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Uwe Poerksen
Plastikwörter
oder die Mathematisierung
der Umgangssprache


"Die Plastikwörter zeichnen sich aus durch einen hohen Abstraktionsgrad. Ihr Anwendungsbereich ist fast unbegrenzt, sie bringen riesige Erfahrungsfelder auf einen einzigen Nenner."


Unsere Umgangssprache wird zunehmend mathematisiert. Damit meine ich eine noch genauer zu beschreibende  Spielart  der Vereinfachung. Die zusätzliche These: Nachdem die Umgangssprache mathematisiert ist, ist sie prädisponiert für die Aufnahme des Computers. Der Computer ergänzt die Entwicklung.

"Caesar ist eine Primzahl". - 1931 verwandte RUDOLF CARNAP in einem Aufsat, der gegen MARTIN HEIDEGGERs Vorlesung  "Was ist Metaphysik?"  gerichtet war, den Begriff  Sphärenvermengung.  Er meinte damit den Fall, daß Dinge, die an sich durch eine Kluft getrennt sind und verschiedenen logischen Sphären angehören, in  einer  Aussage verbunden werden. Sein berühmt gewordenes Beispiel erklärte Caesar zur Primzahl. Ein derartiger Satz sei nicht falsch, sondern sinnlos. Er verquicke das Unvereinbare.

Unser Thema betrifft eine Sphärenvermengung: zunächst, vorläufig die Verwissenschaftlichung der Alltagswelt und ihrer Sprache. Sie ist bei uns verstärkt in den letzten zwei Jahrzehnten zu beobachten. Die Kluft zwischen der Wissenschaft, als deren reinster Ausdruck unserem Zeitalter die Mathematik erscheint, und der Lebenswelt wird übersprungen oder  übergangen.  Es ist, als existiere dieser Graben kaum. Was in der einen Welt als Erkenntnisfortschritt und technische Errungenschaft erscheint, taucht als dasselbe in der anderen Welt auf, als habe diese keine Eigenständigkeit und messe nicht nach eigenen Maßen. Diese Vermengung ist  das  Problem.

Der Übersprung von den Wissenschaften in die Lebenswelt wird dadurch begünstigt, daß die beiden Bereiche durch eine scheinbar gemeinsame Sprache verklammert sind. An der Oberfläche unserer Umgangssprache hat sich seit längerem eine neue Klasse von Wörtern ausgebreitet. Man könnte sie mit den Schwimmkugeln eines Netzes vergleichen. Sie stehen nicht isoliert, sondern zwischen ihnen gehen Fäden hin und her wie zwischen Knotenpunkten, und insgesamt ergibt sich ein Netz, das unser Bewußtsein von der Welt überwölbt und vielleicht gefangen hält.

"Sexualität als Teil menschlicher Kommunikation." Diesen Fetzen entnehme ich dem Fernsehen. Man könnte sich ihn auch in umgedrehter Fassung vorstellen:  Menschliche Kommunikation ist ein Teil der Sexualität.  In diesem Fall geht der Sprecher davon aus, daß die  sexuelle Energie  das primäre und umfassende Phänomen ist. So oder so: Kommunikation und Sexualität sind eine Art  Energieaustausch.  Könnte man nicht auch von sagen: sie sind ein  Informationsaustausch?  Wir haben es jedenfalls mit  Prozessen  zu tun und u.U. mit einem  Problem.  Als Problem bedürfen sie der Dienstleistung von Experten.

 Kommunikation, Sexualität, Energie, Austausch, Information, Prozeß, Problem.  Die Wörter entstammen der Wissenschaft oder sind durch sie hindurchgegangen, also Rückwanderer. An ihrem Ursprung mögen sie eine präzise Bedeutung gehabt haben, aber nun haben sie etwas Unbestimmtes angenommen, sagen fast nichts, sind vertauschbar und dringen überall ein. Sie sind Alltagsdietriche, die mit leichtem Griff neue Räume öffnen. Konturschwach und durchsichtig, vergrößern und teilen, verteilen und vervielfältigen sie sich. Es sind die lautlosen Selbstverständlichkeiten des Alltags.

Wir könnten sie  Amöbenwörter  nennen.

 Kommunikation  also in der Wissenschaft wie im Alltag, oder  Information.  Die Begriffe besagen aber in der Wissenschaft etwas andere als im Alltag. Der wissenschaftliche Terminus wird in der Umgangssprache zum  Plastikwort.  Die Bedeutungen sind gelegentlich so verschieden, daß wir zwei Wörter haben müßten; das gemeinsame Lautbild aber macht diese Wörter zu Brücken, zu Klammern zwischen den Sphären. Wie sehr sich der Inhalt verändert, die Wirkung verschiebt und anders entfaltet, wird vielleicht kaum bewußt.

Wollten wir die Eigenschaften der Plastikwörter genauer zu fassen suchen, das linguistische Suchbild schärfer umreißen, dann könnten wir sagen:

Es sind Metaphern, Übertragungen also aus einer Sphäre in eine andere, aber sie sind als solche nicht bewußt: Um so stärker ist ihre projektive, interpretierende Wirkung. Wir haben es mit einer unmerklichen Metaphorischen Kolonisation zu tun.

Sie ähneln den Bausteinen der Wissenschaft, nicht auf Grund der Präzision ihrer Bedeutung, sondern weil diese Bedeutung als konstant und vom Kontext unabhängig angenommen wird. Es sind  Stereotype.  Dem Sprecher fehlt die Definitionsmacht.

Sie transportieren die Autorität der Wissenschaft in die Umgangssprache und bringen zum Schweigen. Ihre Aura überwiegt. Ihr Gebrauch etabliert die gesellschaftliche Elite.

Sie sind umwandelbar in Geld. (Kommunikation, Information, Sexualität sind in erster Linie ein Geschäft).

Sie gehören einem internationalen Code an.

Bisher haben wir nur sieben Wörter genannt. Diese Liste ist zu erweitern, sie scheint aber nicht lang zu sein. Ich habe ein linguistisches Suchbild erarbeitet, einen Katalog von Kriterien, und identifiziere mit seiner Hilfe einen kleinen Sat von 30 oder 40 Wörtern, u.a.:
 Beziehung, Entwicklung, Partner, Identität, Struktur, Strategie, Lösung, Fortschritt, Produktion, Konsum, Ressource, Versorgung, Modernisierung. 
Diese Wörter sind natürlich auch, je nach Zusammenhang, variabel und in präziser, abstrakter Bedeutung verwendbar. Aber bei ihnen dominiert die unscharfe, nimbushafte, stereotype Gebrauchsvariante, von der wir hier sprechen. Sie gehören zum Minimalcode der Industrienationen, der sich, wenn auch zeitverschoben, auf dem Erdball ausbreitet.

Es scheint, daß diese verhältnismäßig junge Klasse von Wörtern, trotz ihrer Unbestimmtheit, umd das riskante Wort zu gebrauchen: unsere Umgangssprache mathematisiert. Das ist nicht ganz direkt und wörtlich zu verstehen. Ich gebrauche den Begriff versuchsweise, um anzudeuten, in welche Richtung die Verwissenschaftlichung der Umgangssprache zu verlaufen scheint, was ein gemeinsamer Zug in diesem Geschehen ist, wo ihr konsequent gedachter Endpunkt liegt. Wenn ich einige auffallende Eigenschaften dieser Wörter benenne, gebrauche ich Ausdrücke, die sich auch verwenden lassen, um die  Sprache der Mathematik  zu charakterisieren:

1. Die Plastikwörter zeichnen sich aus durch einen hohen Abstraktionsgrad. Ihr Anwendungsbereich ist fast unbegrenzt, sie bringen riesige Erfahrungsfelder auf einen einzigen Nenner. Diese abstrakte Sprache schafft einheitliche übersichtliche Räume und entzieht die individuellen Besonderheiten - das betroffene Leben - dem Blick. "Die Bundesrepublik auf dem Weg in die Informationsgesellschaft." Diese Sprache macht die Welt planbar, rodet sie gleichsam, macht sie dem rücksichtslosen Umgang mit dem Reißbrett zugänglich. -

Mathematik ist die abstrakteste Kunst.

2. Wörter wie  Kommunikation  fehlt die geschichtliche Dimension, nichts an ihnen weist auf eine lokale und soziale Einbettung hin. Sie sind insofern flach, und sie schmecken nach nichts. Sie bezeichnen Naturhaftes im Sinne der Naturwissenschaft. Sie enthistorisieren die Bereiche, deren sie sich annehmen, und entziehen sie dem menschlichen Maß.

Wir könnten uns Gegenbilder einer gebundenen Sprache vorstellen: das Latein des Mittelalters, die Sprache einer mündlichen Kultur, die deutsche Bildungssprache um 1800. - Deren Sprachgebrauch setzt dem Horizont Grenzen, hat aber auch die Fähigkeit, menschliche Erfahrung oder Erkenntnis als in menschlichen Maßen eingebettet zu überliefern.

Die Plastikwörter lösen die Sprache aus dieser Gebundenheit. Sie erinnern ja an keine Umgebung, sind universal. Sie deuten Lebensgeschichten um in Naturvorgänge und sagen: Im Grunde ist alles dasselbe.

Indem die Geschichte in eine so verstandene Natur, in das physikalisch Ewige, immer und überall Gleiche umgedeutet wird, entfaltet sie anscheinend ihre stärkste Dynamik: als wolle sie, in einem unendlichen Prozeß, diese ihre Natürlichkeit einholen.

Mathematisierung ist der radikalste Nenner für diesen Vorgang, Mathematik  die ahistorische, ort- und zeitlose, universale  Kunst.

3. Mit unseren Schlüsselbegriffen wird wie mit fest umrissenen Bausteinen umgegangen - als operiere man mit  Größen.  Die Aura überwiegt, zugleich aber verbindet sich mit vielen von diesen Stereotypen auch umgangssprachlich die Vorstellung von einer quantifizierbaren Größe. Nicht nur  Energie, Produktion, Konsum,  auch  Information  oder  Kommunikation  erscheinen für unser alltägliches Bewußtsein zunehmend in der Dimension von Zahl und Statistik.

4. Diese Legowörter tendieren in fast jeder Anordnung dazu, Sätze zu bilden.  Problem - Lösung - Strategie:  Das ist fast schon ein Satz und, darf man hinzusetzen, ein weitreichendes Instrumentarium.  Gesundheit - Grundbedürfnis.  Die Wörter sind auf beunruhigende Weise austauschbar, sie lassen sich gleichsetzen, in einer Kette von Gleichsetzungssätzen aneinanderreihen:  Kommunikation ist Austausch. Austausch ist eine Beziehung. Beziehung ist ein Prozeß. Prozeß bedeutet Entwicklung. Entwicklung ist ein Grundbedürfnis. Grundbedürfnisse sind Ressourcen. Ressource Information. Ressource Kommunikation. 

Die Beweglichkeit dieser Wörter, ihre Fähigkeit, Verbindungen einzugehen, scheint fast unbegrenzt. Wir bewegen uns mit diesen Allgemeinheiten offenbar auf einer Höhe, oder in einer Tiefe, in der die Bausteine einander ähnliche werden und die Möglichkeit ihrer Verfügung unendlich ist.

Das Prinzip der Beliebigkeit, das auch in der erwähnten Redensart  Ich gehe davon aus  steckt, die Möglichkeit, Positionen und Perspektiven im Nu auszutauschen, ist unserem gegenwärtigen Sprachgebrauch vermutlich weit geläufiger als dem früherer Epochen. Unsere Sprache ist sehr verletzbar, besitzt wenig eigene Festigkeit, fast widerstandslos scheint sie dem täglichen Ausstoß neuer Zusammensetzungen ausgeliefert zu sein.  Informationsgesellschaft. Gesicherte Medienzukunft.  Wo es ein Interesse gibt und Macht, Konzerne z.B. mit zweistelligen Milliardenumsätzen, wird jeder Schwachsinn eingespielt. Mit der Beliebigkeit auf Seiten einer exakten Verabredungssprache korrespondiert die ganz andersartige, unheimliche lockere Beliebigkeit in der Umgangssprache.

5. Wir sprechen von einem nur kleinen Satz von Wörtern; sie sind aber die Bauelemente von ungezählten Wirklichkeitsmodellen. Ob von der Dritten Welt oder von Gesundheit, Landwirtschaft oder Stadtplanung die Rede ist - aus der Retorte der Plastikwörter lassen sich im Handumdrehen Modelle hervorzaubern und Projekte entwickeln. Experten deklinieren den Grundwortschatz der Legowörter in den verschiedenen Sektoren durch. Einige von diesen Wörtern sind anscheinend schon auf dem Weg zu Suffixen, zur grammatikalischen Kategorie, sie neigen zur Serienbildung.

 Problem  wäre ein Beispiel:  Produktionsproblem, Energieproblem, Kommunikationsproblem.  Das Suffix  Problem  öffnet die Wörter für die Idee, daß ein Bedarf da ist, der befriedigt werden muß. Es wäre ersetzbar durch  Entwicklung  oder  Prozeß, Struktur  oder  System: Produktionssystem, Energiesystem, Kommunikationssystem.  Diese Begriffe sind schon so selbstverständlicher Bestandteil unseres alltäglichen Bewußtseins geworden, daß sie hinüberwandern in den grammatischen Elementarbereich, wohin z.B. Tempus und Numerus gehören, sie formen in ähnlicher Weise das Alltagsbild unserer Welt. Die Welt ist defizient, mobil und schießt zusammen zu immer neuen Strukturen: Das ist der Sinn der kleinen elementaren Grammatik der Plastikwörter.

In dem Verfahren, einen reduzierten Satz von Zeichen zu kombinieren und zu multiplizieren - in dieser Auswirkung des Prinzips der Beliebigkeit liegt etwas Ökonomisches. Und etwas der Mathematik Analoges.

6. Wir erfahren, wie zunehmend Lebensräume in künstlichen, flächendeckenden Wortnetzen erschlossen und erfaßt werden.

Kaum ist ein Kind geboren, wie ein Gesundheitspaß angelegt, das gelbe "Untersuchungsheft für Kinder", wird das Kind an der Hand eines maschinenlesbaren Katalogs von 66 Kriterien durchgeprüft. -  Microocephalie? Makrocephalie  (Ist der Kopf zu groß oder zu klein?). Es erhält, wenn alles gut geht, ein Kreuz in dem Kästchen  unauffällig.  Ein maschinenlesbarer Kunde und Staatsbürger ist geboren, dazu bestimmt, ein Leben lang durchgecheckt, abgestempelt und registriert, in immmer lückenloseren Wortfeldern erfaßt und verifiziert zu werden. Die Attribute der Experten, Kriterienkatalog und Prüfungsformular, Noten und Punktzahl, Tests, Testwert und Prozentrang begleiten ihn. - Die starre Geometrisierung und Verzifferung erstreckt sich in immer neue Nischen.

 Abstraktion, ungeschichtliche Universalität, quantifizierbare Größen, Beliebigkeit, Reduktion, freie Kombination  und  Multiplikation, Geometrisierung  und  Verzifferung  - wenn die Ausdrücke richtig gewählt sind, dann hat es Sinn, von einer Mathematisierung der Umgangssprache zu sprechen. Der Universalitätsanspruch der Mathematik hat nicht nur die Humanwissenschaften erreicht, er springt auch seit langem über in die Lebenswelt und spiegelt sich in der Sprache. CARNAPs Beispiel einer Sphärenvermengung scheint kaum noch eins zu sein: Caesar ist eine Primzahl.

Der Vorgang hat zwei auffällige Parallelen, die ich hier nur andeuten kann:

Die erste Parallele sehe ich in dem neuen Sprachbegriff führender Linguisten des 20. Jahrhunderts. Er spiegelt und unterstützt die Mathematisierung und Mobilisierung der Umgangssprache. Das beginnt 1906, als de SAUSSURE das Prinzip der B e l i e b i g k e i t des sprachlichen Zeichens formuliert - (ein ahistorisches Konzept wie das des Contract Social) -, es setzt sich fort z.B. mit CHARLES K. OGDENs Konzept des  Basic English  von 1934 - (dem Vorschlag einer aus 850 englischen Wörtern bestehenden Plansprache, einer  lingua franca,  deren begrenztes Zeicheninventar durch einfache Mittel der Wortbildung variiert werden soll) -, und es vollendet sich in CHOMSKYs mathematischer Syntax-Theorie von 1957 (1964), in der die Fähigkeit, mit einer begrenzten Liste von Zeichen und einem kleinen Satz von Verknüpfungsregeln unendlich viele Sätze zu erzeugen und zu verstehen, zum leitenden Motiv einer Grammatik wird und dieses Motiv mit der Vorstellung verbunden ist, daß alle Sprachen im Grunde nach demselben Muster angelegt sind.

Das Prinzip freier, beliebiger, unbegrenzter Kombination verbindet sich mit dem ahistorischer Universalität. CHOMSKYs Syntax-Theorie ist die am weitesten vorangetriebene Formulierung eines mathematischen Sprachbegriffs, und darin der adäquateste Ausdruck einer Epoche. Ihr Welterfolg fiel vermutlich nicht zufällig mit der bisher radikalsten Phase der Weltkolonisation zusammen.

Die zweite Parallele sehe ich in ORWELLs "New Speak". ORWELL war kurze Zeit fasziniert von OGDENs "Basic-English" und formulierte dieses Konzept dann in  1984  parodistisch um in seine höllische Utopie. Was er im Roman und im Anhang des Romans als "Kleine Grammatik" von New Speak beschreibt, ist eine Sprache ohne geschichtliche Dimension, eine künstlich geschaffene und staatlich sanktionierte Plansprache. Ihre allemeineren Kennzeichen sind:
- Reduktion und Normierung der Wörter, das Arbeiten also mit klar umrissenen Bausteinen (Wörter, denen die vorausgegangene Geschichte noch anhängt, werden ausgemerzt oder beschnitten);

- Ökonomie, ermöglicht durch freies Kombinieren und Transformieren der Bauteile ( doppelpluskalt  = sehr kalt,  doppelplusunkalt  = sehr warm);

- ein binäres Wertesystem (alt=böse, neu=gut);

- die Beliebigkeit von Bedeutungen (Krieg=Frieden, Frieden=Krieg);

- logische Durchsichtigkeit und einheitlich durchkonstruierte Geometrisierung ( er gehte  und  er denkte); 

- Abstraktion und Abkürzung
Kurz:
"New Speak" ist eine mathematisierte Umgangssprache. Eine besonders trostlose Variante freilich: die Sprache des von aller Geschichte befreiten totalitären Staates.

Unser Thema ist ein besonderen Fall von Mathematisierung, der internationale Basis-Code der Plastikwörter. Er ist einfach, geschichtsarm, leicht zu lernen und zu handhaben, reduziert in Wortschatz und Kombinationsregeln: ähnlich dem Küstenenglisch in Kamerun. Er ist eine Art Pidgin. Und wie dies, überlagert er die lokalen Umgangssprachen, verdrängt sie, ersetzt nuancierte sprachliche und außersprachliche Ausdrucksfelder, gelangt, in zeitlicher Verschiebung, überall hin und wird zum neuen Sprachgebrauch. Das Pidgin des Industriestaates kreolisiert den Planeten.

Die Mathematik ist in ihrem Feld eine reine und universelle, abstrakte und ästhetische Kunst. Sie erscheint, fast wie die Musik, als eine absolute Sprache. Zumindest ist sie weit entfernt von der geschichtichen Lebenswelt.

In die Umgangssprache übertragen, wird ihre Reinheit zur Leere. Das sagt nichts gegen die Mathematik, sondern nur etwas über den Erfolg der Übertragung. Ihre Universalität rodet, ehe es dann wirklich planiert wird, ein Gelände. Die wissenschaftlichen Begriffe  Kommunikation, Information, Sexualität  werden in der alltäglichen Welt zu den Vorboten einer neuen Steppe. Diese Art Wörter bildet den Grundriß unserer Alltagsanthropologie.

Was ist der Grund dafür, daß in der neueren Zeit das, was existiert,  Substanz, Stoff, Material  ist,  Material  in dem Sinn, daß es umgewandelt zu werden verdient? Was läßt es zur  Funktion  werden, und zwar nicht vorübergehend, sondern grundsätzlich? Was läßt so ausgedünnte Begriffe wie  Austausch - Rolle - Entscheidung  zu Basisinstrumenten des praktischen Lebens werden?

Abstrakt und leer, wie sie sind, scheinen sie kaum noch menschlich zu sein, nein, sie überschreiten ständig den Bereich des Menschlichen. Sie annullieren die Ethik in der Lebenswelt. Eine Metaphorische Kolonisation entstellt das Leben zum Labor. Das Labor arbeitet in infinitum.  Kommunikation, Information, Sexualität  - es sind ja Idealisierungen, in ihrer Abstraktheit potentielle Unendlichkeiten, die dem Menschen zugeschrieben werden. Die zugeschriebene mathematisch idealisierte Natur wird wie von selbst zum endlosen Programm. Dem entspricht die eigentümliche Mobilität in unserer Sprache, das Losgelasene, und ihre Erstarrung in immer neuen flächendeckenden Formularen.

Von hier aus läßt sich eine Prognose für die Auswirkung des Computers wagen: er bedeutet die Fortsetzung der allgemeinen, vollständigen Mobilmachung mit verfeinerten und außer Kontrolle geratenen Mitteln. Er ist das denkbar mobilste Recheninstrument, der verlängerte Arm der mathematisch begriffenen Lebenswelt. Unsere Umgangssprache ist für seine Aufnahme praedisponiert und wird sich, nach seinem universellen Einsatz, über den weitgehend entschieden ist, in der eingeschlagenen Richtung vermutlich weiter ändern.

Unser Thema wir angedeutet in der "Dialektik der Aufklärung": "In der vorwegnehmenden Identifikation der zu Ende gedachten mathematisierten Welt mit der Wahrheit meint Aufklärung vor der Rückkehr des Mythischen sicher zu sein. Sie setzt Denken und Mathematik in eins. Dadurch wie diese gleichsam losgelassen, zur absoluten Instanz gemacht." - "Die mathematische Verfahrensweise wurde gleichsam zum Ritual des Gedankens."

Vor allem ist es, wenn ich richtig versteht, die letzte Beschäftigung EDMUND HUSSERLs, in einem großen Vortrag, der er 1935 in Wien gehalten hat und den er dann zu seinem fragmentarischen opus postumum  Die Krise der europäischen Wissenschaft und die Transzendentale Phänomenologie  ausgearbeitet hat.

"Oh kunstreicher Thoth", erwidert der ägyptische König Thamus dem göttlichen Erfinder der Zahl und Rechnung, der Meßkunst und Sternenkunde, des Brett- und Würfelspiels, und auch der Buchstaben, als er ihm diese Künste zeigt und wünscht, sie möchten den anderen Ägyptern mitgeteilt werden, "oh kunstreichster Thoth, einer weiß, was zu den Künsten gehört ans Licht zu bringen; ein anderer zu beurteilen, wieviel Schaden und Vorteil sie denen bringen, die sie gebrauchen werden." (PLATON / Phaidros)

Dieser andere fehlt. Es fehlt die Selbständigkeit des Politischen. Die Autonomie der Lebensbereiche. Wir sind die Opfer eines totalitären Monismus der Naturwissenschaften bzw. ihrer Transformatoren. Die Sprache spiegelt den Vorgang und bereitet ihn vor.

In der uralten ägyptischen Sage, die SOKRATES im  "Phaidros"  erzählt, sind die Sphären vollständig getrennt. In der Gegenwart gehen sie nahtlos ineinaner über. Über ihre gründliche Verschiedenheit täuscht, wie gesagt, die gemeinsame Sprache -,  Kommunikation  in der Wissenschaft,  Kommunikation  in der Lebenswelt - hinweg. Diese Sprache wird entsichert, ihrer Hemmschwellen beraubt, der eingelagerten Erfahrung, durch die sie das Menschliche in menschlichem Format überliefert.

1933, bei der Weltausstellung in Chicago, wurde ein Slogan von erschlagender Einfachheit geprägt: "Die Wissenschaft erfindet, die Technik nutzt sie aus, der Mensch paßt sich an." - So ist es leider.
LITERATUR - Uwe Poerksen, Wissenschaftssprache und Sprachkritik - Untersuchungen zu Geschichte und Gegenwart, Tübingen 1994