cr-2H. Rickert - Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung    
 
ERNST BLOCH
Kritische Eröterungen zu Rickert
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"Die faktische Gewißheit ist so wenig interessant, wie die Evidenz irgendeines identischen Satzes: erst was sich zwischen diesen Momenten abspielt, gibt den Urteilen jenes Merkmal der Interessantheit, das sich aus Gewißheit und Einleuchtung mischt."

"Auch bei Cohen scheint die infinitesimale Entscheidung des endlichen Etwas aus dem Nichts und auf der anderen Seite die Zurückführung aller Sätze auf die Identität der reinen Vernunft vollkommen in Takt zu bleiben, obwohl die mittlere Entwicklung in der seltsamsten Weise brüchig geworden ist. Denn nachdem sogar die Kategorien der Kraft oder der organischen Einheit nirgends ein Empfundensein vorauszusetzen schienen, springt gegen Ende der Natururteile plötzlich der Faktor der Empfindung hervor, um die methodische Verflüchtigung des Materials jäh zu unterbrechen."

"Daß der gerade gehörte Ton oder die gerade gesehene Farbe, ja die gesamte Augenblicklichkeit des gewußten Daseins niemals bewußt werden kann, deutet auf die Notwendigkeit hin, nach der die Stelle des Prozesses, in der wir uns selbst befinden und nach der ganzen Ausdehnung unserer Existenz aktuell sind, in keiner Wissenschaft wiederkehrt. Was darin als gegeben erscheint, ist lediglich die Wirklichkeit, in der wir jederzeit sind: und die gesamte Irrationalität des Seins enthüllt sich dadurch in der nächsten Nähe, ja in der gerade durchlebten Sekunde, deren Reichtum noch durch keine Fragekategorie eingefaßt wurde."

Rickert, Apriorismus, Transzendenz

Wenn bei RICKERT gerade das Verweilen unter den historischen Individuen positivistisch war und das ferne Schweben der Werte apriorisch erschien, so tritt der gemischte Reiz dieser Schwankungen vollkommen zurück, sobald der unverhohlene Apriorismus entwickelt wird. Seine neuartige und revolutionärste Begründung ist durch HUSSERL ausgeführt worden. Denn der Beginn des Gedankens ist hier nicht eine bereits logisch durchdrungene Gegebenheit psychologischer oder auch literarischer Art, sondern jene vorwissenschaftliche und darum zugleich vorpsychologische Erfahrung, deren psychologischer Charakter bereits in der Beschreibung und nicht erst in der wissenschaftlichen Form besteht. HUSSERL legt also die Untersuchung um einen Schritt zu jenen unmittelbaren Erkenntniserlebnissen zurück, deren Phänomenologie nicht um der psychologischen, sondern um der rein logischen Zusammenhänge willen unternommen wird. Es handelt sich darum, überall von den psychischen Zusammenhängen her idealgesetzliche Bindungen zu gewinnen. So treten in diesem bewunderungswürdigen Versuch zur Ursprünglichkeit und Naivität der phänomenologischen Aufklärung zunächst weit angelegte Analysen über die grammatische und logische Struktur der Aussage ein.

Schon SIGWART hatte an den Impersonalien ["es" regnet, wp] erkannt, daß sich die sprachlichen Formverschiedenheiten kaum mit der logischen Ordnung eines Satzes decken. Es wäre auch zu seltsam, wenn mit den zufälligen und stets nur ad hoc geprägten Wortformen die ganze Zukunft der Denkmöglichkeiten umfaßt werden könnte. Dann wäre mit den Worten der letzten Periode aller Weg nach vorwärts verschlossen. Dies liegt nur in jenen Fällen vor, wo veraltete Ausdrücke und Sprachformen ganz bewußt hemmend wirken. So, wenn in der psychologischen Terminologie harte Substantiva über Gefühle und Vorstellungen aufgekommen sind, als ob die Seele ein abgeteilter Raum wäre, in dem die Vorstellungen wie äußere Dinge auftreten und sich nach den ärmlichen Stichworten der Assoziation solange herbeirufen, bis die Enge des Bewußtseins keine weiteren Vorstellungen mehr zulassen kann. Auch die neueren Bilderreden von der Ablenkung oder Einstellung der Aufmerksamkeit besitzen noch einen zu äußerlichen Sinn für die begriffene Fülle des seelischen Erlebens, in dem alle vergangenen Zustände der Natur nachzittern und alle kommenden Ereignisse der Geschichte ihren Schein vorauswerfen. Die Organisation der Sprache wirkt allerdings in den Versuchen zur Revolutionierung des Zeitbegriffs noch weit unzugänglicher, sofern das Tempus [die Zeitform, wp] überhaupt nur aus dem Adverb stammt und beständig den Infinitiv mit einer nur unwesentlichen Lokalisierung in die Zeitreihe festzuhalten zwingt. Darum wird es klar, daß der Gedanke mit den Bildern und Worten nicht erschöpft ist, sondern gegen das Meinen und die signitiven Akte zu einer offenen und noch nicht bewußten Intention überströmt. Dadurch nun, daß HUSSERL die reinen Bedeutungskategorien durch die Evidenz aufzuklären versucht, die er als das deskriptive Merkmal adäquater Akte ansieht, wurde das Problem eines abschließenden Kalküls aller Erkenntnisse deutlich gestreift. Denn es ist offenbar möglich, statt des Bestandes an Einzelmerkmalen, der die inhaltliche Ganzheit einer Gruppe ausmacht, vielmehr die Form zu setzen, die hier eine ideell festbegrenzte Mannigfaltigkeit der möglichen Inhalte umspannt. Es wird, wenn auch nicht überhaupt, so doch für die Theorieformen bestimmt definierte Gattungen geben, welche die gesetzmäßige Auseinanderentwicklung, Verknüpfung und Umwandlung der Formen beherrschen. Daraus geht eine umfassende Wissenschaft der Theorie hervor, die HUSSERL als die allgemeinste Idee einer reinen Mannigfaltigkeitslehre auszuführen wünscht. Offenbar ist hier der formale Erzeugungsgrund zur einzigen Regel des behandelten Gebietes geworden. Aber zugleich trat das reale Gebrauchtwerden dieser Logik völlig hinter ihre formale Kraft zurück. Denn die reinen Gesetze, welche jenseits des matter of fact der Sinnlichkeit liegen, sollen nicht das wiedergeben, was sich in irgendeiner Provinz des Realen zuträgt, sondern was schlechthin aller Abgrenzung nach Realitätssphären entzogen ist und zur essentiellen Ausstattung des Seins gehört. (Logische Untersuchungen II, 1901, Seite 672) (Darin ringt ein scheinbar sich höchst Fremdes: der kantische Erzeugungscharakter des Erkennens mit der ruhend-kategorialen Anschaulichkeit der platonischen Ideen.) Wenn die schrankenloseste Variation der Sinnlichkeit außer Acht bleiben kann, so ist damit nur die Logik des Axioms in vollster Adäquation erreicht worden. Durch die Evidenz ist allein das Sein im Sinne der Wahrheit zu einer Übereinstimmung mit der Bedeutungsintention der Aussage gebracht, während die reale Übereinstimmung des Naturlaufs oder der geistigen Gesetzmäßigkeit mit der reinen Logik als ein widersinniges Problem erscheint. Auf diese Weise ist die logische Reinheit aus dem Problem ihrer Verwirklichung entfernt worden, ohne daß der apriorische Grenzwert wenigstens in einer idealen Beziehung konstitutiv geworden wäre.

Die mathematische Richtung dieser Arbeit ist noch weit deutlicher bei MEINONG zu erkennen. Aber auch MEINONG nimmt das psychologische Moment im Erkenntnisakt wenigstens soweit Rücksicht, daß er durch die scharfsinnige Analyse der Annahmen einen Objektbegriff herausarbeitete, der dem Annehmen und Urteilen in ähnlicher Weise wie das Objekt dem Vorstellen gegenständlich gegenübersteht. Dadurch werden die überzeugungslosen Zwischenzustände des Urteils als logischen Interessen erleuchtet und zu einer unerhörten Fruchtbarkeit für die Technik der erkenntnistheoretischen Methode entwickelt. Von hier aus müßte eine Erneuerung der Kategorienlehre anbrechen, die das ganze Problem der Beziehungsbegriffe erst in seinem eigentlichen Zusammenhang einstellen ließe. Denn von den Etappen des methodischen Nachdenkens ist bisher nur die sinnliche Gegebenheit des zu bestimmenden Gegenstandes und dann die kategoriale Allgemeinheit des Urteils untersucht worden. Was zwischen dem Reiz und dem fertigen Urteil la und in den zahllosen Schattierungen der Relation sichtbar wurde, blieb dem glücklichen Apercu anheimgestellt oder den leeren Kriterien der Modalität überlassen, nachdem die rein methodologische Arbeit schon aufgegeben war. Darum wäre es notwendig, die Fragestellung selbst problematisch zu machen und in die wertlose Fülle der Fragemöglichkeiten eine präzise Bestimmtheit inhaltlicher und formaler Art einzuführen. Während zuerst noch die ganze Unbestimmtheit der disjunktiven Auskünfte besteht, gehen die qualitativen Einschränkungen des Problems immer mehr auf den entscheidenden und hypothetisch führenden Sinn der Untersuchung hin. An die offene Stelle dieser endgültigen Entscheidung tritt irgendein unbestimmtes Fragepronomen oder Adverb, um die Richtung des Suchens und Ergänzens anzudeuten. So entsteht die Form der Ergänzungsfrage im prägnant wissenschaftlichen Sinn. Wenn etwa gesucht wird, in welcher Beziehung die luetische Infektion zur späteren Paralyse steht oder wo sich das Ziel der geschichtlichen Ereignisse befinde, so sind das offenbar zwei Probleme von einer gänzlich verschiedenen Präformation des Rätsels und einer logisch noch verschiedenen Hypothesis der Entscheidung. Aber ihre Gemeinsamkeit besteht doch darin, daß zwischen zwei oder mehreren Gegenständen eine nur vermutete Beziehung aufgedeckt werden soll, deren heuristischer Vorschlag bereits die gesamte Richtigkeit der Antwort antizipiert. Hier bestehen alle Übergänge und merkwürdigen Schwankungen der Affirmation [Bejahung / Zustimmung, wp], die als eigene negative Urteile zu fixieren sind und doch die Verantwortlichkeit des Urteils nur insoweit besitzen, als sie an der Verantwortlichkeit der endgültigen Affirmation teilnehmen. In dieser steten schöpferischen Fragwürdigkeit herrschaft das gesamte Wagnis des revolutionären Gedankens: und deshalb erscheint es mir notwendig, daß alle Beziehungsbegriffe und Kategorien, die als Rückstände und Ergebnisse der früheren Frageprozesse überliefert wurden, von neuem in den Fluß ihrer Problematik aufgelöst werden. Die Folgen liegen freilich nicht an allen Punkten verstreut, sondern bleiben vor allem auf die am stärksten erlebte Unlösbarkeit des sinnlichen Augenblicks beschränkt, der nur vorläufig in die Wissenschaften der Vergangenheit und der Zukunft auseinandergelegt werden soll. Darum wäre die Lehre von den Fragekategorien mitten im Ganzen der Erkenntnistheorie zu errichten, um jede Verschiebung zwischen dem Rätsel und der Antwort mit feinstem Ausschlag wiederzugeben.

Aber MEINONG geht nicht auf diese Programme der Fragekategorien aus,sondern sucht statt der Beziehung des Denkens zu den Gegenständen die formalen Beziehungen der Gegenstände unter sich selbst festzustellen. Obwohl die materialen Objekte ebenso wie der notwendige Sachverhalt oder das Objektive unter logische Untersuchungen fallen, so haftet doch MEINONGs besondere Betonung wesentlich an den Objektiven, die besonders in der Mathematik als einer daseinsfreien und deshalb apriorischen Wissenschaft vorliegen. Freilich ist das gegenständliche Material, das eine daseinsfreie Bearbeitung gestattet und darum wohl auch verlangt, durch den Stoff der Mathematik durchaus nicht vollständig repräsentiert. Deshalb muß nicht nur mathematisch, sondern auch gegenstandstheoretisch mit jenem Sosein der Gegenstände operiert werden, das vom Sein streng getrennt ist, um selbst die unmöglichen Gegenstände, wie die Null und andere Momente des indirekten Beweises als eine Gruppe bisher heimatloser Objekte nachzuweisen. (Über die Stellung der Gegenstandstheorie im System der Wissenschaften, 1907, Seite 19). Die Gleichgültigkeit der Objekte gegenüber den Beziehungen dieser Objektive müßte eine vortreffliche Gelegenheit ergeben, um die engen und darin scheinbar inkarnierten Anwendungen der formalen Relation auf das OHMsche Gesetz, auf den Farbenoktaeder oder auf die Quantifikation des Prädikats endlich zu unterbrechen. Die mathematische Arbeit, sollte nicht allein auf eine nichteuklidische Weise vom Krümmungsmaß und der Stetigkeit des Raums, sondern von der gegebenen Räumlichkeit überhaupt emanzipiert sein und gleich der Logik zu einer rein beziehungstheoretischen Wissenschaft verwandelt werden, in der zunächst nur die Gedankenexperimente gültig sind. Erst nach dieser Loslösung wäre das dritte Reich zu gewinnen, in dem die reinen, entweder gewissen oder evidenten Formen der Dinge wohnen.

Diese immerhin noch transzendentale und von gegebenen Wissenschaftsformen ausgehende Gewinnung der reinen Relation hat durch die Kritik SCHELERs eine bedeutsame Wendung erfahren. Freilich vermischen sich in diesem geistvollen Versuch zwei verschiedene Gedankengänge, wenn SCHELER die Absolutheit der transzendentalen Methode in Frage stellt. Denn der Ausfall der geschichtlichen Wirklichkeit im transzendentalen Erfahrungsbegriff kann einmal bedeuten, daß alle Veränderungen des geschichtlichen Lebens und Urteils in die Evidenz hereinfluten, um ihre inhaltliche Unwiderlegbarkeit an den meisten Punkten aufzuheben. Sofern die apriorische Erkenntnistheorie jedoch etwas anderes als eine in Theorie übergehene Geschichte der Wissenschaften bedeuten soll, tritt ihre völlige Unwirksamkeit innerhalb des Erkenntnisprozesses deutlich hervor. Es läßt sich nicht nachweisen, warum die Erkenntnisprinzipien weiterhin eine reale Leitung der Erkenntnisarbeit übernehmen müßten, wenn es wirklich gleichgültig sein sollte, ob sie diese Leitung innerhalb der Geschichte auch wirklich gehabt haben (Die transzendentale und psychologische Methode, 1900, Seite 114). Ganz anders wirkt dagegen der Einwand, daß die transzendentale Methode gegenüber der Geschichte selbst versagt und unanwendbar bleibt. Wenn alle apriorischen Sätze, die über der Geschichte aufgestellt worden sind, nur die Bedingungen einer möglichen Erfahrung enthalten und auch das Sittengesetz allein die Bedingung des Problems eines Reiches der Zwecke bildet, so scheint die inhaltliche Variabilität der transzendentalen Methode nicht zugleich ihre historische Unanwendbarkeit zu beweisen. Zwischen der Ähnlichkeit der beiden Gesichtspunkte liegt das tiefe Paradoxon, daß auch die geschehene Geschichte im endgültigen Sinn noch so wenig geschehen und als Ereignis zu überblicken ist, wie die ersten Akte eines Dramas in Wahrheit passiert sind, bevor der vierte oder fünfte Akt gespielt worden sind. Darum ist die historische Variabilität erst als Wechselbegriff zur methodischen Unanwendbarkeit begriffen, wenn auch das identische Verhältnis gerade durch die intimste Schwierigkeit der Geschichte gestört werden muß.

Dazu kommt freilich noch eine andere Unklarheit, die auf EUCKEN hinüberweist. Daß SCHELER die Gedankenmassen eines Kultursystems immer wieder auseinander treiben läßt, um diese innere Unruhe in einem noologischen [denktechnischen, wp] Programm zu unterbrechen, muß als eine zu wohlfeile Form der Synthese fremdartig und inkonsequent erscheinen. Selbst die breiten Werkzusammenhänge, die er für den Raum und die Zeit in ihrer technischen und religiösen Verarbeitung aufdeckt, bleiben ohne vertikale Kraft und Aufwärtsbewegung stehen. Hier tritt bereits die Begriffsbildung EUCKENs ein, der aus den unangemessenen Daseinsformen des Lebens überall zu einer neuen Stufe der Wirklichkeit und zu einer begründenden Tiefe des Geisteslebens hinüberführen will. Darum wird die Unzulänglichkeit unserer Vorstellungsweise für die höchsten Wahrheiten viel zu stark empfunden, als daß unsere Organisation oder das Vorbeiziehen wechselnder Meinungen zum Maßstab aller Wahrheit zu machen wäre. Die Wahrheit wird selbst als das Verhältnis zwischen zwei einander fremden Reihen zum widersinnigen Begriff. Denn es kann sich bei der geschichtlichen Bewegung nicht so sehr um ein Zusammenkommen zwischen Objekt und Subjekt, als um ein solches von peripherer und zentraler Betätigung der Geistigkeit handeln (Die Grundbegriffe der Gegenwart, 1893, Seite 51). Damit ist allerdings die Apriorität als Prozeß zu einem völligen Stillstand gelangt. Statt der impulsiven und großartigen Funktionen, die EUCKEN zu schildern hätte, ist nur eine leere und weihevolle Begriffsbildung übrig geblieben, die durch ihre Tautologie vergebens die mystische Identität zu erreichen sucht. Daher ist die ganze Rettung der Apriorität nur dadurch zu leisten, daß die unermeßlichen Vermittlungen von den vergangenen zu den zukünftigen und neuen Gedanken genau festgestellt werden, um die Apriorität durch die Kenntnis des noch nicht gewußten Wissens zu verdeutlichen. Das ganze Ringen um diese Neuheit spielt sich in der Fragestellung als dem Ort der Methode ab: und die ferneren Schicksale des Gesichtspunktes, ja die gesamte Kapazität und Idee der rationalen Formungen müßte durch die logischen Inventionen [Erfindungen, wp] zu erschöpfen sein. Die Problematik bringt selbst jenen Reiz des steten Versagtwerdens und der niemals ausgeschlossenen Störungen in die Apriorität hinein, der gerade die Wichtigkeit der Erkenntnisse ausmacht. Denn die faktische Gewißheit ist so wenig interessant, wie die Evidenz irgendeines identischen Satzes: erst was sich zwischen diesen Momenten abspielt, gibt den Urteilen jenes Merkmal der Interessantheit, das sich aus Gewißheit und Einleuchtung mischt. Wie stark dabei die einzelnen Faktoren zu kompensieren sind, läßt sich aus der ungefähr gleichen Wichtigkeit der Abstammungslehre und der Unsterblichkeitslehre ermessen, obwohl im einen Fall die sinnliche Gewißheit und im anderen Fall die Kraft der Einleuchtung überwiegt. So müßte die Apriorität selbst die letzte Fragwürdigkeit bedeuten und innerhalb des endlich abzuschließenden Wissens gleich einem äußersten Beschluß über die Hypothesis der Erscheinungen wirken.

Alle diese Systembildungen des Apriorismus kulminieren erst dort, wo die Gegebenheit zum Nichts geworden ist und allein aus der Idee mit Gestalten gefüllt werden kann. Bereits STAMMLER springt ohne weiteres von der individuellen Freiheit und Sittlichkeit zur formalen Kraft des Zusammenlebens über, um das richtige Recht ohne jede Inhaltlichkeit und rein methodologisch zu entwickeln. Noch eigentümlicher wird diese Allgemeinheit bei TÖNNIES ergriffen, der nach einer rein psychologischen und soziologischen Entwicklung, die von der instinktiven Gemeinschaft im Haus oder Dorf zur kapitalistisch differenzierten Gesellschaft in der Großstadt und Weltrepublik führte, gerade die Organisation als konkrete Allgemeinheit zu deduzieren versuchte. Wie jede Obligation auf empfangenes Darlehen in der Tendenz besteht, seine Forderungen gegen den Kontrahenten unrealisiert zu bewahren, so wird die komplexe Idee in der Wirklichkeit durch ein zufällig bestimmtes Territorium oder durch den ganzen Erdball stets nur repräsentiert, da sie selbst erst das gesellschaftliche Verhältnis zu erzeugen hat.

Aber der Plan und Versuch, diese Idee auf die eigentlichen Bewegungen der Geschichte anzuwenden, ist in einer vorbildlichen Weise mißlungen. Denn in der historischen Erfahrung liegt nicht das leere  X  der Bestimmtheit, sondern eine weithin differenzierte Grundlage für die einheitliche Erfahrung vor. Trotzdem ging MEDICUS darauf aus, auch die geschichtlichen Tatbestände als die abhängenden Mittel eines historischen Zusammenhangs zu entwickeln (Kant-Studien VIII, 1903: Kant und Ranke, Seite 166f). Freilich war diese Architektonik des Bewußtseins nur mit den schwachen Kategorien der geschichtlichen Potenz und teleologischen Dependenz [Abhängigkeit, wp] zu errichten. Außerdem verlor der Begriff der möglichen Erfahrung in dem unabgeschlossenen Sinn der historischen Zeit noch dadurch alle Macht, daß die transzendenten Faktorn völlig ausgeschlossen blieben. Darum liegt bereits für WEIDENBACH im geschichtlichen Individuum eine verborgene Qualität vor, deren Bestimmbarkeit unter dem Zeichen der Identität ausgeschlossen erscheint. Immerhin wird hier selbst die Individuation zu einem Problem, das aus der Idee die Struktur seiner Daseinsform erhält. Denn auch in den historischen Individuen liegt ein Rätsel vor, aus dem die Vernunft in beständig steigendem Maße die Wirklichkeit erschafft. In dieser eigenen Rätselhaftigkeit des Individuums zeigt sich allerdings ein Impuls, der weit über die herkömmliche Begründung der Apriorität hinaus wirkt: sein Sinn liegt ungefähr auf dem Weg zur inneren Einswerdung der erkennenden Seele mit allen Dingen, die im Reich der Natur oder der Gnade geschehen. Dann wäre der Mensch selbst als Frage begriffen, um die Welt als Antwort zu vernehmen und die Problematik ginge als Kompendium der innerlich gefühlten Ungelöstheit aller Dinge hervor. So zieht hier offenbar die Konsequenz auf, daß es statt der Finsternis des gelebten Augenblicks einen Zustand der nicht mehr bewußten Erinnerung oder nicht nicht bewußten Berufung im philosophischen Gedanken gibt, der zu gewußten Einwohnerschaft aller Augenblicke verhelfen kann und das innere Begehen des kosmischen Weges zur problemtheoretischen Methode werden läßt.

Und doch ist schließlich bei COHEN der Radius der durch uns veränderlichen Welt viel zu weit hinausgezogen, wenn die begriffliche Virtuosität dazu verwendet wird, jede logische Überordnung in eine reale Inhaltsfülle umzusetzen. Hier sind die Elemente der Welt nicht gegeben, sondern müssen als Konstruktionsbestandteile erst in ihren apriorischen Grund zurückgerufen werden. Es gäbe freilich ein Gebiet, wo die Möglichkeit einer der formalen Durchdringung noch glücklich und aufschlußreich wirken könnte. Denn die eigentümlichen Übergänge und Beziehungen, die gerade zwischen der Geschichte und der Statistik herrschen, machen es sehr wahrscheinlich, daß hier ein Kalkül der Vergleichung zu entwerfen wäre, das den individuell gestörten und rhythmischen Gang der historischen Ereignisse völlig einfassen könnte. Die Exaktheit, mit der die Individualität in den Produzenten der Wahrscheinlichkeit wiederkehrt, die Schärfe der Kriterien, die für die Detaillierung und für die erlaubte Allgemeinheit der Feststellungen gelten und nicht zuletzt das Ergebnis der konstant wirkenden Momente, das aus dem Verfahren der großen Zahlen entspring: alle diese Regelmäßigkeiten treten miteiner solch fatalistisch scheinenden Genauigkeit auf, daß die Statistik als geordnete Geschichte oder wenigstens als die eigentlich historische Beziehungstheorie entworfen werden könnte. Statt dessen sucht COHEN ebenso, wie er die Natur aus der mathematischen Naturwissenschaft herleitet, auch die Geschichte aus der juristischen Begriffsbildung und aus den gänzlich abstrakten Mittelwerten der juristischen Person oder der Gerechtigkeit zu deduzieren. Die Strömungen des Lebens werden unter einzelne Theorien aufgeteilt, die sich selbst wieder in der Einheit des Kulturbewußtseins zur umfassenden konstruktiven Bewegung des Gedankens zusammenschließen.

Aber es ist ein seltsames logisches Schicksal, daß die äußersten Gegensätze einer Reihe durchaus exakt bestimmbar bleiben, so unsicher auch die Graduierung der mittleren Fälle ausgefallen ist. Darum scheint auch bei COHEN die infinitesimale Entscheidung des endlichen Etwas aus dem Nichts und auf der anderen Seite die Zurückführung aller Sätze auf die Identität der reinen Vernunft vollkommen in Takt zu bleiben, obwohl die mittlere Entwicklung in der seltsamsten Weise brüchig geworden ist. Denn nachdem sogar die Kategorien der Kraft oder der organischen Einheit nirgends ein Empfundensein vorauszusetzen schienen, springt gegen Ende der Natururteile plötzlich der Faktor der Empfindung hervor, um die methodische Verflüchtigung des Materials jäh zu unterbrechen. COHEN sieht hier selbst eine gefährliche Schwierigkeit und sucht durch die Annahme einer bloßen Impertinenz [Nicht-Zugehörigkeit, wp] der Gegebenheit vergebens den inneren Durchbruch der Komposition zu verdecken. Es muß notwendig frappieren, wenn sie gerade dann die Passivität gegen jenes weitere Umgedachtwerden erhebt, nachdem der Gedanke bereits in der Natur solch große Taten vollbracht hat und seine bedeutendsten Deduktionen für das Reich der Sittlichkeit noch zu leisten hätte. Was jedoch COHEN gegen die Empfindung vorschlägt, um das Denken seines wissenschaftlichen Charakters nicht verloren gehen zu lassen, vermag die Paradoxie de plötzlich hereingebrochenen Eindrucks nur zu verdecken. Er spricht sogar der Farbe die sinnlich gegebene Kraft eines unterscheidenden Merkmals ab und sucht die Empfindung dadurch rein werden zu lassen, daß er ihre Wirklichkeit als Schwingung auffaßt und in der physikalischen oder psychophysischen Maßmethode als überwunden erklärt (Logik der reinen Erkenntnis, 1902, Seite 346). So ist der Grad zur Herrschaft über die Qualität erhoben. Der Zirkel dieses Verfahrens besteht also darin, daß die Veranlassung der sinnlichen Rezeptivität bereits im ganzen System vorausgesetzt war und nun an jener Stelle, wo die psychogenetische Entwicklung selbst als kategorialer Gedanke erscheint, sofort die frei schwebende Gedankenfolge auflöst. Die inhaltliche Stärke der Wahrnehmung, die überall dort zu verschweigen war, wo der vorsinnliche Naturlauf durch die Abwesenheit der sinnlichen Merkmale zugleich eine logische Reinheit vortäuschte, rückt nun gerade in die nächste Umgebung, ja in das psychologische Denken des Gedankens selbst herein. Diese eigentümliche Störung des Erlebnisses innerhalb der logischen Akte liegt zwar für jede geschlossene und konsequente Gedankenführung vor. Aber wie die persönliche Gleichung bei den Astronomen als Hindernis und bei den Psychologen als interessantes Motiv erscheint, so kann auch die Dunkelheit der gelebten Augenblicke zu einem weitreichenden und erschütternden Impuls werden, sobald nur der Atem des Lebens hoch genug in die Begriffsbildung hinaufgeht. Daß der gerade gehörte Ton oder die gerade gesehene Farbe, ja die gesamte Augenblicklichkeit des gewußten Daseins niemals bewußt werden kann, deutet auf die Notwendigkeit hin, nach der die Stelle des Prozesses, in der wir uns selbst befinden und nach der ganzen Ausdehnung unserer Existenz aktuell sind, in keiner Wissenschaft wiederkehrt. Was darin als gegeben erscheint, ist lediglich die Wirklichkeit, in der wir jederzeit sind: und die gesamte Irrationalität des Seins enthüllt sich dadurch in der nächsten Nähe, ja in der gerade durchlebten Sekunde, deren Reichtum noch durch keine Fragekategorie eingefaßt wurde. Freilich sind die gewußten Inhalte des Bewußtseins nach ihrer Vergangenheit wie nach ihrer Zukunft von gegenständlichen Gedanken umdrängt: aber das, was unter den Inhalten naturwissenschaftlich wirksam ist oder geisteswissenschaftlich darüber hinwegströmt, läßt das in der Mitte gelegene Reich der jeweils individuellen Gegenwart stets auf einer unbewegten und begrifflich toten Stelle bestehen. Von hier geht die gesamte metaphysische Erneuerung aus, die noch im Problem der Zeitlichkeit eingeschlossen liegt.

Da bei COHEN die Überwindung der Sinnlichkeit nur scheinbar gelingt und die Apriorität nach der sinnlichen Katastrophe wieder von neuem anhebt, so bleiben auch die weiteren Formen der realen Macht durchaus einer mehr oder minder glücklichen Spekulation überlassen. Wie die empirisch beobachtbaren Fälle des Seelenlebens bei COHEN nur als tierpsychologische Reaktionen erscheinen, da die Prägnanz des seelenvolen Menschentums erst apriorisch zu bestimmen ist, so bedeuten ihm sogar die zahllosen Initiativen des sittlichen oder künstlerischen Lebens nur gewisse Affekterweiterung, deren Gewalttätigkeit und Zwiespältigkeit nach abstrakt zu erläutern ist. Sobald die Bewegungen der Kunst den Schwerpunkt des Rechts treffen sollen, sind ihre Bedingungen nicht material abzuschließen, sondern zu umfassenden Allheit des Kulturgedankens zu beziehen. Hier scheinen aber die Zweckzusammenhänge innerhalb des Kunstwerks nicht leer zu verlaufen und alle Kraft in der inkarnierten und damit beschlossenen Schönheit zu verbrauchen, sondern tragen ihre wirkliche Bedeutung als ein esoterisches Lehen, das erst in der Idee seinen Rechtsgrund findet. Damit ist das Denken des historischen Seins gänzlich zu einem Denken des identischen Ursprungs geworden. Die Existenz selbst steht nur im Verhältnis des objektiven Genitivs zum tragenden und erzeugenden Gedanken. Deshalb darf die Realität und selbst wenn sie nach Jahrtausenden zählt, nicht über das Sollen entscheiden. Es muß allerdings unbegreiflich erscheinen, wozu der Gott der reinen Vernunft eine solche Summe von Verhalten entwickelt, wenn er die materialen Bedingungen nicht als Zeugen und Zieraten [Verzierungen, wp] seiner apriorischen Herrlichkeit notwendig hat. Da die numerischen und formalen Sätze, die COHEN als Theorien auszeichnet, stets nur komplizierte Identitätsurteile enthalten, so triumphiert gerade der Gottesbegriff, der aus der mythologischen Vorstellung zur Idee der Erkenntnis erhoben ist, zuletzt in den Tautologien seiner leer laufenden Vernünftigkeit. Der moderne und tiefsinnige Gedanke, daß die Gottheit allein im Postulat zu suchen sei, ist durchaus unentschieden geblieben. So geht hier der Apriorismus an der Stagnation seiner verfrühten und allzu rationalen Absolutheit zugrunde.

Das konstituierende Merkmal der apriorischen System besteht im abschließenden Gedanken darin, daß die Beziehung auf den Gegenstand durch eine Theorie der konsequenten Idee vollzogen wird, die aber selbst dann in ihrer realistischen Kraft zu bezweifeln wäre, wenn uns keine andere als die konstruktiv erzeugte Wirklichkeit zur Verfügung stände. Denn die bedeutsame Tatsache, daß sich die Kategorien auf die Bewegung der Dinge anwenden lassen, ist auch den Inhalten der Erzeugnisse gegenüber nicht apodiktisch [logisch zwingend, demonstrierbar - wp] zu machen. Da die Differenz der Besonderheit und Allgemeinheit überhaupt erst die deduktive Reihe trägt, so bleibt ein genügend breiter Spielraum übrig, um das Problem der kosmischen Beziehung auch hier explizit zu fordern. Darum wird bei der aprioristischen Gedankenentwicklung, die in jedem Subjekt so leidenschaftlich nach der logischen Anweisung auf sein Prädikat sucht, besonders scharf erkennbar, daß alle Differenzierungen und Synthesen unseres Begreifens vorläufig nur in den Büchern gelten und außer ihrer reflexiven Wichtigkeit oder Richtigkeit noch keine Wahrheit im kosmischen und erkenntnistheoretisch transzendierenden Sinn besitzen. Die methodischen Ergebnisse müssen über das Feld ihrer bloßen Erkenntnistheorie kritisch und konstitutiv hinausbezogen werden. Es ist von vornherein klar, daß sich diese Übergänge aus dem bloßen Nachtönen der Empfindung in Gedanken unmöglich herstellen lassen. Auch die selbständige Veränderung der Dinge während der Wahrnehmungspausen darf nur in einem sehr beschränkten Maße realistisch ausgelegt werden. Abgesehen davon, daß hier ein Differentiale des Bewußtseins als naheliegende Erklärung eintreten könnte, gehen die überzeugendsten Momente dieses Beweises aus einer undeutlichen Anwendung des Kausalitätsbegriffes hervor, der ohne weiteres in das Material selbst verlegt wird. Damit ist lediglich eine Transzendenz des logischen Subjekts gegeben, die nicht einmal wie bei RICKERT den Anteil der gewissen Tatsächlichkeit erreichen kann, sondern aus lauter zurückgelassenen und populär gewordenen Prädikaten zur vermeintlichen Wahrheit übergeht. Erst durch eine Transzendenz, die von den völlig zu Ende gedachten Prädikaten ausgeht, ist die konstitutive Beweisführung zwingend und elegant zu gewinnen. Bereits FREYTAG wünschte diese allein zulässige Logik der Transzendenz aus der Möglichkeit des Induktionsschlusses zu gewinnen, während von der PFORDTEN den Grad der transzendentalen Erlaubnis jeweils durch Konformitäten verschiedener Ordnung auszudrücken suchte. Wenn bei den zahllosen Synthesen, die etwa mit einem Benzolkern vorzunehmen sind, jedesmal die vorausgesehenen Derivate entstehen, so tritt hier eine Übereinstimmung zweier Reihen hervor, als ob die Reaktionen genau unser chemisches Rezept auszuführen hätten. Die Transzendenz wirkt bei diesen Versuchen allerdings nicht rein Prädikativ: aber die bedeutsame Unterscheidung zwischen den verschiedenen Arten der Konformität leitet doch schon eine wichtige Differenzierung des Problems ein. In dieser steigenden Genauigkeit hat es KÜLPE versucht, das Verfahren der Realisierung durch eine streng spezialisierte Methodenlehre in den einzelnen Wissenschaften festzustellen. Durch den Nachweis jener Realismen, die sich durch die physikalisch analysierte Erscheinung oder durch den Gewinn der historischen Realität aus bloßen Denkmälern und schriftlichen Quellen ergeben haben, soll ein kritischer Realismus begründet werden, der freilich die Wiederkehr der unmittelbaren Bewußtseinswirklichkeit mitten im Zusammenhang der einzelnen Realitäten ebenfalls nicht begreiflich macht. Auch die tiefeindringenden Untersuchungen, in denen KÜLPE namentlich die Setzung und Bestimmung eines fremden Seelenlebens und einer geschichtlichen Wirklichkeit betont, da die vergangene Realität so wenig, wie es eine rückläufige Zeit gibt, zum Gegenstand der Wahrnehmung werden kann, scheinen doch nur auf die Fragen der realen Setzung gerichtet zu sein. Die Beschränkung auf das Problem der Realität gilt aber allein unter der Annahme, daß es eine bereits geschlossene Wirklichkeit der Dinge gibt, die in der subjektiven Bewußtseinswirklichkeit nur getrübt vorkommt und erst durch die einzelwissenschaftliche Methode wieder reproduziert werden kann. Abgesehen davon, daß der Erfolg der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht in der möglichst treuen Wiederholung einer bestehenden Realität zu suchen ist, scheinen mit der Setzung und dann mit der Bestimmung der Realitäten streng gesonderte Aufgaben vorzuliegen. Da sich die Setzung des Seins nur auf die begrifflich bezeichneten Objekte und nicht auf ihre Begriffe und begrifflichen Reaktionen selbst bezieht, so ist durch die Realisierung noch durchaus keine wechselseitige Garantie für die Bestimmtheit der idealisierenden Deutungen angegeben.

Schon der einfache und von KÜLPE selbst erwähnte Satz, daß die Sonne den Stein erwärmt, enthält außer der realen Deutung, daß die wirkliche Sonne den wirklichen Stein erwärmt, auch noch den anderen Sinn, daß die Begriffe dieser beiden Objekte in einem bestimmten Verhältnis stehen, das freilich nicht durch die Erwärmung zu umschreiben ist. Auch der kausale Zusammenhang kann hier deshalb nicht ausreichen, weil damit nur die Erwärmung in eine abstrakte Relation übertragen worden wäre. Was hier allein vorliegt, ist nicht durch einen kontinuierlichen Übergang von der Realität her zu erreichen, sondern muß mit den eigenen Kriterien der Deutung entwickelt werden. Die gesamte qualitative Mitwissenschaft: von den einzelnen Problemen des tierpsychologischen Verständnisses und dem Aufbau der historische wirksamen Motive bis zu jenem umfassenden Versuch einer inneren Erschließung der Dinge gewinnt hier ihren erkenntniskritisch vollendeten Sinn. Wenn es SCHELLING oder SCHOPENHAUER unternommen hatten, statt des Skizzierens der äußeren Fassaden einen unterirdischen Gang in uns selbst zu suchen, der wie durch Verrat auf das innerste Wesen der Welt hinführen sollte, so war diese Umdeutung der Dinge noch in einem mehr ästhetischen Reiz und in Bildern von einer außerordentlichen logischen Kühnheit ausgeführt worden. Es konnte hier scheinen, als ob ein geheimnisvoller Zug durch die Welt seine Odyssee unternehme, um vielfach getäuscht in den Fahrten unserer eigenen Seele erkannt zu werden. Was darin durch die Lehre vom verschleierten Bild zu Sais seine eigentümliche Symbolik wiederfand, darf in der modernen Metaphysik allein durch Kriterien entschieden werden, die statt der bloßen Hypostase [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] die konstitutive Kraft der Idealisierung bestimmen . Überdies hat sich die Problemlage so durchgehends verschoben, daß die Kraft der Deutung nicht mehr über eine gleichmäßig geordnete Fläche auszudehnen wäre, sondern im Problem des zeitlichen Prozesses und besonders der heraufziehenden Evidenz eine variierende Erleuchtung verbreiten müßte. So schließt das Problem der Transzendenz zugleich die rein methodische Begründung einer Metaphysik ein, die nicht nur das Fragengebiet einer allgemeinen Weltanschauung ausmacht, sondern die gelebte Gegenwart selbst zu einem totalen Wissen vertieft, das ebenso sehr die Dunkelheit des ersten Anfangs, als auch die Ratschläge für jenen mystischen Ausgang enthält, dem die Dinge in ihrem Prozeß zutreiben sollen.

Die Sehnsucht nach einem neuen metaphysischen Zug ist im geistigen Gesamtleben hoch gestiegen und dennoch ist die Zahl derjenigen Philosophen sehr gering geblieben, deren Arbeit sich nicht in rein methodologischen Untersuchungen erschöpft. So hat gerade KÜLPE eine außerordentliche Fülle einzelwissenschaftlicher Gedanken verarbeitet, um eine mögliche Einheit philosophischer Leistungen und dadurch eine Metaphysik ohne persönliche Beinamen einzuleiten. Auch die polyhistorische Macht, mit der WUNDT die Methoden und Erkenntnisse der einzelnen Wissenschaften ausgeglichen hat, um die Stufenreihe der Willenstätigkeiten mit der Idee einer absoluten Totalität abzuschließen, hat zur eigenartigen, wenn auch glanzlosen Synthese geführt, die dem bloßen Scharfsinn zur Verfügung steht. Da es aber metaphysisch nicht darauf ankommt, daß die mittlere Linie der Enzyklopädie eingehalten werde, so sind die spekulativen Erfolge weit deutlicher bei EDUARD von HARTMANN zu erkennen, obwohl der eigentlich originale Impuls auch hier unsicher geblieben ist. Auch in HARTMANNs Kategorienlehre, wo die nüchterne Phantastik wenigstens der Darstellung nach einige Rechte erhalten darf, wirkt die Arbeit HARTMANNs so entfremdet und entlegen, als ob alle Probleme des Daseins zu stillen und ungeheuren Rechenexempeln geworden wären. Um die Möglichkeit der metaphysischen Urteile a posteriori nachzuweisen, suchte HARTMANN die Kategorie als eine Beziehung zu setzen, die am alogischen Inhalt durch eine unbewußte logische Determination zu vollführen ist. Darum werden die Kategorien in allen Sphären weit über die bloße Differenzierung der apperzeptiven Synthesis hinausverfolgt und durch die alogische Initiative und logische Formung zu einem induktiv nachweisbaren Umschlag und Übergang gebracht. Die Kategorien sind das logische Fachwerk, in das die ihrer Daßheit nach unbegreiflichen Dinge eingebaut sind. Deshalb verläßt HARTMANN sowohl die Materie, wie die bewußten Individuen, damit erst in der metaphysischen Sphäre das absolute Subjekt für die materiierende und formierende Tätigkeit entdeckt werde. Sofern hier als das Bewußtsein nur zu einer Episode des Zusammenpralls individueller Teiltätigkeiten geworden ist, um ringsum von einer unbewußten und darin allein substanziellen Funktion umgeben zu sein, hat HARTMANN die Frage nach den Grenzen unserer Mitwissenheit auf eine eigentümliche Weise entschieden. Gewiß sucht er dadurch einen Anschluß an die außerindividuellen Intellektualfunktionen zu gewinnen, daß er die kategoriale Synthesis auch im Licht des Bewußtseins weiterarbeiten läßt. Aber damit läßt sich die gewußte Gegenwärtigkeit nicht so stark sprengen, daß alle Geheimnisse der Hölle und des Himmels sichtbar werden. Der Standpunkt des  cogito ergo sum  ist darin so wenig aufgehoben, als es jemals möglich war, ohne das Licht unseres Eingeweihtseins in die Dinge metaphysisch zu sehen. Es kommt nur darauf an, daß aus dem Affekt des transitorische Augenblicks, in dem sich jederzeit das Ganze des Prozesses zuträgt, auch die Metaphysik des Geschehens flutend und mit einem einzigen, ungeheuren und auflösenden Gedanken gewonnen werde.

Darum wird die tiefe Frage des innerlich erlebten Prozesses der Dinge auch dann nicht zu beruhigen sein, wenn das Leben nicht mehr nach den einzelwissenschaftlichen Rubriken der Physik oder Theologie, sondern aus den durchaus selbständigen Bedürfnissen der philosophischen Methode und daher nach den großen Reihen der Geburt, der Liebe und des Todes begriffen werden soll. Wie sich in BERGSONs Arbeiten ein neuer Begriff der Intuition und des zeitlichen Verlaufs vollzieht, so drängt SIMMEL in dem Satz, daß das Ganze der Wahrheit ebensowenig wahr zu sein braucht, wie das Ganze der Materie schwer ist, durchaus über die rationale Seite der einzelnen Erkenntnisse nach einer anderen und totaleren Seite hinaus. Es ist, als ob hier die Wahrheit mit dem logischen Reichtum der kleinen Realitäten, den SIMMEL aufgedeckt hat, unzufrieden geworden wäre und in sich ebensowohl das Paradies wie den immer noch hilfsbedürftigen Gott als Idee spüren wollte. Die heftige Gärung dieses Gedankens bei NIETZSCHE zu erkennen, wenn er alle Probleme gefühlsmäßig bis zur Passion übersetzt und nun das gesamte Sein der Vergangenheit hinter den Menschen erlöschen läßt, um in der Gegenwart nach dem großen Widerschein der Zukunft zu suchen. Aber die Machtmittel, die er gegen den zögernden Himmel richtete, waren ebenfalls aus dem Augenblick der vorüberfliegenden Empfindung stets zwischen der Erinnerung und der evidenten Einbildung wandern, sind sowohl gegen die unerledigte Vergangenheit, wie gegen die unbekannte Zukunft unerlöst geblieben. Obwohl wir niemals dort sind, wo wir zu erkennen haben, stellt sich trotzdem alles Geschehene und Kommende wie eine gegen die Vernichtung und Vollendung gleichgültige Ordnung von Inhalten dar. Was noch naturphilosophisch als Beschränkung aller Abstoßungen und Anziehungen auf einen nichteuklidischen Raum erscheinen kann, der nur als Kraftfeld mit völlig ruhender Gegenwart besteht: dies verliert bei der Einordnung in die historische Zeit alle Möglichkeit des Verständnisses und geht in einen falschen Augenblick über, der sich gespenstisch oder verträumt mit einer unkalkulierbaren Hemmung an den Zug der echten und arbeitenden Gegenwart hängt. Darin ist zugleich der geheime Anlaß für die eigentümliche Einsicht zu suchen, daß wir historisch den verlorenen und verborgenen Momenten gegenüber so mühsam von der Stelle kommen: die Toten bleiben eifersüchtig und die kommenden Ereignisse der Geistesgeschichte lassen nirgends jenen gewaltigen Klang vermuten, der den Einzug einer Transzendenz als endgültig zu erwartende Neuheit ankündigt. Deshalb ist das metaphysische Verständnis in die unhaltbare Spannung geraten, daß die Vergangenheit wie ein ungesühntes Vergehen und die Zukunft wie ein friedloses Abenteuer erscheint, dem wir stets nur intentional und logisch entgegenstürzen. Es gibt noch keinen metaphysischen Begriff, der die schweren Vorgänge erlebte und einfaßte, die sich gerade in der eigenen Form der Auflösung und Heraufkunft abspielen. Aber es ist völlig evident, daß die neue Metaphysik in der Lösung jener Rätsel liegen muß, die als die eigentlichen Schicksale der Geschichte und Utopie erst unter einer absoluten Mitwissenheit in die Herrschaft und die neuen Befehle der Erkenntnis übertreten.
LITERATUR - Ernst Bloch, Kritische Erörterungen über Rickert und das Problem der modernen Erkenntnistheorie, Ludwigshafen 1908