p-4Über GestaltqualitätenKomplexionen und RelationenÜber Annahmen    
 
ALEXIUS MEINONG
Über Gegenstände höherer Ordnung und
deren Verhältnis zur inneren Wahrnehmung

(3/4)

"Wer etwa an einem wolkenlosen Sommertag das Blau des Himmels auf seine Augen wirken läßt, wird sich zunächst der Wahrnehmung dieses Blau nicht leicht entziehen können. Das ist natürlich noch keine innere Wahrnehmung."

§ 15. Die Einheit des Zusammenwirkens
als Ersatz für die Fundierung

Es wird nun an der Zeit sein, sich der positiven Seite dessen zuzuwenden, was SCHUMANN der Theorie der fundierten Gegenstände entgegenhält. Daß der Tatsache, die HÖFLER passend als Transponierbarkeit bezeichnet hat, (1) für sich allein Rechnung zu tragen, sich vorgängig noch andere Möglichkeiten darbieten könnten, habe ich schon vor Jahren anerkannt (2): nur meint SCHUMANN, indem er hieran anknüpft, ich hätte übersehen, "daß die in Frage kommenden Komplexe schon deshalb nicht als einfache Summen betrachtet werden können, weil sie einheitliche Ganze bilden." Dies "heißt in erster Linie als Ganzes wirken"; es genügt aber in unseren Fällen, als Wirkungen dieser Art statt "neuer direkt nicht nachweisbarer Vorstellungsinhalte" "neu hinzukommender Gefühle oder gewöhnliche Vorstellungen, welche mit dem ganzen Komplex assoziiert sind", anzunehmen. (3)

Warum ich dieses Einheitlichkeitsmoment "übesehen" haben müßte, wenn doch "allerdings vom ganzen Komplex auch die Gestaltqualitäten bedingt" wären, (4) ist mir nicht recht ersichtlich, aber auch Nebensache. Ohne Bedenken kann ich SCHUMANN darin beistimmen, daß in jedem Fall, den ich für einen Fundierungsfall halte, die dieser Auffassung gemäß als fundierend zu bezeichnenden Gegenstände ein "einheitliches Ganzes bilden", was ja, wie im vorigen Paragraphen berührt nichts anderes besagt, als daß sie eben eine Komplexion ausmachen. Daß dies mit "Zusammenwirken zu einem Effekt" sich kurzweg decke, könnte ich freilich nicht einräumen, da es, wenn die Ausführungen des 1. Abschnittes im Recht waren, sehr verschiedenartige Komplexionen gibt. Daß aber, was eine gemeinsame Wirkung hat, insofern jedenfalls einen von den mancherlei Komplexionsfällen darstellt, halte ich gleichfalls für richtig. Könnte dann der Transponierbarkeit nicht in der Tat durch Übereinstimmung in einer solchen gemeinsamen Wirkung trotz Verschiedenheit der Ursachen Rechnung getragen sein und könnte diese Wirkung nicht in Gefühlen und "gewöhnlichen Vorstellungen", d. h. eben nicht Vorstellungen von Gegenständen höherer Ordnung, bestehen oder allenfalls auch in Gefühlen und gewöhnlichen Vorstellungen zusammen? (5)

In der Tat und ich wiederhole damit eigentlich nur schon längst Eingeräumtes, handelte es sich um gar nichts anderes, als um die Transponierbarkeit, also jene Übereinstimmung im Wechsel, so könnte das Übereinstimmend so gut ein Gefühl wie eine beliebige Vorstellung, aber freilich ebenso gut auch eine Wellenbewegung, ein chemischer Vorgang oder sonst irgend etwas sein. Haben wir aber Grund anzunehmen, daß dasjenige, in dem eine in C-Dur und in G-Dur gespielte, respektive vorgestellte Melodie übereinstimmt, doch etwas anderes sein wird, als etwa ein Kanonenschuß, ein Nordlich oder was man sonst möglichst Abenteuerliches ausdenken mag, so kommt darin die Tatsache zur Geltung, daß die freie Hypothesenbildung hier augenscheinlich durch eine direkte Empirie eingeschränkt ist, die noch andere Daten beibringt als die Transponierbarkeit. Näher sind es insbesondere zwei ebenfalls schon berührte Dinge, welche mir die Auffassung der ganzen Sache entscheidend zu bestimmen scheinen. Einmal belehrt uns die innere Wahrnehmung darüber, daß wir die Melodie vorstellen: die für diese ohne Zweifel wesentliche "Einheitlichkeit" ist also eine vorgestellte Einheitlichkeit. Dann aber sagt uns die innere Wahrnehmung doch auch, aus welchen Tönen die gegebenenfalls vorgestellte Melodie gerade besteht: schon der musikalische Laie wird, wenn man ihm ein bekanntes Lied mit Begleitung vorspielt, von den Tönen der letzteren angeben können, daß sie nicht in die erstere hineingehören. Zieht man aber diese beiden Umstände gehörig in Rechnung, dann wird ihnen gegenüber SCHUMANNs Lösungsversuch sich kaum in günstigem Lichte zeigen. (6)

Die Meinung ist ja ohne Zweifel die, daß die Einheitlichkeit etwa der Melodie darin besteht, daß die sie ausmachenden Töne eine gemeinsame Wirkung haben, diese Wirkung aber in einem Gefühl oder einer "gewöhnlichen" Vorstellung (7) oder in beidem besteht. Ist aber diese Einheitlichkeit eine vorgestellte, so kann sie mit einer sich ohne Rücksicht auf das Vorgestelltwerden, eventuell also auch unvorgestellt abspielenden Kausation in keiner Weise zusammenfallen. Es müßte die Kausation also vorgestellt, näher, da die innere Wahrnehmung ja von jener Einheit Kenntnis gibt, innerlich wahrgenommen sein, indes, wie bereits erwähnt, die innere Wahrnehmung eine Verursachung gar nicht zum Gegenstand haben kann. Könnte sie es aber auch, so hätten wir dann in der Kausalrelation erst recht einen Gegenstand höherer Ordnung vor uns und sollte dieser neuerlich im Sinne der SCHUMANNschen Hypothese weginterpretiert werden, so wäre die fehlerhafte unendliche Reihe unvermeidlich. Übrigens ist auch schon der Appell an die objektive Kausalität befremdlich genug seitens eines Autors, er erklärtermaßen "versucht, ohne die Annahme besonderer Relationsvorstellungen auszukommen", (8) was letztlich doch höchstens dann durchzuführen sein könnte, wenn man sich enthalten kann, Relationen und im Besonderen also auch Kausalrelationen vorzustellen, vollends für irgendeinen Fall in Betracht zu ziehen.

Es dürfte der Klärung förderlich sein, den Standpunkt, den ich durch das obige gegenüber SCHUMANN zur Geltung zu bringen versucht habe, auch den Aufstellungen gegenüber zu präzisieren, die SCHUMANN Vorlesungsdiktaten G. E. MÜLLERs entnommen hat, um sie als Grundlagen seiner eigenen Auffassung an die Spitze seiner oft erwähnten Abhandlung zu stellen. Zur Charakteristik des darin vertretenen Hauptgedankens mögen folgende Stellen genügen: "Die Sprache bezeichnet ihren Bedürfnissen entsprechend einfache Qualitäten, die einander ähnlich sind, mit einem und demselben gemeinsamen Namen. Da nun ein und dieselbe einfache Qualität gleichzeitig mehreren solchen Gruppen einander ähnlicher und mit gleichem Namen benannter Qualitäten angehört und sich hinsichtlich ihrer Ursachen und Wirkungen ganz wesentlich danach bestimmt, welchen von jenen Gruppen einfacher Qualitäten sie tatsächlich angehört, so unterscheidet man an der gegebenen einfachen Qualität trotz der Einheitlichkeit ihrer Natur, um ihre Zugehörigkeit zu jenen verschiedenen Gruppen anzudeuten, eine entsprechende Anzahl von Modifikationen, deren jede tatsächlich nichts anderes bedeutet, als Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe gleichbenannter, einander ähnlicher Qualitäten." (9) "Ebenso wie nun die singulär aufgefaßten einfachen Qualitäten der Töne, Farben usw. den zwischen ihnen bestehenden Ähnlichkeiten entsprechend, von der Sprache zu Gruppen zusammengefaßt und mit Namen benannt werden, so werden nun auch auf kollektiv aufgefaßte Erscheinungsganze, die hinsichtlich der Art und Weise, wie in ihnen die von einander unterschiedenen Einzelobjekte miteinander verknüpft sind, einander ähnlich oder gleich sind, gleiche Bezeichnungen angewandt." (10) Eine "höhere geistige Tätigkeit, ein besonderes beziehendes Wissen" hat dies nicht zur Voraussetzung. "Alle Fähigkeiten und Erkenntnisse, welche auf ein solches beziehendes Wissen zurückgeführt werden, erklären sich mittels des allgemeinen Satzes, daß Vorstellungen verschiedener kollektiv aufgefaßter Erscheinungsganze ... in den Assoziationen, die sie mit anderen Vorstellungen eingegangen sind, sich füreinander substituieren können, falls nur jene Erscheinungsganze hinsichtlich der Art und Weise miteinander übereinstimmen, wie ihre Bestandteile ... miteinander verknüpft sind ode hinsichtlich ihrer Beschaffenheit sich zueinander verhalten." (11)

Verstehe ich recht, so ist hiermit in betreff der Gegenstände höherer Ordnung und im Besonderen in betreff der Fundierungsgegenstände Folgendes gesagt: Für Stärke und Höhe eines Tones habe ich keine besonderen Vorstellungen; gleichwohl unterscheide ich aber diese Bestimmungen, indem diese durch Bildung besonderer Ähnlichkeitsgruppen und besonderer Ausdrücke für sie zur Geltung kommen. Ebenso ist die Annahme entbehrlich, daß ich von Komplexionen oder Relationen besondere Vorstellungen habe: auch Komplexionen und Relationen kommen an den Ausdrücken zum Vorschein, die sich an Ähnlichkeits- etwa auch Substituierbarkeitsgruppen im Fall diesmal nicht singulärer, sondern kollektiver Auffassung der Objekte knüpfen. Es gibt also Tonstärke wie Tonhöhe: wir können sie eigentlich nicht vorstellen, aber wir gelangen auf einem Umweg zu ihrer Kenntnis. Und in gleicher Weise gibt es Ähnlichkeit, Zusammenhang usw., kurz Relationen und Komplexionen: auch von ihnen wissen wir nur mit Hilfe dessen, was sich an ihr Auftreten assoziiert; besondere Vorstellungen von ihnen brauchen wir darum noch nicht zu haben.

Gegen die nominalistische Lösung des Abstraktionsproblems habe ich bereits vor Jahren, ja eigentlich Jahrzehnten Stellung genommen und hätte heute an dem, was ich einst (12) ausgeführt habe, kaum mehr zurückzunehmen, als bei einer Erstlingspublikation die Regel sein wird. Auf eine neuerliche Diskussion der ersten der beiden oben in Parallele gestellten Thesen kann ich unter solchen Umständen um so leichter verzichten, als die zweite, um derentwillen ja auf die erste Bezug genommen ist, aus sich selbst heraus, wie mir scheint, ihre Unhaltbarkeit erkennen läßt. Wenn mir jede Vorstellung von Relationen und Komplexionen fehlt, woher weiß ich dann eigentlich, ja wie kann ich es überhaupt nur ausdenken, daß es Relationen und Komplexionen sind, nach deren Ähnlichkeit sich die "kollektiv aufgefaßten" Gegenstände gruppieren? Was ich nicht vorstellen kann, das kann ich sozusagen noch weniger erkennen. Freilich läßt sich ein Gegenstand nicht nur direkt, sondern auch indirekt vorstellen (13): aber ich kann nicht absehen, wie demjenigen, dem der eigentliche Relations-, respektive Komplexionsgedanke fehlt, dieser irgendwie ersetzt werden könnte, davon gar nicht zu reden, daß alles indirekte Vorstellen sich bereits mit Hilfe von Relationsvorstellungen vollzieht, beim Fehlen derselben also von vorn herein abgeschnitten wäre.

Nun bliebe aber immerhin noch eine Auffassung offen: inwieweit sie dem in Rede stehenden Diktat gegenüber authentisch ist, tut natürlich auch in diesem Fall nichts zur Sache. Statt zu sagen: an ähnliche Komplexionen und Relationen schließen sich dieselben Termini, könnte man versuchen anzunehmen, das, was ich Inferiora nenne, zusammen mit dem durch sie assoziierten Wort mache erst die Komplexion oder Relation, kurz den sogenannten Gegenstand höherer Ordnung aus. Den Anforderungen der "lex parsimoniae" [Gesetz der Sparsamkeit im Haushalt der Natur, wp] wäre damit sicher in besonderem Maße Rechnung getragen: darf man aber auch hoffen, mit so einfachen Mitteln auszulangen? So viel ich sehe, erweist sich das Gegenteil bereits daran, daß Objekt und Wort miteinander doch irgendwie verbunden gedacht werden müßten: wirklich drängt sich sofort die Annahme assoziativer Beziehungen auf, die wohl natürlichst als ein Kausalfall verstanden, vom Standpunkt der gegenwärtigen Erwägungen aus aber immerhin auch beliebig anders gedeutet werden könnten, da sie für etwas anderes als irgendwie geartete Relationen nicht zu nehmen sind. Soll nun diese Relation zwischen den Objekten und dem Wort wieder als Assoziation eines weiteren Wortes durch die Objekte und das erste Wort aufgefaßt werden, die so entstehende Relation dann als Assoziation eines dritten Wortes usf. in infinitum? Einmal ist hier die Fehlerhaftigkeit einer solchen unendlichen Reihe sofort handgreiflich, dann aber verweigert ja die Erfahrung schon für das zweite hierzu erforderliche Wort die Verifikation, da ein solches normalerweise fehlt. Unter allen Umständen erscheint so die ganze Annahme trotz ihres Einfachheitsvorzuges durchaus unzureichend, ihrer Aufgabe gerecht zu werden.

Die charakteristische Einheitlichkeit der Komplexion kann somit nicht in einer gemeinsamen Wirkung der Bestandstücke gesucht werden. Nun meint aber SCHUMANN dartun zu können, daß man sie in keinem fall in etwas suchen darf, was zu den Bestandstücken neu hinzukommt. Zerschneidet man ein Stück Papier in vier Teile, so ist die dadurch zerstörte Einheitlichkeit nicht selbst ein fünfter Teil. (14) Mir scheint das Beispiel indes nur zu zeigen, wie leicht es in komplexionstheoretischen Dingen begegnen kann, eine innerhalb ausreichend enger Grenzen richtige Position durch Verallgemeinerung ihrer Richtigkeit zu berauben. Eine Melodie aus vier Tönen ist gewiß kein fünfter Ton; allgemein: vorgegebene Gegenstände werden nicht dadurch zu einer Komplexion vereinigt, daß man einfach noch einen Gegenstand, vollends einen den vorgegebenen Gegenständen gleichartigen, einfach hinzufügt. Wenn aber Gegenstände, die bisher nichts als ein objektives Kollektiv abgegeben haben, gleichviel auf welche Weise zu einer Komplexion werden, dann liegt am Ende doch "etwas" vor, was vorher nicht war und insoweit ist auch etwas hinzugekommen. Aus Früherem ist ersichtlich geworden, daß, was in solchem Falle ganz neu hinzukommt, meiner Meinung nach die mit der Komplexion koinzidierende Relation ist, bei der es aber natürlich auch noch darauf ankommt, daß sie in der richtigen Relation zu den Bestandstücken der zu bildenden Komplexion stehe. Fasse ich Rot, Grün und Verschiedenheit nur einfach zusammen, so ist damit weder die Relation "Verschiedenheit zwischen Rot und Grün" noch die dieser Relation koinzidierende Komplexion gedacht.

Ohne aber hier auf derlei nähere Bestimmungen Gewicht zu legen, scheint mir also klar, daß bei der Komplexion auf etwas, das zu den Bestandstücken noch charakteristisch hinzukommt, in keinem Fall wird verzichtet werden können. Im Grunde tut dies auch SCHUMANN nicht: ließe sich bereits die Kausation als solch ein Hinzukommendes deuten, so vollends das Gefühl, respektive die "gewöhnliche" Vorstellung. Demgegenüber möchte ich vor allem nicht verschweigen, daß mir persönlich bereits das Zeugnis der inneren Wahrnehmung die ganz ausreichende Gewähr dafür zu bieten scheint, daß es weder auf das Eine, noch auf das andere ankommt, obgleich natürlich manchmal dieses, manchmal jenes oder wohl auch beides mitgegeben sein mag. Inzwischen gibt es, von bereits in anderem Zusammenhang dargelegtem (15) jetzt abgesehen, einen der Diskussion zugänglicheren Gesichtspunkt, unter dem sich die Unannehmbarkeit auch dieses Teils der SCHUMANNschen Hypothese herausstellt. Wie berührt wissen wir, wenn ein Superius vorliegt, mindestens in den allermeisten Fällen auch, welche Inferiora dazu gehören: in Fundierungsfällen wissen wir überdies mit eben so guter Evidenz (wenn es auch keine Evidenz der inneren Wahrnehmung ist), daß zu diesen Inferioren auch gerade dieses Superius gehören muß und kein anderes dazu gehören kann. (16) Daß Rot und Grün verschieden sein muß und nicht etwa auch gleich sein kann, daß eine vorgegebene Tonfolge eben nur diese Melodie ausmachen kann und keine andere, leuchtet unmittelbar ein. Zwischen Gefühlen und ihrer Vorstellungsgrundlage, dagegen trifft man nirgends eine solche Evidenz an. Auf SCHUMANNs "gewöhnliche Vorstellungen" ganz im Allgemeinen ist dieses Argument nun freilich nicht kurzweg zu übertragen: sicher aber gilt es von den seitens des genannten Autors zunächst ins Auge gefaßten Wortvorstellungen. Konkrete Fälle anderer Art namhaft zu machen, in denen es nicht gilt und die auch nicht aus anderen Gründen außer Betracht bleiben müssen, darf ich billig dem Gegner überlassen. Ehe sie aufgezeigt sind, halte ich mich für berechtigt zu vermuten, daß Vorstellungen von den gewünschten Eigenschaften durchaus nicht schwer aufzufinden, daß sie aber eben keine - "gewöhnlichen" Vorstellungen sein werden, sondern Vorstellungen von Gegenständen höherer Ordnung.

Sehe ich also recht, so bleibt von SCHUMANNs Ersatzvorschlägen am Ende nur das gute Zutrauen darauf übrig, daß "noch Faktoren in Frage kommen, die erst die weitere Entwicklung der Wissenschaft aufzeigt": (17) und dieses Zutrauen entzieht sich natürlich kritischer Erwägung. Aber eben so natürlich ist es, daß, wer solche Faktoren bereits als maßgebend aufzuzeigen versucht hat, sich durch so unbestimmte Aussichten nicht beirren lassen können.


§ 16. Wahrnehmungsflüchtige Gegenstände

Als Gesamtergebnis der bisherigen Untersuchungen in betreff der Wahrnehmbarkeit (respektive Pseudo-Wahrnehmbarkeit) von Akten und Gegenständen dürfen wir also festhalten, daß die innere Wahrnehmung das ihr auf den ersten Blick mit so leichter Mühe streitig zu machende Gebiet gegenüber sorgfältigerer Erwägung doch wieder allenthalben behauptet. Zugleich erhebt sich aber auch die Frage nach den Gründen oder der näheren Beschaffenheit des unstreitig vorhandenen Scheines jener Unwahrnehmbarkeit, der, wie in früherem Zusammenhang bereits berührt (18), der Psychologie innerhalb wie außerhalb ihrer Grenzen schon so vielfach verhängnisvoll geworden ist. Es gibt ja kein wirksameres Mittel, einem trügerischen Schein seine Kraft zu nehmen, als Einsicht in seine Natur und seine wirkliche Bedeutung.

In diesem Sinne scheint mir ein Umstand Beachtung zu verdienen, der bisher wohl nur deshalb die ihm zukommende Berücksichtigung nicht gefunden hat, weil seit den Tagen DESCARTES' die innere Wahrnehmung stets nur unter dem Gesichtspunkt des erkenntnistheoretischen Fundamentalprinzips eine mehr oder minder summarische Würdigung gefunden hat, von der psychologischen Untersuchung aber ziemlich unberührt geblieben ist. Vielleicht hat auch gerade die eigentümlich Ausnahmestellung, die dem Wissen aus innerer Wahrnehmung im Vergleich mit allem anderen Wissen von Existenzen eigen ist, die Meinung begünstigt, als könnte es innerhalb des Bereiches der inneren Wahrnehmung keinerlei Verschiedenheiten mehr geben. Dennoch kann man sich leicht vom Vorhandensein solcher Verschiedenheiten überzeugen: sie betreffen zunächst weder den Gewißheits- oder Sicherheitsgrad (19), noch die Evidenz der Wahrnehmungsurteile; wer sich aber gewöhnt hat, sich unter einem Datum innerer Wahrnehmung sozusagen etwas Starres, Unveränderliches zu denken, kann daraufhin gar wohl in Zweifel geraten, ob und wie lange er es hier noch wirklich mit Daten innerer Wahrnehmung zu tun hat.

Wer etwa an einem wolkenlosen Sommertag das Blau des Himmels auf seine Augen wirken läßt, wird sich zunächst der Wahrnehmung dieses Blau nicht leicht entziehen können. Das ist natürlich noch keine innere Wahrnehmung: ja im Hinblick auf physikalische Bedenken mag man Anstand nehmen, einem so wenig gesicherten Urteil gegenüber überhaupt von Wahrnehmung zu reden. So lange man sich aber von Gedanken dieser Art aus dem Zustand des Naiven nicht herausdrängen läßt, so lange glaubt man jedenfalls an die Existenz dieser Himmelsbläue; und  daß  er daran glaubt, ist auch dem Naiven zur gegebenen Zeit eine sehr leicht zugängliche Erkenntnis, die nun ihrerseits bereits ohne jeden Zweifel eine Erkenntnis durch innere Wahrnehmung ist. Weiter kostet es auch gewiß kein Besinnen, dasjenige namhaft zu machen, was am Gegenstand einer solchen Erkenntnis sozusagen zunächst in die Augen springt: was man hier durch innere Wahrnehmung mit, man möchte fast sagen unübertrefflicher Zuverlässigkeit weiß, ist dies, daß das, was man sieht, die Himmelsbläue ist, oder vielleicht noch deutlicher: daß sie eben das ist, was man sieht, eine Wendung, die im gegenwärtigen Zusammenhang hoffentlich niemand als bloße Paraphrase des vielberufenen "Satzes der Identität" mißverstehen wird. Der Schauende kann nun versuchen, sich die Natur dessen, was er als (pseudo-existierendes) Objekt seines Schauens erkennt (es könnte natürlich eben so gut auch halluziniert sein, ohne der Richtigkeit der Erkenntnis aus innerer Wahrnehmung Eintrag zu tun), noch klarer zu machen. Vielleicht wird er dabei zu erheblichen Erfolgen nicht mehr fortschreiten können: aber er kann beim Gegenstand seines Schauens praktisch gesprochen verweilen, so lange er will, ohne daß die Deutlichkeit und Zuverlässigkeit, mit der er über den Gegenstand seines Schauen Bescheid weiß, dadurch merklich herabgesetzt würde.

Man vergleiche dies nun mit der Leistung innerer Wahrnehmung, die seitens desjenigen vorliegt, der einen bestimmten Entschluß gefaßt hat und um diesen Entschluß, wie das doch die Regel ist, weiß. Ich meine dabei nicht zunächst das, was die innere Wahrnehmung in betreff des Gegenstandes eines solchen Entschlusses verrät. Trotz der Volkstümlichkeit der Wendung: "er weiß nicht, was er will" dürfte gerade in dieser Hinsicht der Aufschluß, den die innere Wahrnehmung gibt, nicht erheblich hinter dem zurückbleiben, was das Beispiel vom blauen Himmel geboten hat und das eben berührte volkstümliche "Nicht-wissen" ist wohl meist ein wenig glücklicher Ausdruck für das unmotiviert rasche Wechseln des Begehrungszieles. Nun sagt aber dem Wollenden die innere Wahrnehmung, wie wir wissen, nicht nur,  was  gewollt wird, sondern auch, ja in gewissem Sinne vor allem,  daß  gewollt wird; der Naive hat auch über die Zuverlässigkeit und Bestimmtheit dieses Wissens zu klagen keinen Anlaß. Wenn jedoch etwa der Psychologe daran gehen will, sich die Natur dessen, was ihm da als Wollen vorliegt, ähnlich klar zu machen, wie die Natur dessen, was im ersten Beispiel dem Blick des Schauenden sich aufdrängte, so ist das Ergebnis ein wesentlich ungünstigeres. Es ist, als ob das zu Untersuchende sich hier umso leichter dem Erkennen entzöge, je beharrlicher man auf dessen Erfassung bedacht ist: man findet Gefühle, wohl auch Vorstellungen, sicher mindestens allerhand Vorstellungsobjekte, und kann, wie das an älteren und neueren Theorien des Wollens deutlich geworden ist, am Ende in recht ernste Zweifel geraten, ob man zu Anfang der Untersuchung ein Wollen wirklich vorgefunden hat.

Wie sehr dem gegenüber die gesehene Himmelsbläue des ersten Beispieles im Vorteil ist, läßt sich nun nicht verkennen. Der Gegensatz könnte aber noch stärker zur Geltung gebracht werden, wenn an Stelle des Wollens gewisse intellektuelle Operationen, wie Abstrahieren oder Vergleichen, ja das Urteilen und am Ende das Vorstellen selbst herangezogen würde. Einigermaßen ins Klare darüber zu kommen, worin dieser Gegensatz seinen Grund hat, ja auch nur worin er eigentlich besteht, wäre gewiß ein in hohem Grade dankenswertes Unternehmen. Sicher wird die natürliche Beständigkeit mancher psychischer Geschehnisse, die so leicht in bloß dispositionelle Zustände übergehen, wie Wollen oder Urteilen, daran nicht ohne Anteil sein; aber gewiß liegt daran nicht alles, mutmaßlich auch nicht das Meiste. Vor weiterer Untersuchung klar ist aber die teleologische Seite der Sache, die allgemein in der Behauptung zum Ausdruck zu bringen wäre, daß physische immanente Objekte sich normalerweise der inneren Wahrnehmung gegenüber im Vergleich mit psychischen Akten in einer Vorzugsstellung befinden, die nicht sowohl in der Beschaffenheit der auf diese respektive jene gerichteten Wahrnehmungsurteile, also insbesondere deren Gewißheit und Eviden, als in ihrer Fähigkeit zur Geltung kommt, sich dem Wahrnehmen und Beachten, wohl gar Beobachten gegenüber sozusagen zu behaupten. Ich will, was in dieser Weise an den psychischen Akten zu Tage tritt, kurz als deren größere  Wahrnehmungsflüchtigkeit  bezeichnen, wobei diesem Wort vorerst keine andere Aufgabe zufällt als die, einen der näheren Untersuchung noch bedürftigen Tatbestand durch Benennung desselben dieser Untersuchung entgegenzuführen. Ob der Terminus verdient, auch über eine solche Untersuchung hinaus beibehalten zu werden, das wird mit durch sie festzustellen sein.

Solche relative Wahrnehmungsflüchtigkeit kommt nun aber nicht nur den psychischen Akten zu, sie ist unter Umständen auch an immanenten Gegenständen anzutreffen, eventuell sogar, was im Grunde besonders befremdlich sein könnte, selbst bei jenen Gegenständen, deren Vorzugsstellung gegenüber der inneren Wahrnehmung oben durch das Beispiel vom Himmelsblau beleuchtet werden sollte. Letzterer Fall tritt dann ein, wenn die betreffenden Objekte nicht Gegenstände von Wahrnehmungs- sondern von Einbildungsvorstellungen sind. Bekanntlich ist die Fähigkeit, etwa sensible Qualitäten einzubilden (ich meine nicht, zu halluzinineren, sondern bloß Einbildungsvorstellungen derselben zu konzipieren), individuell außerordentlich verschieden. Gesetzt nun, einer sei seiner Fähigkeit, z. B. Farben einzubilden, völlig sicher; dann kann immer noch die in mehr als einer Hinsicht wichtige Frage aufgeworfen werden, wie lange er eine solche Einbildungsvorstellung, zunächst also wieder den Gegenstand derselben, festzuhalten vermag. Zur Beantwortung der Frage läßt sich natürlich nur auf experimentellem Weg gelangen: die Aufgabe aber, anzugeben, ob zu bestimmter Zeit der eingebildete Gegenstand als solcher noch gegenwärtig sei oder nicht, fällt natürlich der inneren Wahrnehmung zu. Nun haben Vorversuche, die im Grazer psychologischen Laboratorium hierüber angestellt worden sind, allerdings ergeben, daß die Maximalzeit, während welcher ein solches Festhalten sich durchführen läßt, erstaunlich kurz ist; noch auffälliger sind aber die Schwierigkeiten, mit denen das Versuchssubjekt zu kämpfen hat, wenn es den Zeitpunkt, in dem ihm das eingebildete Objekt eben nicht mehr gegenwärtig ist, durch irgendeine Bewegung zu markieren bemüht ist. Ich kann nicht wohl daran zweifeln, daß hier Wahrnehmungsflüchtigkeit vorliegt, die hier sicher nicht den Akt, sondern den (pseudo-existierenden) Gegenstand betrifft, da der Beobachter seine Aufmerksamkeit ganz fraglos zunächst dem letzteren zuwendet.

Daß, was eben von physischen Gegenständen gezeigt wurde, noch in weit höherem Maße von psychischen Gegenständen gelten wird, bedarf keiner Ausführung. Dem besonderen Vorwurf der gegenwärtigen Darlegungen steht nun aber ein anderer Fall von Wahrnehmungsflüchtigkeit bei Gegenständen ungleich näher. Es handelt sich nämlich dabei direkt um unsere Gegenstände höherer Ordnung, wie man leicht genug erfahren kann, wenn man etwa beim Vergleichen eines roten mit einem grünen Feld sich das Wesen des Verschiedenheitsgedankens klar zu machen sucht. Wer an Verschiedenheit denkt, denkt ohne Zweifel an "etwas"; indem man nun aber der Natur dieses "etwas" nachzugehen versucht, begegnet es leicht genug, daß gerade das Gesuchte entschlüpft und nichts übrig bleibt, als die beiden Gegenstände Rot und Grün. Ähnliches kann man am Gedanken der Melodie, der Summe, der Unmöglichkeit, des Zusammenhangs erleben usf. Um ihr Vorhandensein auf direktem Weg, durch Wahrnehmung also, zu wissen, fällt, so lange das für theoretische Bearbeitung unerläßliche Festhalten nicht erfordert wird, durchaus nicht schwer: beim Versuch des gleichsam innerlichen Fixierens versagt die innere Wahrnehmung dagegen nur zu leicht. Näher ist es hier offenbar in erster Linie die Relation, der die Wahrnehmungsflüchtigkeit anhaftet: natürlich wird aber die koinzidierende Komplexion mitbetroffen, wo es gilt, diese im Gegensatz zu den sie ausmachenden Gliedern zu erfassen.

Man wird darauf hin nicht ohne weiteres behaupten dürfen, daß Gegenstände höherer Ordnung als solche wahrnehmungsflüchtig sind: denn eine Linie, eine kontinuierlich umgrenzte Figur und dgl. lassen sich, obwohl es, wie wir wissen, Komplexionen sind, gar wohl in der inneren Wahrnehmung festhalten. Dagegen wird man wohl ein Recht haben, Wahrnehmungsflüchtigkeit allen jenen Gegenständen höherer Ordnung zuzusprechen, deren nächste Inferiora noch nicht gegen einander respektive gegen ihren Superius analysiert sind. Wo Relationen explizit, also nicht etwanur in den koinzidierenden Komplexionen, vorgestellt werden, kann erstere Analysiertheit nicht leicht, letztere gar nicht fehlen: Relationen werden also wohl jederzeit wahrnehmungsflüchtig sein. Bei Komplexionen mit unanalysierten Bestandstücken hingegen scheint Gleiches niemals der Fall zu sein: es ist, als ob hier die Bestandstücke an die ihnen gleichsam besonders fest anhaftende Relation etwas von ihrer Wahrnehmungsbeständigkeit abgäben, die dann natürlich auch der Komplexion als Ganzem zustatten kommt. Werden die betreffenden Inferiora nachträglich doch einer erfolgreichen Analyse unterworfen, so hat das auch die Wahrnehmungsflüchtigkeit des Superius zur Folge: nur analysierbare Komplexionen sind Veränderungen dieser Art augenscheinlich nicht mehr ausgesetzt.

So gewiß nun auch in dieser Sache die nähere Untersuchung noch überall aussteht, das Beigebrachte dürfte doch ausreichen, den Widerspruch einigermaßen verständlich zu machen, in dem der erste Anschein bezüglich des Kompetenzbereiches der inneren Wahrnehmung zum Ergebnis etwas näherer Untersuchung steht. Wer auf die Tatsache der Wahrnehmungsflüchtigkeit nicht Bedacht nimmt, dem wird in den uns nun etwas näher bekannten Fällen die innere Wahrnehmung geradezu um so gewisser den Dienst versagen, ja nachdrücklicher und hartnäckiger er auf ein klares, gegenüber jedem Nebengedanken gesichertes Erfassen der betreffenden Tatbestände hindrängt.
LITERATUR - Alexius Meinong, Über Gegenstände höherer Ordnung und deren Verhältnis zur inneren Wahrnehmung, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinneswahrnehmung, Bd. 21, 1902
    Anmerkungen
    1) ALOIS HÖFLER, Psychologie, Seite 153
    2) MEINONG, Diese Zeitschrift 2, Seite 248f
    3) SCHUMANN, diese Zeitschrift 17, Seite 134f
    4) SCHUMANN, ebenda Seite 135
    5) Eine Eventualität, die ich gleichfalls übersehen haben soll, vgl. SCHUMANN a.a.O. Seite 138
    6) Besonders deutlich scheint mir dies an einem etwas spezielleren Fall zu werden, an der Stellung nämlich, die SCHUMANN (a. a. O. Seite 137) gegen WITASEKs Anerkennung des Unterschiedes zwischen direkter und indirekter (auf Vergleichung gegründeter) Veränderungserkenntnis (diese Zeitschrift 14, Seite 403) einnimmt. Weil Vergleichung eben nichts ist, als ein Kausalfall im obigen Sinn, darum seien auch die beiden Weisen, Veränderung zu erkennen, "gar nicht so verschieden voneinander, wie WITASEK annimmt." Halte ich mich hier an das positive Zeugnis jener Erkenntnisquelle, auf deren negatives Zeugnis SCHUMANN sich so oft beruft, die innere Wahrnehmung, so muß ich mit vollster Zuversicht vielmehr so argumentieren: weil die beiden Fälle sich der direkten Beobachtung als etwas so Grundverschiedenes darstellen, eben darum ist das Wesen des Vergleichens gewiß nicht durch den bloßen Hinweis auf einen Effekt beschrieben, an dem die Vorstellungen der zu vergleichenden Gegenstände beteiligt sind.
    7) Daß dabei zunächst wieder an die sich so allgemeiner Beliebtheit erfreuenden Wortvorstellungen gedacht sein dürfte, ergibt sich a. a. O. SCHUMANN, Seite 136
    8) FRIEDRICH SCHUMANN, Zur Psychologie der Zeitanschauung, diese Zeitschrift 17, Seite 136
    9) FRIEDRICH SCHUMANN, Zur Psychologie der Zeitanschauung, diese Zeitschrift 17, Seite 107
    10) FRIEDRICH SCHUMANN, Zur Psychologie der Zeitanschauung, diese Zeitschrift 17, Seite 109
    11) FRIEDRICH SCHUMANN, Zur Psychologie der Zeitanschauung, diese Zeitschrift 17, Seite 111f
    12) MEINONG, Zur Geschichte und Kritik des modernen Nominalismus, Hume-Studien I
    13) Vgl. MEINONG, Hume-Studien II, Seite 87
    14) MEINONG, Hume-Studien II, Seite 134
    15) MEINONG, Diese Zeitschrift 2, Seite 250
    16) Vgl. oben § 7
    17) SCHUMANN, diese Zeitschrift 17, Seite 136
    18) Vgl. oben § 8
    19) Vorläufiges über diesen Gegensatz habe ich im "Göttinger Gelehrter Anzeiger" 1890, Seite 71f mitgeteilt.