tb-1p-4Über das sogenannte ErkenntnisproblemErnst CassirerOtto Meyerhof    
 
LEONARD NELSON
Die kritische Methode
und das Verhältnis der
Psychologie zur Philosophie

[ 6 / 7 ]

    I. Die regressive Methode
II. Über die Begründung der Urteile
III. Theorie der Deduktion
IV. Über das Verhältnis der Kritik zum System
V. Über das konstitutive Prinzip der Metaphysik
- Anhang: Über das Verhältnis des sog. Neukantianismus

"Unter der Voraussetzung des Dogmas, alle Erkenntnis sei entweder Anschauung oder Reflexion, muß unvermeidlich die an sich richtige Maxime der Aufklärung, durch Reflexion zur Metaphysik zu kommen, die fehlerhafte Form des logischen Dogmatismus annehmen, durch die Reflexion die metaphysische Erkenntnis selbst zu erzeugen und demgemäß sie zu beweisen. Als ob sich durch das Vermögen der Aufklärung die aufzuklärende Wahrheit selbst entwickeln ließe. Ein Verfahren, das an der eigenen Inkonsequenz notwendig scheitern und die gesamte metaphysische Gesetzgebung dem Skeptizismus preisgeben muß. Das Fehlschlagen dieses Unternehmens führt daher zu der Alternative, entweder (mit dem Empirismus) auf alle metaphysische Wahrheit zu verzichten, oder (mit dem Mystizismus) den wissenschaftlichen Weg der Aufklärung zu verlassen und, unter Verwerfung der Reflexion, als eines zur Metaphysik untauglichen Mittels, auf dem Weg intellektueller Anschauung die Wahrheit zu suchen."

V.
Über das konstitutive Prinzip der Metaphysik.
Das verallgemeinerte Humesche Problem und seine kritische Auflösung.
- Fortsetzung -

36. KANT widerlegte nun de facto HUMEs Resultat, ohne freilich bestimmt genug das zugrunde liegende Vorurteil anzugreifen, am Beispiel der Mathematik. Die mathematischen Urteile sind, wie HUME sah, apodiktisch [logisch zwingend, demonstrierbar - wp], aber, wie er nicht sah, synthetisch. Also gibt es apodiktische Synthesis. (1)

Die Möglichkeit synthetischer Urteile a priori wird also duch das  Faktum  bewiesen. Die Frage kann also nur noch die sein,  wie  sie möglich sind.

HUME selbst, wenn er der Voraussetzung der Kausalität die Allgemeingültigkeit absprach, indem er ihren Ursprung aus der gewohnheitsmäßigen Erwartung ähnlicher Fälle ableiten wollte, verwickelte sich in Widersprüche mit seiner eigenen klaren Nachweisung, daß die Kausalität Voraussetzung jeder Erklärung sei. Denn indem er sie aus der Gewohnheit erklären will, macht er die Gewohnheit zur ihrer Ursache, setzt also bereits die Gültigkeit Kausalgesetzes voraus.

Sehen wir aber von diesem Widerspruch ab, so ist diese noch heute in der Psychologie populäre Erklärung auch  psychologisch unzulänglich.  Denn die Erwartung ähnlicher Fälle beruth nicht allein auf Assoziation, sondern setzt selbst bereits, wenn auch ursprünglich dunkel, zu ihrer Möglichkeit die Vorstellung eines Kausalverhältnisses voraus. Die Assoziation vermag nämlich wohl zu erklären, wie mit dem Eintreten eines Sinneseindrucks die Erinnerung an einen früher darauf eingetretenen Eindruck entsteht, nicht aber die Erwartung, daß dieser Eindruck wiederum tatsächlich eintreten werde. Die Assoziation kann für sich allein stets nur die Verbindung der Vorstellungen von Objekten, niemals aber die Vorstellung von der Verbindung der Objekte erklären.

Eine unparteiische, alle voreiligen Erklärungsversuche aus den Augen setzende Beobachtung der Tatsachen zeigt also die Unrichtigkeit von HUMEs empiristischem Resultat. Der  Grund  seines Zweifels aber ist dadurch noch keineswegs gehoben. Vielmehr erhebt sich dieser Zweifel nun nur umso eindringlicher von neuem, in der Frage: Wie kann Metaphysik wirklich sein, wenn weder der Sinn noch die Reflexion einen Grund ihrer Möglichkeit darbietet? In dieser Frage vereinigt sich das Interesse aller auf den Namen einer Wissenschaft Anspruch machenden Metaphysik mit demjenigen echter, von aller Sucht voreiligen Theoretisierens freier,  empirischer  Psychologie.

37. So richtig nun auch KANT in der Einleitung zur Kritik der reinen Vernunft und in den "allgemeinen Fragen" der Prolegomena das HUMEsche Problem verallgemeinert und auf seinen klassischen Ausdruck gebracht hat, so verliert er doch in der Ausführung mehr und mehr den psychologischen Gesichtspunkt der Fragestellung aus dem Auge und gleitet allmählich wieder vom Weg enier empirisch-psychologischen Kritik in einen logischen Formalismus hinüber. Er zeigte zwar negativ die Unzulänglichkeit der logischen Formen der Reflexion zur Metaphysik, durch den Beweis der Unmöglichkeit eines logischen Kriteriums materialer Wahrheit, blieb aber selbst ganz bei der Reflexion stehen und versuchte sogar selbst wieder einen Beweis der metaphysischen Grundsätze, den er den transzendentalen nannte. Sodaß, als man dann nach den Prinzipien dieser transzendentalen Beweise fragte, man sich nur wieder auf die Anschauung zurückgewiesen sah. Und so kam es, daß seine Nachfolger sich wieder trennten und in eine Schule des Empirismus und eine Schule der intellektuellen Anschauung teilten.

KANTs sogenannte transzendentale Beweise der metaphysischen Grundsätze aus dem Prinzip der Möglichkeit der Erfahrung sind indessen in Wahrheit gar keine Beweis, sondern nur regressive Aufweisungen. Wir weisen so durch logische Zergliederung der gegebenen Erfahrung die Kategorien und Grundsätze als Bedingungen ihrer Möglichkeit auf. Gründet sich also die Erfahrung auf die metaphysischen Prinzipien als auf die logischen Bedingungen ihrer Möglichkeit, so wäre es ein Zirkel, diese Prinzipien aus dem Prinzip der Möglichkeit der Erfahrung als "oberstem Grundsatz" beweisen zu wollen. Der Gebrauch und die Anwendung der metaphysischen Prinzipien in der Erfahrung kann uns also wohl dazu dienen, diese Prinzipien als Tatsache in unserer Erkenntnis aufzuweisen, nicht aber, sie als solche allererst möglich zu machen und ihrer Gültigkeit nach zu beweisen.

KANT überschätzt die Selbständigkeit der Reflexion. Es ist logisch und psychologisch gleich unmöglich, daß sich das Denken seine synthetischen Prinzipien selbst erzeugen könnte. So wenig wie seinen Gehalt, kann sich das Urteil die Regel selbst geben, um diesen Gehalt zur Einheit zu verknüpfen. Die Norm, nach der die Reflexion den Gehalt, den ihr die Sinne liefern, verknüpfen muß, um nicht nur zu denken, sondern zu erkennen, muß ihr von der Vernunft ursprünglich vorgeschrieben sein. Die Reflexion kann uns also nur das wiederholende Bewußtsein um die Einheit und Notwendigkeit unserer Erkenntnis, nicht aber die Erkenntnis der Einheit und Notwendigkeit selbst geben. Diese ursprüngliche, von der mittelbaren Erkenntnis der Reflexion schon vorausgesetzte Erkenntnis der Vernunft ist aber keine Anschauung; denn sie kommt uns  nur  mittelbar,  nur  durch Reflexion zu Bewußtsein. Es gibt also eine für sich dunkle, nur durch die Reflexion aufzuklärenden unmittelbare Erkenntnis der Vernunft, die der Grund der Apodiktizität [Unumstößlichkeit - wp] in unseren Urteilen ist. Sie ist jenes verborgene "X, worauf sich der Verstand stützt" und das den Grund der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori aus bloßen Begriffen bildet.

Der erste Grund der Wahrheit in unserer Erkenntnis fehlt als bei KANT. Der Grund der Möglichkeit der Erfahrung liegt in den metaphysischen Grundsätzen und diese sollen ihre Gewähr wieder in der Ermöglichung der Erfahrung finden. Er hat die unmittelbare Erkenntnis der reinen Vernunft nicht finden können und versucht stattdessen, die Reflexion sich selbst ihre Wahrhaftigkeit verbürgen zu lassen durch die analytische Beziehung zwischen der Erfahrung und ihren Grundsätzen. Im  Faktum  der Erfahrung hatte er den festen Widerhalt gegen den Skeptizismus gefunden; durch Beziehung auf die  gegebene Erfahrung  konnte er dem a priori die Realität wiedergeben, die HUME ihm als Beziehung auf die Dinge genommen hatte. Wie er ebenso die Wahrheit des Glaubens als Bedingung der Realität  gebotener Sittlichkeit  aufwies, die er ihm als selbständiger Überzeugung absprach. Wie er dagegen ein objektives Prinzip des Geschmacks nicht finden konnte, in der Reflexion nämlich, in der allein er es suchte. - Diese Darstellung ist aber offenbar nur ein Notbehelf gegen den Empirismus, dessen Forderung, alle Wahrheit, die ihren Gegenstand nicht in der Erfahrung aufzeigen kann, zu beweisen, er noch nicht überwunden hatte. Es ist nur ein vorläufiger Standpunkt, wie er sich aus seiner einerseits polemischen, andererseits durchaus abhängigen Stellung zu HUME erklärt. Er zeigt damit nur, daß die Möglichkeit des Faktums der gegebenen Erfahrung und der gebotenen Sittlichkeit ein System metaphysischer Grundsätze postuliert, das er zwar auch vollständig aufgewiesen hat, aber ohne sich zum eigentlichen Grund ihrer Möglichkeit hindurchfinden zu können. Angeborene Ideen sollten es nicht sein. Aber was denn sonst? Das hat er nicht tiefer erforscht. Obgleich er auch hierzu einen gewissen Anfang gemacht hat, mit seiner Nachweisung, daß alle analytische Einheit des Bewußtseis bereits irgendeine synthetische voraussetze, in seiner Lhre von der Identität der Apperzeptionen. So sehr er sich aber auch bemüht, diese "subjektive Deduktion" von der "objektiven" zu unterscheiden, so hat er doch, infolge des Mißverständnisses des Transzendentalen, ihre psychologische Natur verkannt und ihr aus Furcht in die physiologische Ableitung" zu geraten, eine irreführende objektive Wendung gegeben. - So hat er uns mit seiner Arbeit gleichsam nur ein Problem, ein Rätsel in die Geschichte der Philosophie geworfen, dessen Auflösung ihm selbst verborgen geblieben ist.

38. Dieser Mangel mußte sich bald fühlbar machen. Man bemerkte auch, daß man zur Auflösung dieses Rätsels über die für sich gehaltlose Reflexion hinausgehen und nach einem von ihrer Mittelbarkeit unabhängigen Grund der Apodiktizität suchen müsse. Bei dem zugrunde liegenden Vorurteil, alle unmittelbare Erkenntnis sei Anschauung, mußte sich aber diese an sich richtige Forderung zu einer fehlerhaften Aufgabe gestalten: man müse die Reflexion, als zur Philosophie untauglich, aufgeben, um durch Anschauung, die dann freilich nicht sinnlich sein durfte, zur Philosophie zu gelangen. Da wir indessen eine solche intellektuelle Anschauung nicht besitzen, so mußte man sich insgeheim zu diesem Unternehmen doch der logischen Formen der Reflexion bedienen; man nahm diese Formen nur für mehr als sie sind und so geschah es, daß man unvermerkt nur wieder in den Fehler zurückfiel, aus den leeren logischen Formen metaphysischen Gehalt erzwingen zu wollen und dadurch gerade den Fehler, den man vermeiden wollte, auf die Spitze trieb.

Auf der anderen Seite machte sich im Gegensatz zu diesem Rückfall in den Platonismus naturgemäß wieder das von KANT unüberwundende - oder doch nur ad hominem [Polemik in Bezug auf die Person des Gegners - wp] widerlegt - HUMEsche Vorurteil geltend. Aus der tatsächlich sinnlichen Natur unserer Anschauung und aus der tatsächlichen Leerheit und Mittelbarkeit der Reflexion zog man den Schluß auf die Unmöglichkeit metaphysischer Erkenntnis. So ist es gekommen, daß man in der Psychologie beim HUMEschen Empirismus stehen geblieben ist und, die Belehrung der Tatsachen verschmähend, am fundamentalen dogmatischen Vorurteil festgehalten hat. Man hat diese Hypothese zu einem Axiom umgestellt und so hat sich das Faktum der metaphysischen Erkenntnis, das zum HUMEschen Problem herausgefordert hatte, ganz aus dem psychologischen Gesichtskreis verschoben. Indem aber die moderne Psychologie vor diesem Faktum die Augen verschließt, hat sie zugleich die vornehmste Aufgabe, die ihr Begründer ihr stellte, aus den Augen verloren.

So führte die Konsequenz des gemeinsamen Vorurteils zur Erneuerung des Streits der Platoniker und Aristoteliker.

Wo aber die wissenschaftlichen Interessen überwogen, da mußte naturgemäß wieder der Empirismus über den Platonismus die Oberhand gewinnen. Wer daher heute noch das Recht der Philosophie aufrechterhalten will, der sieht sich wieder auf die bloße Reflexion zurückgedrängt. Das tätige Prinzip der Reflexion ist aber der Wille. Indem man daher die Willkürlichkeit der Reflexion mit der Spontaneität des Erkennens selbst verwechselt, wird man darauf geführt, sich auf den  Willen  als höchstes Prinzip zu berufen. Die Bestimmungsgründe des Willens aber sind Zwecke. So gelangt man zu dem Versuch, die philosophischen Prinzipien als Mittel zur Erreichung des Zwecks der Wissenschaft oder als "Postulate des Strebens nach vollkommener Erkenntnis" - teleologisch - zu begründen. Wobei aber immer die Frage unbeantwortbar bleibt, woher die für sich gehaltlose Reflexion diesen Zweck erhält und woher sie, wenn er ihr selbst gegeben wäre, die Mittel zu seiner Erfüllung hernimmt. (2)

39. Darin stimmt also das Resultat, das HUME aus den Voraussetzungen der aristotelischen Logik zog, daß aufgrund dieser Voraussetungen metaphysische Urteile unmöglich sind. Anstatt also dieselben mit KANT beweisen zu wollen, schließen wir vielmehr umgekehrt: Ihre Wirklichkeit beweist ihre Möglichkeit. Folglich muß die Voraussetzung der aristotelischen Logik falsch sein.  Es gibt eine unmittelbare Erkenntnis nicht-sinnlicher Natur. 

Wenngleich wir das aber dem Platonismus zugestehen, so müssen wir doch mit den Aristotelikern gegen ihn sagen: Intellektuelle Anschauung besitzen wir aber nicht; wir können die Reflexion nicht entbehren. Die unmittelbare Erkenntnis der reinen Vernunft ist keine Anschauung, sondern  sie kommt uns einzig durch Reflexion zu Bewußtsein. 

So allein gelingt es, den Fehler des ARISTOTELES zu verbessern, ohne in den den PLATON zurückzufallen. Ihr sonst unversöhnlicher Strit erledigt sich, sobald wir ihr gemeinsames Vorurteil fallen lassen, das Vorurteil, daß wir keine andere unmittelbare Erkenntnis besitzen, als die Anschauung. Die Entdeckung dieser nicht-anschaulichen unmittelbaren Erkenntnis der reinen Vernunft ist der Leitstern, der allein die Wissenschaft bewahren kann vor den Klippen des Empirismus einerseits und des neuplatonischen Mystizismus andererseits.

Metaphysik als Wissenschaft kann nichts anderes sein, als die Aufklärung dieser unmittelbaren Erkenntnis der reinen Vernunft. Kritik der Vernunft ist das Werkzeug zu dieser Aufklärung. Ihr Geschäft ist die Deduktion der Grundsätze, d. h. ihre Begründung durch die Aufweisung des Grundes ihrer Möglichkeit in der unmittelbaren Erkenntnis der reinen Vernunft.

In der dogmatischen Voraussetzung, alle unmittelbare Erkenntnis sei Anschauung, finden wir also zugleich den tiefsten Grund des alle Philosophie zerstörenden Empirismus. Durch alle Beweise kann die Reflexion nie neue Erkenntnis schaffen, sondern nur die gegebene aufklären. Also können wir uns durch sie keine Erkenntnis erwerben, die nicht schon in der unmittelbaren Erkenntnis, von der wir ausgingen, enthalten war. Ist aber diese unmittelbare Erkenntnis Anschauung, so folgt unwidersprechlich, daß uns metaphysische Erkenntnis unmöglich sein muß.

Die Ohnmacht unserer gesamten Philosophie gegenüber der zerstörenden Macht des Empirismus hat also ihren Grund darin und nur darin, daß ihr eigenes Gebäude zuletzt auch auf jenem fundamentalen Dogma des Empirismus erbaut ist. Dies ist der Grund, weshalb sich der Empirismus allen noch so treffenden Gegenargumenten zum Trotz behauptet. Denn ehe ihm nicht jenes Fundament entzogen ist, hat man ihm nichts entgegenzusetzen, als Inkonsequenz. Aller Kampf gegen den Empirismus bleibt daher aussichtslos und aller Erfolg in diesem Kampf trügerisch, solange man dieses Fundament bestehen läßt. Soll es zu einer ernsthaften Überwindung des Empirismus kommen, so wird man sich entschließen müssen, sein Grunddogma aufzugeben.

40. Wir kommen also zu folgendem Resultat. Unter der Voraussetzung des Dogmas, alle Erkenntnis sei entweder Anschauung oder Reflexion, muß unvermeidlich die an sich richtige Maxime der Aufklärung, durch Reflexion zur Metaphysik zu kommen, die fehlerhafte Form des logischen Dogmatismus annehmen, durch die Reflexion die metaphysische Erkenntnis selbst zu erzeugen und demgemäß sie zu beweisen. Als ob sich durch das Vermögen der Aufklärung die aufzuklärende Wahrheit selbst entwickeln ließe. Ein Verfahren, das an der eigenen Inkonsequenz notwendig scheitern und die gesamte metaphysische Gesetzgebung dem Skeptizismus preisgeben muß. Das Fehlschlagen dieses Unternehmens führt daher zu der Alternative, entweder (mit dem Empirismus) auf alle metaphysische Wahrheit zu verzichten, oder (mit dem Mystizismus) den wissenschaftlichen Weg der Aufklärung zu verlassen und, unter Verwerfung der Reflexion, als eines zur Metaphysik untauglichen Mittels, auf dem Weg intellektueller Anschauung die Wahrheit zu suchen. So erzeugt das Scheitern des logischen Dogmatismus den Streit des empiristischen Skeptizismus und des neuplatonischen Mystizismus.

Aufgrund des - infolge der Unkenntnis des konstitutiven Prinzips der Metaphysik - noch heute die Logik beherrschenden Vorurteils, die Methode der Begründung der Urteile sei entweder die Demonstration oder der Beweis, ist also Aufklärung undurchführbar und Metaphysik als Wissenschaft bleibt ein konsequenterweise unauflösliches Problem.

Die Auflösung dieses Problems besteht in der Entdeckung der nicht-anschaulichen unmittelbaren Erkenntnis der reinen Vernunft. Diese Entdeckung und die durch sie erreichte endgültige Auflösung des HUMEschen Problems verdanken wir FRIES. Durch diese Entdeckung wurde zuerst der Grund und die Möglichkeit der Sokratischen Verbindung des Mißtrauens gegen das eigene Wissen mit dem Vertrauen zur Wahrheit klar und verständlich. Der Besitz der Wahrheit, den der Dogmatiker fordert, gehört der Vernunft, damit jedoch noch nicht dem Bewußtsein, das, wie der Skeptiker einsieht, für sich leer ist. Aber dieses hat die Möglichkeit, sich durch Reflexion der Vernunfterkenntnis zu bemächtigen und sie im Urteil auszusprechen. Diese Entdeckung allein ist imstande, die Philosophie zu einer evidenten Wissenschaft zu erheben und den ewigen Frieden in ihr herbeizuführen. Das ist die Leistung der kritischen Methode, daß sie die Aufklärung vollendet und eben damit zugleich überwindet. Denn sie zeigt, daß die Reflexion zwar nicht die notwendigen Wahrheiten verbürgen könne, zeigt aber zugleich den Weg, wie durch Reflexion die Reflexion zu überwinden sei.
LITERATUR - Leonard Nelson, Die kritische Methode und das Verhältnis der Psychologie zur Philosophie - Ein Kapitel aus der Methodenlehre, Hessenberg/Kaiser/Nelson (Hg), Abhandlungen der Fries'schen Schule, Neue Folge, Bd. 1, Göttingen 1906
    Anmerkungen
    1) Diese von vielen Philosophen noch heute umstrittene Frage nach der analytischen oder synthetischen Natur der mathematischen Urteile ist - wenn nicht schon durch KANT selbst - aufgrund der kritischen Untersuchungen der neueren Mathematik als erledigt zu betrachten, indem durch diese Untersuchungen für die Richtigkeit der Kantischen Entdeckung des nicht-logischen Ursprungs der mathematischen Axiome ein endgültiger Beweis erbracht worden ist. Ich verweis hierfür, sowie auch für die Aprioritätsfrage, auf die oben erwähnte Abhandlung von GERHARD HESSENBERG.
    2) Unbeantwortbar -, wenn man nicht den kritischen Weg der Vergleichung von Erkenntnissen untereinander verlassen und sich auf eine Theorie des Verhältnisses der Erkenntnis zum Gegenstand einlassen will. So drängt also auch diese Ansicht über die bloße Reflexion hinaus, aber ihr Vorurteil erlaubt ihr ein Hinausgehen über die Reflexion nur durch ein Hinausgehen über die Erkenntnis überhaupt. Eine Theorie der Möglichkeit der Erkenntnis aber liegt jenseits möglicher Wissenschaft und so weist denn auch diese Ansicht nur wieder an den Mystizismus zurück. Die Vertreter dieser Teleologik tun daher sehr Unrecht, sich auf KANT zu berufen. Denn sie sind dem obersten Gesetz der Sokratisch-Kantischen Forschungsweise untreu geworden, welches gebietet, das Gesetz der Wahrheit nicht jenseits der Erkenntnis, sondern in der Erkenntnis selbst zu suchen. Es zeugt vielmehr von besserem historischen Verständnis, wenn neuere Schüler dieser Lehre auf PLATON und FICHTE zurückgehen. Denn der Kritizismus hat seinen Ursprung allein bei SOKRATES und bei KANT. PLATON und FICHTE dagegen sind bereits vom strengen Grundgedanken kritischer Wissenschaft abgewichen.