tb-1Liebmann - Kant und die EpigonenKant und das Ding ansich     
 
MELCHIOR PALÁGYI
Kant und Bolzano
- eine kritische Parallele
[4/5]
    Einleitung
I. Der Gegensatz der beiden Denker
II. Bolzanos Lehre von den "Sätzen an sich"
III. Kant, Leibniz und Bolzano

"Welche Antwort man auch immer von einem Zweifler auf eine ihm vorgelegte Frage erhalten möge, so genügt dieselbe, um ihn aufmerksam zu machen, daß er geurteilt, also etwas für wahr befunden habe."

"Bolzano hat den Sinn eines Satzes aus zwei Bestandteilen zusammensetzt: aus einer  gedanklichen  Form und aus einem  nicht-gedanklichen  Inhalt, wobei letzterer eben der Satz an sich ist. All unser Denken wäre somit durch und durch nur Form, nur eine gedankliche Hülle für die  Sätze an sich;  der Inhalt unserer Gedanken, nämlich die  Sätze an sich  wären aber keine Gedanken. Man bedenke: der eigentliche Inhalt alles dessen, was wir denken wäre etwas Nicht-Gedachtes!"

"Bei Kant gab es noch eine Materie und eine Form des Denkens; bei Bolzano ist das Denken durchaus nur Form, nur Hülle, denn der Inhalt unseres Denkens sind  Sätze an sich,  die als solche ungedacht sind."

"Alle meine Urteile sind vom Urteil begleitet, daß ich sie denke; obwohl dieser Satz,  ich denke,  nicht ausdrücklich jeder Behauptung beigefügt wird. Wir halten es nicht für notwendig, bei einem jeden Satz, den wir aussprechen, zu bemerken:  ich  denke, ich meine, ich glaube, ich sage, ich behaupte' dieses oder jenes. Wer aber würde es nicht für eine Art von Beleidigung empfinden, wenn er etwas behauptete und hinterher noch immer gefragt werden würde, ob es denn auch mit Wissen behauptet worden sei."

II. Abschnitt
Bolzanos Lehre von
den "Sätzen an sich"


§ 5. Die Bekämpfung des Skeptizismus

Die Originalität eines Denkers gibt sich gleich in der Art und Weise kund, wie er sein Philosophieren eröffnet, denn schon der Beginn läßt das Ende ahnen und dadurch die Individualität des Denkers hervortreten. BOLZANO geht von der Auffassung aus, daß ein Philosoph schlechterdings nicht als schon bekannt und ausgemacht voraussetzen dürfe und er rügt es als das fundamentale Gebrechen der kantischen Philosophie, daß sie die Existenz eines Denkenden wie nicht minder die Existenz der Gegenstände, welche Vorstellungen in jenem Denkenden hervorbringen, voraussetze. Um sich nun von allen Voraussetzungen frei zu halten, soll sich der Philosoph vorstellen, daß er einem vollendeten Zweifler gegenüberstehe und sich zur Aufgabe machen, diesen von seiner Zweifelsucht zu heilen.

Wie soll aber dem Skeptiker bewiesen werden, daß es Wahrheiten gebe, wenn schon die bloße Unterredung mit demselben die Voraussetzung einschließt, daß die sich unterredenden Personen wirklich existieren und ihre Wechselrede hören und verstehen, wo doch der vollendete Zweifler nicht nur an der Existenz anderer Personen, sondern auch an der eigenen Existenz zweifelt. Dieses Bedenken weist BOLZANO mit dem Bemerken zurück, daß es etwas andere ist, beim Vortrag eines Beweises nach einer gewissen Voraussetzung zu  handeln  und wieder etwas anderes, diese Voraussetzung als einen Vordersatz in dem zu erbringenden Beweis zu gebrauchen. Man würde sich einer petitio principii [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp] nur dann schuldig machen, wenn man die Existenz der sich unterredenden Parteien und die Tatsachen ihrer lautlichen Unterredung usw. als Prämissen in den zu erbringenden Beweis einführen würde. Das heißt aber - wenn ich es richtig verstehe - so viel, daß die beiden Parteien während ihrer Unterredung von ihrer Existenz absehen dürfen, was übrigens ganz im Sinne des Zweifelsüchtigen gelegen ist, da er ja ohnehin keine Gewissheit von der eigenen Existenz hat.

Erst jetzt merken wir es, wie BOLZANO den Begriff des "Satzes an sich" ganz so konstruiert hat, um die Disputation mit einem vollendeten Zweifler möglich zu machen. Unter einem "Satz an sich" versteht BOLZANO nämlich den bloßen Sinn eines Satzes, abgesehen davon, ob dieser Sinn von jemandem gedacht oder nicht gedacht, in Worte gekleidet oder nicht gekleidet wird. Die Definition dieses eigentümlichen Begriffes ist ihrem Wortlaut nach die folgende: "Unter einem Satz an sich verstehe ich nur irgendeine Aussage, daß etwas ist oder nicht ist; gleichviel ob diese Aussage wahr oder falsch ist; ob sie von irgendjemand in Worte gefaßt oder nicht gefaßt, ja auch im Geiste nur gedacht oder nicht gedacht worden ist." (Wissenschaftslehre I, § 19, Seite 77)

Was BOLZANO mit dieser Definition von uns fordert, scheint nichts anderes zu sein, als daß wir abstrahieren sollen, sowohl vom Gesprochen- als auch vom Gedachtwerden eines Satzes. In diesem Sinne sprechen wir ja z. B. auch vom Pythagoräischen Lehrsatz; denn wenn mehrere Personen an diesen Lehrsatz denken, so sagen wir doch immer, daß sie bloß einen und denselben Lehrsatz gedacht hätten. Wir sehen davon ab, welche Personen an ihn denken oder ob zu einer gewissen Zeit an ihn überhaupt gedacht wird. Daß es sich hier um eine bloße Abstraktion handelt, geht daraus hervor, daß BOLZANO erklärt die "Sätze an sich" hätten kein Dasein (Existenz, Wirklichkeit). Nur die gedachten Sätze, fügt er hinzu, haben Wirklichkeit im Gemüt des Wesens, das sie eben denkt. Wir sollen also die "Sätze an sich" nicht hypostasieren [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp], d. h. ihnen eine metaphysische, übersinnliche Wirklichkeit zuschreiben, denn BOLZANO spricht ihnen ohne Umschweif und rundweg jede Existenz ab.

Interessant ist es, zu vernehmen, daß der Begriff eines "Satzes an sich", wenn auch nicht unter dieser Benennung, schon von anderen Logikern gebildet wurde, so von LEIBNIZ, HERBART und noch einigen Denkern. In MEHMELs analytischer Denklehre heißt es (Seite 48) ausdrücklich: "Das Urteil objektiv, d. i. mit Abstraktion von dem Geist, dessen Handlung es ist, betrachtet, heißt ein Satz."

Ganz so, wie der Begriff eines "Satzes an sich", soll auch der engere Begriff einer "Wahrheit an sich" gebildet werden. BOLZANO definiert ihn wie folgt: "Ich verstehe unter einer "Wahrheit an sich" jeden beliebigen Satz, der etwas, so wie es ist, aussagt, wobei ich unbestimmt lasse, ob dieser Satz von irgendjemand wirklichg gedacht und ausgesprochen worden sei oder nicht." So ist z. B. die Menge der Blüten, die ein ganz bestimmter Baum im verflossenen Frühling getragen hat, eine angebliche Zahl, auch wenn sie niemand weiß; ein Satz also, der diese Zahl angibt, heißt mir eine objektive Wahrheit, auch wenn ihn niemand kennt (Wissenschaftslehre I, § 25, Seite 111). Wie die "Sätze an sich" überhaupt, so haben auch die "wahren Sätze an sich" kein Dasein, d. h. sie sind nicht solches, daß in irgendeinem Ort oder zu irgendeiner Zeit oder auch sonst auf eine Art als etwas Wirkliches bestände.

Auch dieser Begriff der "Wahrheit an sich" findet sich bei LEIBNIZ und mehreren anderen Denkern, vornehmlich bei den Scholastikern. Doch schreiten wir nun zum Beweis des Satzes, daß es wenigstens eine "Wahrheit an sich" gebe. Der entgegengesetzte Satz nämlich, daß gar kein Satz wahr sei, widerlegt sich selbst. Denn ist ein jeder Satz falsch, so muß auch der Satz, daß kein Satz wahr ist, falsch sein. Also ist nicht jeder Satz falsch, sondern es gibt auch wahre Sätze, wenigstens einen.

Nun könnte aber der Skeptiker gegen diese Beweisführung, wie überhaupt gegen jede andere folgende Einwendung erheben: um mich durch irgendeinen Beweis überzeugen zu lassen, müßte ich mir ja das Vermögen, Wahrheiten zu erkennen, zuschreiben und hierin würde ja auch die Voraussetzunge enthalten sein, daß es Wahrheiten gebe. - Daraufhin ist aber zu bemerken, daß es ein anderes ist, ein Erkenntnisvermögen zu haben und wieder etwas anderes, den Besitz eines Erkenntnisvermögens als Prämisse in den zu erbringenden Beweis aufzunehmen. Freilich ist dazu ein Erkenntnisvermögen notwendig, um von einem Beweis überzeugt zu werden, aber wir haben den Besitz dieses Erkenntnisvermögens nicht zwischen die Prämissen unseres Beweises aufgenommen, also befinden wir uns auch mit unserem Beweis in keinem Zirkel.

Es ist möglich, daß sich im Leser noch mancherlei Bedenken in Bezug auf das obige Beweisverfahren BOLZANOs regen, doch bevor wir dazu schreiten, dieses Beweisverfahren kritisch zu prüfen, ist es notwendig, den Geist desselben ganz so zu erfassen, wie ihn BOLZANO selbst verstanden haben will. Was ist also das Wesentliche in dieser ganzen Art und Weise gegen den Skeptizismus zu streiten?

Da der Skeptiker meint, daß vielleicht alle Sätze falsch sein könnten, führen wir ihm folgenden Syllogismus vor:
    (a) Alle Sätze sind falsch

    (b) Dieser Obersatz (a) ist aber selbst ein Satz

    (c) Also ist der Obersatz (a) auch falsch
womit gezeigt ist, daß es wahre Sätze geben muß, wenigstens einen. Betrachten wir nun den obigen Syllogismus, so findet sich in demselben nirgends der Satz, daß wir existieren und daß wir ein Erkenntnisvermögen haben, also enthält unser Beweis gar nicht die Voraussetzungen als Prämissen in sich, daß wir wirkliche Wesen sind, Sätze auszusprechen und zu begreifen vermögen. Wir tun nichts, als daß wir dem Skeptiker "Sätze an sich" vorführen, wobei also ganz und gar davon abgesehen wird, ob diese Sätze von jemandem gedacht, ausgesprochen oder erfaßt worden sind. Aus diesen Sätzen an sich folgt aber, daß es wahre Sätze an sich geben muß, wenigstens einen.

Der Schluß selbst, zu dem wir gelangt sind: "Daß es wahre Sätze an sich gibt, wenigstens einen", wird nicht wie ein gedachter Satz, sondern bloß wie ein "Satz an sich" hingestellt. Das Resultat unseres Beweises ist also nicht, daß wir nunmehr auch wirklich einen wahren Satz als wahr  erkannt  haben, sondern bloß der, daß es wahre "Sätze an sich" gibt. Ob wir auch  wirklich  denken und in unserer Denktätigkeit die Wahrheit auch wirklich erfassen, das ist erst Sache eines zweiten Beweises. Vorläufig steht nur soviel fest, daß es zumindest eine "Wahrheit an sich" gibt und es muß erst bewiesen werden, daß wir sie auch wirklich in Besitz zu nehmen, d. h. wirklich zu erkennen vermögen. Unser Dasein und unsere Erkenntnistätigkeit ist vorläufig immer noch Sache des Zweifels, was aber nicht mehr bezweifelt werden kann, ist, daß es wenigstens eine "Wahrheit an sich" gibt. Nun sei hier aber auch gleich bemerkt, daß der Ausdruck: "es müsse wenigstens eine Wahrheit an sich  geben",  nicht die Bedeutung hat, daß dieser Wahrheit an sich irgendwelche wirkliche Existenz zukomme, denn es wurde ja betont, daß "Wahrheiten an sich" kein Dasein haben. Jener Ausdruck wir nur besagen, daß zwischen den "Sätzen an sich" wenigstens einem der Charakter der Wahrheit zukomme.

Die Eigentümlichkeit der BOLZANOschen Widerlegung des Skeptizismus besteht also darin, daß sie in zwei Beweise, einen objektiven und einen subjektiven, zerfällt. Zuerst wird das objektive An-sich-gelten der Wahrheiten und dann die Möglichkeit eines subjektiven Erkennens derselben dargelegt.

Nun ist aber auch die erste Hälfte des Beweises noch nicht vollendet, denn es ist bisher nur gezeigt worden, daß es wenigstens eine "Wahrheit an sich" geben müsse. Es ist aber auf Grundlage dieser ersten Wahrheit leicht zu zeigen, daß es unendlich viele "Wahrheiten an sich" gibt. Wenn nämlich jemand behauptet, daß es bloß eine einzige Wahrheit gibt, so möge dieselbe mit  A  ist  B  bezeichnet werden. Zunächst wollen wir nun zeigen, daß es außer dieser wenigstens noch eine Wahrheit gibt, denn wer das Gegenteil annimmt, muß die Behauptung:

"Außer  A  ist  B  gibt es keine Wahrheit." (a)

als eine wahre Behauptung hinstellen. Nun widerlegt sich aber die Behauptung (a) selbst, denn während sie leugnet, daß es auch noch eine zweite Wahrheit gibt, macht sie selbst den Anspruch darauf, eine zweite Wahrheit zu sein. Die Behauptung (a) ist demnach falsch und es muß wenigstens noch eine zweite Wahrheit geben. - Das Beweisverfahren läßt sich nun in ähnlicher Weise fortsetzen. Sind nämlich  A  ist  B  und  C  ist  D  zwei Wahrheiten, dann ist der Satz, daß nur diese zwei Sätze wahr sind, ein sich selbst widerstreitender, woraus folgt, daß es wenigstens noch eine dritte Wahrheit gebe. Im allgemeinen läßt sich aus  n  Wahrheiten auf die  n + 1te folgern, und somit ist die unendliche Anzahl derselben als erwiesen zu betrachten.

Hiermit ist der erste Teil des Beweises abgeschlossen und es sei nur noch erwähnt, daß jener Syllogismus, mittels welchem bewiesen wurde, daß es wenigstens eine Wahrheit gibt, schon von BOLZANO als ein auch im Altertum bekannter angeführt wird. Schon ARISTOTELES (Metaphysik I, IV, c8) rügt den Selbstwiderspruch des Satzes, daß nichts wahr sei. SEXTUS EMPIRIKUS trägt den Syllogismus sehr umständlich vor. In LAMBERTs Organon (I, § 258, 262), sowie auch bei BOUTERWECK (Idee einer Apodiktik I B, Seite 375 und 378) findet man ähnliche Gedanken. Die Folgerung von einer Wahrheit auf die zweite und von der  n-ten auf die  n + 1te ist das Eigentum BOLZANOs. Übrigens spielt auch jener erste Syllogismus selbst im Beweisverfahren BOLZANOs eine ganz neuartige Rolle, da er nicht von gedachten Sätzen, sondern von "Sätzen an sich" spricht. Man kann also das Beweisverfahren in seinem Ganzen BOLZANO zueignen.


§ 6. Fortsetzung

Der zweite Teil des Beweisverfahrens hat zur Aufgabe, den Skeptiker zu überführen, daß er die Fähigkeit besitze, Wahrheiten zu erkennen. Dieser Beweis mündet in das Cogito ergo sum des DESCARTES: BOLZANO führt in jedoch in feinster und innigster Fühlung mit dem Geisteszustand enes "vollendeten Zweiflers"; auch gibt er seinem Beweis die Form eines Dialoges, der als ein Muster logischer Unterredungskust hingestellt werden darf. Leider können wir uns hier nicht auf alle Feinheiten desselben einlassen, sondern dürfen bloß seine Hauptmomente hervorheben.

Ein vollendeter Zweifler, wie wir uns hier einen vorzustellen haben, kann in dem Zeitraum, wo er es wirklich ist, gar kein Urteil fällen; denn in dem Moment, da er ein Urteil, welchen beliebigen Inhaltes auch immer, fällen mag, erbringt er den Beweis, daß er etwas für wahr zu halten vermag. Ein Urteil fällen heißt ja ebensoviel, wie einen Satz für wahr halten. Hier sei es gleich bemerkt, daß BOLZANO einen Unterschied macht zwischen dem bloßen Denken an einen Satz und zwischen dem Akt des Urteilens, d. h. dem Für-wahr-halten jenes Satzes. Er erklärt seine Unterscheidung am folgenden Beispiel:

Was durch die Worte: "Ein gleichseitiges Dreieck ist auch gleichwinklig", ausgedrückt wird, falls sie auch niemand liest und versteht, ist ein  Satz an sich;  was durch ihren Anblick im Gemüt des Lesers erzeugt wird, ist ein  gedachter Satz,  oder die  subjektive Vorstellung von einem Satz;  was endlich jene Leser tun, welche die Wahrheit des durch sie vorgestelten Satzes erkennen, nur das erst ist ein  Urteil.  (Wissenschaftslehre I, § 23, Seite 99)

Das bloße Denken an einen Satz, wobei man also denselben weder für wahr noch auch für falsch hält, nennt BOLZANO das "Vorstellen" dieses Satzes. Man sieht, unser Denker weicht in den fundamentalen Begriffsauffassungen von all dem ab, was uns aus den Lehrbüchern der Logik geläufig ist. Vorstellungen können nach ihm Sätze vorstellen, woraus aber keineswegs folgt, daß unter Umständen eine Vorstellung ein Satz sein kann. Nein; BOLZANO meint, eine Vorstellung könne einen Satz zum Gegenstand haben, so wie sie z. B. irgendeinen wirklichen Körper zum Gegenstand hat. Im folgenden Beispiel: "Der Satz, daß Steine empfinden, ist falsch," bezieht sich die Subjektsvorstellung auf einen Satz als ihren Gegenstand. Man darf jedoch nicht sagen, die Subjektsvorstellung wäre in diesem Fall ein Satz, denn sie bezieht sich bloß auf einen Satz. Gerade so, wie im folgenden Beispiel: "Dieser Stein ist sehr hart", die Subjektsvorstellung kein Stein ist, sondern sich bloß auf den Stein als ihren Gegenstand bezieht.

Kehren wir nun zu unserem Zweifler zurück, so müssen wir uns vor Augen halten, daß das Zweifeln selbst noch kein Urteil ist, denn Zweifeln heißt so viel wie keinen genügenden Grund zu haben, um etwas eher für wahr als für falsch halten zu können. Sobald aber der Skeptiker behauptet, daß er zweifelt, hat er eben hiermit schon ein Urteil gefällt, d. h. eingestanden, daß er etwas für wahr hält. Überhaupt ist der Skeptiker in dem Moment überführt, als es gelingt ihn zu veranlassen, daß er irgendein beliebiges Urteil fälle.

Welche Antwort man auch immer von einem Zweifler auf eine ihm vorgelegte Frage erhalten möge, so genügt dieselbe, um ihn aufmerksam zu machen, daß er geurteilt, also etwas für wahr befunden habe. Es fragt sich jedoch, welche von allen Fragen die geeignetste sein dürfte, die man dem Skeptiker vorlegen soll. Da ihm während seines Zweifelns nichts so sehr bewußt sein kann, als daß er zweifelt und er auch sehr geneigt ist, das einzugestehen, so scheint es am zweckmäßigsten zu sein, ihn in Bezug auf die Tatsache seines Zweifels zu befragen. Es ist dies jedoch nach der Auffassung BOLZANOs kein ratsames Vorgehen. Denn gesteht der Skeptiker, daß er zweifelt, so hat er zwar eine Wahrheit ausgesprochen, in Bezug auf den geistigen Zustand, in welchem er sich, ehe er uns antwortete, befand; in dem Moment aber, wo er behauptet zu zweifeln, spricht er in Bezug auf ebendiesen Moment eine Unwahrheit aus; denn wäre ihm wirklich alles zweifelhaft, so würde er auch nicht wagen, dies, daß ihm alles zweifelhaft ist, zu behaupten. Deckt man ihm nur den Irrtum auf, in dem er sich befindet, so könnte das leicht zur Folge haben, daß der Zweifelsüchtige nur noch mit größerem Mißtrauen jedes Urteil betrachten würde, das sich ihm irgendwie aufdrängt.

Kurz, man lege ihm eine Frage vor, durch die er nicht zu einer irrtümlichen, sondern zu einer richtigen Antwort veranlaßt wird. Sei es auch z. B. eine solche Frage, ob auf dem Mond lebende Wesen existieren? Gibt er zur Antwort: "Ich weiß es nicht", so würde auch das genügen, um zu zeigen, daß er ein Urteil gefällt, ein Für-wahr-halten ausgesprochen habe. Aber der Zweifler korrigiert seinen Ausspruch und sagt, es scheine ihm bloß, daß er es nicht wisse, ja auch das Scheinen scheine ihm bloß ein Scheinen zu sein usw.

BOLZANO hält nun dafür, daß es am besten sei, dem Zweifler die Frage vorzulegen, ob er  Vorstellungen habe?  Wir haben nämlich schon gesehen, daß unser Philosoph unter Vorstellen auch ein Vorstellen von Sätzen versteht. Der Geisteszustand eines vollendeten Zweiflers läßt sich bei Anwendung dieser Terminologie so auffassen, daß er gar keine Urteile fälle, sondern bloß Vorstellungen habe, u. a. auch von Sätzen. Denn wenn er auf alles nur antwortet, daß es ihm scheine, daß er dies nicht zu wissen scheine, so ist in solchen Aussagen als Wahrheitskern das zu erfassen, daß er Vorstellungen hat. Wie er also immer auf die vorgelegte Frage antworten - oder wenn er sich auch jeder Antwort enthalten sollte -, so muß er doch in seinem Innern einsehen, daß er Vorstellungen hat. Freilich zwingen kann man ihn nicht dazu, daß er das eingestehe, aber die Widerlegung des Skeptizismus besteht auch nicht in der Ausübung eines solchen Zwanges. Wenn jedoch EULER (in seinen Briefen an eine Prinzessin, Brief 97) meint, daß ein Zweifler schon wider sein System handeln würde, wenn er auf unsere Grnde auch nur achten wollte, so ist das gar nicht einzusehen, denn der Zweifler kann ja unsere Gründe so hinnehmen, wie alle übrigen Vorstellungen, die in seinem Geist stattfinden.

Wendet nun jemand ein, daß der Zweifler nicht zugeben könne, er habe Vorstellungen, denn das würde voraussetzen, daß er existiert und seine Existenz ist ihm ja noch nicht bewiesen worden, so ist hierauf zu erwidern, daß man gar nicht das eigene Sein voraussetzen müsse, um das Urteil, daß man Vorstellungen hat, fällen zu können. "Denn nicht daraus, daß wir sind, erkennen wir, daß wir Vorstellungen haben, sondern umgekehrt, erst, daraus, daß wir Vorstellungen haben, erkennen wir, daß wir sind. Wir schließen nämlich: was Vorstellungen hat, das muß auch Dasein haben. Da wir nun Vorstellungen haben, so haben wir auch Dasein." (Wissenschaftslehre I, § 42, Seite 176)

BOLZANO macht sich also den DESCARTESschen Schluß zu eigen und verteidigt denselben gegen BEATTIE, MAYER und KRUG. Diese verwerfen das DESCARTESsche Cogito ergo sum, zunächst darum, weil der Vordersatz, das Cogito, schon den Begriff des Seins enthalte. Cogito bedeutet nämlich so viel, wie ich  bin  denkend. Nun bemerkt BOLZANO, daß die Kopula in dem Satz "ich bin denkend" durchaus nicht die Bedeutung hat, wie in dem Satz "ich bin", wo es die Existenz aussagt. Die Kopula  ist  wird ja auch in solchen Sätzen gebraucht, deren Subjekt gar nichts Existierendes ist, wie z. B. "Das Unmögliche ist auch nichts Wirkliches". - Mein man aber, daß in dem Satz Cogito = ich denke, das Ich schon der Begriff eines existierenden Wesens wäre, so verhält sich auch das nicht so. Den reinen Begriff des Ich geben wir an, wenn wir sagen, es sei  Etwas,  das sich gewisser Vorstellungen bewußt ist. Daß aber dieses Etwas auch Wirklichkeit hat, liegt nicht analytisch im Begriff desselben, sondern ergibt sich erst aus diesem Begriff als eine Folge.

Gibt jemand zu, daß er auch nur Wahrheit (z. B. die, daß er Vorstellungen hat) erkenne, so läßt sich leicht erweisen, daß er auch unbestimmt viele Wahrheiten zu erkennen vermöge. Der Gang des Beweises ist demjenigen ähnlich, mittels welchem wir zeigten, daß es unendlich viele Wahrheiten "an sich" gebe.


§ 7. Kritik der Fundamentallehre Bolzanos

Das Streben nach Exaktheit im Denken ist ein so ausgezeichneter Charakterzug BOLZANOs, daß ihm in dieser Beziehung kaum ein anderer Philosoph gleichkommen dürfte; um so auffallender ist es, daß gerade der Fundamentalbegriff seines logischen Systems - ich meine den Begriff des "Satzes an sich" - an einer Dunkelheit und Verschwommenheit leidet, wie man das von einem peinlich strengen Mathematiker nicht erwartet hätte. Wir stehen hier, wenn ich es richtig zu beurteilen vermag, einem jener Irrtümer gegenüber, in welche zuweilen bedeutende Denker verfalle, wenn sie etwas höheres zu leisten unternehmen, als der menschliche Verstand überhaupt zu leisten vermag. - Es sei mir gestattet, meine kritischen Bemerkungen in Bezug auf den Begriff des "Satzes an sich" in die folgenden Punkte zusammenzufassen.

1. Dieser Begriff wird durch eine zweifache Abstraktion erzeugt. Zunächst nämlich müssen wir vom sprachlihen  Ausdruck  eines Satzes absehen, so daß uns bloß der  Sinn  desselben zurückbleibt; dann aber müssen wir mittels einer zweiten Abstraktion bei jenem Sinn davon absehen, daß er von jemandem gedacht wurde, denn erst hierdurch gelangen wir zum Begriff des Satzes an sich.

2. Was nun die erste dieser zwei Abstraktionen betrifft, so scheint sie durchaus nicht beanstandet werden zu können, denn wer unterscheidet nicht den Sinn eines Satzes vom rein sprachlichen Ausdruck desselben. Nun muß ich aber trotzdem bemerken, daß dieser Begriff  Sinn eines Satzes  ein höchst mysteriöser ist. Denn die Laute, die den Satz bilden, haben als Laute eine vom Sinn des Satzes ganz unabhängige Existenz für sich und es fragt sich, ob nun auch der Sinn des Satzes, eine von den Lauten unabhängige Existenz für sich in Anspruch nehmen darf? Mit anderen Worten: gibt es im Bewußtsein irgendeines Menschen selbständige psychische Erscheinungen, die dem bloßen Sinn eines Satzes entsprechen? Es ist dies eine der wichtigsten Grenzfragen der Psychologie und Logik und ich halte es für ein Verdienst BOLZANOs, daß er jedem seiner Leser Anregung gibt zur Formulierung dieses höchst interessanten Problems.

3. Mein Standpunkt in Bezug auf diese Frage ist, daß der Sinn eines Satzes als selbständige psychische Erscheinung, (frei von begleitenden Zeichen, Lautvorstellungen usw.) im menschlichen Bewußtsein nicht bestehen kann. Ich meine, daß eine logische Urteilstätigkeit in unserem Geist nicht stattfinden kann, ohne daß sich diese Tätigkeit in einem Hervorbringen von sinnlichen Symbolen manifestieren würde, sei es auch, daß diese Symbole für andere Personen unwahrnehmbar bleiben, sei es sogar, daß wir selbst, die wir jene Symbole hervorbringen, im lebhaften Drang von Urteil von Urteil fortzuschreiten, ihnen keine besondere Aufmerksamkeit zuwenden und sie unvermerkt vorüberziehen lassen. Leider besteht aber in Bezug auf diese fundamentale Frage von jeher keine Übereinstimmung zwischen den Philosophen, denn viele halten das Denken für eine vom Sprechen unabhängige Tätigkeit. Ich schreibe das dem Umstand zu, daß die hier vorliegende Frage nicht deutlich gefaßt wird. Man versuche nur einmal den Sinn eines Satzes unabhängig von allen Zeichen als selbständig psychische Erscheinung zu denken und frage sich nur, wie man an dieser psychischen Erscheinung ein Subjekt und ein Prädikat zu unterscheiden vermöchte und man wird gar bald einsehen müssen, daß wenigstens, was der Logiker einen Satz nennt, ohne sinnliche Zeichen, die dem Satz ihre Gliederung geben, nicht bestehen kann.

4. Aber angenommen, man könnte den Sinn eines Satzes abtrennen vom sprachlichen Ausdruck desselben, d. h. der nackte Sinn eines Satzes könnte als selbständige psychische Erscheinung in einem Bewußtsein auftreten, so fragt sich noch weiter, wie wir bei diesem nackten Sinn noch absehen könnten vom Gedachtwerden desselben. BOLZANO scheint sich vorzustellen, daß der nackte Sinn eines Satzes, nachdem er die sprachlichen Kleider abgeworfen hat, noch immer in einer Art von Gedankenhaut zu einem "Satz an sich" oder objektivem Satz werde, der einen von allem Denken unabhängigen Sinn an sich repräsentiert.

5. Das obige Bild macht uns darauf aufmerksam, daß BOLZANO den Sinn eines Satzes aus zwei Bestandteilen zusammensetzt: aus einer  gedanklichen  Form und aus einem  nicht-gedanklichen  Inhalt, wobei letzterer eben der Satz an sich ist. All unser Denken wäre somit durch und durch nur Form, nur eine gedankliche Hülle für die "Sätze an sich"; der Inhalt unserer Gedanken, nämlich die "Sätze an sich" wären aber keine Gedanken. Man bedenke: der eigentliche Inhalt alles dessen, was wir denken wäre etwas Nicht-Gedachtes! Zu dieser wunderlichen Begriffskonstruktion wird BOLZANO dadurch verleitet, daß er den Inhalt unseres Denkens um jeden Preis objektivieren oder richtiger von unserem Denken unabhängig machen will. Nun merkt er in seinem extremen Drang nach Objektivität nicht, daß er, der den Formalismus KANTs bekämpfte, nun selbst zum  absoluten Formalisten  wird. Bei KANT gab es noch eine Materie und eine Form des Denkens; bei BOLZANO ist das Denken durchaus nur Form, nur Hülle, denn der Inhalt unseres Denkens sind "Sätze an sich", die als solche ungedacht sind.

6. Der  Selbstwiderspruch  der BOLZANOschen Begriffskonstruktion tritt nunmehr deutlich zutage. Wenn ich nämlich eine Wahrheit an sich erkenne, so hat die Wahrheit, die ich erkannt habe, im Sinn der Definition BOLZANOs zugleich Existenz und auch keine Existenz. Als "Wahrheit an sich" hat sie nämlich kein Dasein, als gedachte Wahrheit jedoch ist sie eine reale Erscheinung in meinem Gemüt.

7. Da nun die "Wahrheit an sich", um erkannt zu werden, sowohl kein Dasein als auch ein Dasein haben müßte, so ist sie demzufolge  unerkennbar.  Denn sie müßte, um erkannt werden zu können, aus der Nichtexistenz in die psychische Existenz übergehen und sowohl ihre Nichtexistenz als auch ihre psychische Existenz behaupten. Soll es also dabei bleiben, daß die "Wahrheiten an sich" keine Existenz haben, dann müßten sie auch konsequenterweise für unerkennbar erklärt werden. Während also unser Philosoph die höchsten Anstrengungen macht, die Objektivität unserer Erkenntnis zu sichern, bringt er uns ganz unvermerkterweise um die Möglichkeit einer jeden Erkenntnis!

8. Der Begriff der "Sätze an sich" darf als eine eigentümlicher ikarischer Versuch gelten, das menschliche Denken aus den Banden nicht nur der Sprache, sondern auch der eigenen Psyche zu befreien. Wir sollen uns zu einem übersprachlichen und überpsychischen Denken erheben. Es ist nur zu begreiflich, daß ein solcher Versuch notwendig scheitern muß. Trotzdem gehört er, wie wir später sehen werden, zu den lehrreichsten Versuchen, die je ein Philosoph angestellt hat.

9. Ich gehe nunmehr zum subjektiven Teil des BOLZANOschen Beweises über. Auch der vollendete Skeptiker, heißt es da, wird wenigstens im geheimen die Wahrheit des Satzes anerkennen: Ich habe Vorstellungen oder kürzer: Ich denke. Nun erlaube ich mir aber die Frage aufzuwerfen, ob denn auch bei einem solchen Satz wie: "Ich denke" davon abgesehen werden kann, daß er gedacht wird und durch wen er gedacht wird? Augenscheinlich verliert der Satz völlig seinen Inhalt, wenn ich ihn abtrennen will von meiner Person und von meinem Denken; denn das ist ja der Inhalt des Satzes, daß in ihm von niemand anderem als eben von meiner Person etwas ausgesagt wird und zwar dieses, daß "ich denke". Folglich ist es unmöglich, den Inhalt des Satzes von seinem Gedachtwerden abzutrennen. Wir hätten also hier einen Satz gefunden, bei dem man gar nicht davon absehen kann, daß er gedacht wird und durch wen er gedacht wird. Da aber der Begriff eines "Satzes an sich" eben das erfordert, daß man vom Denkenden und seinem Denken absehe, so ist hiermit erwiesen, daß diese Begriffskonstruktion für einen bestimmten Fall eine Ausnahme erleidet.

10. Allerdings ist der Satz, daß ich jetzt denke, eine Wahrheit, die ihre Geltung auch dann behält, wenn ich schon längst nicht mehr denken werde. Aber der Satz behält nur deshalb seine Geltung für alle Ewigkeit, weil ich jetzt wirklich denke; denn würde ich jetzt in Wirklichkeit nicht denken, so gebe es einen solchen Satz wie, ich denke, gar nicht. Soll also dieser Satz ein objektiver Satz (ein "Satz an sich" im Sinne BOLZANOs) sein können, so muß er vorerst ein subjektiver Satz (ein gedachter Satz) sein. Der objektive Satz ist vom subjektiven Satz abhängig. Damit aber geht jener Begriff der Objektivität, wie ihn BOLZANO fassen wolte, völlig verloren; denn Objektivität kommt nach ihm nur demjenigen zu, was von der Subjektivität unabhängig ist.

11. Alle meine Urteile sind vom Urteil begleitet, daß ich sie denke; obwohl dieser Satz, "ich denke", nicht ausdrücklich jeder Behauptung beigefügt wird. Wir halten es nicht für notwendig, bei einem jeden Satz, den wir aussprechen, zu bemerken: ich denke, ich meine, ich glaube, ich sage, ich behaupte dieses oder jenes. Wer aber würde es nicht für eine Art von Beleidigung empfinden, wenn er etwas behauptete und hinterher noch immer gefragt werden würde, ob es denn auch mit Wissen behauptet worden sei. Was immer wir aussagen mögen, so ist implizit mitverstanden, daß wir es aussagen: wenn wir auch die Tatsache des Aussagens nicht auch gleich zum Gegenstand einer besonderen Aussage machen. Zweifelt jemand hieran, so wird er mir doch zugeben, daß wenigstens dort, wo ich expressis verbis [ganz ausdrücklich, wp] hinzufüge, daß ich dieses oder jenes denke, meine, glaube, weiß etc. und es demnach eine Inhaltsverstümmelung meiner Behauptung involvieren würde, wenn jemand mein Denken, Meinen, Glauben etc. als nicht zum Inhalt meiner Behauptung gehörig erklären wollte. Wenn ich auf solche Weise die Tatsache meines Denkens mit zum Inhalt meiner Behauptungen mache, so wird diese Tatsache meines Denkens auch mit zum Inhalt der entsprechenden objektiven Sätze gehören müssen. Alle diese objektiven Sätze bleiben also durch die Tatsache  bedingt,  daß ich es war, der sie gedacht hat; d. h. sie kommen alle um ihre Objektivität im Sinne BOLZANOs.

12. Nachdem ich es erwiesen habe, daß es unzählige Fälle gibt, wo gar nicht davon abgesehen werden darf, daß ein Satz von irgend jemand gedacht worden sei; daß also in unzähligen Fällen von "Sätzen an sich" im Sinne BOLZANOs gar nicht die Rede sein kann: so will ich nun auch versuchen, meine Ansicht in einer bildlichen Weise darzustellen. Wer würde z. B. das Leuchten der Substanzen so erklären wollen, daß es ein "Licht an sich" gebe, dem keine Wirklichkeit zukommt und das Leuchten der Substanzen darin bestünde, daß jenes nichtseiende "Licht an sich" an ihnen zur Erscheinung gelangt. Mir scheint es, daß wir auch das Denken der Wahrheit nicht so auffassen dürfen, als ob nicht-seiende "Wahrheiten an sich" im Geist irgendwelcher Wesen aufleuchten würden. Vielmehr, dünkt mir, müßte angenommen werden, daß es in der Natur eines vernünftigen Denkens begründet ist, geistig zu leuchten, d. h. die Wahrheit zu erkennen.

13. Man macht die Wahrheit nicht dadurch objektiv, daß man sie vom Denken abtrennt. Hierdurch erreicht man nämlich nur soviel, daß man die Wahrheit dem Denken entfremdet, d. h. daß man die Wahrheit zu einer ungedachten macht und das Denken zu einer an sich wahrheitslosen Tätigkeit erniedrigt. Es wird dann zu einem absoluten Rätsel, wie die Wahrheit in die Lage kommt, gedacht zu werden und wie das Denken in die Lage kommt, die Wahrheit zu erfassen.

14. Wahrheit und Falschheit kann nur in irgendeinem Bewußtsein gegenwärtig sein und unabhängig von einem Bewußtsein gibt es weder eine Wahrheit noch auch eine Unwahrheit. Es liegt nämlich im Begriff der Wahrheit zu  gelten  und im Begriff des  Gelten von  Etwas  und für  Jemanden  zu gelten. Glaubt jemand, daß die Wahrheit dadurch subjektiviert und relativiert wird, daß man sie nur im Bewußtsein irgendwelcher denkender Wesen für bestehend annimmt und fühlt der betreffende den Drang, die Wahrheit als eine ewige zu fassen, so bleibt ihm konsequenterweise nichts anderes übrig, als ein unendliches Bewußtsein anzunehmen, da, wenn es nur endliche und beschränkte Intelligenzen gibt, der Begriff einer ewien Wahrheit unhaltbar wird.

15. Man sollte meinen, daß BOLZANO seine "Wahrheiten an sich" für Atheisten ersonnen habe, denn er scheint ja ewige Wahrheiten zu statuieren, ohne daß er hierzu eines unendlichen Bewußtseins bedürfen würde. Das Sonderbarste an der Sache ist, daß es so leicht keinen Denker wie BOLZANO geben dürfte, der von einer tieferen Gottesüberzeugung durchdrungen ist. Er macht auch bei der Definition der Wahrheiten an sich darauf aufmerksam, daß man von keiner Wahrheit sagen könne, daß sie tatsächlich von niemandem gedacht sei, weil sie, wenn schon sonst von niemandem, so doch von Gott gedacht wird; nichtsdestoweniger hält er am Begriff der Wahrheiten an sich fest. Er meint nämlich, daß "die von Gott gedachten Wahrheiten und "die von niemandem gedachten Wahrheiten" sogenannte Wechselbegriffe seien. Unter Wechselbegriffen aber verstehen wir Begriffe, welche voneinander zwar wesentlich verschieden sind, aber doch genau dieselben Gegenstände haben. So ist z. B. die Vorstellung einer Linie, welche die kürzeste zwischen ihren Endpunkten ist, gewiß ein anderer Gedanke, als die Vorstellung einer Linie, deren jedes Stück dem andern ähnlich ist: und doch beziehen sich beide so verschiedene Vorstellungen auf dieselben Gegenstände, nämlich auf gerade Linien. Ganz so handelt es sich um dieselben Wahrheiten, wenn wir sie einmal als von Gott gedachte, das andere Mal als von niemandem gedachte hinstellen. Mir aber scheint es, daß die zwei Begriffe "von Gott gedacht" und "von niemandem gedacht" keine Wechselbegriffe im obigen Sinne sein können, weil sie einander ausschließen.

16. Es ist als ob BOLZANO fühlen würde, daß seine obige Argumentation nicht ausreichend sei, denn er fügt hinzu, daß man es z. B. dem Logiker nicht verargen dürfe, von "Sätzen an sich" ganz so wie von "Räumen an sich" d. h. von Räumen, die nicht von Stoff erfüllt, sondern bloße Möglichkeiten von Örtern sind, zu sprechen; wenn auch die Metaphysik erwiesen hätte, daß es ebensowenig "Räume an sich", d. h. leere Räume als "Sätze an sich", d. h. von niemandem gedachte Sätze gebenn könne. Dies nun ist allerdings ein sehr plausibles Argument, aber mir dünkt, daß man eine Fragwürdigkeit mit der anderen nicht unterstützen sollte. Ferner kann man bei Räumen wohl davon abstrahieren, daß sie von einem Stoff erfüllt sind; aber bei Gedanken nicht davon, daß sie gedacht sind, denn sonst würde man bei einem Kreis auch davon abstrahieren können, daß er ein Kreis sei.

17. BOLZANO bemerkt auch, "es sei etwas nicht darum wahr, weil es Gott erkennt, sondern im Gegenteil, Gott erkennt es so, weil es so ist. So gibt es z. B. nicht darum einen Gott, weil Gott sich denkt, daß er  ist:  sondern nur weil es einen Gott gibt, so denkt sich dieser Gott auch als seiend." (Wissenschaftslehre I, § 25, Seite 115). Ich gewinne aus diesen Erklärungen den Eindruck, daß BOLZANO sich die "Wahrheiten an sich" beinahe wie ein ewiges Weltfatum vorstellt, dem Gott selbst nicht zu entrinnen vermag: eine Denkart, die, wir wir später sehen werden, mit einer Grundauffassung des LEIBNIZ übereinstimmt. (Vgl. auch BOLZANOs Religionswissenschaft.)

18. Ich fasse alle meine Einwendungen gegen die Lehre von den "Sätzen an sich" in das Bedenken zusammen, daß, wenn die Wahrheit vom Denken abgetrennt wird, das schlimmer als jeder Skeptizismus sein dürfte, denn es hat dann den Anschein, daß das Denken so unglücklich sein könnte, auch nie und nimmer der Wahrheit zu begegnen, auf so viele Fahrten und Abenteuer es sich auch begeben möchte. Kurz, es wäre ein  absoluter Zufall,  wenn wir einmal in unserem Denken auch einmal eine Wahrheit erfassen würden.

19. Trotzdem halte ich, wie gesagt, die Lehre von den "Sätzen an sich" für einen äußerst interessanten logischen Versuch. Hauptsächlich darum, weil, wie das der Mathematiker wohl gemerkt haben wird, BOLZANO sich in der Lehre von den "Sätzen an sich"  im Geheimen durch geometrische Analogien leiten läßt.  Wie er sich einen leeren Raum denkt, so stellt er sich auch einen Wahrheitsraum vor. Ferner verhält sich ein gedachter Satz zu einem "Satz an sich" etwa so, wie eine mit Bleistift gezeichnete Linie zu einer mathematischen Linie; indem der ersteren eine Wirklichkeit zukommt, welche der letzteren abgeht. Wie ferner eine gezeichnete Linie zur Darstellung einer mathematischen Linie dient, so soll auch ein gedachter Satz eine bloße Darstellung, ein Zeichen des "Satzes an sich" sein. Doch wage ich es bloß, als Vermutung hinzustellen, daß BOLZANO tatsächlich solche geometrische Analogien vorgeschwebt hätten, weil sich das aus dem Text seiner Logik keineswegs demonstrieren ließe. Falls nun BOLZANO sich solcher Analogien tatsächlich bedient hätte, so müßte mir das umso willkommener sein, weil ich mich - wie ich es hier gestehen will - in einer Arbeit ("Neue Theorie des Raumes und der Zeit") in ähnlicher Weise durch geometrische Analogien beeinflussen ließ; ehe ich noch das Glück hatte, BOLZANO kennen zu lernen. Sollte jemand unter einem "Satz an sich" einen absolut präzisen Gedanken verstehen wollen, dem wir uns durch den in Worte gekleideten Satz einigermaßen annähern wollen, so hätte ich gegen eine solche Erklärung keine Einwendung zu machen. Wir wissen es nämlich alle aus der täglichen Erfahrung, daß jenes wunderbar geschmeidige Zeichensystem, welches wir die Sprache nennen, sich trotz seiner Geschmeidigkeit vielleicht nie völlig dem Gedanken anpaß, der uns vorschwebt. Ich würde es deshalb für höchst nützlich halten, wenn die Logik den Begriff eines "ideal genauen Satzes" einführen würde, weil der Logiker hierdurch daran gewöhnt werden könnte, sich dieses Ideal stets vor Augen zu halten. Aber es würde noch mit manchem anderen bedeutsamen Nutzen verbunden sein, der hier nicht spezifiziert werden kann. Jedenfalls möchte ich betont haben, daß der Begriff eines "Satzes an sich" als eines Satzes, dessen Sinn mit vollendeter mathematischer Genauigkeit festgelegt ist, es wohl verdienen würde - wenn auch nur als vorschwebendes logisches Ideal - von allen Logikern in Betracht gezogen zu werden.


§ 8. Fortsetzung

Wir müssen BOLZANO darin beipflichten, daß die Bekämpfung des Skeptizismus eine wichtige Aufgabe der Philosophie ist, denn Zweifelsucht hat sich von jeher als eine gefährliche Feinding aller Wissenschaft erwiesen. Man darf jedoch die Bedeutung des Skeptizismus auch nicht überschätzen, wie das BOLZANO in seinem edlen Eifer für Wahrheit zu tun scheint. Sagt er doch selbst, daß ein Zweifeln an der eigenen Existenz nicht wohl möglich sei: der Skeptiker könne sich den Satz  vorstellen,  daß er nicht wirklich existiere, jedoch so zu  urteilen,  ist ihm doch nicht möglich. Wenn Leute trotzdem in aller Aufrichtigkeit gestehen, daß sie an ihrem eigenen Dasein zuweilen gezweifelt hätten, so verstanden sie darunter kein Dasein überhaupt, sondern sie zweifelten bloß, ob die Art ihres Daseins auch wirklich jene Art wäre, für welche sie dieselbe halten. Verhält sich dem aber so, dann ist es nicht einzusehen, weshalb man mit dem Skeptizismus soviel Aufhebens machen soll. Mir scheint, daß der Begriff eines "vollendeten Skeptikers" einen inneren Widerspruch enthält, so daß man sich einen solchen gar nicht als wirklich seien vorzustellen vermag. Man versuche sich einmal, eines Geistesverfassung zu denken, wobei man völlig im Ungewissen ist über alles, so daß man sich durchaus kein Urteil mehr zu fällen getraut, auch nicht über die gegenwärtigen Dinge der Umgebung, ja auch über den eigenen Zustand nicht. Ich glaube, daß wer  wirklich  in eine solche Geistesverfassung geriete, es nicht mehr zu einem universellen Zweifel bringen könnte, sondern einer geistigen Umnachtung verfiele. Ein "vollendeter Skeptiker" ist im Grunde genomme ein Wahnsinniger, dem wir uns trotzdem als - verständig vorstellen; ihn zu bekämpfen, ist also völlig überflüssig, ja logisch verwerflich, denn man soll nicht-seiende Geistesverfassungen nicht als seiende hinstellen und ein Scheingefecht gegen dieselben führen. Es ist ein allzu großes Zugeständnis, das wir einem Skeptiker machen, wenn wir ihn in seiner Art "vollendet" nennen. Wie man nicht sagt: "ein vollendeter Feigling", so sollte man auch einen solchen Ausdruck wie "ein vollendeter Zweifler" nicht gebrauchen.

Nicht der völlige Zweifel ist es, der der Wissenschaft oder der Philosophie überhaupt gefährlich werden kann, sondern vielmehr der halbschlächtige Skeptizismus, der, weil er über sich selbst in Unklarheit bleibt, auf äußerst schwer anzufassen und zu bekämpfen ist. Es ist eine Folge unserer Endlichkeit, daß wir dem Irrtum gar leicht verfallen und diese unsere Schwäche ist es, die der Skeptizismus so auszubeuten vermag, daß wir gerade an dem zu zweifeln beginnen, woran wir am wenigsten zweifeln sollten. Schon im Altertum standen einander die zwei Schulen der Eleaten und der Epikuräer gegenüber, von denen die ersten behauptete, aller Irrtum stamme aus den Sinnen, während die letztere für unsere Irrtümer durchaus nur den Verstand verantwortlich machte. So facht die lauernde Zweifelsucht einen endlosen Streit zwischen  Rationalisten  und  Sensualisten  an, indem sie Verstand und Sinnlichkeit miteinander entzweit. Wo immer nur Philosophen den Verstand gegen die Sinnlichkeit oder umgekehrt die Sinnlichkeit gegen den Verstand auszuspielen bestrebt sind, dort wird zwischen den beiden streitenden Hälften der im Hinterhalt lauernde Skeptizismus triumphieren. Man kann für die Erkenntnis nicht wahrhaft eintreten, ohne sie in ihrer Gänze, d. h. sowohl ihrer sinnlichen, als auch ihrer verständigen Seite nach mit aller Kraft des Geistes zu verteidigen.

BOLZANO ist zwar, feurig beseelt, von der Sache der Wahrheit, aber weil er zuviel des Guten tun will, schlägt sein Streben in das Gegenteil um. Um den Skeptizismus mit Stumpf und Stiel auszurotten, bildet er sich den Unbegriff eines vollendeten Skeptikers und macht auf solche Weise der Zweifelsuch ein Zugeständnis, durch die sie nur ermuntert werden kann, sich für ein ernstes System zu halten. Weit gefährlicher aber ist das zweite Zugeständnis, das er ebenfalls unbemerkt an den Skeptizismus macht, indem er eine solche Unterscheidung zwischen Begriffs- und Anschauungswahrheiten einführt, welche nur dazu geeignet ist, Verstand und Sinnlichkeit zu entzweien und dadurch der Zweifelsucht Vorschub zu leisten.

Unter den  Begriffswahrheiten  versteht er solche, "die bloß aus reinen Begriffen bestehen, ohne irgendeine Anschauung zu enthalten." (Wissenschaftslehre II, § 133, Seite 33) Von dieser Art sind z. B. die Sätze: "Dankbarkeit ist eine Pflich", "die Quadratwurzel aus der Zahl Zwei ist rational". Man erkennt die Wahrheit solcher Sätze, kraft dessen, daß man die Begriffe, aus welchen sie zusammengesetzt sind, versteht. Diese Begriffswahrheiten sind es nun, die unserem Philosophen am meisten am Herzen liegen; diese sind ihm eben über allen Zweifel erhaben. Ganz anders verhält es sich aber mit den sogenannten  Anschauungssätzen,  die BOLZANO wieder in zwei Klassen teilt: in reine Wahrnehmungsurteile und in eigentliche Erfahrungsurteile. Ein reines Wahrnehmungsurteil ist z. B. "Dies ist etwas Rotes", wo das Subjekt eine mir soeben gegenwärtige Anschauung ist; kaum braucht gesagt zu werden, daß Urteile dieser Art keiner Möglichkeit eines Irrtums unterliegen. Die im engeren Sinne genommenen Erfahrungsurteile sind solche, in denen behauptet wird, daß derselbe Gegenstand, der die Anschauung  A  in mir hervorbringt, auch die Ursache der Anschauung  B  ist, die ich habe; wie z. B. das Urteil: Der angenehmen Geruch, den ich soeben empfinde, wird vom roten Gegenstand, den ich hier vor mir sehe, (der Rose), bewirkt". Die Wahrheit solcher Sätze hängt nicht lediglich von unseren Vorstellungen (Rot und Rosengeruch), sondern auch von der Beschaffenheit der äußeren Gegenstände selbst ab; ihnen kommt bloße Wahrscheinlichkeit zu, die sich freilich der Gewißheit umso mehr nähert, je öfter die Anschauungen  A  und  B  gleichzeitig eintreten.

In dieser letzten Erklärung ist nun dem Skeptizismus ein solches Zugeständnis gemacht, wie es größer kaum noch gemacht werden könnte. Wenn ich z. B. sagen würde: Dieser Körper, der warm ist, über auch einen Druck auf meine Handfläche aus; so würde dieser Behauptung bloß Wahrscheinlichkeit, nicht aber völlige Gewißheit zukommen, weil ich, trotzdem ich gewiß die Empfindungen der Wärme und des Druckes habe, doch nicht mit völliger Gewißheit entscheiden könnte, ob diese Eindrücke auch durch dieselbe Ursache (denselben Körper) bewirkt seien. Daraus würde aber meiner Ansicht nach auch folgen, daß ich selbst die eigene Existenz nur als eine bloß wahrscheinliche betrachten dürfte. Denn ich könnte nur dessen gewiß sein, daß ich z. B. das eine Mal Wärme fühle, das andere Mal Druck empfinde, aber ich wäre dessen nie ganz gewiß, daß es dasselbe Ich ist, welches Wärme fühlt und welches Druck empfindet.

Man erkennt hier in BOLZANO den Rationalisten, der sich parteiisch zur Sache der Wahrheit stellt, indem er die sogenannten Vernunft- oder Begriffswahrheiten wie eine aristokratische, in sich abgesonderte Klasse des Reiches der Wahrheit auffaßt, ohne zu merken, daß er hierdurch dem schadenfrohen Skeptizismus in die Hände arbeitet, während er doch ebendamit anfangen wollte, diesem großen Feind der Erkenntnis gründlich aus der Welt zu schaffen. Aber ganz so ergeht es allen Logikern, die im Reich der Wahrheit einen  Gegensatz  herstellen wollen zwischen blaublütigen und plebejischen Wahrheiten, d. h. zwischen solchen, die aus der hohen Vernunft und die aus der niedrigen Sinnlichkeit herstammen. Man verzeihe mit diese politisch-sozialen Gleichnisse, denn sie sollen nur dazu dienen, den Standpunkt, den ich in den folgenden Betrachtungen einnehme, anschaulich zu machen. Es wird sich mir überall darum handeln, sowohl den Sensualismus als auch den Rationalismus in ihrer Einseitigkeit zu bekämpfen, denn beide Richtungen stehen, ohne es zu wissen, im Dienst einer wahrheitsfeindlichen Zweifelsucht.

So sind wir denn zu jenem Gegenstand gelangt, der uns in dieser Arbeit hauptsächlich interessiert: zum großen historischen Streit zwischen Rationalismus und Sensualismus, der sich vornehmlich um die Frage der angeborenen und erworbenen Erkenntnis im Sinne des DESCARTES, der Begriffs- und Tatsachenwahrheiten des LEIBNIZ und der Erkenntnisse a priori und a posteriori in der Fassung KANTs dreht. Indem wir nun zu der Auseinandersetzung der kantischen Grundauffassung fortschreiten, wird sich uns Gelegenheit bieten, derselben die LEIBNIZ-BOLZANOsche Lehre vergleichend gegenüber zu stellen und so unseren Blick für die Fragen der modernen Logik zu schärfen.

LITERATUR - Melchior Palágyi, Kant und Bolzano - ein kritische Parallele, Halle 1902