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LEONARD NELSON
Ist metaphysikfreie
Naturwissenschaft möglich?

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"Ernst Mach spricht den  Naturgesetzen  jede objektive Bedeutung ab. Sie sind ihm lediglich ein Erzeugnis unseres psychologischen Bedürfnisses, uns in der Natur zurecht zu finden."

"Wer alle Metaphysik aufheben will, der hebt auch alle Kriterien auf, nach denen sich vernünftige und unvernünftige, wissenschaftliche und unwissenschaftliche Denk- und Forschungsweise unterscheiden ließe; Erkenntnis und Phantastik sind nicht mehr zu trennen und der Schwärmerei ist Tür und Tor geöffnet."

"Ist einmal auf die Autonomie der wissenschaftlichen Erkenntnis Verzicht geleistet, so ist auch das ursprünglich erstrebte Ziel, die Befreiung von  vorgefaßten Meinungen  und den  Nebeln der Mystik,  bereits illusorisch gemacht und es ist am Ende eine Machtfrage, es ist die Frage nach dem Recht des Stärkeren, der wir unsere Vernunft, unser Urteil, unsere Wissenschaft unterwerfen. Ist einmal das unumschränkte Recht der Vernunft auf die oberste Gesetzgeberschaft preisgegeben, so wird es nicht an solchen fehlen, die von dieser Gesetzlosigkeit zu ihrem eigenen biologischen Vorteil ausgiebigen Gebrauch machen; und es kann nicht ausbleiben, daß die proklamierte Anarchie alsbald in Despotismus umschlägt." 


VII.
Beschreibung und Erklärung

Nach diesen Erörterungen wird sich leicht die von MACH vertretene Behauptung beurteilen lassen, nach der zwischen "Beschreibung" und "Erklärung" kein spezifischer Unterschied bestehen soll. Betrachten wir als beispiel die Untersuchung der Beziehung zwischen Fallraum und Fallzeit. MACH sagt hierüber:
    "Tragen wir die zusammengehörigen Werte von Fallraum und Fallzeit in eine Tabelle ein, so reduziert sich die ganze Abhängigkeit darauf, daß jetzt einer gewissen Anzahl Fallzeitelemente eine bestimmte von ersterer abhängige Anzahl Fallraumelemente entspricht. Wenn sich nun gar eine Rechnungsregel von immer gleicher Form finden läßt, durch welche man aus der Zahl der Fallzeitelemente  t  die Zahl der Fallraumelemente s1 (s= gt2/2), ableiten kann, so wird das schwerfällige Mittel der Tabellen mit großem Vorteil durch diese  Rechnungsregeln, Formeln oder Gesetze  ersetzt oder vertreten." (Seite 204)
Zeigt uns wirklich schon die Tabelle eine "Abhängigkeit" der Anzahl der Fallraumelemente von der der Fallzeitelemente? Liegt nicht vielmehr diese Abhängigkeit - von der MACH so gern betont, er verstehe sie als eine "funktionale im mathematischen Sinn" (Seite 11) - einzig und allein in der Formel? Wir wollen hier nicht wiederholen, was wir oben aufgeführt haben, daß der Begriff der Abhängigkeit den des Gesetzes bereits einschließt; auch ist es wohl kaum nötig, darauf hinzweisen, daß der Funktionsbegriff, wenn man den Gesetzesbegriff aus ihm eliminieren wollte, jeglichen Sinn verlieren würde. Die Tabelle enthält eine  endliche  Anzahl von Fällen, die Formel (das Gesetz) eine  unendliche  und zwar eine in zweifacher Hinsicht unendlich, insofern sie sowohl eine Extrapolation, als auch eine Interpolation der Beobachtungen ermöglicht. Kann, wenn es hiermit seine Richtigkeit hat, wirklich von einer nur  graduellen  Verschiedenheit zwischen der Beschreibung (der bloßen Wiedergabe der Beobachtung) und der Erklärung (der Zurückführung auf das Gesetz) die Rede sein? Kann man den Übergang von der Tabelle zur Formel wirklich als bloßen Ersatz eines schwerfälligen durch ein bequemeres Darstellungsmittel einer und derselben Sache bezeichnen? - Wer die Differentialgleichungen, die zur Darstellung "aller denkbaren" mechanischen, thermischen und elektromagnetischen Tatsachen genügen, eine Beschreibung dieser Tatsachen nennen will, der kann freilich, wenn es ihm Freude macht, zwei völlig heterogene Dinge durch dasselbe Wort zu bezeichnen, daran nicht gehindert werden; aber  der  würde sehr im Irrtum sein, der sich berechtigt glaubt, aus dieser Bezeichnung zu schließen, jene Differentialgleichungen seien etwas der Art, was andere dem Sprachgebrauch gemäß als Beschreibung bezeichnen. Er müßte denn im Besitz der Kunst sein,  alle  überhaupt  denkbaren  - und das heißt unendlich viele - mechanische, thermische und elektromagnetische Prozesse direkt sinnlich wahrzunehmen.

"Die  Formen  der Gesetze einer Tatsache sind oft Gegenstand einer Annahme; da ja eigentlich nur unendlich viele Beobachtungen mit Ausschluß aller störenden Umstände das Gesetz liefern könnten", sagt MACH. (Seite 235) Dies trifft aber nicht nur "oft" zu, sondern  immer,  da wir, wären wir auf bloße Beobachtung angewiesen, in der Tat nur nach Vollendung unendlich vieler Beobachtungen und das heißt  niemals,  ein Gesetz erhalten würden. Und so sieht sich denn auch MACH zur Einschränkung genötigt, die Zurückführung der Erscheinungen auf Gesetze als "indirekte Beschreibung" zu charakterisieren (Seite 242) und so die Unterscheidung der Beschreibungen von mehr oder weniger "allgemein Tatsächlichem" einzuführen. (Seite 317) Was nun eigentlich mit dieser Vergewaltigung der deutschen Sprache der gewöhnlichen Auffassung gegenüber gewonnen sein mag, überlassen wir dem Leser zur Beurteilung.


VIII.
Das Prinzip der Denkökonomie

Wir haben bisher einen Gedanken unerwähnt gelassen, mit dessen Hilfe man vielleicht noch hoffen könnte, den Empirismus der MACHschen Erkenntnispsychologie gegen unsere Kritik in Schutz zu nehmen. Es ist dies das Prinzip der "Denkökonomie". Wir wollen die hohe Bedeutung dieses Prinzips für die Entwicklung der wissenschaftlichen und auch der vorwissenschaftlichen Erkenntnis nicht in Frage stellen. Das Bestreben, mit einem möglichst geringen Aufwand von Arbeit möglichst viel zu leisten, hat von jeher die Betätigung der Menschen in praktischer wie in intellektueller Hinsicht - teils bewußt, teils unbewußt - zu neuen Fortschritten geführt. Insbesondere ist dieses Bestreben seit langem, unter dem Namen des Prinzips der Sparsamkeit, von den Naturforschern mit Bewußtsein geltend gemacht worden. MACH spricht den Inhalt dieses Prinzips gelegentlich mit den Worten aus: "Das Ideal der ökonomischen und organischen Zusammenpassung der einem Gebiet angehörigen verträglichen Urteile ist erreicht, wenn es gelungen ist, die geringste Zahl einfachster unabhängiger Urteile zu finden, aus welchen sich alle übrigen als logische Folgen ergeben, d. h. ableiten lassen." (Seite 179) - Indessen, MACH scheint dem Prinzip der Denkökonomie vielfach noch eine andere, als die in diesen Worten ausgesprochene Bedeutung beizulegen. Er scheint es nicht lediglich als ein logisches Postulat aufzufassen, dem gemäß der Forscher, wenn er sich in den Besitz des ein Gebiet betreffenden Wissens gesetzt hat, dieses Wissen in die  Form  eines sich aus einer möglichst geringen Zahl möglichst einfacher Grundsätze entwickelnden logischen Systems bringen kann, sondern er scheint auch den in diesen Grundsätzen zum Ausdruck kommenden Gedankengehalt  selbst auf das Prinzip der Denkökonomie zurückführen zu wollen. So sagt er gelegentlich einer Besprechung des Energieprinzips: "Die Erhaltungsideen haben wie der Substanzbegriff ihren triftigen Grund in der Ökonomie des Denkens." (21) Und an anderer Stelle lesen wir: "Wenn wir zu den wahrnehmbaren Handlungen der Menschen uns unwahrnehmbare Empfindungen und Gedanken, ähnlich den unsrigen, hinzudenken, so hat diese Vorstellung einen ökonomischen Wert, indem sie uns die Erfahrung verständlich macht, d. h. ergänzt und erspart. Man verfährt ganz ähnlich, wenn man sich einen eben hinter einer Säule verschwundenen bewegten Körper oder einen eben nicht sichtbaren Kometen mit allen seinen vorher beobachteten Eigenschaften in seiner Bahn fortbewegt denkt, um durch das Wiedererscheinen nicht überrascht zu werden." (22) Hier soll offenbar in der Denkökonomie nicht nur der Anlaß zur logischen Formung der Wissenschaft, sondern auch der Ursprung für die ihr zugrunde liegenden allgemeinen Annahmen gesucht werden. Wir kommen damit offenbar auf das schon oben erörterte Problem der dritten - bloßer Beobachtung und bloßer Logik nebengeordneten - Erkenntnisquelle zurück.

Es handelt sich um jene "allgemeinen Prinzipien", deren Gegenteil mit unserem "Instinkt" kontrastieren sollte, um jene "begrifflichen Fixierungen", vermöge deren aus dem bloßen "Befund" ein "Urteil" werden sollte, um jene Annahme von der "Beständigkeit der Verbindung" oder von der "Abhängigkeit der Elemente voneinander". Hier scheint sich endlich ein Weg zu eröffnen, auf dem wir zu einer befriedigenden Einsicht in die Herkunft dieser Dinge gelangen können. Es ist die Kraftersparnis, die leichtere Befriedigung der praktischen Bedürfnisse, das Interesse der Lebenserhaltung, kurz, es ist der  biologische Vorteil,  was zur Ausbildung jener Eigentümlichkeiten unseres Denkens geführt hat. Es ist eine Art Anpassungsprozeß an unsere physische Umgebung, eine Art natürlicher, später auch künstlicher, Zuchtwahl, was ihre Entstehung gleichsam notwendig gemacht hat. In der Tat, je genauer der Vorstellungsverlauf eines Wesens sich dem Naturlauf angepaßt hat, ein je getreueres Abbild desselben er darstellt, um so vorteilhafter wird dieses Wesen für den Kampf ums Dasein ausgerüstet sein, um so besser wird es, in Voraussicht der nützlichen oder schädlichen Eigenschaften der ihn umgebenden Dinge, das ihm Nützliche aufsuchen, das ihm Schädliche zu meiden in der Lage sein. Was sich unter dem Zwang des biologischen Bedürfnisses auf solche Weise an allgemeinen Vorstellungen, Erwartungen und instinktiven Annahmen herausgebildet hat, das legt dann die Wissenschaft mit Bewußtsein der methodischen Forschung als Leitmotiv zu Grunde.

So bestechend diese Argumentation auf den ersten Blick erscheinen mag, so unhaltbar ist sie doch. Sie leidet an dem Fehler, der allen Versuchen anhaftet, die darauf ausgehen, ein Entwicklungsprinzip zur Aufklärung von Fragen zu benutzen, deren Gegenstand außerhalb des Gebietes der Entwicklung liegt. Jedes Zuchtwahlprinzip kann nur dazu dienen, die Erhaltung und graduelle Ausbildung, d. h. Verstärkung, irgendwelcher Eigenschaften zu erklären, aber es findet seine notwendige Schranke an der Frage nach der ursprünglichen Herkunft dieser Eigenschaften. So auch das Prinzip des biologischen Vorteils in der Psychologie des Erkennens. Es mag biologisch vorteilhaft und denkökonomisch wertvoll sein, wenn wir uns zu den wahrnehmbaren Handlungen der Menschen unwahrnehmbare Empfindungen und Gedanken hinzudenken und man kann verstehen, daß dieses Hinzudenken, dadurch, daß es sich als vorteilhaft erweist, zu einer sich erhaltenden Denkgewohnheit wird. Man versteht dies: sofern man das aus anderen Gründen schon vorhandene Hinzudenken  voraussetzt;  das  Auftreten  dieses Hinzudenkens kann nicht selbst dadurch erklärt werden, daß man zeigt, wie es sich infolge der Vorteile, die es mit sich bringt,  erhalte.  Und so auch bei allen anderen Eigentümlichkeiten unseres Erkennens.

Indessen, hier bleibt noch eine Zweideutigkeit. Meint MACH nur, es sei eine allgemeine Eigenschaft aller Erkenntnis, in irgendeiner Weise biologisch förderlich zu sein, oder will er nur sagen, das, was man sonst richtig oder wahr nenne, sei im Grunde gar nichts anderes, als das biologisch Förderliche? Das erste in unzweifelhaft richtig, falls man nur den Begriff des biologisch Förderlichen hinreichend weit faßt, so daß auch eine solche Erkenntnis, deren Inhalt uns in höchstem Maße schmerzt und quält, doch noch als biologisch förderlich gelten könnte, insofern sie uns nämlich durch eine Bereicherung des Wissens in intellektueller Hinsicht fördert. So weit gefaßt, wäre der Satz von der biologisch förderlichen Natur der Erkenntnis zwar völlig trivial, aber doch wenigstens richtig.

Vielleicht meint jedoch MACH nicht, eine Erkenntnis sei darum biologisch förderlich, weil sie richtig ist, sondern eine Erkenntnis sei darum richtig, weil sie biologisch förderlich ist. Er sagt: "Eine Erkenntnis ist stets ein uns unmittelbar oder doch mittelbar biologisch förderndes psychisches Erlebnis. Bewährt sich hingegen das Urteil nicht, so bezeichnen wir es als Irrtum." (Seite 115) Hier scheint in der Tat das biologisch förderliche als Kriterium des richtigen Denkens gemeint zu sein. Und wirklich spricht MACH den "Naturgesetzen" jede objektive Bedeutung ab: sie sind ihm lediglich "ein Erzeugnis unseres psychologischen Bedürfnisses, uns in der Natur zurecht zu finden." (Seite 453f) "Die Tatsachen sind  nicht  genötigt, sich nach unseren Gedanken zu richten." (Seite 455f) Die Naturgesetze sind "bloße subjektive Vorschriften für die Erwartung des Beobachters, an welche die Wirklichkeit nicht gebunden ist." (Seite 458) - Aber hier müssen wir uns fragen, ob denn nicht für diese ganze Betrachtung schon die objektive Geltung von Naturgesetzen vorausgesetzt ist? Was sollen diese Sätze über unsere Erwartungen und über unser psychologisches Bedürfnis, über das biologisch Fördernde der Erkenntnis und über die Ökonomie des Denkens, - auch das Gesetz der Assoziation gehört hierher, - was sollen diese Sätze anderes sein, als Naturgesetze, nämlich Gesetze unseres Erwartens, Bedürfens und Denkens? Entweder gelten diese Gesetzt: dann sind die Naturgesetze nicht nur subjektive Erzeugnisse des Denkens. Sind aber die Naturgesetze nur subjektive Erzeugnisse des Denkens, so gilt dies auch von den biologischen Naturgesetzen, unter denen das menschliche Denken und seine Entwicklung stehen soll; d. h. das Denken steht in Wahrheit gar nicht unter diesen Gesetzen, ("die Wirklichkeit - hier das Denken - ist nicht an sie gebunden",) sondern es ist nur biologisch förderlich, zu denken, es stände unter ihnen. (23)

Übrigens wird natürlich der Denkökonom, entsprechend den Graden der erzielten Denkersparnis, verschiedene Grade der Richtigkeit anzunehmen haben, wo denn als idealer Grenzfall des richtigen Denkens derjenige anzunehmen wäre, in dem  alle  Denkarbeit gespart, d. h. wo gar nicht mehr gedacht wird. Von diesem Standpunkt aus, der als der einzig uneingeschränkt richtige zu gelten hätte, ist natürlich auch das Prinzip der Denkökonomie selbst ein noch zu viel Denkarbeit erfordernder und daher falscher Gedanke. - Man sieht, das Prinzip der Denkökonomie hebt in seiner Konsequenz nicht nur alle Naturwissenschaft, sondern auch sich selbst auf.

Man wende nicht ein, das Prinzip der Denkökonomie setze natürlich das Bestehen des Denkens und das Bestreben zu Denken voraus und wolle nur eine Regel aufstellen, dieses Denken auf die ökonomischste Weise zu verrichten. Dies ginge wohl an, wenn irgendwelche Gesetze als gegeben angenommen würden, denen das Denken die Tatsachen auf eine mehr oder weniger ökonomische Weise unterzuordnen vermöchte. Aber diese Gesetze dürfen hier nicht als gegeben gelten: sie sollen ja erst durch die Denkökonomie ihren Ursprung erhalten. Wir besitzen ja noch gar keine Kriterien, denen gemäß unser Denken die Tatsachen auf mehr oder weniger ökonomische Weise zu beurteilen und zu deuten in der Lage wäre: diese Kriterien sollen ja eben durch das Prinzip der Denkökonomie erst geliefert werden.

Man sieht also: die Verflüchtigung des Wahrheitsbegriffs, die in der Reduktion des richtigen Denkens auf das biologisch förderliche liegt, führt zu unaufhebbaren Widersprüchen. (24)


IX.
Der Widerspruch der empiristischen Grundvoraussetzung

Es verdient bemerkt zu werden, daß der hier aufgedeckte Widerspruch nicht etwa, wie man vielleicht meinen könnte, die Folge eines nebensächlichen, den Kern der MACHschen Lehre nicht berührenden Fehlers ist, sondern vielmehr deren Grundgedanken selbst trifft.

Die bloße Beobachtung, so hatten wir bereits mehrmals bemerkt, läßt stets nur eine  endliche  Anzahl von Fällen erkennen. Die Zahl der beobachteten Fälle einer Art mag noch so groß sein; daß ihr Ergebnis auf  alle  Fälle dieser Art Anwendung findet, vermag die Beobachtung nicht zu lehren. Jedes wirklich allgemeine Urteil geht folglich über die Kompetenz der Beobachtung hinaus, es setzt eine andere Erkenntnisquelle voraus, als die Beobachtung. Es ist unrichtig, wenn MACH sagt: "Das Urteil  alle A sind B  kann ich psychologisch als eine Summe  vieler  Urteilsakte auffassen." (Seite 113) Aus einer bloßen Summation noch so vieler Einzelurteile kann niemals ein allgemeines Urteil entstehen. Sagt doch auch MACH, daß der Obersatz eines Schlusses "nicht allgemein ausgesprochen werden darf, wenn man nicht auch des Spezialfalles sicher ist". "Die Sterblichkeit kann ja nicht von  allen  Menschen behauptet werden, bevor sie nicht auch von Cajus gilt. Zur Aufstellug des Obersatzes muß der bloße Logik den Tod aller künftigen Cajuse  abwarten  und kein auf Syllogismus angewiesener Cajus kann die Gewißheit seiner eigenen Sterblichkeit  erleben."  (Seite 305) - Wie steht es nun da mit der Grundbehauptung der MACHschen Lehre, daß die Erkenntnisse  "immer  aus der Beobachtung stammen"; daß die "Grundlage  aller  Erkenntnis die Intuition ist"; daß aus dem sinnlichen Befund  "alle  Erkenntnis hervorwächst" (Seite 314f); daß die Empfindungen die "Grundelemente  alles  psychischen Lebens sind" (Seite 23)? Diese Behauptung ist ein  allgemeiner  Satz und beansprucht als ein solcher zu gelten. Sie will nicht eine bloße "Summe" vieler Einzelurteile sein, nach denen nur dieses oder jenes eine Empfindung oder eine aus der Beobachtung stammende Erkenntnis ist; denn daß es  viele  Erkenntnisse gibt, die der Beobachtung entstammen und daß  viele  Grundelemente des psychischen Lebens Empfindungen sind, das steht außer Frage. Was MACH behaupten wollte, war vielmehr das: Es gibt keine Erkenntnis, die nicht aus der Beobachtung entstammt, es gibt kein Grundelement des psychischen Lebens, das nicht Empfindung wäre.

Dieser MACHsche Satz kann folglich, insofern er allgemeine Gültigkeit beansprucht, nicht der Beobachtung entnommen sein. Entweder also alle Erkenntnis entstammt der Beobachtung: dann kann der MACHsche Satz keine Erkenntnis, sondern nur einen Irrtum enthalten. Ist aber der MACHsche Satz eine Erkenntnis, so ist er aus einer anderen Quelle geschöpft, als der Beobachtung. Ist er abern aus einer anderen Quelle geschöpft, so ist die Beobachtung nicht die einzige Erkenntnisquelle, was doch der Satz behauptet. - Hier zeigt sich der Widerspruch im ersten Ausgangspunkt der MACHschen Psychologie.

Dieser Widerspruch ist sonst bekannt genug. Jeder Schüler der Logik lernt ihn im Schulbeispiel vom lügenden Kreter kennen. Wenn EPIMENIDES, der Kreter, sagt: "Alle Kreter sind Lügner", so hat er notwendig gelogen. Denn angenommen, es ist wahr, daß alle Kreter lügen, so muß die auch EPIMENIDES tun. Um nichts besser als diese Lüge des EPIMENIDES ist das Dogma des Empiristen. Wenn der Empirist sagt: "Alle Erkenntnisse stammen aus der Beobachtung", so spricht er eine Behauptung aus, die sich selbst aufhebt. Denn angenommen, seine Behauptung wäre richtig, so gäbe es eine  allgemeine, d. h. nicht  aus der Beobachtung stammende Erkenntnis. (25)

Wir können aus den vorstehenden Erörterungen den folgenden Schluß ziehen: die MACHsche Erkenntnistheorie ist kein Resultat von Beobachtungen, sondern sie ist ein metaphysisches Dogma. Sie ist logisch unhaltbar, denn sie widerspricht sich selbst. Sie ist psychologisch unhaltbar, denn sie widerspricht den Tatsachen der Selbstbeobachtung. Sie naturwissenschaftlich unhaltbar, denn sie hebt die Möglichkeit aller Naturwissenschaft auf.

Die harten Urteile, mit denen MACH über die Kantischen Untersuchungen den Stab brechen wollte, waren also höchst unberechtigt. Nicht die Kantische, sondern MACHs eigene Lehre ruht auf "philosophischen Dekreten" (Seite 281), durch die die Rechte der Beobachtung gekränkt werden. KANT, der die Einsicht in die Unentbehrlichkeit der Metaphysik für die Naturwissenschaft mit der Einsicht in die Unzulässigkeit aller dogmatischen Metaphysik verband und dadurch auf die Erfindung der Kritik der Vernunft geführt wurde, hat den von MACH vertretenden Empirismus auf das bündigste widerlegt. So sagt er im Hinblick auf seine eigenen kritischen Untersuchungen:
    "Was Schlimmeres könnte aber diesen Bemühungen wohl nicht begegnen, als wenn jemand die unerwartete Entdeckung machte, daß es überall gar keine Erkenntnis a priori gebe, noch geben könne. Allein es hat hiermit keine Not. Es wäre eben so viel, als ob jemand durch Vernunft beweisen wollte, daß es keine Vernunft gebe. Denn wir sagen nur, daß wir etwas durch Vernunft erkennen, wenn wir uns bewußt sind, daß wir es auch hätten wissen können, wenn es uns auch nicht so in der Erfahrung vorgekommen wäre; mithin ist Vernunfterkenntnis und Erkenntnis a priori einerlei. Aus einem Erfahrungssatz Notwendigkeit (ex pumice aquam [Wasser von einem Bimsstein verlangen, wp]) auspressen wollen, mit dieser auch wahre Allgemeinheit (ohne welche kein Vernunftschluß, mithin auch nicht der Schluß aus der Analogie, welche eine wenigstens präsumierte Allgemeinheit und objektive Notwendigkeit ist und diese also doch immer voraussetzt,) einem Urteil verschaffen wollen, ist gerader Widerspruch." "Doch", so fährt KANT fort, "da es in diesem philosophischen und kritischen Zeitalter schwerlich mit jenem Empirismus Ernst sein kann und er vermutlich nur zur Übung der Urteilskraft und um durch den Kontrast die Notwendigkeit rationaler Prinzipien a priori in einer helleres Licht zu setzen, aufgestellt wird; so kann man es denen doch Dank wissen, die sich mit dieser sonst eben nicht belehrenden Arbeit bemühen wollen." (26)


X.
Die metaphysikfreie Naturwissenschaft

MACH protestiert lebhaft gegen die Zumutung, eine neue Philosophie in die Naturwissenschaft einführen zu wollen: er habe lediglich eine alte abgestandene aus derselben entfernen wollen. (Seite VIII) Es kommt aber wohl wenig darauf an, ob man die Methodologie und Psychologie des naturwissenschaftlichen Erkennens als eine der Philosophie oder als eine der Naturwissenschaft angehörige Aufgabe bezeichnet; was in der einen Wissenschaft richtig ist, kann in der anderen nicht falsch sein. Daß es ein vergebliches Beginnen ist, die Naturwissenschaft von aller Metaphysik zu befreien, ohne damit zugleich die Möglichkeit der Naturwissenschaft selbst aufzuheben, haben wir gezeigt. Man kann die allem naturwissenschaftlichen Erkennen zugrunde liegende Metaphysik wohl verschleiern, aber nicht aus der Welt schaffen. Die "alte abgestandene" Metaphysik der Naturforscher hatte doch wenigstens noch den Vorzug, vom Tatbestand ihrer Annahmen Rechenschaft ablegen zu können, die neue aber geht gerade darauf aus, diesen Tatbestand zu verhüllen und unkenntlich zu machen.

Wird dadurch der Zweck, den MACH mit seinen Bestrebungen verfolgt, irgendwie gefördert? Dieser Zweck ist der, die Naturforschung von "vorgefaßten Meinungen" unabhängig zu machen, "konventionelle Schranken des Denkens" aus ihr zu beseitigen und die "Nebel" der Mystik aus ihr zu verbannen. Es liegt uns fern, die hohe Bedeutung dieses Zwecks und die edle Absicht, aus der er entsprungen ist, zu verkennen. Aber je höher wir das Streben nach methodischer Aufklärung schätzen, desto wichtiger muß es uns sein, gegen ein Verfahren Einspruch zu erheben, das, in der wohlmeinenden Absicht wissenschaftliche Klarheit zu verbreiten, in der Tat nur dazu führen kann, die Grundlagen aller vernünftigen und aufgeklärten Forschungsarbeit zu entwerten und zu zerstören. Gewiß besteht die dauernde Gefahr, daß, wo der Metaphysik Zutritt gestattet ist, auch der zu allen Zeiten mit ihr geübte Mißbrauch ausbleiben werde. Aber es ist das schlechteste Schutzmittel gegen diesen Mißbrauch, die Metaphysik überhaupt eliminieren zu wollen. Denn nur der kann die Metaphysik zu entbehren wähnen, der von ihr  ohne Bewußtsein  und daher auch  ohne Kritik  Gebrauch macht. (27) Wer alle Metaphysik aufheben will, der hebt auch alle Kriterien auf, nach denen sich vernünftige und unvernünftige, wissenschaftliche und unwissenschaftliche Denk- und Forschungsweise unterscheiden ließe; Erkenntnis und Phantastik sind nicht mehr zu trennen und der Schwärmerei ist Tür und Tor geöffnet. Und so sehen wir denn in der Tat heute unter dem Deckmantel der metaphysikfreien Forschung die alten Schwarmgeister der vitalistischen Philosophie wiederum in den Betrieb der Naturwissenschaft einziehen. Dieses Zusammentreffen ist kein Zufall: "Metaphysikfreie Naturwissenschaft" bedeutet "gesetzlose Naturwissenschaft", gesetzlose Naturwissenschaft aber bedeutet Mythologie. Nur kurzsichtigste Inkonsequenz kann das verkennen lassen. (28)

Die Ansätze zu einer solchen Ausbeutung der Metaphysikfreiheit, d. h. Disziplinlosigkeit der Forschung, finden sich auch bei MACH selbst. So schließt er ganz richtig, daß, wenn nur die Erfahrung über die Eigenschaften des Raumes entscheiden könne, auch die Annahme über die Zahl seiner Dimensionen sich nach dem jeweiligen Stand unserer Erfahrung zu richten habe. "Der Raum des Gesichtes und Getastes ist dreidimensional. Würden aus diesem Raum Körper entschwinden oder neue in denselben hineingeraten, so könnte die Frage, ob es eine Erleichterung der Einsicht [?] und Übersicht gewährt, sich den gegebenen Raum als Teil eines vier- oder mehrdimensionalen Raumens zu denken, wissenschaftlich diskutiert werden." (29) Dieser Satz steht an einer gegen die "Monströsitäten" des Spiritismus gerichteten Stelle. Nach MACH würde jedoch eine solche Einführung der vierten und höherer Dimensionen in die Physik gar nichts Mystisches an sich haben: "Diese vierte Dimension bliebe darum immer noch ein Gedankending." Das klingt recht beruhigend. Aber müssen wir nach MACHschen Prinzipien nicht die Möglichkeit zulassen, daß dieses vorläufige Gedankending, bei zunehmender Erweiterung der Beobachtungskunst und bei fortschreitender Entwicklung unserer Sinne, später einmal auch ein Gegenstand wirklicher Erfahrung werden könnte? Indessen, sehen wir davon ab, so wäre doch diese vierte Dimension nicht mehr und nicht weniger ein Gedankending als etwa die (ebenfalls unwahrnehmbaren) Empfindungen unserer Mitmenschen. Beides stände auf der gleichen Stufe der Realität. Ja noch mehr: auch die Rückseite des Mondes ist ja unserer Beobachtung unzugänglich; die Annahme also, daß der Raum vier Dimensionen habe, stände an Gewißheit derjenigen nicht nach, daß auf der Rückseite des Mondes die Gleichung 2 x 2 = vier gelte.

Aber vielleicht entschließt sich der Antimetaphysiker, diese Konsequenze zu ziehen und die Gleichwertigkeit dieser verschiedenen Annahmen zu behaupten. Er wird sich gegen den Vorwurf des Mystizismus etwa dadurch zu schützen suchen, daß er argumentiert: die Behauptung einer vierten Dimension stehe allerdings auf derselben Stufe der Gewißheit, wie die Behauptung der Existenz des Seelenlebens unserer Mitmenschen; die eine Annahme sei indessen nicht etwa ebenso  wahr,  wie die andere, sondern sie sei nur ebenso  bequem;  Wahrheit im eigentlichen Sinn könne lediglich empirisch kontrollierbaren Sätzen zukommen und solange man nur die Tatsachen der empirischen Beobachtung von den willkürlichen Zutaten des Denkens unterscheide, sei man vor allem Mystizismus gesichert, denn dieser bestehe doch erst in der Verwechslung bloßer Gedankendinge mit Tatsachen.

Das klingt wieder recht plausibel. Aber haben sich die so Argumentierenden auch überlegt, was das Wort "Tatsache" eigentlich bedeutet? Was unterscheidet denn eine Tatsache der Beobachtung vom Inhalt einer Halluzination? Was unterscheidet das "Gedankenexperiment" eines Physikers vom Phantasieren eines Irrsinnigen? Nicht der empirisch konstatierbare Inhalt der Vorstellungen, - dieser kann in beiden Fällen derselbe sein, - sondern lediglich der Umstand, daß dieser Vorstellungsinhalt sich das eine Mal in einen durch gewisse Regeln bestimmten Zusammenhang einordnet, das andere Mal aber eine solche Einordnung nicht zuläßt. Die Regeln, die diesen Zusammenhang bestimmen, können offenbar nicht selbst der Beobachtung entlehnt sein, da sie die Kriterien bilden, aufgrund deren erst entschieden werden kann, ob eine bestimmte Vorstellung eine Beobachtung ist oder nicht. Diese Regeln sind folglich metaphysischen Ursprungs. Wer also die Metaphysik aufhebt, der hebt die Möglichkeit auf, die Tatsachen wissenschaftlicher Beobachtung vom Fiebertraum eines Irrsinnigen zu unterscheiden, der nimmt dem Wort "Tatsache" jeden vernünftigen Sinn. Wer sich nicht durch Worte täuschen lassen will, kann nicht von Tatsachen reden, ohne eben damit die Notwendigkeit metaphysischer Kriterien anzuerkennen. (30)

Solcher Kriterien bedarf, wie wir gesehen haben, auch MACH. Nur sucht er sie nicht in bestimmten metaphysischen  Erkenntnissen  (synthetischen Urteilen a priori), sondern er setzt an deren Stelle den biologischen Vorteil. Daß hiermit das Problem, um das es sich handelt, nur verschoben und nicht gelöst wird, ist daraus klar, daß der biologische Vorteil, um als Kriterium dienen zu können, selbst erst Gegenstand der Erkenntnis werden muß und daß diese Erkenntnis, da sie nach MACH nur durch Beobachtung möglich ist, die fraglichen Kriterien wiederum schon voraussetzt.

Weit wichtiger aber ist es noch, zu bemerken, daß mit dieser Einsetzung des biologischen Vorteils als obersten Kriteriums die Autonomie der wissenschaftlichen Erkenntnis untergraben wird. Die letzte Entscheidung über "wahr" und "falsch" liegt demnach außerhalb des theoretischen Gebietes; nicht auf ihrem eigenen Grund und Boden findet Erkenntnis und Wissenschaft die Richtschnur des Verfahrens, sondern sie muß sie sich von einer fremden Autorität diktieren lassen. Es kommt wenig darauf an, ob man diese Autorität in einem für heilig erklärten Buch oder in den Machtsprüchen einer für unfehlbar erachteten Person oder ob man sie im biologischen Vorteil sucht. Ist einmal auf die Autonomie der wissenschaftlichen Erkenntnis Verzicht geleistet, so ist auch das ursprünglich erstrebte Ziel, die Befreiung von "vorgefaßten Meinungen" und den "Nebeln" der Mystik, bereits illusorisch gemacht und es ist am Ende eine Machtfrage, es ist die Frage nach dem Recht des Stärkeren, der wir unsere Vernunft, unser Urteil, unsere Wissenschaft unterwerfen. Ist einmal das unumschränkte Recht der Vernunft auf die oberste Gesetzgeberschaft preisgegeben, so wird es nicht an solchen fehlen, die von dieser Gesetzlosigkeit zu ihrem eigenen biologischen Vorteil ausgiebigen Gebrauch machen; und es kann nicht ausbleiben, daß die proklamierte Anarchie alsbald in Despotismus umschlägt.

Als GALILEI durch das Fernrohr die Jupitertrabanten entdeckt hatte, erblickte er in diesem Fund eine Bestätigung der Kopernikanischen Lehre. Seine theologischen Zeitgenossen aber, die er vergeblich von seiner Entdeckung zu überzeugen suchte, erklärten sie für eine Eingebung des Teufels. Hatten sie nicht Recht vom Standpunkt des biologischen Vorteils? Wird nicht ebenso heute, wenn der biologische Vorteil das oberste Kriterium der Wahrheit vertreten soll, ein religiöser Schwärmer ganz im Recht sein, wenn er, dieses Vorteils sich bedienend, das Experiment im Laboratorium eines Physikers für eine Halluzination, eine Vision der Mutter Gottes aber für eine wirkliche Beobachtung erklärt? Wer behält hier Recht, der Forscher oder der Schwärmer? Die methaphysikfreie Wissenschaft ist bei einem solchen Streit ohne Urteil. Gibt es zur Entscheidung dieser Frage keine andere Instanz, als den biologischen Vorteil, so sind wir rettungslos dem Despotismus der Macht des Stärkeren ausgeliefert. Die römische Kirche war dann im Recht, wenn sie GALILEI abschwören ließ, denn die Galileische Lehre gefährdete ihren biologischen Vorteil. Und so wird auch heute dem auf allen Seiten lauernden Erbfeind der Vernunft und der Wissenschaft das biologische Wahrheitskriterium ein sehr willkommener Helfershelfer sein, die Wissenschaft wiederum in die dogmatische Fessel zu zwängen; und die Metaphysikfreiheit, die den Zweck hatte, die Wissenschaft vor dem Mystizismus zu bewahren, wird nur dazu dienen, sie ihm umso widerstandsloser zu überantworten.

MACH spricht selbst davon, daß es "immer eine beträchtliche Anzahl Menschen gibt, in deren Vorteil es liegt, die Überreste der Ansichten des menschlichen Urzustandes zu pflegen", und er legt großen Wert darauf, daß man diesen Ansichten gegenüber den "richtigen Standpunkt" einnehme. (31) Was aber ist hier der "richtige" Standpunkt? Welches Mittel bietet uns MACH, um uns vor dem Aberglauben zu schützen? Als solches Schutzmittel empfiehlt er: "nur das wissenschaftlich für wahr zu halten, was sich beweisen läßt." (32) Was mag sich MACH wohl unter einem "Beweis" vorstellen? Beweisen heißt doch wohl, ein Urteil mittels logischer Schlußfolgerungen auf andere Urteile zurückzuführen. Aller Beweis ruht also in letzter Linie auf unbeweisbaren Prämissen, er ist nur ein Begründungsmittel für mittelbare, abgeleitete Urteile. Daraus folgt aber, daß jegliches Beweisverfahren zu seiner Anwendbarkeit bereits ein  anderes  Wahrheitskriterium  voraussetzt.  Denn sind die unbeweisbaren Prämissen des Beweises nicht wahr, so können es auch nicht die aus diesen abgeleiteten Urteile nicht sein. Wer also im Beweis das höchste Kriterium der Wahrheit sucht, der darf entweder überhaupt nichts für wahr halten oder er verfällt selbst dem Aberglauben, nämlich dem Aberglauben der von MACH sonst so eifrig befehdeten  Scholastik:  dem Aberglauben an die Allmacht der Logik. Heißt das  nicht  "den Teufel durch Beelzebub austreiben?" Wären wir wirklich auf den MACHschen Vorschlag angewiesen, so wäre alle Bemühung, Erkenntnis und Irrtum zu scheiden, vergeblich; denn beweisen läßt sich ja alles Beliebige, auch das Widersprechendste, sobald man nur die zum Beweis erforderlichen Prämissen einräumt.

Was entscheidet also über die Zulässigkeit der Prämissen? Die Beobachtung ist hier kein hinreichendes Kriterium. Denn jedes Urteil setzt, wie wir gezeigt haben, zu seiner Möglichkeit irgendwelche allgemeine, der Beobachtung nicht entnommene Kriterien voraus. Und bietet etwa die Beobachtung ein Mittel, den Aberglauben zu beseitigen? Schon die Erfahrung lehrt das Gegenteil. Daß selbst die ausgebreitetste Kenntnis und die gründlichste Beherrschung der experimentellen Forschungsmethoden nicht vor dem krassesten Aberglauben zu schützen vermag, dafür liefert die Geschichte und leider auch die Gegenwart die traurigsten Beispiele. Ein beredter Anhänger der MACHschen Aufklärungsbestrebungen rühmt es zwar als ein Verdienst des sorgfältigen Beobachtens und Experimentierens, den mittelalterlichen Hexen- und Teufelsglauben aus der Welt geschafft zu haben. (33) Allein , das beruht auf historischem Irrtum. Nicht der Arbeit der Naturforscher, sondern gesünderen philosophischen Ansichten fiel dieser Aberglaube zum Opfer. (34) Ein Jurist und ein Geistlicher, CHRISTIAN THOMASIUS und BALTHASAR BECKER, waren es, die den Kampf gegen ihne eröffneten und glücklich zuende führten. Gewiß haben auch gerade die Naturwissenschaften mit Erfolg daran gearbeitet, die Herrschaft des Aberglaubens zu zerstören und sie haben sich dadurch ein nicht hoch genug zu veranschlagendes Verdienst um die Föderung der menschlichen Kultur erworben. Aber soweit ihnen dies gelungen ist, verdanken sie den Erfolg nicht sowohl ihren Beobachtungen und Experimenten, als vielmehr der ihnen zugrunde liegenden Metaphysik. Was bürgt uns dafür, daß der Planetenlauf nicht, wie man im Mittelalter annahm, von unsichtbaren Geistern, die unser Schicksal bestimmen, gelenkt wird, sondern, wie unsere Astronomie lehrt, nur eine andere Form der Erscheinung darstellt, die uns durch das Fallen der irdischen Körper bekannt ist? Gewiß nicht die Beobachtung, - die allgemeine Gravitation ist ja nicht weniger unsichtbar, als jene angenommenen Geister, - sondern allein die "leges" NEWTONs, d. h. die der Mechanik zugrunde liegende Metaphysik. Wer also die Metaphysik aus der Naturwissenschaft entfernen will, der arbeitet nur daran, der Naturwissenschaft dasjenige wieder zu entziehen, dem sie ihre mächtigsten Erfolge und ihre in mühevoller Arbeit errungene Stellung im kulturellen Leben der Menschheit verdankt.
LITERATUR - Leonard Nelson, Ist metaphysikfreie Naturwissenschaft möglich?, Abhandlungen der Fries'schen Schule, Neue Folge, II. Band, 3. Heft, Göttingen 1908
    Anmerkungen
    21) ERNST MACH, Mechanik, Seite 549
    22) ERNST MACH, Mechanik, Seite 532
    23) Wenden wir das Prinzip der Denkökonomie an, so finden wir, daß dieses Prinzip im Grunde nichts anderes besagt, als das: "Es erspart Denkarbeit, anzunehmen, daß das Denkarbeit ersparende Denken das richtige ist." So formuliert ist das Prinzip in der Tat unangreifbar und es empfiehlt sich daher, es künftighein immer in dieser Form auszusprechen.
    24) Nach allem Gesagten versteht es sich übrigens von selbst, daß wenn die Naturgesetze subjektive Erzeugnisse des Denkens sein sollen, an die die Wirklichkeit nicht gebunden ist, es in der "Wirklichkeit" auch keine "Abhängigkeit der Elemente voneinander" geben kann, daß diese Abhängigkeit vielmehr, da sie mit gesetzmäßiger Verbindung identisch ist, ebenfalls nur ein subjektives Erzeugnis des Denkens sein kann. Wie man sich aber das nach Abzug der Gesetze und der Abhängigkeit der Elemente voneinander von der Wirklichkeit noch Zurückbleibende zu denken habe oder auch nur denken  könne,  weiß ich nicht.
    25) In fast noch greifbarer Form spricht OSTWALD denselben Widerspruch aus: "Für den heutigen Naturforscher gibt es keine Erkenntnis a priori und daher auch kein apodiktisches [logisch zwingendes, demonstrierbares - wp]Wissen ... Auf KANTs Hauptfrage: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? antworten wir: Urteile a priori sind überhaupt nicht möglich und alles Wissen stammt aus der Erfahrung. .... Man darf daher nur eine Wahrscheinlichkeit von "1 geteilt durch Unendlich = 0" dafür annehmen, daß irgendeine ins Unbegrenzte erstreckte oder absolute Behauptung die Wahrheit trifft." (Annalen der Naturphilosophie, Bd. I, Seite 51f und 61)
    Angenommen, diese Behauptung sei richtig, apodiktische Behauptungen seien also unmöglich, so muß die auch von dieser OSTWALDschen Behauptung selbst gelten; sie ist also sicher falsch. -
    Der Empirist könnte nun vielleicht angesichts dieses Widerspruchs auf den Gedanken kommen, seine Grundbehauptung folgendermaßen einzuschränken: "Alle apodiktischen Behauptungen  mit Ausnahme dieser einen  sind unmöglich." Allein, es ist nicht schwer einzusehen, daß diese Einschränkung des Empirismus unmöglich ist, ohnen seinen Sinn vollends zu vernichten. Welche Behauptung soll denn hier ausgenommen sein? Etwa der Satz: Apodiktische Behauptungen sind unmöglich? Dann wäre dieser Satz, als ausgenommener , richtig; wir hätten also nicht nur denselben Widerspruch vor uns wie vorhin, sondern noch den neuen dazu, daß der Satz apodiktisch, d. h. ausnahmslos gelten soll, zugleich aber eine Ausnahme haben, d. h. nicht apodiktisch gelten soll. - Oder soll vielleicht der auszunehmende Satz die schon  mit  der Einschränkung versehene Behauptung sein? In diesem Fall hätten wir den Empirismus in die folgende Form gebracht: "Alle apodiktischen Behauptungen mit Ausnahme der Behauptung  alle  apodiktischen Behauptungen mit Ausnahme dieser einen sind unmöglich' sind unmöglich." Hier wiederholt sich aber die Frage: Welches ist denn "diese eine" in der Ausnahme ausgenommene Behauptung? Und da ist denn leicht einzusehen, daß wir bei fortgesetzter Einsetzung der auszunehmenden Behauptungen auf eine unendliche Reihe kommen. Die Unvollendbarkeit dieser Reihe hat zur Folge, daß die auszunehmende Behauptung gar nicht endlich definierbar ist. Sie läßt sich also zwar in Worten aussprechen und hinschreiben, aber es ist schlechterdings unmöglich, einen Sinn mit ihr zu verbinden. --
    Logischen Erwägungen solcher Art pflegt man mit dem Einwand zu begegnen, sie seien "dialektisch" oder auch "sophistisch". Allein ich kann nicht finden, daß eine Argumentation dadurch an Triftigkeit verliert, daß man sie mit einem verächtlichen  Namen  belegt. Gibt man uns die Unwiderlegbarkeit der Argumentation zu, so wollen wir dafür den ihr zugedachten Namen gern in Kauf nehmen.
    26) KANT, Kritik der praktischen Vernunft, 1788, Vorrede
    27) Auf die Frage, wie eine solche Kritik wissenschaftlich möglich ist, d. h. wie sich der berechtigte Gebrauch der Metaphysik vom unberechtigten unterscheiden und methodisch abgrenzen läßt, kann hier nich näher eingegangen werden. Die Schwierigkeit dieser Aufgabe (eine Schwierigkeit, die auf den ersten Blick eine Unmöglichkeit zu sein scheint) liegt hauptsächlich darin, daß das zu ihrer Lösung erforderliche Kriterium selbst metaphysischer Natur sein muß, da, wie wir gesehen haben, weder die Beobachtung noch die Logik dazu hinreichend ist. Daß und wie diese Schwierigkeit sich heben läßt, habe ich gezeigt in meiner Abhandlung über "die kritische Methode". (Abhandlungen der Fries'schen Schule, Neue Folge, Band I, Heft 1)
    28) Ob die Lebenserscheinungen kausal oder teleologisch zu erklären seien, darüber kann in der Tat niemals die Beobachtung, sondern nur die Metaphysik entscheiden. Vor dem Forum einer metaphysikfreien Biologie sind daher allerdings beide Auffassungen gleichwertig. Metaphysikfrei im strengen Sinn wäre weder die kausale, noch die teleologische, sondern nur eine solche Biologie, die auf eine Erklärung der Lebenserscheinungen überhaupt verzichtet. Das heißt aber: eine metaphysikfreie Biologie gibt es nicht. Der Vorschlag, der Gefahr metaphysischer Irrtümer dadurch zu entgehen, daß man auf alle Metaphysik überhaupt verzichtet, gleicht nach einer treffenden Bemerkung KANTs, dem Verhalten desjenigen, der, um nicht immer unreine Luft zu schöpfen, es vorzieht, das Atemholen gänzlich einzustellen.
    29) ERNST MACH, Mechanik, Seite 534
    30) HELMHOLTZ sagt einmal irgendwo ganz im Sinne des MACHschen Empirismus: Jede metaphysische Behauptung beruht auf einem Trugschluß oder sie enthält einen versteckten Erfahrungssatz. Unsere Nachweisungen erlauben uns, diesen Ausspruch getrost umzukehren und zu sagen: Jeder Erfahrungssatz enthält eine versteckte metaphysische Behauptung oder er beruht auf einem Trugschluß.
    31) ERNST MACH, Prinzipien der Wärmelehre, Seite 370 und 375
    32) MACH, Wärmelehre, Seite 376
    33) J. PETZOLDT, Metaphysikfreie Naturwissenschaft, "Naturwissenschaftliche Wochenschrift", Band 17, Nr. 31, Seite 361f
    34) Man lese nur die von KEPPLER abgefaßte Schrift zur Verteidigung seiner Mutter gegen die Anklage der Hexerei, um sich zu überzeugen, daß selbst dieser seine Zeitgenossen geistig so hoch überragende Forscher den Glauben derselben an die Existenz der Hexen und Zauberei unbedenklich teilte.