p-4p-4J. BergmannT. K. OesterreichA. DrewsM. SchelerA. Storch    
 
THEODOR LIPPS
Das Selbstbewußtsein
[- Empfindung und Gefühl - ]
[1/2]

"Es hat ebensowenig Sinn, die Wärme der Anteilnahme im Körper zu suchen, als es Sinn hat, die Wärme im Sinne eines Temperaturgrades neben die Heiterkeit, die Gekränktheit, die Gewißheit zu stellen, und diese Wärme eben  dem  Ich als Bestimmung zuzuweisen, das ich als heiter oder gekränkt oder einer Sache gewiß fühle. Die Heiterkeit fühle ich, die körperliche Ermüdung empfinde ich in unmittelbar in den Muskeln. Die Dummheit aber oder die musikalische Begabtheit fühle ich weder, noch sehe, noch empfinde ich sie. Und so fühle ich weder, noch sehe, noch empfinde ich das Ich, dem diese Eigenschaften zukommen. Die Begabtheit oder Dummheit, und demnach das begabte oder dumme Ich, ist nicht etwas unmittelbar Erlebtes oder Erlebbares, sondern etwas  Erschlossenes,  zum unmittelbar Erlebten  Hinzugedachtes.  Ich kann sehr dumm sein, ohne davon ein Bewußtsein zu haben: es wäre sogar ein Zeichen von Klugheit, wenn ich dieses Bewußtsein hätte."


1. Verschiedener Sinn des "Ich"

Was meine ich, wenn ich sage "Ich"? Auf diese Frage läßt sich zunächst  eine  Antwort mit voller Bestimmtheit geben: Ich meine mit dem fraglichen Wort nicht immer dasselbe. Der Begriff des Ich ist mehrdeutig.

"Ich bin bestaubt", so sage ich, auch wenn nichts bestaubt ist als meine Kleider und Schune. Hier ist also das "Ich" das Kleider-Ich.

Ein andermal sage ich: Ich fühle "mich" gekränkt, heiter gestiimmt, einer Sache sicher oder gewiß. Mit diesem gekränkten, heiteren Ich ist zweifellos  nicht  das Kleider-Ich gemeint. Das Kleider-Ich nehme ich sinnlich wahr. Nicht so das gekränkte oder heitere Ich. Dieses  fühle  ich, ich  habe  es im  Gefühl:  Indem ich die Gekränktheit oder Heiterkeit fühle, fühle ich  mich,  nämlich eben gekränkt oder heiter.

Wiederum ein andermal sage ich: Ich bin hungrig, warm, frisch gewaschen, müde usw. Dieses Ich ist also das Körper-Ich. Dasselbe steht dem Kleider-Ich nahe: oder richtiger: Das Kleider-Ich steht ihm nahe. Es steht ihm so nahe, wie die Kleidung dem Körper nahe steht. Dennoch ist zwischen beiden ein Unterschied.

Noch weniger ist das Körper-Ich jenes in der Heiterkeit, Gekränktheit, Gewißheit gefühlte Ich, oder jenes Gefühls-Ich. Gewiß kann ich mich auch "müde"  fühlen  und dabei dasselbe Ich im Auge haben, das ich meine, wenn ich sage, daß ich mich heiter fühle. Aber dann ist mit der Müdigkeit etwas anderes gemeint. Ich fühle mich einer Sache "müde", d. h. ich fühle mich derselben  überdrüssig.  Die Müdigkeit im ersten Sinn des Wortes ist, wie gesagt, eine körperliche Müdigkeit. Ich finde sie in den Muskeln, sie wird in den Muskeln, also im Körper, von mir sinnlich wahrgenommen. So ist überhaupt das Körper-Ich, ebenso wie das Kleider-Ich, Gegenstand der sinnlichen Wahrnehmung. Dagegen finde ich die Müdigkeit im zweiten Sinne des Wortes nicht in den Muskeln. Sie wird weder hier noch anderswo von mir sinnlich wahrgenommen. Sie wird nur "gefühlt". Es leuchtet jedermann ein, die Müdigkeit, d. h. den Überdruß, irgendwo im Körper zu suchen, also dem Körper-Ich das Merkmal zuzuschreiben. Das hat ebensowenig Sinn, als es umgekehrt Sinn hat, die Muskelmüdigkeit in demjenigen Ich zu suchen, oder als Merkmal desjenigen Ich zu bezeichnen, das ich meine, wenn ich sage, daß ich mich heiter oder gekränkt oder einer Sache gewiß fühle.

Ein anderes Beispiel dieses Gegensatzes: Neben der Wärme des Körpers steht die innerliche Wärme. Ich fühle mich innerlich erwärmt durch eine edle Handlung, eine sympathische Persönlichkeit oder durch den Anblick einer Farbe. Die Farbe bezeichne ich dann auch wohl selbst als warm. Niemand verwechselt hier diese innerliche Wärme, d. h. die Wärme des Gefühls oder der gefühlsmäßigen Anteilnahme mit der Körperwärme. Dann kann auch niemand das Körper-Ich, dem die körperliche Wärme zukommt, verwechseln mit dem Ich, das ich erwärmt, d. h. anteilnehmend oder sympathisch angemutet fühle. Wieder müssen wir sagen: Es hat ebensowenig Sinn, die Wärme der Anteilnahme im Körper zu suchen, als es Sinn hat, die Wärme im Sinne eines Temperaturgrades neben die Heiterkeit, die Gekränktheit, die Gewißheit zu stellen, und diese Wärme eben  dem  Ich als Bestimmung zuzuweisen, das ich als heiter oder gekränkt oder einer Sache gewiß fühle.

Endlich sage ich auch: Ich bin sterblich oder unsterblich: oder: Ich bin musikalisch begabt, dumm, vergeßlich etc. Die Heiterkeit fühle ich, die Bestaubtheit sehe ich, die körperliche Ermüdung empfinde ich in unmittelbar in den Muskeln. Die Dummheit aber oder die musikalische Begabtheit fühle ich weder, noch sehe, noch empfinde ich sie. Und so fühle ich weder, noch sehe, noch empfinde ich das Ich, dem diese Eigenschaften zukommen. Die Begabtheit oder Dummheit, und demnach das begabte oder dumme Ich, ist nicht etwas unmittelbar Erlebtes oder Erlebbares, sondern etwas  Erschlossenes,  zum unmittelbar Erlebten  Hinzugedachtes.  Ich kann sehr dumm sein, ohne davon ein Bewußtsein zu haben: es wäre sogar ein Zeichen von Klugheit, wenn ich dieses Bewußtsein hätte. Und musikalische Begabung ist dem Kind angeboren. Sie ist also da, ehe sie zu Bewußtsein kommt. Freilich weiß ich von der Dummheit oder Begabung nur aufgrund von Bewußtseinserscheinungen: Der musikalisch Begabte verhält sich anders, als der musikalisch Unbegabte. Aber die Begabung  besteht  darum doch nicht in solchen, bei Gelegenheit auftretenden Bewußtseinserlebnissen, sondern sie ist das immer Vorhandene, das diese Bewußtseinserlebnisse möglich macht oder  begründet.  Sie ist, ansich betrachtet, die "psychische"  Konstitution, Struktur, Organisiertheit,  worauf jene Bewußtseinserlebnisse  beruhen. 

Damit ist zugleich gesagt, worin das Ich, von dem hier die Rede ist, besteht. Es ist die Psyche, wobei vollständig dahingestellt bleibt, ob die Psyche etwas vom Gehirn Verschiedenes oder damit ein und dieselbe Sache ist. Im letzteren Fall ist das fragliche Ich eben das Gehirn. Ich bin mit diesen oder jenen natürlichen Fähigkeiten ausgerüstet, dies heißt dann: Das Gehirn ist damit ausgerüstet. Unterlassen wir schließlich nicht nur jede nähere Bestimmung, sondern auch jede besondere  Benennung  dieses Ich, so bleibt übrig, daß es das den Bewußtseinserlebnissen zugrunde gelegte und zwar unmittelbar zugrunde gelegte Reale ist. Dies erkennen wir ausdrücklich an, indem wir es als das reale Ich bezeichnen. Sein Gegensatz zum Gefühls-Ich wird am deutlichsten, wo beide einander sprachlich unmittelbar gegenüberstehen, wie in dem Satz: Ich fühle mich heiter. Hier ist das Ich, das fühlt, d. h. das sich im Gefühl betätigt oder sein Dasein kund gibt, das reale, das gefühlte, das Gefühls-Ich.

So gewiß nun die bezeichneten "Iche" voneinander verschieden sind, so gewiß muß dasjenige, was sie zum "Ich" macht oder ihren Anspruch auf diesen Namen begründet, bei allen dasselbe sein. Ich meine eben doch, wenn ich von "mir" spreche, nicht vielerleit, sondern ich meine  eines,  und ich meine im letzten Grund immer dasselbe. Es muß also ein einziges, primäres oder ursprüngliches Ich geben, ein solches, das  zunächst  den Sinn des Wortes "Ich" ausmacht. Und dieses muß in allen anderen "Ichen" irgendwie stecken oder bei ihnen mit hinzugedacht sein, derart, daß sie deswegen gleichfalls Ich heißen können.

Damit nun haben wir einen Plan unserer Untersuchung gewonnen. Wir stellen nicht mehr die mehrdeutige Frage: Was ist das "Ich"?, sondern wir fragen: Was ist das ursprüngliche Ich, oder der ursprüngliche Inhalt des Ichbewußtseins? Daran knüpft sich dann die weitere Frage: Welcher Anteil an diesem ursprünglichen Ich oder welche Beziehung auf dasselbe gibt den übrigen "Ichen" das Recht auf den gleichen Namen oder gibt uns den Anlaß, ihnen den gleichen Namen zuzuerkennen?

Jene erste Frage läßt sich sogleich näher bestimmen. der Sinn aller unserer Begriffe muß letzten Endes in einem unmittelbar Erlebten bestehen. Was wir auch denken mögen, immer muß das Gedachte irgendwie aus einem unmittelbar Erlebten seinen Inhalt hernehmen. Wo nicht, so hat es keinen Inhalt, ist also kein Gedachtes. Dies gilt auch vom Ichbegriff. Sein ursprünglicher Sinn muß in etwas unmittelbar Erlebtem gegeben sein. Das  ursprüngliche Ich  muß ein  unmittelbar erlebtes Ich  sein.

Und noch eine Bemerkung dürfen wir gleich hinzufügen. Das Ichbewußtsein fehlt uns in keinem Moment unseres bewußten Lebens. Was ich auch wahrnehme, vorstelle, denke, immer weiß ich  mich  als den Wahrnehmenden, Vorstellenden, Denkenden. Alles, wovon ich ein Bewußtsein habe, finde ich irgendwie auf mich bezogen. Nur etwas, das mir  immer gegenwärtig  ist, kann demnach das ursprüngliche Ich und damit den letzten Sinn des Ichbegriffs überhaupt ausmachen.


2. Das Ich und der Zusammenhang
der Bewußtseinserscheinungen

Wir begegnen nun mehreren Antworten auf die Frage nach dem "Ich", die die Feststellung des ursprünglichen Sinnes des "Ich" zu beabsichtigen scheinen. Jedenfalls nehmen wir hier an, daß sie so gemeint sind. Eine derselben lautet, das Ich sei nichts anderes als die Summe oder der Inbegriff oder der Zusammenhang der psychischen Erscheinungen. An die Stelle der "psychischen Erscheinungenn" treten wohl auch die "Bewußtseinserscheinungen": oder es werden dafür die Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gedanken etc. eingesetzt. Bewußtseinserscheinungen, Empfindungen etc. gibt es zweifellos während unseres bewußten Lebens immer. Und sie sind nicht etwas bloß Gedachtes oder Erschlossenes, sondern etwas unmittelbar Erlebtes. Soweit scheint alles in Ordnung.

Eines nur fehlt: und dies ist das in erster Linie Wichtige: Jene Erklärungen sind bedeutungslos, solange wir nicht wissen, was mit den Worten "psychische Erscheinung", "Bewußtseinserscheinung", "Empfindung" etc. gemeint ist. Vielleicht sind diese Worte mehrdeutig, oder sie haben bei genauerem Zusehen nicht den Sinn, den sie zu haben scheinen. Vor allem könnte in ihnen bereits das, was durch sie definiert werden soll, d. h. das unmittelbar erlebte Ich, mitgedacht sein. Dann gehörte die Definition der Klasse von Definitionen an, die den Psychologen häufiger begegnen, obgleich sie gerade ihnen niemals begegnen dürften, ich meine zur Klasse der Definitionen, die sich im Kreis drehen.

Betrachten wir zuerst die Wendungen, das Ich sei der Zusammenhang der "psychischen Erscheinungen", oder es sei der Zusammenhang der Bewußtseinserscheinungen. Diese beiden Wendungen müssen hier das Gleiche meinen: auch unter psychischen Erscheinungen müssen die Bewußtseinserscheinungen verstanden sein, wenn der Zusammenhang der psychischen Erscheinungen das  unmittelbar erlebte  Ich ausmachen soll. Und statt "Bewußtseinserscheinungen" darf ich auch "Bewußtseinsinhalte" sagen. Gemeint ist damit, ohne irgendwelchen Nebengedanken, alles irgendwie im Bewußtsein Gegebene, alles ideell Existierende, alles von mir Vorgefundene.

Machen wir nun die Probe auf die Behauptung, ein Zusammenhang von Bewußtseinsinhalten sei das, was wir mit dem Wort "Ich" meinen. Ich sehe eine Landschaft oder stelle sie mir vor. Ich stelle sie mir vor als diese oder jene Teile, Elemente, Züge, Merkmale in sich schließend. Hier liegt zweifellos ein Zusammenhang von Bewußtseinsinhalten vor. Die Landschaft  ist  ein solcher. Die Bewußtseinsinhalte heißen im Einzelnen Farbe, Ausdehnung, Form, Wärme, vielleicht Wachstum usw. Und diese stehen in einem räumlichen und zeitlichen  Zusammenhang.  Sie machen ein raumzeitliches Ganzes aus. Ist nun dieser Zusammenhang von Bewußtseinsinhalten "Ich"? Meine ich die Landschaft, wenn ich sage "Ich"?

Vielleicht erwidert man, neben der Landschaft wird doch noch allerlei Sonstiges Inhalt meines Bewußtseins sein. Dies mag zutreffen. Die Landschaft mag ein Teil sein eines weiteren von mir vorgestellten oder gedachten Zusammenhanges. Ist dann dieser weitere Zusammenhang "Ich"? Und ist die Landschaft, die ja doch einen Teil dieses weiteren Zusammenhangs ausmacht, ebendamit ein  Teil  dieses Ich? Es ist ja doch kein Zweifel: Ist jener weitere Zusammenhang das, was ich meine, wenn ich sage "Ich", ist in ihm das jetzt erlebte Ich gegeben, so muß jeder Teil desselben sich mir als ein Teil meiner selbst darstellen, nämlich des Selbst, das ich in diesem Augenblick unmittelbar erlebe, oder dessen ich mir jetzt unmittelbar bewußt bin.

Es kann aber auch wohl recht geschehen, daß die Landschaft mein Bewußtsein ganz  ausfüllt.  Besonders dann, wenn die Landschaft mich in hohem Grade fesselt, interessiert, etwa mich sehr erfreut. Dann muß am Ende doch die Landschaft "Ich", oder ich die Landschaft sein.

In den letzten Worten habe ich mich aber mit mir selbst in Widerspruch gesetzt. Die Landschaft interessiert oder erfreut  "mich".  Dies tut die Landschaft nicht irgendwo jenseits meines Bewußtseins, sondern mein Interesse, meine Freude, das sind Bewußtseinserlebnisse. Und sie scheinen Bewußtseinserlebnisse, die in der Landschaft nicht eingeschlossen sind, die also neben den Bewußtseinsinhalten stehen, welche die Landschaft konstituieren.

In der Tat wird es sich für uns so verhalten. Für die in Rede stehende Theorie aber verhält es sich ganz gewiß  nicht  so. Man beachte wohl: Ich fühle  "mich"  interessiert an einer Landschaft, ich fühle  "mich"  erfreut. Das Interesse, die Freude erscheinen als Qualitäten. Merkmale, Bestimmung  meiner  selbst. Der Sinn der in Rede stehenden Theorie aber ist eben der, daß das unmittelbar erlebte Ich nichts für sich ist, kein besonderer Bewußtseinsinhalt, daß es zusammenfällt mit dem sonstigen Gesamtbewußtseinsinhalt. Und damit ist natürlich zugleich gesagt, daß die Bestimmungen, die sich als Bestimmungen des unmittelbar erlebten Ich darstellen, Bestimmungen sind des sonstigen Gesamtbewußtseinsinhaltes, daß ich mit Bestimmungen, die ich als Bestimmungen meiner selbst bezeichne, gar nichts anderes meinen kann als Bestimmungen dieses Gesamtbewußtseinsinhaltes.

Dies würde also heißen: Das Interesse oder die Freude erscheinen mir unmittelbar als Interesse bzw. Freude der Landschaft oder des vorgestelltenn oder gedachten Ganzen, wovon die Landschaft ein Teil ist. Die Landschaft oder dieses Ganze ist, nämlich nach der Aussage meines unmittelbaren Bewußtseins, das Interessierte oder sich Freuende. Die Landschaft oder das Ganze interessiert sich für sich selbst bzw. freut sich über sich selbst, wenn nicht tatsächlich, so doch jedenfalls für mein unmittelbares Bewußtsein. Ich erleben die vorgestellte Landschaft unmittelbar als dergestalt an sich selbst anteilnehmend. Das Gefühl meiner Anteilnahme oder das, was ich so nenne, besteht in diesem Erlebnis.

In der Tat gibt es Psychologen, die ausdrücklich versichern: Freude, Interesse, kurz das, was man so Gefühle nennt - und dazu gehören doch gewiß Freude und Interesse - seien nichts neben dem sonstigen Gesamtbewußtseinsinhalt, sondern seien Qualitäten dieses Gesamtbewußtseinsinhaltes. Sie nennen die Gefühle Gesamtqualitäten oder mit einem gar unglücklichen Ausdruck "Gestaltqualitäten".

Was ich nun dagegen zu erwidern habe, ist, daß diese Anschauung für  mich  jedenfalls  nicht  zutrifft. Natürlich mache ich dabei eine Voraussetzung. Gesetzt, jemand beschlösse, die Farbe, die man sonst gelb nennt, seinerseits blau zu nennen, so wäre für diesen zweifellos Gold blau. So könnte sich auch jemand darauf versteifen, unter einer Qualität eines Dings etwas ganz anderes zu verstehen, als was man sonst darunter versteht, z. B. irgendetwas, das irgendwie zu diesem Ding in Beziehung steht. Unter dieser Voraussetzung wären allerdings die Gefühle "Gestaltqualitäten", d. h. Qualitäten des jeweiligen Gesamtbewußtseinsinhaltes.

Denn daß die Gefühle jederzeit zum Gesamtbewußtsein  gehören  oder dazu in  Beziehung  stehen, ist ja zweifellos. So gehört insbesondere das Gefühl der Freude an der Landschaft oder an der Gesamtheit des Vorgestellten, wovon die Landschaft ein Teil ist, zur Landschaft oder zu diesem Gesamtbewußtseinsinhalt. Noch bestimmter gesagt: die Freude an der Landschaft ist ganz gewiß Freude  an der Landschaft,  also darauf bezogen. Sie  haftet,  wenn man dies so audrücken will, daran.

Indessen lautet die Frage, um die es sich hier handelt, nicht, ob man mit dem Begriff der Qualität ein mehr oder midner anmutiges Spiel treiben, sondern ob man Gefühle als Qualitäten der gegenständlichen Bewußtseinsinhalte bezeichnen kann in dem Sinne, in welchem sonst das Wort "Qualität" genommen zu werden pflegt: in unserem Fall, ob für mein Bewußtsein meine Freude an der Landschaft oder an dem, was ich sonst wahrnehmen, vorstellen, denken mag, eine Qualität des Ganzen aus diesen Bewußtseinsinhalten ist in  eben dem Sinne,  in welchem etwa die  Weite  der Landschaft, ihre Einförmigkeit oder Mannigfaltigkeit, Qualitäten der Landschaft sind.

Und diese Frage nun ist selbstverständlich zu verneinen. Und damit fällt der Sinn der Behauptung, Gefühle seien Qualitäten des Gesamtbewußtseinsinhaltes.

Und eben damit fällt auch der Sinn der Behauptung, das Ich, als dessen Qualitäten die Gefühle erscheinen, sei der Gesamtbewußtseinsinhalt.


3. Bewußtsein des "Bewußtseins"

Nicht alle, die das ursprüngliche Ich mit dem Zusammenhang der Bewußtseinsinhalte identifizieren werden sich jedoch durch die vorstehende Überlegung getroffen fühlen. Die meisten werden sagen, so sei die Sache von ihnen nicht gemeint. Die gesehene oder vorgestellte Landschaft, so werden sie Bemerken, sei gewiß ein Zusammenhang von Bewußtseinsinhalten. Aber es sei für die Landschaft bedeutungslos, daß diese Bewußtseinsinhalte  Bewußtseins inhalte sind. Was sie konstituiert, das sind die bestimmt beschaffenen  Inhalte, die Farben, Formen  etc., abgesehen davon, daß sie Inhalte eines Bewußtseins sind. Die Landschaft würde dieselbe Landschaft sein, auch wenn sie in keinem Bewußtsein vorkäme. Wenn dagegen gesagt wird, das  ICH  sei der "Zusammenhang der Bewußtseinsinhalte", so heißt das, es ist der Zusammenhang, zu welchem sich die Bewußtseinsinhalte  als solche,  d. h. als gleichzeitige  Inhalte des Bewußtseins  zusammenschließen.

Demnach liegt also in jener Erklärung zunächst eine Zweideutigkeit. Dieselbe Zweideutigkeit liegt dann natürlich auch in der Erklärung, das Ich sei der Zusammenhang der Bewußtseinserscheinungen oder der psychischen Erscheinungen. Auch hier sind die Bewußtseinserscheinungen  als solche  gemeint, d. h. als dem  Bewußtsein zugehörige  bzw. die psychischen Erscheinungen als solche, d. h.  als psychische.  - Es wäre offenbar besser, wenn solche Zweideutigkeiten immer  von vornherein  beseitigt würden.

Indessen auch mit dieser vervollständigten Erklärung sind wir noch um nichts klüger geworden. Es erhebt sich jetzt die neue Frage: Was sind  "Bewußtseinsinhalte als solche" ? Was macht Bewußtseinsinhalte  für mich  zu Bewußtseinsinhalten? Warum etwa begnüge ich mich angesichts eines gesehenen Rot nicht damit zu sagen, es sei rot, hell oder dunkel, gesättigt oder nicht gesättigt, räumlich so oder so bestimmt? Was meine ich, wenn ich dem Rot außerdem nachsage, es sei ein  "Bewußtseinsinhalt"? 

Gewiß meine ich damit nicht eine neue Qualität des Rot im Sinne der soeben bezeichneten Qualitäten. Ersetzen wir das Rot für einen Augenblick durch einen anderen Bewußtseinsinhalt, einen großen glühenden Gasball etwa. Ich habe das Bewußtsein, unser Sonnensystem war vor, ich weiß nicht wie vielen Millionen Jahren, ein solcher glühender Gasball. Dieser Gasball ist jetzt Inhalt meines Bewußtseins: damals aber, so nehme ich wenigstens an, gab es kein Bewußtsein, dessen Inhalt der Gasball hätte sein können. Ich spreche also dem Gasball mit Rücksicht auf jene Zeit das Dasein als Bewußtseinsinhalt ab. Damit spreche ich ihm doch nicht irgendeine Eigenschaft ab, die ihm jetzt, wo er Bewußtseinsinhalt ist, zukäme. Sondern ich habe das Bewußtsein, genau eben der Gasball, der jetzt Gegenstand meines Bewußtseins ist, war damals.

Bezeichnet das Wort "Bewußtseinsinhalt" keine Eigenschaft dessen, was Bewußtseinsinhalt ist, so bleibt nur übrig, daß es eine Beziehung bezeichnet. Darauf deutet auch der Ausdruck "Inhalt" des Bewußtseins unmittelbar hin.

Und welche Beziehung bezeichnet das Wort, welche Beziehung des Rot ist gemeint, wenn ich es Bewußtseinsinhalt nenne? Man wird sagen: Nun, zum Bewußtsein. Aber was ist hier das "Bewußtsein"? Ein Schauplatz, auf welchem die Inhalte kommen und gehen? Natürlich nicht. Ein Gefäß oder Hohlraum, worin sie eingeschlossen sind? Ebensowenig. Daß es nicht angeht, zu sagen, das Bewußtsein sei die Eigenschaft oder das Merkmal, worin alle Bewußtseinsinhalte übereinstimmen, ergibt sich aus dem soeben Gesagten. Bewußt zu sein oder was dasselbe sagt, Bewußtseinsinhalt zu sein, so sagten wir, ist keine Eigenschaft der Bewußtseinsinhalte: dann kann es also auch nicht eine allen Bewußtseinsinhalten  gemeinsame  Eigenschaft sein. Allerdings ist ja das "Bewußtsein" notwendig etwas allen Bewußtseinsinhalten, sofern sie eben Bewußtseinsinhalte sind, Gemeinsames. Aber worin dies besteht, das ist eben hier die Frage. Endlich würde man sich nicht minder im Kreis drehen, wenn man sagen wollte: Das Bewußtsein ist der Inbegriff oder Zusammenhang der jeweiligen Bewußtseinsinhalte. Man müßte hinzufügen: der "Bewußtseinsinhalte als solcher". Aber der Sinn dieser Wendung beschäftigt uns ja eben.

Vielleicht meint man sich aus der Sache zu ziehen, indem man sagt: Das Bewußtsein ist - das Bewußtsein. Das heißt  Bewußtsein  läßt sich nicht definieren. Diese Wendung nun mag sonst am Platz sein: hier ist sie es nicht. Man bedenke wohl, wie hier die Frage lautet. Nicht: Was ist das Bewußtsein ansich? oder gar: Wie wird es gemacht?, sondern: Was ist es  für mich,  als was stellt es sich dar, wenn es selbst Bewußtseinstatsache oder Bewußtseinsinhalt ist. Ich habe ein Bewußtsein davon, daß Rot ein Inhalt des Bewußtseins ist: ich habe ein Bewußtsein der hiermit bezeichneten Beziehung des Rot zum Bewußtsein. Hier ist unweigerlich das "Bewußtsein", nämlich dasjenige, zu welchem das Rot in Beziehung steht, selbst ein Bewußtseinsinhalt. Das Bewußtsein dieser Beziehung ist ein Bewußtsein einmal des Rot, zum andern eines Etwas, worauf das Rot bezogen erscheint, und schließlich auch dieser Beziehung selbst.

Wir sehen aber auch leicht, worin dieses Etwas, d. h. dieses unserem Bewußtsein gegenwärtige "Bewußtsein" besteht. Wir brauchen uns nur zu erinnern, daß der Ausdruck: Rot ist Inhalt meines Bewußtseins, sich ohne Sinnverlust ersetzen läßt durch den anderen: Es ist  für mich  da. Die fragliche Beziehung ist also die Beziehung zu mir, eine beim Erleben des Rot unmittelbar miterlebte Beziehung zum Ich, natürlich zu einem Ich, das selbst Gegenstand des unmittelbaren Erlebens ist.

Als Sinn des Wortes "Bewußtsein2 erscheint also hier das unmittelbar erlebte Ich. Zugleich hat, wie vorher schon angedeutet, das Wort "Bewußtsein" noch einen doppelten anderen Sinn. Es ist einmal, als Abstraktum, das Gemeinsame aller Bewußtseinsinhalte "als solcher", d. h. das ihnen allen zukommende Dasein im Bewußtsein. Das "Bewußtsein" in diesem Sinne ist nicht das Ich, wohl aber die Beziehung zum Ich. Zum anderen ist das "Bewußtsein", als Kollektivum, die Gesamtheit der Bewußtseinsinhalte eines Moments. Dieses Bewußtsein ist wiederum nicht das Ich, wohl aber die Gesamtheit des zum Ich in Beziehung Stehenden.


4. Das "Ich" als die Einheit der
Empfindungen, Vorstellungen etc.

Bleiben wir hierbei einen Augenblick stehen, um nun gleich auch die anderen oben erwähnten Antworten auf die Frage, was das Ich sei, herbeizuziehen. Statt zu sagen, das Ich sei der Zusammenhng der Bewußtseinsinhalte als solcher, sagt man auch, es sei der Zusammenhang oder die Einheit der Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gedanken eines Moments. Hier vermuten wir sofort wiederum eine Begriffszweideutigkeit. In der Tat liegt eine solche vor. Dieselbe wirkt in der Psychologie vielfach geradezu verheerend.

"Empfindung" ist für Viele das eine Mal der Empfindungsinhalt, also ein gegenwärtiger Bewußtseinsinhalt, z. B.  Rot:  das andere Mal - eine Empfindung. Analoges gilt von der Wahrnehmung und der Vorstellung. Wir werden sogleich sehen, was das Wort "Empfindung" bedeutet. Daß zwischen ihr und dem Empfindungsinhalt ein Unterschied besteht, ist in jedem Fall einleuchtend.

Der Empfindungs inhalt,  Rot genannt, ist für mein Bewußtsein irgendwo, etwa an jener Wand. Dagegen hat es keinen Sinn zu sagen, die  Empfindung  des Rot findet sich für mein Bewußtsein an dieser Stelle.

Das empfundene Rot ist zugleich seiner Qualität nach hell oder dunkel, der Geschmack des Apfels, den ich schmecke oder empfinde, ist säuerlich, der Ton, den ich höre, klingt, die Form, die ich sehe oder vorstelle, ist elliptisch. Dagegen sind Empfindungen  niemals  hell oder dunkel: es gibt keine säuerlichen Empfindungen: niemand sagt, daß Empfindungen klingen: niemand spricht von elliptischen Empfindungen oder Vorstellungen.

Und doch gebärdet man sich gelegentlich auch wiederum so, als hätten alle diese Wendungen Sinn. Man läßt Empfindungen und Emfindungsinhalte, ebenso Vorstellungen und Vorstellungsinhalte, auch wiederum ganz und gar durcheinanderlaufen. Und man baut auf diese Begriffsunklarheit sogar Theorien. Dabei ist wohl zu bemerken: nicht dem gemeinen Sprachgebrauch darf diese Unklarheit Schuld gegeben werden. Dieser unterscheidet deutlich. Erst die Psychologen haben die Verwirrung geschaffen.

Man nennt etwa das Ding vor mir einen Komplex von Empfindungen. Nun sind Empfindungen in mir. Einige scheinen sogar zu meinen, sie seien in meinem Kopf. Das Ding aber erscheint mir als außer mir. Wie kommt es dazu? Hier hilft das schöne Wort "Projektion". Der Komplex von Empfindungen, der ansich in mir ist, wird in die Außenwelt "projiziert".

In Wahrheit ist das Ding  kein  Komplex von Empfindungen, sondern ein Komplex von Empfindungsinhalten. Rot, Süß, Hart, das sind keine Empfindungen, so gewiß sie Empfindungsinhalt oder etwas Empfundenes sind. Und dieses Empfundene ist da und nur da, wo ich es  empfinde.  Ein Empfindungsinhalt hat niemals einen anderen Ort, als denjenigen, den es für meine Empfindung, allgemeiner gesagt, für mein Bewußtsein hat. Er hat gar keinen Ort, falls oder solange er nicht für mein Bewußtsein einen solchen besitzt. Und die  "Empfindung"  hat  überhaupt keinen  Ort. Sie ist in mir, aber nicht räumlich, sondern im Sinne der Zugehörigkeit zu mir.

Und was ist nun die Empfindung im Unterschied vom Empfindungsinhalt oder vom Empfundenen. Darauf ist zunächst eine doppelte Antwort möglich. Man kann sagen: Empfindung ist der Vorgang oder Hergang des Empfindens, d. h. der Vorgang oder Prozeß, durch welchen es geschieht, daß in einem gegebenen Augenblick ein Empfindungsinhalt, z. B. Rot da ist. Indessen, davon ist hier keine Rede. Dieser reale Vorgang oder Prozeß gehört selbst nicht dem Bewußtsein an. Wir aber wollen hier wissen, was die "Empfindung" als  unmittelbares  Bewußtseinserlebnis ist, oder was dasselbe sagt, wir fragen, worin das unmittelbare Bewußtseinserlebnis besteht, um dessen willen wir ein empfundenes Rot nicht nur als Rot, sondern außerdem als Empfindungsinhalt oder als empfunden bezeichnen.

Darauf nun ist die Antwort einfach. "Empfindungsinhalt" ist nur ein speziellerer Name für Bewußtseinsinhalt. Demnach muß die Antwort auf unsere Frage ebenso lauten, wie die Antwort auf die Frage, was den Bewußtseinsinhalt für mich zum Bewußtseinsinhalt macht: Ich finde das Rot nicht nur vor, sondern ich finde es auf mich, oder finde mich auf das Rot bezogen. Auch der unmittelbar erlebte Sinne des Wortes "Empfindung" besteht in der Beziehung zum Ich, natürlich wiederum zum unmittelbar erlebten Ich. Er besteht im Dasein für mich oder in der Zugehörigkeit zu mir. Zum gleichen Resultat führt die Betrachtung der Worte "Vorstellung" und "Vorstellungsinhalt".

Doch diesen Sachverhalt müssen wir noch etwas genauer bestimmen. Ein Empfindungsinhalt oder ein Empfundenes, das jetzt gesehene Rot etwa, ist für mich nicht ein  bloßer  Bewußtseinsinhalt. Es ist zugleich oder erscheint mir als objektiv wirklich, d. h. es stellt sich mir unmittelbar zugleich dar als ein von mir Unabhängiges, als etwas, was da ist und so ist, wie es ist, ohne mich, sozusagen aus eigener Machtvollkommenheit. Es ist nicht nur für mich, sondern hat auch Existenz ansich oder für sich. Auch hiermit ist eine unmittelbar erlebte Beziehung zu mir bezeichnet, obwohl, wenn man so will, eine negative. Die Unabhängigkeit "von mir", das Dasein "ohne mich", als etwas "mir" Fremdes, etwas "außer mir", etwas anderes "als ich", als Nicht-Ich, alle diese Ausdrücke schließen diese Beziehung in sich.

Offenbar muß dann die Beziehung zu mir, vermöge welcher das Rot als Bewußtseins- oder Empfindungsinhalt, als als  für mich  oder mir  zugehörig  erscheint, eine andere Beziehung sein: und sie muß eine Beziehung von entgegengesetzter Art sein. Das Rot muß sich auch wiederum als nicht von mir unabhängig, also als durch mich bedingt darstellen.

In der Tat erlebe ich das Rot, und jeden gegenständlichen Bewußtseinsinhalt überhaupt, insofern als durch mich bedingt, oder umgekehrt gesagt, ich erlebe allen gegenständlichen Bewußtseinsinhalten gegenüber insofern mich als bedingend, als die Weise des Daseins der Bewußtseinsinhalte für mich, ihr Beachtet-, Erfaßt-, Apperzipiertsein, der Grad, in welchem sie mir gegenwärtig oder Gegenstand meiner Aufmerksamkeit sind, unmittelbar von mir abhängig erscheint.

Hierin also liegt ein Moment, das die Bewußtseinsinahlte allgemein als Bewußtseinsinhalte oder als "subjektiv" charakterisieren kann. Es liegt darin zugleich das einzige Moment, das  allen  Bewußtseinsinhalten, wie sie auch sonst heißen mögen, für mein unmittelbares Erleben diese Charakteristik verleiht. Über alle Bewußtseinsinhalte habe ich im bezeichneten Sinn  Macht allen gegenüber erlebe ich mich in diesem Sinne als beherrschend: Ich kann sie mir in höherem oder geringerem Grad innerlich nahe bringen, sie mir inniger oder weniger innig aneignen, mehr oder weniger in meinen geistigen Besitz bringen. Es ist diese obgleich nicht schrankenlose Freiheit des Apperzipierens, diese meine Spontaneität den Bewußtseinsinhalten gegenüber, die sie alle in eigentümlicher Weise als innerlich oder geistig  "mein"  erscheinen läßt. Und das Bewußtsein dieses "mein", das ist das Bewußtsein, sie seien Bewußtseinsinhalte. Die "Bewußtseinsinhalte sind die Elemente dieser  Machtsphäre des Ich. 

Damit ist zugleich gesagt, daß das jetzt erlebte  Ich nicht  als Bewußtseinsinhalt erscheinen kann. Es ist ja Dasjenige,  wodurch  alles als Bewußtseinsinhalt erscheint. Darum ist doch auch das Ich für mich jederzeit Bewußtseinsinhalt. Das jetzt erlebte Ich ist im nächsten Moment vergangen und damit gleichfalls gegenständlich geworden. Ich kann es betrachten. Umgekehrt schließt das Betrachten desselben jederzeit in sich, daß es nicht mehr das jetzt erlebte, sondern ein vergangenes und eben damit mir gegenständlich ist. Das Ich erscheint mir also als Bewußtseinsinhalt, immer wenn ich es betrachte: oder was dasselbe sagt, es erscheint mir als Bewußtseinsinhalt, immer wenn es überhaupt  "mir erscheint". 

Nunmehr können wir sagen, inwiefern die Behauptung Recht hat, das Ich sei der Zusammenhang der Bewußtseinserscheinungen oder der Empfindungen und Vorstellungen usw. Diese Behauptung erscheint zunächst als eine einfache Zirkeldefinition.

Bewußtseinsinhalte, Empfindungen, Vorstellungen sollen das "Ich" machen. In Wahrheit macht das Ich die "Bewußtseinsinhalte", "Empfindungen" und "Vorstellungen".

Dennoch ist jene Behauptung nicht unberechtigt. Das Ich, auf das die gleichzeitig gegebenen Bewußtseinsinhalte bezogen erscheinen, ist  eines.  Es verbindet also, vermöge dieses Bezogenseins, sie alle zur Einheit, nämlich zur Einheit des Bewußtseins. Die Einheit des Bewußtseins, die einzige, von der wir wissen, besteht in dieser Tatsache. Statt "Einheit" können wir auch sagen "Zusammenhang". Dann lautet unser Ergebnis: Dsa Ich  ist  nicht nur der Zusammenhang der Bewußtseinsinhalte, sonndern es ist das, was diesen Zusammenhang  schafft. 

Es geht über den Rahmen dieser Untersuchung hinaus, wenn ich hinzufüge: Das Ich ist das Einzige, was überhaupt einen "Zusammenhang" schafft. Auch der Zusammenhang der Landschaft, von dem ich oben sprach, besteht nur durch das Ich. Der raumzeitliche Zusammenhang ist ein bloßes Neben- oder Nacheinander, sofern nicht die einheitliche Beziehung auf ein Ich hinzutritt. Schließlich gilt das Gleiche von jedem Zusammenhang, von dem wir irgendwie reden mögen. Kein Zusammenhang ist ohne Aufeinanderbeziehung. Der letzte Sinn aber jeder "Beziehung" besteht in einer Weise des Zusammenschlusses eines Mannigfaltigenn durch die einheitliche und vereinheitlichende Beziehung auf den einen Punkt, das Ich. Doch darauf gehe ich hier nicht weiter ein.


5. "Ich", Gefühl und Empfindung

Worin besteht nun dieses Ich, das bei den "Bewußtseinsinhalten", Empfindungen, Vorstellungen etc. jederzeit vorausgesetzt ist, ohne welches alle diese Worte für mich ihren Sinn verlieren? Was für ein Ich ist dieses "Ich"?

Ich sagte: Ich fühle  "mich"  das empfundene Rot  bedingend.  Das fraglich Ich also ist im Gefühl gegeben.

Es ist zunächst gegeben in diesem Gefühl des Bedingens, in diesem Tätigkeitsgefühl, oder wie ich auch sagte, im Gefühl der Herrschaft oder Macht über die Bewußtseinsinhalte, im Gefühl des "Mein". Es ist dann weiterhin gegeben in jede Gefühl überhaupt z. B. auch in jenen Gefühlen der Heiterkeit, Gekränktheit, Gewißheit, von denen ich Eingangs sprach. Das in diesen Gefühlen gegebene Ich ist ein unmittelbar erlebtes, es ist nicht etwa bloß gedacht oder erschlossen. Und es fehlt mir nie. Ich fühle "mich"  immer  irgendwie. Das hier gewonnene Ich muß also das gesuchte ursprüngliche oder primäre Ich sein.

Daraus nun ergibt sich für uns eine neue Aufgabe. Wir müssen  das Gefühl begrifflich abgrenzen:  vor allem gegenüber den, ebenso unmittelbar erlebten, Empfindungsinhalten.

Diese Abgrenzung ist zunächst möglichste einfach: Gefühl  nennen  wir eben dasjenige, worin ich unmittelbar und ursprünglich "mich" finde oder mich habe, erlebe, kurz, worin ich mich "fühle".

Davon reden wir aber im Folgenden eingehender: Ich empfinde oder finde die Farbe als Element an einem Ding, etwa, wie ich schon oben gelegentlich annahm, an der Wand. Ich empfinde die Wand als rot oder sehe sie rot. Ich empfinde ebenso diesen meinen Körper als hungrig. Dagegen fühle ich die Lust oder die Gekränktheit oder die Gewißheit in mir. Ich fühle mich und jederzeit nur mich lustig oder lustgestimmt, gekränkt, einer Sache gewiß usw.

Dies nun verallgemeinern wir: Die Empfindungsinhalte sind die Elemente der von mir wahrgenommenen Welt der Dinge, einschließlich dieses meines Körpers. Sie konstituieren mein Wahrnehmungsbild von der Welt der Dinge. Diese Welt der Dinge finde ich unmittelbar von mir verschieden und mir gegenüber gestellt. Schon im unmittelbaren Bewußtsein, sie sei von mir wahrgenommen, liegt diese Unterscheidung und Gegenüberstellung. Empfindungsinhalte stellen sich mir also unmittelbar dar als mir gegenüberstehend. Sie sind  "gegenständliche"  Bewußtseinsinhalte:  mein "Objekt". 

Dagegen sind Gefühle Elemente oder Bestimmungen meiner selbst. Sie sind Ichinhalte oder  Ichqualitäten.  Sie konstituieren das Ich, nämlich das Ich, das ich - nicht denke oder erschließe, sondern unmittelbar erlebe, das mir in jedem Moment meines Lebens vorschwebt, das unmittelbare Bewußtseins-Ich oder das unmittelbar erlebte "Subjekt". Wir nannten es schon, weil es in den Gefühlen gegeben ist, das Gefühls-Ich. Es ist dasselbe, wenn wir es als Ichgefühl bezeichnen.

Hiermit ist nun freilich eine Begriffsbestimmung der Gefühle gegeben, die nicht psychologisches Allgemeingut ist. Sie bedarf darum noch einer besonderen Rechtfertigung.

Zunächst kann man niemandem verwehren, Gefühl zu nennen, was er eben so nennen will. Glücklicherweise aber gibt es eine Art des Gefühls, die in der Psychologie jetzt allgemein als "Gefühl" anerkannt ist, nämlich die Gefühle der Lust und der Unlust.

Damit nun haben wir einen Ausgangspunkt für eine wissenschaftliche Terminologie. Wir fragen:  Warum  tragen Lust und Unlust diesen besonderen Namen? Was ist das Auszeichnende an ihnen, das den besonderen Namen rechtfertigt? Diese Fragek kann nicht beantwortet werden mit dem Hinweis darauf, daß Lust und Unlust Bewußtseinsinhalte von besonderer Qualität sind, von anderer Qualität etwa als Gewißheit, Überraschung und dgl. Denn, wie Lust und Gewißheit, so sind auch Töne und Farben voneinander qualitativ verschieden. Und doch nennen wir sie beide  Empfindungs inhalte und stellen sie als solche den Gefühlen  gegenüber.  Sondern der besondere Name kann sich einzig aus der besonderen Stellung von Lust und Unlust innerhalb des Bewußtseins rechtfertigen oder aus ihrer besonderen Bedeutung für dasselbe.

Und diese besondere Stellung oder Bedeutung besteht nun eben darin, daß Lust und Unlust Qualitäten oder Bestimmungen des Ichgefühls sind.

Ist dem aber so, dann müssen wir Gefühle überhaupt definieren als Bewußtseinsinhalte, die sich unmittelbar als Qualitäten des Ichgefühls darstellen.

Diese Definition der Gefühle halten wir also fest. Damit ist zugleich die Einschränkung des Begriffs der Gefühle auf Lust und Unlust aufgehoben.

Ich sagte, die Gefühle "konstituieren" das Ich, wie die Empfindungsinhalte das von uns unterschiedene und uns gegenüber gestellte Wahrnehmungsbild der Welt der Dinge konstituieren. Das ist aber nicht genau. Das "Konstituieren" hat freilich in beiden Fällen zunächst einen gleichartigen Sinn. Es hat aber auch wiederum in beiden Fällen einen wesentlich verschiedenen Sinn.

Die Empfindungsinhalte "konstituieren" jenes Wahrnehmungsbild der Welt der Dinge, das heißt: Ich sehe nicht ein Ding und empfinde außerdem, als an dem Ding haftend, das Rot, Süß, Hart. Sondern die räumliche  Einheit  dieser Empfindungsinhalte  ist  das Ding, soweit es nämlich für die Wahrnehmung da ist.

Ebenso nun fühle ich auch nicht mich, und außerdem, am Ich haftend, Lust, Streben, Gewißheit, sondern das Fühlen von Lust, Streben, Gewißheit  ist  das Fühlen meiner selbst. Gefühl und Ichgefühl, Fühlen und Michfühlen ist ein und dasselbe.

In jedem Gefühl als solchem steckt das Ich; sowie wir von jedem Empfindungsinhalt sagen können, es steckt eine Gegenständlichkeit in ihm. Und erlebe ich gleichzeitig unterscheidbare Gefühle, so machen diese eben das jetzt erlebte Ich aus.

Zugleich ist doch das "Konstituieren" oder das "Ausmachen" auch wiederum in beiden Fällen ein ganz verschiedenes. Die Empfindungsinhalte  verbinden  sich zum Ding, sie  setzen  dasselbe, und schließlich die ganze unmittelbar erlebte Welt  zusammen.  Gefühle dagegen verbinden sich nicht zum Ich: das Ich ist nicht zusammengesetzt, sondern jederzeit schlechthin einfach. Es gibt also auch jederzeit nur ein einziges Gefühl.

Dies schließt doch den Unterschied gleichzeitiger Gefühle nicht aus: so wenig etwa die Einfachheit des Tons den Unterschied der Tonhöhe, Tonstärke und Klangfarbe ausschließt. In jeder dieser Qualitäten habe ich den Ton: und doch habe ich, wenn ich sie alle habe, den Ton nicht mehrmals. Ebenso fühle ich mich auch in den gleichzeitigen Gefühlen nicht mehrmals, sondern nur einmal. Aber in diesem einen Gefühl vermag ich, als verschiedene Seiten oder Bestimmungen, die mehrfachen Gefühlsqualitäten, z. B. das Streben, die Gewißheit, zu unterscheiden. Die gleichzeitigen Gefühle stehen nicht nebeneinander wie mehrere Töne, oder auch wie die Farbe, die Härte, der Geschmack ein und desselben Dings, sondern sie "durchdringen" sich, so wie im einen Ton, wenn man so will, jene Tonqualitäten sich "durchdringen".

Vergleichen wir die Empfindungsinhalte und Gefühle noch weiter. Nicht alle, aber die meisten Empfindungsinhalte haben ihren Ort. Ich sehe die Farbe irgendwo da draußen, ich empfinde den Hunger im Körper. Daß ich den Ton irgendwo höre, daß er für mein Ohr irgendwo sitzt oder sich befindet, kann nicht ebenso gesagt werden. Er hat nur einen Quasi-Ort: d. H. das, wenn auch nur sehr unbestimmt, mitvorgestellte Sichtbare, von welchem der Ton "herkommt", hat einen Ort. Der Ton hat ihn, nur sofern er für mich an dieses Sichtbare gebunden ist, d. h. mit ihm eine gedankliche Einheit ausmacht.

Dagegen haben Gefühle niemals einen Ort, es sei denn, daß man das  Ich  als ihren Ort bezeichnen wollte. Das Gefühl, also auch das Ich, ist schlechterdings nicht irgendwo. Vielleicht meint man, ich fühle, wenn ich den Arm heben will, das Wollen im Arm, oder ich fühle den Mut in der Brust. Aber das heißt nur, daß ich die Spannung der Muskeln, die mein Wollen  bewirkt,  im Arm empfinde, und daß ich der Weitung der Brust, die der Mut bedingt, in der Brust ihre Stelle anweise. Das heißt der Ort der Gefühle ist  immer  ein bloßer Quasi-Ort.

Und durchaus nicht alle, aber einige Gattungen von Empfindungsinhalten sind räumlich ausgedehnt. Ich empfinde die Farbe, den Druck, die Wärme als über eine Fläche verbreitet. Dagegen sind Gefühle nicht ausgedehnt, das Ich erfüllt keinen Raum. Das heißt nicht, daß seine räumliche Ausdehnung gleich Null ist, sondern daß der Begriff der Ausdehnung, ebenso wie der des Ortes, auf Gefühle gar keine Anwendung findet.

Der Gegensatz der Empfindungsinhalte und der Gefühle ist der fundamentalste innerhalb der Psychologie. Er ist gleichbedeutend mit dem ursprünglichen Gegensatz von Subjekt und Objekt, von Ich und Nicht-Ich.

Dieser Gegensatz muß noch vervollständigt werden. Es ergibt sich dabei noch ein neues, für die Scheidung der Empfindungsinhalte und Gefühle wichtiges Moment.

Auch dieses Moment kennen wir schon. Empfindungsinhalt sind für uns nicht bloß  "Objekte"  oder gegenständlich. Das sind auch die Inhalte unserer Phantasie. Sondern sie sind für uns zugleich ursprünglich, d. h. soweit nicht weitergehende Erkenntnis dagegen Einspruch erhebt,  objektiv wirklich.  Das unmittelbare Bewußtsein dieser objektiven Wirklichkeit ist aber, wie wir schon betonten, das Bewußtsein einer besonders geartenen Beziehung zu "mir". Ich bezeichnete es schon als das Bewußtsein der Unabhängigkeit von mir, der Fremdheit mir gegenüber, des Daseins ohne mich, des Daseins von etwas anderem als Ich, oder auch als Bewußtsein oder unmittelbares Erleben des Nicht-Ich.
LITERATUR - Theodor Lipps Das Selbstbewußtsein Empfindung und Gefühl] Wiesbaden 1901