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JOHANNES REHMKE
Lehrbuch der
Allgemeinen Psychologie


[ 2/9 ]
    Vorwort
§ 1. Psychologie als Wissenschaft überhaupt
§ 2. Die Psychologie als Fachwissenschaft überhaupt
§ 3. Die Psychologie als besondere Fachwissenschaft
§ 4. Der Ausgangspunkt
§ 5. Geschichte des Seelenbegriffs
§ 6. Der altmaterialistische Seelenbegriff
§ 7. Der spiritualistische Seelenbegriff
§ 8. Der neumaterialistische Seelenbegriff
§ 9. Der spinozistische Seelenbegriff
§ 10. Die zwei Arten von Konkretem
§ 11. Das Konkretum "Seele"
§ 12. Die Fehlerquelle der geschichtlichen Seelenbegriffe
§ 13. Die Behauptung von unbewußtem Seelischen
§ 14. Das konkrete Bewußtsein als das Seelengegebene überhaupt
§ 15. Die Bedingung des Bewußtseins im unmittelbar Gegebenen
§ 16. Die Wechselwirkung zwischen Seele und Dingwirklichem
§ 17. Das Zusammen von Seele und Leib

"Ein Ding, das wir sehen, hat Größe, Gestalt, Ort und Farbe; ein gesehenes Ding, das nicht räumlich begriffen wäre, nicht Größe, Gestalt und Ort hätte, können wir nicht fassen, ebenso nicht eines, das nicht farbig wäre."

"Den Menschen fesselt sein Interesse zuerst an das anschaulich Gegebene, so daß er in diesem zunächst alles Gegebene zu haben meint: den Begriff des Konkreten oder Veränderlichen gewinnt er zuerst am Anschaulichen und so scheint ihm Ding und Konkretes wie Dinggegebenes und Gegebenes überhaupt dasselbe zu sein. Wann immer es dann für ihn gilt, Gegebenes klar zu begreifen, greift er zu den Bestimmungen des Anschaulichen."


Erster Teil
Das Seelenwesen

§ 4.
Der Ausgangspunkt

Der allgemeine Gegenstand der Psychologie "Seele" ist dem gemeinen Bewußtsein wohl ein bekannter, aber noch nicht erkannter; es hat freilich das, was es Seele nennt, irgendwie begriffen, indessen ist es ihm noch nicht zu wissenschaftlicher Klarheit gekommen. Die "Seele" ist demjenigen, der in die psychologische Forschung eingeführt werden soll, nicht erst zu entdecken, sondern das schon Bekannte soll ihm ein erkanntes, der richtige, fraglos klare Begriff von "Seele" überhaupt erst gewonnen werden. Das ist die erste Aufgabe der Psychologie, sie setzt das Seelengegebene als bekannt voraus und knüpft für  jeden  an das ihm unmittelbar gegebene an.



Wenn jemand behauptet, eine "Seele" gibt es nicht, so richtet sich dieses Verneinung nicht gegen auch ihm bekanntes Gegebenes, welches zu leugnen ihm sicherlich nicht beifällt, sondern nur gegen einen bestimmten Begriff, in welchem Andere meinen, dieses Gegebene richtig erfaßt zu haben; er leugnet die Wahrheit dieses Begriffes und zwar eben aufgrund der unbezweifelten Tatsache des Seelischen. An dieses nun, wie es einem Jeden gegeben und begriffen ist, knüpft die Untersuchung an und zwar muß sie in erster Linie den  allgemeinen  Begriff "Seele" welchen ein jeder schon im Seelengegebenen mitbringt, auf seine wissenschaftliche Berechtigung prüfen, um den richtigen Begriff festzustellen.

Man möchte wohl die Frage aufwerfen, ob denn mit Aussicht auf Erfolg diese Prüfung vorgenommen und ein wissenschaftlich klarer Begriff von Seele überhaupt erzielt werden könnte, bevor die fachwissenschaftliche Untersuchung das Seelenleben in seinen Einzelheiten klar gelegt hätte, ob also nicht die philosophische oder allgemeinwissenschaftlich Untersuchung dieser erst folgen müßte. Ein solcher Einwand würde aber mißverstehen, was die philosophische Bearbeitung des Seelengegebenen leisten kann und will: der von ihr festzustellende Seelenbegriff bezieht sich gar nicht auf die Einzelheiten und Besonderheiten des Seelenlebens und somit könnte sie auch durch die fachwissenschaftliche Bearbeitung dieser Besonderheiten gar nicht in ihrer Absicht gefördert werden, wie sie umgekehrt auch dieser fachwissenschaftlichen Untersuchung gar nichts vorweg nehmen kann. Sie beide richten freilich an ein und dasselbe Gegebene ihre Fragen, aber es sind ganz verschiedene Fragen, welche sie sich von ihm beantworten lassen wollen.

Aber auch wenn das Letztere zugegeben wird, könnte der Einwand in abgeschwächter Form wiederholt werden, ob es denn wissenschaftlich geboten sei, die Erörterung des Seelengegebenen gerade mit der philosophischen und nicht mit der fachwissenschaftlichen zu beginnen. Wir antworten: sicherlich! Denn die fachwissenschaftliche Arbeit hat es mit den Veränderungen des Gegebenen und ihren einzelnen Gliedern, dem individuellen Abstrakten, zu tun, die philosophische dagegen hat das allgemeine Abstrakte dieses Gegebenen klarzustellen, also dasjenige, was im individuellen Abstrakten und somit auch in den Veränderungen, welche wissenschaftlich begriffen werden sollen, als grundlegendes Moment immer mit enthalten ist. Daher ist es, um an die fachwissenschaftliche Untersuchung gut beraten heranzugehen, notwendig, daß man zuvor dieses Gegebene in seiner Allgemeinheit richtig verstanden habe.

Die Fragen, welche die Allgemeinwissenschaft Philosophie an das Seelengegebene stellt, sind: Wodurch kennzeichnet sich "Seele" gegenüber anderem Gegebenen? Ist "Seele" Konkretes oder Abstraktes?


§ 5. Geschichte des Seelenbegriffs

Die Geschichte der Psychologie überliefert uns vier verschiedene Begriffe, in denen man das Seelengebene überhaupt zu fassen versucht hat und noch heute findet jeder seinen wissenschaftlichen Vertreter. Zwei dieser Begriffe bestimmen "Seele" als ein Konkretes, nach dem einen ist sie ein körperliches, nach dem anderen ein unkörperliches Konkretes; die zwei anderen bestimmen "Seele" als ein Abstraktes, der eine faßt es als eine Bestimmtheit des menschlichen Leibes, der andere als eine Seite des menschlichen Individuums.

Den ersten Begriff nennen wir den altmaterialistischen, den zweiten den spiritualistischen, den dritten den neumaterialistischen und den vierten den spinozistischen Seelenbegriff.



Als Vorbemerkung dient hier, daß unsere Untersuchung sich auf das Gebiet der  menschlichen  Seele beschränkt und zwr nicht nur aus dem Grund, weil das unmittelbare Seelengegebene uns einzig die menschliche Seele ist, die ein jeder "seine Seele" zu nennen pflegt, sondern auch deshalb, weil der Analogieschluß, durch den wir das Gebiet des mittelbar Gegebenen "Seele" unserer Kenntnis erschließen, umfassend und mit großer Sicherheit im Einzelnen doch nur auf die anderen Menschen seine Anwendung finden kann. Keineswegs wollen wir die Möglichkeit einer Tierpsychologie leugnen, aber weil sie auf rein mittelbar Gegebenes abstellen muß und demnach nur eine aus reiner Analogie gewonnene Wissenschaft sein kann, erscheint mit der Nutzen, welchen die Hereinziehung des Gebietes der Tierseele für die Erkenntnis unseres Seelenlebens liefern kann, ein so fraglicher, daß wir ohne eigentlichen Schaden darauf verzichten können. Umso mehr aber werden wir Wert auf alles legen, was als mittelbar Gegebenes uns über die menschliche Seele selber unterrichtet und wenigstens nicht auf die Ansichten anderer, in denen uns entgegentritt, wie sie das, ihnen in derselben zweifachen Weise, wie uns, Gegebene "Seele des Menschen" begriffen haben. Eben deswegen beginnen wir zunächst auch damit, die Geschichte der Psychologie um Rat zu fragen in unserer Angelegenheit, die das menschliche Seelenwesen betrifft.


1. Der altmaterialistische Seelenbegriff: Das Seelending

Vorab die Bemerkung: Das Wort "Ding" verwende ich, dem Sprachgebrauch entsprechend, nicht als Wechselbegriff von "Konkretes" oder "Veränderliches", sondern von "raumgebendes oder körperlich Konkretes".

Seit den alten Griechen ist in der Philosophie die Meinung, daß Seele ein Ding ist, wohl niemals ganz aufgegeben worden: dem HERAKLIT war Seele ein Feuerding, dem EMPEDOKLES ein aus vier Elementen zusammengesetztes, dem DEMOKRIT ein aus besonders feinen Atomen bestehendes Ding. Daß diese altmaterialistische Meinung noch in unserer Zeit ihren Schriftsteller in J. A. HARTSEN (1) gefunden hat, verdient bemerkt zu werden; er schreibt:
    "Wir halten die Ausdehnungslosigkeit der Seele für unwahrscheinlich, zuerst, weil wir etwas ohne Ausdehnung überhaupt für ungereimt halten, zum anderen, weil wir in der Seele Ortsverhältnisse, Abstände, ausgedehnte Bilder wahrnehmen;" (Seite 135)

    "Leib und Seele sind beide zusammengesetzte Gegenstände; wo ist im Organismus die Grenze zwischen Seele und Leib? wo fängt der bewußtseinsfähige Teil an? Niemand hat bisher vermocht genau anzugeben, wo der Leib endet und wo die Seele anfängt. Es scheint wohl, daß eine scharfe Grenze zwischen beiden nicht existiert, daß sie durch verschiedene Zwischenstufen ineinander übergehen. Grundverschieden kann die Substanz der Seele von der Substanz des Leibes nicht sein" (Seite 146)

    "man hat gesagt, Seelensubstanz sei unwägbar, sie habe keine Schwere: wo ist der Beweis, daß sie unwägbar ist?" (Seite 147);

    "man hat gesagt, Bewußtsein sei von Bewegung grundverschieden und können also nicht Bewegung sein: aber diese Widerlegung ist eine petitio in principii [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp], da es ja eben die Frage ist, ob Bewußtsein von Bewegung grundverschieden ist" (Seite 150);

    "die Physiker nehmen an, daß jedes Stoffatom von Ätheratomen umgeben ist; vielleicht muß der Psychologe annehmen, daß jedes Ätheratom von Atomen einer noch feineren Substanz (Seelenatomen) umgeben ist" (Seite 151). So der im 19. Jahrhundert wiedererstandene DEMOKRIT!
Dieser altmaterialistische Seelenbegriff steht auf dem philosophischen Dogma, daß alles Konkrete ein Ding oder körperlich Konkretes ist, die Behauptung, es gebe Konkretes, das nicht Ding ist, müssen man "für ungereimt halten".


2. Der spiritualistische Seelenbegriff: Das unkörperliche Seelenkonkrete

Erst im Gegensatz zur altmaterialistischen Fassung, die dem nach Anschaulichkeit durstenden gemeinen Bewußtsein natürlich am nächsten liegt und daher auch die zeitlich erste ist, hat sich der spiritualistische Seelenbegriff entwickelt. Daher ist es auch verständlich, daß uns dieser zunächst in einer nur jene altmaterialistische Fassung verneinenden Form entgegentritt, ohne daß zugleich bestimmt gesagt wird, was denn Seele sei. Der Schöpfer dieses spiritualistischen Begriffs, PLATON, beschreibt die Seele: "Die Seele ist farblos, gestaltlos, unpackbar und allein dem Verstand zugänglich." Als Gegebenes überhaupt ist hier  Seele  nur in Verneinungen beschrieben; "genauere Erklärungen über den allgemeinen Begriff der Seele suchen wir bei PLATON vergebens" (2); indessen geht doch aus seinen sonstigen Bemerkungen unzweifelhaft hervor, daß er die Seele für ein besonderes, von den Dingen unterschiedenes Konkretes gehalten hat.

Über bloß verneinende, das Körpersein ablehnende Bestimmungen des allgemeinen Seelenbegriffs sind auch die dem PLATON folgenden Philosophen der alten Welt und des Mittelalters nicht hinausgekommen; auch der aristotelisierende THOMAS von AQUIN hat, wenn er die Seele  forma separata  nennt, die Angelegenheit nicht gefördert. Und das Wort  spiritus,  Geist, zur Bezeichnung der Seele litt und leidet noch heute an jener Unbestimmtheit, die den allgemeinen Seelenbegriff nicht über die verneinenden Bestimmungen hinausbringt. Man möchte dagegen vielleicht einwenden, daß "Geist" die Seele eben als  denkendes  Wesen bezeichnet und mithin im Denken doch eine feste Bestimmung dieses Konkreten gegeben ist. Wir leugnen das zwar nicht, sehen uns aber nicht genötigt, deshalb mit unserer ersten Behauptung den Rückzug anzutreten.

Schon PLATON hat Denken als ein Hauptkennzeichen der Seele hervorgehoben und dennoch urteilt ZELLER mit Recht von ihm, daß genauere Erklärungen über den allgemeinen Seelenbegriff bei PLATON vergebens gesucht werden. Am Eingang der Neuzeit steht wieder CARTESIUS mit der Behauptung, die Seele sei ein denkendes Wesen, eine  res cogitans,  ohne daß er damit die Seele sicher bestimmt hätte als besonderes Konkretes gegenüber dem Ding. Zwar erklärt er die Seele, res cogitans, für etwas ganz Anderes, eine ganz andere Substanz als das Ding,  res extensa,  aber die Bestimmung des Denkens schützte und sicherte offenbar nicht in ausreichender Weise die Trennung von Seele und Ding als zwei Substanzen, was doch sicherlich der Fall gewesen wäre, wenn im Wort "Denken" die  Unkörperlichkeit  des denkenden Konkreten in fester Weise bestimmt wäre.

Die Geschichte zeigt uns auch, daß zwei seiner bedeutendsten Schüler, obwohl sie an der Tatsächlichkeit des Denkens selbstverständlich nicht rührten, auf den Gedanken kommen konnten, Denken gehöre garnicht einer anderen Substanz an als das Ausgedehntsein, sondern beide seien Bestimmungen  einer  Substanz; bei LOCKE kleidete sich der Gedanke in die Vermutung, das Ding, die körperliche Substanz, denke vielleicht auch, bei SPINOZA in die Behauptung, Körperliches und Geistiges, Ausgedehntsein und Denken seien zwei besondere Bestimmtheiten  einer  Substanz. Wie hätte dieser Abfall von der Behauptung des CARTESIUS je geschehen können, wenn durch die Bestimmung "Denken" in der Tat sicher und fest dieses Etwas "Seele" geschieden worden wäre von aller Vermischung und Vereinheitlichung mit dem Körperlichen, wenn also durch das Wort "Denken" die Aufgabe, welche der Spiritualismus durch die Verneinung "unkörperlich" erst stellte, wirklich gelöst wäre!


3. Der neumaterialistische Seelenbegriff: Die Seele Tätigkeit des Gehirns

Als eine ganz neue Behauptung tritt die neumaterialistische Fassung des Seelengegebenen auf, indem sie "Seele" nicht, wie die beiden vorhergehenden, für Konkretes, sondern für Abstraktes ausgibt. Wann diese Meinung zuerst aufgetreten ist, ist nicht recht klar, vielleicht findet sie sich schon bei einigen Peripatetikern [Anhänger des Aristoteles, wp] im Altertum; ihr erster klassischer Vertreter aber ist der im 18. Jahrhundert lebende Franzose de la METTRIE in seiner Schrift: L'homme machine. Seele gilt für eine besondere Bestimmtheit des Leibes, im Besonderen des Gehirns, Seelenleben ist ein besonderes Geschehen, eine besondere "Funktion" des Gehirns, eine besondere Gehirntätigkeit.

Dieser Meinung gemäß ist das Konkrete, dessen eigenartige Veränderung das Seelenleben bedeuten soll, ein Körper, der menschliche Organismus; auch sie geht vom materialistischen Dogma aus, daß alles Konkrete ein Dingkonkretes oder ein Körper ist. Die Geschichte des letzten Jahrhunderts zeigt aber zwei verschiedene Entwicklungen des neumaterialistischen Seelenbegriffs, von denen die eine das Seelenleben überhaupt eine eigenartige  Bewegung  des Gehirns, die andere es eine, nicht unter den Begriff der Bewegung fallende, Bewußtseinstätigkeit oder Bewußtseinserscheinng des Gehirns nennt; die erstere kann man die echte, die letztere die unechte Entwicklung dieses neumaterialistischen Begriffs nennen. Beiden leugnen die Seele als ein besonderes Konkretes, mag das nun mit dem Altmaterialismus als Seelending oder mit dem Spiritualismus als unkörperliches Konkretes aufgefaßt werden; die unechte bildet den Übergang zum folgenden Begriff.


4. Der spinozistische Seelenbegriff: die Seele eine Seite des Menschen.

Mit der neumaterialistischen Fassung ist die spinozistische darin einig, daß Seele nicht ein besonderes Konkretes, sondern ein besonderes Abstraktes ist; sie unterscheidet sich aber von jener dadurch, daß das Konkrete, dem das Abstrakte "Seele" als seine Bestimmtheit angehört, nicht ein Körper, als nicht der Leib oder das Gehirn des Menschen, sondern der "Mensch" sein soll. Das konkrete Individuum "Mensch" hat nach dieser Meinung zwei besonderen  Seiten,  das Seelesein und das Leibsein; seelische und ihnen parallel gehende leibliche Veränderungen machen das Doppelleben dieses einen Konkreten "Mensch" aus, der also als ein doppelseitiges Veränderliches und nicht als Vereinigung zweier Konkreter (Leib und Seele) zu begreifen ist. Die beiden Seiten des Menschenlebens fallen begrifflich ganz auseinander, Leibesleben ist Bewegung, Seelenleben ist "Denken", aber sie sind immer miteinander da, weil sie  einem  Konkreten angehören, dessen Wesen beide notwendig fordert.



Diese vier Meinungen vom Seelenwesen haben wir nun zu prüfen, indem wir zusehen, ob und inwieweit das unmittelbare Seelengegebene, auf das wir uns allein bei der Prüfung stützen können, sich in denselben richtig begriffen findet und zu fragloser Klarheit gebracht ist.


§ 6.
Der altmaterialistische Seelenbegriff

Das Seelending der altmaterialistischen Meinung ist Dichtung; weder findet sich das Seelengegebene als ein Ding im unmittelbar Gegebenen vor, noch läßt es sich mit der Annahme eines solchen in Einklang bringen.

Wäre durch Mehrheit die Wahrheit einer Meinung entschieden, so würde in der Menschheit dem altmaterialistischen Seelenbegriff der Preis der Wahrheit zuteil und selbst noch innerhalb der sogenannten gebildeten Welt allein würde das Ergebnis das gleiche sein. Die Sucht der Anschaulichkeit, welche ein Erbstück des Menschengeschlechts ist, läßt sich nur schwer und bei den meisten Menschen gar nicht zurückdämmen; sie fordert das Gegebene überhaupt, soll es verständlich erscheinen, im anschaulichen Gewand;  jedes  Konkrete soll ihr, um Anerkennung zu erfahren, als  anschaulich  Konkretes, d. h. als  Ding  begriffen sein. In diesem Sinne ist der altmaterialistische der "natürliche" Seelenbegriff. Nur unter "philosophisch" Gebildeten findet er heute keine Mehrheit, sondern nur noch wenige Verteidiger: suchen wir die Gründe dafür auf!



Das "Ding" kennzeichnet sich uns stets, in welchem Augenblicke seines Gegebenseins wir es auch begreifen mögen, als räumlich und qualitativ Bestimmtes. Nehmen wir den einfachsten Fall: ein Ding, das wir sehen, hat Größe, Gestalt, Ort und Farbe; ein gesehenes Ding, das nicht räumlich begriffen wäre, nicht Größe, Gestalt und Ort hätte, können wir nicht fassen, ebenso nicht eines, das nicht farbig wäre.

Daß eine Seele als ein Ding nun jemals wirklich gesehen oder ertastet werden kann, behauptet freilich von den zahllosen Menschen, welche die Seele im Sinne des Altmaterialismus begreifen, niemand, aber man findet darin auch keinen Grund, von der altmaterialistischen Meinung abzusehen. Es bleibt ja die Möglichkeit, daß das Seelending nur  unseren  Anschauungsmitteln nicht zugänglich, aber trotzdem "Anschauliches", d. h. räumlich und qualitativ Bestimmtes ist. Brauchen wir das Wort "anschaulich" in der soeben angeführten Bedeutung, so läßt sich noch zwischen "wahrnehmbar" (durch  unsere  Mittel) anschaulichem und vorstellbar anschaulich Gegebenem unterscheiden; die Altmaterialisten würden demnach ihr Seelending ein bloß  vorstellbar Anschauliches  nennen. Dagegen ließe sich von dieser SEite nichts einwenden, können wir doch auch das kleinste wahrnehmbare Ding wiederum in eine Mehrzahl von Dingen zerlegt vorstellen, von denen jedes einzelne auch nicht mehr wahrnehmbar wäre, wohl aber als Anschauliches überhaupt bestehen bleibt.

Wird die Seele für ein Ding, das zu klein ist, um von uns jemals wahrgenommen werden zu können, ausgegeben, so ließe sich damit noch einem anderen Einwand begegnen, der sonst wohl mit einigem Recht erhoben wird, der Einwand, daß in unserem Leib, innerhalb dessen doch das Seelending irgendwo sein muß, kein Platz für dasselbe übrig ist, weil der Leibesraum schon völlig mit Leibesteilen ausgefüllt ist. Mit demselben Recht, mit welchem nämlich der Physiker zwischen Stoffteilchen des Körpers nicht wahrnehmbare Ätherteilchen, also zwischen die Stoffdinge  Ätherdinge  eingeschoben hat, ließe sich auch noch behaupten, das unendlich kleine Seelending werde sicherlich noch den von ihm nur geforderten unendlich kleinen Platz im menschlichen Leib finden, von Wohnungsnot des Seelendings könne daher nicht die Rede sein.

Aber vorstellbar müßte doch immerhin dieses Anschauliche "Seelending" sein; also zunächst vorstellbar in einer bestimmten Gestalt: DEMOKRIT wählte die runde; dann in einer bestimmten Farbe: die Altmaterialisten schweigen darüber und doch bedürfen wir, damit uns das Seelending vorstellbar Anschauliches sei, unumgänglich auch dieser Bestimmtheit desselben. Denn die Meinung, wir könnten ein nur räumlich Bestimmtes vorstellen, wird heute  keiner  mehr zu vertreten wagen. Wollte jemand einwenden, daß die Naturwissenschaft mit bloß ausgedehntem Vorstellbaren, den Atomen, arbeite, so fällt der Einwand rasch in sich zusammen, wenn wir überlegen, daß der Naturwissenschaftler zwar ungehindert mit den sehr kleinen Dingen, Atome genannt, nur  insofern  sie räumliche Dinge sind,' sich beschäftigen und ihre  anderen  besonderen Bestimmtheiten  außer Acht lassen  kann, daß aber auch ihm nicht möglich ist, diese Atome als Vorstellbares gegeben zu haben, wenn sie nicht auch qualitativ (farbig usw.) gegeben sind.

So viel also müssen wir wenigstens fordern: ist die Seele ein Ding, so ist es etwas Ausgedehntes und Farbiges.

Die Altmaterialisten stellen nun mit Vorliebe Seele nach Maßgabe eines physikalischen Atoms vor, sie können ihr dann aber auch nur, wie diesem, die eine Veränderung, die wir Bewegung oder  Ortsveränderung  nennen, zulegen. Wollen sie sich hierbei nicht bescheiden, sondern dem Seelending auch "innere" Veränderung beilegen, so führt dieses zwingend zu den Annahme, daß die Seele kein Atom, sondern ein Molekül, d. h. ein sehr kleines aus einer Mehrzahl von Atomen bestehendes Ding ist; die "innere" Veränderung des Seelendings müßte dann eine Ortsveränderung seiner Atome  innerhalb des Seelenraums  sein.

Ein Seelenmolekül könnte immerhin auch so klein gedacht werden, daß die Schwierigkeit, sie im Leib unterzubringen, gegenüber dem Seelenatom kaum wüchse; in Wahrheit läge ja überhaupt keine vor.

Aber eine andere Schwierigkeit, welche beim Atom "Seele" sich gleicherweise erhebt, liegt in der Verknüpfung dieser Annahme mit dem unmittelbaren Seelengegebenen, sofern es Veränderungen bietet. Als physikalische Dingveränderungen müßten diese, wie die Atom- und Molekülveränderungen der Physik  Bewegungen  sein; aber für diese Vorstellung erreichen wir schlechterdings keinen Anschluß an das unmittelbare Seelengegebene, was wir z. B. Denken und Wollen zu nennen pflegen. Jegliche Annahme, wie es ja auch diese altmaterialistische Meinung ist, muß sich doch als nutzbringend für die Erkenntnis, d. h. als eine zu wissenschaftlicher Klarheit des unmittelbar Gegebenen führend, erweisen, wenn sie für eine berechtigte gelten soll. Nun führt aber die  Annahme, Denken  und  Wollen  seien  Bewegungen  eines Seelendings, nicht nur nicht irgendeine Klärung im Bezug dieses Seelengegebenen zu sich selbst, sondern sie läßt sich überhaupt nicht mit diesem zusammenreimen: somit ist sie nicht nur eine  unnütze,  sondern auch eine  ganz  und gar sinnlose.'

Es gab allerdings Zeiten, in welchen die von ARISTOTELES aufgebrachte Unterbringung aller Tätigkeit oder Veränderung überhaupt unter dem Begriff der "Bewegung" beliebt war, so daß noch in diesem Jahrhundert TRENDELENBURG auch die Seelentätigkeit "Denken" für eine Bewegung ausgab. Aber es ist leicht nachzuweisen, daß bildliche, dem Anschaulichen, d. h. Raumgegebenen entnommene Sprachwendungen die Schuld tragen, wenn die Seelentätigkeit Bewegung zu sein scheinen konnte und man von diesem Schein sich nicht losmachte. Dem Denken der Seele schreibt man es ja zu, enn das Bewußtsein von Stufe zu Stufe aus der Unklarheit zur Klarheit (wie der Sprachgebrauch lautet)  vorwärts schreitet,  sich von diesem Gegenstand zu jenem  bewegt,  diesen  verläßt  und zu jenem  gelangt.  Diese Bilder können natürlich nur das Eigentliche ausdrücken, daß in der Denktätigkeit das Bewußtsein sich seines Gegebenen immer klarer werde und daß es jetzt diesen und dann jenen Gegenstand habe. Allerdings erfährt das Bewußtsein dabei zweifellos eine Veränderung, aber nur der kann sie Bewegung nennen, der, durch den bildlichen Sprachgebrauch geblendet, die gewiß für den gewöhnlichen Gebrauch erlaubte Veranschaulichung für die wissenschaftlich richtige Darstellung der eigentlichen Denktätigkeit selbst nimmt.

In der Tat läßt sich nichts dabei vorstellen, wenn Denken und überhaupt Seelentätigkeit Bewegung im eigentlichen Sinn genannt wird. Soll aber Bewegung so viel heißen als Veränderung überhaupt und nicht bloß Ortsveränderung, wie es doch üblich ist, so müssen wir den Aristotelikern gar dringend ans Herz legen, dem Sprachgebrauch sich zu fügen und der Verwirrung vorzubeugen; daß jede Seelentätigkeit eine Veränderung sei, geben wir selbstverständlich zu.

Aber nicht nur das Seelenleben, wie es als unmittelbar Gegebenes sich bietet, also die Seelentätigkeiten sind mit der altmaterialistischen Ansicht eines Seelendings unverknüpfbar, sondern noch ein anderes steht ihr unüberwindbar entgegen. Wir bemerkten, daß jede Meinung über die Seele am unmittelbaren Seelengegebenen geprüft werden und sich, wenn sie wahr sei, an ihm erproben muß. Dieses unmittelbare Seelengegebene ist einem jeden mit den landläufigen Worten ausgedrückt: ich denke, fühle und will. Was dieses "ich denke, fühle und will" richtig begriffen sei, braucht gar nicht erörtert zu werden und doch kann man es mit voller Sicherheit, wie man es als unmittelbar Gegebenes hat, verwenden, um zu prüfen, ob das im altmaterialistischen Sinn begriffene Seelengegebene mit ihm identisch ist, also ob sich dieser altmaterialistische Begriff annehmbar und verwendbar zeigt. Wenn man mir nun sagt: "Du, der denkende, fühlende und wollende, bist ein gar sehr kleines farbiges Ding, das sich in deinem Gehirn befindet und das ich dir im vergrößerten Maßstab im Bild auf das Papier zeichne: 144: so wird meine erste Entgegnung sein, daß ich mich sehr wundere, davon bisher gar keine Ahnung gehabt zu haben, obwohl ich doch schon längere Zeit von mir etwas wüßte und meine zweite wird sein, daß ich trotz allen Bemühens mich nicht mit einem solchen Ding im Gehirn zu identifizieren vermöchte, was doch, wenn ich in Wahrheit ein solches Ding wäre, keine Schwierigkeit sein müßte. Allerdings kann ich sehr wohl ein Ding, wie die Zeichnung es abbildet, vorstellen und auch vorstellen, daß es sich irgendwo in meinem Gehirn befindet, aber indem ich das tue, stelle ich es notwendig als etwas anderes, d. h. von mir, dem Denkenden, Fühlenden und Wollenden unterschiedenes vor. Diese Probe ist meiner Ansicht nach die entscheidende, welche den altmaterialistischen Seelenbegriff zu einer wertlosen Dichtung stempelt. Man beachte hierbei, daß dieser Begriff die Seele als ein  besonderes  Ding im Leib, welches ich sein soll, faßt und nicht etwa als meinem Leib oder mein Gehirn; gesetzt also den Fall, "ich" fände mich identisch mit diesel Leib oder dem Gehirn, so würde dadurch die altmaterialistische Meinung nicht etwa bestätigt, sondern  widerlegt,  da eben nach ihr das Seelending ein besonderes, vom Leib oder einem seiner Teil  unterschiedenes  Ding sein soll.


§ 7. Der spiritualistische Seelenbegriff

Das unkörperliche Seelenkonkrete der spiritualistischen Ansicht ist ein bloß verneinender Begriff, der das Seelengegebene selbst als Konkretes noch völlig unbestimmt läßt; die Bezeichnungen des Seelenkonkreten als Substanz oder als Geist bieten so wenig bestimmte Wegleitung, daß sie ihre Anhänger nicht davor schützen können, ja sogar dazu beitragen, der Sucht nach Anschaulichkeit zu erliegen und das Seelenkonkrete trotz seiner "Unkörperlichkeit" oder "Immanterialität" zu materialisieren, damit also dem Widerspruch zu verfallen.



Der älteste Seelenbegriff der Menschheit ist zweifelsohne der altmaterialistische: diese phylogeneteische Tatsache hat ihr ontogenetisches Spiegelbild in der Tatsache, daß jeder Mensch zuerst dem altmaterialistischen Seelenbegriff huldigt. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, daß den Menschen sein Interesse zuerst an das anschaulich Gegebene fesselt, so daß er in diesem zunächst alles Gegebene zu haben meint: den Begriff des Konkreten oder Veränderlichen gewinnt er zuerst am Anschaulichen und so scheint ihm Ding und Konkretes wie Dinggegebenes und Gegebenes überhaupt dasselbe zu sein. Wann immer es dann für ihn gilt, Gegebenes klar zu begreifen, greift er zu den Bestimmungen des Anschaulichen.

Wendet sich nun das Interesse dem Seelengegebenen zu, so spielt die Einbildungskraft, und das tatsächlich nicht anschaulich Gegebene wird zum Seelending herausgedichtet.

Da jedoch der Widerspruch dieses Begriffs mit dem Seelengegebenen auf die Dauer nicht verborgen bleibt, sieht sich der Mensch gedrängt, die Seele, die ihm als Konkretes noch unbezweifelt ist,  nicht  als ein anschaulich Gegebenes, nicht als Ding zu begreifen; die altmaterialistische Ansicht wird verneint und damit steht er vor der Aufgabe, nun das Anderssein der Seele zu bestimmen.

Wie schwer es aber dem Menschen fällt, diese Aufgabe zu erfüllen, zeigen die spiritualistischen Psychologen, die sich vergeblich bemühen, vom Bann der Anschaulichkeit frei zu werden; die Sucht, alles Konkrete als anschaulich Konkretes, als Ding zu fassen, bricht trotz allen Bemühens immer wieder durch und sie stellen den Widerspruch dar, daß sie mit der linken Hand den Schild, auf welchem geschrieben steht "die Seele ist unkörperlich", den Altmaterialisten entgegenhalten und mit der rechten selber nach dem Seelending greifen, ein Widerspruch, der nicht bestehen bleiben darf, denn hier  soll  die rechte Hand wissen, was die linke tut.

Man muß nicht meinen, daß die Behauptung, die Seele sei unkörperlich, immateriell, unsinnlich, den Menschen schon vor der materialistischen Bestimmung des Seelenkonkreten schützt, denn die Geschichte der Psychologie liefert in den spiritualistischen Seelentheorien den Nachweis, daß sie allesamt materialistisch sind. Zwar ist es bekannt, daß noch heute die Spiritualisten in der "Immaterialität der Seele" einen sicher wirkenden Talisman gegen die materialistischen Anfechtungen zu haben glauben, indessen geht es mit diesem wie mit allen anderen Talismanen: anstatt vor der Gefahr zu schützen, lullt er seinen Träger nur in eine gefährliche Sorglosigkeit ein und gibt ihn dem Unheil, das ihn bedroht, umso mehr preis.

Es bleibt ja immer ein verhängnisvoller, für die wissenschaftliche Klarheit tödlicher Irrtum, zu meinen, daß durch bloß verneinende Bestimmungen das Gegebene schon sicher bestimmt ist, sorgt man nicht für feste Bestimmungen, so ist von einem fraglos klaren Begriff des Gegebenen gar nicht die Rede, ja um den Sinn der verneinenden Bestimmung für ein Gegebenes zu verstehen, muß man es schon selber als  bestimmtes  begriffen haben, da in dieser seiner Bestimmung erst der Grund, eine andere von ihm zu verneinen, gegeben ist.

So genügt es nicht, um die Berechtigung des "Unsinnlichen" für die Seele zu verstehen, daß wir "Sinnliches" klar begriffen haben, sondern das als "unsinnlich" Bezeichnete muß uns selber in einer Bestimmtheit gegeben sine, die es uns klar macht, daß sie "deshalb" Unsinnliches sein muß.

Der Spiritualismus in der Psychologie ist dieser Forderung nicht nachgekommen. Von PLATON bis zu den Herbartianern ist er sich selbst zwar der Aufgabe, die Seele als Unsinnliches, Immaterielles zu begreifen, bewußt gewesen, aber ihm reichte der Atem nicht aus, sie zu erfüllen und er verfiel dem "natürlichen" Materialismus, um doch die Seele als etwas bestimmt Konkretes zu verstehen. Eine kurze Überlegung soll das zeigen.

Das Ding oder körperlich Konkrete hat als eines seiner Kennzeichen die Räumlichkeit; dieses ist so unmittelbar klar, daß es sich vorzüglich eignet, um die Probe anzustellen, ob die Aufgabe, die Seele als Unkörperliches zu verstehen, in der spiritualistischen Ansicht von der Seele gelöst ist.

Da im Grunde nichts leichter ist, als festzustellen, ob etwas die Bestimmtheit des Räumlichen an sich trägt oder nicht, so wird sich mancher wundern, daß die Spiritualisten, trotz der gestellten Aufgabe, die Seele als etwas Unkörperliches begreifen zu wollen, dennoch, und zwar, wie es scheint, ohne Anstoß daran zu nehmen, die Seele als Räumliches aufgefaßt haben. Schuld an diesem Widerspruch hat zunächst die von vielen Spiritualisten beliebte Fassung des Wortes "sinnlich", dessen Gebiet nicht gleich dem des Räumlichen überhaupt, sondern dem des mit unseren Sinnesmitteln wahrnehmbaren Räumlichen (im Gegensatz zum unwahrnehmbaren, aber doch noch vorstellbaren Räumlichen) gesetzt wird. Seele als unkörperliches, unsinnliches Konkretes ist ihnen das Unsichtbare, d. h. nicht mit dem bewaffneten Auge wahrnehmbare, wobei keineswegs ausgeschlossen ist, daß sie nicht ein sehr kleines feines "farbloses" Dingelchen sein könnte. So ist dem Materialismus in der "spiritualistischen" Psychologie wieder Raum geschaffen.

Schuld an jenem Widerspruch hat ferner, daß diejenigen, welche einsehen mochten, wie tief sie damit doch noch in der gewohnten materialistischen Auffassung von Seelenkonkretem als einem Ding, d. h. einem Räumlichen, stecken geblieben sind und sich, anstatt nun wirklich von ihr loszulassen, mit der Erklärung entschuldigen und zu reinigen suchen, die Auffassung von der Seele als einem gar kleinen, zarten, leichten Ding sei nur eine  bildliche,  die Bestimmungen des Seelengegebenen habe man allerdings dem Anschaulichen oder Räumlichen entlehnt - das sei nun einmal unsere Schwäche -, aber sie dürften nicht im eigentlichen, sondern nur im bildlichen Sinn gemeint werden. Die Ausrede jedoch wird nur dann eine gute heißen können, wenn diese Psychologen uns zugleich mit den  eigentlichen  Bestimmungen, in denen das Seelenkonkrete von ihnen auch begriffen sein muß, aufwarten, weil wir nur dann ermessen können, ob jene Verbildlichung zu Recht angewendet sei und weil sie selber nur an den eigentlichen Bestimmungen ermessen können, ob die Verbildlichung einen Sinn habe, ob das Bild vom räumlich Konkreten den eigentliche Sinn des Seelenkonkreten treffend veranschauliche. Über die eigentlichen Bestimmungen aber lassen sie uns im Dunkel und so sind wir berechtigt anzunehmen, diese seien ihnen selber dunkel; und dann finden wir sie einem  Doppelirrtum  verfallen, einmal durch die Meinung, daß die anschaulichen "Bilder" als solche ihnen schon ein Licht für das Verständnis des Seelenkonkreten gäben und zweitens durch die Meinung, daß sie, obwohl von ihnen nichts als "bildlich" Raumbestimmungen auf das Seelenkonkrete angewendet wurden, doch nicht mehr in der materialistischen Auffassung des Seelenkonkreten steckten.

Man prüfe die vom Spiritualismus gern verwendeten Redensarten "die Seele zieht in den Leib ein", "sie wohnt im Leib, hat ihren Sitz im Gehirn, entweicht aus dem Leib, steigt hinauf, schwingt sich in die Höhe": gelten sie im eigentlichen Sinne, so ist das Seelenkonkrete materialistisch d. h. als Seelending begriffen, denn nur ein räumlich Konkretes (Ding) hat  Bewegung  und ist an einem  Ort;  sind sie aber bildlich gemeint, so hat diese Meinung nur für denjenigen einen Sinn, der das Seelenkonkrete selber in seinem eigentlichen Wesen klar begriffen hat und für den, welchem dieses mangelt, ist mit jenen "anschaulichen Bildern" der Weg, der zur altmaterialistischen Psychologie führt, gepflastert.

Vor diesem Weg schützt auch nicht die spiritualistische Redensart "Seele ist eine denkende Substanz", oder "Seele ist ein Geist." Schon in § 5 wurde darauf hingewiesen, daß solche Redensarten die Meinung, daß ein körperlich Konkretes denke, nicht hindern. Ja, wir dürfen sogar hinzufügen, daß das Bestreben, Seele als die denkende "Substanz" vom Ding als der ausgedehnten Substanz zu unterscheiden und als gesondertes Konkretes zu begreifen, gerade zur Materialisierung der Seele geführt hat. Weil diesen Spiritualisten nämlich das "Denken" selber nicht (auch nicht das Denken, Fühlen und Wollen) hinreicht, um die Seele vom Ding zu sondern, - gibt es doch viele Spiritualisten, welche von der Seelensubstanz annehmen, daß sie zu Zeiten weder denke noch fühle, noch wolle - so sehen sie sich genötigt, um die Seele als besonders Konkretes von anderem, z. B. vom Ding, gesondert bestehend zu denken, nach einem anderen ihr stets zukommenden Begriff umzusehen, der die Seele als Substanz überhaupt klar stelle. Bei solchen Anläufen sind nun stets die Spiritualisten, weil der Zauberkreis des Anschaulichen sie festhielt, dem Anschaulichen verfallen und vermochten die Seele als  andere  Substanz gegenüber dem Leib in diesem ihrem  gesonderten  Sein nur zu fassen, indem sie das Seelenkonkrete doch wieder als ein vom Leib anschaulich, d. h. räumlich gesondertes,  mithin  als  selber  räumliches, begriffen.

Der spiritualistische Psychologe CARTESIUS ist dafür ein deutliches Beispiel und dabei sei noch gar nicht besonders betont, daß er die Seele  res cogitans  nennt; er möchte ja vielleicht unter  res  nicht was wir "Ding", sondern was wir Konkretes überhaupt heißen, verstanden haben. Aber es zeigt sich, daß mit dem "cogitans" noch nicht dieses "res" als solche genügend begriffen ist, selbst wenn "Denken", wie CARTESIUS wollte, eine stetige Bestimmtheit der Seelen-res wäre; Denken ist ihm nicht diese  res  selber, sondern ihre Bestimmtheit, ist also Abstraktes, nicht Konkretes, wie die Seele selber. Es fehlte also noch etwas, um das Ganze einer "Seele" vollends begriffen zu haben und CARTESIUS nahm, indem er dieses Ganze "ich denke" als eine "Substanz"  im  menschlichen Gehirn vorstellt,  wo  die Seele in  Berührung  mit der Zirbeldürse steht;  Ort  und  Sitz  dieser denkenden Substanz ist nach CARTESIUS im Gehirn: also  mußte  er sie als eine  materielle  Substanz, als  Räumliches,  als  Ding  begreifen.

Freilich hat CARTESIUS diesen folgerechten Schritt nicht getan, gleich wie die meisten Spiritualisten der Gegenwart, wenn sie statt "denkender Substanz" den "Geist" einsetzen, sich dessen nicht bewußt werden, daß dieser ihr "Geist" doch ziemlich nach Räumlichem schmeckt, den "Geistern", wie sie in Gespenstergeschichten schweben, vergleichbar. Dieser "Seelengeist" hat ihnen allerdings die Bestimmtheit des Denkens, Fühlens und Wollens; aber nicht immer sind sie seine Bestimmtheiten, nicht z. B. im traumlosen Schlaf; was aber in solchem Fall noch unter "Seelengeist" begriffen werden kann, wenn man der Aufgabe, Seele als Nichträumlioches, Nichtding, zu verstehen genügen will, bleibt gänzlich dunkel; die einzige Möglichkeit, etwas dabei zu denken, besteht darin, jener Aufgabe uneingedenk zu werden und die Seele für ein Ding anzusehen; nur so vermag man eine bestimmte Antwort, was die Seele als "nichtdenkendes" Konkretes sei, zu geben. Freilich ist dann das widerspruchlose Denken zum Opfer gebracht.

Aber der Drang nach Anschaulichkeit und das Bedürfnis, einen bestimmten, festen Begriff für das Seelengegebene überhaupt zu haben, ist so lebhaft, daß noch viele dieses Opfer bringen und in  einem  Atem die Seele einerseits für ein immaterielles, andererseits für ein räumliches Konkretes ausgeben. Diesen Mut des Widerspruchs zeigt in klassisicher Naivität der Herbartianer OTTO FLÜGEL (3) in seinem Büchlein "Die Seelenfrage"; es genügt hier anzuführen, daß er die  immaterielle Seele  für ein "punktförmiges Seelenatom" ausgiebt und dieses Seelenatom sich  berühren  läßt mit dem Gehirn. Ausdrücklich sei dabei hervorgehoben, daß "punktförmiges Seelenatom" und "Berührung mit dem Gehirn" nicht etwa bildliches, sondern eigentliche Ausdrücke sein sollen: also altmaterialistischer Seelenbegriff feinster Sorte! Eigentümlich wird es jeden berühren, wenn FLÜGEL gegen die Vorwürfe Materialist zu sein, sich durch den Satz zu retten such: "Die Atome bleiben  immateriell,  auch wenn sie eine gewisse  Ausdehnung  besitzen sollten. (4)

Über einen solchen Widerspruch, über solche Ja- und Nein-Psychologie, über solchen Kryptomaterialismus [heimlichen Materialismus, wp] müssen wir hinauskommen und entweder offen zur altmaterialistischen Ansicht stehen oder, wenn die unmittelbar Gegebene eine "Seele" in klarer Weise nicht zuläßt, die in der "Immaterialität" der Seele ausgesprochene Aufgabe widerspruchslos zu lösen suchen.
LITERATUR - Johannes Rehmke, Lehrbuch der Allgemeinen Psychologie, Hamburg und Leipzig 1894
    Anmerkungen
    1) J. A. HARTSEN, Grundzüge der Psychologie, Berlin 1874
    2) EDUARD ZELLER, Philosophie der Griechen II, Seite 691
    3) OTTO FLÜGEL "Die Seelenfrage mit Rücksicht auf die neueren Wandlungen gewisser naturwissenschaftlicher Begriffe".
    4) Siehe meine Abhandlung "Die Seelenfrage" in der Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane II, Seite 180 - 218; OTTO FLÜGELs "Erwiderung" in derselben Zeitschrift II, Seite 443ff; und endlich meine "Gegenantwort" in III, Seite 193