ra-2 Rationales und irrationales ErkennenRobert Reininger    
 
RICHARD MÜLLER-FREIENFELS
Grundzüge einer neuen Wertlehre
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"Für die Wertung als seelischen Vorgang ist, wie gesagt, der Gegenstand nur  Bewußtseinsinhalt.  Er kann uns als  reine Empfindung  gegeben sein, (als Ton in der Musik oder Farbe in der bildenden Kunst), obwohl wir natürlich bedenken müssen, daß die  Reinheit  dieser Empfindungen nur durch einen Abstraktionsprozeß erreicht, nicht etwa  gegeben  ist."

"Ich nenne ein Ding, etwa das Buch, das vor mir liegt,  grün,  weil es in den meisten Fällen bei Tageslicht so aussieht, obwohl es bei Lampenlicht blau, in der Dämmerung grau und bei verschiedenen Beleuchtungen wieder andes aussieht. Trotzdem schreibe ich dem Buch meine  durchschnittliche  Grünempfindung als eine Eigenschaft zu, ich  objektiviere  sie."

Kapitel II.
Psychologie des Wertsubjekts

1. Es liegt im Begriff des Wertes (wenigstens so, wie die Sprache dieses Wort verwendet), daß er ein  Wert für ein Subjekt  ist. Wo von Wert die Rede ist, muß ein wertendes Subjekt vorhanden sein oder wenigstens stillschweigend angenommen werden. Ein "Wert ansich", ein Wert, der von niemandem als Wert erlebt wird, ist ein Unding. (Wir werden allerdings später vom Versuch einiger Philosophen sprechen, doch einen solchen absoluten Wert, einen Wert ansich, aufzustellen.) Vorläufig steht für uns fest, daß der Wert als empirische Tatsache stets ein  relativer  Wert, ein  Wert für jemand ist.  Dieses Subjekt, für das etwas von Wert ist, heißt das  Wertsubjekt. 

Nun ist uns bereits in den bisherigen Untersuchungen entgegengetreten, daß das stellungnehmende Subjekt für Wertgrundlage und Wertsetzung nicht immer dasselbe ist und in der Tat besteht eine solche Spaltung des Wertsubjekts sehr häuft. Diese aber ist nur ein Spezialfall einer allgemeiner, nicht auf das Wertungsphänomen allein beschränkten psychologischen Tatsache:  der Spaltung der Subjektivität überhaupt. (1)

Das Verständnis dieser so überaus häufigen, wenn auch in der Wissenschaft verhältnismäßig wenig beachteten Tatsache ist unumgängliche Voraussetzung für das Verständnis der Wertprobleme. Sie besteht, kurz gesagt, darin, daß im gleichen "Individuum" nicht immer die gleiche Subjektivität wirksam ist, daß vielmehr sowohl nacheinander als nebeneinander ganz verschiedene Subjektivitäten im gleichen Individuum bestehen können. Man redet bei jenen pathologischen Fällen, in denen sich das Spaltungsphänomen besonders scharf ausgeprägt, von  sukzedierender  und  simultaner  Spaltung. Indessen ist zu beachten, daß auch im normalen Seelenleben derartige Spaltungsphänomene beständig in Erscheinung treten.

Unsere Subjektivität nämlich ist fortwährendem Wechsel unterworfen. Fast in jedem Augenblick wandelt sie sich und nicht nur der  Inhalt  des Fühlen und Begehrens wechselt, auch die  Art  desselben. Infolgedessen können wir sehr wohl sagen, daß es verschiedene Erlebnissubjekt sind, die sich innerhalb der gleichen Individualität folgen. Nur sehr grobschlächtige Selbstbeobachtung kann finden, daß wir am Abend genauso erlebten, wie am Morgen, daß wir bei gutem Wetter die gleichen Gefühle und Begehrungen hätten, wie bei schlechtem. Feinere Analyse wird stets feststellen, daß eine absolute Gleichheit der Persönlichkeit zu verschiedenen Zeiten niemals besteht. Und selbst im gleichen Augenblick ringen oft ganz verschiedene Stellungnahmen um die Herrschaft; wir schwanken oft zwischen Wollen und Nichtwolen, zwischen Lust und Unlust, was alles nur darauf zurückzuführen ist, daß verschiedene Subjektszustände innerhalb der gleichen Individualität nebeneinander bestehen. Wir nennen diese rasch wechselnden, einander ablösenden und bekämpfenden Zustände des Ich:  Momentansubjekte. 

Dabei brauchen wir jede dieser Momentansubjektivitäten nicht immer als unsere "eigenen" zu erleben, wir können unserem eigenen Ich fremde Ichvorstellungen wie Maskengewänder überziehen und nun aus diesem fremden Persönlichkeitsbewußtsein heraus fühlen und werten. Beim Lesen einer Dichtung z. B. identifizieren sich viele Leser oft so vollständig mit einer oder gar mehreren Personen des Kunstwerks, daß sie sogar im Leben noch dem fremden Persönlichkeitsbewußtsein unterliegen. Alle die zahlreichen, neuerdings als "Einfühlungsphänomene" beschriebenen Tatsachen gehören hierher. Oft fühlen wir unsere Subjektivität in fremde Iche und selbst in Gegenstände ein, ebenso wie wir fremde Subjektivitäten in uns selbst verlegen.

Oft abstrahieren wir auch von einem Teil unseres Ich. Wir fühlen in manchen Augenblicken nur als Deutsche oder nur als Angehörige eines Standes, einer Religion, einer Partei. Wir vermögen uns auch nur als "Menschen schlechthin", ja als "erkenntnistheoretische Subjekte" zu denken und zu fühlen. Besonders wichtig ist dabei jene fiktive Ichvorstellung, die wir unseren momentanen Zuständen als Einheit überordnen, die uns später als Einheitssubjekt oder Idealsubjekt genauer beschäftigen wird.

Jede dieser mannigfachen Subjektivitäten äußert sich nun in ihren eigenen Stellungnahmen. Je nach der gerade dominierenden Subjektivität fühlt, will, handelt der "gleiche" Mensch völlig verschieden. Kein Wunder also, daß auch die Wertungsphänomene diesem Wechsel unterliegen und nur begriffen werden können, wenn man den Spaltungserscheinungen Rechnung trägt.

Wir können von den zahllosen Möglichkeiten, die sich auf diese Weise ergeben, natürlich nur einige besonders hervortretende und typische Fälle herausheben, von denen aus sich auch auf die übrigen Fälle Licht ergießt.

2. Beginnen wir mit dem am häufigsten vorkommenden Fall:  der Spaltung des Persönlichkeitsbewußtseins in das Momentansubjekt einerseits und das Einheitssubjekt, das auch das Idealsubjekt sein kann, andererseits. 

Was ist dieses "Einheitssubjekt"? Es ist die Vorstellung, die sich jeder Mensch, mehr oder weniger deutlich von sich selbst bildet, die Vorstellung eines einheitlichen, im Wechsel beharrenden "wahren" Ich, das neben oder (wenn man will) über den Momentansubjekten besteht. Ich habe an anderer Stelle nachgewiesen, daß die streng durchgeführte Analyse eines solchen "Einheitssubjektes" als Realität nicht nachweisen kann, daß dieses nur eine Fiktion, allerdings eine für das Leben äußerst wichtige Fiktion ist. Denn sie gestattet es dem Individuum, sich selber als Konstante zu nehmen. Daß dieses Einheitssubjekt dem "substantiellen Ich", dem realen "Träger" aller Erlebnisse entspreche, ist natürlich ebenfalls nur eine Fiktion.

Dieses "Einheitssubjekt" ist jedoch keineswegs ein "Durchschnittssubjekt", das aus einer Zusammenfassung der Momentansubjekte errechnet wäre; im Gegenteil, es unterscheidet sich von diesen realen Zuständen sehr wesentlich dadurch, daß es "idealisiert" ist, d.h. jeder trägt ein Bild dessen, was er sein  möchte,  als Einheitsvorstellung mit sich herum. Wirkliche Selbsterkenntnis ist bei der Fülle der Zustände gar nicht durchführbar: in jener schillernden und schemenhaften Vorstellung, die jeder Mensch von sich bildet, mischen sich daher oft in grotesker Weise Züge dessen, wozu die Grundlagen wirklich vorhanden sind, und solche Züge, deren Grundlagen eben nicht vorhanden sind, sondern gerade darum erstrebt werden. Dieses "wahre" Ich ist meist sehr stark durch Wünsche gefärbt, was auch der Sinn des bekannten Ausspruches ist, daß man nirgends soviel zu lügen pflege, als vor dem eigenen Spiegel. Wir gehen jedoch diesem Problem des "wahren" Ich hier nicht weiter nach, obwohl sich eine Menge seltsamer Komplikationen daran knüpfen. (2)

Für uns ist nur wesentlich, daß gerade dieses "Einheitssubjekt" für den Dualismums zwischen Wertgrundlage und Wertsetzung besonders bedeutsam ist, da der typischste Fall dieses Dualismus eben der ist, daß wir die  Wertgrundlage  mit unserem  Momentan subjekt erleben, während wir aus dem  Einheits subjekt heraus den  Wert setzen.  Es kann nun sein (und das ist der Fall der  einheitlichen  Wertung), daß die Wertsetzung des Ideal-Ich die Wertgrundlage, die das Momentansubjekt erlebt, bejaht. Das ist jedoch keineswegs immer der Fall Sehr oft kommt es vor, daß das Ideal-Ich die Stellungnahme des Momentan-Ich verurteilen muß. Hierfür ist typisch der moralische Wertkonflikt. Auch der tugendhafteste Mensch erlebt in sich Zustände, aus denen heraus er eine verbotene Frucht begehrt. Dieses Begehren ist die Stellungnahme des Momentansubjekts. Vom Ideal-Subjekt kann jedoch dieses Begehren nicht anerkannt werden. Aus eingeprägter Gewohnheit oder angeborenem moralischen Takt heraus lehnt das ideale Einheitssubjekt das Begehren des Momentansubjekts ab.

Bekanntlich will KANT, wenigstens so wie ihn SCHILLERs Distichon versteht, nur jene Handlung als moralisch gelten lassen, wo die Wertsetzung des Idealsubjekts über das Momentan-Subjekt nach einem Konflikt triumphiert. Eine nichtrigoristische Anschauung wird gerade umgekehrt urteilen, daß derjenige Mensch der wahrhaft moralische sei, bei dem solche Wertkonflikte möglichst selten eintreten, weil seine Momentanzustände nicht so sehr vom Ideal-Subjekt differieren, vorausgesetzt natürlich, daß er seine Wertsetzungen überhaupt durch ein Ideal-Ich empfängt und nicht jeder Momentanstimmung widerstandslos unterliegt.

Es wäre indessen ganz falsch, das "Einheitssubjekt" für den reinen Ausdruck der Individualität anzusehen. Im Gegenteil, soweit es Zusammenfassung und Verkörperung dessen ist, was das Individuum sein  möchte,  nimmt es vieles Nichtindividuelle und Anderindividuelle auf. Denn, wie wir schon sahen, ist gerade das Einheitssubjekt auch Träger  übernommener  Wertsetzungen. Indem es "Idealsubjekt" ist, gründet es sich gerade auf Unterdrückung der vom Momentansubjekt erlebten Gefühle und Begehrungen, denen es andere Wertungen überordnet.

3. Indem also im fiktiven "Einheitssubjekt" die individuellen Momentanwertungen zurückgedrängt werden, nähert sich das Einheitssubjekt dem "Normalsubjekt", das völlig jenseits aller individuellen Besonderungen steht. Man beachte dabei den Doppelsinn, der dem Begriff "Norm" und "Normal" anhaftet: einmal bedeuten diese Begriffe dasjenige, was sein  soll,  andrerseits aber auch das, was als Allgemeinheit jenseits aller Individuation ist. Indem wir behaupten, jeder Mensch  solle  allgemeingültig so werten, wie wir es in allgemeinen Wertsetzungen fordern, machen wir die Voraussetzung, daß er auch so werten  könne,  d. h. daß der Möglichkeit nach in ihm ein Wertsubjekt bestünde, das die Wertgrundlage jener Wertsetzungen zu erleben vermöchte. Ohne daß man immer daran denkt, setzt jedes allgemeine Werturteil die Existenz eines allgemeinen "Normalsubjekts" voraus. Bekanntlich nähert die KANTsche Ethik das "Ideal-Ich" sehr stark dem "Normal-Ich" an, worauf schon die Formulierung des kategorischen Imperativs hinweist, die eben das moralisch Wertvolle den allgemeingültigen Wertsetzungen entsprechen läßt, die natürlich nur Sinn haben, wenn sie als Fortsetzungen eines Normalsubjektes, das in jedem Individuum als vorhanden gedacht wird, in Erscheinung treten. Desgleichen haben die "allgemeingültigen" ästhetischen Wertsetzungen nur dann Sinn, wenn auch ein "allgemeines", d. h. ein Normalsubjekt hinzugedacht wird.

Bei der Formulierung solcher "allgemeingültigen" Urteile ist jedoch wohl niemals nachgeprüft worden, ob das vorauszusetzende "Normal-Ich" auch existiert, ob also wirklich jeder Mensch in sich die Wertgrundlagen solcher "allgemeinen" Wertsetzungen auch zu erleben vermag. Gehen wir dieser Frage nach, so müssen wir feststellen, daß das nicht der Fall ist, daß ein solches "Normal-Ich" eine  Abstraktion  ist, aber keine Wirklichkeit. Als Abstraktion kann es wohl den Charakter einer brauchbaren Fiktion haben, aber nicht mehr.

Daß die allgemeingültigen Wertsetzungen Forderungen ins Leere hinaus sind, ist leicht schon durch die Tatsache zu erweisen, daß jeder solchen Wertsetzung entgegengesetzte, mit dem gleichen Anspruch auf Allgemeingültigkeit auftretende gegenüberzustellen sind und daß es außerdem für jede eine Unzahl von Individuen gibt, die nicht die Wertgrundlage dazu erleben können.

Historisch-psychologisch läßt sich ferner erweisen, daß fast alle "allgemeingültigen" Wertungen sich unverkennbar als Auswirkungen individueller Besonderheiten zu erkennen geben, wenn diese auch meist etwas verwischt sind. Alle historisch bisher aufgestellten Allgemeingültigkeiten stellen sich, aus gewisser Distanz gesehen, nur als Verallgemeinerungen ganz bestimmter Subjektivitäten dar, die stets nur eine relative, niemals eine absolute Allgemeingültigkeit erreichen.

Wenn wir die Kunst des Phidias als "wertvoll" beurteilen, so meinen wir nicht, daß sie nur für unsere Individualität allein (auch nicht bloß für das fiktive "Einheitssubjekt" unserer Zustände) wertvoll sei. Als wertenden Subjekt denken wir dabei eben nicht die Individualität, weder die momentane noch die typisierte, sondern ein jenseits aller Individualitäten bestehendes Normalsubjekt, ein allgemein menschliches Ich. Daß ein solches allgemeines Subjekt jedem allgemeinen Werturteil zugrunde liegt, wird oft völlig übersehen. So hielt die traditionelle Ästhetik z. B. die klassische Wertung und damit das klassische Idealsubjekt für das normierende Allgemein-Ich und übersah, daß damit nur  eine,  wenn auch verbreitete Besonderheit fälschlich verallgemeinert wurde. Daher kamen auch jene grotesken Ungerechtigkeiten, die alle nichtklassischen Stile, etwa die Gotik oder das Barock, verdammten, weil diese eine ganz andere Subjektivität für ihre Wertungen voraussetzten. Man muß sich endlich darüber klar werden, daß die klassische Kunst nur für die klassische Subjektivität wertvoll ist, eine bestimmte Erlebnisweise ist, für die die gotische Kunst oder die Barockkunst REMBRANDTs strenggenommen keine Werte sein können. Andererseits sind die gotischen oder die barocken Kunstwerke Werte ganz eigener Art und zwar für Subjektivitäten, die, ohne klassisch oder ganz "normal" zu sein, doch sehr verbreitet waren und an Verbreitung und innerer Geschlossenheit der klassischen Subjektivität keineswegs nachstehen. Daß die Relativität der klassischen Wertung übersehen werden konnte, liegt zum Teil darin begründet, daß jedes Ich eine gewisse Schwingungsweite hat und sich bis zu einem gewissen Grad in fremde Subjektivitäten einzleben vermag, also auch die klassische Wertung nacherleben kann. Man darf jedoch nicht vergessen, daß es auch Zeiten hoher künstlerischer Kultur gegeben hat, welche die klassische Wertung niemals zu übernehmen vermochten.

Wir finden ähnliches auf dem Gebiet der Ethik. Auch die ethischen Werte sind Werte nur für Subjekte und zwar nur für solche Individuen, die ihr Erleben den übernommenen Wertsetzungen anpassen. Wenn die ethische Wertung des Christentums, sagen wir genauer die der Bergpredigt, verallgemeinert wird und der Anspruch erhoben wird, diese Wertungen seien  die  ethischen Wertungen schlechthin, so übersieht man dabei, daß es Indidividuen gibt, die sich ihrer ganzen Art nach jene Wertung unmöglich zueigen machen können. Der "Christ" als wertender Typus ist keineswegs das Normalsubjekt; vielmehr ist die Geschichte des Christentums der beste Beweis, daß sich innerhalb der traditionellen christlichen Wertung beständig Umwerter geregt haben, d. h. Persönlichkeiten ganz unchristlicher Art, die aller Tradition zum Trotz  ihre  Wertung durchgesetzt haben. Es ist ganz richtig, daß man, um die christliche Wertung ganz zu eigen zu haben, aufs neue geboren werden, d. h. ein Mensch des "christlichen" Typus werden muß. Aber es ist eine ganz andere Frage, ob das möglich ist, ob wirklich der "Christ" das Normalsubjekt ist, das aus jeder menschlichen Persönlichkeit herausdestilliert werden kann. Uns scheint, die Geschichte hat bereits zur Genüge die Unmöglichkeit erwiesen, aus jedem Menschen einen Christen zu machen oder vielmehr den vorausgesetzten christusähnlichen Kern in jeder menschlichen Persönlichkeit herauszuarbeiten.

Wir ziehen aus dem allen den Schluß, daß es ein unmögliches Verfahren ist, ein allgemeinmenschliches Wertsubjekt, das als "normal" gelten könne, de facto herauszuarbeiten. Allerdings kann jede Persönlichkeit gewisse individuelle Besonderheiten zurückdrängen, kann aus seiner Subjektivität heraus werten, die in gewissem Sinne entindividualisiert ist. Wir zeigten in der "klassischen", der "gotischen", der "barocken" Subjektivität bereits typische Fälle solcher überindividueller Wertsubjekt auf. Ein wirkliches, allgemeinmenschliches Normalsubjektwird auf diese Weise jedoch nicht erreicht. Im Gegenteil, es läßt sich nachweisen, daß sich auch noch die abstraktesten Allgemeinwertungen als nur zu Unrecht verallgemeinerte individuelle Wertungen erweisen lassen. Selbst die Ethik KANTs, die mit bewundernswerter Energie bis zu einer allgemein menschlichen, alles Individuelle hinter sich lassenden Wertung vordringen will, kann doch ihren anthropologischen Ursprung nicht verleugnen und der kategorische Imperativ weist unverkennbar die Züge der Individualität ihres Urhebers ebenso wie die Züge seiner Nation und seiner Zeit auf.

Vom "Normalsubjekt" aus schreitet die Abstraktion häufig noch weiter bis zu einem  absoluten  Subjekt. Wenn nämlich alle Subjekte im tiefsten gleich sind, so scheint es möglich, sie aus der Rechnung überhaupt auszuschalten. Wenn es Dinge gibt, die  allen  Subjekten notwendig gefallen müssen, so braucht man das Subjekt überhaupt nicht mehr in die Rechnung zu setzen; es fällt als eine Selbstverständlichkeit heraus. Man kann dann die Schönheit als eine von jeglichem Subjekt unabhängige "Eigenschaft der Dinge" hinstellen. In der Tat wird dieser Schritt von der Normalisierung zur Absolutsetzung der Werte oft genug vollzogen. Er bleibt aber doch ein logischer Fehler, weil eben die vorausgesetzte Gleichheit der Subjekte faktisch gar nicht besteht. Im einzelnen unterscheiden sich übrigens die absoluten Werttheorien voneinander. Während manche Theoretiker den Subjektbegriff ganz ausschalten und nur in einem unpersönlichen, abstrakten "Sollen" die Werte verwurzelt finden, gehen andere Absolutisten nicht ganz soweit, sondern führen ein hypothetisches "Über-Ich" ein, das "Willen" ist und zwar ein "Allwillen", der sich in der Menschheit verwirklicht. Darauf, daß in diesem Begriff des "Über-Ich" ein abstraktes "Menschheit-Ich" und ein noch über das Menschliche hinaus greifendes "All-Ich" zusammengeworfen werden, kommen wir später zurück, wie denn überhaupt die Fragen der Wertabsolutierung uns noch oft beschäftigen werden. Hier galt es uns nur, von der Subjektseite aus den psychologischen Prozeß der Absolutsetzung verständlich zu machen, den wir als fiktive "Einklammerung" des Subjektsbegriffes bis zu einem gewissen Grad gelten lassen können, der jedoch zum groben logischen Fehler wird, wenn man jene "Einklammerung" für eine wirkliche Ausschaltung nimmt.

4. Wenn wir daher auch bestreiten, daß sich ein allgemein-menschliches Wertsubjekt als "Normalsubjekt" herstellen läßt, so erkennen wir doch an, daß es überindividuelle Subjektivitäten gibt, die zwar nicht Normalcharakter haben, aber doch sehr verbreitete, individuelle Wertungen begründen. Als solche ergeben sich uns vor allem die  national  und  die zeitlich verbreiteten Wertungen,  die sich in den nationalen oder zeitlichen Sittenbegriffen, den nationalen oder zeitlichen Schönheitsbegriffen usw. kristallisieren. In jedem Individuum besteht neben oder über seiner individuellen Erlebnisweise ein solches Subjekt, das die Wertsetzungen seiner Zeit und seiner Nation übernommen hat und aus dieser nationalen oder zeitlichen Subjektivität heraus wertet. Auch die ausgesprochensten Persönlichkeiten sind doch Kinder ihrer Zeit, d. h. sie übernehmen Wertsetzungen, die sie nicht als Individuen, die sie als Angehörige ihres Jahrhunderts bilden. Es greift gleichsam ein überindividuelles Subjekt durch die Einzelsubjekte hindurch. Natürlich handelt es sich um eine bloße Fiktion, nicht um eine reale Einheit, wenn wir von derartigen überindividuellen Subjekten reden, aber sie lassen sich doch ziemlich genau bestimmen, ähnlich wie individuelle Charaktere.

So kann man von "dem Deutschen", "dem Franzosen", "dem Engländer" sprechen, fiktiven Überpersönlichkeiten, deren Stellungnahmen und Wertungen sich in den meisten Individuen ihres Bereichs geltend machen.

Auch für zeitlich umschriebene Zusammenhänge hat man solche fiktiven Subjekte konstruiert. So wird es neuerdings immer mehr Brauch, von "dem antiken Menschen", "dem mittelalterlichen Menschen", "dem Renaissance-Menschen" zu reden. Und jede dieser Fiktionen, die, wenn auch keine Substanzialität, so doch eine Wirkungsrealität haben, prägt ihre eigenen Wertungen aus, die sich in fast allen ihr zugehörigen Individuen wiederfinden.

Als Beispiel eines solchen überindividuellen Subjekts können auch Typen dienen, wie sie WERNER SOMBART z. B. in seinem "BOURGEOIS" beschrieben hat. Er bezieht nämlich die einzelnen Züge, die er im Wirtschaftsleben beobachtet, auf ein "gedachtes Wirtschaftssubjekt", und kennzeichnet damit einen bestimmten Typ, dem die einzelnen Bewußtseinsinhalte oder der Komplex von Bewußtseinsinhalten als psychologische Eigenschaften von uns verliehen werden. (3)

Derartige Fiktionen scheinen uns bedeutsamer zu sein, als die allzu blasse und konsequent niemals durchgeführte Fiktion des "Normalmenschen", die wir oben ablehnten.

5. Bei allen bisher erörterten Wertungen, die wir als überindividuell ansprachen, handelte es sich um eine Überwindung der Individualität in dem Sinne, daß einzelne Züge zurückgedrängt werden, daß aber trotz allem die Individualität nicht ganz aufgehoben wurde, sondern in ihrer Selbständigkeit erhalten blieb.

Wir kommen nunmehr zu einem Typus von Wertungen und Wertsubjekten, bei dem das Individuelle noch viel stärker zurückgedrängt wird und die Individuen unselbständige Teile werden von Gemeinschaften, in denen sie wirklich bis zu einem gewissen Grad aufgehoben sind. Wir meinen die  sozialen  Wertungen und die  sozialen  Subjekte. Handelte es sich bei den bisher besprochenen Fällen um eine Summierung von Individuen, wobei diese erhalten bleiben, so handelt es sich jetzt um Neubildungen, in denen das Individuelle wirklich aufgeht, ähnlich wie die Elemente in einer chemischen Verbindung.

Die sozialen Subjekte, die wir meinen, sind Gebilde mit Bedürfnissen, Begehrungen und Stellungnahmen, die nicht in den jene Gebilde zusammensetzenden Individuen zentriert sind, sondern in etwas, was "zwischen" diesen liegt. Natürlich sind auch diese "sozialen Subjekte" nicht metaphysisch zu denken. Die Subjektivität ist fiktiv. Indessen wirkens sie, "als ob" einheitliche Subjekte hinter ihnen stünden.

Wenn wir von solchen sozialen Subjekten sprechen, so meinen wir Einheiten, die zwar aus Individuen bestehen, in denen jedoch die Individuen in solcher Weise zusammengeschlossen sind, daß ein Ganzes entsteht, das ein eigenes Leben mit eigenen Lebensbedingungen führt, die denen der in das Ganze eingehenden Individuen nicht gleich sind, sich ihnen vielmehr überordnen, so daß sie sogar die der Individuen unterdrücken können. Als solche überindividuelle Subjekte gelten uns alle  Vergesellschaften; die Ehe, die Familie, der Klan, der Staat, die überstaatlich Kulturgemeinschaft.  Sie können ein bloßes räumliches Nebeneinander umfassen, umspannen aber in der Regel auch ein zeitliches Nacheinander von Individuen.

Wir können an dieser Stelle natürlich nicht in die Besprechung der mannigfachen Theorien eintreten, die man über das Wesen der Vergesellschaftungen aufgestellt hat. Wie weit die Bezeichnung "Organismus" für eine Gesellschaft Geltung haben kann, soll hier nicht entschieden werden. Wir stellen nur fest, daß jede Gesellschaft im oben umrissenen Sinne ihre besonderen Willenstendenzen und Bedürfnisse hat und somit als wertsetzendes Subjekt gelten kann.

Doch soll hier nicht für jede Gesellschaftsform ihre Wertung analysiert werden. Nur an einem typischen Fall werden wir das Verhältnis der überindividuellen Wertungen zu den Wertungen der Individuen beleuchten. Und zwar wählen wir zu diesem Zweck den "Staat".

Gerade beim Staat tritt ja die Überordnung der sozialen Wertungen über die individuellen am deutlichsten hervor, da hier sogar die Opferung des Einzellebens zugunsten der sozialen Werte rücksichtslos gefordert wird. Gerade an diesem Beispiel zeigt es sich auch am deutlichsten, daß die Gesellschaft nicht bloß eine Summe von Individuen ist und daß also auch die soziale Wertung nicht bloß die Summierung individueller Wertungen sein kann. Es wäre vollkommen irrtümlich, die Lebensbedürfnisse des Staates auf die Lebensbedürfnisse der Individuen zurückführen zu wollen, wie das manche Theoretiker versucht haben. Gewiß sind die einzelnen Staaten nicht ganz gleich darin, in welchem Grad sie die Unterordnung der Individuen unter das Staatsinteresse verlangen; aber auch der "liberalste" Staat, d. h. derjenige, der den individuellen Wertungen die größten Rechte zubilligt, ist in seiner Gesamtheit doch etwas anderes, als die Summe seiner Staatsbürger und kann in Lagen kommen, wo er ebenfalls das Opfer des Lebens seiner Bürger verlangen muß.

So ist England, das im Frieden dem Individuum verhältnismäßig große Rechte einräumte, durch den jetzigen Krieg gezwungen worden, fast alle jene Beschränkungen und Unterdrückungen der individuellen Wertungen eintreten zu lassen, die weniger "liberale" Staaten, wie Deutschland z. B., immer geübt hatten.

Bleiben wir bei Deutschland, so zeigt sich hier deutlich, wie die staatlichen Bedürfnisse und Willenstendenzen sich denen der Individuen überordnen und zu Wertungen eigener Art führen. Daß Deutschland seinen "Platz an der Sonne" behauptet, daß es das freie Meer gewinnt, daß es Elsaß-Lothringen besitzt, alles das sind Werte, die für die weitaus größte Mehrzahl seiner Bürger individuell ziemlich gleichgültig sind. Es wäre durchaus denkbar, daß die Mehrzahl der Bürger auch ohne Elsaß-Lothringen und ohne Kolonien individuell ebensogut bestehen und sich entwickeln könnte; diejenigen, deren Existenz durch jene Errungenschaften persönlich direkt oder indirekt gefördert wird, sind auf jeden Fall eine Minderheit. Und dennoch sind jene Wertungen notwendig bedingt, müssen durch Opferung von Millionen Individuen verteidigt oder erstritten werden. Wenn manche Theoretiker, die die Staatsidee in ihren überindividuellen Lebensbedingungen nicht begreifen und anerkennen wollen, das ausrechnen und unter Hinweis auf die individuelle Wertung es abändern wollen, so zeigt das, daß sie die überindividuelle Wesenheit des Staates eben nicht begriffen haben. Jene Wertungen sind keineswegs Willkürlichkeiten einiger beherrschenden Individuen, nein, diese scheinbar herrschenden Individuen sind vielmehr die Träger von Tendenzen ganz überindividueller Natur, welche sich ihrerseits andere Träger schaffen würden, selbst wenn jene herrschenden Individuen sich ihnen entziehen wollten.

Der Grund liegt darin, daß der Staat in seiner Gesamtheit seine eigenen, den individuellen Bedürfnissen übergeordnete Bedürfnisse und Willenstendenzen hat, die nicht der Willkür einzelner Menschen entspringen, sondern den Lebensbedingungen eben jener Gesamtheit. Diese Bedürfnisse und Tendenzen aber schaffen auch ihre eigenen Werte.

Es mag zu Propagandazwecken nützlich sein, diese sozialen Werte individuell zu begründen; man mag also den Leuten vorrechnen, es wäre für jeden Einzelnen wertvoll, daß Elsaß-Lothringen oder Kurland deutsch würden; die wahre Begründung trifft man natürlich nicht durch solche Erörterungen. Diese ist vielmehr die, daß nicht der Einzelbürger, sondern der Staat in seiner Gesamtheit jene Grenzländer braucht, wobei wir natürlich zugeben, daß auch diese Wertungen irrtümlich sein können, daß sie dem wahren Interesse des Staates in Wirklichkeit mehr schaden als nützen können; aber auch das ist nicht durch individuelle Wertungen zu begründen, nur aus den Interessen der Gesamtheit heraus. Wir können hier die Notwendigkeit jener staatlichen Wertung nicht in allen Einzelheiten darlegen, wir können nur hindeuten darauf, daß jeder Staat als Ganzes Rücksichten zu nehmen hat auf die anderen Staaten, die ebenfalls ihre, mit den seinen vielfach konkurrierenden Bedürfnisse haben. Diese Rücksichten können in der Sicherung der Grenzen, in einer Mehrung der eigenen Macht und einer eben dadurch bedingten Minderung der Macht des Konkurrenten liegen (der Fall Elsaß-Lothringen), sie können in der Erwerbung von Auswanderungsgebieten und Rohstoffe produzierender Länder liegen (das Problem der Kolonien), sie können ganz allgemein in der Bewegungs- und Erwerbsfreiheit liegen (die Frage der Seeherrschaft). Stets sind jedoch diese Wertungen nur aus dem Lebenswillen des ganzen Staates, nicht aber aus dem aller oder auch nur der Mehrzahl seiner Bürger zu begründen. Ese ist das überindividuelle Subjekt "Staat", nicht die Summe der individuellen Subjekte, das jene Wertsetzungen bedingt. Und es ist dabei auch zu bedenken, daß der Staat nicht bloß das gegenwärtige Nebeneinander der zeitgenössischen Individuen umfaßt; er handelt zugleich auch im Interesse seiner eigenen Zukunft, da er auch eine in der Dimension der Zeit ausgedehnte Wesenheit ist und auch in dieser Hinsicht über die Bedürfnisse des Einzelmenschen hinausschreitet.

Die sozialen Wertsetzungen sind aber für das erlebende Individuum stets übernommene Wertsetzungen. Es kann sein, daß die individuelle Wertgrundlage der sozialen parallel läuft (grob gesprochen: im Fall des Munitionsfabrikanten), es kann aber auch zum Konflikt kommen und in diesem Fall pflegt sich die soziale Wertsetzung mit Zwang durchzusetzen und dieser Zwangscharakter ist sehr charakteristisch für die sozialen Werte.

Sehr oft aber kommt es auch vor, daß ein Individuum ganz in einem sozialen Subjekt aufgeht, so sehr, daß es gleichsam nur aus diesem heraus erlebt. So wird für den richtigen Unternehmer seine Unternehmung ein anderes Ich, für das allein er lebt, oft unter größten eigenen Entsagungen. So wird dem Künstler sein Werk, dem echten Staatsmann der Staat, dem er dient, zu einer höheren Subjektivität, in der er aufgeht. Ein solches Individuum wird nicht sagen: L'Etat c'est moi; [Der Staat bin ich, wp] er wird gleichsam die Sache umkehren und sagen können: "Mein Ich ist der Staat!"

6. Alle die bisherigen Ergebnisse zeigen deutlich, daß das Wertsubjekt kein konstanter, sondern ein sehr variabler Begriff ist, daß es die verschiedensten Wertsetzungen übernehmen und sich in seinen Erlebnissen ihnen anpassen, d. h. sich ändern kann. Gewiß ist auch diese Elastizität des Subjekts nicht bei allen Individuen gleich: es gibt unzählige Zwischenstufen zwischen monomanischer Starrheit und amorpher Charakterlosigkeit. Als Ideal wird in der Regel eine gewisse Einheitlichkeit bei ansehnlicher Beweglichkeit angesehen.

Indessen müssen wir uns im Leben nicht nur beständig in die Wertungsweise  fremder Einzelmenschen  hineinleben. Wir gedachten bereits oben dieser  Einfühlungs -Phänomene, die eben darin bestehen, daß wir fremde Wertungen als unsere eigenen in fiktiver Weise erleben.

Aller soziale Verkehr beruth auf solchem "Verständnis" fremder Wertungen, das allerdings nicht ein intellektuelles Begreifen, sondern ein wirkliches Nacherleben sein muß. Nur derjenige wird wirklich mit Kindern umgehen können, der sich in die kindliche Wertungsweise hinein versetzen kann, d. h. der selbst zum Kind zu werden vermag. Frauen pflegen diese Gabe in höherem Grade zu haben als Männer. Vor allem zum Wesen des Dichters gehört eine solche Fähigkeit, sich in fremde Individualitäten einzuleben und aus deren Wertsubjektivität heraus zu erleben. Von hier aus gewinnt auch der Satz "Tout comprendre c'est tout pardonner" [Alles verstehen heißt alles Verzeihen. - wp] seinen tiefsten Sinn; denn es soll sich dabei nicht um ein äußerliches Verfahren, sondern um ein Hineinversetzen in die innersten Beweggründe handeln.

Wie mannigfach verflochten diese Phänomene sind, erhellt auch aus dem Umstand, daß wir unser Wertsubjekt fremden Individuen unterlegen, die selber gar nicht fähig sind, die Wertungen zu vollziehen. Wir sagen, eine Tracht Prügel sei für ein ungezogenes Kind von Wert, obwohl jenes selbst nicht davon zu überzeugen ist. Wir unterlegen ihm in diesem Fall unser Wertsubjekt. Das oben herangezogene Beispiel, daß wir sogar unbewußten Dingen, wie einer Pflanze, ein Wertsubjekt unterlegen, gehört ebenfalls hierher.

7. Was wir in diesem Kapitel zu zeigen versuchten, war die oft sehr merkwürdige Mannigfaltigkeit, die durch die Wandelbarkeit und Spaltung des Wertsubjekts in die Wertungsphänomene hineinkommt. Das Werten wäre eine sehr einfache Sache, wenn es stets das gleiche Subjekt wäre, das die Wertgrundlage erlebte und sie als Wert bejahte. In Wirklichkeit ist das ein gar nicht sehr häufiger Fall. Gerade aber die anderen Fälle enthüllen erst die Problematik des Phänomens und machen es zu einem Zentralgegenstand der Philosophie.

Nicht die ganze Fülle der Möglichkeiten vermochten wir zu entrollen: nur von einigen, besonders wichtigen Fällen aus suchten wir die hierhergehörigen Fragen zu beleuchten. Und zwar fanden wir, daß man dem wechselnden Momentansubjekt allerlei fiktive Subjekte überordnete, um die Wertsetzung zu verallgemeinern. Als solche Fiktionen fanden wir das Einheitssubjekt, das allerdings sehr oft in das "Idealsubjekt" überging. Von hier aus führte uns der Weg zum "Normalsubjekt", bei dem freilich, wie sich uns ergab, die Abstraktion so weit getrieben ist, daß diese Fiktion für die Praxis des Lebens sich weniger brauchbar erweist, als gemeinhin angenommen wird. Dafür fanden wir andere fiktive Subjekt von relativer Allgemeinheit, die eher fruchtbare Erkenntnis versprechen. Auch die sozialen Subjekte stellten sich uns mit einer eigenen Problematik dar. Und gar durch die "Einfühlung" in fremde Einzelsubjekte wächst die Zahl der Möglichkeiten ins Unbegrenzte.

Alle diese Probleme kehren wieder in der Problematik des Wert gegenstandes;  denn jedem Wert subjekt  entspricht ein ihm adäquater Wert gegenstand.  Und zur Problematik der Wertgegenstände gehen wir nunmehr über.


Kapitel III.
Psychologie des Wertgegenstandes

1. Bei den bisherigen Untersuchungen war unter "Wert" stets an die Wertung, d. h. einen recht komplexen psychologischen Vorgang gedacht. Der gewöhnlichen Sprache ist jedoch bei dem Wort  Wert  die Beziehung auf den Wert gegenstand,  das gewertete Objekt, noch geläufiger. Auch dieser Begriff birgt eine Fülle von Problemen, die zum Teil denen des Wertsubjekts parallel gehen.

Wir scheiden dabei metaphysisch-erkenntnistheoretische Erörterungen aus. Wir fragen also nicht, inwieweit es in diesem Sinne möglich ist, überhaupt von einem "Gegenstand" als von etwas dem Bewußtsein nicht Immanentem zu reden. Da unsere Untersuchung zunächst rein psychologisch ist, so behalten wir den in fast aller Psychologie als erkenntnistheoretischen Standpunkt üblichen Realismus bei, daß unseren Sinneswahrnehmungen eine Außenwelt mit räumlichen Dingen entspricht. Mag das auch nicht mehr als eine Arbeitshypothese sein, so hat sie sich für die Praxis des Lebens und desgleichen in fast allen Wissenschaften seit Jahrtausenden bewährt. Unter diesem Vorbehalt unterscheiden wir die physischen Dinge als die "Träger" von den eigentlichen  psychischen  Gegenständen.

Der gewertete "Gegenstand" als psychische Gegebenheit ist keineswegs das "Ding". Wenn ich ein REMBRANDTsches Bild ästhetisch werte, so meine ich zunächst nicht die mit Ölfarben bedeckte, in einen Rahmen gespannte Leinwand, sondern nur meinen Eindruck, den  psychischen  "Gegenstand". Das physische "Ding" (in diesem Fall, Leinwand, Farben usw.) kann zwar ebenfalls Gegenstand der Wertung sein, etwa der geschäftliche eines Kunsthändlers; doch handelt es sich in diesem Fall um einen anderen Wertgegenstand als in der rein ästhetischen Wertung. Wir bezeichnen das physische "Ding" auch als den  Wertträger.  Als solcher ist er die Voraussetzung, die Ermöglichung der psychischen Gegenstände der mannigfachsten Wertungen und wird eben als Voraussetzung - aber auch noch in anderer, später zu erörternder Hinsicht oft mit dem psychischen Gegenstand gleichgesetzt. Zunächst gilt jedoch festzuhalten, daß der psychische Gegenstand nicht identisch ist mit seinem Träger.

2. Für die Wertung als seelischen Vorgang ist, wie gesagt, der Gegenstand nur  Bewußtseinsinhalt.  Er kann uns als "reine"  Empfindung  gegeben sein, (als Ton in der Musik oder Farbe in der bildenden Kunst), obwohl wir natürlich bedenken müssen, daß die "Reinheit" dieser Empfindungen nur durch einen Abstraktionsprozeß erreicht, nicht etwa "gegeben" ist. - Er kann uns als konkrete  Wahrnehmung  gegeben sein in allen jenen Fällen, wo Dinge, zu denen auch Personen gehören, gewertet werden. - Er kann auch bloße  Vorstellung  sein, wenn wir z. B. dichterische Gestaltungen oder Luftschlösser werten. - Auch  Begriffe  können Wertungsobjekte sein. Unsere Ideale z. B. sind solche gewerteten Begriffe. - Ferner können auch die  Relationen  zwischen all diesen Inhalten Gegenstand der Wertung sein. Vor allem menschliche  Handlungen  und die  Beziehungen zwischen den Menschen  untereinander oder zu Dingen werden gewertet, wobei das Wertsubjekt zugleich Gegenstand seines Wertens sein kann.

Indessen geht es nicht an, die aufgezählten intellektuellen Inhalte (also die Empfindungen, Wahrnehmungen, Begriffe) nun als "rein  objektive"  Gegenstände der Wertung anzusehen. Ganz abgesehen davon, daß sie auch rein als intellektuelle Inhalte nur Konventionen sind, daß z. B. der Begriff "Paris" im Kopf eines französischen Advokaten, eines englischen Reisenden, eines deutschen Malers eine jeweilig völlig verschiedene Wesenheit ist und nur durch konventionelle Fiktion als "derselbe" gilt, auch abgesehen davon erfährt jeder Gegenstand in der Wertung noch eine weitere Veränderung. Die Wertgrundlage verschmilzt nämlich sozusagen mit dem intellektuellen Inhalt, geht mit ihm eine untrennbare Verbindung ein und erst diese ist der ganze Gegenstand der Wertung, während der intellektuelle Inhalt nur eine Abstraktion ist. Indem ich eine Dichtung als poetischen Wert erlebe, ist es bereits nicht mehr "dieselbe" Dichtung, die ich etwa zum Gegenstand metrischer Untersuchungen mache. Der vollständige Gegenstand der Wertung ist also der intellektuelle Inhalt  plus  der wertgrundlegenden Stellungnahme. Wohl kann ich den intellektuellen Inhalt künstlich abstrahieren; er ist jedoch dann bereits wieder etwas anderes. Wenn FAUST mit MEPHISTOs Trank im Leib "HELENA" in seinem GRETCHEN sieht, so sieht er eben ein anderes GRETCHEN als ohne diesen Trank. Der "Gegenstand" seiner Wertung ist also nichts Objektives, sondern unabhängig vom Subjekt und zwar vom oben erörterten  Momentan subjekt. Es entsprechen also den zahllosen Momentansubjekten ebenso zahllose Momentanobjekte und in diesem Sinne ist jeder Wertgegenstand einzig in seiner Art, eben auch nur "momentan".

Vielleicht kommt an dieser Stelle der Gedanke auf, daß es in der psychischen Welt überhaupt nur "Werte" gäbe, da jede Wahrnehmung, jeder Begriff überhaupt erst durch Stellungnahmen des Subjekts (seine Aufmerksamkeit usw.) zustande kämen. Wir werden diese Grundanschauung der voluntaristischen Denkweise, daß alle intellektuellen Inhalte Setzungen des Willens seien, nicht von der Hand weisen, betonen dagegen jedoch, daß "Wert" in unserem Sinne nicht eine  einfache  Stellungnahme, sondern eine  doppelte  voraussetzt, daß der den Gegenstand setzende Willensakt selber wieder Gegenstand einer Stellungnahme sein muß, um zum Wert zu werden. Sind also auch jede Wahrnehmung und jede Begriffsbildung Willensakte, so werden sie doch zu Werten erst, wenn das Willenselement als solches als Wert gesetzt wird. Es ist richtig, daß ich in einer Landschaft nur solche Gegenstände apperzipiere, die mein "Interesse", also eine emotionale Stellungnahme erregen; sie werden indessen erst zu Werten, wenn ich diese emotionale Stellungnahme besonders bejahe: bei der nichtwertenden Wahrnehmung ist das nicht der Fall, da bleibt der Willens- oder Gefühlsakt ganz im Hintergrund der Seele. Erst dadurch, daß ich die emotionale Beziehung zu jenem Gegenstand selber einbeziehe in eine übergeordnete Stellungnahme, werden die wahrgenommenen Inhalte zu Werten. Ein Haus, ein Baum, die ich wahrnehme, weil sie (ohne daß ich mir dessen bewußt bin) meine ästhetische Stellungnahme provozieren, sind noch keine Werte; sie werden es erst, wenn ich eben diese Stellungnahme zu ihnen bejahe, d. h. sie als Wert setze.

Wir gedenken an dieser Stelle auch noch einer Unterscheidung bei den Wertgegenständen, die nicht übersehen werden darf: der zwischen  Eigenwerten  und  Mittelwerten.  Bei jenen liegt der  Wert  im Erlebnis selber, bei diesen ist der Wertgegenstand nur Mittel, um zu einem Eigenwert zu gelangen. Die ästhetischen Werte sind in der Hauptsache Eigenwerte, die ethischen waren ursprünglich vielfach Mittelwerte, die jedoch zu Eigenwerten werden können, ein Übergang, der sich sehr oft findet und am deutlichsten bei der Schätzung des Geldes eingesehen wird, das ursprünglich ein typischer Mittelwert ist, jedoch dem Habgierigen und Geizigen zum Eigenwert wird.

3. Nund sind die meisten Wertungen, wie wir schon oben sahen, keineswegs bloß Anerkennungen von Momentanerlebnissen: im Gegenteil, die meisten Wertsetzungen streben über das Momentane hinaus, indem sie nicht vom Momentansubjekt, sondern von fiktiven Subjekten größerer Extensität ausgehen. Das heißt aber, daß die meisten Wertungen auch über den momentanen hinaus auf einen dauernden Wertgegenstand zielen.

Als das nächstliegende der nichtmomentanen Subjekte fanden wir oben das  Einheitssubjekt,  das oft mit dem fiktiven "substantiellen Ich" gleichgesetzt wird. Diesem einheitlichen Wertsubjekt entsprechen auch fiktive Einheitswert gegenstände.  Das heißt, wenn wir, als unserem Einheitssubjekt heraus urteilend, ein REMBRANDT-Bild als "Wert" setzen, so machen wir die Fiktion, daß wir auch stets den gleichen Wertgegenstand zu erleben vermöchten, d. h. nicht nur den gleichen objektiven Inhalt, sondern auch die gleiche ihm zugeordnete Wertgrundlage. Daß das nicht der Fall ist, weiß jeder Kunstfreund, der sich ein wenig selber beobachtet. Jeder Mensch hat Tage, wo ihm auch seine liebsten Bilder, seine liebsten Bücher "nichts zu sagen" haben, wo er ganr nicht begreift, daß und warum er sie zu anderen Zeiten als Werte empfinden konnte. Trotzdem abstrahieren wir in der vereinheitlichenden Wertung von diesen Schwankungen und sprechen vom Wertgegenstand als einem konstanten Etwas. Es ist das natürlich ein rein fiktives Verfahren, das jedoch von praktischer Bedeutung ist, weil es gestattet, eine gewisse Einheit in unser ganzes Leben zu bringen. Wie wir für die Lebenspraxis das fiktive Einheits subjekt  benötigen, so brauchen wir auch fiktive Einheits gegenstände  und Einheits werte. 

Das Verfahren dieser Vereinheitlichung ist psychologisch sehr interessant. Ich nenne es die  Objektivierung.  Man kennt sie auch als Objektivierung intellektueller Erlebnisse. Ich nenne ein Ding, etwa das Buch, das vor mir liegt, "grün", weil es in den meisten Fällen bei Tageslicht so aussieht, obwohl es bei Lampenlicht blau, in der Dämmerung grau und bei verschiedenen Beleuchtungen wieder andes aussieht. Trotzdem schreibe ich dem Buch meine "durchschnittliche" Grünempfindung als eine Eigenschaft zu, ich "objektiviere" sie.

Das Merkwürdige ist nun, daß sich diese Objektivierung auch bei den Stellungnahmen findet, deren subjektiver Charakter viel ausgeprägter ist als der der Empfindungen. Ich nenne etwas "schön" und schreibe die Schönheit einem Ding als Eigenschaft zu, obgleich keineswegs immer das gleiche Gefühl bei seinem Anblick in mir entsteht. Ich objektiviere also auch meine Gefühle.

Damit werden die Gefühle des Subjekts gleichsam Eigenschaften nicht nur des psychischen Gegenstandes, sondern sogar des "Trägers", was bis zur "Absolutsetzung" des Gegenstsandes führt, einem weiteren Prozeß, den wir später behandeln.

4. Die Fiktivität der Objektivierung tritt noch deutlicher hervor, wenn wir die auch für  fremde Subjekte  geltenden Konventionen mit einbeziehen. Denn wir schaffen in fiktiver Weise nicht nur eine Vereinheitlichung für unser Einheitssubjekt, sondern für alle anderen Subjekte, die fiktiverweise also alle als gleich angesehen werden. Wir kennen bereits diesen Übergang vom "Einheitssubjekt" zum "Normalsubjekt".

Dem entspricht der  Übergang vom Einheitsgegenstand zum Normalgegenstand.  Unsere fiktive Einheitswahrnehmung wird als Normalwahrnehmung proklamiert. Wir nennen ein Buch "grün" und erklären diese "Eigenschaft" als "normal", ohne daran zu denken, daß auch bei gleicher Beleuchtung zahlreiche Individuen (die Farbenschwachen und Farbenblinden) das Buch anders sehen. Kraft der Majorität jedoch gilt das ebenso reale Erleben jener als "falsch".

In gleicher Weise werden die  Wertungen  normalisiert. Wenn auch nicht stets mit Erfolg, proklamiert man die eigenen Wertungen für "normal" und spricht von "schönen" Dingen und "guten" Handlungen, als bestünde wirklich jenes Normalsubjekt. Auf diese Weise entstehen also "objektive" Wertgegenstände, die natürlich genau solange nur als solche haltbar sind, als sie von der sie begründenden Konvention getragen werden. Die Geschichte beweist, daß, sowenig die fiktiven Normalsubjekte ewig bestanden, ebensowenig die fiktiven Normalsubjekte ewig bestanden, ebensowenig die fiktiven Normalwerte von ewiger Dauer waren. Sie zeigt, daß die höchsten Werte der einen Zeit in der folgenden geringgeschätzt, ja verworfen wurden, woraus wir den Erweis der durchaus fiktiven Natur aller Objektivierung ableiten. Als psychologisch und praktisch ungeheuer wichtige Tatsachen bleibt jedoch die Objektivierung bestehen.

Haben wir damit die überindividuelle Bedeutung der fiktiven Wertobjektivierung in weitem Umfang zugegeben, so wollen wir doch auch die Kehrseite nicht verschweigen. Die Objektivierung bedeutet fr das wirkliche Werterleben, d. h. also die Echtheit der Wertgrundlage, eine große Gefahr, indem sie zu Heuchelei, zu bewußter oder unbewußter Selbsttäuschung zu führen pflegt. Die Unterordnung des Individuums unter die objektivierten Wertungen geschieht oft so, daß es nur die äußerliche Wertsetzung übernimmt, ohne sich um die Wertgrundlage zu bemühen, die allein erst die Lebendigkeit des Wertes verbürgt. Es kommt zu einer Erstarrung des Wertlebens, einem toten Formalismus. Man nimmt den leeren Wertträger für den erlebten Wertgegenstand hin.

Diese Gefahr besteht auf allen Wertgebieten. Auf dem Gebiet der  Kunst  glaubt man entweder ganz grob mit dem äußeren Besitz des Kunstwerkes dieses zu "haben", oder aber man vermeint, mit einer intellektualistischen Apperzeption den ästhetischen Wert zu fassen. Beides ist falsch. Durch die schärfste intellektuelle Analyse wird man des ästhetischen Wertes nicht habhaft, solange das Gefühl schweigt. Nur wo das Gefühlsleben mitspricht, wo das Kunstwerk "mit dem Herzen" erlebt wird, bestehen ästhetische Werte, die eine Wertgrundlage haben. - Auch auf dem Gebiet der  logischen  Werte bestehe diese Werterstarrung. Hier äußert sie sich im Anhäufen von allerlei totem Wissen, dem Mitführen von unbrauchbarem Ballast, der keine innere Beziehung zum lebendigen Subjekt hat. Diese Gefahr der zu weit getriebenen Objektivierung meinte GOETHE, wenn er äußerte: "Übrigens ist mir alles verhaßt, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit anzuregen." Und NIETZSCHE hat gegen diese Gefahr seine feurigst Jugendschrift geschrieben. - Auf  religiösem  Gebiet liegt die Gefahr der Objektivierung darin, daß Dogmen und Begriffe als religiöse Werte weitergegeben und übernommen werden, ohne daß sie wirklich zum Erlebnis werden. So schleppen heute fast alle Konfessionen eine Menge hergebrachter Dogmen und mythologischer Vorstellungen mit, die den jetzigen Menschen ganz unmöglich mehr zu positiver religiöser Stellungnahme veranlassen können.

Ähnlich äußert sich in der  Ethik  die zu weit getriebene Objektivierung. Ethische Wertungen können sich nicht verdinglichen; sie formen sich in Gebote und Gesetze. Die Wertübernahme dieser Objektivierungen bestätigt sich in äußerlicher Erfüllung ohne innere Anteilnahme. Daher haben alle großen Ethiker betont, daß ein wahrhaft sittlicher Wert nur diejenige Handlung sei, die nicht allein aus formaler Gesetzeserfüllung, sondern aus innerer Gefühlsanteilnahme erfolge, kurz, bei der die Wertgrundlage miterlebt wird.

Indem nun die objektivierten Werte bedeutsame Faktoren des sozialen Lebens werden, ohne die das überhaupt kaum möglich ist, erhalten sie  Forderungscharakter.  Indem jemand öffentlich etwas als "gut" und "schön" verkündet, will er nicht bloß einen objektiven Tatbestand feststellen, er erhebt auch, wenn auch unbewußt, damit eine Forderung. Dieser Übergang vollzieht sich sehr leicht und fast unmerklich. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, daß er geneigt ist, seine individuellen Wertungen, besonders wenn sie Widerhall bei einer, wenn auch kleinen Umgebung finden, als allgemeine Forderungen aufzustellen. Wenigstens können wir diese Entwicklung an sehr vielen Lebensläufen beobachten.

Die meisten Denker oder Künstler verkünden in ihrer Jugend ihre Neuwerte mehr oder weniger unter Berufung auf ihre Individualität, deren relatives Recht sie gegen herrschenden Wertungen betonen. In dem Maße jedoch, als sie Erfolg haben und ihre Wertung Echo bei anderen findet, pflegen sie die individuelle Herkunft ihrer Wertungen zu vergessen und diese als etwas "Objektives" zu empfinden. Gewisse Erstarrungen des Seelenlebens, Begleiterscheinungen des zunehmenden Alters, kommen hinzu. So finden wir bei Führern auf allen Kulturgebieten diesen Übergang von jugendlichem Subjektivismus zu späterer Objektivierung, die sich in Dogmatismus zu äußern pflegt. In der Religion mag z. B. SCHLEIERMACHER diese Erscheinung illustrieren, für den in der Jungend die religiösen Werte wesentlich subjektiv bedingt waren, der jedoch im Alter immer "objektiver" wurde. In der Kunst bietet GOETHE eine interessante Illustration, der bewußt die Subjektivität seiner jugendlichen Wertung zu immer größerer "Objektivität" umzubilden strebte, wobei er jedoch nicht sowohl sein eigenes jugendliches Erleben objektivierte, als vielmehr sich der "klassischen Wertsetzung", die er für "objektiv" hielt, unterordnete. In seinem Alter hat er jedoch oft Äußerungen getan, die beweisen, daß er sich der Relativität aller Wertung genau bewußt war.

5. Wir sahen schon oben, daß die Objektivierung sehr leicht noch weiter zur Absolutsetzung des Gegenstandes führt. Die Linie von der individuellen Wertung zur Objektivierung läßt sich jedoch noch über diese hinaus verfolgen. Ist der Übergang von der individuellen zur objektiven Wertung dadurch gekennzeichnet, daß anstelle des individuellen Wertsubjekts ein "Normal"-Wertsubjekt tritt, so führt das zuletzt dahin, daß von jedem Wertsubjekt überhaupt abstrahiert wird und die Werte als  Werte ansich  proklamiert werden.

Diese Absolutierung der Werte ist ein psychologischer Vorgang, der ganz unbewußt eintritt, besonders dann, wenn bei Nichtbeachtung individueller Wertungsverschiedenheiten die Subjektivität der Wertung überhaupt vergessen wird. Man übersieht dann, daß es nur Sinn hat, von "Schönheit" zu reden, wenn Menschen hinzugedacht werden, deren Organisation so beschaffen ist, daß sie gewisse Formgegebenheiten ästhetisch zu erleben vermögen. Man formuliert die Lehre von einer absoluten Schönheit z. B. so, daß man sagt, die Venus von Milo sei ein ästhetischer Wert, auch wenn das ganze Menschengeschlecht ausgestorben sei. Derartige Behauptungen sind natürlich absurd; denn die so sprechen, denken doch unausgesprochenerweise stets einen Beschauer von menschlicher oder menschenähnlicher Organisation hinzu. Auch die angeblich absoluten Wertungen enthüllen sich bei genauem Hinsehen doch als verkappte Anthropologismen (was wir später noch dartun werden).

Eine scheinbare Stütze erhalten die verabsolutierten Wertungen dadurch, daß man einzelne der objektivierten Wertungen in "Gesetze" formulieren kann oder wenigstens zu können glaubt. Um bei einem ästhetischen Wertungsgebiet zu bleiben, so kann man darauf hinweisen, daß sich ästhetische Werte auch in der vormenschlichen Natur finden. So existieren z. B. Symmetrie und wohlgefällige Farbenkombinationen bei Insekten, ja bei Kristallen. Das ist zuzugeben, ohne daß man daraus einen absoluten Schönheitssinn in der nichtmenschlichen Natur anzunehmen braucht. denn daß diese Tatbestände ästhetische Wirkung haben  können,  beweist natürlich nicht das Geringste dafür, daß sie ihrem Wesen nach  ästhetischen  Ursprungs sind. Die letztere Behauptung wäre eine anthropozentrische Unterschiebung. Die Symmetrie tierischer Formen hat ihren wahren Ursprung vermutlich nicht in ästhetischer Teleologie, sondern ist durch das Gleichgewicht bedingt. Auch setzt ihre ästhetische Wirkung eine menschliche Organisation voraus, die Doppelheit des Sehorgans wie des gesamten, bei der Symmetriewahrnehmung stark beteiligten motorischen Apparats. Es ist sinnlos, zu behaupten, daß Wesen von einer ganz anderen Konstitution als der Mensch ebenfalls die Symmetrie ästhetisch genießen könnten.

Im übrigen ist die beste Widerlegung der Beweiskraft "absoluter" ästhetischer Gesetze der Umstand, daß sie meist recht leere Formeln sind, deren dürftiger Sinn sich wohl psychologisch deuten läßt, die aber einen Wert jenseits ihres psychologisch-ästhetischen Gehalts nicht besitzen. Man nehme als Beispiel die vielberedete Lehre vom goldenen Schnitt. Gewiß hat man diese (ihrem Ursprung nach rein metaphysische) Konstruktion in den Tatsachen wiederfinden wollen; das war jedoch nur möglich durch so viel Gewaltsamkeiten und Erschleichungen, daß ein konsequenter Versuch der Durchführung diese Konstruktion ad absurdum führen muß. Nur kunstfremde Theoretiker können derartiges behaupten. Die Formel des "goldenen Schnitts" ist weit davon entfernt, ein absolutes ästhetisches Gesetz zu sein und daher kann man auch keine absoluten Wertungen darauf aufbauen. - Ähnlich verhält es sich mit dem Versuch, in der Musik durch mathematische Formeln absolute ästhetische Werte erreichen zu wollen. Daß die ästhetische Subjektivität gewisse objektiv berechenbare Tatbestände zu genießen und zu werten vermag, beweist nicht das Geringste dafür, daß diese ihrem Wesen nach ästhetische Werte seien.

Wir haben diese Dinge darum herangeführt, um darzutun, daß die Versuche, eine absolute Wertgesetzlichkeit in der Welt nachweisen zu wollen, ganz irrtümlich sind. Die Natur ist niemals "ansich" schön, sondern nur für die menschliche Apperzeption. Und so ist es mit allen anderen scheinbar absoluten Werten auch.

6. Können wir also auch eine absolute Allgemeinheit von Wertgegenständen nicht zugeben, so besteht doch eine  relative Allgemeinheit  der Werte insofern, als es Wertgegenstände gibt, die sehr verbreiteten Gemeinsamkeiten der Subjektivität entgegenkommen. Eine solche finden wir in den räumlich oder zeitlich begrenzten Zusammenhängen, als welche wir oben die  Völker  oder die  Zeitperioden  kennen lernten. Innerhalb dieser Kreise bildet sich in der Tat eine Angleichung der seelischen Verhältnisse heraus, die annähernd gleiche Erlebnismöglichkeiten verbürgt. Insofern sind z. B. die religiösen und ethischen Anschauungen, die Kunststile, die Moden und Verwandtes, relative Allgemeinwerte, in die die individuelle Subjektivität so hineinwächst, daß sie sich meist gar nicht bewußt wird, daß auch diesen, in ihrem Kreis "allgemeinen" Werten nur beschränkte Geltung zukommt. Der über seine vier Pfähle kaum hinausschauende Bürger hält in der Regel seine Werte für schlechthin allgemeingültig. Je weitere Horizonte ein Mensch hat, umso mehr pflegt ihm die Relativität der Werte zu Bewußtsein zu kommen. Er sieht dann, das "der" Deutsche andere Werte hat, als "der" Franzose, daß wiederum für "den modernen Menschen" andere Werte gelten, als für den "Renaissance-Menschen". Daß eine gewisse Anpassungsfähigkeit besteht, die ein Hinauskommen über die eigene Erlebnissphäre gestattet, muß dabei zugestanden werden, obwohl die Werte darum noch nicht  schlechthin  allgemeingültig werden, weil man sich ihnen anpassen kann. Gewiß kann ein Deutscher MUSSETsche Gedichte genießen und ein Franzose sich an EICHENDORFF erfreuen; ob sich ihnen jedoch der ganze Wert so erschließt, wie den Landsleuten dieser Dichter, bleibt eine offene Frage.

7. Als Subjekte besonderer Art lernten wir oben die  Vergesellschaftungen  kennen, welche Bedürfnisse und Stellungnahmen haben jenseits der in der Individualität ihrer Mitglieder wurzelnden. Wir sahen oben bereits, daß diese Wertungen für den einzelnen oft  Zwangs charakter annehmen. Wir suchten das am Beispiel des Staates durchzuführen. In der Tat ist es oft für den einzelnen kaum möglich, sich die Wertungen des Staates ganz zu eigen zu machen. Dann setzt der Zwang ein und so bekommen die sozialen Wertungen einen besonderen Charakter, wodurch oft die individuellen Werte ganz unterdrückt werden. "Absolut" sind darum jene Werte jedoch auch nicht.

Eine besondere Art von sozialen Werten sind die von der Gesellschaft geprägten allgemeinen Tauschwerte, vor allem das Geld, das sehr oft durch Zwangskurs gehalten werden muß. Für den Einzelmenschen ist das Geld zunächst kein Eigenwert, nur ein Mittelwert; es wird jedoch oft infolge dieser eigentümlichen Gefühlsverschiebung zum Eigenwert, d. h. das Individuum ordnet sich dem sozialen Wert so weit unter, daß es die Realisierung desselben im eigenen Erleben ganz beiseite läßt.

8. Zusammenfassend können wir über den Wertgegenstand also ähnliche Feststellungen machen, wie über das Wertsubjekt. Das, was im Leben in der Regel als Wertgegenstand gilt, ist nur sehr selten Gegenstand einer realen Wertung, meist nur die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit solcher Erlebnisse. In diesem Sinne wird der psychische Wertgegenstand mit dem physischen Träger identifiziert. Um jedoch den Wertungsprozeß emporzuheben über das Momentane des Erlebens, bedient man sich mannigfacher Fiktionen. Mittels eines auch sonst zu beobachtenden Vorgangs der "Objektivierung" wird eine künstliche Einheitlichkeit und Übersubjektivität des Erlebens geschaffen, eine oft recht gewaltsame Schematisierung, die sich jedoch dem beständig wechselnden Strom der Erlebnisse als eine zweite Realität überbaut und sich kraft ihrer sozialen Bedeutung durchsetzt. Von der Objektivierung gelangt man dann zur Absolutsetzung des Gegenstandes, das heißt einer fiktiven Abstraktion von jeglicher Subjektivität überhaupt. Konnten wir auch die Existenz und selbst die fiktive Bedeutung einer  absoluten  Allgemeinheit von Wertungen nicht einräumen, so gaben wir doch eine  relative  Wertallgemeinheit zu, vor allem diejenige innerhalb räumlicher und zeitlicher Zusammenhänge. Auch daß die sozialen Gemeinschaften überindividuelle Wertgegenstände eigener Art ausprägen, konnten wir dartun. Bei all diesen fiktiven Allgemeinheiten ist jedoch festzuhalten, daß sie wirkliche Werterlebnisse von sich aus noch nicht verbürgen, daß sie erst dann zu solchen werden, wenn sich das emotionale Leben des Einzelsubjekts den in jenen Allgemeinwerten enthaltenen Forderungen anpaßt, was insoweit geschehen kann, als jene Allgemeinwerte für den einzelnen eine Wertmöglichkeit bedeuten.

LITERATUR: Richard Müller-Freienfels, "Grundzüge einer neuen Wertlehre" in Annalen der Philosophie, Bd. 1, Leipzig 1919
    Anmerkungen
    1) Aus der neueren Literatur über die pathologischen Spaltungsphänomene verweise ich vor allem auf ÖSTERREICH, "Phänomenologie des Ich", 1911. Daneben auf RIBOT, "Maladies de la Personalité" und JANET, "L'Automatisme psychologique etc."
    2) Vgl. meinen Aufsatz über den "Begriff der Individualität als Fiktion" in dieser Zeitschrift.
    3) WERNER SOMBART, Der Bourgeois, Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen, 1913