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HANS CHRISTOPH MICKO
Gemäßigter Konstruktivismus
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"Die Psychologie sollte in der Lage sein, effektive Methoden zu entwickeln, das sachgemäße Erleben der Wahrnehmungsgegenstände als Bewußtseinsinhalte einzuüben."

PSYCHOLOGIE.

Wie alle Wissenschaften arbeitet die Psychologie ganz überwiegend an der Vervollkommnung unseres Weltbildes. Ihr Ressort ist es, Vermutungen über Gesetzmäßigkeiten des beobachtbaren Verhaltens von solchen Wahrnehmungsgegenständen anzustellen und zu prüfen, die wir als Menschen bezeichnen ( - oder als Tiere oder als Gruppen von Menschen oder Tieren). Neben dieser verdienstvollen Aktivität stellt sich der Psychologe aus Sicht des gemäßigten Konstruktivismus eine alles überragende Aufgabe, der sie sich als angewandte Naturwissenschaft noch kaum gewidmet hat. Die Wahrnehmungspsychologie hat Erfahrung mit Vexierbildern, die Verhaltenstherapie mit kognitiven Trainingsverfahren. Daher sollte die Psychologie in der Lage sein, effektive Methoden zu entwickeln, das sachgemäße Erleben der Wahrnehmungsgegenstände als Bewußtseinsinhalte einzuüben. Damit würde sie den Menschen Zugang zu einem Bereich der empirischen Wirklichkeit des Bewußtseins eröffnen, der ihnen, anders als der Bereich der Erinnerungs- und Fantasievorstellungen oder Gedanken, wegen der schon präattentiven [vor der bewußten Aufmerksamkeit, wp] Interpretation von Perzepten als Objekte einer Außenwelt gewöhnlich verschlossen ist.

Nach ersten unsystematischen Erkundungsexperimenten mit Studenten der Psychologie als Versuchspersonen scheint die Aufgabe, Wahrnehmungsgegenstände als Bewußtseinsinhalte zu erleben, zu schwer zu sein. Ohne vorherige Übung gelang sie den Versuchspersonen entweder nicht oder nur für Sekunden. Fantasievorstellungen erleben wir als Bewußtseinsinhalte, Wahrnehmungsgegenstände wegen der Dominanz der gewohnten Betrachtungsweise als Objekte der Außenwelt. Um die nicht-dominante Betrachtungsweise zu ermöglichen, muß vermutlich zunächst die Uminterpretation von Objekten in Perzepte eingeübt werden. Es ist zu hoffen, daß das mit der Zeit zu einem unmittelbaren Erleben der Wahrnehmungsgegenstände als Bewußtseinsinhalte führt - ohne den Umweg über deren prä-attentive automatische Interpretation als Objekt der Welt und eingeübte Rückinterpretation als Perzept. Wenn es gelingt, die Rückinterpretation ebenso zu überlernen wie die gewohnte Interpretation von Perzepten als Objekte, dann sollte es möglich sein, Perzepte nach Belieben abwechselnd sachgemäß als Perzepte oder zu Vorhersagezwecken nützlicherweise als Objekte zu erleben. Das vermutlich zeitaufwendige Erlernen der Rückinterpretation von Objekten als Perzepte wurde noch nicht systematisch erprobt. Ein andersartiger Selbstversuch macht den Autor optimistischer als seine im verangegangenen Absatz beschriebenen Erfahrungen mit Versuchspersonen. Zur Umgehung langwieriger Lernübungen hat er, dem eigenen Eindruck nach erfolgreich, mit einem zugegebenermaßen fraglichen autosuggestiven Verfahren zur Modifikation der Selbstidentifikation gearbeitet. Bei dem schien die sachgemäße Wahrnehmung von Perzepten als Bewußtseinsinhalte als Nebeneffekt von selbst abzufallen. Das Verfahren läßt sich als vorgestellte Icherweiterung (von einer kleinen Teilmenge der Bewußtseinsinhalte auf das gesamte Bewußtsein) beschreiben. Es handelt sich um eine Phantasie, die das vorgestellte Ich aus dem Körper führt, dann weiter über alle erlebten Wahrnehmungsgegenstände hinaus und noch weiter über die hier und jetzt nicht erlebten, jedoch vorstellbaren Dinge der Welt hinaus bis zur Menge aller denkbaren Bewußtseinsinhalte. Zu den überschrittenen Vorstellungen gehört das eigene Weltbild ebenso wie alternative Weltbilder, welche die im vorangegangenen Abschnitt genannten Wissenschaftler und Literaten sich und uns vorgestelt oder noch nicht vorgestellt haben - alles potentielle Inhalte des Bewußtseins. Ähnliche gelenkte Fantasien sind z. B. als Fantasiereisen aus Erlebnistherapien oder als Visualisierungen aus tantrischen Meditationsformen bekannt. Die Fantasie der Icherweiterung wurde zwar vom Autor als selbst eingeleitet, also autosuggestiv erlebt ( - vielleicht nur scheinbar, angesichts der neubelebten Diskussion über die Fiktivität der Selbstbestimmung, seit etwa andere mit neurophysiologischen Beobachtungsverfahren ausgestattete Personen eher wissen, wie sich eine Person entscheiden wird, als sie selbst, oder seit bekannt ist, daß durch Reizung unterschiedlicher Regionen des Gehirns Entscheidungen oder Verhaltensweisen beeinflußt wurden, obwohl sie von den Versuchspersonen als selbstgetroffen bzw. selbstgewollt erlebt wurden.) Es kam jedoch schnell zu einer Eigendynamik, die der Autor nicht mehr als selbst gesteuert erlebte. Sie ließ das Gefühl eines aktiven Ichs verschwinden, ähnlich wie in der Selbstvergessenheit bei der Betrachtung eines Films. Es wurden nur mehr Bewußtseinsinhalte passiv erlebt, unter ihnen ein Selbstbild, Selbstwahrnehmungen und Selbstgefühle, jedoch kein Selbst. Es ist zumindest denkbar, daß der Wechsel von der nützlichen dominanten zur sachgemäßen nicht-dominanten Betrachtungsweise des Vexierbildes "erlebte Welt" durch einen Wechsel der Selbstidentifikation erleichtert oder gar erst ermöglicht wird. Das würde die Lernaufgabe auf ein Identifikationsproblem reduzieren.

Das Erlebnis der aktiven Aufmerksamkeitszuwendung legt die Vorstellung eines agierenden Ichs jenseits der erlebten Bewußtseinsinhalte nahe, ähnlich dem DESCARTschen cogito ergo sum [ich denke, also bin ich. - wp] Zumindest sind wir es gewohnt, Aktionen einen Akteur zuzuschreiben. Das ist jedoch nicht erforderlich, denn als erlebte Aktionen gedeutete Bewußtseinsinhalte wie Aufmerksamkeitszuwendung können sparsamer als eine Teilmenge der erlebten Ereignisse gedeutet werden, die lediglich mit dem erlebten Bewußtseinsinhalt "eigene Aktivität" assoziiert sind. Damit bleibt man in der sachgemäßen nicht-dominanten Betrachtungsweise, ohne einen Akteur jenseits der erlebten Aktivität zu postulieren. Das ist ebenso wenig erforderlich wie die übliche Zuordnung eines Erlebers zu erlebten Bewußtseinsinhalten.)

Obwohl unterschiedliche Selbstidentifikationen mit der nicht-dominanten Betrachtungsweise vereinbar sind, wird das oben beschriebene selbsterprobte Verfahren der Icherweiterung vorerst nicht empfohlen, weil es als autosuggestive Methode zu Recht als manipulativ und künstlich empfunden werden kann. Darauf sollte erst zurückgegriffen werden, wenn rational einsichtigere Verfahren wie kognitives Training nicht oder weniger erfolgreich sind. Letztlich werden ohnehin am besten mehrere Verfahren zur Einübung der sachgemäßen nicht-dominanten Betrachtungsweise - nacheinander oder gleichzeitig, aber jedenfalls unabhängig voneinander - entwickelt und immer wieder hinsichtlich ihrer Effektivität miteinander verglichen.

War die Suche nach Verfahren zur Stärkung der nicht-dominanten Version des Vexierbildes "erlebte Welt" erfolgreich, dann stellt sich der psychologischen Forschung eine zweite Aufgabe: Es ist die Prüfung der Wirkungen, die eine kürzere oder längere Ausübung des Erlebens von Wahrnehmungsgegenständen als Bewußtseinsinhalte auf den Ausübenden hat, z. B. auf seine Lebenseinstellungen und -motivationen. Um selbsterfüllende Prophezeigungen zu vermeiden, werden hier keine Vermutungen dazu angestellt und Vorhersagen gemacht. Der Autor selbst ist mit einer ideologischen Voreinstellung in seine Selbstversuche eingestiegen und könnte deswegen atypische Erfahrungen gemacht haben. Auch hier ist eine Vielzahl von Unterschungen mit unterschiedlicher Zielsetzung und Methodik angezeigt. Damit vermeidet man vorschnelle Ergebnisse, die möglicherweise beeindrucken und deshalb die Vielseitigkeit der Suche beschränken. Es ist denkbar, daß sich bei verschiedenen Praktizierenden unterschiedliche Wirkungen einstellen, vielleicht nicht einmal mehrheitliche, sondern nur mehr oder weniger häufige. In diesem Fall läßt sich die Verschiedenheit der Wirkungen womöglich Merkmalen der ausgewählten Evaluationsmethoden, Lernmethoden, Versuchspersonen oder Rahmenbedingungen zuordnen.

Der vorliegende Text bezweckt, die Entwicklung und Evaluierung von Methoden zum Erlernen der sachgemäßen nicht-dominanten Betrachtungsweise der erlebten Welt anzuregen. Der Autor kann sie altersbedingt nicht mehr selbst durchführen.


MYSTIK.
Die absichtslose nicht-dominante Betrachtungsweise des Vexierbildes "erlebte Welt" ähnelt der Meditation oder kontemplativen Betrachtung. Das legt die Vermutung nahe, daß viele Meditations- und Kontemplationstechniken unter anderem auch die sachgemäße Auffassung der Wahrnehmungsgegenstände als Bewußtseinsinhalte bezwecken, zumindest als Zwischenziel oder wünschenswerten Nebeneffekt. Sie könnten daher als Ausgangspunkte für die Entwicklung psychologischer Verfahren zur Einübung der nicht-dominanten Betrachtungsweise gewählt werden oder zumindest Anregungen dafür geben. Die Psychologie könnte damit auf jahrhundertealte Erfahrungen zurückgreifen, ohne die Ergebnisoffenheit wissenschaftlicher Entwicklungen aufzugeben. Dabei könnte es sich als nützlich erweisen, religiöse Lehren, die auf mystischen Erfahrungen beruhen, frei und kreativ zu interpretieren und willkürliche nominale Definitionen für Begriffe der Mystik zu verwenden, die als Realdefinitionen innerhalb des jeweiligen religiösen Systems nicht zulässig sind. Der Vorteil der naturwissenschaftlichen Psychologie gegenüber religiösen Lehren und Praktiken der Meditation und Kontemplation liegt in ihrer Freiheit der pragmatischen Methodenvariation, ohne Bindung an ehrwürdige Traditionen, die ihrerseits ohnehin schon zahlreiche Meditationstechniken hervorgebracht haben.

Der Wechsel von der dominanten zur nicht-dominanten Betrachtungsweise der Wahrnehmungsgegenstände läßt sich als Rückzug aus der Welt in die geistige oder "spirituelle" Wirklichkeit des Bewußtseins interpretieren. Ein solcher Rückzug, der zugleich als Auszug aus der Enge der Orts- und Zeitgebundenheit der äußeren Welt in die innere Welt der unendlichen Menge aller vorstellbaren (und undenkbaren?) Bewußtseinsinhalte erlebt werden kann, wird von Mystikern mehr oder weniger ähnlich berichtet. Damit ist nicht der Rückzug von der Betriebsamkeit des Alltags in die Stille der Wüste, einer Einsiedelei oder eines Klosters gemeint. Der findet immer noch im Rahmen der dominanten Betrachtungsweise statt. Vielmehr entspricht der Wechsel von der dominanten zur nicht-dominanten Auffassung des Vexierbildes "erlebte Welt" dem Rückzug vom aktiven Leben, in dem sich die Theorie einer Welt jenseits des Bewußtseins für die Erreichung von Zielen nützlich oder notwendig erweist, in die absichtslose Kontemplation, die eine sachgemäße Betrachtungsweise der Wahrnehmungsgegenstände als Bewußtseinsinhalte erlaubt.

Es gibt Ähnlichkeiten von Überlegungen des Radikalen oder Gemäßigten Konstruktivismus und Erfahrungsberichten bzw. Lehren der Mystik, zumindest auf den ersten Blick: den Vorstellungen hinduistischer Saddhus zufolge ist die dominante Auffassung des Weltbildes als beständige Welt jenseits des Bewußtseins nicht nur unsachgemäß, sondern expressis verbis [noch deutlicher ausgedrückt, wp] eine als Mara bezeichnete Täuschung. Ihr zu erliegen bringe negative psychologische Folgen für den Betrachter - vor allem wohl, weil beständige Dinge Begehren und bei Nichterfüllung Frustration erzeugen. Der Radikale Konstruktivismus spricht von der Welt zwar nicht als Täuschung, doch als Erfindung des menschlichen Geistes und der Gemäßigte Konstruktivismus als Theorie, die nützlich für Vorhersagen aber schädlich wegen ihrer teilweisen Verdeckung der empirischen Wirklichkeit der Bewußtseinsinhalte ist. Wissenschaftliche Aussagen zu vergleichsweise wohltuenden oder abträglichen Konsequenzen der sachgemäßen nicht-dominanten und dominanten eine beständige Welt vortäuschende Betrachtungsweise lassen sich erst nach systematischen Evaluationsstudien treffen, d. h. nach einem Vergleich der psychologischen Befindlichkeit nach kürzerer oder längerer Ausübung, der nicht-dominanten Betrachtungsweise entweder ausschließlich oder im Wechsel mit der dominanten.

Die positivistische Mystik des Buddhismus betont neben ihrer Flüchtigkeit vor allem die Leere der Bewußtseinsinhalte, seien es Empfindungen, Gedanken oder Wahrnehmungsgegegnstände. Das gilt auch für Gedankenkonstruktionen wie z. B. das Welt- und Selbstbild. Um sich eine Vorstellung vom Begriff der Leere zu verschaffen, denke man am besten an ein Hologramm, allerdings so, als ob das Phänomen alle Sinnesorgane betreffen würde. Wenn man den Tastsinn nicht ernster nimmt, als den Sehsinn, dann läßt sich die Wahrnehmung eines handfesten Gegenstandes anstelle eines leeren Hologramms auch mit dem üblichen Argument "man kann ihn ja anfassen" nicht sicherstellen.

Der Unterschied zwischen der empirischen Wirklichkeit leerer Bewußtseinsinhalte und der theoretischen Wirklichkeit beständiger Gegenstände einer vermuteten Welt scheint dem Unterschied zwischen absoluter und relativer Wirklichkeit der Dinge in der Terminologie des Buddhismus zu entsprechen. Dem Wort Nirwana könnte man in der Terminologie des gemäßigten Konstruktivismus das Wort Bewußtsein zuordnen, d. h. die Potenzmenge der leeren Bewußtseinsinhalte. Es könnte aber auch die leere Menge gemeint sein. Der Wortgebrauch ist hier wohl, wie meist, nicht einheitlich. Im ersten Fall wäre das Nirwana bei aller Leere höchst bunt und inhaltsreich, im zweiten Fall einförmig und inhaltsleer.

Der Radikale Konstruktivismus ähnelt der Philosophie der Chittamatra-Schule [nur Geist-Schule, wp] der Gemäßigte Konstruktivismus der der Madhyamika-Schule [mittlerer Weg-Schule, wp] des Mahajana-Buddhismus. Wo die Chittamatra-Schule von der Unwirklichkeit der Welt spricht, redet der Radikale Konstruktivismus von einer Gedankenkonstruktion, d. h. Fiktion, wo die Madhyamika-Schule absichtlich mehrdeutig von weder Wirklichkeit noch Unwirklichkeit der Welt spricht, redet der Gemäßigte Konstruktivismus von sowohl Fiktivität als auch verläßlicher Vorhersagekraft der Theorie einer beständigen Welt.

Dem Ich oder Selbstbild wird in der nicht-dominanten Betrachtungsweise keine vom Weltbild und anderen Bewußtseinsinhalten verschiedene Realität jenseits des Bewußtseins zugesprochen. Ob diese Aufhebung der Verschiedenheit von Ich, Weltbild und anderen Bewußtseinsinhalten auch zur Aufhebung von Leiden führt, wie der Buddhismus lehrt, wäre als eine interessante Fragestellung bei der Evaluation der Wirkungen einer längeren Ausübung der nicht-dominanten Betrachtungsweise mitzuerheben.

Es mag sinnvoll sein, auf eine Identifikation zu verzichten, die zwischen icheigenen und ichfremden Bewußtseinsinhalten unterscheidet, obwohl sie beide selbsterlebt oder selbsterlebbar sind. Dann wird man sich entweder mit dem Bewußtsein als Ganzem oder mit seiner leeren Menge identifizieren. Notwendig für die nicht-dominante Betrachtungsweise ist diese Identifikation nicht. Man kann sich ebenso gut mit einer beliebigen als icheigen erlebten Teilmenge der Bewußtseinsinhalte identifizieren, ohne eine Realität jenseits des Bewußtseins zu unterstellen. Das kann geschehen, um Solipsismus [nur das eigene Ich ist wirklich - wp] oder Sine-ipsismus [Nicht-Selbstbefriedigung, wp] zu vermeiden, weil man sich nicht mit ichfremd erlebten Bewußtseinsinhalten identifizieren will, um andere Teilmengen mit anderen Personen zu identifizieren und sich so in Gesellschaft zu fühlen oder aus welchem Grund immer. In diesem Fall ist es nicht zwingend, aber auch nicht abwegig und aus Gewohnheit vielleicht naheliegend, mit dem gesamten Bewußtsein eine (andere) Person zu identifizieren. (Dabei scheint es keinen Unterschied zu machen, ob man sich die Gesamtheit der Bewußtseinsinhalte auf ein unendlich ausgedehntes Raum-Zeit-Kontinuum (oder Kontinuum beliebiger Dimensionalität) verteilt vorstellt oder zusammengezurrt auf ein ewiges Hier und Jetzt, in dem lediglich die Folge der manifesten Erlebnisse eine Art Zeit definiert.) Die Vorstellung einer Person als Menge von Bewußtseinsinhalten ist zwar möglich, aber zugegebenermaßen ungewohnt. Zumindest das Erleben und (teilweise) Veranlassen von Bewußtseinsinhalten wird Personen üblicherweise zugeschrieben, selbst wenn man in der nicht-dominanten Betrachtungsweise die Welt und Aktivitäten in der Welt ignoriert. Das Bewußtsein enthält definitionsgemäß alle manifesten und potentiellen Bewußtseinsinhalte als Elemente. Daher ist es verlockend und für den westlichen und mittelöstlichen Mystiker wohl üblich, sich die mit dem gesamten Bewußtsein identifizierte Person als Erleber von Bewußtseinsinhalten allwissend und als deren Veranlasser allmächtig vorzustellen und daher mit dem Wort "Gott" zu bezeichnen.

Mit der Einführung eines persönlichen Gottes wechselt der Mystiker jedoch schon in eine der dominanten analoge, fundamentalistische Betrachtungsweise, denn er schreibt Gott als Erleber und Veranlasser von Bewußtseinsinhalten eine Wirklichkeit jenseits der Bewußtseinsinhalte zu, die er selbst nicht erlebt, ebensowenig wie Gottes Erleben und Veranlassen von Bewußtseinsinhalten. Er kann daher die Richtigkeit dieser Zuschreibung nicht falsifizieren und folglich auch nicht verifizieren, sondern nur glauben. Ohnehin glaubt ein westlicher oder mittelöstlicher Mystiker in der Regel an Gott und verzichtet letztlich auf Zweifel, die er mangels eigenen Erlebens nicht beseitigen kann - mangels präziser, nachprüfbarer, aus dem Glauben hergeleiteter Vorhersagen über Gottes Wirken nicht einmal vorläufig. Je mehr Aussagen er über Gott macht und ihm damit weitere, meist menschliche Merkmale, d. h. situationsabhängige Verhaltensweisen zuschreibt, desto weiter gleitet er hinüber in eine fundamentalistische Betrachtungsweise mit nicht nachprüfbaren Glaubenssaussagen. Das gilt inbesondere, wenn er Gott als Schöpfer der Welt betrachtet, denn in diesem Fall übernimmt er sogar die dominante Betrachtungsweise der Wahrnehmungsgegenstände als Objekte der Welt mit einer zusätzlich mangels eigenen Erlebens nicht nachprüfbaren Schöpfungsannahme. Wenn er zudem wundergläubig ist und Gottes Wirken für unabhängig von den Regeln seiner Schöpfung hält, dann stellt er, zumindest punktuell, die Vorhersagekraft seines Weltbildes in Frage. Je mehr er über Gott schweigt, weil er sich seiner Religion gemäß kein Bild von dem auch als unbekannt bezeichneten Gott macht, desto weniger gerät er in die Gefahr des Fundamentalismus.

Die im Vorangegangenen besprochene Möglichkeit, sich im Rahmen der nicht-dominanten kontemplativen Betrachtungsweise mit verschiedenen Mengen der Bewußtseinsinhalte zu identifizieren, spricht für die Möglichkeit, daß sich der Mystiker zeitweise mit einer Teilmenge und zeitweise mit der Gesamtmenge aller Erlebnisse oder Bewußtseinsinhalte identifiziert. Wenn er zudem Gott wie besprochen mit dem gesamten Bewußtsein identifiziert, dann kann das von ihm als eine zeitweilige Trennung der eigenen Person von und zeitweilige Vereinigung mit Gott gedeutet werden, wie sie von westlichen oder mittelöstlichen religiösen Mystikern berichtet wird. Dabei dürfte (und sollte) der Mystiker beachten, daß er sich bei der Identifikation mit dem gesamten Bewußtsein als Erleber mit Gott als Erleber aller Bewußtseinsinhalte identifizieren kann, nicht jedoch als Veranlasser aller Bewußtseinsinhalte, denn das würde dem eigenen Erleben widersprechen und die destruktiven Folgen des extremen Solipsismus riskieren.

Mystiker sprechen besonders oft vom Wirken Gottes in der Seele. Sie könnten daher, zumindest hinsichtlich erlebter, eingebildeter oder nicht erlebter Gotteserfahrungen, ohne Glauben an die Welt jenseits des Bewußtseins auskommen, obwohl der ihre Gotteserfahrungen nicht stört. Unklar ist, wie weit sie zwischen Gottesbildern als Bewußtseinsinhalten und Gottes Wirklichkeit jenseits des Bewußtseins unterscheiden, die sie direkt oder indirekt zu erfahren meinen. Verschiedene Mystiker mögen oder ein Mystiker zu verschiedenen Zeitpunkten mag Gotteserfahrung so oder so verstehen. Ähnlich wie westliche Mystiker wegen der physikalischen, psychologischen, sozialen etc. Gesetzmäßigkeiten in Gottes Schöpfung betonen auch fernöstliche Mystiker mit der Idee des Karma eine Ursache-Wirkung-Regelhaftigkeit im Auftreten von Bewußtseinsinhalten - mehr als die westlichen unter Vermischung von Tatsachen und Werten. (Deterministische oder probalistische Regeln für Gottes zorniges, gerechtes, gnädiges oder liebevolles Wirken sind dem Autor nicht gegenwärtig, sei es aus mangelndem theologischen Wissen, sei es zu Recht, weil dem westlichen Gott freier Wille zugesprochen wird.) Aus der Karma-Idee lassen sich Vorhersagen über Ursache-Wirkung-Regeln herleiten, die mit psychologischen Verfahren überprüft werden könnten. Doch dem Autor sind keine genügend präzise formulierten bekannt, geschweige denn deren Überprüfungen anhand von Beobachtungen oder wenigstens Aussagen über Lebenserfahrungen. Der Karma-Gedanke erlaubt die direkte Verursachung von Bewußtseinsinhalten durch frühere Bewußtseinsinhalte, eventuelle mit zeitlicher Verzögerung. Er erfordert keine Wirklichkeit jenseits des Bewußtseins.

Fernöstliche Mystiker scheinen mit der Gesamtheit bzw. (Potenz-)Menge der potentiellen (und manifesten) Erlebnisse oder Bewußtseinsinhalte weniger prägnante Vorstellungen als die einer göttlichen Person zu verbinden, etwa die des eigenen Geistes (Atman), des Weltgeistes (Brahman), der letztendlichen Wirklichkeit (Nirwana) oder des Tao. Zumindest vom letzten wird eingangs des Tao Te King expressis verbis gesagt, daß man darüber nur falsche Aussagen machen kann. Dem möglicherweise fehlerhaften Eindruck des Autors zufolge sind sich fernöstliche Mystiker eher als westliche und mittelöstliche bewußt, daß es sich bei ihren Vorstellungen vom Atman, Brahman, Nirwana, Tao etc., ebenso wie beim Welt-, Selbst-, Menschen- oder Gottesbild des Westlers, um leere Bewußtseinsinhalte handelt, mögen sie noch so voll mit Bedeutung (Assoziationen) bepackt sein.


Zusammenfassung
Wir erleben Wahrnehmungsgegenstände (percepts) automatisch als Gegenstände der Welt. Kognitive Trainingsmethoden sollten uns ermöglichen, sie als Bewußtseinsinhalte wahrzunehmen, denn das sind sie. Anscheinend können das manche Mystiker.

LITERATUR - Hans Christoph Micko, Gemäßigter Konstruktivismus: Die Welt als vorhersagekräftige theoretische Fiktion, e-Journal Philosophie der Psychologie, Nr. 13, Dez. 2009, ISSN 1813-7784
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