tb-1ra-2Der Streit um das Ding an sichKants Dinge an sichDie Dinge an sich    
 
MARCUS JACOB MONRAD
Das Ding an sich als Noumenon
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"Wir sind überhaupt darauf gefaßt, daß Viele die ganze hier vorgetragene Betrachtung als leeren Formelkram und  Begriffsdichtung,  jedenfalls als wenig zeitgemäße, dornichte Dialektik ansehen werden."

III.

Woher rührt nun überhaupt die Unvollkommenheit und was wir das "Trügerische" der Erscheinung genannt haben? Wie angedeutet, liegt es schon in der Natur des ansichseienden Denkens, zu erscheinen und wir können uns auch so ausdrücken, daß das Denken sich  bestimmen  muß, aus sich ein bestimmtes Objekt setzen, das ihm (momentan) gegenüber steht und ihm somit als sein Reflex erscheint. Denn Erscheinung ist wesentlich  Für-Anderes-Sein  (die Erscheinung also, wie gesagt, die gegen anderes, besonders ein Subjekt) gekehrte Außenseite eines Seienden, die mithin im  Verhältnis  zu jenem steht. Es ist insoweit ganz richtig, was die Empiristen sagen, daß eine Erkenntnis, die nur von Erscheinungen (aus Erfahrung) weiß, nur  Relationen,  nichts Absolutes, nichts Ansichseiendes enthalten kann. Da indessen die Erscheinung also auf Verhältnisse des sich unterscheidenden Ansichseienden beruth, kann sie eigentlich nichts enthalten, als was in diesem seinen Grund hat und also als solche (nämlich als Erscheinung des Ansichseienden) an sich nicht trügerisch sein. Das Trügerische ist in unserer Vorstellung, denn diese ist es - und nicht die Vernunft - die eine "Erscheinung unmittelbar für ein Ding an sich nimmt". Andererseits ist nämlich die Erscheinung, als die relative Außenseite eines Dings, diesem auch entgegengesetzt und kann in diesem Gegensatz abstrakt festgehalten und für sich betrachtet werden, ja für sich zu bestehen scheinen. Jedenfalls gehört die Erscheinung, als äußeres und Für-Anderes-Sein, der Endlichkeit an, ist als solche eine Welt der Äußerlichkeit und Relativität, wo immer das Eine für das Andere ist, vom Anderen begrenzt und bedingt, dadurch gehemmt und unfrei, den inneren, freien, ansichseienden Gedanken nicht erreichend und somit als unvollkommen erscheint. Denn die Unvollkommenheit einer Sache besteht stets darin, daß sie als ihrer Idee nicht entsprechend erscheint. Namentlich ist das endliche Subjekt insoweit unvollkommen, daß es, wie schon bemerkt, ein Objekt als äußeres sich gegenüber hat, von dem es bedingt und abhängig ist und dessen Äußerlichkeit es selbst in seinem Denken (obgleich darin des wirklichen Denkens des Ansichseienden teilhaft) nicht  vollständig  zu durchschauen und aufzuheben, überhaupt seine Abhängigkeit vom Äußeren nicht vollständig abzustreifen vermag.

Selbst das wahre unendliche Denken geht als ein Objekt setzend momentan in die Endlichkeit und die Erscheinung ein, ist eben darum nicht  abstrakt unendlich  und von der Endlichkeit ausgeschlossen; weil aber diese ihm erscheinende Endlichkeit vollständig von ihm selbst gesetzt und bestimmt ist, hebt dieselbe sich auch vor ihm vollständig auf; es (das absolute Denken) ist dadurch in keiner Rücksicht gebunden oder gehemmt, sondern erkennt darin immer seinen eigenen freien Gedanken, ist darin immer bei sich selbst. Dieses Zurückgehen des wahren Denkens in sich selber, durch Aufheben der Erscheinung und der Schranken der Endlichkeit, ist das Ziel, dem das unvollkommene menschliche Denken immer zustrebt und sich zu nähern bemüht ist.

Wir können somit für unser Noumenon als das wahre Ansich der Dinge sowohl den SCHOPENHAUERschen  Willen,  als den SCHELLINGschen göttlichen Ratschluß, auch die SPENCERsche  Macht  verwerten, wenn wir nur festhalten, daß dieser Wille und diese Macht nicht blind oder willkürlich, sondern wesentlich vernünftig und als aus dem Begriff der wahren denkenden Vernunft fließende Betätigung derselben aufzufassen ist. Das vernünftige Denken, als ein Objekt setzend, enthält schon in sich den Willen, ist wesentlich an sich der Wille aus sich herauszutreten und somit zu erscheinen. Das einander Äußerlich- und Entgegensein von Denken und Wollen, wie es beim Menschen so häufig vorkommt, beruth nur auf Abstraktion und Unvollkommenheit. Das Denken, das dem Willen fremd bleibt und sich nicht wahrhaft objektiviert, ist ein abstraktes, unwahres Denken und der Wille, der sich vom vernünftigen Denken entfernt und ihm entgegensteht, ist noch mehr in unwahrer, unwillkürlicher, unfreier Wille. Die wahre Vernunft, als sowohl denkend als wollend - was beides in ihrem Begriff liegt - ist der Grund aller Wahrheit und Wirklichkeit.

Die sich aus dieser Betrachtung ergebende Weltanschauung können wir in der Kürze so ausdrücken: Wir sind überall von göttlichen, aus der einen absoluten Vernunft hervorquellenden Gedanken umgeben, die in Äußerlichkeit und Erscheinung eingehüllt, durch diese doch stufenweise mehr und mehr durchschimmern, um zuletzt als das, was sie in Wahrheit sind, nämlich ansichseiende Gedanken erkannt zu werden. Namentlich geschieht dieses Letztere im Menschen, der sich als denkend bewußt ist und durch sein vernünftiges Denken die Rinde der Äußerlichkeit durchbricht und sich über die Erscheinung zur ansichseienden, göttlichen Wirklichkeit erhebt. Diesem Denken muß es aufgehen, daß wirklich - was KANT nur als mögliche Vorstellung hinstellt - "der Substanz, der in Ansehung unseres äußeren Sinnes Ausdehnung zukommt, an sich selbst Gedanken beiwohnen" (oder besser: innewohnen) oder daß "dasselbe, was in einer Beziehung körperlich heißt, in einer anderen zugleich ein denkendes Wesen ist" - obgleich das Letztere etwas paradox klingt und  cum grano salis  [mit einer Brise Salz - wp] zu verstehen ist. Nämlich wenn wir auch in der materiellen Substanz, in Stein und Holz, mit Recht ein (göttliches) Denken erblicken, so sind jedoch Stein und Holz nur äußerliche Erscheinungsformen, in die das Denken momentan herausgetreten ist und die als solche sich der ihnen an sich innewohnenden Gedanken nicht bewußt sein. Der Gedanke ist hier gerade im Moment seines Äußerlichseins geronnen und so nicht zu sich selbst gekommen.

Unbedenklicher und weniger paradox können wir mit STEFFENS sagen, daß z. B. "der Fisch eine ins Wasser geworfene Idee" sei. Denn das "ins Wasser geworfen sein" bezeichnet recht anschaulich das einem Element der Äußerlichkeit hingegeben und in demselben zurückgehalten sein. Es wir in jener geistreichen Äußerung auch das dem gemeinen Bewußtsein weniger Anstoß geben, daß dort die Idee zunächst nur von der objektiven Seite als an sich Gedachtes, nicht gerade auch als Denken oder Denkendes, genommen scheint. Wir aber bekennen, daß wir uns nicht einmal dieses Schlupfwinkels bedienen können, indem es sich aus unserer ganzen Betrachtung erhellen muß, daß wir die Idee und den ansich-seienden vernünftigen Gedanken auch als Denken und Denkendes ansehen, wie der Schreiber dieses in einer anderen Abhandlung (Zeitschrift für systematische Philosophie, Bd. II, Heft 2) darzulegen gesucht hat, daß der absoluten Idee sogar  Persönlichkeit  beizulegen sei, wobei wir uns aber hier nicht aufhalten wollen.

Erst auf der höchsten Stufe der Erscheinung, deren Element und äußere Bedingungen die allgemeinsten und am wenigsten fesselnden sind, im  Menschen  und seinem Denken, kommt der ihm, wie allem Dasein an sich innewohnende Gedanke  als solcher  zu Bewußtsein, erreicht daselbst wesentlich sich selbst. Der Mensch ist somit, obgleich nach der einen Seite ein Glied der Erscheinungswelt, andererseits als das  Haupt  dieser Welt auch über sie erhaben, hat wenigstens das Vermögen und die Bestimmung, sich über sie zum ansichseienden wahren Gedanken zu erheben, denselben nach und nach zu erkennen und mit Bewußtsein zu verwirklichen. Er hat mit seinem Denken und durch Denken bestimmten Wirken nicht bloß sich selbst, sondern auch das ganze übrige Dasein zu durchdringen, die Dinge als ansichseiende Gedanken zu erfassen und so das Bewußtsein der außer ihm unbewußten Natur zu vertreten, dadurch sich vorzugsweise als  das in der Erscheinung wirklich Erscheinende zu erweisen. 


IV.

In diesem über die Erscheinung sich erhebenden, man kann sagen  überempirischen  Wesen des Menschen liegt auch seine, der sonstigen Erscheinungswelt versagte,  Freiheit

KANT findet, wie bekannt, das der Freiheit scheinbar entgegenstehene  Kausalgesetz  unter den Bedingungen für die Möglichkeit der Erfahrung und leitet davon die Notwendigkeit desselben ab, welche also nicht für das Ding an sich gelten kann. Wenn er also, trotz Kausalgesetz, die Möglichkeit der menschlichen Freiheit zu beweisen sucht, welche er als praktisch notwendige Voraussetzung für ein moralisches Handeln annimmt, so wird man unwillkürlich auf ein dem Menschen innewohnendes, den Menschen in letzter Instanz bestimmendes  Ding an sich  hingewiesen. Der kategorische Imperativ und das unbedingte Sollen, das wenigstens das Urteil über die menschlichen Handlungen ausspricht, scheint keine andere Quelle haben zu können. Es ist auch wirklich wahr, daß darin das wahrhaft Ansichseiende (was wir als absolute Vernunft, als sich denkendes Denken, auffassen) wirklich frei und Prinzip alles freien, vernünftigen Handelns ist.

Nach uns steht die Sache überhaupt so:

In aller Erscheinung, in jedem erscheinenden Wesen und Verhältnis ist das Noumenon, der ansichseiende, göttliche Gedanke, als innerer, wenn auch unsichtbarer Kern gegenwärtig. Dieser Gedanke, der sich selbst bestimmt, in sich selbst sein Gesetz hat und also frei ist, gibt, in die Erscheinung tretend, auch dieser ihr Gesetz, das hier aber als äußere Notwendigkeit erscheint, indem immer das Eine vom Anderen bestimmt und davon abhängig ist. Die die mannigfaltigen Erscheinungen unter sich verbindende Kausalität setzt - wenn sie sich auch ins Unendliche zu verlaufen scheint - immer eine  causa sui  [Selbstursache, wp] voraus, welche nicht etwa als eine erscheinende erste Ursache  vor  der Reihe anzunehmen ist, sondern als unendlich  in  der ganzen Reihe und in jedem Glied derselben innerlich gegenwärtig sein muß, so daß im Grunde keine Kausalität, wie überhaupt keine äußere Notwendigkeit ohne innere, ansichseiende Freiheit denkbar ist. Das zeigt sich auch darin, daß jede Kausalität auf  Wechselwirkung  beruth, wo das Eine nicht anders vom Anderen bestimmt wird, als es durch das Andere sich selbst bestimmt, also doch in sich eine gewisse Selbstbestimmung, ein Selbst hat. Aber diese rudimentäre [unterentwickelte, wp] Selbstheit, die einem jeden natürlichen Ding zukommt, ist oberflächlich und vorübergehend, verläuft sich in den unendlichen Prozeß der Wechselwirkung, wo sie sich gleichsam selber sucht und nie findet, ist also dem Außersichsein anheimgefallen und sammelt sich nicht zum Insichsein, zum Bewußtsein und zu innerer Gedankenbestimmung. Die Partikularität des einzelnen Gedankenmoments ist hier in einem äußeren, erscheinenden Dasein erstarrt, das seinen Zusammenhang mit der absoluten Idee hat und ein äußerliches Verhältnis zu allen anderen Dingen in der schlechten Unendlichkeit hat, woraus sie nicht zu sich als innerlicher Unendlichkeit des Gedankens zurückgelangt. Allein der Mensch ist durch sein Selbstbewußtsein in sich gekehrt und der endlosen Äußerlichkeit entzogen; in seinem Denken ist seine erscheinende Partikularität in wahre Allgemeinheit als innere Unendlichkeit erhoben und somit als ein Zweig des ansichseienden göttlichen Gedankens sich betätigend. Denn als denkend ist der Mensch - wie bereits mehrmals gesagt -  allgemeines Wesen,  im wahren, aus und durch sich begründeten göttlichen Gedanken wurzeln und durch diesen bestimmt.

Somit ist der Mensch im Wesen  frei;  denn alle Unfreiheit besteht darin, von äußeren Verhältnissen oder von eigener festgebannter Partikularität ausschließend abhängig zu sein. Unfreiheit (kausalgebundene Notwendigkeit) gehört, wie schon KANT eingesehen hat, der Erscheinung als solcher an und berührt nicht das Ansichseiende, welches wir als die ihr Gesetz in sich selbst habende und aus sich entwickelnde Vernunft bestimmt haben. Diese der ansichseienden Vernunft zukommende Freiheit verwirklicht sich im menschlichen Denken eben in demselben Grad, als der Mensch wirklich - also Wahres, wahrhaftig Allgemeines - denkt, und gleichfalls im Willen, insofern er, durch wahres Denken bestimmt, als moralisch und sittlich, nur das Wahre, wahrhaft Allgemeine will und im Sinne des Allgemeinen, Vernünftigen handelt.

Die unwahre, an der Erscheinung haftende Vorstellung und das egoistische oder sinnliche Wollen sind natürlich unfrei, wenn sie auch als Willkür eine gewisse scheinbare, jedenfalls nur negative, Freiheit bekunden. Und in der natürliche Anlage des einzelnen erscheinenden Menschen, die noch nicht wirkliche Freiheit ist, ist die Möglichkeit, nicht ihre allgemeine Bestimmung zu erreichen, sondern in der Sonderung haften zu bleiben, immer vorhanden, gegen welche Möglichkeit das wahre Wesen als eine  Forderung,  ein  Sollen  erscheint. In der Zeit - also in der Endlichkeit und der Erscheinung - wird sich die wahre menschliche Freiheit immer nur als  werdende,  als allmähliche  Befreiung  zeigen.

Der wesentlichste Mangel der sonst so verdienstvollen, erhabenen praktischen Philosophie KANTs dürfte darin bestehen, daß er bei der  abstrakten Moralität  als Sollen und Forderung (Imperativ) stehen bleibt, ohne zur konkreten  Sittlichkeit,  wo die Forderung als vernünftige Bestimmung immer in gradweise Erfüllung erscheint, vorzudringen. Die Moral mit ihrem kategorischen Imperativ energisch hervorgehoben zu haben, ist KANTs unsterbliches Verdienst; allein sowohl das Subjekt der Forderung als die Kraft, wodurch sie sich verwirklichen soll, sind noch im Unklaren. Und das rührt wieder daher, daß er das Ansichseiende, das sowohl den Grund der moralischen Forderung als die wirkende Kraft dieselbe zu erfüllen enthalten muß, bloß als in sich abstraktes und von der Erscheinung gesondertes  Ding nicht als die wirkliche, in sicht tätige und sich in der Erscheinung betätigende Vernunft ansieht.

Die hier in kurzen Zügen angedeutete Weltanschauung, die namentlich den göttlichen Gedanken als das wahre Ansichsein aller erscheinenden Dinge hervorhebt, scheint nun zur christlich-religiösen Lehre von der Ganzheit des Daseins und besonder von der Stellung und Bestimmung des Menschenlebens nicht übel zu stimmen.

Nach dieser Lehre hat ja Gott durch sein  Wort  (das wohl der nächste Ausdruck seines  Gedankens  sein muß) alle Dinge aus Nichts ins Dasein gerufen. Die Dinge müssen uns folglich als in Erscheinung getretene göttliche, weise und wahre Gedanken gelten; diese Gedanken (die Philosophen nennen sie  Ideen sind der Dinge Wesen (wahres Ansichsein) und selbst das ins Daseintreten und was wir Materie nennen, ist göttlicher Gedanke (von Gottes Weisheit beschlossen und hervorgebracht), indem Gott nicht in sich (in abstrakter Unendlichkeit) verschlossen und verborgen bleibt, sondern sich in der geschaffenen Welt allgegenwärtig  offenbart.  Vorzüglich hat er den Menschen als sein Ebenbild gemacht, ihm seinen Geist eingehaucht und ihn zu bewußter Gemeinschaft mit sich berufen, so daß wir in Gott leben und uns regen sollen, in und mit Gott das Wahre und Gute bewußt zu erkennen und zu vollbringen, das heißt eigentlich: Gottes Gedanken denken und Gottes Willen wollen. Denn Gott ist die Wahrheit und die Güte, "alle gute und vollkommene Gabe" rührt von Gott her. In dieser Gemeinschaft mit Gott sind wir wesentlich frei, weil Gottes Gedanke und Wille innig unser Gedanke und Wille geworden ist. Wer sich aber von Gott entfernt und nicht Gott, sondern sich selbst lebt, wird unfrei, fällt einem "Gesetz in seinen Gliedern" anheim, so daß er "das Gute, das er will, nicht tu, sondern das Böse, das er nicht will, tut" oder wenigstens, falls er auch etwas (objektiv) Gutes wirkt, dieses unfreiwillig, auf Furcht oder Zufall vollbringt.

Das ist ja, wenn wir nicht irren, allgemein geglaubte, schriftgemäße christliche Lehre. Im obigen haben wir aber, obgleich in anderen Ausdrücken, wesentlich dasselbe als  Denknotwendigkeit  zu erweisen gesucht und der hier bloß im Vorbeigehen auf den religiösen Glauben geworfene Seitenblick ist ganz ohne Einfluß auf den logisch-metaphysischen Gedankengang und hat keine Bedeutung für denselben. Diesen wollen wir schließlich noch in einem einzigen Satz zusammengefaßt wiederholen.

Das wahre, vernünftige, seinem Begriff gemäße Denken muß das Wahre, Ansichseiende denken, diesem entsprechend sein; darin liegt aber, daß umgekehrt das Wahre, Ansichseiende, als dem vernünftigen Denken entsprechend, selbst nur als vernünftiges Denken gedacht werden muß. 

Überhaupt ist hervorzuheben, daß hier überall nur von  Denken  und  Denknotwendigkeit  die Rede ist. Weiter und über das Gebiet des Denkens hinaus, gehen wir hier nicht. Wir hören nun zwar von mehreren Seiten, daß das Denknotwendige darum nicht notwendig wirklich sei. Dem sei nun, wie es wolle, wir können uns jedenfalls nicht darauf einlassen. An der uns ziemlich unverständlichen Ansicht derer, die etwa meinen, sich eine nicht gedachte und denkbare Wirklichkeit dennoch denken zu können, wagen wir nicht zu rütteln.

Wir sind überhaupt darauf gefaßt, daß Viele die ganze hier vorgetragene Betrachtung als leeren Formelkram und "Begriffsdichtung", jedenfalls als wenig zeitgemäße, dornichte Dialektik ansehen werden. Hoffentlich wird man doch dem Greise einigermaßen zugute halten, daß er sich der dialektischen Schule seiner Jugend nicht leicht entwinden kann und sich sogar den Vorwurf eines "altfränkischen Logismus" und dgl. vielleicht nicht allzuschwer zu Herzen nehmen, aber dankbar sein wird, wenn man ihm zeigt, was in jener Dialektik - nicht etwa veraltet oder verrufen, sondern -  falsch  und  unlogisch  und wie das wahre Denken und dessen ansichseiender Gegenstand anders wirklich zu denken sei.

Und er möchte dem geneigten Leser mit dem alten Dichter zurufen:


Si quid novisti rectius istis,
candidus imperti! si non, his utere mecum!

(Wenn du etwas Besseres weißt, als jenes, so teile es
mir redlich mit, wenn nicht, so folge mir. - Horaz)

LITERATUR - Marcus Jacob Monrad, Das Ding an sich als Noumenon, Archiv für systematische Philosophie, Bd. IX, Berlin 1897