tb-1p-4Über das sogenannte ErkenntnisproblemErnst CassirerOtto Meyerhof    
 
LEONARD NELSON
Die kritische Methode
und das Verhältnis der
Psychologie zur Philosophie

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    I. Die regressive Methode
II. Über die Begründung der Urteile
III. Theorie der Deduktion
IV. Über das Verhältnis der Kritik zum System
V. Über das konstitutive Prinzip der Metaphysik
- Anhang: Über das Verhältnis des sog. Neukantianismus

"Die anschauliche Erkenntnis steht offenbar früher vor dem Bewußtsein als diejenige, die ihm nur durch Reflexion angehört. Aus dieser zeitlichen Priorität der anschaulichen vor der gedachten Erkenntnis folgt aber nicht, daß die Anschauung der alleinige Grund der Möglichkeit einer gedachten Erkenntnis ist."

V.
Über das konstitutive Prinzip der Metaphysik.
Das verallgemeinerte Humesche Problem und seine kritische Auflösung.

28. Wissenschaft unterscheidet sich vom bloßen Wissen durch die logische Form der systematischen Einheit in der Anordnung und Begründung der das Wissen enthaltenden Urteile. Jede Wissenschaft hat daher unter einem logischen Gesichtspunkt eine von dem in ihr enthaltenen Wissen verschiedende, ihr eigentümliche systematische Form. Die Regel der Hervorbringung dieser logischen Form einer Wissenschaft nenne ich das  methodische Prinzip  derselben. Soll also aus dem rohen und ungeordneten Stoff des zerstreut in unserer Erkenntnis liegenden Wissens Wissenschaft werden, so kommt es auf die Erfindung des richtigen methodischen Prinzips der Wissenschaft an. Die Methode einer Wissenschaft wird nun offenbar durch die Erkenntnisquelle des in ihren Urteilen enthaltenen Wissens bedingt. Diese Erkenntnisquelle des in den Urteilen einer Wissenschaft enthaltenen Wissens nenne ich das  konstitutive Prinzip  dieser Wissenschaft. Folglich hängt die Möglichkeit, ein Wissensgebiet in die sichere Bahn einer Wissenschaft zu bringen, von der richtigen Einsicht in das konstitutive Prinzip dieser Wissenschaft ab.

So verdankt die Mathematik die mit Recht berühmte Strenge ihrer wissenschaftlichen Ausbildung der frühen Einsicht in die Konstruierbarkei ihrer Begriffe in der reinen Anschauung; denn die Natur gerade nur dieses konstitutiven Prinzips ermöglicht die strenge Anwendung der dogmatischen Methode des progressiven Beweises. So beruth das glückliche Gelingen der wissenschaftlichen Ausbildung der neueren Naturforschung auf der Einsicht, daß sie ihr konstitutives Prinzip in der Beobachtung zu suchen habe. Diese Einsicht ermöglichte die Einführung der induktiven Methode des regressiven Beweises.

So hat andererseits das bisher so unglückliche Schicksal der Metaphysik seinen Grund allein darin, daß man sich noch nicht über ihr konstitutives Prinzip hat einigen können, ja, daß man auch noch nicht einmal die Frage nach demselben allgemein ins Auge gefaßt hat. (1) 29. Daß es aber in unserer Erkenntnis überhaupt ein eigenes konstitutives Prinzip der Metaphysik geben müsse, wird durch das unleugbare Faktum metaphysischer Urteile bewiesen. (2) Dieses Prinzip muß sich daher auch nach den eigentümlichen Beschaffenheiten der aus ihm entspringenden Urteile bestimmen lassen. Und aus dem Charakter des so bestimmten konstitutiven Prinzips muß sich endlich das gesuchte methodische Prinzip der Metaphysik ermitteln lassen.

In der Tat ist das der Weg, den wir in unseren obigen Untersuchungen eingeschlagen und bis zum Ziel verfolgt haben. Gleich anfangs (§ 2) hatte sich uns herausgestellt, daß das Schwankende und Unsichere der Metaphysik nicht den Besitz des in ihr enthaltenen Wissens betrifft, sondern allein die Aufgabe, dies in den verschiedenen Erkenntnisgebieten zerstreut liegende Wissen zu isolieren und auf seine wissenschaftliche Form zu bringen. Um die Methode zur Auflösung dieser Aufgabe ausfindig zu machen, machten wir uns an eine Untersuchung des konstitutiven Prinzips der metaphysischen Urteile. Wir fanden es in der unmittelbaren Erkenntnis der reinen Vernunft. Aus der Eigentümlichkeit derselben ergabe sich uns schließlich in der Lehre von der Deduktion das richtige methodische Prinzip der Metaphysik. Da nämlich die unmittelbare Erkenntnis der reinen Vernunft, als nicht-anschauliche Erkenntnis, sich nicht unmittelbar mit den aus ihr entspringenden Urteilen vergleichen läßt, so mußten wir einen Weg ermitteln, auf dem sich diese Vergleichung mittelbar bewerkstelligen läßt. Dies zeigte sich als nur dadurch möglich, daß wir die unmittelbare Erkenntnis der reinen Vernunft selbst erst, ihrem Tatbestand nach, einer wissenschaftlichen Untersuchung unterwerfen, um durch Aufweisung des in ihr enthaltenen Grundes der fraglichen Urteile diese zu deduzieren. Da wir nun den Tatbestand von Erkenntnissen nur durch innere Erfahrung erkennen, so erwies sich uns die Deduktion als eine Aufgabe der Psychologie. Demgemäß ergab sich als methodisches Prinzip der Metaphysik die Aufgabe der Deduktion ihrer Urteile durch die aus einer Theorie der Vernunft geführte Nachweisung ihres Ursprungs in der unmittelbaren Erkenntnis der reinen Vernunft.

Man sieht ohne weiteres, daß der Nerv unserer methodologischen Nachweisungen in unserer Bestimmung des konstitutiven Prinzips der Metaphysik liegt. So einfach und einleuchtend nun auch diese Bestimmung erscheinen mag, sobald man einmal den Gesichtspunkt der richtigen Stellung der Frage nach diesem Prinzip gewonnen hat, mannigfachen Mißdeutungen und Verwechslungen ist doch, wie die Geschichte der Philosophie lehrt, dieses Prinzip ausgesetzt. Alle methodologischen Fehler auf dem Gebiet der Metaphysik und infolgedessen das Fehlschlagen aller bisherigen Versuche, die Metapyhisk zum Rang einer Wissenschaft zu erheben, lassen sich auf das Verkennen ihres konstitutiven Prinzips zurückführen. Es wird daher gut sein, die zuletzt behandelte methodologische Streitfrage, in der wir es bisher nur mit den  Folgen  dieses Verkennens zu tun gehabt haben, bis auf ihre Quelle zurückzuverfolgen und die Abhängigkeit der möglichen Arten ihrer Beantwortung von der richtigen oder unrichtigen Bestimmung des konstitutiven Prinzips der Metaphysik ins Auge zu fassen.

30. Wir haben bisher das Vorurteil des logischen Dogmatismus von der Allgenugsamkeit des Beweisverfahrens vornehmlich dadurch bekämpft, daß wir auf den Widerspruch hinwiesen, den es einschließt. Dieser Widerspruch liegt aber eigentlich so offen zutage, daß sich die Frage erhebt, welches Motiv so tief wurzeln könne, daß es, ungeachtet des offenbaren Widerspruchs, auf den es führt, seine unbeschränkte Herrschaft behauptet. Wir müssen daher noch weiter gehen und den Grund jenes Vorurteils aufsuchen, um es an der Wurzel bekämpfen zu können.

Dieser Grund liegt nun in nichts anderem, als in jener aus einem Zeitalter geringer wissenschaftlicher Ausbildung kritiklos vererbten und zum Dogma erstarrten Irrlehre, alle unmittelbare Erkenntnis sei Anschauung, alles Nicht-Anschauliche in unserer Erkenntnis gehöre der mittelbaren Erkenntnis der Reflexion an.

Ist nämlich alle unmittelbare Erkenntnis anschaulich, so muß offenbar die metaphysische Erkenntnis, da sie nicht anschaulich ist, ihren Grund in der Reflexion haben, d. h. sie beruth auf Beweis.

31. Anschauung ist diejenige Erkenntnis, deren wir uns unmittelbar (nämlich ohne Vermittlung von Begriffen, d. h. unabhängig von der Reflexion) bewußt werden. Da erscheint es nun freilich leicht paradox, von einer nicht-anschaulichen und doch unmittelbaren Erkenntnis zu sprechen. Allein, die Unmittelbarkeit, die den Begriff der Anschauung ausmacht, ist nicht die der Erkenntnis, sondern des Bewußtseins um die Erkenntnis. Die scheinbare Paradoxie des Begriffs einer nicht-anschaulichen unmittelbaren Erkenntnis verschwindet daher, sobald man den Unterschied des unmittelbaren Bewußtseins von der unmittelbaren Erkenntnis beachtet. Was hier meist irreführt, ist dies: Die anschauliche Erkenntnis steht offenbar früher vor dem Bewußtsein als diejenige, die ihm nur durch Reflexion angehört. Aus dieser zeitlichen Priorität der anschaulichen vor der gedachten Erkenntnis folgt aber nicht, daß die Anschauung der alleinige Grund der Möglichkeit einer gedachten Erkenntnis ist. Denn die Frage nach dem Ursprung der Erkenntnis ist von der genetischen Frage nach der zeitlichen Ausbildung des Bewußtseins streng zu scheiden. Die Bedeutung des Unterschiedes dieser beiden Fragestellungen ist bis auf den heutigen Tag von psychologischer Seite auf das Härteste verkannt worden. Die Vernachlässigung dieses elementaren Unterschiedes ist fast noch der einzige Fehler, der dem allgemeinen Verständnis der psychologischen Grundlagen der Kritik im Weg steht und um dessen willen das konstitutive Prinzip der Metaphysik und selbst der Logik noch so streitend beurteilt wird.

Die Erörterung dieser Angelegenheit gehört zwar selbst durchaus in die Psychologie, aber wir können sie doch - beim heutigen Stand dieser Wissenschaft - für unseren logischen Zweck nicht umgehen. Wie, bei aller sonstigen Uneinigkeit und Vielgestaltigkeit in der neuesten Entwicklung der Logik, doch insofern Einigkeit herrscht, als man keine andere Begründung der Urteile kennt, als die Demonstration und den Beweis, so erscheint es geradezu als eine ausgemachte psychologische Tatsache, daß wir keine andere unmittelbare Erkenntnis besitzen, als die Anschauung. Und so gilt es bei fast allen neueren Bearbeitern der psychologischen Disziplinen geradezu als ein Axiom, es sei die Aufgabe der Psychologie, allein aus dem Sinn und aus der Assoziation unsere gesamte Erkenntnis zu erklären. Was nicht in den Rahmen der genetischen Betrachtungsweise gehört, das pflegt man als überhaupt nicht dem Bereich der Psychologie angehörig zu betrachten und in eine andere, angeblich nicht psychologische Disziplin, in die sogenannte  Erkenntnistheorie zu verweisen. Natürlich, daß man sich von einer  solchen  Bearbeitung der Psychologie keine Aufklärungen für die Philosophie verspricht. Und ebenso natürlich, daß, wer sich dennoch dieser Hoffnung hingibt, schließlich nur an der Möglichkeit aller philosophischen Erkenntnis irre werden muß.

32. Dem gegenüber wird es unsere Aufgabe sein, zu zeigen, daß, sofern überhaupt die Psychologie den Tatsachen der inneren Erfahrung gerecht werden und ihnen nicht aus dem Weg gehen will, die Frage nach dem Grund der Möglichkeit metaphysischer Urteile, d. h. eben jene Frage nach einem eigenen,  weder  anschaulichen  noch  logischen Ursprung des Metaphysischen in unserer Erkenntnis, zu einem unvermeidlichen psychologischen Problem wird und daß nur durch eine gründliche empirisch-psychologische Bearbeitung dieses Problems die immer wiederkehrenden Irrtümer vermieden werden können, die bisher eine einhellige und planvolle wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der Metaphysik unmöglich gemacht haben.

Wir behaupten somit, daß ohne die Anerkennung des  Faktums  einer nicht-anschaulichen unmittelbaren Erkenntnis nicht allein eine psychologische Erklärung der Tatsachen des Erkennens in alle Wege unmöglich bleiben muß, sondern auch eine Einigung in metaphysischen Fragen sich nimmermehr erhoffen läßt. Ja, wir behaupten, daß, so wenig wir sonst auf einen dauernden Bestand unserer Bemühungen um die Ausbildung der Metaphysik hoffen dürfen, die allgemeine Anerkennung jener psychologischen Entdeckung allein hinlänglich sein wird, die philosophische Anarchie zu brechen und den Zwist der Schulen für alle Zeit zu schlichten.

Es läßt sich ohne Mühe zeigen, daß fast jeder selbständige Kopf in der Geschichte der Philosophie dieser Entdeckung mit größerer oder geringerer Deutlichkeit auf der Spur war, sich aber durch das seine Zeit beherrschende dogmatische Vorurteil hindern ließ, dieser Entdeckung nachzugehen. PLATONs göttliche Anschauung der Ideen, der  nous  des ARISTOTELES, bei den Neueren JACOBIs "Offenbarung", KANTs "transzendentale Apperzeption", REINHOLDs "unmittelbares Bewußtsein, FICHTEs "reines Ich", SCHELLINGs "intellektuelle Anschauung" und so fort bis auf WINDELBANDs "Normalbewußtsein" und RICKERTs "Sollen als transzendentes Minimum", das alles sind nur mehr oder weniger unbeholfene Versuche, von der bloßen Reflexion zur unmittelbaren Erkenntnis der reinen Vernunft herüberzukommen.

33. So allgemein also auch bisher diese unmittelbare Erkenntnis verkannt worden ist, so bildet doch ihre Aufklärung das Hauptziel und das Ende aller Bemühungen in der Geschichte der Philosophie. Eine einfache Überlegung wird uns hierüber orientieren.

In einer Auffassung, die die unmittelbare Erkenntnis der reinen Vernunft nicht kennt, die aus der Anschauung und der Reflexion allein alle Erkenntnis hervorfließen lassen will, ist kein Raum für andere Erkenntnis als die Anschauung und solche, die sich durch die Methoden der Reflexion, d. h. durch die logischen Formen der Definition und des Beweises aus der Anschauung herleiten läßt. Eine solche Auffassung kann also zwar der reinen Mathematik und Empirie gerecht werden, nicht aber dem Metaphysischen in unserer Erkenntnis. Daher der immer wiederkehrende Streit in allen Gebieten, auf die Metaphysik ein Anrecht hat: der Streit über die Prinzipien der theoretischen Physik, über die Grundlagen der Ethik und Politik und über die Begründung der Religionslehre. Daher ist - neben der hohen Ausbildung unserer mathematischen und empirischen Wissenschaften - die Metaphysik bis heute der Tummelplatz der Hypothesen geblieben. Und so ist jenes Vorurteil der alleinige Grund allen Dogmatismus und eben damit auch allen Skeptizismus in der Philosophie. Denn, wo man eine Begründung metaphysischer Wahrheiten versuchte, da folgte man der dogmatischen Methode des Beweises. Die Einsicht aber, daß, wo keine andere unmittelbare Erkenntnis zugrunde liegt als die Anschauung, man auch durch kein Beweisverfahren zur Erkenntnissen gelangen könne, die die Anschauung übersteigen, daß, mit anderen Worten, bei der Leerheit und MIttelbarkeit der Reflexion, aus bloßer Logik keine Metaphysik zu schaffen sei, - diese Einsicht in die nur analytische Natur der Reflexion mußte notwendig zur Leugnung der Möglichkeit aller metaphysischen Erkenntnis und damit zum Empirismus führen. Wer aber dennoch, ohne sich den Methoden der Reflexion anzuvertrauen, eine metaphysische Erkenntnis behaupten wollte, der mußte bei der mystischen Fiktion einer nicht-sinnlichen, einer intellektuellen Anschauung seine Zuflucht suchen.

So führt jenes Vorurteil unausbleiblich auf den die ganze Geschichte der Philosophie beherrschenden Streit der Platoniker und Aristoteliker (3).

34. Der Grundfehler aller bisherigen dogmatischen Logik, das Vorurteil, alle Urteile seien entweder demonstrierbar oder beweisbar, beruth also auf einer Unkenntnis der  Tatsachen  des Erkennens. Dieses Vorurteil der traditionellen Logik haben wir von den Griechen übernommen. Bei diesen erklärt sich diese Unkenntnis aus der mangelhaften Ausbildung ihrer Naturwissenschaft. Das geistige Leben und die Wissenschaft der Griechen bewegt sich allein in der Welt der Anschauung und des Schönen. Theoretische Naturwissenschaft war ihnen fremd. Die nur  ethischen  Motive, die den SOKRATES zur Anerkennung "ungeschriebener Gesetze" zwangen, in denen PLATON ein von der  physis  (Empirie) und  dianoia  (Mathematik) verschiedenes  anypodeton  (Unbeweisbares) erkannte, dessen Grund er in intellektueller (wenn auch bei der Geburt verlorener) Anschauung suchte, - diese nur ethischen Motive waren nicht stark genug, um den wissenschaftlichen Sinn des ARISTOTELES zu verhindern, mit der mythischen Begründung die Sokratische Entdeckung selbst zu verwerfen.

Das Mystische der Platonischen Auffassungsweise einerseits und die Evidenz der Sinnesanschauung andererseits mußte den Aristotelikern das Übergewicht in der Wissenschaft verleihen. Aber bei einer hinlänglichen Ausbildung der theoretischen Naturwissenschaften mußte eine nur einigermaßen gründliche Selbstbeobachtung wieder zur Anerkennung der unvermeidlichen  Wirklichkeit  metaphysischer Voraussetzungen führen und damit die Frage nach dem Grund ihrer Möglichkeit erneuern.

So zeigt es die Entwicklung der neueren Philosophie.

35. Unter Voraussetzung der fehlerhaften psychologischen Disjunktion [Unterscheidung, wp]: alle Erkenntnis beruhe entweder auf Anschauung oder auf Reflexion, bleibt indessen - in Anbetracht der tatsächlich sinnlichen Natur unserer Anschauung und der tatsächlich analytischen Natur der Reflexion - die Wirklichkeit metaphysischer Urteile eine unauflösliches Paradoxon. Unter jener Voraussetzung ist diese Tatsache unerklärlich, ja unmöglich. Denn, wenn man nicht entweder die sinnliche Natur unserer Anschauung oder die nur analytische Natur der Reflexion leugnen will, so sind jene Voraussetzung und diese Tatsache schlechterdings unvereinbar.

Die Paradoxie dieses Verhältnisses wurde der Grund des Streits zwischen den Rationalisten und Empiristen. Die notwendigen Wahrheiten der Metaphysik lassen sich nicht auf Sinnesanschauung gründen, so lehrt mit Recht der Rationalismus. Aber, lehrt ebenso richtig der Empirismus, aus der Reflexion können sie unmöglich entspringen; denn diese ist für sich leer und ohne Gehalt und kann nur aus  gegebenen  Wahrheiten Konsequenzen ableiten oder beweisen, gemäß den analytischen Regeln der Logik. Dieses Dilemma bildet das Thema des HUMEschen Zweifels. HUME ging unbefangen von demselben Vorurteil aus. Er wies nach, daß jeder Schluß von der Wirkung auf die Ursache und von der Ursache auf die Wirkung das Kausalitätsgesetz bereits a priori voraussetze und zeigte mit großer Klarheit an diesem Beispiel, daß die apodiktische [logisch zwingende, demonstrierbare - wp]Erkenntnis nicht aus dem Sinn entspringen könne, denn sonst wäre sie nicht apodiktisch. Aber die Reflexion kann wiederum nur analytisch Begriffe zergliedern. Bei der Kausalität gehe ich aber über den betreffenden Begriff hinaus und behaupte seine notwendige Verknüpfung mit einem anderen, der nicht in ihm enthalten ist. Also kann sie auch nicht aus der Reflexion entspringen. Folglich ist - aufgrund jenes Vorurteils - apodiktische Erkenntnis unmöglich und, sofern die Sinne die einzige Erkenntnisquelle sind, eine Täuschung aus empirischen Gründen.

HUMEs Zweifel bezog sich also gar nicht unmittelbar auf die objektive Gültigkeit der metaphysischen Erkenntnis, sondern zunächst nur auf ihren Ursprung, d. h. auf den subjektiven Grund ihrer Möglichkeit. Es mußte ihre psychologische Möglichkeit begreiflich gemacht werden, ehe man über ihre objektive Gültigkeit füglich verhandeln konnte. (4) Beruth also der HUMEsche Zweifel auf einem nicht nur berechtigten, sondern auch unvermeidlichen psychologischen Problem, so folgt, daß er auch nur auf dem Boden der Psychologie seine Auflösung finden kann.
LITERATUR - Leonard Nelson, Die kritische Methode und das Verhältnis der Psychologie zur Philosophie - Ein Kapitel aus der Methodenlehre, Hessenberg/Kaiser/Nelson (Hg), Abhandlungen der Fries'schen Schule, Neue Folge, Bd. 1, Göttingen 1906
    Anmerkungen
    1)  Prinzip  kann überhaupt jede allgemeine Regel heißen, sofern von ihr die Entwicklung einer Wissenschaft abhängt. Es wird daher ebenso viele Arten von Prinzipien geben, als es Arten der Abhängigkeit der Entwicklung einer Wissenschaft von allgemeinen Regeln gibt. Demgemäß haben wir vorzüglich drei Arten von Prinzipien zu unterscheiden. Die Entwicklung einer Wissenschaft hängt nämlich einmal von der unmittelbaren Erkenntnis ab, die in den Urteilen dieser Wissenschaft wiederholt wird und die das Kriterium der Gültigkeit der Grundurteile dieser Wissenschaft bildet. Das ergibt den Begriff des konstitutiven Prinzips der Wissenschaft. Andererseits hängt die Entwicklung einer Wissenschaft von der allgemeinen Regel ab, der  gemäß  ihre systematische Ausbildung stattfindet. Das ergibt den Begriff des methodischen Prinzips der Wissenschaft. Drittens hängt die Entwicklung einer Wissenschaft von den allgemeinen Grundsätzen ab, aus denen sich durch logische Folgerungen ihr System entwickelt. Diese allgemeinen Grundsätze einer Wissenschaft können daher auch mit Recht ihr Prinzip heißen. Und zwar kann man dieses Prinzip, zum Unterschied vom konstitutiven und methodischen Prinzip, das  logische Prinzip  der Wissenschaft nennen; wobei jedoch zu beachten ist, daß das Beiwort "logisch" hier nur das Verhältnis der Abhängigkeit der Entwicklung der Wissenschaft vom Prinzip bezeichnen soll und nicht die Erkenntnisart, der das Prinzip angehört. -
    Von dieser Einteilung ist daher die Unterscheidung der Prinzipien nach der Erkenntnisart, der sie angehören, sorgfältig zu trennen. Unter diesem letzteren Gesichtspunkt können nur die Grundsätze der Logik logische Prinzipien heißen; während nach der ersten Wortbestimmung die Grundsätze der Metaphysik, Mathematik und Logik die logischen Prinzipien eben dieser Wissenschaft bilden. Der gewöhnliche Sprachgebrauch folgt meist der Bezeichnung nach der Erkenntnisart und demgemäß haben wir oben nach der richtigen Begründung der "metaphysischen Prinzipien" gefragt und dementsprechend "psychologische und metaphysische Prinzipien" unterschieden. - Um Mißverständnissen vorzubeugen, bemerke ich ferner, daß in der Kantischen Schule der Ausdruck "konstitutives Prinzip" nicht selten noch in einem anderen, von der hier gegebenen Definition abweichenden Sinne Anwendung findet. Nach der in der Kritik der reinen Vernunft (die das Verhältnis der unmittelbaren Erkenntnis der Vernunft zur mittelbaren Erkenntnis der Reflexion noch nicht in den Kreis ihrer Untersuchungen zieht) gemachten Unterscheidung zwischen konstitutiven und regulativen Prinzipien versteht man unter konstitutiven Prinzipien solche allgemeinen Gesetze, welche unmittelbar eine theoretische Entwicklung nach progressiver Methode zulassen, während man als regulative Prinzipien diejenigen bezeichnet, die, als leitende Maximen der Induktion, allererst die Erforschung der ersteren ermöglichen. So wurden ROBERT MAYER und HELMHOLTZ durch das Prinzip der Erhaltung der Energie auf die Entdeckung des mechanischen Äquivalents der Wärme und damit auf das erste Grundgesetz der Thermodynamik geleitet. Die thermodynamischen Grundgesetze selbst aber liegen der mechanischen Wärmetheorie als konstitutive Prinzipien oder, nachdem Ausdruck der Physiker, als Hauptsätze zugrunde.
    2) Das Wort Metaphysik ist zwar etwas aus der Mode gekommen durch die Behauptung, es gäbe gar keine Metaphysik. Allein diese Behauptung beruth auf bloßem Wortstreit und trifft gar nicht die von uns akzeptierte wissenschaftliche Bedeutung, die KANT dem Wort gegeben hat. Vielmehr beruth in diesem Sinne des Wortes selbst alle Erfahrungswissenschaft auf metaphysischen Voraussetzungen; ja, jedes Erfahrungs urteil  bedarf, nach KANTs klarer und unwidersprechlicher Nachweisung, außer der logischen Möglichkeit des Begriffs und außer der anschaulichen Bestimmung seines Gegenstandes einer nur denkbaren Form seiner synthetischen Einheit. Demgemäß gibt es also entweder überhaupt keine Wissenschaft oder auch Metaphysik. -
    Wenn z. B. OSTWALD (Annalen der Naturphilosophie, Bd. I., 1902, Seite 51f und 61) gegen KANTs Lehre von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft behauptet: "Für den heutigen Naturforscher gibt es keine Erkenntnis a priori und daher auch kein apodiktisches Wissen ... Man darf nur eine Wahrscheinlichkeit von einsdurch8 dafür annehmen, daß irgendeine ins Unbegrenzte erstreckte oder absolute Behauptung die Wahrheit trifft", so hebt dieser empiristische Satz, da er selbst eine apodiktische Behauptung ausspricht, sich selbst auf; die Wahrscheinlichkeit, daß er die Wahrheit trifft, ist einsdurch8. Schränkt man ihn aber, um diesem Widerspruch zu entgehen, ein, in dem Sinne, daß jeder  andere  apodiktische [unumstößlich sichere - wp] Satz als dieser  eine  mit der Wahrscheinlichkeit 0 die Wahrheit trifft, so ist der Empirismus bereits durchbrochen, denn es gibt alsdann wenigstens  einen apodiktischen  Satz.
    3) KANT wirft einmal die Frage auf: "Ob sich ein Schema zu der Geschichte der Philosophie a priori entwerfen lasse, mit welchem die Epochen der Meinungen der Philosophen aus den vorhandenen Nachrichten so zusammentreffen, als ob sie dieses Schema selbst vor Augen gehabt und danach in der Kenntnis derselben fortgeschritten wären." Und er antwortet: "Ja; wenn nämlich die Idee einer Metaphysik der menschlichen Vernunft unvermeidlich aufstößt und diese ein Bedürfnis fühlt, sie zu entwickeln; diese Wissenschaft aber ganz in der Seele, obgleich embryonisch vorgezeichnet liegt ... Die Geschichte der Philosophie ist nicht die Geschichte der Meinungen, die zufällig hier oder da aufsteigen, sondern der sich aus Begriffen entwickelnden Vernunft ... Eine philosophische Geschichte der Philosophie ist selber nicht historisch oder empirisch, sondern rational, d. h. a priori möglich. Denn, ob sie gleich Fakta der Vernunft aufstellt, so entlehnt sie solche nicht von der Geschichtserzählung, sondern sie zieht sie aus der Natur der menschlichen Vernunft als philosophische Archäologie." (Lose Blätter, Heft II, Seiten 286 und 278) -
    Unsere obigen Erörterungen bewähren sich daran, daß sie uns unmittelbar instand setzen, das Schema dieser "philosophischen Archäologie" aufzustellen. -
    Das wissenschaftliche Interesse an der Geschichte der Philosophie richtet sich allein auf den Fortschritt in der Entwicklung der Methoden, nicht auf die Resultate der einzelnen Forscher, oder doch nur so weit als diese Resultate von der befolgten Methode abhängig sind. Nur für die Methode läßt sich ein Gesetz der Gedankenentwicklung angeben. Dieses Gesetz wird durch unser Schema veranschaulicht. Dieses Schema ist der Organisation der Vernunft selbst nachgebildet. -
    Der psychologische Gesichtspunkt, nach dem es entworfen ist, verbürgt einerseits seine Vollständigkeit rücksichtlich der Mannigfaltigkeit aller möglichen historischen Formen, andererseits die Unabhängigkeit aller Momente seiner Einteilung von historisch gegebenen oder willkürlich erdachten Maßstäben. Es gibt uns daher einen sicheren Leitfaden an die Hand, an dem sich alle methodologisch bedeutsamen Fortschritte und Irrtümer in der Geschichte der philosophischen Wissenschaften nach Prinzipien übersehen und bis auf ihre Quelle in der Vernunft selbst zurückführen lassen. -
    Gebrauch und Anwendung der Tafel ergeben sich leicht durch die Vergleichung mit unseren folgenden Ausführungen.

    schema

    4) So sagt KANT selbst: "Es war nicht die Frage, ob der Begriff der Ursache richtig, brauchbar und in Ansehung der ganzen Naturerkenntnis unentbehrlich sei, denn dieses hatte HUME niemals in Zweifel gezogen; sondern ob er durch die Vernunft a priori gedacht werde und, auf solche Weise, eine von aller Erfahrung unabhängige innere Wahrheit habe. Es war ja nur die Rede vom Ursprung dieses Begriffs, nicht von der Unentbehrlichkeit desselben im Gebrauch: wäre jener nur ausgemittelt, so würde es sich wegen der Bedingungen seines Gebrauches und des Umfangs, in welchem er gültig sein kann, schon von selbst gegeben haben." (Prolegomena, Einleitung).