tb-1Begründung der Erkenntnis Vorfragen der Psychologie     
 
PAUL NATORP
Kant und die Marburger Schule
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"Es bleibt zuletzt unverstandene Phrase, daß das Sein im Denken zu begründen sie, wenn nicht dieses Denken, das nur als Methode, als Einheitsmethode verstanden werden kann, seine strenge innere Einheit auch zu erweisen imstande ist."

"Philosophie ist nicht ein Luxus der Gelehrtenstube oder der verfeinerten Bildung, sondern das allerunentbehrlichste Nährmittel eines wirklich lebenswerten Lebens sei, da es sonst der Zieleinheit ermangeln und damit aufhören würde in Wahrheit ein Leben zu sein."
   

Man schilt den Idealismus "absolut", sofern er allerdings absolut jeden denkfremden Faktor aus dem - Denken ausschließt und keine Instanz für die Erkenntnis außer der - Erkenntnis gelten läßt. Aber wie könnte er Denkfremdes, auch nur ein Minimum von Denkfremdheit - im Denken, wie könnte er Irrationales - in der Ratio selbst zugehen? Man leugnet doch nicht ein Irrationales, ein Ungedachtes überhaupt, wenn man behauptet, was keine Vernunft hat, sei unvernehmlich und was nicht einmal gedacht, könne vollends nicht erkannt sein. Vielmehr indem Erkenntnis, zunächst theoretische, zum unendlichen, nie abgeschlossenen oder abschließbaren Prozeß des Denkens, d. i. der Bestimmung des Unbestimmten - indem das vermeintlich "Gegebene" der Erfahrung zum  X zum erst zu Bestimmenden und zwar niemals schlechthin Bestimmbaren wird, erkennt man wahrlich ein Irrationales an; aber eben nicht als "Absolutes", gleich einer starren Wand, auf die das Denken aufstieße und der es zum Stillstand käme. Dann müßte man klagen: "Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist - Glückselig, wem sie nur die äußre Schale weist!" Aber gegen diese absolut harte äußere Schale hat, wie man sich erinnert, KANT sowohl wie GOETHE (mit seinem "O du Philister!") sich unverblümt verwahrt. "Ins Innre der Natur", so antwortet KANT diesem "Philister", "dringt Beobachtung und Zergliederung der Erscheinungen und man kann nicht wissen, wie weit dieses mit der Zeit gehen wird." Freilich, man kann es nicht wissen; man darf sogar behaupten zu wissen, daß das Unendliche geht und nie zum abschließenden Absoluten, das man bei jenem "Inneren" sich fälschlich, rein auf nichts hin, gedacht hatte. Das gerade heißt die Erkenntnis stillstellen; aber Erkenntnis ist nicht Stillstand, sondern ewiger Fortgang. Ein Irrationales also, das ein Absolutes und zwar negativ Absolutes, absolut  nicht  zu Erkennendes wäre und dabei wohl gar - gegeben, ein solches Irrationales leugnen wir freilich, nicht aber das Irrationale als das  μη ο&nu:  der Ratio, Ihr Nichtsein im Sinne des korrelativen Gegenbegriffs; als das  X,  das uns zu erkennen, zu rationalisieren aufgegeben, freilich ewig nur aufgegeben, mit keiner Rationalisierung je auszuschöpfen sei.

Durch eben diese Einsicht ist der transzendentale Idealismus zugleich endgültig gesichert gegen alle Gefahr des Rückfalls in einen  Subjektivismus  irgendwelcher Art. Schon weil die ganze Voraussetzung eines Subjekts jenseits, vor oder außer der Erkenntnis für ihn ebenso unannehmbar ist, wie die eines Objekts jenseits, vor oder außer ihr; weil von Anfang an nur vom Inhalt der Setzungen des Denkens die Rede sein darf und von nichts anderem. Gerade was bei KANT als Subjektivismus immerhin erscheinen konnte, hat sich durch die vorigen Erwägungen ja gänzlich in Schein aufgelöst. Was davon übrig bleibt, ist nur jener Charakter der Bedingtheit der Objektserkenntnis, der im unendlichen Stufengang des stets auf das Objekt gerichteten Denkens selbst begründet ist. Das Objekt ist Objekt allemal für die erreichte Stufe der Erkenntnis, nicht mehr für jede höhere, noch nicht für jede niedere. Aber damit wird nicht der Objektivitätscharakter der Erkenntnis etwa zweifelhaft; Objektivierung bleibt Entsubjektivierung, Heraushebung aus dem Subjektiven. Subjektivierung wird erst ein nachfolgendes, nicht vorhergehendes Problem, das Problem der  Psychologie.  Denn die Objektsbeziehung jeder Art geht begründend voraus aller Subjektsbeziehung. Neuere Philosophen arbeiten hier gern mit dem Gegensatz "Inhalt" und "Gegenstand". Dieser ist sicher begründet als Richtungsgegensatz; aber nicht als absoluter. Es gibt nicht den absolut subjektiven Inhalt, so wenig wie den absolut transsubjektiven Gegenstand, sondern was auf einer Stufe "Inhalt" geworden, war auf einer niederen "Gegenstand", was auf einer Stufe erst zu erkennender Gegenstand, wird auf einer höheren, als nunmehr erkannter, zum "Inhalt", der wieder auf einen ferneren, höher hinauf erst zu erkennenden "Gegenstand" =  X  weist. Es relativiert sich also der Gegensatz des Subjektiven und Objektiven selbst, so aber, daß die Richtung der Objektivierung immer voransteht, die Subjektivität überhaupt erst im Rückgang von ihr, nämlich zu den niederen Stufen der Objektivierung, definierbar wird; wie es schon MALEBRANCHE merkwürdig klar gesehen hat. Auch das ist in KANT angelegt, aber nicht ausgeführt. Dadurch wird selbst die schwer faßliche Rede von einem "objektiven Selbstbewußtsein" verständlich, ohne jeden Schatten von Psychologisierung wohl gar der Gegenstandserkenntnis selbst. Die bedingungslose Ablehnung des Subjektivismus ist ja übrigens oft genug von KANT selbst (am stärksten in den Prolegomena und der zweiten Darstellung des "Paralogismus") ausgesprochen, die Scheidung des transzendentalen von jedem subjektiven Idealismus in aller Bestimmtheit vollzogen worden.

Nach dem allen aber bleibt  eine  gewichtige Forderung noch zu stellen, ohne deren Erfüllung die transzendentale Methode noch immer nicht zu ihrer vollen Konsequenz gelangen würde. Bei KANT scheinen neben den Anschauungsformen auch die reinen Denkfunktionen, in Gestalt der, mindestens starkem Anschein nach, nur historisch aufgenommenen Urteils- und Kategorientafel, als starre Gegebenheiten, obgleich des Denkens, stehen zu bleiben. Zwar hat KANT das "System" der Kategorien, "nach einem Prinzip", ausdrücklich mit dem Anspruch der Vollständigkeit, zu bestimmen geglaubt; aber er verläßt sich dabei, wie heute wohl von keiner Seite mehr bestritten wird, allzu unbedenklich auf die "fertige Arbeit" der Logiker, an der er nur einzelne Mängel auszubessern nötig findet; während schon die gänzlich neue Rolle, die er den Kategorien zuweist, eine radikale Neubegründung, statt solcher bloßen Flickarbeit, gefordert hätte. Es bleibt zuletzt unverstandene Phrase, daß das Sein im Denken zu begründen sie, wenn nicht dieses Denken, das nur als Methode, als Einheitsmethode verstanden werden kann, seine strenge innere Einheit auch zu erweisen imstande ist; Einheit nicht im Sinne der starren Einzahl des Prinzips oder eines zwar gegliederten, aber in dieser Gliederung doch wieder starren Systems, wie es eben bei KANT erscheint, sondern Einheit durch Korrelation, die eine Entwicklung und zwar ins Unendliche, nicht ausschließt. Es ist also allerdings eine gradlinig absteigende Begründung hier nicht zu suchen, darum keine Deduktion im Aristotelischen Sinn (wie anfangs schon gesagt wurde); wohl aber der Aufweis eines zwingenden Gegenseitigkeitsbezugs, in dem eigentlich kein Prius und Posterius ist, sondern die Pfeiler alle gegeneinander strebend sich gegenseitig und damit den ganzen Bau halten. So wird der Aufbau der reinen Denkfunktionen bei COHEN ein konzentrischer, wobei gerade klar wird, daß das Zentrum so wenig etwas bedeuten würde ohne die Beziehung auf die stets sich erweiternde Peripherie, wie diese ohne den Bezug auf das Zentrum. Den Beweis für die Zulänglichkeit seiner Konstruktion aber sucht COHEN nicht bloß darin, daß zu den Methoden und Gesetzlichkeiten der konkreten Wissenschaften genau diese Voraussetzungen und in dieser Stellung zu einander notwendig und hinreichend sind; ein bloßer a-posteriori-Beweis, der, da das "Faktum der Wissenschaft" vielmehr ein ewiges Fieri [Geschehen, wp] ist, nie eine mehr als provisorische Sicherung bieten würde; sondern er unternimmt zu zeigen, wie diese Funktionen des Denkens sich alle gegenseitig fordern und ohne einander nicht bestehen könnten; sodaß man von jeder einzelnen, einmal sicher getroffenen Funktion zu allen anderen müßte gelangen können. Eine noch schlichtere Begründung direkt aus den Erfordernissen der "synthetischen Einheit", das heißt eben, der durchgängigen Wechselbezüglichkeit, die das ganze Wesen des Denkens ausmacht, habe ich in den "Logischen Grundlagen" versucht.

Mit allen diesen noch sehr zu vertiefenden Untersuchungen, auf die wohl jetzt unsere intensivste Arbeit gerichtet ist, mögen wir ja nun besonders scheinen ganz in die Bahnen FICHTEs und HEGELs wieder einzulenken, die bekanntlich an demselben Punkt Anstoß nahmen; ebenso wie sie, gleich uns, den Dualismus von Anschauung und Denken, sowie von Form und Materie zu überwinden strebten. Aber doch gehen wir mit jenen nicht weiter zusammen, als schon sie die Forderungen, die im Grundgedanken der transzendentalen Methode uranfänglich lagen, aber durch KANT selbst offenbar nicht erfüllt waren, ihrerseits zu erfüllen bestrebt gewesen sind. Auch den Dreischritt der "dialektischen Methode" hat HEGEL ersichtlich nur aus den Andeutungen entwickelt, die bei KANT (besonders bezüglich der allemal drei Kategorien jeder Klasse, im Unterschied von der sonst bei logischen Einteilungen angeblich notwendig geltenden Dichotomie nach dem Ja und Nein) gegeben waren. Die Grundlage dazu ist übrigens bei PLATO schon deutlich zu erkennen, wenn er im "Sophist" dem "Einen" das "Andere", als  sein  Anderes, sein  μη ον,  gegenüberstellt, diese Gegenstellung aber dann als Korrelation, als Kontinuität, ja wechselseitige Durchdringung begreift, womit alles Denken sich ihm in Bewegung, in Prozeß (χινησις) löst. Das bedeutet ihm das Motiv vom "Sein des Nichtseins", nämlich relativen Nichtseins, woraus COHENs Ursprungsbegriff erwachsen ist und das in NIKOLAI HARTMANNs Platobuch seine vielseitig schöpferische Bedeutung entfaltet. Darin lag, ebenfalls schon bei PLATO, der Hinweis auf eine unendliche Entwicklung, auf das Denken als "Begrenzung des Unbegrenzten" und somit selbst unendliche d. h. positiv unerschöpfliche Selbstentwicklung, wodurch KANTs "Idee" als unendliche Aufgabe erst völlig durchsichtig und zwingend wird. Gerade in dieser Unendlichkeit, zugleich Stetigkeit der Denkentwicklung sichert und klärt sich zugleich die Einheit des Denkens; sie streift damit jeden Schein einer starren Einzahl des "Prinzips" ab; sie wird erst im vollen Sinn Einheit des "Mannigfaltigen", d. i. Einheit durch Korrelation, Einheit in zugleich unendlicher, stetiger Entwicklung.

Kein Zweifel, daß wir mit diesem allen uns den großen Idealisten, vorzüglich HEGEL, gewissermaßen genähert habe. Aber doch ist nicht mehr HEGELsches darin, als bei HEGEL selbst klare Entwicklung aus den Keimen war, die bei KANT und schon bei PLATO vorlagen. Diese HEGELschen Züge könnten genau mit gleichem Recht Platonische heißen; wir verknüpfen eben PLATO mit KANT, wie auch HEGEL es getan hat; und daraus fließen gewichtige und tiefgehende Übereinstimmungen auch in Einzelheiten, auf die in der letzten Zeit von verschiedenen Seiten, am zutreffendsten wohl durch von ASTER in den Münchener Abhandlungen, hingewiesen worden ist.

Aber es bleiben denn doch sehr tiefgreifende Unterschiede. HEGEL konnte glauben, die Gesetzlichkeit des Denkens, die er stets als geschlossenen Kreisgang beschreibt und die zugleich den ganzen Inhalt des Denkens erzeugen soll, zum absoluten Abschluß zu bringen; daher seine Philosohie mit dem ungeheuerlichen Anspruch auftrat, den Abschluß der Philosophie, die absolute Philosophie darzustellen, die zugleich die absolute Wissenschaft sei. Von einem solchen Anspruch ist der transzendentale Idealismus, wie wir ihn verstehen, himmelweit entfernt; er stellt der Philosophie, ganz unhegelisch, die bescheidene Aufgabe der Kritik, oder, positiv gewendet, der Methodik. Da aber die Methode durchaus der Forschung, allgemein dem Kulturschaffen immanent, dieses aber nie abgeschlossen, unendlicher Weiterentwicklung offen gedacht wird, so kann die Methode, so absolut auch in ihrem Einheitsgrund, doch nach ihrer Entwicklung insbesondere in keinem gegebenen Stadium abschließend festgelegt sein. Mit solcher Festlegung würde ja wiederum der Forschung, überhaupt der schaffenden Tat der Kulturgestaltung eine Schranke gesetzt; das aber ist es, was die transzendentale Methode, indem sie die Aufgabe der Philosophie streng auf das Faktum, vielmehr das ewige Fieri [gemacht werden, wp] des Kulturschaffens bezieht, grundsätzlich und schlechterdings ablehnen muß.

Wohl verstehen wir, ähnlich wie HEGEL, das zu Erkennende =  X  nur in Beziehung auf die Funktionen der Erkenntnis selbst; einer naheliegenden Analogie nach als das  X  der Gleichung der Erkenntnis, dessen ganze Bedeutung gerade  als X  (d. h. zu Bestimmendes) nur verständlich wird in Beziehung auf die Gleichung und die Data der Gleichung, nämlic die gesetzmäßigen Bestimmungsweisen des Denkens. Aber wir haben eingesehen, daß diese "Gleichung" unserer Erkenntnis von solcher Beschaffenheit ist, daß sie auf eine Rechung ins Unendliche führt, das  X  also niemals durch die  A, B, C  etc. abschließend bestimmbar ist; ganz abgesehen davon, daß auch die Reihe der  A, B, C  etc. nicht abgeschlossen, sondern beständiger Erweiterung fähig gedacht werden müßte. HEGEL aber läßt stets das Irrationale in das Rationale restlos auflösbar erscheinen und so wird ihm Alles Denken, Denken Alles. Auch uns ist Alles Denken, Denken Alles, aber in ganz anderem Sinn; etwa wie man gegen die echt HEGELsche Verhärtung des Sozialismus im Marxismus gesagt hat: der Weg sei alle, das Ziel nichts. HEGEL glaubt, wenn nicht durchaus am Ziel zu sein, doch, was auf dasselbe hinauskommt, den Weg in seiner Ganzheit logisch zu beherrschen. Mit einem Wort, er ist und bleibt Absolutist. Die logische "Methode" ist ihm die "schlechthin unendliche Kraft, welcher kein Objekt ... Widerstand leisten ... und von ihr nicht durchdrungen werden könnte" (Logik II, Seite 330); sie kann, als absolute, ausdrücklich nicht auf einen unendlichen Progress führen (Seite 347), sondern vermöge ihrer stellt sich "die Wissenschaft als einen in sich geschlungenen Kreis dar" (Seite 351); sie ist einfache Beziehung auf sich selbst (Seite 345), Denken des Denkens (νοησις νοησ&eosilon;ως Enzyklopädie. § 236); als wahrhafte Unendlichkeit, in sich zurückgebogen ....  geschlossen  und  ganz gegenwärtig,  ohne Anfangspunkt und Ende (Logik I, Seite 163),  erfülltes  Sein (Seite 352) ...; ihrer absolut sicher und in sich ruhend (Seite 353). "Als der Geist, der weiß, was er ist, existiert er früher nicht und sonst nirgends als  nach  Vollendung der Arbeit" (Phänomenologie, Seite 603); in der Zeit erscheint er nur solange, "als er nicht seinen reinen Begriff erfaßt, d. h. nicht  die  Zeit tilgt" (Seite 604), den Unterschied der Gegenständlichkeit und des Inhalts aufhebt (Seite 608). Daher ist, nach einem berühmt gewordenen Ausspruch, das  Vernünftige,  die  Idee,  das allein  Wirkliche,  das Wirkliche das Vernünftige; das Ewige gegenwärtig, das Gegenwärtige ewig (Vorrede zur Rechtslehre, Seite 17). Und so verwirft er jedes bloße Sollen (Logik I, Seite 142f), spottet über KANTs unendliche Annäherung - "als welche weder kalt noch warm ist und darum ausgespieen wird" (Rechtslehre, Seite 20). Als "der Gedanke der Welt" erscheint freilich die absolute Idee erst in der Zeit, "nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß  vollendet  und sich  fertig  gemacht hat" ... "Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens  alt geworden,  und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug" (Rechtslehre, Seite 21; vgl. Enzyklopädie § 237: die Philosophie als Greis). Von solcher Götterdämmerungsstimmung ist unsere Philosophie weit entfernt; sie betrachtet den Prozeß der Weltschöpfung, in Gedanken und Tat, als unendlich, die Folge der je erreichten und erreichbaren Lösungen der "Gleichung" der Erfahrung, ganz nach KANT, als "asymptotische Annäherung" an ein bloß in der Idee, im Augenblick des Geistes gesetztes, unendlich fernes Ziel. Sonst gehen wir mit HEGEL in recht vielem zusammen; man könnte fast sagen: er teilt mit dem in unserem Sinn gedeuteten und weiter entwickelten "kritischen Idealismus" alles Wesentliche, bis auf das Eine: seinen Absolutismus. Allein das wäre ungefähr, wie wenn man sagen wollte, TYCHO BRAHE sei mit KOPERNIKUS ganz einer Meinung gewesen, bis auf die Kleinigkeit der Leugnung der Erdbewegung. Der Vergleich trifft auch in dem Sinne zu: der Absolutismus Hegels bedeutet, trotzdem er auf dem "Prozeß", auf der Bewegung der Begriffe fußen will, dennoch in Wahrheit eine Stillstellung des Gedankens. Sein Weltgang ist in den bekannten vier Perioden vollendet, fertig. Das ist es, was wir niemals mitmachen werden.

In der gerade entgegengesetzten Richtung entfernt sich vom Sinn der transzendentalen Methode, wie wir ihn auffassen, der neuere Transzendental-Idealismus RICKERTs. Er will, im Gegensatz zur Omnipotenz des Logischen bei HEGEL, den Herrschaftsbereich desselben in die engsten Grenzen einschließen, in dem er uns das Recht bestreitet, auch nur die Zahl, geschweige die Zeit und den Raum, als rein logische Gebilde zu behaupten. Ein kurzes Eingehen auch darauf scheint am Platz, weil RICKERTs Untersuchung über "das Eine, die Einheit und die Eins" (im Logos, Bd. II, Heft 1) sich ersichtlich auf meine Aufstellungen in den "Logischen Grundlagen" bezieht und weil soeben in FRISCHEISEN-KÖHLERs Buch "Wissenschaft und Wirklichkeit" die ganze Fassung des Logischen, wie unsere Schule sie vertritt, als durch diese RICKERTsche Untersuchung widerlegt angenommen wird.

Ich vermag diese Kritik als zutreffend nicht zu erkennen. RICKERT stimmt zunächst in einer Reihe von Positionen, trotz der Verschiedenheit des Ausdrucks, im Kern der Sache mit mir überein. Weder die Qualität, noch - in dem worauf es entscheidend ankommt - die Quantität wird von ihm wesentlich anders verstanden, als von mir. Er führt, übrigens mit großer Subtilität, die Distinktionen durch, die wesentlich gleichsinnig auch ich vertreten und früher schon bei PLATO nachgewiesen habe. Er zeigt insbesondere, daß Quantität weder Qualität ist, noch auf sie zurückgeleitet werden kann, so wenig wie umgekehrt. Daß aber darum die Quantität nicht ebensowohl logisch sei, wie die Qualität, wird zwar behauptet, aber durch nichts anderes begründet, als daß es ihm eben gefällt, unter Denken nur das Denken der Qualität zu verstehen. Nach meiner These ist Quantität durchaus nicht Qualität, Qualität nicht Quantität, wohl aber stehen beide zueinander in einer so zwingenden Korrelation, daß mit dem Einen notwendig das andere zu setzen, jedes für das andere bedingend ist, beide miteinander stehen und fallen. Aus RICKERTs eigenen Voraussetzungen aber scheint es mir so zu folgen. In der Qualität, die doch auch bei ihm eine "Synthesis" des "Mannigfaltigen" darstellen soll, begründet sich das Genus; mit dem Genus aber ist, sofern es die Mannigfaltigkeit der Arten (mindestens deren zwei) enthält, die "Homogenität" gegeben, die nach RICKERT selbst die entscheidende Bedingung für die Quantität ist. Wie könnte von einer Mannigfaltigkeit, das heißt doch: Mehrheit der Art nach, also Mehrheit der Arten, unter einer Gattung und damit von einer sich überordnenden Gattung überhaupt anders geredet werden, als daß damit das Fundament für die Zahl zugleich gelegt würde? - RICKERT will doch, ganz nach PLATOs "Sophist" und nach KANTs Begriff der Synthesis, nicht bloß Tautologie, sondern Heterologie [Andersartigkeit, wp]; aber er wird dann eben beides und er wird auch die Koinonie, die unaufhebliche Korrelation beider anerkennen müssen, das heißt, daß Dasselbe (beziehentlich) Identisches und Verschiedenes sein kann, während gewiß nicht dem Begriff nach Identität Verschiedenheit, Verschiedenheit Identität ist. Unter diesen unabweisbaren Voraussetzungen aber ist es nicht angängig, die Quantität als weniger logisch als die Qualität zu behaupten; wie es denn in der Tat keinen Logos - keinen Begriff, kein Urteil, keinen Schluß - gibt, ohne beides zusammen. Was Richtiges vorschwebt, ist etwa, was ich damit ausdrücke, daß die Qualität zentral, die Quantität peripherisch sei. Damit wird einerseits die notwendige Wechselbeziehung ganz klar: ein Zentrum besteht nur für eine Peripherie, wie eine Peripherie nur für ein Zentrum, während begrifflich beides wahrlich hinreichend verschieden, der Zentralbezug dem peripherischen sogar wie Plus dem Minus entgegengesetzt ist. Indem aber die Quantität gleichsam in der peripherischen Richtung des Erkennens liegt, begreift es sich, wie sie dem, der einseitig im Zentralbezug das "Logische" sieht, schon alogisch, immerhin das erste Alogische, das dem Logischen Nächste dem Alogischen zu sein scheint; daher es sich z. B. bei RICKERT mit diesem zusammen vom zeitlich-räumlich Bestimmten, dem Anschaulichen nach KANT und vollends von aller empirischen Gegebenheit scheidet, im Grunde ein Mittleres zwischen dem Logischen und dem Alogischen ist; sogar a priori, rational (Seite 66). Aber eben das nennen wir "logische"; Ratio ist die Übersetzung von Logos. Diese seltsame Zwitterstellung, sage ich, wird einigermaßen verständlich dadurch, daß die Quantität die peripherische Richtung des Logischen bedeutet, wie die Qualität die zentrale. Aber das besagt nun nicht, daß sie auf ein dem Denken schlechthin Äußeres gerichtet wäre. Der Gegensatz des Inneren und Äußeren löst sich vielmehr auf in den der Beziehung zum Zentrum und zur Peripherie innerhalb des Denkens selbst, des Denkens als Prozeß. Die Peripherie des Denkens ist ja, wie wir wissen, nicht fest, sondern beweglich; der Kreis der Erkenntnis ist nicht mit starrem, sondern mit beweglichem, mit ins Unendliche wachsendem Radius zu denken; also ist die peripherische Beziehung nicht eine Beziehung aus dem Denken heraus auf ein schlechthin Denkfremdes. Was wäre denn dies? Wohl jenes bekannte "Innere der Natur", das uns ewig Äußeres, "Schale" bliebe. Doch mit dem waren wir fertig. -

Ich darf indessen diese Betrachtungen, die soweit alle die theoretische Philosophie allein betrafen, nicht weiter ausspinnen; denn noch bleibt, wenn auch noch so kurz, einzugehen auf die  Stellung der Ethik und Ästhetik zur Theoretik  in der Marburger Philosophie, im Gegensatz wiederum zu den Anschauungen HEGELs; zumal auch darüber die Kritik der Fachgenossen in letzter Zeit sich mehrfach ausgesprochen hat. Daß hier zwischen uns und HEGEL denn doch ein tiefer Unterschied ist, hat z. B. von ASTER empfunden. Aber keinesfalls ist dieser Unterschied damit zutreffend ausgedrückt, daß bei uns sittliches Werten und künstlerische Phantasie neben wissenschaftlichem Denken sthen als "gleichgeordnete Funktionen, in denen das Bewußtsein eine objektive Sphäre erfaßt"; daher Geschichte entweder durch Naturwissenschaft ersetzt werden müsse - ebenso, wie auch Psychologie sich mir in Naturwissenschaft auflöse - oder sofern unter ethischem Gesichtspunkt betrachet, aus dem Rahmen der denkenden, der wissenschaftlichen Weltbetrachtung herausfalle; die Hierarchie der Wissenschaften gipfle daher bei uns in der mathematischen Naturwissenschaft.

In diesen Sätzen wäre beinahe jedes Wort zu berichtigen. Eine bloße Nebenordnung von Logik, Ethik und Ästhetik entspricht unserer Auffassung so wenig, wie der KANTs; denn wir bleiben auch hier ganz in der Entwicklungslinie, die von PLATO zu KANT und von diesem erst zu einem reinen, durchgeführten methodischen Idealismus führt. Das Verhältnis der Ethik - um bei dieser für jetzt stehen zu bleiben - zur Theoretik ist uns, genau wie jenen, wesentlich definiert durch das des Anhypotheton [Voraussetzungslosen, wp]zur Hypothesis, des Unbedingten, nämlich unbedingt Gesetzlichen, zum Bedingten, bedingt Gesetzlichen. Dabei aber ist es  derselbe Logos, dieselbe "Vernunft",  die in den Grenzen zeit-räumlich-kausaler Bedingtheit in der Theoretik, frei von dieser Bedingtheit in der Ethik sich entfaltet; daher erlangt die "Logik", im ursprünglich weiten Sinn der Vernunftlehre, bei uns einen erhöhten Rang; sie umfaßt nicht bloß die Theoretik, als Logik "möglicher Erfahrung", sondern ebensowohl die Ethik, als Logik der Willensgestaltung, und sogar die Ästhetik, als Logik der reinen Kunstgestaltung. Sie begründet damit weitere, unabsehlich sich ausdehnende Gebiete von Wissenschaften: Sozialwissenschaft (als Wirtschafts-, Rechts- und Bildungslehre) wie Geschichte, Kunstwissenschaft, auch Religionswissenschaft; als die sogenannten Geisteswissenschaften; nicht die Naturwissenschaften allein, geschweige bloß die mathematischen. Und zwar in bestimmter Überordnung jener über diese, streng im Sinne des Kantischen Primats der praktischen Vernunft. Nichts ist daher unbegründeter, als der von WINDELBAND gegen COHEN erhobene Vorwurf einer Naturalisierung der Ethik, der sein Gegenstück findet in von ASTERs gegen mich gerichteten Vorwurf der Naturalisierung (oder aber Irrationalisierung, Entwissenschaftlichung) der Geschichte. Es ist unerfindlich, wie man aus unseren Büchern eine solche Vorstellung nur je hat gewinnen können. "Natur" bedeutet doch uns entfernt nicht ein Letztes, den Gipfel der Hierarchie der Wissenschaften, wie von ASTER sagt. Sie bedeutet uns ja nur die Hypothesis, schroff gesagt die Fiktion eines Abschlusses, nicht einen wirklich erreichten oder je erreichbaren Abschluß. Eben darum erhebt sich über ihr jederzeit nur bedingtes "Sein" hinaus - bei COHEN ausdrücklich als ihm "transzendent" (im Sinne des platonischen επεχεινα) - das unbedingte Sollen, und damit das ganz andersgeartete Problemgebiet der Ethik; wahrlich aber nicht als dem Logos, dem Denken, der Vernunft entzogen, sondern gerade als ihre ungehemmte, nicht mehr auf die zeit-räumlich-kausale Bedingtheit eingeschränkte Entfaltung; nicht als bedingt durch ein Verlassend der Vernunft, sondern vielmehr durch eine Erweiterung ihres Bereichs über die Grenze hinaus, in die die reine Theoretik aus klar einzusehender Notwendigkeit immer eingeschränkt bleibt. Wer sollte denn diese Begrenzung vollziehen, wenn nicht die Vernunft selbst? Hat doch die "Kritik" von jeher nur die Selbsterkenntnis der Vernunft bedeuten wollen. Wer aber dürfte die selbstgesetzte, nämlich der Theoretik gesetzte Grenze auch wiederum in einer neuen Erkenntnisart überschreiten, als sie? Wird somit die Einheit der Vernunft durch die Erhebung der Ethik über die Theoretik nicht zerrissen, so sondern sich doch beide voneinander durch den tiefsten Unterschied, den es im Bereich der Vernunft überhaupt geben kann: jenen nur gerade noch erfaßlichen Unterschied (PLATOs μογις απτον) der unbedingten Setzung gegen alle bedingte. Über diesen letzten Gegensatz hinaus freilich kennen wir nichts weiter, keine etwa wiederum "höhere" Vernunft, sondern nur noch die bare Unvernunft, die sich, wenn auf den Willen, dann nur auf einen unreinen Willen, wenn auf Gefühl, auf unreines Gefühl, wenn auf Phantasie, auf unreine Phantasie berufen könnte. Dafür freilich sind wir nicht zu haben; damit wären PLATO und KANT, wäre alle echte Philosophie seit mehr als zweieinhalb Jahrtausenden zu den Toten geworfen.

Man redet von einer  "Welt der Werte".  Ist das nur ein anderer Ausdruck des Sollens, nun so zeige man die Begründung dieses Sollens auf und belehre uns, wenn man kann, daß sie anderswo zu suchen sei, als wo wir mit KANT und PLATO sie suchen: in der Zurückbeziehung aller bedingten Setzung der Vernunft auf die letzte, unbedingte und die in ihr erst begründete letzte Einheit des Bewußtseins, als worin (nach SPINOZA) sein wahrstes "Sein" sich erhalte - nein, nicht bloß sich erhalte (das ist ein falscher Gesichtspunkt bloßer Theoretik), sondern immer höher hinaus sich steigere und in sich zusammenfasse. Das mag wohl "lebenswert" genannt werden, Wert aber eines Lebens, dessen Begriff mit der Vernunftsetzung des Unbedingten überhaupt erst entspringt, nicht voraus schon da war. Man hat uns die "Welt der Werte" noch nicht so recht enthüllt; wir fürchten aber, daß man mit diesem Wort uns den Weg ins Unendliche, auf den die Ethik des unbedingten Gesetzes uns stellt, wiederum versperren und vom uferlosen Ozean der unendlichen Aufgaben, auf den wir uns gewagt haben, uns in irgendeinen sicheren Ruheport wieder retten möchte. Wir aber wollen nicht gerettet sein: Navigare necesse est! [Seefahrt ist notwendig, wp] Die Ethik der unendlichen Aufgaben stellt uns mitten hinein in das Wagnis des Werdens; sie verbietet uns auch, unser "Sein" bloß konservieren zu wollen, verlangt von uns unermattetes Fortschreiten, unablässiges Steigern unseres Selbst. Das erst begründet das echte, das reine Wollen und hebt die Ethik über jeden Schatten von Naturalismus hinaus. Zwar auch Naturerkenntnis ist unendliche Aufgabe; aber sie ist es nur "im negativen Verstand", da sie, aufs zeitbestimmte Sein gerichtet, abschließend sein möchte und doch eines Abschlusses ihrer Natur nach unfähig ist. Im Naturgesetz wäre ein Abschluß erreicht, wenn das Naturgesetz absolut gelten dürfte, wie in jener Fiktion des LAPLACEschen Geistes, der aus seiner Formel ein jedes Geschehen der Welt ins Unendliche vor- und rückwärts zu berechnen wüßte; in einer absolutistisch gedeuteten Erhaltung der Weltenergie in unverändertem Quantum; welches Quantum, als sich erhaltend, natürlich endlich gedacht werden müßte, dann aber auch nur für einen endlichen, allenfalls in ödem Kreisgang sich immer identisch wiederholenden Ablauf des Geschehens ausreichen würde. So ist nicht das unendliche Streben des Willens; es erkennt keine solche Einschränkung an, ist also sicherlich nicht "determiniert", in bestimmte, unverrückbare Termini gebannt; so sicher auch alle Verwirklichung des Gewollten aufs Naturgesetz hingewiesen bleibt, denn Wirklichkeit ist Kategorie, Hypothesis für "mögliche Erfahrung". In solchem Sinne haben wir stets die Freiheitslehre KANTs hochgehalten und von ihr aus für Wirtschafts-, Rechts-, Bildungslehre, Geschichte, für die Naturwissenschaften insgesamt, philosophische Grundlegungen zu geben wenigstens begonnen; wenn wir auch gerne gestehen, daß nach diesen Seiten das Meiste uns noch zu tun übrig geblieben ist. (1)

Wenn man also, als eine gewichtige neue Forderung, die einer  "Kulturphilosophie"  uns entgegenhält, so können wir nur antworten: Wir haben die Philosophie KANTs und haben erst recht die Philosophie der transzendentalen Methodik, wie wir sie, von KANT ausgehend, nur strenger und folgerichtiger durchzuführen bemüht sind, von Anfang an so, als Kulturphilosophie, verstanden und ausdrücklich so bezeichnet. Wir denken aber diese Kulturphilosophie in keinem Gegensatz sei es zur Naturphilosophie oder zur Naturwissenschaft. Natur als Objekt der Philosophie, die Natur eben der Naturwissenschaft, gilt uns selbst, wenn irgendetwas, als eine wesentliche Grundlage humaner Kultur. So weit sind wir davon entfernt, die letztere der Naturwissenschaft als Problem zuzuweisen, daß wir, ganz im Gegenteil, Naturwissenschaft nur als einen, allerdings wesentlichen, Faktor der humanen Kultur unter den Gesichtspunkt der Philosophie stellen.

Als Kulturphilosophie aber wird uns der transzendentale Idealismus zur  Lebensmacht.  Auch in dieser Richtung streben wir KANT zu vertiefen durch PLATO, der ja davon ganz durchdrungen war, daß Philosophie nicht ein Luxus der Gelehrtenstube oder der verfeinerten Bildung, sondern das allerunentbehrlichste Nährmittel eines wirklich lebenswerten Lebens sei, da es sonst der Zieleinheit, des εις σχοπος), ermangeln und damit aufhören würde in Wahrheit ein Leben zu sein. Das aber wird man uns schwerlich abstreiten können, daß wir damit dem Geist KANT ebenso treu bleiben, wie dem PLATOs. So wie unseren Altvordern, den SCHILLER, WILHELM von HUMBOLDT und allen anderen, der Kantianismus nicht bloß Kopf, sondern Herzenssache, die Sache des ganzen Lebens war, so sei er es uns. Und, irren wir nicht, so verlangt gerade unsere Zeit nach nichts so sehr, wie nach einer philosophischen Durchdringung der Philosophie selbst mit dem warmen Lebensblut der nach den höchsten Siegeskränzen ringenden Kulturentfaltung. Den Pulsschlag solchen Lebens empfinden wir in den scheinbar marmorkalten Gedankenbildungen des großen Kritikers der Vernunft. Weil aber diese Lebensenergie in ihm pulsiert, darum wird er leben, solange noch eines Menschen Herz und Hirn auf diesem Weltkörper arbeitet. Freilich ist gesagt: das du säest, wird nicht leben, es sterbe denn; diesem "Stirb und Werde" kann auch die lebendigste Kraft menschlichen Lebens sich nicht entziehen sollen. Darum scheuen wir nicht, den Leib dieser Philosophie zu begraben, auf daß ihr Geist lebe. Gerade so glauben wir echte Jünger KANTs zu sein und zu bleiben.
LITERATUR - Paul Natorp, Kant und die Marburger Schule, Kantstudien 19, Berlin 1914
    Anmerkungen
    1) In diesem Zusammenhang mag noch eine nicht uninteressante Bemerkung von ASTERs, meine Behandlung des  Zeitbegriffs  betreffend Berücksichtigung finden. Meine hier in Frage kommenden Thesen möchten etwa lauten: die Nichtumkehrbarkeit der Zeit, welche die Philosophierenden jetzt so viel beschäftigt, ist an sich kein Beweis gegen ihren reinen Denkursprung; auch nicht gegen die Behauptung, daß die Zeit rein mathematisch begründbar sei. Denn mathematisch ist nicht bloß die Maßzahl, sondern ebensowohl - und in der Mathematik selbst fundamentaler - die Ordnungszahl, für welche die Nichtumkehrbarkeit ebenfalls gilt. Auf ihr beruht die Zeit, sofern sie Zahl ist, im gleichen Sinn wie auf der Maßzahl der Raum. Richtig ist, daß die Zeit der reinen Mechanik im Grunde nicht Zeit ist, sondern das Nacheinander wie in ein Nebeneinander übersetzt. Aber nicht die Leitung der Mathematik ist es, die dazu zwingt; sie führt im Gegenteil an sich auf einen unendlichen nichtumkehrbaren Progress. Sondern die Umkehrbarkeit, nicht etwa im Naturgesetz überhaupt, sondern im Gesetz der reinen Mechanik, ergibt sich aus der besonderen Aufgabe, welche eben diese Wissenschaft (die eigentlich noch Mathematik, nicht schon Naturwissenschaft ist) sich stellt und ihrer Eigenheit gemäß sich stellen muß: nach der Formulierung von HEINRICH HERTZ "die in der Zeit verlaufenden Erscheinungen und von der Zeit abhängigken Eigenschaften materieller Systeme aus ihren  von der Zeit unabhängigen  Eigenschaften abzuleiten." Eine solche rechnerische Ableitung ist natürlich nur denkbar unter der Hypothesis eines geschlossenen Systems, da anders, als aus begrenzten Faktoren diese ganze Rechnung nicht möglich wäre. Aber das bestätigt nur, daß diese, wie alle bloß theoretische Erkenntnis, nach PLATOs und KANTs Behauptung, Hypothesis ist, über die hinaus der tiefere Logos die Forderung des Anhypotheton [das Voraussetzungslose, wp] erhebt. Unter dem Gesichtspunkt solcher Hypothesis mag also die Zeit immerhin umkehrbar und gewissermaßen nur als vierte Dimension des Raumes erscheinen; in sich, und gerade ihrer rein logischen Ableitung zufolge, wie ich sie behaupte, bleibt sie charakterisiert durch die ewige nichtumkehrbare Folge. - Noch gab die Stellung der Zeit zum  Raum  meinem Kritiker Anlaß zu Zweifeln. Ich hatte in einer Logik der exakten Wissenschaften jedenfalls die Zeit dem Raum voranzustellen. Sie steht aber auch an sich ihm voran, als die radikalere Bedingung, so wie in der Mathematik die Ordnungszahl der Maßzahl. Aber, soweit auf Naturwissenschaft und zwar reine mathematische bezogen, hat sie dem eigenen Charakter dieser zu entsprechen und da ist sie in der Tat nichts weiter, als ein letzter Parameter, auf gleicher Line mit den Dimensionen des Raumes; für welche Betrachtungsweise offenbar der Maßcharakter und nicht der Ordnungscharakter primär bestimmend sein muß. Der Ort für dieses Problem ist KANTs Antinomienlehre. Erinnert man sich an diese, so wird sofort klar, daß wir auch hier ganz in der Linie KANTs verbleiben: der Absolutismus der Thesis ist es allein, der die Zeit um ihren unzerstörlichen Charakter des nicht abreißenden und nicht umkehrbaren Fortganges zu bringen droht, während die Antithesis, im Sinne der Auflösung der Antinomie, als des  "reinen Empirismus"  gedeutet d. h. berichtigt, diesem Eigencharakter der Zeit voll gerecht wird. Die Voraussetzung dieses "reinen Empirismus" ist aber zugleich die einzige Voraussetzung, unter der die Ethik mit der Theoretik klar vereinbar und der Begriff der Geschichte als eines fortschreitenden Geschehens überhaupt nur möglich wird. Damit ergibt es sich vollends als irrig, daß für den "logischen Idealismus" der Marburger Schule die wissenschaftliche Methodik gipfle in der mathematischen Physik; daß sie somit jede Entwicklung, jede fortschreitende Kausalität, ja die Zeit selbst (als irreversible Ordnung) aufhebe zugunsten des mathematisch allein faßbaren Nebeneinander im Raum; eine Vorstellung, zu der wohl keiner hätte kommen können, der sich, neben meinen "Logischen Grundlagen", die doch ausdrücklich nur die der exakten Wissenschaft, nicht der Wissenschaft überhaupt sein wollen, z. B. um meine "Sozialpädagogik" gekümmert hätte.