tb-1Liebmann - Kant und die EpigonenHamann - Metakritik     
 
MELCHIOR PALÁGYI
Kant und Bolzano
- eine kritische Parallele
[2/5]
    Einleitung
I. Der Gegensatz der beiden Denker
II. Bolzanos Lehre von den "Sätzen an sich"
III. Kant, Leibniz und Bolzano

"Campanella erklärt die Wahrheit geradezu als das Wesen eines Gegenstandes, wie er an sich ist. Alle diese Definitionen leiden nach Bolzano am Gebrechen, daß sie die Wahrheit, welche keine Existenz hat, vertauschen mit dem Wirklichen oder Existierenden."

I. Abschnitt
Der Gegensatz der beiden Denker

§ 1. Vorläufige Orientierung

Und den höchst eigentümlichen Gegensatz der beiden Denker sofort in ein helles Licht zu rücken, ist es am zweckmäßigsten, von der Grundabsicht der kritischen Philosophie auszugehen. Nun gibt uns KANT selbst eine geistreiche Formel an die Hand, welche einen raschen Einblick in sein kritisches Streben gewährt: er vergleicht nämlich seine Reform der Philosophie mit jener großen Umwälzung, welche KOPERNIKUS in der Astronomie bewirkt hatte, indem er den heliozentrischen an die Stelle des geozentrischen Standpunktes zu setzen lehrte. KANT fordert von uns, daß wir unseren Standpunkt gegenüber allen Gegenständen der Erkenntnis überhaupt verändern mögen: Haben wir nämlich bisher angenommen, daß unsere Erkenntnis sich nach den Gegenständen richten müsse, so sollen wir von nun an annehmen, daß die Gegenstände sich nach unserer Erkenntnis zu richten haben. Wir werden uns mit dem Sinn dieser Forderung sehr eingehend beschäftigen müsse; für den Augenblick jedoch genügt es, auf das  subjektive  Moment in KANTs kritischem Streben hingewiesen zu haben, denn gerade auf die Verneinung des subjektiven Momentes hat es BOLZANO systematisch abgesehen.

Ihm handelt es sich in erster Linie weder um die Gegenstände, noch auch um die Erkenntnistätigkeit, die sich auf sie richtet, sondern vor allem um die Wahrheiten selbst. Die Wahrheiten nämlich sind nach BOLZANO unabhängig davon, ob wir sie erkennen oder nicht erkennen, ob wir ihrer gedenken oder nicht gedenken. Eine Wahrheit hat Geltung, ehe sie noch von jemandem gedacht wurde und ihre Geltung bewahren, auch wenn sie von niemandem mehr gedacht wird, ja auch dann, wenn sie überhaupt nie im Bewußtsein irgendeines Wesens auftauchen sollt. Der Satz, daß 2 x 2 = 4 ist, wird nicht dadurch zur Wahrheit, daß ich ihn jetzt denke oder daß er überhaupt von jemandem gedacht wird. Daß die drei Winkel eines Dreiecks zwei rechte ausmachen, mußte Geltung haben, auch ehe noch jemand die Wahrheit dieses Satzes einsah; und sicherlich gibt es unzählige Wahrheiten, die noch niemand von uns kennt, vielleicht auch nicht kennen wird, die aber auch ungedachter und unerkannter Weise Wahrheit sind und bleiben für alle Zeit.

Was kann es dann aber für einen Sinn haben, wenn KANT meint, daß die Gegenstände der Erkenntnis sich nach unerer Erkenntnisfähigkeit richten müßten? Ist doch die Wahrheit - meint BOLZANO - ganz und gar unabhängig davon, ob und wie sie jemand erkennt. Von aller Ewigkeit her und für alle Ewigkeit feststehend sind die Wahrheiten und kein Erkennen oder Verkennen kann an ihnen rütteln, etwas von ihnen abzwacken oder zu ihnen hinzutun. Hierin besteht die Objektivität der Wahrheit und im Namen dieser  Objektivität meint BOLZANO, das subjektive Moment in der kritischen Philosophie wie auch in der nachkantischen Spekulation bekämpfen zu müssen. Wir werden sehen, daß er diesen Streit mit einer wissenschaftlichen Strenge führt, wie kein anderer Widersacher KANTs, daß er aber zugleich in seinem Objektivitätseifer einem absonderlichen extremen Standpunkt zuneigt, der es verursachte, daß sein großes Verdienst um die Logik ungewürdigt blieb.

Sein philosophisches Hauptwerk ist die Wissenschaftslehre in vier Bänden. Der ausführliche Titel des Werkes lautet: "Dr. B. Bolzanos Wissenschaftslehre. Versuch einer ausführlichen und größtenteils neuen Darstellung der Logik mit steter Rücksicht auf deren bisherige Bearbeiter. Herausgegeben von mehreren seiner Freunde. Mit einer Vorrede des Dr. J. Ch. A. Heinroth. Sulzbach, in der J. E. v. Seidel'schen Buchhandlung 1837." - Eigentlich sind dem Werkt drei Vorworte vorausgeschickt. Aus demjenigen der Verlagshandlung erfahren wir, daß sie sich zur Herausgabe des umfangreichen Werkes "ohne Aussicht zu schneller pekuniärer Entschädigung", aus "reinem Eifer für die deutsche Literatur" entschlossen habe; sie bezeugt aber gleichzeitig den die Ausgabe überwachenden Freunden BOLZANOs, daß sie ihr das Manuskript unentgeltlich geliefert haben. Diese ungenannten Herausgeber entschuldigen sich in einer zweiten Vorrede, daß es mit Rücksicht auf die Sinnesart und die Verhältnisse des Verfassers nötig schien, das bedeutsame Werk ohne Wissen und Wollen des Verfassers zu veröffentlichen, trotzdem der sich selbst nie genügende BOLZANO eine Revision seines Werkes vorhabe, welche sicherlich noch nicht die letzte sein würde. Interessant ist es auch von ihnen zu vernehmen, daß BOLZANO "für keine seiner Schriften je einmal ein sogenanntes Honorar verlangt habe." (1) Was schließlich die eigentliche Vorrede, die von HEINROTH, betrifft, so ist sie eine sachlich unbedeutsame, jedoch sehr stilgerechte Anempfehlung des BOLZANOschen Werkes.

Der Grundgedanke desselben ist die Auffassung, daß die Wahrheit unabhängig sei von jedem Gedacht- oder Erkanntwerden. Demenstprechend bildet sich BOLZANO den eigentümlichen Begiff von "Wahrheiten an sich", d. i . von Wahrheiten insofern man bei ihnen davon absieht, ob sie gedacht werden oder nicht. Durch diese Lehre von den Wahrheiten an sich unterscheidet sich BOLZANO von allen anderen Logikern, denn keinem von ihnen ist es eingefallen, die Wahrheit von jedwedem Denken oder Erkennen unabhängig zu betrachten. Aber ganz besonders scheint diese eigentümliche Denkweise BOLZANOs in direktem Gegensatz zur subjektvistischen Wendung der Kantischen Lehre zu stehen: ja ich glaube, daß BOLZANO kaum je den Begriff einer Wahrheit an sich ausgebildet hätte, wenn er dazu nicht durch die Opposition gegen den Kritizismus angetrieben worden wäre. Wenn KANT meint, daß die Gegenstände sich nach unserer Erkenntnis zu richten haben, so setzt BOLZANO dieser Formel eine andere entgegen: daß sich nämlich unsere Erkenntnis nach der Wahrheit zu richten habe, welche eine Wahrheit ist, für alle Zeit, auch wenn wir sie nicht erkennen sollten. Diese von jedem Denken unabhängigen Wahrheiten an sich bilden ein höchst sonderbares Gegenstück zu KANTs "Dingen an sich", so daß es den Anschein gewinnt, als ob BOLZANO eine direkte Gegenrevolution gegen den Kritizismus im Schilde geführt hätte. Jedenfalls ist seine Denkweise im höchsten Maß geeignet, auch die Kantische Lehre in einem neuen Licht erscheinen zu lassen.

Es dürfte also zunächst von Interesse sein, die Stellung der beiden Denker im Wahrheitsbegriff gegenüber ins Auge zu fassen.


§ 2. Formale und materiale Wahrheit

KANT berührt an mehreren Stellen der Kritiker der reinen Vernunft (z. B. die Seiten 82, 296, 848 der 2. Auflage) die Definition des Wahrheitsbegriffes, ohne jedoch auf eine solche Definition ein besonderes Gewicht zu legen. Die Frage, was ist Wahrheit, scheint ihm dazu ersonnen zu sein, die Logiker in die Enge zu treiben und er läßt die gangbare Erklärung, daß Wahrheit die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstand sei, zu Recht bestehen; bezeichnet sie jedoch als eine bloße Namenerklärung (Seite 82). Was ihn vornehmlich interessiert, ist die Frage, ob ein allgemeines und sicheres Kriterium der Wahrheit einer jeden Erkenntnis aufgefunden werden könne; aber er meint, daß diese Frage schon an sich eine Ungereimtheit enthalte, also auch zu ungereimten Antworten verleitet und leicht den belachenswerten Anblick zur Folge habe, "daß Einer (wie die Alten sagten) den Bock melkt, der Andere ein Sieb unterhält." Denn ein allgemeines Kriterium der Wahrheit müßte ausnahmslos für alle unsere Urteile gelten, als müßte man bei demselben - eben im Interesse seiner völligen Allgemeinheit - von jeglichem Inhalt unserer Urteile absehen; da nun aber der Wahrheitscharakter eines Urteils gerade jenen Inhalt betrifft, von welchem man notgedrungen absehen müßte, so ist es einleuchtend, daß die Forderung eines allgemeinen Kennzeichens der Wahrheit - wenigsten was den Inhalt oder die Materie der Erkenntnis betrifft - eine in sich selbst widersprechende ist, die man deshalb von sich weisen müsse.

So unterscheidet denn KANT die  materiale  von der  formalen  Wahrheit, wodurch auch die Frage nach den Kriterien der Wahrheit eine neue Gestalt annimmt. Denn so einleuchtend es sein soll, daß es kein Kriterium für die materielle Wahrheit einer Behauptung geben kann, so gewiß soll es andererseits auch sein, daß die allgemeinen und notwendigen Verstandesregeln, welche die Logik darbietet, Kriterien für die formale Wahrheit eines Urteils sein müssen; denn alles, was diesen Regeln widerspricht, steht mit dem Verstand selbst im Widerstreit, ist also notwendig falsch. Freilich kann ein Urteil der Form nach völlig verstandesgerecht (d. h. mit den Regeln der Logik übereinstimmend) sein; dem Inhalt nach jedoch dem Gegenstand, von dem es handelt, widersprechend, also materiell durchaus falsch sein. Die formalen oder logischen Kriterien der Wahrheit sind demnach - wie das KANT ausdrückt - bloß die Conditio sine qua non [nötige Voraussetzung, wp], mithin die negative Bedingung aller Wahrheit; für den Irrtum aber, der nicht die Form, sondern den Inhalt eines Urteils trifft, hätte die Logik keinen Probierstein. (Seite 84)

Auch in seiner (von JÄSCHE herausgegebenen) Logik kommt KANT auf die Definition des Wahrheitsbegriffs zu sprechen und seine diesbezüglichen Äußerungen scheinen mir von großem Interesse zu sein. Er zitiert auch hier die übliche Definition der Wahrheit, daß sie nämlich die Übereinstimmung unserer Erkenntnis mit ihrem Gegenstand sein soll: aber hier stellt es sich heraus, wie sehr er im Grunde genommen mit dieser bloßen "Worterklärung" unzufrieden ist. Der Gegenstand meiner Erkenntnis, sagt er, ist immer außer mir; in mir aber finde ich immer wieder nur die Erkenntnis des Gegenstandes, also nicht den Gegenstand selbst (das Ding an sich): folglich "kann ich doch immer nur beurteilen, ob meine Erkenntnis vom Objekt mit meiner Erkenntnis vom Objekt übereinstimme." KANT fügt hinzu, daß die Alten einen solchen Zirkel im Erklären eine Diallele nannten und daß die Skeptiker diese Diallele in der Definition der Wahrheit den Logikern stets zum Vorwurf machten. Eigentümlicherweise ist aber KANT gar nicht bemüht, den Skeptizismus in einem so hochwichtigen Punkt irgendwie zurückzuweisen, sondern erklärt rundweg, daß der Vorwurf der Skeptiker ein gegründeter sei, "nur ist die Auflösung der gedachten Aufgabe schlechthin und für jeden Menschen unmöglich."

Also ist die übliche Worterklärung der Wahrheit nicht bloß eine Worterklärung, sondern geradezu eine Diallele, d. h. eine Definition, die, weil sie sich im Zirkel bewegt, doch gar nicht gebraucht werden dürfte.

Auch den Beweis, daß es kein Kriterium der materialen Wahrheit geben könne, wiederholt KANT hier und fügt eine ausdrückliche Definition der formalen Wahrheit bei. "Die formale Wahrheit besteht lediglich in der Zusammenstimmung der Erkenntnis mit sich selbst bei gänzlicher Abstraktion von allen Objekten insgesamt und von allem Unterschied derselben." Als die Kriterien dieser formalen Wahrheit werden nunmehr nicht alle allgemeinen und notwendigen Regeln der Logik überhaupt, sondern bloß der Satz des Widerspruchs und der Satz des zureichenden Grundes bezeichnet. Hiergegen hat aber schon FRIES (System der Logik, Seite 199) bemerkt, daß nur der Satz des Widerspruchs allein das Kriterium der formalen Wahrheit sei, der Satz des Grundes aber schon zur Beurteilung der materialen Wahrheit gehöre.

Was nun BOLZANO betrifft, so ist nach ihm die Wahrheit immer eine Beschaffenheit von Sätzen und seine Definition der Wahrheit lautet: ein Satz ist wahr, wenn er aussagt, was seinem Gegenstand zukommt. (Wissenschaftslehre I, § 28, Seite 124) Schon diese knappe und schulgerechte Form der Wahrheitsdefinition ist nicht ohne Belang, weit interessanter jedoch ist die kritische Geschichte der Begriffserklärungen der Wahrheit, die er liefert; wie denn alle seine derartigen historisch-kritischen Ausführungen durch eine wahrhaft profunde Gelehrsamkeit und ein überaus klares Urteil ausgezeichnet sind.

Er teilt die versuchten Definitionen der Wahrheit in vier Klassen ein. Zur ersten gehören solche, wie die des ARISTOTELES und des EPIKUR, welche meinen, die Wahrheit wäre das  Seiende.  In Übereinstimmung mit derselben steht auch die scholastische Erklärung: Verum est ens convertuntur [Die Wahrheit entfaltet sich im Seienden, wp]. Die Stoiker, so z. B. CHRYSIPPOS, erklären das Wahre genauer als dasjenige Wirkliche, "das einen Gegensatz zuläßt" und vermeinen durch diesen Zusatz das Wahre von anderem Wirklichen unterscheiden zu können, ohne zu merken, daß es auch in der Wirklichkeit Entgegengesetztes gibt, wie z. B. Rechts und Links, Lust und Schmerz etc. CAMPANELLA erklärt die Wahrheit geradezu als das Wesen eines Gegenstandes, wie er an sich ist. Alle diese Definitionen leiden nach BOLZANO am Gebrechen, daß sie die Wahrheit, welche keine Existenz hat, vertauschen mit dem Wirklichen oder Existierenden.

Zur zweiten Klasse der Definitionen gehören jene, die sich auch KANT aneignet, die das Wahre in eine Übereinstimmung der Urteile und Vorstellungen mit ihrem Gegenstand setzen. Schon die Gegner der Stoiker, so z. B. KARNEADES, bedienten sich ihrer; zwischen den Neueren aber findet man sich bei LOCKE, LEIBNIZ, WOLFF und vielen andereen. Anstößig an vielen dieser Definitionen ist es schon, daß sie statt von Sätzen oft von bloßen Vorstellungen sprechen, wo doch Wahrheit bloß Sätzen zukommen kann. Das eigentlich Verwirrende an diesen Erklärungen aber ist jene angebliche "Übereinstimmung" zwischen Vorstellungen und Sätzen einerseits und zwischen den Gegenständen andererseits, denn unter dieser Übereinstimmung kann man ja weder Identität, noch irgendeine Gleichheit verstehen, weil ja Vorstellungen oder Sätze durchaus nicht identisch oder gleich sind mit den Gegenständen, auf welche sie sich beziehen und auch die Beschaffenheiten einer Vorstellung nicht verwechselt werden dürfen mit den Beschaffenheiten des ihr entsprechenden Gegenstandes. Schon RÜDIGER fragt deshalb: "Quaenam potest esse  convenientia  naturalis inter signum et signatum?",[ob das Sein ganz natürlich mit den Zeichen übereinstimmt, wp] ohne jedoch eine Antwort auf die Frage zu finden. Welche Verwirrung der Ausdruck "Übereinstimmung" verursacht hat, ist z. B. aus der Erklärung desselben bei TETENS zu ersehen: "so kann diese Übereinstimmung nichts anderes sein, als eine Analogie, nach welcher Idee zur Idee sich verhalten soll, wie eine Sache zur Sache." Hierauf bemerkt nun BOLZANO: die Gegenstände Gott und Welt verhalten sich bekanntlich zueinander wie die Ursache zur Wirkung, Gott ist der Schöpfer der Welt: kann man aber auch sagen, der Begriff von Gott sei der Schöpfer des Begriffs von der Welt?

Zur dritten Klasse der Wahrheitserklärungen gehören diejenigen, die die Wahrheit für unerreichbar halten und sie - wie wir uns heutzutage ausdrücken würden - in irgendeiner Weise relativieren. So vertauscht schon AENESIDEMUS die Wahrheit mit dem allgemein Geltenden. Zwischen den deutschen Logikern findet man diese Relativierung der Wahrheit sehr deutlich bei TETENs ausgesprochen. Er sagt ausdrücklich, daß, wenn wir etwas für objektiv ansehen und sagen, die Sache ist so, liegt in dieser Behauptung der Gedanke verborgen, "daß die Sache auf die Art, wie wir uns sie vorstellen, von jedem anderen würde und müßte empfunden werden, der einen solchen Sinn für sie hat, wie wir" (Philosophische Verse I, Seite 535). Hierauf bemerkt BOLZANO, daß ein Urteil, welches von allen denkenden Wesen (also auch von Gott) gefällt würde, wohl wahr sein müßte; aber wie viele Wahrheiten kann es geben, die gar nicht von allen denkenden Wesen anerkannt werden. - Viele Relativisten glauben, das Wesen der Wahrhein in einer Angemessenheit zu den sogenannten Denkgesetzen zu finden, so erklärt z. B. GERLACH (Logik, § 219): "Die Wahrheit ist diejenige Eigenschaft unserer Vorstellungen, daß die den Gesetzen des Vorstellens gemäß gebildet sind. Da all unser Erkennen nur ein menschliches ist, so wird auch die Wahrheit desselben nur eine menschliche sein können, also keine absolute, sondern nur eine relative." (Ist es da nicht, als ob wir unsere Relativisten von heute sprechen hören?) BOLZANO bemerkt, daß eben diese Logiker die Denkgesetze als solche Gesetze hinstellen, denen gemäß man denken muß, um Wahres denken zu können. Sie erklären also die Wahrheit durch Angemessenheit an die Denkgesetze und umgekehrt die Denkgesetze durch ihre Angemessenheit an die Wahrheit und befinden sich demnach in einem augenfälligen Zirkel.

Zur vierten Klasse der Wahrheitserklärungen gehören nach BOLZANO jene, die eine solche Erweiterung des Wahrheitsbegriffes beabsichtigen, daß auch Unwahrheiten in irgendeinem Betracht als Wahrheiten gelten dürften. Hierher gehört, wie man es wohl gleich merkt, die Unterscheidung der materialen und der formalen Wahrheit; sollen ja im Sinne dieser Unterscheidung inhaltlich falsche Sätze doch den Charakter der formalen Wahrheit haben. So meint z. B. der Kantianer W. KIESEWETTER, daß der Begriff "einer Tochter des Cajus" formale Wahrheit habe, auch wenn CAJUS in Wirklichkeit keine Tochter hätte. BOLZANO hegt eine tiefe Abneigung gegen diesen Begriff einer formalen Wahrheit, aber es liegt in der objektiven Manier seines Denkens, daß er desto mehr bemüht ist, einen brauchbaren Kern an demselben zu entdecken. Da er ganz besonders am vagen Charakter des Begriffes Anstoß nimmt, sucht er nach irgendwelchen Möglichkeiten, denselben scharf zu fassen. Man könnte z. B. darin übereinkommen, daß ein Satz  S  "formal wahr" heißen soll, wenn er einer bestimmten Gruppe von Sätzen  A1, A2, A3, A4 ...  nicht widerspräche; allerding könnte derselbe Satz  S  in Bezug auf eine andere Gruppe von Sätzen  B1, B2, B3, B4 ...  formal falsch heißen, wenn er mit denselben in Widerspruch stünde. Der Begriff einer formalen Wahrheit wäre dann ein bloßer Verhältnisbegriff: es handelt sich nämlich dann um die Verträglichkeit oder Unverträglichkeit des Satzes  S  mit dieser oder jener Gruppe von Sätzen. Die Formalisten würden jedoch eine solche Erklärung nicht annehmen, denn sie wünschen, daß der Satz  S  der Form nach nicht bald wahr, bald auch falsch sein könne, sondern seinen Charakter unverändert beibehalte; kurz, sie wünschen, daß der Begriff der formalen Wahrheit kein bloßer Verhältnisbegriff sei.

Um dieser Anforderung zu genügen, könnte man z. B. auch feststellen, daß ein Satz als formale Wahrheit gelten solle, wenn er keiner rein apriorischen Wahrheit (wie z. B. 2 x 2 = 4) widerspräche; dann würde z. B. der Satz "Cajus hat eine Tochter" als formale Wahrheit gelten dürfen, selbst wenn es bekannt wäre, daß CAJUS keine Tochter hat. BOLZANO zeigt ferner, daß man die formale Wahrheit auch so bestimmen könnte, daß alle Sätze wahr wären, ausgenommen solche, welche die widerspruchsvolle Form haben  A,  welches ein  B  ist, ist nicht  B;  und dann würden auch solche Sätze, wie  Lügen  ist keine Sünde, sobald es dir einen Vorteil bringt", "Es kann auch Dreiecke mit drei rechten Winkeln geben" auf formale Wahrheit Anspruch erheben. Aber BOLZANO macht alle diese Versuche nur, um eindringlich darzutun, wie vage der Begriff einer formalen Wahrheit sei. Was ihn jedoch an dieser Begriffsbildung am meisten verletzt, ist, daß auch Unwahrheiten mit dem Namen der Wahrheit bezeichnet werden dürften; seine verhaltene Indignation [Empörung, wp] macht sich also in den folgenden Sätzen Luft:
    "Denn da dieses Wort - nämlich die  Wahrheit  - bereits durch einen allgemein herrschenden Sprachgebrauch zur Bezeichnung des wichtigsten Begriffes auserkoren, zugleich das einzige ist, das wir für diesen Zweck in unserer Sprache haben: so deucht es mir eine Art von Vermehrung seines erhabenen Gegenstandes, wenn wir durch eine so unnatürliche Erweiterung seiner Bedeutung den gröbsten Ungereimtheiten und Lügen den Namen der Wahrheit beilegen. Auch wenn wir beisetzen, daß dieses nur  formale  Wahrheiten seien, wird hierdurch doch immer nicht nur die Achtung, die wir der Wahrheit schuldig sind, vermindert, sondern auch ihr Begriff muß dadurch notwendig verdunkelt und verwirrt werden." (Wissenschaftslehre I, § 29, Seite 142)
So spricht sich in wenigen Worten eine ganze Sinnesart aus.

Wenn nun zwischen unseren beiden Denkern ein so bedeutsamer Gegensatz in Bezug auf den fundamentalen Begriff der Wahrheit besteht, so läßt sich erwarten, daß eben dieser Gegensatz sich auch in der ganzen Auffassung von den Aufgaben der Logik bekunden müsse. da es sich uns zunächst darum handelt, den Antagonismus der beiden Denker mit möglichster Anschaulichkeit herauszuarbeiten, so dürfte es angezeigt sein, ihren Widerstreit in Bezug auf die Zwecke einer wissenschaftlichen Logik ins Auge zu fassen.

LITERATUR - Melchior Palágyi, Kant und Bolzano - ein kritische Parallele, Halle 1902
    Anmerkungen
    1) In seinem Lehrbuch der Religionswissenschaft (I, Seite 123) sagt BOLZANO: "In unseren Tagen gibt es leider eine beträchtliche Anzahl von Schriftstellern, die mit der Schriftstellerei eine Art Gewerbe treiben. Sie schreiben, um bezahlt zu werden."