cr-2H. Rickert - Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung    
 
ERNST BLOCH
Kritische Eröterungen zu Rickert
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"So sondert sich aus der Fülle individueller Gestaltungen eine Anzahl ab, die vermöge ihrer Werthaltigkeit allein aus wirklichen Individuen besteht. Zugleich erhalten die historisch individuellen Bestimmtheiten eine Anordnung nach wesentlichen oder unwesentlichen Teilen: was fortgelassen werden darf oder pointiert sein muß, liegt allein in unseren Wertauszeichnungen begründet."

"Es ist weder die tatsächliche Gewißheit, noch die sachliche Größe eines historischen Moments, sondern die dem Streit entzogene Bedeutung, wodurch Rickerts Individualbegriffe dem Relativismus zu entgehen suchen."

"Es ist Rickert selbst nicht klar geworden, welch ein verwirrtes und dunkles Suchen in der Logik der Geschichte herrscht. Nur dieses Eine wurde deutlich ergriffen, daß gegen das beständige Emporkommen neuer Individuationen keine begriffliche Fassung schützen kann. Damit hat der historische Aufstand der Individuen wenigstens einen methodologischen Reflex gefunden."

"Wenn hier die individuell beschlossene Norm zur Allgemeinheit erhoben worden ist, so haben sich darin positivistische Reminiszenzen mit allerlei Unklarheiten über die werttheoretische Begriffsbildung gekreuzt. Denn der tiefere Sinn dieser allgemeinen und so tief unhistorischen Unterwerfung der Subjekte vor dem Wert ist nur transzendent zu entwickeln."

"Rickert hat selbst gegen die Abbildungslehre bemerkt, daß wir darin eine Erkenntnis vom angeblichen Gegenstand haben müßten, die nicht Erkenntnis sein dürfte. Denn sonst hätte sie selbst einen Gegenstand und wir wären verpflichtet, diese Erkenntnis wieder mit ihrem Gegenstand zu vergleichen, was auf einen unendlichen Regress führen müßte."

Zur Methode der
naturwissenschaftlichen Begriffsbildung

Aber damit könnte die Unzulänglichkeit des bisherigen Verfahrens noch nicht vollkommen beseitigt werden. Sobald nämlich die einzelnen Kapitel aus der Geschichte eines geschlossenen Zeitalters nebeneinander gelegt werden, tritt der paradoxe Anschein hervor, als ob die Menschen der Vergangenheit ungleichzeitige Dinge erlebt hätten. Freilich kann auch im realen Ablauf der Ereignisse eine starke Ungleichzeitigkeit bestehen. Während wir in manchen Epochen eine unaufhörliche politische und technische Bewegung sehen, zwischen der das künstlerische Leben nur in einigen Höhepunkten aufsteigt oder gänzlich erlischt, scheint es in anderen Zeitaltern gerade der Tiefstand und die Stille des äußeren Lebens zu sein, die den inneren Geist erwachen läßt. Dieses ungleichzeitige Einsetzen der Stimmen ist jedoch so selten vorgekommen, daß es die isolierende Form des Nacheinander nicht zu entschuldigen vermag. Wie wären etwa die Zustände im frühen Mittelalter auf einen gleichen zeitlichen Schauplatz zu rücken, als die europäische Welt in tiefem Schatten lag und nur im arabischen Osten und Westen noch das Licht der griechischen Bildung brannte? Gerade der Einfluß der Araber auf das europäische Geistesleben wird nicht mitten unter dem Kriegslärm und dogmatischem Gezänk nachzuweisen sein, sondern plötzlich als ein reizloses Resultat erscheinen. Die gleitenden Übergänge der Erziehung und des Erwachens bleiben ohne jede historische Wiedergabe. Noch ungenügender wirkt jedoch die literarische Behandlung der einzelnen Strömungen, zu denen die einheitlich schwingende Kultur eines Zeitalters zerlegt worden ist. Es kann in den aufeinanderfolgenden Darstellungen der Dichtung oder der Philosophie geschehen, daß der poetische Prozeß mit HEBBEL schließt und die philosophische Reihe wieder mit KANT beginnt, obwohl doch HEBBEL an allen Punkten von der nachkantischen Philosophie erregt und beeinflußt wurde. Entweder sind hier verschiedene Wirklichkeiten gegeben oder der Stoff ist noch nicht mit der genügenden Einheitlichkeit des Gesichtspunktes disponiert. Zweifellos liegt der letztere Fall vor und für jede neue Universalgeschichte eröffnet sich deshalb das dringende Problem, daß alle gleichzeitigen Ereignisse in einem breiten und großartigen Zug mitgeführt werden. Um diesen Gang durch die Geschichte möglichst beherrschend zu unternehmen, wäre für den nie ganz erledigten Ausschlag von den äußeren Reizen bis zu den angeschlossensten Werken ein eigener Rhythmus aufzustellen. Was sich von KOLUMBUS bis GOTTSCHED und von ROUSSEAU bis HEYSE zugetragen hat, macht jene immer wiederkehrende Rhythmik deutlich, die sich zwischen der Leidenschaft des naturalistischen Aufgangs, dem romantischen oder klassischen Beleuchtungswechsel und der epigonalen Verdunklung abspielt. Nur durch solche Akzentuierungen wäre die große historische Steigerung zu erreichen.

Indem aber RICKERT diese Wirksamkeiten und Rhythmen der Psychologie in der Geschichte übersah, ist auch der gesamte geschichtliche Aufbau brüchig geworden, den er nach den Kriterien der historischen Auslese errichten will. So ist zunächst die Zeichnung der historisch ausgewählten Individualität mißlungen. Während XENOPOL in den  phénomènes successifs  noch die ganze Kraft der Wichtigkeit suchte. (Les principes fondamentaux de l'histoire, 1899, Seite 244f), bedeutet hier der individuelle Fall nur mehr einen gleichgültigen Schauplatz und nicht mehr den wesentlichen Grund des darin verkörperten Wertes. Damit hat sich RICKERT am weitesten von der Wirklichkeit entfernt. Denn um den methodisch höher liegenden Sinn des Individualitätsbegriffs zu gewinnen, der außer der Unteilbarkeit auch nocht die unersetzliche Einzigartigkeit enthält, muß die deutliche Beziehung auf einen Wert hinzutreten. So sondert sich aus der Fülle individueller Gestaltungen eine Anzahl ab, die vermöge ihrer Werthaltigkeit allein aus wirklichen Individuen besteht. Zugleich erhalten die historisch individuellen Bestimmtheiten eine Anordnung nach wesentlichen oder unwesentlichen Teilen: was fortgelassen werden darf oder pointiert sein muß, liegt allein in unseren Wertauszeichnungen begründet. Daß etwa FRIEDRICH WILHELM IV. die deutsche Kaiserkrone ablehnte, ist ein historisches Ereignis; aber es wäre vollkommen gleichgültig, welche Schneider seine Röcke gemacht haben, obwohl wir vermutlich auch das noch genau erfahren könnten (Grenzen, Seite 325). Damit hat sich ein schon sehr stark stilisierter Begriff des Individuellen ergeben und RICKERT bemüht sich vergebens, diese vom Wirklichkeitsstandpunkt aus unerlaubten Zutaten hinwegzudeuten. Es ist weder die tatsächliche Gewißheit, noch die sachliche Größe eines historischen Moments, sondern die dem Streit entzogene Bedeutung, wodurch RICKERTs Individualbegriffe dem Relativismus zu entgehen suchen. Die Individuation ist darin viel zu weit und allgemein gefaßt.

Und doch könnte der streng begrenzte Inhalt des Individualitätsbegriffs zu einer unerhörten methodischen Fruchtbarkeit gelangen, wenn die historische Besonderheit des Individuums deutlicher gegen die Auslese und scheinbare Ableitung festgehalten worden wäre. Denn es ist zweifellos ein sehr sonderbarer Anblick, daß die Ausnahmen von der Regel umso zahlreicher vorkommen, je weiter sich der geschichtliche Tatsachenkreis theoretisch ausbreitet. So zeigt sich jetzt im Osten ein beständiges Leben und ein beispielloser Aufschwung der gelben Völker, die bisher in einem uralten Hintergrund der Kultur versunken schienen. Genauso unerwartet, ja grotesk wirkt die neue Blütezeit der italienischen und deutschen Nation, nachdem doch der historische Höhepunkt ihrer Macht schon längst überschritten war. Was sich hier nur in Massenbewegungen vollziehen konnte, tritt noch weit sichtbarer in den oberen Regionen des geschichtlichen Lebens hervor, wo die schöpferischen Personen durchaus regellos und fast widerspenstig gegen alle Zusammenfassungen auftauchen. Je mächtiger eine Persönlichkeit wirkt und je mehr Bewußtsein eine geniale Tat in die Welt gebracht hat, desto tiefer werden die Wahrscheinlichkeiten ihrer logischen Bindung sinken. Es ist, als ob die Vereinzelungen und Individuationen in der Geschichte aufständig geworden wären und doch im Grunde ihre Revolution mit den rechtgläubigen Mächten alliiert hätten. In dem Maße, als die Personen mündiger werden, muß die Herrlichkeit der alten Tafeln verfallen, damit neue Imperative und tiefere Evidenzen in den Willen eintreten können. Es bedeutet daher einen der gefährlichsten Irrtümer, daß jeder suchende Entschluß durch irgend einen moralischen oder religiösen Imperativ bereits gehemmt und gerichtet ist. Die Wege zur Regel ziehen sich über unbegangene Strecken hin und der richtende Himmel ist soweit von den Intentionen entfernt, daß noch Tausende von Evidenzen offen stehen, ehe die letzte Belastung und absolute Verantwortlichkeit hinzutritt.

Es ist RICKERT selbst nicht klar geworden, welch ein verwirrtes und dunkles Suchen in der Logik der Geschichte herrscht. Nur dieses Eine wurde deutlich ergriffen, daß gegen das beständige Emporkommen neuer Individuationen keine begriffliche Fassung schützen kann. Damit hat der historische Aufstand der Individuen wenigstens einen methodologischen Reflex gefunden.

Zweifellos sind Arten des allgemeinen Begriffs durchaus verschiedenartig bestimmt. Indem die Normalität zugleich als Durchschnitt oder als Vorbild definiert wird, lassen sich allerlei Unzulänglichkeiten der Umgebung zum geheimen Maß eines Apriori erheben, das die  physis  mit dem  common sense  und zuletzt mit dem Übermenschentum widerspruchsvoll verbindet. Die Ausschweifung in die nivellierendste Allgemeinheit bekommt hier eine normative Kraft zuerteilt, die sich mit jeder Art der logischen Geselligkeit und Bindung zufrieden gibt. Vielleicht wird die Reflexion auf die normative Allgemeinheit stets eine Umkehrung der wirklichen Geschichte bedeuten: wenigstens sollte bisher jedesmal in rationalistischen Zeiten die Vergangenheit verschwinden und in ihren Verträgen aufgelöst werden, bis sich allerdings nach der Verwirklichung des neuen Staatsmärchen die unglückliche Gewißheit ergab, daß nicht der gegenwärtige Zustand im absoluten Maß zufrieden stellte, sondern allein die Glücksdifferenz zur vorhergehenden Lage empfunden wurde, um selbst wieder nach kurzer Zeit in der Gewöhnung und im Alltag zu verschwinden. Aber abgesehen von diesem gefühlsmäßigen Relativismus kann es gewiß notwendig sein, daß über die geschichtlichen Richtigkeiten des Lebens eine beherrschende utopische Forderung gehalten wird. Das ganze historische Diesseits ist noch so unzureichend erleuchtet, daß die Idee der helleren und wertbetonten Zukunft kaum verblassen kann. Da der Weg über die Geschichte freilich niemals zu umgehen gewesen ist, so wird die Geltung der geschichtlichen Zustände wieder nur von einem geschichtlich bedingten Standpunkt aus zu entscheiden sein. Deshalb reißen die Beziehungen zwischen den historischen und utopischen Gegenständen begrifflich durchaus nicht ab. Selbst nach der politischen und noch mehr nach der religiösen Richtung wird es wahrscheinlich, daß der Gang zum utopischen Reich unterbrechungslos und ohne Rücksicht auf den sprunghaften Wechsel der Inhalte zurückgelegt werden kann. Es sind lediglich die schwankenden Mischungen zwischen der Wirklichkeit und der Betonung des Sollens, welche den logischen Charakter der sozialen und normativen Allgemeinheit so verschieden nuancieren, daß alle Hoffnungen auf die Zukunft in diesem Zusammenprall ihren methodischen Sinn erreichen. So wäre die Synthese zunächst erkenntnistheoretisch aufzuhellen, ob die bohrende Unzulänglichkeit des Lebens, das stets vor seinen definitiven Erfüllungen zuende geht und die in den Ton oder das Wort gefallene Geistigkeit der großen Werke jemals zu erlösen ist, ohne daß die Fülle der errungenen Mittel in der Alternative der hemmenden Fortdauer oder des normativ geforderten Untergangs befangen bleibt. Gewiß ist es notwendig, daß zwischen der zeitlichen Folge, der Entwicklung und dem Fortschritt unterschieden werde (Grenzen, Seite 281, Anmerk.), damit nicht das bloße Spätersein schon innere Folgen oder gar positive Mehrheiten bedeutete. Aber der erlaubte Optimismus dieser Reihe besteht doch darin, daß im Entstehen neuer Individualitäten keine so ganz unbeherrschte Richtung gesehen wird. Es geht zwar für RICKERT überall dort, wo eine Verändderungsreihe als Entwicklung bezeichnet wird, der Gedanke an eine teleologische Betrachtung (Grenzen, Seite 462). Das soll jedoch nicht den weiteren Sinn haben, daß unter der einmaligen Entwicklung eine mit der Reihenfolge verschiedener Stadien zusammenfallende und kontinuierliche Wertsteigerung verstanden werde. Denn bei jedem dieser Versuche wird vorausgesetzt, daß die vorherigen Stadien als Abfall von ihrer eigentlichen Bestimmung oder auch als Mittel zur Verwirklichung des Fortschritts angesehen werden. Ein solches Verfahren müßte aber nach RANKEs Ausdruck die früheren zugunsten der späteren Perioden mediatisieren. Darum wird die den Besonderheiten feindliche Regel des Fortschritts nicht in das Verfahren der historischen Auslese eingerechnet. Es bleibt allein die neutrale Verknüpfung des Geschehens mit einem Wert übrig. Auf diese Weise erhalten die Ereignisse ihren bestimmten Anfang und ihr bestimmtes Ende, sofern die vorangegangenen oder nachfolgenden Ereignisse nicht mehr bedeutungsvoll erscheinen. Die innerlich herausgehobenen Stadien bleiben übrig und schließen sich zu einer finalen Ganzheit zusammen, in der die historisch individuellen Fälle vom Simultanen auf das Sukzessive auszudehnen sind (Grenzen, Seite 471f). Aber daraus entspringt doch die Frage, ob nicht gerade dieses Bestehenbleiben der Glieder erst recht den Fortschrittsbegriff konstituiert. Wenn die Teile in ihrer Eigenart aufgehoben wären und nur die letzte Höhe übrig bliebe, dann dürfte wohl kaum noch von einem Fortschreiten regulativ geredet werden. Die oberste Stufe könnte ja ganz sprunghaft aus einem gleichgültigen Darunterliegen von Ereignissen entstanden sein: sofern das  B  zwischen  A  und  C  noch dunkel vorliegt, wäre die Größe des  C  durchaus von aller Entwicklung zu abstrahieren und seine diskontinuierliche Erhebung durch transzendente Mächte dürfte als Erklärung nicht ausgeschlossen werden. Denn an einer verschwundenen Strecke ist keine immanente Wertbewegung zu fixieren. Es fehlen alle Momente, um das Minder oder Mehr an Bedeutung, überhaupt das Maß des Aufstiegs graduell zu ermitteln.

Obwohl also diese Frage, ob im Verlauf der Geschichte überall Wertreihen dargestellt sind, nur empirisch zu beantworten ist, daß die Möglichkeiten des Rückschritts wie die des Fortschritts von vornherein gleich stark bestehen, wünscht RICKERT den Fortschrittsgedanken aus der rein historischen Betrachtunsgweise in geschichtsphilosophische Zusammenhänge zu stellen. Der identische Punkt soll überall darin bestehen, daß ein einmaliger Entwicklungsprozeß mit Rücksicht darauf beurteilt wird, was seine verschiedenen Stadien für die Realisierung der kritisch begründeten Werte geleistet haben (Geschichtsphilosophie, Seite 118). So werden die Erscheinungen wenigstens geschichtstheoretisch wieder zu einer Summe der bedeutsamen Vorstadien eines bedeutenden Resultats. Damit ist allerdings das Problem der Umkehrbarkeit trotz der abstrakten Formulierung nicht im geringsten berührt. Es wären Fälle denkbar, in denen der Wertvorgang des Fortschritts derart zurückentwickelt wird, daß mit der Umdrehung genau wieder die Anfangsspuren berührt werden. Obwohl im Verfall ein einigermaßen analoger Rückzug von Vorwegnahmen zu bestehen scheint, stehen die geschichtlichen Wertbewegungen fest und können aus der einmal erreichten Höhenlage nicht mehr zurückgeholt werden. Wahrscheinlich strömt die dramatische Kraft dieser Entwicklung in irgendeinen substantiellen Sinn über, der gegen alle Rückkehr in die Zerstörung des historischen Lebens schützt. Sobald eine große Tat diesen Anteil erreicht hat, wird die Geltung vor jedem empirischen Wechsel und Schicksal sichergestellt. Aber damit wäre über der Veränderung eine Gleichmäßigkeit errichtet, gegen die sich RICKERT wenden zu müssen glaubt. Es ist offenbar ein anderes Verfahren, ob in einem historischen Satz die gegebenen Ereignisse zurückverfolgt werden oder ob das unvorhergesehene Auftauchen neuer Gestalten gleichfalls mit umfaßt sein soll. Beim ersten Begriff sind die Phänomene nur aufgehoben und auf eine Gemeinsamkeit gebracht, in der alle Willkür durch umfassende Vergleichung berücksichtigt werden kann. Hier zeigt sich rückschauend die Veränderung einer Größe so stark von der historischen Gesamtheit eines Systems abhängig, daß es wirtschaftsgeschichtlich sogar möglich war, die Regeln der Krise und Konjunktur zu formulieren. Sobald jedoch noch nie dagewesene Phänomene vorhergesagt werden sollen, wird die deduktive Breite und Macht des Regelbewußtseins außerordentlich viel stärker betont. Jedenfalls ließen sich komparative Sätze aufstellen, die nur empirische Geltung enthielten und eine Wertkonvergenz bis auf unsere Zeit feststellten, ohne damit schon die Bestimmungen des künftigen Geschehens zu antizipieren. Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, daß aus der analog begriffenen Vergangenheit auch Schlüsse auf die Perioden der Zukunft gezogen werden können. Die Kurve unserer bisherigen Geschichte liegt deutlich genug vor, um eine rückwärts gewandte Prophetie von großer apriorischer Stärke zu erreichen. Das Recht zu diesen Bestimmungen bleibt nur so lange sistiert [ausgesetzt, wp], bis das Verhältnis des entwicklungsgeschichtlichen und labilen Wechsels zum terministischen Stillstand des historischen Begriffs festgestellt worden ist. Da den treibenden Momenten der Veränderung und des absoluten Aufstiegs noch keine eigene Stelle im Begriff angewiesen wurde, so ist die ungenügende Wiedergabe des Fortschritts, die Beschränkung auf lauter einzelne Zeitdifferentiale und die unverbundene Folge der begrifflich fixierten Stadien niemals in die Unruhe und den Reichtum eines wirklich historisch erfaßten Verlaufs zu verwandeln gewesen. Der Prozeß ist sowohl der Vergangenheit wie der Zukunft nach allein als Weg und nicht als Gang verstanden worden. Auch die großen geistigen Werke sind gegen die Seite ihres Eintritts und ihrer Verwirklichung so wenig begriffen, daß ihre Einbringung zur letzten Gültigkeit nur schwer zu vollziehen war. Erst durch die inhaltlich und logisch vollendete Fassung der entwicklungshistorischen Kategorie wird das Ende der ferneren und noch nicht gespielten Kulturakte zu erkennen sein.

Es ist bedeutsam, daß RICKERT diese Erklärung des Richtungsbegriffs aus den großen Epochen der Geschichte einigermaßen zugegeben hat: er versucht zu zeigen, wie viel von den kritisch begründeten Werten im bisherigen Verlauf der Geschichte verwirklicht worden ist, um so zu begreifen, wo wir heute im Entwicklungsgang stehen und wo wir unsere Aufgabe für die Zukunft zu suchen haben (Geschichtsphilosophie, Seite 133) Aber die Ergebnisses dieses Versuchs sind zu frühzeitig in den Wertbegriff übergeführt worden. Darum ist die Dissonanz zwischen Erfahrungswissen und Werturteil so ungelöst geblieben, daß selbst gleichgestimmte Historiker aus Wirklichkeitsinteresse zu protestieren hatten. Gewiß muß die wählende Auslese soweit anerkannt werden, als dadurch die innere Grenzenlosigkeit der Geschichte eingeschränkt worden ist. Es müßte sonst für das Recht der Beachtung gleichgültig bleiben, ob es sich um ein Grabmal in Syrien, eine Votivtafel in Pannonien oder um die Geburt Christi handelte. Aber die Anwendung und Form dieser wertbetonten Akzente kann sehr verschieden hergestellt werden. Um etwa GREGOR VII. wegen seiner Berufstreue und Größe würdigen zu können, darf die sonstige Stellung des Historikers zum Papsttum nach Bernheim gänzlich außer Spiel bleiben (Lehrbuch der historischen Methoden und der Geschichtsphilosophie 1903, Seite 714). Ebenso sucht MEYER durch den realen Faktor der Wirksamkeit das historische Interesse genauer zu umgrenzen. Wo die final ungeklärte Begriffsbildung große Männer sehen läßt, bringt das Kriterium des Erfolgs nur echt historische Gestalten zur Erscheinung. Der Kalif ABDALLAH mußte eine hochbedeutende Persönlichkeit gewesen sein, die trotzdem nach großen Taten scheiterte, während der seinem ganzen Wesen nach minderwertige Frankenkönig CHLODWIG als Reichsgründer den historischen Ruhm davontrug (Zur Theorie und Methodik der Geschichte, Seite 53). Da sich ähnliche Unsicherheiten auch bei der  magna charta  oder bei den Thesen LUTHERs nachweisen lassen, so wird es freilich denkbar, daß durch die ausschließliche Anwendung dieses kalten Kriteriums chronologische Störungen eintreten und verkannte Helden erst dann zur Behandlung kommen, wenn sie zu historischem Einfluß gelangt sind. Immerhin darf vorausgesetzt werden, daß der Erfolg den heuristischen Anlaß zur werttheoretischen Beleuchtung durchgehends mit sich führt. In ganz anderer Form hat WEBER eine vermittelnde Fassung von idealtypischen Sätzen unternommen. Wenn etwa der Begriff des Tausches mit dem Grenznutzengesetz in Beziehung gebracht und dadurch als Begriff eines ökonomisch rationalen Vorgangs gebildet wird, so liegt hier ein Urteil über die typischen Bedingungen oder die idealen Bestandteile des Tausches vor. Diese Entfernung vom realen Vorgang kann jedoch in großen Konstruktionen sehr zweideutig wirken. Jeder, der mit marxistischen Begriffen gearbeitet hat, kennt ihre Gefährlichkeit, sobald sie empirisch gelten oder gar als reale Kräfte vorgestellt werden; und ebenso die einzigartige heuristische Bedeutung dieser Idealtypen, sobald man sie zur Vergleichung der Wirklichkeit benutzt (Archiv der Sozialwissenschaft, Neue Folge II.: Die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, Seite 78f). Darumliegt die sozialwissenschaftliche Aufgabe im beständigen Suchen neuer idealtypischer Gesichtspunkte unabgeschlossen vor. Es wäre übrigens noch ein anderer und wesentlich unreflektierter Einfluß zu erwähnen, der oft mit Wertgebung verwechselt wird. Schon durch unsere selbstgewählte Fragestellung sind wir nach der Auslese von Quellen, Personen und Leistungen so streng gebunden, daß die Stellung unseres thematischen Wollens fast als Stellungnahme erscheinen kann. Und doch liegt in der Arbeit eines Physikers über sekundäre Kathodenstraheln genausowenig eine Beurteilung ausgesprochen, wie in der wirtschaftsgeschichtlichen Themawahl eines Historikers, dessen Wertgefühle vielleicht um ganz andere Dinge spielen. Allerdings bestehen hier einige methodische Bedenken, die sich dahin zusammenfassen, daß etwa einen Nationalökonomen die Frage nach seiner sozialistischen Gesinnung in peinliche Verlegenheit bringen muß. Denn damit kann einmal gemeint sein, ob er die zunehmende wirtschaftliche Bindung in Gewerkschaften oder Kartellen für wahrscheinlich halte oder ob er eine solche Demokratisierung des Wirtschaftslebens nach seiner eigenen Stellungnahme wünsche. Und es ist klar, daß auf die beiden Frageteile durchaus verschiedene Antworten, je nach dem Vorrang der beiden Gesichtspunkte, folgen können.

Wie sehr aber andererseits die stofflich gebundenen und korrigierten Wertbezeichnungen der Geschichtsschreiber selbst dem Wechsel der Geschichte zugehören, läßt sich aus der lehrreichen Kontroverse zwischen SYBEL und FICKER erkennen. SYBEL hatte das mittelalterliche Kaisertum als theokratisch gefärbtes Streben nach Weltherrschaft verurteilt, während FICKER umgekehrt die kaiserliche Macht als Sicherung der europäischen Ruhe und Kulturentwicklung nachzuweisen suchte. Zweifellos haben hier die politischen Zustände der Sechzigerjahre dazu beigetragen, daß sich die Kämpfe der Gegenwart in der geschichtlichen Deutung so rein spiegelten. Aber es gibt methodisch noch bessere Gründe, um die Werte in das Leben hereinzuholen. Sobald wir nämlich von der Vergangenheit nur übrigbehalten, was einen Moment der Werthaltung bedeutet, wird die Gefahr einer großen Abschwächung des Materials sehr nahe liegen. RICKERT wendet sich zwar gegen den Einwurf, daß die sehr wertlosen Erscheinungen unter dem teleologischen Gesichtspunkt ausfallen müßten. Es ließe sich freilich denken, daß hier das maßlose und niemals umfassender verglichene Spiel der kleinen Werte angegriffen würde, das sich deutlich ergibt, wenn etwa die griechischen Dorfstreitigkeiten oder die Bagatelle des korinthischen Krieges breiter als die Ausbreitung der römischen Weltherrschaft behandelt wird. Diese Verständnislosigkeit gegen die Übergänge zeigt sich noch weit unerfreulicher und gefährlicher, wenn die wirtschaftliche Geschichtsauffassung aus völlig apriorischen Gründen bekämpft wird. Es scheint RICKERT selbstverständlich, daß in diesen Untersuchungen nur die Ideale des Magens gerechtfertigt werden sollen; und der Druck des Tatsächlichen gilt dabei so wenig, daß er hier lediglich einen Platonismus mit umgekehrtem Vorzeichen zu finden glaubt. Die entscheidende Frage soll darin bestehen, ob es berechtigt ist, im Sieg des Proletariats auf wirtschaftlichem Gebiet und somit in einem wirtschaftlichem Gut den absoluten Wert zu erblicken. (Geschichtsphilosophie, Seite 107f) Wie bedenklich jedoch diese rein begrifflichen Verteilungen von Licht und Schatten im Ganzen wirken, läßt sich deutlich erkennen, wenn die historische Apriorität etwa in den Blickkreis eines gebildeten Chinesen gerückt wird. Dann drängen die barbarischen Völker von außen mit spät errungener Gesittung an, während innen die einheimische Kultur nach Prüfungsgraden und Rangklassen sichergestellt ist und auf einer uralten Literatur beruth. Wenn es nur auf die apriorischen Wertbeziehungen ankäme, dann wäre auch bei uns aus den bekannten Tatsachen eine gänzlich neue Geschichte zusammenzustellen. Wo wir inhaltlich am meisten Unrecht haben, läßt sich merkwürdigerweise am scharfsinnigsten beweisen: es müssen nur einige Data günstig gruppiert und die übrigen Dinge so geordnet werden, daß sie unserem beliebig bizarren Wertbild nicht allzu deutlich widersprechen. So ist bereits der Versuch gemacht worden, die Entdeckung Amerikas als das eigentliche Ende der Völkerwanderung hinzustellen. Denn als das alte Atlantis verloren gegangen war, zogen die Goten weiter in den skandinavischen Norden und dann wieder nach Italien und Spanien, um hier die Denkmäler der Renaissance zu errichten. Darum war DON QUICHOTTE als letzter Gote in Spanien geblieben, während die Brüder schon weitergezogen waren, um den Wald in Florida oder Connecticut auszuroden und die absolute gotische Kultur, ja das wiedergefundene Atlantis der Arier zu gründen. Nach der gleichen widerstandsfreien Methode ließe sich auch der Katholizismus als die gradlinige Fortentwicklung des Christentums beweisen; denn die Reformation wie unsere ganze neuere Zeit war nur Rückschritt und Unterbrechung der mittelalterlich geschlossenen Kultur gewesen, während wir nach SAINT SIMONs und COMTEs Vorhersagen damit beschäftigt sind, in ein Zeitalter industriell-feudaler Gebundenheit einzutreten.Darum könnte die Geschichte in keiner wissenschaftlichen und rein theoretisch fundierten Beziehung zum System der Kulturwerte stehen (KUNTZE, Die kritische Lehre von der Objektivität, 1906, Seite 304). Freilich sucht JONAS COHN nach der anderen Seite gerade ein historisch erfülltes Wertsystem zu entwerfen, um den Zwischenraum zwischen der Geschichte und der reinen Wertwissenschaft durch eine Nachkonstruktion auszufüllen (Voraussetzungen und Ziele des Erkennens, 1908, Seite 583). Aber auch dieser Versuch scheint nicht zu behindern, daß notwendig aller Glanz der erreichten Taten verloren ginge, sobald wir ihr Sinken oder Steigen allein mit dem apriorischen Schema einer Wertreihe zu messen hätten. Wie soll vor allem eine historische Vielheit der Grundwerte bestehen, wenn doch die Synthesis des Mannigfaltigen als Wertprinzip notwendig auf die Einheit des Wertes hindrängt? Die historische Einstellung des Blicks ist bereits verlassen, wo der transzendente Schein der Werte sichtbar wird. Es ist ganz selbstverständlich, daß eine zeitliche Reihe nicht mit Werten zu vergleichen ist, die in zeitlosen Ebenen liegen. Allerdings gäbe es eine letzte Möglichkeit, um gerade aus dieser Abnahme der historischen Disputierbarkeit das tiefste Rätsel des Wertes zu ergründen. Seine Erkenntnis hätte sich weder aus den geschehenen Verwirklichungen noch aus dem fertigen Besitz einer scheinbar formalen und doch bereits inhaltlich entschiedenen Erzeugungseinheit zu ergeben, sondern müßte durch das Wagnis der Kulturwerke und der konstruktiven Beurteilungen noch entdeckt und zu seiner apokalyptischen Kraft gelöst werden. Daß Gott am Ende der Geschichte erscheinen soll, könnte dem Einfluß auf den gegenwärtigen Gang, dem Zeitpunkt und der Gestaltung des Eintritt nur nach apriorisch zu entscheiden sein. Die Ernennung Gottes wäre damit in unsere Hand gegeben und die evidente Entscheidung müßte bereits die Kenntnis des eschatologischen Endes in sich schließen.

Das Werturteil

Auch bei RICKERT ist der Punkt, an dem sich alle Geschichte zur philosophischen Begriffsbildung verwandelt, weit exponiert. Die Mischung mit den Urteilen hat aufgehört, um nur noch die reinen Beurteilungen gegenständlich werden zu lassen.

Aber das eigentliche Problem beginnt doch erst dort, wo die inhaltliche Sphäre des Subjekts wieder verlassen worden ist. Der Mensch ist nach WINDELBANDs Wort nicht naturnotwendig gegeben, sondern historisch aufgegeben (Festschrift für Kuno Fischer II, Geschichte der Philosophie, Seite 185). Daraus entsteht jedoch seltsamerweise nicht die Folgerung, daß die über die Jahrtausende verbreitete Humanität in die überindividuelle und endgültige Bedeutsamkeit hineinspielen solle. Es ist nirgends versucht, aus den großen Kulturwerken eine rationale Kraft zu schöpfen und die Geschichte ernsthaft zum Organon der Philosophie zu machen. Vom psychologischen Subjekt bis zur erkenntnistheoretischen Subjekt fehlen auch hier die Übergänge und das normative Licht des Gedankens wird nicht hoch genug über dem Treiben der Meinungen aufgestellt. So wenig aus dem individuellen Lebensalter zugleich die Beschleunigungen der miterlebten Geschichte zu erschließen sind, wenn sich auch jeder Geschichtsphilosoph in das Greisenalter der Zeiten versetzt glaubte, um seinem Subjekt den höchsten Grad des historischen Überblicks zu geben: so undenkbar muß es erscheinen, daß gerade zwischen dem Subjekt und den äußersten Werken alle historische Vermittlung ausgelassen werden kann. Darum gewinnt die allgemeine und notwendige Beziehung subjektiver Willensinhalte auf absolute Werturteile eine verdächtige Verwandtschaft mit der nomothetischen (auf allgemeine Gesetze gerichteten) Methode. Wenn hier die individuell beschlossene Norm zur Allgemeinheit erhoben worden ist, so haben sich darin positivistische Reminiszenzen [Erinnerungen, wp] mit allerlei Unklarheiten über die werttheoretische Begriffsbildung gekreuzt. Denn der tiefere Sinn dieser allgemeinen und so tief unhistorischen Unterwerfung der Subjekte vor dem Wert ist nur transzendent zu entwickeln.

Auch die Gegenstände der Beurteilung, an denen dieser Wertinhalt innerhalb der bewußten Beurteilung haftet, sind nur schwankend und undeutlich formuliert worden. WINDELBAND hat behauptet, daß sich alle unsere Interessen und Wertbestimmungen nur auf das Einzelne und Einmalige beziehen. Allein diese Schätzung der Besonderheit ist zahllosen Nuancen unterworfen. RICKERT hat alle diese Schwankungen vernachlässigt; er bleibt mit positivistischer Freude wieder beim unmittelbaren Eindruck des Besonderen stehen und sucht durch ästhetische Beispiele eine rationalere Gesinnung vorzuführen. So wird die wertvolle Einzelgestalt als eine in ihrer Isoliertheit vollendete und exemplarische Verwirklichung der Vernunft aufgestellt. Nur was einmal in der gleichen Wertungssphäre vorkommt, gilt als unersetzlich und wird zur Stätte seiner originalen Bedeutsamkeit erwählt. Auch hier scheinen im vieldeutigen Begriff des Singularen manche widersprechenden Elemente vorhanden zu sein, die je nach der geschickten Betonung den Stellenwert des Begriffs variieren. Darum müssen vor allen zwischen den Begriffen der Einzelheit und Einmaligkeit tiefgehende Trennungen vorgenommen werden. Was isoliert vorkommt und nur auf eine einzige Stelle in Raum und Zeit verteilt ist, wird in seiner Zufälligkeit durchweg mit negativen Wertzeichen empfunden. Das empirische Dies erhält dadurch keine neuen Schätzungen, daß es als verschiedenes Partikel in einer Vielheit anderer gleichgültiger Dinge auftritt. Hier darf keinesfalls von jener ewigen Aktualität geredet werden, die den großen Erscheinungen und Werken zukommt. Für solche Dinge bestehen die Kriterien erst darin, daß jede beliebige Einzelheit der Wiederholung vorgenommen werden darf und die Einmaligkeit des Substanzgehalts dennoch unberührt bleiben wird. So hat BÖCKLIN die Toteninsel sieben Mal geschaffen, ohne im Geringsten den einmaligen Wert zu zerstören; und es ist ebenso klar, daß die häufige Wiedergabe großer Symphonien deshalb gleichgültig bleiben muß, weil der Akt ihrer einmaligen Tiefe durchaus jenseits von Hier und Dort beschlossen ist. Wenn die klassischen Werke nicht veralten und in einer unerschöpflichen Neuheit scheinen, so liegt dies gerade an ihrer Entfernung von allen empirischen Einzelheiten; was an sich unwiederholbar ist, aht mit der Kategorie der Vielheit nichts mehr zu tun, sondern muß seine eigene Geltungssphäre erhalten. Darum scheinen trotz der sprachlichen Paradoxie in den Beziehungen zwischen dem Einmaligen und Allgemeinen sehr tiefe Aufschlüsse über den Eintritt des intelligiblen Lichts enthalten zu sein.

Im logischen Moment des Bewußtseins überhaupt treffen die allgemeinen Begriffe wie die Individualbegriffe gleichmäßig zusammen. Wenn also die naturwissenschaftliche Begriffsbildung eintreten soll, dann muß zugleich das Mittel anerkannt sein, durch welches sie allein wirklich werden kann. Dieses Mittel ist ihre Geschichte und damit sind auch die andern Formen des geschichtswissenschaftlichen Denkens nach ihrem allgemeinen Wert gesichert. Sobald RICKERT allerdings das naturwissenschaftliche Müssen aus dem historischen Gedachtwerden folgen läßt (Gegenstand der Erkenntnis, Seite 242), tritt der peinliche Zirkel ein, daß aus den denkenden Personen erst jene Vernunft entsteht, in deren System diese denkenden Menschen selbst wieder nur begrifflich existieren können. Aber der Widerspruch wird noch größer, wenn wir den scheinbar diskursiven, fortschreitenden Charakter des naturwissenschaftlichen Denkens im Ernstfall annehmen und die Naturwissenschaft in eine Geschichte ihrer Entdeckungen und Wertungen aufteilen. Dann wird die naturwissenschaftliche Reihe nicht mehr als eigenes System zu entwerfen sein, sondern sporadisch in den Bewegungen ihrer Geschichte aufgehen. Die Gesetze werden aus dem eigenen Zusammenhang entfernt, um nur stückweise einzutreten und den Gang ihrer Auffindungen rein historisch mitzumachen. So müßte die naturwissenschaftliche Richtigkeit in ein historisch abhängiges und rings umschlossenes Gebiet verlegt werden. Wenn etwa die Fehlreaktion eines Hundes oder die Methode, mit der DEMOKRIT die Schwere des Rauches aus der Gewichtsdifferenz zwischen dem unverbrannten Körper und der Asche zu gewinnen suchte, historisch genau bestimmt wird, dann ist hier weder die Richtigkeit der tierischen Assoziation noch die physikalische Gültigkeit des antiken Experiments zur Diskussion gestellt. Es könnte allein auf das Recht der historischen Aufzeichnung ankommen und die naturwissenschaftliche Wahrheit wäre daher restlos zu einer Variation der geschichtswissenschaftlichen Logik verwandt worden. Auch die Zusammenhänge zwischen der Erdbewegung, dem Verhältnis der Entfernung zur Geschwindigkeit und dem Gravitationsgesetz wären nicht astronomisch aufzufinden, sondern allein im Zeitraum von KEPLER bis NEWTON und in der historischen Folge ihrer Gleichung zu ordnen. Wie müßte es gar mit einer Geschichte der Geschichtsschreibung bestellt sein, wo die gleiche Kategorie fast in zweiter Potenz auftritt? Nicht minder springt in jeder historisch gerichteten Philosophie am Ende die Frage hervor, ob dies, was man unter dem Namen der Philosophie stets suchte, als das eigene System, nochmals zu wiederholen sei, obwohl sich der Gang als ein Kreis von Kreisen bereits geschlossen hat. Denn es wäre leicht denkbar, daß der erkannte Gedanke gleich jedem Objekt wieder spezifischen Gestaltungsbedingungen und Kategorien unterstellt ist. Jedenfalls liegen in der transzendentalen Verknüpfung und Vereinigung der Gesichtspunkte so schwere Probleme versammelt, daß die bei RICKERT ausgesprochene Superiorität der geschichtlichen Gedankenbildung keine abschließende Lösung enthält.

In welch dürftiger Ruhe liegt hier alle Methodologie: für die objektive Wirklichkeit, welche auffallenderweise im erkenntnistheoretischen Subjekt stehen bleibt, scheinen eigene Verfahrensweisen nicht notwendig und die induktiven Vermittlungen des Wissens werden spurlos umgangen, obwohl die führende Hypothesis der Kategorien doch erst durch die Beziehungen des induktiven Fragens zu veranlassen ist. Es ist seltsam, daß so einfache Gegenstände wie ein Stück Holz sogleich eine Vielheit von Qualitäten entwickeln, wenn die prädikative Aussage hinzutritt. Sofern nämlich  S  die der Erlösung bedürftige Vielheit repräsentiert, der alle induktiven Untersätze entstammen, dürfte dieses  S  nicht selbst wieder zu einer ähnlichen oder noch größeren Mannigfaltigkeit von Prädikaten übergeführt werden. Die logischen Qualitäten können ihre eindeutige Tiefe nicht mit einer erneuerten Vielheit und Zersplitterung der Existenz verbinden, in der sie bisher gefangen gehalten waren. Deshalb läßt sich diese Antinomie nur auflösen, wenn bereits die einfachen Subjekte als eine Summe real voraufgegangener Prädikationen gefaßt werden, deren Vielheit nur analytisch erscheint, um sogleich in einem dadurch gewonnenen synthetischen Begriff zu verschwinden. Dazu kommt noch eine weitere Schwierigkeit. Zwischen dem Satz, daß alles warme Blut rot ist und jner näheren Bestimmung, daß das Blut eine wasserhelle Flüssigkeit mit überwiegend roten Blutkörperchen sei, bestehen nur die Unterschiede einer geringeren oder größeren Genauigkeit; und doch scheint hier die Kopula zugleich ein reicheres Sein und nicht nur den logisch tiefer erklingenden Zusammenhang anzudeuten. Offenbar darf unter dem Ist der Verbindung nichts anderes als ein Enthaltensein oder eine rein logische Bestimmung zur Essenz des Gegenstandes verstanden werden. Mit der Kopula ist daher nur der Übergang von der Existenz in das Quale ihrer logischen Zugehörigkeit bezeichnet. Wie nun die naturwissenschaftlichen Objekte eine räumlich getrennte Zugehörigkeit zum Obersatz besitzen, so läßt sich die Eigentümlichkeit der historischen Obersätze wenigstens vorläufig dahin aussagen, daß hier die zeitlich auseinandergelegenen Subjekte, also auch die Subjekte der zukünftigen Ereignisse, mit dem Ganzen des geschichtlichen Prädikats verbunden werden sollen. Daß die tragischen Helden an ihrer Verwandlung zu Gott sterben müssen, deutet bereits auf einen solchen deduktiven Obersatz des historischen Geschehens hin, der die ganze induktive Bewegung zur Ruhe bringt und die Gesamtheit der Ereignisse zum erkennbaren Eintritt einer Regel oder eines Postulats hinführt.

Leider wird dabei das schwierige Problem einer Beziehung auf den Gegenstand so allgemein behandelt, daß RICKERT den Widerspruch in den eigenen Konsequenzen übersieht. Er hat selbst gegen die Abbildungslehre bemerkt, daß wir darin eine Erkenntnis vom angeblichen Gegenstand haben müßten, die nicht Erkenntnis sein dürfte. Denn sonst hätte sie selbst einen Gegenstand und wir wären verpflichtet, diese Erkenntnis wieder mit ihrem Gegenstand zu vergleichen, was auf einen unendlichen Regress führen müßte. Aber das gleiche Bedenken scheint vorzuliegen, wenn RICKERT nach der anderen Seite eine Übereinstimmung mit dem Sollen verlangt, dessen Gegenstand er ebenfalls nicht besitzt und mit der Ablehnung jeder phänomenologischen Analyse auch nicht gewinnen kann. Die Kategorien erscheinen als Formen dieses überspringenden Ergreifens; sie bilden gewissermaßen den Weg vom Sollen zum Sein und haben die Existenz nach der Maßgabe der Norm zu begründen (Gegenstand der Erkenntnis, Seite 172). So gewinnt RICKERT auf der einen Linie die vollständige Objektreihe als ideale Summe aller Kenntnisse, die man überhaupt von den Dingen erwerben kann. In dieser totalen Erkenntnis wird das Erkennen selbst zum Gegenstand und der Begriff jeder möglichen Erfahrung verschiebt sich ganz nach der rationalen Seite; statt der bloß existenziellen Möglichkeit kommt also endlich ein Beginn, im menschlichen Gesichtskreis die aktive Bedeutung des logischen Vermögens zu ergreifen. Aber da wir als halb vorstellende und halb urteilende Subjekte durchaus auf der oberen Grenze der Objektreihe stehen, so können wir offenbar nicht mehr die Akteure unseres individualitätslosen Erkennens sein: was an Tätigkeit und an erleuchtender Kraft von uns übrig zu bleiben scheint, ist gänzlich in das unpersönliche Bewußtsein als das letzte Glied der Subjektreihe verlegt worden.

Ganz anders liegt dagegen das Problem, wenn aus dem unpersönlichen Bewußtsein nur die Erschließung und Bestimmung der geltenden Logik entnommen werden soll. Die übervernünftige Evidenz gewinnt allein dann einen annehmbaren Sinn, wenn das Kriterium der geistigen Wirklichkeit völlig aus dem Begriff der letzten Auffassung herausgesetzt wird. So hat KÜLPE die rein geistige Realität in einer Unabhängigkeit vom auffassenden Subjekt gesucht, um die Wirksamkeit der Auffassung durchgehends aus dem Gebiet der existierenden Zusammenhänge zu entfernen. Darum muß es mit Recht dahingestellt bleiben, ob die letzte Deutung der Welt überhaupt einen geistartigen oder idealistischen Charakter tragen darf, nachdem die bewußte und idealistische Selbsterkenntnis auch in ihren tiefsten Erschließungen niemals dort hingelangte, wo die immer noch trübe Mittelbarkeit des evidenten Sollens aufgehört hätte. Der Ort, an dem sich die Evidenz abspielt, ist weder bei der registrierenden Verwirklichung, noch bei der regulativen Hypothesis der künftigen Schicksale erreicht. Deshalb mußt der Name der Evidenz weit über dem Dasein in einem noch ungerufenen und unbenannten Mysterium gesucht werden. Solange allerdings die Vergangenheit die Zukunft der Dinge mit den Qualitäten des gelebten Moments erscheinen, kann der Prozeß zwischen dem Urzufall und einem Gott nur schwer zu einer neuen metaphysischen Phase gelangen. Erst wenn die Linie der Zeit nicht mehr im bloß sinnlichen Schatten einer ewigen Gegenwart liegt, wird die Nacht des Daseins durch seine begriffliche Vergangenheit und Zukunft gerichtet werden.
LITERATUR - Ernst Bloch, Kritische Erörterungen über Rickert und das Problem der modernen Erkenntnistheorie, Ludwigshafen 1908