cr-2ra-1Paul Sternvon Malottkivon Aster    
 
OSWALD KÜLPE
Die Realisierung
[Ein Beitrag zur Grundlegung
der Realwissenschaften]

[2/2]

"Der Reiz des wirklichen Lebens forderte sein Recht. Nicht wie wir die Welt denken, wenn wir von allen Sinnesqualitäten absehen, sondern als ein dem Bewußtsein Gegebenes, als ein Inbegriff von Empfindungen ist sie nun zum Gegenstand des Genusses und der ästhetischen Bewertung, zum Objekt der Erkenntnis und der philosophischen Würdigung geworden. Wir brauchen uns nicht mehr in ein transzendentes Gebiet zu wünschen und zu flüchten, da die volle Erfahrung einer unmittelbar erlebten Wirklichkeit eine ausreichende Befriedigung gewährt und einen letzten, in sich selbst ruhenden Tatbestand bildet."

"Schon ein Mystiker, wie  Hamann,  hatte die Unzulänglichkeit aller Begriffe für die Erfassung der Wirklichkeit behauptet, und so ist es auch jetzt wieder üblich, den Leistungen des Verstandes zu mißtrauen und ihnen eine untergeordnete Stellung in der Rangordnung der wissenschaftlichen Bedürfnisse und Ergebnisse einzuräumen."

"Wenn wir selbst die Wissenschaftliche Erkenntnis schaffen, den Gegenständen ihre Gesetze vorschreiben und unsere Begriffe und Grundsätze als ordnende Gesichtspunkte in das Chaos der Erfahrungen hineintragen, dann erhalten wir eine Superiorität über die Gegenstände, dann geht ein idealer Zug eigenen Findens, Gestaltens und Wirkens durch unsere Forschung und Erkenntnis."


3. Begriff und Objekt

Für das Problem der Realität ist kaum eine Unterscheidung wichtiger, als die zwischen Begriffen und Objekten als besonderen Klassen von Gegenständen des Denkens. Manche Erkenntnistheoretiker glauben, mit wirklichen und idealen Objekten auskommen zu können, wenn sie die Begriffe noch zu Hilfe nehmen. Soll in der empirischen Wissenschaft über den unmittelbaren Bestand des Bewußtseins hinausgegangen werden, so darf diese Transzendenz nach ihnen als eine Begriffsbildung beurteilt werden. Darum muß auf die Eigenart der Objekte, insbesondere der realen Objekte, gegenüber den Begriffen ausdrücklich hingewiesen und damit die Sonderstellung der ersteren in der Wissenschaft dargetan werden.

Wir knüpfen dabei an das schon gestreifte  Gesetz der spezifischen Geltung der Prädikationen für ihre Gebiete  an. Nach diesem Gesetz können die Gegenstände spezifisch nur durch Beschaffenheiten und Beziehungen bestimmt werden, die ihrer eigenen Sphäre angehören. Man darf daher den Inhalt eines logischen Begriffs, wie z. B. Gattung, nicht durch Objekteigenschaften bestimmen. Ebensowenig darf man einem Objekt grammatische Kennzeichen oder einem Zeichen begriffliche Merkmale beilegen. So kann ein Substantiv nicht blau oder hart, nicht Substanz oder Akzidenz, nicht im logschen Widerspruch mit anderen Zeichen sein. Ebenso haben die Urteile keinen Kasus und keine Flexion, keine Ausdehnung und Dauer. Diese grundlegende Gesetzmäßigkeit wird durch den äquivoken [bedeutungsgleichen - wp] Gebrauch der Sprache verdeckt, ist aber bei genauerer Analyse der gemeinten Gegenstände jederzeit erkennbar. HOBBES hat ihre allgemeine und prinzipielle Wichtigkeit für die Geltung der Urteile erkannt. Er unterschied vier Klassen möglicher Gegenstände: die Körper, die Akzidenzien, die Ideen und die Namen. Die ersten beiden Klassen entsprechen (wenn auch unvollständig) unseren Objekten, die Ideen unseren Begriffen und die Namen unseren Zeichen. Er erklärte nun jede prädikative Bestimmung eines Gegenstandes der einen Klasse durch Beschaffenheiten, die einer der anderen Klassen entnommen sind, für unzulässig und die so gebildeten Urteile für falsch. Unsere Kategorien sind allgemeiner und geben für die hier in Rede stehende Gesetzmäßigkeit eine einwandfreiere Grundlage. Sie gilt nämlich nur für die drei Klassen im Verhältnis zueinander, nicht für die allgemeineren Gegenstandsbestimmungen. Diese dürfen vielmehr jederzeit auch zu Prädikationen von Zeichen, Begriffen und Objekten verwandt werden.

Gegen keine Regel wird in der Darstellung häufiger und leichter verstoßen, wie gegen das Gesetz von der spezifischen Geltung der prädikativen Bestimmungen für ihre Sphäre. So kann ein mathematischer Physiker die Atome und Moleküle und die aus ihnen bestehende Materie als Begriffe bezeichnen, von der Energie als einer Zahl reden und dgl. mehr. Damit pflegt dann freilich die Aussage über diese Gegenstände gar nicht vereinbar zu sein. Wenn z. B. die Größenordnung eines Wasserstoffatoms bestimmt wird, so kann das Atom kein Begriff sein. Begriffe haben keine Größenordnung. Dieser innere Widerspruch beweist freilich noch nicht, daß die Annahme realer Objekte, einer realen Materie, realer Körper und ihrer Teile, einer realen Energie berechtigt ist, kann aber dazu dienen, auf die Intentionen der Forscher hinzuweisen und die daraus entspringenden logischen Anforderungen zu Bewußtsein zu bringen.

Der Unterschied läßt sich auch im Einzelnen überall verfolgen. Jeder Begriff setzt sich aus einem oder mehreren  Merkmalen  zusammen, die nichts anderes sind als  notwendige und hinreichende Bedingungen für die Zuordnung von Zeichen und Gegenständen.  Die Objekte dagegen haben  Eigenschaften,  welche auch nicht materialiter mit jenen Merkmalen zusammenfallen brauchen. Es gibt verschiedene Begriffe bei gleichem Objekt und verschiedene Objekt bei gleichem Begriff. Die Zuordnung von Gegenstand und Zeichen kann auf sehr verschiedenen Wegen durchgeführt werden, und es brauchen die Eigenschaften der gemeinten Objekte dabei nicht unmittelbar benutzt zu werden. Wenn ich z. B.  blau  als eine Empfindung definiere, die bei Einwirkung von Licht einer bestimmten Wellenlänge auf ein farbentüchtiges Auge entsteht, so habe ich keine spezifische Eigenschaft der wirklichen Empfindung  blau  zur Konstitution des Begriffs verwandt.

Auch noch in einer anderen Richtung ist zwischen Merkmal und Eigenschaft zu unterscheiden. Die Merkmale, die einen Begriff konstituieren, dürfen weder zufällig noch überflüssig sein. Darum ist die in der Logik geläufige Unterscheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen Merkmalen als eine Überschreitung der zwischen Begriff und Objekt gesetzten Grenzen zu beanstanden. Begriffe  sollen keine unwesentlichen Merkmale enthalten,  sondern nur solche, die als notwendige und hinreichende Bedingungen einer Zuordnung zwischen Zeichen und bezeichneten Gegenständen betrachtet werden können. So hat die Unterscheidung nur den Wert einer Warntafel oder ist ein Hinweis darauf, daß verschiedene Begriffe verschiedene Merkmale haben und diese für den einen Begriff wesentlich, für den anderen unwesentlich erscheinen können. Bei Objekten dagegen pflegen als wesentliche Eigenschaften diejenigen anerkannt zu werden, die an  allen  Objekten einer bestimmten Art vorkommen, während die unwesentlichen sich nur bei bestimmten Exemplaren finden. Aber die letzteren  können hier nicht fehlen,  ihre Ausschaltung zu fordern hat hier keinen Sinn. Beides wird nun miteinander vermischt, wenn man den Begriff als das  Wesen  der Objekte faßt. Das, was allen Menschen zukommt, braucht für das einzelne Exemplar dieser Gattung nicht wesentlicher zu sein, als was ihm allein eignet. Bei Objekten sollte man nur von  allgemeinen  und  speziellen  Eigenschaften in diesem Sinn reden. Damit soll nicht bestritten werden, daß gewisse Eigenschaften eines Objekts wesentlicher sind als andere, sofern bestimmte  Gesichtspunkte der Beurteilung  angewandt werden. Diese Gegenüberstellung hat jedoch gerade für die Begriffe und ihre Merkmale keine maßgebende Bedeutung, weil die eindeutige Bezeichenbarkeit nicht der Hinblick zu sein pflegt, nach der man die wesentlichen von den unwesentlichen Eigenschaften absondert (17).

Der Unterschied zwischen Eigenschaften und Merkmalen setzt sich auch in die  Bestimmung  der Objekte und der Begriffe hinein fort. Die Definition eines Begriffs besteht in der Angabe seiner Merkmale, die Bestimmung eines Objekts in der Angabe seiner Eigenschaften. Dabei ist zwischen einer  erzeugenden  oder  schaffenden  und einer  bestimmenden  oder  darlegenden  Definition wohl zu unterscheiden. Jene ist Sache der Willkür und darum vom Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit beherrscht. Sie führt einen neuen Begriff ein, indem sie entweder ein altes Zeichen mit einer neuen Zuordnung zu Gegenständen versieht oder ein Zeichen für diesen Zweck erfindet. Solche Definitionen sind weder richtig noch unrichtig, weil sie sich nicht auf einen bereits feststehenden Sachverhalt beziehen lassen. Sie bringen eine Willenserklärung zum Ausdruck und können daher als Vorschriften, Anweisungen, Postulate oder Normen betrachtet werden (18). Die bestimmenden Definitionen dagegen suchen eine unfixierte oder nicht genügend fixierte Bedeutung, die durch den Gebrauch den Charakter einer gesetzmäßigen Zuordnung bereits angenommen hat, diesem ihrem Charakter entsprechend zu fixieren. Das Verhältnis zum geltenden Sinn des Zeichens entscheidet hier über die Richtigkeit und Unrichtigkeit der Definition. Eine solche Definition hat materiale Wahrheit wie andere Behauptungen auch. Diesen beiden Arten der Definition entsprechen zwei Arten der Objektsbestimmung: die  Konstruktion  eines Objekts und seine  Beschreibung.  Durch jene wird ein Objekt erzeugt, durch diese ein vorhandenes Objekt geschildert. Es ist nun leicht ersichtlich, daß zwischen der schaffenden Definition und der Konstruktion eines Objekts bei aller Verwandtschaft des Prozesses ebenso ein wesentlicher Unterschied bestehen muß, wie zwischen der bestimmenden Definition und der Beschreibung eines Objekts. Die Konstruktion eines Objekts verleiht einer Abstraktion oder einer Kombination von Eigenschaften ein selbständiges Dasein, während die schaffende Definition nur eine neue Zuordnung herstellt und dabei die Gegenstände voraussetzt, auf die sie sich richten soll. Die Beschreibung eines Objekts erstrebt Vollständigkeit, die bestimmende Definition begnügt sich mit den notwendigen und hinreichenden Bedingungen der Zuordnung. Die Beziehung der Eigenschaften zu ihren Objekten ist eine ganz andere, als die der Merkmale zu ihren Begriffen.

Derartige Abweichungen lassen sich nun auh bei sonstigen Aussagen über Begriffe und Objekte aufzeigen. So steht jedes Begriffsurteil unter dem Grundsatz der  Widerspruchslosigkeit,  nach dem alle logischen Operationen, all Beziehungen zwischen Begriffen miteinander vereinbar sein müssen. Widerspruch zeigt stets an, daß eine Falschheit vorliegt. Widerspruchslosigkeit begründet die  logische Möglichkeit  eines Begriffs oder eines anderen Gebildes der Darstellung. Daneben gibt es noch einen Grundsatz, der die  logische Notwendigkeit  bestimmt. Wir wollen ihn den Grundsatz der  logischen Zusammengehörigkeit  nennen. Er ist dem früher viel behandelten Satz vom Grund nahe verwandt. Einen ganz anderen Charakter trägt die  objektive Möglichkeit  und  Zusammengehörigkeit  bzw.  Notwendigkeit.  Seit CRUSIUS und SCHOPENHAUER verschiedene Arten des Grundes angegeben, seit JOHANNES von KRIES und GALLINGER (19) den Begriff der objektiven Möglichkeit genauer analysiert haben, weiß man, daß von einem Widerspruch und einer Widerspruchslosigkeit bei Objekten nicht zu reden ist, und daß Begründung und Kausalität zwar in einem allgemeinen Abhängigkeitsverhältnis ihre gemeinsame Wurzel haben, aber daneben gewichtige spezifische Differenzen aufweisen.

Auch in der Logik ist der Unterschied von  Begriffs-  und  Objekturteilen,  wenn auch unter anderem Namen, seit ERDMANNs  Logik  aus dem Jahr 1892, seit RIEHLs  Beiträgen zur Logik  und seit von KRIES' Unterscheidung von Real- und Beziehungsurteilen zum Durchbruch gekommen (20). Vorbereitet haben sie bereits HUME (21) und JOHN STUART MILL (22), indem sie die in Urteilen hervortretende unmittelbare Intention auf Objekte aufgezeigt haben (23). Sie verdient in der Tat bei einer Darstellung der Logik allenthalben berücksichtigt zu werden. Die Behauptung der Möglichkeit eines objektiven Vorgangs z. B. wird dadurch motiviert, daß es Bedingungen gibt, welche ihn erlauben, oder keine, die ihn verbieten, oder daß er sich schon einmal ereignet hat, oder daß ähnliche Vorgänge stattgefunden haben oder stattfinden. Die logische Möglichkeit eines Begriffs oder einer Schlußoperation dagegen hängt von solchen Umständen nicht ab, sondern beruth auf der Widerspruchslosigkeit der zusammengefaßten Merkmale oder Urteile.

Ebenso weisen andere Unterschiede auf die Notwendigkeit hin, die logischen und die objektiven Gesichtspunkte voneinander zu trennen. Die neue Lehre von den Beurteilungen läßt sich nur dann einwandfrei durchführen, wenn man  Urteils-  und  Sachverhaltsbeurteilungen  auseinanderhält. Bejahung und Verneinung sind ebenso wie die problematischen, assertorischen und apodiktischen Aussagen Urteilsbeurteilungen, sofern sie über die Geltung eines primären Urteils eine Behauptung fällen. Aber es kann auch die Möglichkeit, Tatsächlichkeit und Notwendigkeit und manche andere Bestimmung von Sachverhalten ausgesagt werden. Diese Unterscheidung gewinnt für unser Problem eine besondere Bedeutung, wenn es sich um objektive, im Unterschied von begrifflichen Sachverhalten handelt. Auch die Schlußlehre muß  Urteils  und  Sachverhaltsschlüsse  voneinander trennen. Die traditionelle Logik hat sich nur mit den Urteilsschlüssen beschäftigt. Innerhalb der Sachverhaltsschlüsse aber werden wiederum die logischen Sachverhalte und die objektiven besondere Arten bilden. Die Realisierung ist in gewissen Fällen ein Schluß, und zwar ein objektiver Sachverhaltsschluß.

Diese durchgehende Differenz zwischen den Begriffen und Objekten besteht für alle Arten der letzteren. Doch ist sie, wie wir schon früher bemerkt haben, bei den  idealen  Objekten am wenigsten ausgesprochen. Keinesfalls darf hiernach daran gedacht werden, die realen Objekte, die Körper der Naturwissenschaft, die Seele oder die psychischen Vorgänge des Psychologen und die metaphysischen Wesenheiten als Begriffe zu bestimmen und damit lediglich vergegenständlichte Bedeutungen in ihnen zu erblicken. Man übersieht dabei zugleich, daß alle Bedeutungen Gegenstände zum Korrelat haben. Wenn daher von Begriffen gesprochen wird, erhebt sich sofort die Frage, auf welche Gegenstände sie zu beziehen sind. Wir haben drei Arten von Gegenständen kennengelernt und können darum auch drei Arten von Begriffen aufstellen: die grammatischen, auf Zeichen zielenden, die logischen und die Objektsbegriffe. Zur ersten und zweiten Klasse können die realen Objekte nach den Aussagen, die über sie erfolgen, nicht wohl gezählt werden. Aber auch die wirklichen Objekte, an die man vielleicht noch denken könnte, um ein Ziel für jene Begriffe zu gewinnen, können dafür nicht herangezogen werden, weil der Inhalt dessen, was in einem realen Objekt gedacht wird, nicht mit bestimmten Bewußtseinstatsachen zur Deckung gebracht werden kann. Die Begriffe von Körpern, Kräften, Massen und dgl. haben, wenn sie aufgrund von Bewußtseinsinhalten ausgebildet sind, andere Objekte als diese Inhalte zu Korrelaten. Daß diese schließlich auch nicht unter den idealen Objekten gesucht werden können, zeigt vor allem der große Unterschied in der Bildung und Erforschung beider Arten von Objekten. Man braucht nur die Geometrie mit der Kristallographie zu vergleichen, um sich die Verschiedenheit der wissenschaftlichen Untersuchung bei idealen und realen Objekten zu vergegenwärtigen. So bleibt nichts übrig als anzuerkenne, daß die sogenannten Begrife der Realwissenschaften auf besondere Objekte, nämlich auf die realen, hinweisen und nur unter dieser Voraussetzung überhaupt verstanden werden können.  Begriffe  von realen Objekten sind mit anderen Worten nur denkbar, sofern reale Objekte selbst vorausgesetzt und anerkannt werden.

Wir werden nach diesen Erörterungen die Tatsache hinnehmen müssen, daß neben den Wirklichkeiten des Bewußtseins und den idealen Gegenständen der Idealwissenschaften (24), neben den Begriffen und den Zeichen eine besondere Klasse von Objekten in den Naturwissenschaften, in den Geisteswissenschaften und in der Metaphysik angenommen und erforscht wird, diie zu ihr eigentümlichen Methoden der Untersuchung, zu speziellen Objektsbegriffen und -urteilen geführt hat. Schon die vorwissenschaftliche Reflexion hat derartige Gedanken ausgebildet. Der  naive  Realismus des praktischen Menschen unterscheidet mit voller Bestimmtheit zwischen einer Vergegenwärtigung der Naturgegenstände, der Mitmenshen und ihrer körperlich und geistigen Eigenschaften und Fähigkeiten und diesen selbst. Auch er weiß bereits, daß das Dasein für das Bewußtsein nicht mit der Existenz des bewußt gewordenen Objekts zusammenfällt. Ebenso kommt er nicht leicht in Versuchung, die Erzeugnisse der Phantasie und des Denkens mit den sich hart im Raum stoßenden Sachen zu verwechseln. Die Setzung von Realitäten, die  allgemeine  Form der Realisierung teilt er mit dem  kritischen  Realismus der Realwissenschaften. Der Unterschied zwischen beiden liegt nur in der  Bestimmung  der realen Objekte. Der naive Realismus überträgt die in der Vergegenwärtigung der realen Gegenstände, namentlich in der Sinneswahrnehmung, erscheinenden Eigenschaften auf die Gegenstände selbst. Das strengere Kriterium der Realisierung pflegt er nicht anzuwenden, zumal es für die Verständigung unbequem wäre (25). In dieser Hinsicht gibt es ja auch in den Realwissenschaften selbst Grade. Die sogenannten beschreibenden Naturwissenschaften, die Mineralogie, Botanik, Zoologie, bedienen sich gleichfalls unbedenklich der Sinnesqualitäten zur Charakteristik der von ihnen behandelten Objekte. Jedenfalls sind diese Unterschiede in der Bestimmung der Realitäten von untergeordneter Bedeutung gegenüber der Tatsache, daß der Standpunkt des Lebens sich mit demjenigen zahlreicher Wissenschaften in der  Annahme  solcher Objekte deckt.

Angesichts dieser Sachlage gehört viel dazu, um diesen Realismus zu erschüttern. Wer eine so verbreitete, im Feuer der wissenschaftlichen Arbeit vieler Jahrhunderte und in den praktischen Bedürfnissen und Verhaltensweisen aller denkenden Wesen bewährte Anschauungsweise zu Fall bringen will, muß schon über sehr starke Motive und Gründe verfügen. An Bewußtseinserscheinungen hat noch kein Erkenntnistheoretiker gezweifelt. Selbst die Skeptiker (26) haben deren Tatsächlichkeit anerkannt, und seitdem sind sie zu einem Bollwerk geworden, das auch dem ärgsten Zweifler zu widerstehen vermochte. Ebensowenig ist den idealen Objekten ihre Daseinsberechtigung bestritten worden. Man mochte wohl über ihre Entstehung und über die Methode ihrer Erforschung, auch über ihre Anwendung und den Geltungsgrad der über sie aufgestellten Behauptungen streiten. Aber niemand ist es eingefallen, die besondere Natur der idealen Objekte anzutasten oder aufzuheben. Den Zeichen und ihren Bedeutungen ist erst recht niemand mit dieser Absicht zuleibe gegangen. Mag auch der Mißbrauch der Worte oft und scharf getadelt worden sein, mag auch das Schwanken und Schillern der Bedeutungen eine herbe Kritik herausgefordert und gefunden habe, die Tatsache,  daß  es Zeichen und  daß  es Bedeutungen bzw. Begriffe gibt, die ihre besonderen Funktionen im Haushalt des Geistes zu verrichten haben, hat keiner unter all den rücksichtslosen Kritikern der Sprache und des an sie geknüpften Sinnes geschmälert oder geleugnet. Nur bei den realen Objekten sind - freilich nur vereinzelt - Stimmen laut geworden, die ihre Sonderexistenz bestritten und sie auf andere Klassen von Gegenständen zurückzuführen suchten. Man fragt sich unwillkürlich, was dazu veranlassen konnte. Die ernsthaften Gründe, die gegen eine Setzung von Realitäten geltend gemacht werden können, werden wir in unserer Kritik des Konszentialismus und des objektiven Idealismus zu würdigen haben. Aber es gibt auch allgemeine Tendenzen, Neigungen und Zeitströmungen, die einer Realisierung entgegenstehen. Mit diesen Imponderabilien, die keine eigentliche Widerlegung finden können und auch nicht als förmliche Argumente gelten gemacht werden, wollen wir uns gleich im nächsten Abschnitt dieser Einleitung bekannt machen und auseinandersetzen.


4. Die anti-realistischen Tendenzen

Wenn wir von anti-realistischen Tendenzen sprechen, so meinen wir damit unwillkürliche Annahmen und Voraussetzungen, die das Denken auch in der Philosophie bestimmen können, oder Ideale und Ziele, die der Lebens- und Weltanschauung eine dem Realismus abträgliche Richtung geben. Wir können im ganzen  acht  solcher Tendenzen anführen.

1. Zu ihnen gehört zunähst die in die Anfänge der neueren Philosophie zurückgehende Auffassung, daß die  Mathematik  der  Typus aller Wissenschaft  ist, und daß eine Wissenschaftstheorie sich darauf beschränkgen darf, das Verfahren und die Grundlagen der Mathematik zu studieren und zu verwerten. Wenn sich die Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts auf diesen Standpunkt stellten, so hatten sie dazu gute Gründe. Sie standen unter dem Eindruck einer überwältigenden Entwicklung der Mathematik und ihrer Anwendungen auf die Naturwissenschaft, während alle anderen Wissenschaften nur erst anfingen, sich zu einer zuverlässigen Methode der Forschung durchzuringen. Trotzdem blieb bei DESCARTES und seinen Nachfolgern der Realismus unbeanstandet. Das mathematische Gewand, das sie ihren Lehren gern anzogen, war eine äußerliche Form, die auch bei anderen als mathematischen Gegenständen der Erkenntnis eine unerschütterliche Gewißheit zu verleihen versprach. Erst KANTs Erkenntnistheorie machte auch die Gegenstände der Realwissenschaften zu idealen Objekten, indem er den Einfluß apriorischer Funktionen auf ihre Bestimmung aufzuzeigen suchte. So ist seine Erkenntnistheorie bei der einseitigen Orientierung an der Mathematik und ihren Anwendungen eine Theorie der Idealwissenschaften geworden (27). Im 19. Jahrhundert hat sich diese Tendenz namentlich bei AUGUSTE COMTE und bei den Neukantianern erhalten, trotzdem die empirischen Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften sich inzwischen stattlich und selbständig entwickelt hatten. Die Vernachlässigung des für die Erfahrungswissenschaften charakteristischen Realisierungsverfahrens ergibt sich aus dieser ausschließlichen Einstellung auf die mathematischen Disziplinen von selbst. Auch da, wo sich in der mathematischen Naturwissenschaft der Einfluß der Erfahrung stärker geltend macht und eine Beziehung auf reale Gegenstände unverkennbar hervortritt, wird die Verwandtschaft mit den idealen Objekten der reinen Mathematik infolge dieser Tendenz ausschließlich berücksichtigt.

2. Damit verbindet sich eine andere, gleichfalls anti-realistische Tendenz, nämlich die  Richtung auf Exaktheit Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit, auf unbedingte Zuverlässigkeit und Gewißheit aller wissenschaftlichen Erkenntnis. Mathematik und mathematische Naturwissenschaft haben uns daran gewöhnt, die höchsten Anforderungen an die Strenge der Beweisführung, an einen logisch befriedigenden systematischen Aufbau, an eine lückenlose Ableitung aller Erkenntnis aus letzten Voraussetzungen von unmittelbar evidenter oder forderungsartiger Beschaffenheit, an eine notwendige und hinreichende Begründung aller Behauptungen in der Wissenschaft zu stellen. Aber auch auf anderen Gebieten, wie z. B. in der Philologie und in der Geschichtswissenschaft, wird das Ideal peinlicher Sorgfalt und Akribie in der Rezension eines überlieferten Textes, in der grammatischen Untersuchung stilistischer Formen, in der Kritik und Interpretation der Quellen aufgerichtet und hochgehalten. Unzureichend belegte Vermutungen und Annahmen, unsichere Ansätze, zweifelhafte Ergebnisse, spekulative Erklärungen pflegen deshalb grundsätzlich aus der Arbeit der Einzelwissenschaften ausgeschlossen und, wo sie vorkommen, verurteilt zu werden. Die immanente Logik der eingeführten Begriffe und die treue Wiedergabe der dem Bewußtsein sich darbietenden Tatsachen, das sind die hauptsächlichsten Aufgaben und Kriterien, die in der heutigen Einzelwissenschaft eine unbedingte Anerkennung finden. Dabei gilt für das Verfahren mit idealen Objekten die strenge Festhaltung an den einmal eingeführten Bestimmungen und die beweiskräftige Deduktion, wo sie möglich ist, als ein unverbrüchliches Gesetz ihrer Untersuchungen und Darstellung.

Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint es als bedenklich, hypothetische Bestimmungen über hypothetische Realitäten einzuführen und zuzulassen. Offenbar wird mit einer solchen Transzendenz dem Belieben und der Willkür Tür und Tor geöffnet. Man braucht sich ja nur die verschiedenen Theorien zu vergegenwärtigen, die über solche Objekte aufgestellt worden sind. Man denke etwa an die Lehre von der Abstammung der Organismen in ihren mannigfachen Fassungen und Begründungen oder an den nicht endenwollenden Streit der Ansichten über das Verhältnis zwischen Leib und Seele oder an die mehrfach gewagten Versuche einer Erklärung der Gravitation oder an die abweichenden Annahmen über den Ursprung der Sprache usw. Offenbar ist die Unsicherheit über die hier bestehenden Möglichkeiten, die eine annähernd gleiche Berechtigung verschiedener Realsierungen angesichts desselben Tatbestandes eine Folge davon, daß der allein tragfähige Boden wissenschaftliher Erkenntnis, die Wirklichkeit des Bewußtseins, die Gesetzmäßigkeit der Begriffe und der idealen Objekte, bei der Setzung und Bestimmung der Realitäten verlassen worden ist. So entsteht die Neigung, alle Realisierungen als phantastische Spekulationen zu verwerfen und sich lediglich an die Tatsachen und deren Schilderung in den Erfahrungswissenschaften zu halten.

Gegenüber dieser anti-realistischen Tendenz genügt es, auf dreierlei zu verweisen. Erstens sind die Erfahrungswissenschaften als bloße Beschreibungen von Beobachtungstatsachen gar nicht zu verstehen. Sie müßten eine reine Phänomenologie im schon früher bestimmten Sinn werden, wenn sie auf alle Transzendenz verzichten sollten. Die Reinigung von dieser würde einen radikalen Bruch mit den bewährten Methoden und Ergebnissen bedeuten. Zweitens ist auch die bloße Beschreibung von Tatsachen keine so exakt durchführbare Leistung, daß sie den oben bezeichneten Idealen gerecht zu werden vermöchte. Es gibt auch unabhängig von der gerügten Transzendenz Hypothesen und Annahmen, die eine mehr oder weniger große Unsicherheit in die Wissenschaft hineintragen. Drittens ist die Realisierung keineswegs ein für allemal dazu verurteilt, mit unveränderlicher Unsicherheit behaftete Meinungen in die Welt zu setzen. Die Geschichte aller Realwissenschaften zeigt, daß gewisse Theorien widerlegt und andere mehr und mehr gestützt werden können. Wir sehen davon ab, daß die Idealwissenschaften in ihren Axiomen unbewiesene Voraussetzungen aufstellen, die allem, was von ihnen abhängt, auch nur eine hypothetische Gültigkeit verleihen.

3. Eine weitere anti-realistische Tendenz erwächst der Gegenwart aus der  Wertschätzung der unmittelbar vorgefundenen Wirklichkeit,  der zum Bewußtsein gelangenden Tatsachen der Außenwelt. Im 17. und 18. Jahrhundert hat sie ebenso wie zu Anfang des 19. (wenigstens in Deutschland) nicht bestanden. Die Ausbildung einer mechanistischen Weltanschauung unter der Führung der neueren Naturwissenschaft erschloß damals ein Reich der Gedanken, das nicht von dieser Welt des Bewußtseins war, das weder empfunden noch sinnlich vorgestellt werden konnte. Hier vollzog sich ebenso wie in der Metaphysik der rationalistischen Denker eine Trennung von der vollen Erfahrung des Lebens. Das Prinzip der Subjektivität der Sinnesqualitäten machte die Natur zu einer farblosen, klang-, duft- und geschmacklosen, der Lust und des Leides, der Wärme und der Kälte entbehrenden, schematischen Mannigfaltigkeit von Gedankendingen, die bloß von räumlichen und zeitlichen Bestimmungen erfüllt, von abstrakten Kräften und starren mathematischen Gesetzen beherrschaft war. Auch die dazutretende biologische Wissenschaft stellte sich in den Dienst einer solchen Betrachtungsweise, die nur dadurch etwas verhüllt wurde, daß man eine besondere Kraft für die Lebenserscheinungen einführte. Selbst die Psychologie wurde von HERBART nach dem Muster der naturwissenschaftlichen Mechanik behandelt und damit ihr Schwerpunkt, ihr eigentlicher Halt und Sinn in ein unbewußtes Seelenreich versenkt. Auch erkenntnistheoretisch wurde die Wirklichkeit damals als etwas Zufälliges und Verworrenes gering geschätzt, sofern sich nicht die Linien einer klaren und notwendigen Verstandeseinsicht in sie eingegraben hatten (28).

Gegen diese wirklichkeitsfremde Richtung hat sich namentlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine energische und erfolgreiche Reaktion Bahn gebrochen. Der Reiz des wirklichen Lebens forderte sein Recht. Nicht wie wir die Welt denken, wenn wir von allen Sinnesqualitäten absehen, sondern als ein dem Bewußtsein Gegebenes, als ein Inbegriff von Empfindungen ist sie nun zum Gegenstand des Genusses und der ästhetischen Bewertung, zum Objekt der Erkenntnis und der philosophischen Würdigung geworden. Wir brauchen uns nicht mehr in ein transzendentes Gebiet zu wünschen und zu flüchten, da die volle Erfahrung einer unmittelbar erlebten Wirklichkeit eine ausreichende Befriedigung gewährt und einen letzten, in sich selbst ruhenden Tatbestand bildet. So ist das Bewußtsein mit seinen Inhalten der feste Boden, aus dem wir alle unsere Kraft ziehen und über den wir uns nicht ohne Einbuße an Sicherheit und Fülle des Besitzes erheben können. Mit seinen Gaben gesättigt haben unsere Ideen und Begriffe allein Sinn und Wert. Eine Tagesansicht verlangte für die Wirklichkeiten des Bewußtseins in jeglicher Gestalt die Anerkennung, daß in ihnen vollständig und ausschließlich das wahrhaft Seiende gegeben ist. Die Psychologie wurde zu einer Bewußtseinswissenschaft, die den Begriff des Unbewußten als unvollziehbar brandmarkte und sich allein auf die unmittelbare Evidenz der inneren Wahrnehmung stützen zu können und zu wollen erklärte. Sie war damit zugleich zu einer Lehre vom wahrhaft Seienden geworden und konnte sich als Philosophie und Metaphysik gebärden. Der Psychologismus, der alle Wissenschaft zu einem Derivat der Psychologie zu machen suchte, war ein natürliches Ergebnis dieser anti-realistischen Tendenz. Alle bisherige Realisierung mußte dieser wirklichkeitsfreudigen Auffassung als eine graue Theorie erscheinen, die unnötigerweise den grünen Baum des Lebens entblättert und gar keinen Ersatz dafür bietet. (29)

Auf die erkenntnistheoretische Bedeutung dieser Tendenz einzugehen, müssen wir uns für eine spätere Gelegenheit vorbehalten. Wir wollten hier nur eine Zeitströmung charakterisieren. Daß es sich um eine solche und nicht um eine rein theoretisch zu beurteilende Auffassung handelt, zeigt nicht nur das frühere abweichende Verhalten, sondern auch die Tatsache, daß wir im Begriff stehen, eine Richtung auf das Transzendente wieder einzuschlagen und mit Hingabe zu verfolgen.  Sine ira et studio  [ohne Zorn und Eifer - wp] betrachtet, liegt die Sache so, daß weder der Bewußtseinswirklichkeit noch einer darüber hinaus gesetzten und bestimmten realen Welt die Daseinsberechtigung zu versagen ist. Der erste Schritt in das Reich des Realen ist, wie wir später sehen werden, inhaltlich keine Entfernung vom Gegebenen, und so liegt kein Grund vor,  diesem  Realen einen anderen Wert zuzuschreiben. Die Erkenntnistheorie könnte und sollte sich von den sicherlich nie zu eliminierenden Unterschieden in der  Bewertung  der Wirklichkeit und der Realität für das Leben freimachen.

4. Die Kehrseite der eben besprochenen Tendenz bildet die  Vernachlässigung und relative Geringschätzung des Intellekts,  des Verstandes, des Denkens und ihrer Leistungen. Die englische Philosophie hatte schon im 18. Jahrhundert alle Gedanken auf Gegebenheiten in der Erfahrung zurückzuführen gesucht. Unsere Begriffe haben hiernach nur insofern einen positiven Gehalt, als sie sich auf Tatsachen der inneren oder äußeren Wahrnehmung beziehen lassen. KANT hatte sich sodann in seiner Weise dieser Lehre angeschlossen, indem er Begriffe ohne Anschauung leer nannte und eine Erkenntnis nur von Gegenständen einer möglichen Erfahrung als berechtigt ansah. Damit war die Selbständigkeit des Denkens für die Wissenschaft trotz aller Apriorität seiner Formen bereits erheblich eingeschränkt worden. Wenn sich nun gar herausstellen sollte, daß der Verstand die Wirklichkeit des Gegebenen gar nicht in sich aufzunehmen und in adäquaten Begriffen zu fixieren vermochte, mußte sein Wert für die Wissenschaft auf die niedere Stufe eines unvollkommenen Darstellungsmittels herabsinken. Schon ein Mystiker, wie HAMANN, hatte die Unzulänglichkeit aller Begriffe für die Erfassung der Wirklichkeit behauptet, und so ist es auch jetzt wieder üblich, den Leistungen des Verstandes zu mißtrauen und ihnen eine untergeordnete Stellung in der Rangordnung der wissenschaftlichen Bedürfnisse und Ergebnisse einzuräumen. Es wird ihnen die Fähigkeit abgesprochen, die Tatsachen, das  A  und  O  aller Erkenntnis, ungeschmälert und ungetrübt zum Ausdruck zu bringen. Sie abstrahieren von wesentlichen Momenten und Bestandteilen der Erfahrung, sie trennen Zusammengehöriges, verfestigen den schöpferischen Fluß des Geschehens zu starren Leblosigkeiten und Gleichförmigkeiten. Höchstens eine praktische Bedeutung kann ihnen zugestanden werden, insofern sie bestimmte Geschehnisse voraussehen und berechnen lassen.

Auch in der modernen Psychologie wußte man mit dem Denken zunächst nichts anzufangen. Die Assoziationslehre erblickte darin einen nach den Gesetzen des mechanischen Vorstellungsverlaufs sich vollziehenden Vorgang und bestritt das Vorhandensein unanschaulicher Gegebenheiten neben den Vorstellungsbildern. Weder die Struktur noch die Dynamik des Denkens schienen besondere Eigentümlichkeiten darzubieten. Dann aber durfte man ihm auch nicht Leistungen von besonderem Wert zuerkennen und zutrauen, die nicht von beliebigen Vorstellungen und deren automatischer Verknüpfung ebensogut vollbracht werden konnten. War von erkenntnistheoretischer Seite die selbständige Bedeutung der gedanklichen Ergebnisse bestritten worden, so wurde hier von naturwissenschaftlich gerichteten Psychologen alle Eigentümlichkeit des Denkens als eines Bewußtseinsvorgangs aufgehoben. Beides mußte die Gegnerschaft gegen die Realisierung unterstützen. Denn diese steht und fällt als Forschungsverfahren mit der Anerkennung einer selbständigen Funktion des Denkens. Ein wahrhaft Seiendes, das nicht in der Wirklichkeit des Bewußtseins schlicht gefunden werden kann, sondern aus ihr auf mehr oder weniger umständlichen Wegen erst herausgearbeitet werden muß, läßt sich nur denken, nicht als Empfindung oder Vorstellung unmittelbar erleben. Atome und Moleküle, positive und negative Elektrizität, Massen und Energien, historische Persönlichkeiten und Ereignisse, Charaktere und Talente, die chemischen Elemente und ihre Verbindungen, die Weltkörper und die Lebensprozesse sind nie und nimmer Bewußtseinsinhalte. Alle Prädikationen, welche die Wissenschaft in reicher Fülle über solche Gegenstände fällt, werden sinnlos, sobald wir Empfindungen oder Vorstellungen für sie einzusetzen versuchen (30). Aber wir sind auch weit davon entfernt, unsere  wahrnehmbare  körperliche Umgebung, die Stadt, in der wir leben, die Berge und Bäume, die wir sehen, die Menschen, mit denen wir verkehren, für  bloße  Sinneseindrücke zu halten. Wir schreiben ihnen Existenz zu, auch wenn sie nicht in unserem Bewußtsein repräsentiert sind, ja wir legen ihnen Eigenschaften bei, die wir selbst an ihnen nicht erleben und vielleicht nicht einmal erleben können. Wir scheuen uns nicht, Länder und Weltteile, Völker und Personen als bestehend anzuerkennen, von denen wir überhaupt keine unmittelbare Erfahrung gewinnen. Damit all das für uns vorhanden ist, bedarf es aber des Denkens als einer Funktion, die sich auch solche Gegenstände zu vergegenwärtigen vermag. So muß die Geringschätzung des Intellekts, die Verständnislosigkeit für die Eigentümlichkeit seiner Betätigungen und Gegenstände zu einer gegen die Realisierung gerichteten Handlung führen.

Soweit es sich auch hier um eine bloße Tendenz handelt, werden wir diese Beurteilung des Denkens nicht zu schwer zu nehmen brauchen. Es versteht sich von selbst, daß die Entdeckung neuer Tatsachen von grundlegender Bedeutung die Erfahrung, in der sie sich vollzog, in besonders hellem Licht erstrahlen läßt, und daß erst das Bedürfnis nach theoretischer Bewältigung des neugefundenen Materials wieder die Gedankenarbeit zu Ehren bringt. Dieser Wechsel in der von rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten unabhängigen Bewertung des Verstandes und seiner Funktionen kann die theoretische Unentbehrlichkeit der Gedanken in jeder Phase wissenschaftlicher Forschung und Darstellung nicht berühren. Seit dem neuen Jahrhundert ist auch die Psychologie wieder bemüht, der Denktätigkeit und den Gedanken die volle Daseinsberechtigung zu erkämpfen. Die Mosaikstruktur des Seelenlebens und der Automatismus seiner Inhalte erweisen sich immer mehr als Ergebnisse unzureichender und einseitiger Versuche, den Reichtum der psychischen Erlebnisse einzufangen und auszudrücken (31).

5. Eine fünfte anti-realistische Tendenz hängt mit dem  Apriorismus  und  Idealismus  der modernen Erkenntnistheorie zusammen. Diese Richtung bereitete sich schon im Altertum durch die Einsicht vor, daß unsere Wahrnehmung mit subjektiven Elementen durchsetzt ist und daher keinen Anspruch erheben darf, die realen Beschaffenheiten der Objekte erfassen zu können. Das Prinzip der Subjektivität der Sinnesqualitäten, das schon von DEMOKRIT formuliert worden ist, bildete die Vorstufe dieses Apriorismus und Idealismus. Aber auch die sogenannten primären Qualitäten der Körper, ihre räumlichen, zeitlichen und dynamischen Beschaffenheiten wurden bald von dem gleichen Gesichtspunkt getroffen, und als vollends Kausalität und Substanz, Zahl und Realität, Möglichkeit und Notwendigkeit ebenfalls als Bestimmungen a priori erschienen und dem erkennende Geist einverleibt wurden, konnten Apriorismus und Idealismus für die Gesamtheit der Erfahrungswissenschaft als alleingültige Theorie der Erkenntnis proklamiert werden. Ob man dabei die Formen der Anschauung und des Denkens psychologisch oder transzendental auffaßt, ist für die anti-realistische Tendenz dieser Lehre unwesentlich. In jedem Fall trat das erkennende Subjekt nicht voraussetzungslos, nicht als ein leeres Gefäß, sondern a priori bestimmend und gesetzgebend an die Gegenstände heran. Auch gab es nach dieser Lehre keinen Weg, sich von der Wirksamkeit dieser Formen zu befreien und zur reinen Erfassung der Objekte ansich zu gelangen.

Eine besondere Unterstützung fand diese Tendenz durch den Wert, den das erkennende Subjekt dadurch für die Wissenschaft gewann. Wenn wir selbst die Wissenschaftliche Erkenntnis schaffen, den Gegenständen ihre Gesetze vorschreiben und unsere Begriffe und Grundsätze als ordnende Gesichtspunkte in das Chaos der Erfahrungen hineintragen, dann erhalten wir eine Superiorität über die Gegenstände, dann geht ein idealer Zug eigenen Findens, Gestaltens und Wirkens durch unsere Forschung und Erkenntnis. Damit schien der Primat der praktischen Vernunft mit seiner Autonomie des Gewissens auch in die wissenschaftliche Tätigkeit einzudringen und der Idealismus des Wollens und der Sittlichkeit seinen verklärenden Schimmer auch über das theoretische Verhalten zu breiten. Wir gehorchen unseren eigenen, von uns selbst aufgestellten und anerkannten Gesetzen, wenn wir uns für das Gute entscheiden und wenn wir der Wahrheit dienen. Zugleich wurde die Wissenschaft mit dieser Auffassung in eine enge verwandtschaftliche Beziehung zur künstlerischen Produktion gebracht. Auch sie war ein Schaffen nach eigenen Normen geworden, auch sie richtete sich nicht einfach nach einer vorbildlichen Erfahrung, die sie bloß zu kopieren hätte, auch ihre Werke beanspruhten als selbständige Leistungen des menschlichen Geistes gewürdigt zu werden. So trat neben das Gute und Schöne das Wahre als ein Wert gleichen Ursprungs und prinzipiell gleicher Bedeutung. Schließlich konnte auf diesem Weg ein Einheitsbedürfnis der menschlichen Vernunft, das schon für so viele Monismen hat herhalten müssen, in der Erkenntnistheorie befriedigt werden. Die Kluft zwischen Ideal- und Realwissenschaften mußte sich schließen, wenn es gelang, alle Wissenschaft auf die Wirksamkeit apriorischer Funktionen und damit auf den Typus der Idealwissenschaft zurückzuführen.

So richtig es unzweifelhaft ist, daß unser Interesse zunächst an den Objekten haftet und nur zu leicht geneigt ist, alle Gegebenheiten der Wahrnehmung und des Denkens zu objektivieren, so ist doch in dem hier geschilderten Apriorismus und Idealismus die Besinnung auf den Anteil des Subjekts an den Bestimmungen über die Gegenstände auch bereits über die zulässigen Grenzen hinausgegangen. Diese Auffassung nimmt dem Erkennen überhaupt die adäquate Beziehbarkeit auf die Gegenstände. Wenn alle realen Objekte durch Formen als autonome Bestimmtheiten des Anschauens und Denkens aufgefaßt werden müssen und allein in dieser Weise zu Objekten für uns werden können, so gibt es nur noch ein Erzeugen von Gegenständen, nicht aber ein Erfassen dessen, was sie ansich sind und enthalten. Dann werden in der Tat die Realitäten, von denen die Realwissenschaften handeln, unsere Produkte, gleich den idealen Objekten der Idealwissenschaften. Wie das Kunst werk auch bei einer Darstellung von Naturobjekten ein Neues neben und verschieden von ihnen ist, so werden auch die erkannten Gegenstände in freilich nicht angebbarer Weise von den zu erkennenden abweichen und einen in sich selbst ruhenden Wert bilden. Die Richtung auf ein wahrhaft Seiendes und Gewesenes ist dabei im Grunde ziellos geworden. Daß diese Ansicht, die durch den Parallelismus mit dem sittlichen Wollen und dem künstlerischen Schaffen besonders empfohlen wird, eine Realitätsbestimmung im Sinne der Einzelwissenschaften und einer sie ergänzenden Metaphysik ausschließt, liegt auf der Hand.

Es ist hier nicht der Ort, sich mit den erkenntnistheoretischen Richtungen des Apriorismus und Idealismus in wissenschaftlicher Weise auseinanderzusetzen, dagegen möchten wir bei aller Anerkennung des großen Werts, den eine Aktivität und Spontaneität des Geistes für viele Betätigungen und Zwecke desselben besitzt, darauf hinweisen, daß auch eine reine Einstellung auf einen von uns selbst verschiedenen Gegenstand, eine Selbstentäußerung in der Erforschung vorgefundener Tatsachen, ein volles Gerichtetsein auf einen Sachverhalt und seine Eigentümlichkeiten des Wertes nicht entbehrt. Damit ist selbstverständlich nichts über die Richtigkeit jener erkenntnistheoretischen Ansichten entschieden. Aber wenn es darauf ankommt, die stolze Autonomie des erkennenden Subjekts zu preisen und dadurch gegen den Realismus Stimmung zu machen, wird der Gedanke an den besonderen Wert eines rein objektiv orientierten Verhaltens geeignet sein, das voreilige Herabsinken der Waagschale zugunsten einer aprioristisch-idealistischen Betrachtungsweise zu verhindern. Die Stimmung, welche die großen Metaphysiker des 17. Jahrhunderts und die großen Naturforscher jener Zeit erfüllte, wird sicherlich besser getroffen, wenn wir sie uns als Wesen denken, die das vor ihnen aufgeschlagene Buch der Natur und des Weltalls mit ganz dem Inhalt zugewandten Sinn und Geist zu lesen und zu verstehen suchen und sich mit Andacht in die Geheimnisse, die sie erschließen wollen, vertiefen, als wenn wir in ihnen Forscher erblicken, die mit selbstgeschaffenen Gegenständen in selbstgenügsamer Produktivität schalten und walten.

6. In einem engen Zusammenhang mit der zuletzt geschilderten Tendenz steht eine sechste, ganz praktisch gerichtete und motivierte, die eine  Befreiung von einem Zwang der Dinge  erstrebt und alle menschlichen Ziele zum  eigenen persönlichen Leben  in eine untergeordnete Beziehung bringt. Sind die objektiven Beschaffenheiten, die wir in der Wissenschaft zu ermitteln und zu beschreiben suchen, tatsächlich nur die Ergebnisse eigenen Schaffens, so haben wir keine Veranlassung, uns durch sie bedrängt und bedrückt zu fühlen. Sind wir selbst die Quellen der Naturgesetze, so stehen wir über und nicht unter ihnen. Die innere Freiheit, dieses höchste Gut der autonomen Persönlichkeit, kann uns nicht durch eine Welt verkümmert und eingeschränkt werden, die wir selbst erbaut und eingerichtet haben. Mit besonderer Kunst und Eindringlichkeit hat SIMMEL diesen Gesichtspunkt für die Geschichtswissenschaft zur Geltung gebracht. Indem er das a priori des geschichtlichen Erkennens nachzuweisen unternimmt, glaubt er eine Freiheit von der Geschichte und ihrem Zwang, namentlich von der Gattungserbschaft begründen zu können. Wird die Geschichte von den dem erkennenden Geist eigenen Kategorien souverän geformt, so hat der Geist dem Strom des Werdens selbst seine Ufer und seinen Wellenrhythmus vorgezeichnet. So bedeutet der Apriorismus zugleich eine Befreiung von der Gebundenheit durch Natur und Geschichte. Die Last der Vergangenheit braucht denjenigen nicht mehr zu drücken, der in ihr eine Konstruktion eigener Forschertätigkeit zu erblicken vermag, und die Natur ist keine finstere, drohende Macht mehr für den, der seie selbst erst geformt und damit erkannt hat.

Ebenso abträglich für den Realismus ist die individualistische Tendenz unserer Tage, die andere Seite der hier erwähnten praktischen Richtung. Aus einer sehr begreiflichen Opposition gegen die Vereinheitlicung und Angleichung aller Personen zu bloßen Exemplaren einer Gemeinschaft, eines Standes oder Berufs hervorgegangen, hat sie sich zu einer Gefahr für die Erüllung derjenigen Aufgaben entwickelt, welche Selbstlosigkeit, volle Hingabe an die Sache und den Ausschluß subjektivistischer Neigungen und Auffassungen fordern. Einst hieß es: wer sein Leben verliert, d. h. in den Dienst einer großen Aufgabe stellt, wird es gewinnen. Jetzt wird die Pflege des persönlichen Lebens zum selbständigen und letzten Ziel erhoben. Diese Betonung des eigenen Wertes, diese Hervorkehrung individueller Gesichtspunkte, diese Richtung auf Selbstbetrachtung, Selbsterziehung und Selbsterhöhung, diese Versenkung in den Schatz seines Innenlebens und dieses Achten auf die geheimsten Regungen, Wünsche, Hoffnungen und Schicksale es eigenen ansich so bedeutungslosen Ich sind von der Stimmung weit entfernt, die wissenschaftliche Arbeit und erkenntnistheoretische Besinnung vorauszusetzen und zu erzeugen pflegen. Dem Auge, das auf wahrhaft Seiendes eingestellt ist, taugt und geziemt es nicht, sich auf sich selbst zurückzuwenden und sich zum Zielpunkt seines Schauens und des Lichts, das es empfängt, zu machen. Wer unverlierbar höchste Werte in seinem armseligen Selbst zu suchen oder zu verwirklichen geneigt ist, wird keinen unbefangenen Sinn für die nur in einer Selbstentäußerung gedeihende Realisierung haben.

Immerhin könnte zumindest die Selbsterkenntnis, die psychologische Realisierung auf diesem Weg angebahnt werden. Nur würde sie sich auf gewisse Seiten der eigenen Persönlichkeit beschränken und ohne Leitung durch das wissenschaftliche Kriterium der psychologischen Realisierung einen zweifelhaften Gewinn für diese bedeuten. Im Großen und Ganzen aber scheint uns diese individualistische Tendenz eine letzte vergebliche Reaktion gegen den Anbruch einer neuen Lebensanschauung zu sein, die sich unaufhaltsam infolge des Wachstums der Anforderungen an unsere Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten vordrängt. Der Einzelne ist zu einem Rädchen im ungeheuren Getriebe einer Maschine geworden, deren letzten Sinn und Zweck er nicht kennt. Nicht auf die Pflege seiner Persönlichkeit, sondern auf die seiner Leistungsfähigkeit kommt es an. Unser Wert bestimmt sich nicht nach dem, was wir fühlen und hoffen, sondern nach dem, was wir sollen und tun. Ebensowenig dürfte sich die praktische Folgerung aus dem Apriorismus als haltbar erweisen. Die Natur und die Vergangenheit überwinden wir nicht durch die Einsicht in das apriorische Wesen unserer Erkenntnis, sondern durch den unablässigen Widerstand gegen die Gefahren, die sie in sich bergen. Die bitter-ernsten Konsequenzen, die in kühnes Sich-hinweg-setzen über ihre nur zu realen Einflüsse für den Aprioristen mit sich bringen würde, lassen das geistreich anmutige Spiel mit der Befreiung von Natur und Geschichte als ein solches durchschauen und nicht als eine ernst zu nehmende Theorie der Erkenntnis und des wirklichen Verhaltens beurteilen.

7. Eine weitere anti-realistische Tendenz ist durch das Aufkommen und die großartige  Entwicklung der Geisteswissenschaften  begünstigt worden. Zwischen ihnen und den Naturwissenschaften schien ein Unterschied zu bestehen, wie zwischen Wirklichkeit und Abstraktion, zwischen individueller Tatsache und Generalisierung. Dort die vollen konkreten Personen und Ereignisse in Vergangenheit und Gegenwart, der ganze Mensch, ein ganzes Verhalten desselben, die ganze menschliche Gemeinschaft, hier ein Herausgreifen einzelner Seiten, ein Verallgemeinern und Entindividualisieren. Kunst und Religion, Staat und Recht, Gesellschaft und Sprache waren individuelle Wirklichkeiten, deren Wert gerade in ihrer Besonderheit, in ihrer begrifflich nicht zu erschöpfenden Vielgestaltigkeit bestand. Der Reiz des Einmaligen haftete an den Gegenständen der Geisteswissenschaften im Unterschied von der gesetzlichen Wiederholbarkeit der Naturerscheinungen. Ihre Bedeutung konnte nicht begriffen werden, wenn sie nur als Anwendungsfälle einer allgemeinen Regel und Gesetzmäßigkeit betrachtet wurden. So konnten die Geisteswissenschaften als die eigentlichen Wirklichkeitswissenschaften gelten und damit dem Realisierungsverfahren gänzlich entzogen scheinen, wie es in den Naturwissenschaft geübt wurde. Nur in ihnen meinte man die konkreten Einzeltatsachen als solche erfaßt und geachtet zu sehen. Hier schien das unmittelbare Gegebensein ohne begriffliche Verdünnung und Abschwächung zur vollen Geltung zu kommen, hier das geleistet zu werden, was nächste und wichtigste Aufgabe menschlicher Forschung genannt werden durfte, die Erkenntnis der lebendigen Individualität. Freilich mußte auch hier eine Auslese vollzogen werden, aber diese brauchte sich nicht auf eine Vernachlässigung der vollen Erfahrung zugunsten eines Gesetze suchenden Erkennens zu stützen, sondern benutzte dazu die in den Einzeltatsachen selbst sich ausprägenden, auf allgemeine Kulturzwecke hinweisenden Wertunterschiede. Man brauchte hier deshalb den Zufälligkeiten der konkreten Gestaltung nicht aus dem Weg zu gehen, man suchte sie nicht zu eliminieren, sondern man trug ihnen, sofern sie wesentliche Bestandteile einer Wirklichkeit waren, ausdrücklich Rechnung. So knüpfte sich an das Verfahren der Geisteswissenschaften eine anti-realistische Tendenz, die mit der naturwissenschaftlichen Realisierung alle Realisierung ausgeschlossen zu haben glaubte.

Wenn irgendwo, so zeigt sich an dieser Tendenz, wohin die einseitige Identifikation des Problems der Realität mit dem der Außenwelt geführt hat. Die Realisierung erhielt bei dieser Verengung der Auffassung den ihr ansich gar nicht eignenden Charakter einer Entwirklichung, einer schematischen Konstruktion, der Herstellung einer leeren Form, aus der das warme, pulsierende Leben ausgetrieben war. Man übersah, daß auch in den Geisteswissenschaften allenthalben Realitäten gesetzt und bestimmt werden, daß auch hier das anschaulich gegebene empirische Material und die daraus gewonnenen Bestimmungen über den Menschen und sein Verhalten, über die Kulturgüter, die es hervorbringt, über die geschichtliche Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und der Völker zweierlei sind, und daß es daher hier ebenso eine für das Bewußtsein bestehende Wirklichkeit und eine davon verschiedene Realität gibt, wie für die Naturwissenschaft. Nicht minder wurde dabei das Verfahren der letzteren verkannt. Auch sie will eine Wirklichkeit verstehen lehren. Nicht das Allgemeine ist schlechthin ihr Ziel, sondern ein in der Wirklichkeit selbst anzutreffender Sachverhalt. zur reinen Abstraktion, zum Begriff, zur Entfernung von dieser Wirklichkeit werden die Ergebnisse der Naturwissenschaft nur für den idealistischen Erkenntnistheoretiker, der die realistische Tendenz aller Naturwissenschaft geflissentlich übersieht.

8. Eine letzte anti-realistische Tendenz ergibt sich daraus, daß eine  andere Art von Realisierung,  als die in den Realwissenschaften geübte Form derselben, vorgezogen und empfohlen wird. Unausrottbar wurzelt in der Philosophie aller Zeiten die Neigung zu einem besonderen Königsweg, der in das eigentliche und tiefste Wesen alles Seienden hineinzuführen vermag. Nicht auf der umständlichen Straße sinnlicher Erfahrung und wissenschaftlichen Denkens kann man nach dieser Auffassung zur höchsten Erkenntnis der Welt vordringen, sondern nur auf einem Geheimpfad, den nur wenige begnadete Geister kennen und auch sie nur selten zu betreten imstande sind. Ein unmittelbares Erleben, das sich zur ekstatischen Entrücktheit steigern kann, ein übersinnliches Schauen, eine volle Versenkung in Offenbarungen aus einer anderen Welt, ein Lauschen auf innere Stimmen, das etwa sind die Mittel, welche eine mystische Metaphysik für die Einsicht in das Reale bereithält und anwendet. Diese Methode scheint sich zugleich von der unmittelbar gewissen Wirklichkeit des Bewußtseins nicht erheblich zu entfernen. Denn zu einer solchen muß werden, was sich dem Mystiker soll erschließen können. Im übrigen wird auch hier die vollste Unbefangenheit, die Ausschaltung aller Voraussetzungen, Gesichtspunkte und Vorurteile, eine reine Selbstlosigkeit und ein konzentriertes Gerichtetsein auf das Wesen der Dinge als eine günstige Disposition für das Eintreten der erwarteten Aufschlüsse angesehen. Es gilt, wie BERGSON sagt, die Erfahrung an ihrer Quelle aufzusuchen und sich damit in die Verfassung einer reinen Intuition zu bringen. Dazu ist freilich eine schmerzliche Anstrengung des Willens erforderlich, die nur wenige Menschen üben können.

Durch diese Lehre wird der Realismus der Wissenschaft zu einem Irrealismus. Der Mystiker verzichtet nicht auf eine Realisierung, aber er sucht sie in einer ganz anderen Form auszuführen, als die mit den kärglichen und bedenklichen Mitteln des Verstandes ihre Objekte setzende und bestimmende Erfahrungswissenschaft. Der Realismus der mystischen Metaphysik wird durch den Herzschlag des Erlebens und eine instinktive Erfassung der Wirklichkeit zum glücklichen Erfolg seltener Stunden. Was kein Verstand der Verständigen sieht, das wird der intuitiven Versenkung in genialen Erleuchtungen beschert. Eine regelrechte Diskussion dieses Realismus der Mystik ist nicht wohl möglich. Dazu fehlt es dem hier geübten Verfahren an der Nachkonstruierbarkeit, der bewährten Grundlage aller Prüfung und Beurteilung. Soviele Berührungspunkte mit dem wissenschaftlichen Realismus auch bestehen mögen, so sind doch das Ziel und die Methode zu verschieden von denen der Mystik, als daß eine wirkliche Verständigung möglich wäre. Damit soll nicht bestritten werden, daß die Ergebnisse einer intuitiven Versenkung in die Gegenstände gelegentlich Entdeckungen sein können, die auch der späteren Beobachtung gewöhnlicher Sterblicher zugänglich werden. Aber ein lehrbares und zuverlässiges Realisierungsverfahren ist damit ebensowenig gewonnen, wie eine Sicherheit darüber, welche Bedeutung die erschauten Wesenheiten eigentlich haben.

Die Aufführung und Besprechung all dieser anti-realistischen Tendenzen soll und wird die genauere Untersuchung über die Berechtigung der gegen die Realisierung geltend zu machenden Argumente nicht ersetzen. Aber wir wollten nicht verfehlen, auch auf die unsichtbaren und unformulierten Bedingungen und Zusammenhänge hinzuweisen, die oft stärker als logisch zureichende Gründe die Annahme oder Ablehnung einer philosophischen Lehre bestimmen. Wir wollten damit zugleich eine Erklärung dafür erbringen, daß das auf den ersten Seiten aufgestellte Programm unserer Arbeit noch keinen Versuch einer einigermaßen vollständigen Behandlung erfahren hat. Die transzendentale Methode ist auf die besonderen Wege und Ziele der Realwissenschaften noch kaum angewandt worden. Möge es den folgenden Bemühungen gelingen, darin einen Wandel hervorzubringen und zu einem fruchtbaren Sammelplatz erkenntnistheoretischer Einzelarbeit zu machen, was bisher ein herrenloses und wenig beachtetes Gebiet war!
LITERATUR - Oswald Külpe, Die Realisierung, Bd. 1, Leipzig 1912
    Anmerkungen
    17) Wenn man z. B. mit KANT das "Wesen" als das erste innere Prinzip der Möglichkeit eines Dings ansieht und somit als wesentliche Eigenschaft desselben eine dazu gehörige auffaßt, so ist das ein Gesichtspunkt, der das Verhältnis zu einer Bezeichnung gar nicht berührt.
    18) In der Logik wird vielfach nur diese Art der Definition berücksichtigt, so namentlich in der mathematischen Logik. Vgl. z. B. COUTURAT in der "Enzykopädie der philosophischen Wissenschaften", Bd. 1, Logik, Seite 183f.
    19) Die sorgfältige Untersuchung dieses Forschers, die weiter unten zitiert wird, geht auf den hier gemeinten  spezifischen  Begriff der objektiven Möglichkeit, die mit der realen nicht zusammenfällt und das Genus für sie ist, in einer gründlichen Bedeutungsanalyse ein. Dabei gelangt auch GALLINGER zu einer anderen Bestimung für den Umkreis dessen, was er als das möglich-Sein bezeichnet, als der Angabe der Logik über die Möglichkeit von Begriffen, indem er es als ein "sachlich partiell-motiviert-Sein" charakterisiert. Es wird damit der Einsicht Rechnung getragen, daß es eine im strengen Sinne so zu nennende objektive Möglichkeit nicht gibt. Die Kehrseite, die logische Möglichkeit, behandelt HANS PICHLER in seiner scharfsinnigen Schrift "Möglichkeit und Widerspruchslosigkeit", 1912. Im Anschluß an LEIBNIZ wird hier die Widerspruchslosigkeit mit Einschränkungen, auf die wir hier nicht einzugehen brauchen, als Kriterium der logischen Möglichkeit beibehalten.
    20) Die Abhandlungen von RIEHL und von KRIES erschienen im selben Jahr in der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 16, 1892
    21) HUME, Abhandlungen über die menschliche Natur, Bd. 1, deutsch von THEODOR LIPPS, 1896, Seite 129f
    22) JOHN STUART MILL, System der deduktiven und induktiven Logik, deutsch von SCHIEL, zweite Auflage 1862, Seite 27
    23) Nach JOSEPH GEYSER, Grundlagen der Logik und Erkenntnislehre, 1909, Seite 34f, ist die "Unterscheidung von  intentio prima  (Intention auf einen realen Gegenstand) und  intentio secunda  (Intention auf einen Begriff als solchen) der neueren scholastischen Logik ... ganz geläufig." Daß der Unterschied von Begriff und Objekt auch psychologisch zur Geltung kommt, haben HENRY J. WATT (Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. IV, Seite 289f) und AUGUST MESSER (a. a. O., Bd. VIII, Seite 148f) nachgewiesen. WATT hat ihn nicht ausdrücklich hervorgehoben, aber er liegt seiner ganzen Arbeit zugrunde und läßt sich aus den Tabellen erkennen. Man kann freilich auch ein ganzes Buch über "das Wesen des Begriffs und des Begreifens" durchsehen, ohne auf diesen Unterschied zu stoßen.
    24) Auf eine genauere Gliederung der Idealwissenschaften, wie sie von STUMPF in seiner inhaltsreichen a. a. O. zitierten Abhandlung "Zur Einteilung der Wissenschaften" durchgeführt ist, brauchen wir hier nicht einzugehen.
    25) Vgl. meine "Einleitung in die Philosophie", fünfte Auflage, Seite 150
    26) Vgl. SEXTUS EMPIRICUS, Pyrrhoneae inst. 2, 7. 10.
    27) Vgl. meine Ausführungen in "Immanuel Kant", dritte Auflage 1912.
    28) Vgl. meine "Einleitung in die Philosophie", fünfte Auflage, Seite 29f und "Die Philosophie der Gegenwart in Deutschland", fünfte Auflage, Seite 129f.
    29) Aus dieser Tendenz heraus wird auch die BERGSON'sche Philosophie verständlich. Vgl. RICHARD KRONER im  Logos,  Bd. 1, Seite 138
    30) Vgl. meine Schrift "Erkenntnistheorie und Naturwissenschaft, 1910, Seite 20f.
    31) Vgl. meinen Vortrag "Über die moderne Psychologie des Denkens", Internationale Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik, 6. Jahrgang, 1912, Seite 1070 - 1110.