tb-1A. SpirF. FrederichsA. LassonW. Windelband    
 
ERNST CASSIRER
Der kritische Idealismus
und die Philosophie des
gesunden Menschenverstandes

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"Wenn wir untersuchen, was denn die  Beziehung auf einen Gegenstand  unseren Vorstellungen für eine neue Beschaffenheit gebe und welches die Dignität sei, die sie dadurch erhalten, so finden wir, daß sie nichts weiter tue, als die Verbindung der Vorstellungen auf eine gewisse Art notwendig zu machen und sie einer Regel zu unterwerfen; daß umgekehrt nur dadurch, daß eine gewisse Ordnung im Zeitverhältnis unserer Vorstellungen  notwendig  ist, ihnen objektive Bedeutung erteilt wird."

"Der Grundgedanke von Cohens Werk läßt sich in aller Kürze dahin aussprechen: daß wir, wenn wir zu einer echten wissenschaftlichen Begründung der Logik gelangen wollen,  nicht von irgendeiner Art fertiger Existenz  auszugehen haben. Was die naive Anschauung als ihren festen und sicheren Besitz ansieht, das bildet für die Logik erst das eigentliche Problem; was ihr unmittelbar  gegeben  heißt, das gilt es erst kritisch zu analysieren und in seine notwendigen gedanklichen Beindungen zu zerlegen. Wir dürfen mit keinerlei  gegenständlichem Sein,  welcherart es auch sei und welche Bezeichung wir ihm immer geben, den Anfang machen: denn jedes  Sein  ist erst ein Produkt und ein Ergebnis, das die  Operationen des Denkens  und ihre systematische Einheit zur Voraussetzung hat."

V.

Wir sind den Einwendungen NELSONs geduldig gefolgt und haben uns der Gründe, auf die sie sich stützen, bis ins einzelnen zu versichern gesucht. Dennoch haben wir die originelle Stellung, dier er zu den Grundfragen der Philosophie einnimmt, bis hierher noch nicht vollständig und erschöpfend kennen gelernt. Fortan müssen wir versuchen, uns zu einem höheren Standpunkt der Betrachtung zu erheben. Denn die ganze bisherige Untersuchung könnte noch immer den Glauben aufkommen lassen, als handle es sich für NELSON darum, eine neue festumschriebene Methode der  Erkenntnistheorie  zu vertreten und sie allen anderen, die heutzutage in dieser Wissenschaft geübt werden, entgegenzusetzen. Damit aber wäre seine Grundabsicht durchaus verkannt: nicht bestimmte Richtungen  innerhalb  der Erkenntnistheorie will er bekämpfen, sondern die  gesamte Disziplin,  die mit diesem Namen bezeichnet wird, ist es, die von ihm gewogen und zu leicht befunden wird. Nicht die  Antworten,  die man bisher auf die Grundfragen der Erkenntnis erteilt hat, waren falsch: die  Aufgaben  und  Ziele  selbst, die man sich gestellt hat, waren trügerisch und irreführend. Gerade dies ist die neue und entscheidende Leistung von Fries, daß er - die Unmöglichkeit der Erkenntnistheorie bewiesen hat. (Seite 315 u. a.)

Fragen wir nach der näheren Begründung dieses überraschenden Ergebnisses, so hören wir, daß  "jede Erkenntnis als solche  schon Erkenntnis eines Gegenstandes" ist. Es ist also durchaus nicht nötig, daß irgendeinem Urteil seine "objektive Bedeutung und Geltung erst nachträglich verbürgt" werde, daß gleichsam eine neue äußerliche Qualität zu ihm hinzukäme.
    "Der Gegenstand läßt sich keiner mittelbaren Prüfung unterwerfen, sondern nur unmittelbar, wie es als Faktum in der Erkenntnis stattfindet, erleben. Es ist weder ein Kausalverhältnis,  noch sonst auf irgendwelche Begriffe zurückzuführen.  Dieses Verhältnis kann daher auch kein Thema irgendeiner Wissenschaft werden:  es gibt keine Theorie der Möglichkeit der Erkenntnis."  (Seite 21)

    "Die Übereinstimmung mit dem Gegenstand besitzt die Erkenntnis unserer Vernunft oder besitzt sich nicht,  ohne daß wir etwas dafür oder dagegen tun können.  Es gibt für uns keinen Standpunkt, von dem aus wir, gleichsam  außer oder über unserer Erkenntnis stehend,  ihre Gültigkeit zum Thema irgendeiner Wissenschaft machen könnten." (Seite 20)
In diesen Sätzen liegt Wahres und Falsches, liegt die Abweisung irrtümlicher Fragestellungen und die Verkennung echter, fundamentaler Probleme so dicht beieinander, daß es schwer fällt, beides zu entwirren. Also weil wir niemals aus unserer Erkenntnis heraus zu den  transzendenten  Dingen gelangen, weil wir unsere Vorstellungen niemals mit  diesen  vergleichen können: darum ist es müßig, irgendwelchen Wahrheiten in uns "objektiven" gegenständlichen Wert zuzusprechen? Der Beweis NELSONs löst sich, bei all seiner scheinbaren Strenge, in ein dialektisches Spiel mit Worten auf. Es versteht sich von selbst, daß es nur der  immanente Gegenstand der Erfahrung  sein kann, den die echte Erkenntnistheorie umgrenzen und bestimmen will. Worauf beruth es, daß wir bestimmten Inhalten und Verknüpfungen des  Bewußtsein notwendige Geltung zuerkennen und sie damit von den willkürlichen Zusammensetzungen, die unsere subjektive Einbildungskraft erschafft und vernichtet, unterscheiden? Wenn wir uns diese Frage stellen, so fragen wir damit im neuen, im kritischen Sinne nach dem  Gegenstand der unserer Vorstellung "entspricht". Jetzt handelt es sich nicht mehr darum - was freilich absurd wäre - die Daten des Bewußtseins als "Abbilder" mit ihrem äußeren jenseitigen "Original" zu vergleichen: sondern vielmehr darum, ob es möglich ist, das scheinbar regellose Spiel der Vorstellungen, die in uns kommen und gehen, auf feste unverrückbare  Gesetze  zurückzuführen.
    "Wenn wir untersuchen, was denn die  Beziehung  auf einen Gegenstand' unseren Vorstellungen für eine neue Beschaffenheit gebe und welches die Dignität sei, die sie dadurch erhalten, so finden wir, daß sie nichts weiter tue, als die Verbindung der Vorstellungen auf eine gewisse Art notwendig zu machen und sie einer Regel zu unterwerfen; daß umgekehrt nur dadurch, daß eine gewisse Ordnung im Zeitverhältnis unserer Vorstellungen  notwendig  ist, ihnen objektive Bedeutung erteilt wird." (Kritik der reinen Vernunft (B), Seite 242f)
NELSON freilich besitzt hierfür ein einfaches Kriterium: ihm ist ein Urteil wahr und notwendig, wenn es von jedem denkenden Subjekt kraft seiner psychischen Verfassung hingenommen und anerkannt werden muß. Aber auch hier ist gerade die wesentliche Schwierigkeit wiederum beiseite geschoben. Daß die  Individuen  in ihren Aussagen zusammentreffen und sich vereinigen: dies ist keineswegs das einzige Problem, das es hier zu lösen gibt. Diese Frage könnte man immerhin mit der Berufung auf ihre gleichmäßige physiologische und psychologische "Organisation" zu erledigen glauben, obwohl man auch damit nur ein neues  Wort  schaffen würde, das die Schwierigkeit, statt sie zu heben, nur umso deutlicher  bezeichnet.  Was wir aber in Wahrheit zu wissen begehren und was auch KANT an die Spitze seiner Erörterungen stellt, ist dies: wie es kommt, daß die  empirischen Gegenstände  den Gesetzen gemäß sind, die wir unabhängig von ihnen in unserem eigenen Geist entdecken? Wie können meine Urteile nicht nur den Anspruch erheben, für alle denkenden Individuen, sondern auch für alle  Objekte,  die die künftige Erfahrung uns noch darbieten wird, gelten zu wollen? Daß die mathematischen Begriffe unserem Geist für immer eingegraben sind, mögen wir zugeben: aber damit verstehen wir noch nicht, warum sie in den  physischen Körpern  jederzeit ihre genaue Entsprechung und Bestätigung finden müssen. Man kann diese Frage zu beseitigen hoffen, indem man den  Tatbestand,  von welchem hier ausgegangen wird, bestreitet: indem man entweder die exakte  Anwendbarkeit  der Mathematik leugnet oder aber die mathematischen Grundsätze selbst aus der Erfahrung ableitet. Wie man aber das  Faktum  selbst zugestehen, wie man also an der Geltung  synthetischer Sätze a priori  festhalten kann und dennoch das  Problem,  das hierin enthalten ist, nicht einmal von weitem ahnen kann: das ist eines jener Geheimnisse, vo die uns die Schrift NELSONs so häufig stellt. Wer dies tut, der hat das philosophische Staunen noch nicht gelernt, das im besonderen und auszeichnenden Sinn der Anfang aller  Erkenntniskritik  ist.

Hätte NELSON übrigens das Verständnis der Kritik der reinen Vernunft aus dieser selbst zu gewinnen versucht, statt sie von vornherein aus seinem eigenartigen "Standpunkt" zu betrachten und zu beurteilen, so hätte er in ihr auch das entscheidende Argument gegen seine Auffassung entdeckt.
    "Wollte jemand" - so heißt es hier - "die Kategorien für subjektive, uns mit unserer Existenz eingepflanzte  Anlagen zum Denken  erklären, die von unserem Urheber so eingerichtet worden sind, daß ihr Gebrauch mit den Gesetzen der Natur, an welchen die Erfahrung fortläuft, genau stimmte (eine Art von  Präformationssystem  der reinen Vernunft), so würde (außerdem, daß bei einer solchen Hypothese kein Ende abzusehen ist, wie weit man die Voraussetzung vorbestimmter Anlagen zu künftigen Urteilen treiben möchte), das wider gedachten Mittelweg entscheidend sein: daß in solchem Falle den Kategorien die  Notwendigkeit  mangeln würde, die ihrem Begriff wesentlich angehört. Denn z. B. der Begriff der Ursache, welcher die Notwendigkeit eines Erfolgs unter einer vorausgesetzten Bedingung aussagt, würde falsch sein, wenn er nur auf einer beliebigen uns eingepflanzten subjektiven Notwendigkeit, gewisse empirische Vorstellungen nach einer solchen Regel des Verhältnisses zu verbinden, beruhte. Ich würde nicht sagen können: die Wirkung ist mit der Ursache im Objekt (d. i. notwendig) verbunden, sondern: ich bin nur so eingerichtet, daß ich diese Vorstellung nicht anders als so verknüpft denken kann; welches gerade das ist, was der Skeptiker am meisten wünscht; denn alsdann ist alle unsere Einsicht durch vermeinte objektive Gültigkeit unserer Urteile nichts als lauter Schein und es würde auch an Leuten nicht fehlen, die diese subjektive Notwendigkeit (die gefühlt werden muß) von sich nicht gestehen würden; zum wenigsten könnte man mit niemandem über dasjenige hadern, was bloß auf der Art beruth, wie sein Subjekt organisiert ist." (Seite 167f)
In der Tat kann uns NELSON zwar beweisen, daß der Kausalbegriff eine Art Zwangsvorstellung aller denkenden Subjekte ist, nicht aber, daß die  "Natur",  daß aller künftige Verlauf der Erscheinungen diesem Zwang gleichfalls untersteht und für immer unterstehen müsse. Wollte er diesen Beweis führen, so hätte er zu der von ihm verschmähten Deduktion aus der "Möglichkeit der Erfahrung" zurückkehren müssen, so hätte auch er in irgendeiner Weise zeigen müssen, daß es ohne den Begriff der Ursache nicht gelingen könne, die Zeitordnung des Geschehens eindeutig festzustellen und daß es somit ohne ihn niemals zu einem konstanten  "Gegenstand im Unterschied vom willkürlichen Spiel der Vorstellungen kommen könne.

Oder will NELSON, um die Grenze zwischen der subjektiven und objektiven Beweisart wiederum zu verwischen, einwenden, daß es sich auch in der Kantischen Fragestellung doch niemals um die Bedingungen des empirischen Gegenstandes  selbst,  sondern nur um das  Denken  des Gegenstandes handeln könne; daß aber der Prozeß des Denkens uns eben nur durch "innere Erfahrung" zugänglich sei? (Vgl. Seite 41) Das aber hieße nur wieder, ein Grundproblem aller Philosophie durch eine leere  tautologische  Behauptung erledigen wollen. Daß das Material, auf das sich alle Forschung, die wissenschaftliche wie die philosophische, bezieht, nur in  Inhalten des Bewußtseins  besteht, versteht sich freilich von selbst: aber aus dieser Beziehung, die allen Disziplinen  gemeinsam  ist, kann denn auch niemals etwas über ihren spezifischen Charakter und über das auszeichnende Unterscheidungsmerkmal ihrer  Methode  gefolgert werden. Das "Bewußtseni" ist nur das Substrat, das überall in derselben Weise zugrunde liegt; die Wissenschaften aber gelangen zur klaren Abgrenzung erst in der verschiedenartigen Auffassung und  Formung  dieses Grundstoffes. Daß also die Philosophie psychologisch sein müsse, weil sie Erkenntnisse zu ihrem Gegenstand hat: das ist genau ebenso richtig und unrichtig, wie wenn man behaupten wollte, daß die  Mathematik  ein Zweig der Psychologie sei, da sie doch nur von unseren Begriffen und unseren Anschauungen handle. Ja, man könnte alsdann das gleiche auch für alle Naturwissenschaft behaupten,m da doch die empirischen Erscheinungen nur insoweit, als sie uns zu Bewußtsein kommen, als sie von unseren Sinnen oder unserem Verstand erfaßt werden, der Betrachtung unterworfen werden können. Trotz dieses bestechenden dialektischen Einwandes aber dürfte wohl kein Astronom sich künftig verleiten lassen, seine Ergebnisse, statt sie am Himmel aufzusuchen und in der mathematischen Rechnung zu begründen, durch psychologische "Selbstbeobachtung" gewinnen zu wollen. Was die Wissenschaften scheiet, ist nicht ihr Stoff, sondern ihr Verfahren. Wenn es etwas anderes ist, ob man von der alltäglichen, noch ungesichteten Erfahrung oder von der exakten wissenschaftlichen  Bearbeitung  des empirischen Stoffes seinen Ausgang nimmt; wenn es etwas anderes ist, ob man den Tatsachen der inneren Beobachtung nachspürt oder aber den  Begriff  des "Naturobjekts" rein inhaltlich analysiert und auf die "Bedingungen seiner Möglichkeit" prüft: so bleiben die transzendentale und die psychologische Methode voneinander getrennt und es ist ein bloßes Wortspiel, sie unter dem Gesichtspunkt, daß sie beide es im letzten Grund irgendwie mit dem "Bewußtsein" zu tun haben, miteinander vermischen zu wollen.


VI.

Woher aber - so müssen wir uns zum Schluß dennoch fragen - stammt dieses Unvermögen NELSONs, sich auch nur vorübergehend in den Standpunkt und die Fragestellung der modernen Erkenntniskritik zu versetzen: eine Unfähigkeit, die so stark ist, daß er die Einwendungen COHENs und RIEHLs gar nicht zu begreifen und auch nur sinngemäß wiederzugeben vermag? (1) Eine derartige Verblendung müssen wir, wenn sie nicht zuletzt dennoch wie ein Rätsel wirken soll, wenn nicht in ihren logischen Gründen, so doch wenigstens in ihren psychologischen Ursachen zu verstehen suchen. Herr NELSON verarge es mir nicht, wenn ich diese Erklärung einem Denker, den er ingrimmig befehdet, wenn ich sie JOHANN GOTTLIEB FICHTE entlehne. In einem wenig bekannten Aufsatz, in seiner "Vergleichung des von Herrn Prof. Schmid aufgestellten Systems mit der Wissenschaftslehre" hat FICHTE sein eigenes System einer Lehre entgegengestellt, die alle Philosophie auf vorgeblich letzte und unerweisliche "Tatsachen des Bewußtseins" gründet und hier den Eck- und Schlußstein alles Beweisens gefunden zu haben meint. Woher - so fragt er - kommt die beneidenswerte Sicherheit, mit der man hier auf jene zweifellosen und evidenten "Tatsachen" baut und sie als einen festen, von keiner künftigen Analyse mehr angreifbaren Bestand behauptet? Und der erteilt hierauf einen drastischen, aber treffenden Bescheid.
    "Wir lernen in der Jugend so viele Wörter, ohne etwas Bestimmtes dabei zu denken, noch denken zu können. Sie werden demnach mit einem unbestimmten Bild im Gedächtnis niedergelegt und unaustilgbar; wenn nicht früh innere Selbsttätigkeit einmal wenigstens alles auswirft, bis es einst mit gutem Fug und Grund oder etwas Besseres an dessen Stelle wieder aufgenommen werden könne; wenn wir nicht einmal wenigstens in unserem Leben an allem zweifeln und uns völlig zur leeren Tafel machen. Wer sich nicht bewußt ist, durch diesen Zustand hindurchgegangen zu sein, der sei nur im voraus sicher, daß er mit seinem Philosophien weder sich selbst noch anderen sehr zur Freude leben werde. Könnte ihm auch irgendein Genius die reine Wahrheit in die Hand geben, so hälfe ihm dies alles nichts; die Wahrheit würde nie die seinige, da sie nicht aus ihm selbst hervorgegangen wäre, sondern sie wäre und bliebe eine fremde Zutat. Wenn nun ein solcher, übrigens mit dem besten Willen und der emsigsten Tätigkeit von der Welt, in sich selbst einkehrt, alles wegwirf, was seines Wissens durch Freiheit in ihm ist, bleibt ihm immer etwas auf dem Grund übrig, von welchem er nicht weiß, woher es kommt. Oh, das muß meine ursprüngliche Gestalt sein, denkt er; aber es ist leider nicht mehr als der Eindruck von seiner Amme, seinen Wärterinnen, seinem Katechismus. ... Daher entsteht gleichsam ein Grundsystem, das Erbteil der Generation von allen vorhergehenden, welches ihr ohne alle eigene Arbeit zuteil wird. ... Dieses Grundsystem ist für alle gebildete Nationen ziemlich dasselbe; und ihr Räsonnement ist größtenteils weiter nichts, als nur Revidieren, Kombinieren und wieder anders und noch anders Kombinieren, jenes ursprünglichen sicheren Besitzes. ... Wer (somit) hintritt und sagt:  mir ist das unmittelbare Tatsache des Bewußtseins,  der beweist gerade durch diese Art der Begründung, daß es  für ihn  nicht wahr ist, ... daß er die ganze Sache nur vom Hörensagen, nur aus seinem Katechismus hat." (2)
Die Geschichte der Philosophie bietet demjenigen, der sie in ihren  Einzelheiten  verfolgt, ein verwirrendes und wenig trostreiches Bild. Wichtige Grundgedanken, die für immer befestigt und erwiesen zu sein schienen, werden wiederung preisgegeben; alte Irrtümer, die längst widerlegt sind, wagen sich von neuem hervor und presien sich als neue Entdeckungen an. So scheinen sich überall nur die  Namen  zu wandeln, während die Gedanken selbst nicht von der Stelle rücken. Aber es wäre voreilig, sein Urteil auf diesen Eindruck zu gründen, den man aus der Betrachtung der jeweiligen  Zeitgeschichte  der Philosophie gewinnt. Wer die Gesamtentwicklung des Denkens verfolgt, dem muß deutlich werden, daß es sich in ihm um einen langsamen stetigen Fortschritt  derselben  großen Probleme handelt. Die Lösungen wechseln; aber die Grundfragen behaupten ihren Bestand. Alles, was gegen sie eingewandt wird, dient nur dazu, sie schärfer und klarer zu formulieren und damit ihre immer erneute Lebenskraft zu beweisen.  Eine  dieser Grundfragen aber hat KANT in der "transzendentalen Deduktion" der Kategorien entdeckt; und es wird immer vergeblich sein, sie wiederum aus dem Bewußtsein der Wissenschaft verdrängen zu wollen.
LITERATUR - Ernst Cassirer, Der kritische Idealismus und die Philosophie des gesunden Menschenverstandes, Giessen 1906
    Anmerkungen
    1) KANT, Kritik der reinen Vernunft (B), Seite 285f
    2) Von seinem Verständnis der Lehre COHENs hat NELSON neuerdings in einer Besprechung der "Logik der reinen Erkenntnis" im Oktoberheft der "Göttinger gelehrten Anzeigen" eine Probe abgelegt, die alle seine früheren Leistungen überbietet. Diese Kritik fordert, wenn nicht um ihres sachlichen Gehalts, so doch um der Stelle willen, an der sie erschienen ist, die Betrachtung heraus. Der Grundgedanke von COHENs Werk läßt sich in aller Kürze dahin aussprechen: daß wir, wenn wir zu einer echten wissenschaftlichen Begründung der Logik gelangen wollen,  nicht  von irgendeiner Art fertiger Existenz' auszugehen haben. Was die naive Anschauung als ihren festen und sicheren Besitz ansieht, das bildet für die Logik erst das eigentliche Problem; was ihr unmittelbar "gegeben" heißt, das gilt es erst kritisch zu analysieren und in seine notwendigen gedanklichen Beindungen zu zerlegen. Wir dürfen mit keinerlei  gegenständlichem Sein,  welcherart es auch sei und welche Bezeichung wir ihm immer geben, den Anfang machen: denn jedes "Sein" ist erst ein Produkt und ein Ergebnis, das die  Operationen des Denkens  und ihre systematische Einheit zur Voraussetzung hat. Eine grundlegende begriffliche Setzung dieser Art, eine intellektuelle Bedingung, unter der wir erst von "Realität" im wissenschaftlichen Sinn sprechen können, ist nun für COHEN der Gedanke des Infinitesimalen, wie er in der modernen Mathematik zur Auszeichnung und Fixierung gelangt ist. Was wird nun unter NELSONs Händen aus dieser Lehre? "Die Arbeiten von CAUCHY, WEIERSTRASS und ihren Schülern - so belehrt er uns - haben einwandfrei gezeigt, daß im gesamten Gebiet der Analysis dem sogenannten Unendlichkleinen eine mathematisch genau definierbare Bedeutung zukommt und daß man es in ihr niemals  mit wirklich existierenden unendlich kleinen Größen in irgendeinem mystischen Sinne  zu tun hat." COHENs Ansicht dagegen läuft - nach dem Urteil NELSONs - "darauf hinaus, daß dem Unendlichkleinen nicht nur eine selbständige Bedeutung -  und Existenz  zukommen soll, sondern daß in ihm sogar das Ursprungs- und Erzeugungsprinzip für das Endliche liegt". Damit aber gehe er auf die "vorkritische Zeit der Wissenschaft" zurück: auf eine Zeit, in der man noch "vielfach mystische Elemente in die Grundbegriffe der neuen Methode hineinzulegen geneigt war" und in der man somit das Unendlichkleine als aktuelle Existenz ansah und ausdeutete. Mit Verlaub, Herr NELSON - hier muß zunächst im Namen der  geschichtlichen  Wahrheit Einspruch erhoben werden! Die eigentlichen Begründer der Analysis des Unendlichen haben niemals die Absurdität begangen, die Sie ihnen zuschreiben: LEIBNIZ wie NEWTON, EULER wie MacLAURIN haben das Unendlichkleine als reinen Methodenbegriff gedacht und alle Versuche, es zu einem für sich bestehenden  Dinge  zu hypostasieren [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp], ausdrücklich und energisch abgewehrt. Und COHEN verfolgt nur den Weg, den sie gewiesen haben, wenn er fort und fort betont, daß das Infinitesimale nicht als  Ding,  sondern als  Bedingungen,  nicht als eine irgendwie vorhandene Wirklichkeit, sondern als ein  gedankliches  Instrument zur Entdecktung und zum Aufbau des wahrhaften Seins zu gelten habe. Für NELSON aber schließt die logische Bedeutung, die hier dem  Begriff  des Unendlichkleinen zugeschrieben wird, unmittelbar die Behauptung der Existenz unendlich kleiner -  Dinge  ein; die Zurückführung komplexer Inhalte des Denkens auf ihre  Prinzipien  vermag er sich gar nicht anders vorzustellen, als dadurch, daß er diese letzteren selbst wiederum als metaphysische  Wirklichkeiten  denkt. Daß sich in seinem Kopf ein erkenntniskritisches Werk anders als sonst in Menschenköpfen malt: das kann uns nach dem, was wir oben von seiner eigenen Lehre erfahren haben, nicht mehr in Staunen setzen; aber wahrhaft bewundernswert bleibt dennoch die Fertigkeit, mit der er in einem einzigen Wort, das er hinzufügt, eine gesamte, eingehende Untersuchung in das Gegenteil ihres Sinns verkehrt und ihr genau diejenige Tendenz unterschiebt, die sie ständig und unablässig bekämpft. - Außer diesem Einwand gegen das Infinitesimale aber, dem sich, so verkehrt er ist, doch allenfalls noch ein sachlicher Sinn abgewinnen läßt, findet sich in der ganzen langen Kritik NELSONs auch nicht ein einziges positives Argument. Was übrig bleibt sind einzig und allein gehässige Entstellungen und Schmähungen. Keinem Begriff wird die feste terminologische Bedeutung, keinem Gedanken der innere sachliche Zusammenhang gelassen, die sie innerhalb der "Logi der reinen Erkenntnis" besitze; überall werden nur einzelne Sätze herausgerissen, um sie mit höhnischen Randbemerkungen zu versehen. Daß es nach dieser Methode - besonder, wenn man in den beigefügten Scherzen nicht allzu wählerisch ist - ein leichtes ist, ein schwieriges spekulatives Werk zu "vernichten", das brauchte nicht erst NELSON zu erweisen: es ist aus der Geschichte des Idealismus sattsam bekannt. Wiederum übt NELSON hier mit Berufung auf KANT ein Verfahren, das KANT für immer gekennzeichnet hat: "bei Lichte besehen ist diese Appellation nichts anderes als eine Berufung auf das Urteil der Menge; ein Zuklatschen, über das der Philosoph errötet, der populäre Witzling aber triumphiert und trotzig tut."