeichnende der Empirie? Gibt es in der Mathematik keine Fortschritte der Zergliederung und werden in ihr keine Irrtümer dadurch berichtigt, - ohne daß der rationale Charakter dieser Wissenschaft in Frage gestellt würde? - Im zweiten Fall aber, wo die "logische Struktur und Eigenart" der Metaphysik durch "den Begriff der Kritik" nicht "bestimmt wird", vermag CASSIRER nicht einzusehen, wie die Kritik es nun noch vermag, "den Gebrauch der reinen Vernunfterkenntnis zu bestimmen und das Gebiet ihrer rechtmäßigen Anwendung abzugrenzen". Ja, er sieht geradezu in der Nebenordnung der spekulativen Ideen neben die Grundsätze bei FRIES das Resultat dieser Abschwächung und Nivellierung der kantischen Kritik.

Das, was CASSIRER hier reine Vernunfterkenntnis nennt, ist nichts anderes, als KANTs synthetische Urteile a priori aus reinen Begriffen. Die Bestimmung der Grenzen ihres Gebrauchs geschieht nach FRIES eben durch den Nachweis ihrer Stelle in der unmittelbaren Erkennntnis. Diese selbst aber, die bei KANT gar nicht vorkam, noch neben ihrer Aufdeckung auf ihre Gültigkeit zu prüfen, hat, wie wir sahen, keinen Sinn. Sogenannten "dogmatischen Behauptungen aus reiner Vernunft" werden durch den Nachweis "Schranken gesetzt", daß sie nicht aus reiner Vernunft selbst entspringen, ihren Namen also zu unrecht führen.

Wie steht es nun mit CASSIRERs Exemplifikation auf die spekulativen Ideen? Es ist Tatsache, daß FRIES und APELT für den Gottesbegriff und für die Grundvorstellung der Religion, die uns in Gefühl und Ahnung zu Bewußtsein kommen, die gleiche objektive Geltung und Gewißheit in Anspruch nehmen, wie für irgendein Axiom der Mathematik" (Seite 24). Bei KANT war das nicht so klar. Zwar besaßen auch bei ihm die "Ideen" als Prinzipien des praktischen Vernunftgebrauchs "Geltung und Gewißheit", doch entbehrten sie einer objektiven Begründung durch spekulative Vernunft und sanken daher für sie zum "transzendentalen Schein" herab. FRIES hingegen deduziert aus der "Theorie der Vernunft" ebenso die metaphysischen Grundsätze wie die transzendentalen Ideen, denen, als notwendigem Besitzstand der Vernunft, kraft ihres Selbstvertrauens die gleiche Objektivität zukommt. Die Kategorien, die im mathematischen Schematismus von Raum und Zeit die Prinzipien der Naturgesetzlichkeit bilden, erweisen sich ihm, nach der Aufhebung der sinnesanschaulichen Schranken absolut gedacht, als die die Glaubenswelt beherrschenden Ideen von Gott, Ewigkeit und Freiheit. Aber mit der Sinnesanschauung entfällt für sie jeder positive Gehalt der Erkenntnis; sie sind dem Verstand nur leere Schemen, die Inhalt und Leben erst durch das religiöse Gefühl erhalten.

In der Tatsache, daß FRIES die bei KANT mangelnde kritische Begründung der transzendenten Ideen gibt, vermögen wir keinen Vorwurf gegen seine Lehre zu erblicken. Daß er aber damit die von KANT angebahnte Trennung von Glauben und Wissenschaft verwischt, was CASSIRER offenbar sagen will, trifft durchaus nicht zu. Die Ideen entbehren bei FRIES für die wissenschaftliche Erkenntnis jeglicher Anwendung, auch des ihnen von KANT zugewiesenen regulativen Gebrauchs; im ganzen Bereich der Erfahrung gilt ihm unverbrüchlich strengste Naturgesetzlichkeit.

Der Widerstreit zwischen der realen Weltansicht des "Wissens" und der idealen des "Glaubens" wird erst durch den transzendentalen Idealismus überwunden, durch den Nachweis nämlich, daß die an die Stetigkeit und Unvollendbarkeit der Anschauungsformen gebundene wissenschaftliche Erkenntnis nur das Gesetz der  Erscheinung  der Dinge enthüllt, der Glauben aber durch die Aufhebung dieser Beschränkung auf das  vollendete Dasein  der Welt selbst geht. (3) - Wenn CASSIRER meint, daß das FRIESsche "System" keine festgefügte organische Einheit mehr bildet, sondern in heterogene Bestandteile auseinanderfalle (Seite 24f), so ist es im Gegenteil unsere Ansicht, daß sich bei KANT der Widerstreit zwischen spekulativem und praktischem Vernunftgebrauch unversöhnt durch das ganze System zieht; dieser Gegensatz wird von FRIES nicht geleugnet, aber erklärt und über den Dualismus der Welt ansichten  hinweg die Einheit der  Welt  selbst wieder hergestellt.

6. Zum Schluß wendet sich CASSIRER unter Berufung auf KANT gegen die von NELSON behauptete Unmöglichkeit einer Erkenntnistheorie. In der Tat: KANT sah in der  Gesetzmäßigkeit  der Vorstellungen den Bürgen für die Gültigkeit einer Erkenntnis im Gegensatz zum freien Spiel der Einbildungskraft. Doch begnügt er sich nicht mit der bloßen Feststellung dieses Kriteriums, sondern forscht auch nach seinem Grund: "wie es kommt, daß die empirischen Gegenstände den Gesetzen gemäß sind, die wir unabhängig von ihnen in unserem Geist entdecken"? (CASSIRER, Seite 29). Zur Erklärung der Übereinstimmung von Vorstellung und Gegenstand nimmt er ein Kausalverhältnis zwischen beiden an, so zwar, daß das "Ding an sich" die Wahrnehmung von Gegenständen a posteriori hervorrufe, umgekehrt aber unsere Erkenntnis a priori die Gesetzmäßigkeit der Gegenstände bewirke. (4) Dieses letztere, der "formale Idealismus" KANTs, wie das Kausalverhältnis zwischen Vorstellung und "Ding an sich" (im kantischen Sinne), wird von FRIES abgelehnt, indem er die Frage nach diesem Verhältnis für unlösbar erklärt. Eine Vergleichung zwischen der Erkenntnis und dem von ihr unabhängigen Gegenstand ist überhaupt unmöglich, denn der Gegenstand ist stets mit der Erkenntnis verbunden. Die Frage, weshalb denn die mathematischen Axiome nicht nur in unserem Geist, sondern auch in der Körperwelt gelten, die CASSIRER aufwirft, beantwortet sich nach FRIES dadurch, daß sie eben der  Erkenntnis  der Körperwelt zugrunde liegen. Der Raum ist die  notwendige Form  der Sinnesanschauung, also muß aller sinnesanschauliche  Gehalt  ihr gemäß sein; die Gesetze dieser Form, die mathematischen Axiome, sind somit in jeder Erkenntnis ihres Gehalts, der Körper, mitenthalten.

Die von NELSON abgewiesene Frage nach dem Verhältnis der Erkenntnis zum Gegenstand gibt CASSIRER zu einer seltsamen Schlußfolgerung Anlaß: Will NELSON etwa einwenden, "daß es sich auch in der kantischen Fragestellung doch niemals um die Bedingungen des empirischen Gegenstandes  selbst,  sondern nur um das  Denken  des Gegenstandes handeln könne; daß aber der Prozeß des Denkens uns eben nur durch innere Erfahrung zugänglich sei". Inhalt des Bewußtseins aber sei das Material jeder Wissenschaft. "Daß also die Philosophie psychologisch sein müsse, weil sie Erkenntnis zu ihrem Gegenstand hat: das ist genau ebenso richtig und unrichtig, wie wenn man behaupten wollte, daß die Mathematik ein Zweig der Psychologie sei, da sie doch nur von unseren Begriffen und Anschauungen handle" ... Trotzdem für alle Naturwissenschaften das Gleiche gilt, dürfte sich wohl kein Astronom künftig verleiten lassen, seine Ergebnisse, statt sie am Himmel aufzusuchen und in der mathematischen Rechnung zu begründen, durch psychologische "Selbstbeobachtung" gewinnen zu wollen". (Seite 30f)

Wir sind der Ansicht, daß dieser "dialektische Einwand" sehr wenig bestechend ist und daß der Astronom zu jener Tollheit nur kommen würde, wenn er Inhalt und Gegenstand einer Erkenntnis miteinander verwechselt. Gegenstand einer Erkenntnis kann sowohl ein körperliches Objekt wie z. B. ein Himmelskörper als irgendein anderes Ding sein, z. B. eine Erkenntnis. In diesem Sinne ist der Gegenstand der psychologischen Kritik die metaphysische Erkenntnis. Vom Gegenstand der Erkenntnis ist aber der Inhalt dieser Erkenntnis zu unterscheiden. Der Inhalt der Kritik ist die kritische Untersuchung selbst. Wenn der Astronom die Sterne beobachtet, so setzt sich zwar  inhaltlich  diese Tätigkeit auch aus lauter Erkenntnissen, als psychischen Tatbeständen zusammen, der Gegenstand seiner wissenschaftlichen Erkenntnis sind aber die Sterne und ihre Bewegungen. Da aber der Gegenstand einer Wissenschaft die Art ihrer Untersuchung bestimmt, so ist die Astronomie eine Wissenschaft auf  äußerer,  die Kritik dagegen, deren Gegenstand die metaphysische Erkenntnis ist, eine Wissenschaft aus  innerer  Erfahrung.

7. Damit sind wir am Ende der CASSIRERschen Schrift. Nur zwei Punkte, die für die Frage der "psychologischen Vernunftkritik" ohne Bedeutung sind, haben wir übergangen: eine historische Erörterung über den Inhalt des NELSONschen Schemas und eine kurze Verteidigung COHENs gegen Angriffe der Gegenseite. (5) Das Urteil über die Streitschrift CASSIRERs läßt sich dahin zusammenfassen, daß sie als falschen Prämissen schließend bei einer im ganzen richtigen logischen Konsequenz mit Notwendigkeit zu falschen Resultaten führt. Diese falschen Prämissen bestehen aus einem fehlerhaften Referat und den diesem zugrunde liegenden Mißverständnissem in der Auffassung der NELSONschen Gedanken. Eine Klarstellung des Tatbestandes war im Interesse der historischen Wahrheit umso dringender geboten, als die hier dargelegten Irrtümer, ohne nähere Prüfung geglaube, schon andere zu voreiligen Verdammungsurteilen der FRIES-NELSONschen Lehre verführt haben. So schrieb W. KINKEL, der die NELSONschen Abhandlungen selbst nicht gelesen zu haben scheint, vor einiger Zeit in der deutschen Literaturzeitung (1906, Nr. 30), "daß NELSON den Geist der Philosophie eines FRIES und APELT nicht erfaßt hat, wird wohl jedem klar werden, der CASSIRERs Werkchen unparteiisch durchliest." Ähnlich äußerte sich BRUNO BAUCH in den "Kantstudien" XI, Seite 463f. Demgegenüber muß nachdrücklichst hervorgehoben werden, daß man beim  unparteiischen  Durchlesen und gründlichen Durchdenken  beider  gegnerischen Arbeiten feststellen wird, daß CASSIRER den Geist der NELSONschen Arbeit nicht erfaßt und folglich auch nicht richtig beurteilt hat.

Aber wie steht es denn mit dieser neuen FRIESschen Lehre, wird der Leser fragen? Darüber heute ein abschließendes Urteil zu fällen dürfte sehr schwer sein. Wir wären nicht mit solcher Wärme für sie eingetreten, wenn wir nicht Zutrauen zu ihrer inneren Festigkeit hätten und von ihr noch Großes für die Zukunft hofften. Und es will uns scheinen, daß bisher stichhaltige Einwendungen noch von keiner Seite vorgebracht sind. (6) Aber auch derjenige, der bei großen Reichtum neu auftauchender philosophischer Lehren in der Beurteilung dieser "Schule" größeren Skeptizismus für angebracht hält, wird aus dem Studium der vielseitigen, mit großer logischer Schärfe ausgearbeiteten Untersuchungen reichlichen Gewinn davontragen. Doch möchte auch eine gründliche Kritik die FRIESsche Schule und uns selbst auf manche bisher übersehene Unrichtigkeiten und Mängel aufmerksam machen können, und wir begrüßen deshalb mit Freude die Worte NELSONs, die er einem seiner philosophischen Gegner zuruft:
    "Was mich betrifft, so habe ich meine Abhandlung der öffentlichen Beurteilung vorgelegt, nicht, weil ich sie für fehlerfrei hielt, sondern um Gelegenheit zu finden, von denen, die zu urteilen vermögen und geneigt sind, darüber belehrt zu werden, was an meinem Entwurf richtig und was an ihm fehlerhaft ist. Deshalb ist mir jede ernsthafte Kritik willkommen - umso willkommener, je schärfer und strenger sie ausfällt. Aber eine solche Kritik darf nicht in unüberlegtem Absprechen bestehen, sondern sie muß auf wissenschaftliche Gründe gestützt sein. Wer eine wissenschaftliche Polemik führen will, der muß den Inhalt dessen, wogegen er streitet, nicht nur gelesen, sondern er muß es Satz für Satz durchdacht und verstanden haben" (Abhandlungen Bd. II., Seite 72).
LITERATUR - Otto Meyerhof, Der Streit um die psychologische Vernunftkritik - Die Fries'sche Schule und ihre Gegner. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 31, Leipzig 1907
    Anmerkungen
    1) Diese Ansicht wird durch zwei Entgegnungen bestätigt, die in dem soeben erschienenen 2. Heft des 2. Bandes der "Abhandlungen" gegen den CASSIRERschen Angriff veröffentlich sind. "Kritik und System in Mathematik und Philosophie" von GERHARD HESSENBERG, 2. Teil. "Das gute, klare Recht der Freunde der anthropologischen Vernunftkritik" verteidigt gegen ERNST CASSIRER von KURT GRELLING. Wenn unsere Darstellung auch diesen bis in die feinsten Einzelheiten gehenden Untersuchungen nicht folgt, so stimmen wir doch in den Resultaten durchaus mit der dort gegebenen Widerlegung CASSIRERs überein.
    2) Vgl. EGGELING, Kant und Fries. Abhandlungen der Friesschen Schule Bd. I, Seite 210 u. a.
    3) Zur näheren Ausführung siehe EGGELING, a. a. O. und MARCEL DJUVARA "wissenschaftliche und religiöse Weltansicht", Abhandlungen Bd. I, Seite 441f
    4) Vgl. KANT, Kritik der reinen Vernunft, 2. Auflage, Originalausgabe Seite 124f, § 14. "Es sind nur zwei Fälle möglich, unter denen synthetische Vorstellungen und ihre Gegenstände zusammentreffen, sich aufeinander notwendigerweise beziehen und gleichsam einander begegnen können. Entweder wenn der Gegenstand die Vorstellung oder diese den Gegenstand allein möglich macht. Ist das erstere, so ist diese Beziehung nur empirisch und die Vorstellung ist niemals a priori möglich. Und das ist der Fall mit Erscheinungen in Ansehung dessen, was an ihnen zur Empfindung gehört. Ist aber das zweite ... so ist (doch) die Vorstellung in Ansehung des Gegenstandes alsdann a priori bestimmtend, wenn durch sie allein es möglich ist, etwas als einen Gegenstand zu erkennen." Ähnlich im Brief an MARCUS HERZ vom 21. Februar 1772, Akademie-Ausgabe Bd. X, Seite 123f. KIRCHMANN, Bd. VIII, Seite 403f. "Auf welchem Grund beruth die Beziehung desjenigen, was man in uns Vorstellung nennt, auf den Gegenstand? Enthält die Vorstellung nur die Art, wie das Subjekt vom Gegenstand affiziert wird, so ist es leicht einzusehen, wie  er  diesem als eine Wirkung  seiner  Ursache gemäß sei und wie diese Bestimmung unseres Gemütes etwas  vorstellen,  d. i. einen Gegenstand haben könne. Die passiven oder sinnlichen Vorstellungen haben also eine begreifliche Beziehung auf Gegenstände ... ("er" müßte "sie" und "seiner": "ihrer" heißen; dann hat es den im Text angegebenen Sinn: Die Vorstellung ist eine Wirkung des Gegenstandes. Sonst würde "er" auf den Gegenstand, "diesem" auf das Subjekt gehen; es ist aber nicht einzusehen, wie der Gegenstand die Wirkung des  affizierten  Subjekts sein soll. Außerdem deutet auch das Folgende darauf hin, daß diese Korrektur vorgenommen werden muß.)
    5) Vgl. hierzu die ausführliche Widerlegung bei HESSENBEG, Bd. II der "Abhandlungen", Seite 142f und GRELLING, Seite 185f
    6) Das gilt u. a. von den in der Philosophischen Wochenschrift Bd. I., Seite 72f; Bd. III, Seite 156f von Dr. PAUL STERN vorgebrachten Einwürfen, auf die NELSON in den Abhandlungen Bd. II, Heft 1, ausführlich geantwortet hat, sowie von der Besprechung des Aufsatzes GRELLINGs durch Dr. HUGO RENNER, Philosophische Wochenschrift Bd. 7, Heft 2 und 3. ("Neuere erkenntnistheoretische Werke"). Dieser bemängelt in ziemlich allgemein gehaltenen Ausführungen die historische Beziehung auf FRIES und die psychologische Fundierung der Kritik überhaupt, indem er insbesondere, ähnlich wie CASSIRER, die Annahme einer "unmittelbaren Erkenntnis der reinen Vernunft" für Mystizismus erklärt. Diese Ansicht ist bereits oben zurückgewiesen worden.