tb-1<Frischeisen-KöhlerZur Lehre von der DefinitionErnst Bloch    
 
HEINRICH RICKERT
Die Grenzen der
naturwissenschaftlichen Begriffsbildung

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Einleitung
Erstes Kapitel - Die begriffliche Erkenntnis der Körperwelt
I. Die Mannigfaltigkeit der Körperwelt
II. Die Bestimmtheit des Begriffs
III. Die Geltung des Begriffs
IV. Dingbegriffe und Relationsbegriffe
V. Die mechanische Naturauffassung
VI. Beschreibung und Erklärung

Zweites Kapitel - Natur und Geist
I. Physisch und Psychisch
II. Begriffliche Erkenntnis des Seelenlebens
III. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft
Drittes Kapitel - Natur und Geschichte
I. Begriffsbildung und empirische Wirklichkeit
II. Der Begriff des Historischen
III. Historische Bestandteile in den Naturwissenschaften
IV. Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft

"Unter den verschiedenen Zweigen der Naturwissenschaft ist es zweifellos die theoretische Mechanik, die von dem uns aufgestellten logischen Ideal am meisten entspricht, denn unter die Begriffe dieser Wissenschaft fällt nichts mehr, das  nur  hier oder dort, dann oder jetzt im Raum oder in der Zeit zu finden wäre. Vielmehr sind ihre Begriffe absolut allgemein, soweit die Körperwelt überhaupt in Frage kommt."

"Soll das Wort  fühlen  vielleicht nicht die Bedeutung haben, daß der Inhalt des Gefühlten dadurch zu etwas, das kein Körper mehr ist, umgedeutet wird? Nun, dann ist es lediglich als eine Änderung in der Terminologie zu betrachten, wenn man anstelle des Wortes  Materie  das Wort  Energie  setzt. Sachlich bleibt dann alles beim Alten. Die Energie ist dann nur ein neuer Name für das körperliche Ding, das als eigentliche Realität der gesamten körperlichen Welt zugrunde liegt."

Erstes Kapitel
Die begriffliche Erkenntnis der Körperwelt

V.
Die mechanische Naturauffassung

Wir haben bisher versucht, den Ausführungen dieses Kapitels so weit wie möglich einen formalen Charakter zu geben. Nur von zwei inhaltlich bestimmten Voraussetzungen machten wir Gebrauch. Aus der Tatsache einerseits, daß wir eine sich in der Zeit verändernde intensive und extensive anschauliche Mannigfaltigkeit von Körpern im Raum vor uns haben und aus der Forderung andererseits, daß diese Mannigfaltigkeit, weil sie als Anschauung unübersehbar ist, eingefangen werden soll in ein vollkommen übersehbares System von Begriffen, haben wir das Ideal einer allgemeinen Theorie der Körperwelt konstruiert. (1)

Wir sind dabei nun zu einem Begriff gelangt, wie er tatsächlich in der Naturwissenschaft, mehr oder weniger durchgebildet, vielfach bereits Verwendung findet. Denn so lehr ja auch die Naturwissenschaft: die Welt, die sich uns in der Anschauung als eine so unendlich mannigfaltige darbietet, ist im Grunde genommen immer und überall dieselbe. Alle Verschiedenheit und aller Wechsel beruth auf der Bewegung eines unveränderlichen elementaren Substrates im Raum. Diese Bewegung wird beherrscht von einheitlichen Gesetzen, die aufzusuchen, mathematisch zu formulieren und in ein System zu bringen, die Aufgabe der Wissenschaft ist. Die körperliche Natur ist also als  Mechanismus  zu verstehen.

Eine Rechtfertigung der Übereinstimmung unserer logischen Deduktion mit diesen Lehren ist hier nicht notwendig. Nur dem Mißverständnis müssen wir vorbeugen, als meinten wir, daß logischen Überlegungen, wie wir sie angestellt haben, die Grundbegriffe der mechanischen Naturauffassung ihr Dasein verdanken. Im Gegenteil, wir wissen, daß diese Begriffe auf einem anderen Weg entstanden sind, den wir zum Teil deutlich verfolgen können, der uns aber in diesem Zusammenhang nichts angeht. Nicht genetisch, sondern teleologisch wollen wir hier verfahren; die Darstellung der Entstehung einer Ansicht ist etwas ganz anderes, als ihre logische Begründung. Wir lassen es auch dahingestellt, ob wir hier den einzigen logischen Gesichtspunkt gewonnen haben, unter dem das logische Ideal einer allgemeinen Theorie der Körperwelt zu betrachten ist. Es reicht aus, wenn es nur ein richtiger Gesichtspunkt unter anderen ist, die vielleicht ebenso richtig sind. Wir haben diesen Gesichtspunkt gewählt, weil wir so am besten das klarlegen konnten, was wir später bei einer Aufzeigung der Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung brauchen werden. Eine erschöpfende Darstellung der naturwissenschaftlichen Methode liegt ja nicht in unserem Plan. Die Bedeutung des hier dargestellten Teiles für unseren Zweck kann erst in einem späteren Zusammenhang klar werden.

Wir könnten nun die Untersuchung über die begriffliche Erkenntnis der Körperwelt mit einer die wesentlichen Resultate zusammenfassenden Übersicht abschließen. Doch wollen wir vorher noch den von uns auf logischem Wege gefundenen allgemeinen Begriff der Körperwelt ausdrücklich zu einigen Begriffen der wirklich vorhandenen Naturwissenschaft in Beziehung setzen. Wenn wir mit etwas weniger abstrakten Begriffen arbeiten, so wird dadurch unser Gedankengang vielleicht leichter verständlich werden, ja, er wird vielleicht sogar an Überzeugungskraft gewinnen, wenn wir zeigen können, daß er sich mit Theorien der empirischen Wissenschaft in Übereinstimmung befindet. Sodann müssen wir auf die wirklich vorhandene Wissenschaft auch deshalb Bezug nehmen, weil es so scheinen könnte, als wären unserelogischen Ausführungen nicht allgemein genug, d. h. als umfasse unser allgemeinster Begriff von der Körperwelt nicht alle die allgemeinen Begriffe, zu denen die Wissenschaft gelangt ist, ja stehe sogar mit einigen von ihnen im Widerspruch. Gerade neuerdings ist ja auch von naturwissenschaftlicher Seite die mechanische Naturauffassung der Gegenstand von Angriffen geworden. Wir werden zu zeigen haben, daß wo ein solcher Widerspruch vorhanden ist, er sich nicht gegen empirisch begründete oder begründbare Theorien richtet. Jedoch können wir im Allgemeinen mehr Übereinstimmung als Widerspruch konstatieren.

Die folgenden Ausführungen werden natürlich vom gegenwärtigen Stand der Wissenschaft in ihrer Formulierung abhängig, d. h. während das bisher Gesagte nur dadurch modifiziert oder widerlegt werden kann, daß eine logische Inkonsequenz darin nachgewiesen wird, so können Einzelheiten dieses Abschnittes durch Wandlungen in den empirischen Wissenschaften umgestoßen werden. Das kann als ein Übelstand erscheinen. Ja, es kommt noch etwas hinzu, das diesen Übelstand vergrößert. Natürlich ist unsere Aufgabe auch jetzt in der bereits wiederholt angedeuteten Weise begrenzt, d. h. unter den Theorien der Naturwissenschaften, werden wir auch hier wiederum nicht auf solche Untersuchungen Bezug nehmen, die, zu Bearbeitung spezieller Probleme unternommen, noch einer Einordnung in das Ganze der betreffenden Wissenschaft harren und im Wesentlichen als Materialsammlungen für umfassendere Theorien angesehen werden können, sondern wir müssen die naturwissenschaftlichen Gedankengänge aufsuchen, die als theoretischer Abschluß einer Wissenschaft gedacht sind oder wenigstens auf ihn hindeuten. Dabei aber wird es sich meist um Theorien handeln, in denen hypothetische Elemente eine hervorragend große Rolle spielen. Wir müssen daher sogar gerade solche Gebiete der Wissenschaft bevorzugen, auf denen zu arbeiten mancher Einzelforscher vielleicht eine Abneigung empfinden mag, weil er sich hier noch auf einem allzu unsicheren Boden bewegt.

Dem gegenüber aber ist zu bemerken, daß die Stellung der Wissenschaftslehre zu stark mit hypothetischen Elementen durchsetzten Theorien eine wesentlich andere sein muß, als die des Mannes einer Spezialwissenschaft, falls für diesen nicht ebenfalls logische Interessen maßgebend sind. Was dem Fachmann nämlich als voreilige Hypothese, ja vielleicht als Phantasma erscheint, kann unter logischen Gesichtspunkten deshalb interessant werden, weil aus dem Studium solcher auf einen theoretischen Abschluß der Wissenschaft hinstrebenden Gedanken oft besser als aus gesicherten Einzelergebnissen Klarheit über die allgemeinen Tendenzn und letzten Zweck der Wissenschaft zu gewinnen ist. Aus dem Zweck heraus wollen wir ja hier das Wesen der Wissenschaft verstehen. Daher ist es für uns von Interesse zu sehen, in welcher Richtung sich die Spezialforscher selbst den Abschluß ihrer Wissenschaft oder wenigstens ihre zukünftige Entwicklung denken. Insbesondere die Theoreme anerkannt bedeutender Forscher werden unter diesen Gesichtspunkt schon als persönliche Kundgebungen wichtig, d. h. sie haben ihren Wert als Gebilde, in denen mehr oder weniger klar die leitenden logischen Gesichtspunkte zum Ausdruck kommen und sie behalten diesen Wert auch dann, wenn sie sich inhaltlich vielleicht als verfehlt herausstellen sollten. Wenn wir in derartigen Gedanken nur eine logische Struktur entdecken können, die mit dem von uns entwickelten logischen Ideal übereinstimmt, so werden wir in ihnen schon eine Art von Bestätigung unserer Ansichten sehen dürfen und und auf sie beziehen. Wir gehen ja nirgends darauf aus, aus den Theorien der Naturwissenschaft "philosophische Konsequenzen" zu entwickeln, sondern wir wollen  nur  die logische Seite dieser Theorien verstehen. Unser Unternehmen ist also unbedenklich, wenn wir ausdrücklich den Vorbehalt machen, daß die folgenden Ausführungen nur insofern auf Gültigkeit Anspruch erheben können, als sie die in Betracht gezogenen Theorien der Naturwissenschaften als richtig voraussetzen dürfen. Es sollen die Ausführungen dieses Abschnittes überhaupt mehr Erläuterung und Bestätigung, als zur Erweiterung des bisher Gesagten dienen.

Unter den verschiedenen Zweigen der Naturwissenschaft ist es zweifellos die theoretische Mechanik, die von dem uns aufgestellten logischen Ideal am meisten entspricht, denn unter die Begriffe dieser Wissenschaft fällt nichts mehr, das  nur  hier oder dort, dann oder jetzt im Raum oder in der Zeit zu finden wäre. Vielmehr sind ihre Begriffe absolut allgemein, soweit die Körperwelt überhaupt in Frage kommt. Jedes beliebige Stück oder das Ganze der Körperwelt, jede intensive oder extensive körperliche Mannigfaltigkeit kann die Mechanik ihren Begriffen unterordnen und so in einem völlig übersehbaren Begriffssystem eine unendliche Mannigfaltigkeit umfassen. Ja, wir finden in neuester Zeit sogar einen Versuch, die Mechanik in ihren Grundbegriffen so zu gestalten, daß sie ganz dem von uns konstruierten Ideal einer vollkommenen Naturwissenschaft entspricht. Auf diesen Versuch wollen wir daher mit einigen Worten eingehen.

Die "Prinzipien der Mechanik" von HEINRICH HERTZ (2) unternehmen es, "alle einzelnen besonderen Gesetze dieser Wissenschaft aus einem einzigen Grundgesetz abzuleiten", wie HELMHOLTZ in seinem Vorwort zu diesem Werk es als Charakteristikum des Systems ausdrücklich hervorhebt. (3) In Rücksicht auf die Relationsbegriffe also ist in diesem System, nach dessen inhaltlicher Richtigkeit wir hier natürlich nicht fragen, die Körperwelt genau in dem Sinne vereinfacht, wie wir dies aus logischen Gründen gefordert haben. Es ist der Versuch gemacht worden, einen letzten Gesetzesbegriff zu finden, als dessen Arten alle anderen Gesetze zu verstehen sind. Und mit den Dingbegriffen steht es nicht anders. Außer den Gesetzesbegriffen steht es nicht anders. Außer den Gesetzesbegriffen bleiben in diesem System nämlich nur Raum, Zeit und Masse als nicht weiter ableitbare Begriffe übrig. Der Begriff der Kraft oder der Energie ist als selbständige Grundvorstellung beseitigt; er tritt nur "als eine mathematische Hilfskonstruktion" auf, als "das nur gedachte Mittelglied zwischen zwei Bewegungen". (4) Raum und Zeit sind nun aber für eine allgemeine Theorie der Körperwelt keine Probleme, da nicht Raum und Zeit, sondern die Welt in Raum und Zeit begriffen werden soll. Sie kommen für uns hier überhaupt nicht in Betracht. Es findet sich also von naturwissenschaftlichen Begriffen in diesem System neben dem  einen  Gesetzesbegriff, der alle Relationen der Dinge umfaßt, nur noch der  eine  Dingbegriff der Masse vor, unter den alle anderen Dingbegriffe gebracht werden. Wir können daher, ohne auf Einzelheiten dieses Systems weiter einzugehen, darin den Versuch einer in unserem Sinne vollkommenen Theorie einer unendlichen Mannigfaltigkeit konstatieren.

Wenn nun aber dieses System sich nicht nur als formal vollkommen, sondern auch als inhaltlich richtig erwiese, wäre dann in ihm schon die Aufgabe gelöst, eine "letzte Naturwissenschaft" so zu gestalten, daß sie  alle  Dingbegriffe der anderen Wissenschaften bis auf den einen Massebegriff in Relationsbegriffe auflösen kann? Wäre damit im Prinzip die Arbeit, die  gesamte  Körperwelt durch Begriffe vollkommen zu vereinfachen, abgeschlossen und daher, wenn wirklich Vereinfachung durch Begriffe die Aufgabe der Naturwissenschaft ist, die Naturwissenschaft in der Ausbildung der allgemeinsten Begriffe mit ihrer Arbeit zu Ende? Selbstverständlich ist das nicht der Fall und es wird für uns von Interesse sein zu sehen, was schon unter rein formalen Gesichtspunkten auch der HERTZschen Mechanik zur Erfüllung dieser Aufgabe noch fehlt.

Die Vereinfachung der Welt ist in der Mechanik sozusagen teuer erkauft. Der Massebegriff dieser Wissenschaft umfaßt zwar die unübersehbare Mannigfaltigkeit der Körper, macht sie aber, soweit es sich um die unmittelbare gegebene Wirklichkeit handelt, nur in Rücksicht auf das begreiflich, was sich schon in der empirischen Anschauung als Bewegung oder Ruhe der Körper darstellt und sucht sonst nur noch jenes "verborgene Etwas", das "hinter den Schranken unserer Sinne" als "heimlicher Mitspieler" wirken soll, als Bewegung und Masse zu verstehen. (5) Aus der sichtbaren und greifbaren, kurz aus der gesamten anschaulichen Mannigfaltigkeit der Körperwelt ist also nur das herausgegriffen, was aus den angegebenen Gründen am allerleichtesten einer vollkommenen Vereinfachung durch die Begriffsbildung zugänglich ist: die Gesamtheit des Quantitativen.

Daraus aber ergibt sich, daß für eine mehr als willkürliche Vereinfachung dessen, was sich uns in der Körperwelt nicht unmittelbar als Bewegung darstellt, hier noch so gut wie nichts getan ist. Es werden, um wieder Worte von HELMHOLTZ zu gebrauchen, "noch große Schwierigkeiten zu überwinden sein bei dem Bestreben, aus den von HERTZ entwickelten Grundlagen, Erklärungen für die einzelnen Abschnitte der Physik zu geben". (6) Mit anderen Worten: die optischen, akustischen, thermischen, elektrischen Vorgänge stehen noch als eine Mannigfaltigkeit vor uns, die nicht wirklich durch einen wissenschaftlichen Gesetzesbegriff überwunden, sondern in der allgemeinen Bedeutung des Wortes Masse einfach ignoriert ist. Der Begriff der Masse ist, wenn auch nicht für die theoretische Mechanik, so doch in Bezug auf die qualitative Mannigfaltigkeit der im engeren Sinn physikalischen Dinge und Vorgänge nur eine unbestimmte allgemeine Wortbedeutung, denn da die Sätze der Mechanik nicht anwendbar sind auf die leuchtende, tönende, warme, elektrische Körperwelt, so geben sie uns auch keine durchgebildeten mechanischen Begriffe von Licht, Schall, Wärme, Elektrizität.

Dem entspricht der Zustand der Physik. Sie ist von dem von uns aufgestellten logischen Ideal noch weit entfernt. Sie unterscheidet eine Anzahl verschiedener Gebiete, von denen fast jedes seine besonderen Gesetze hat. Ihre Relationsbegriffe sind daher noch nicht in ein einheitliches System gebracht und ebensowenig ist sie zu einer Einheitlichkeit in den Dingbegriffen vorgeschritten. Wohl faßt sie ganz im allgemeinen Licht und Schall als Bewegung von Massen auf, aber der Begriff eines einheitlichen gemeinsamen Substrates dieser Bewegungen, der Begriff der "letzten Dinge", ist noch nicht ausgebildet und anwendbar. So ist also von einer wirklich allgemeinen Theorie der  gesamten  körperlichen Mannigfaltigkeit noch keine Rede. Zwischen der Mechanik und der Physik im engeren Sinne klafft vielmehr noch eine große Lücke.

So gewiß aber der Zustand der Physik in Rücksicht auf das logische Ideal unvollkommen ist und es bis zu einem gewissen Grade vielleicht immer bleiben muß, so gewiß geht auch das Streben der Wissenschaft dahin, diese Unvollkommenheit in unserem Sinne immer mehr einzuschränken und etwas wie die von uns sogenannte letzte Naturwissenschaft zu schaffen, welche die Mannigfaltigkeit in den Ding- und Relationsbegriffen der Physik immer mehr vereinfacht. Es gilt, einen gemeinsamen Massebegriff zu finden, der Mechanik und Physik mehr miteinander verbindet. Es gilt ferner, auch Relationsbegriffe aufzustellen, die nicht nur einzelne Gebiete der physikalischen Mannigfaltigkeit umfassen. Diese Tendenz bestätigt wiederum unsere logischen Ausführungen. Jede Entdeckung, die etwas Gemeinsames zwischen zwei scheinbar prinzipiell voneinander verschiedenen Vorgängen feststellt, wird als ein epochemachender Fortschritt der Wissenschaft begrüßt. Es ist darin eben immer eine neue Vereinfachung der anschaulichen Mannigfaltigkeit gelungen.

Um ein Beispiel zu haben, können wir auch hier wieder an HEINRICH HERTZ erinnern und zwar an das, was er über die Beziehungen zwischen Licht und Elektrizität gelehrt hat. Sowohl in Rücksicht auf die Relationsbegriffe, als auch auf die Dingbegriffe liegt hier ein großer Fortschritt in der Vereinfachung der physikalischen Theorien vor, wie nicht näher ausgeführt zu werden braucht. Ja, HERTZ hat im Zusammenhange mit diesen Untersuchungen bereits eine Vereinfachung der körperlichen Mannigfaltigkeit angedeutet, die nicht nur in der Richtung auf das von uns logisch konstruierte Ideal liegt, sondern sich wieder mit diesem Ideal in ihrer logischen Struktur vollständig deckt, d. h. er hat auf einen Weltbegriff hingewiesen, durch dessen Ausbildung die mechanische Naturauffassung nicht nur das schon in der Anschauung als Bewegung Gegebene wirklich begreifen könnte. Unmittelbar anschließend an die Frage nach dem Wesen der elektrischen Kräfte im Raum erhebt sich nämlich für HERTZ die "gewaltige Hauptfrage" nach dem Wesen des  Äthers,  d. h. des "raumerfüllenden Mittels", woraus  alle  körperlichen Dinge und Vorgänge bestehen sollen. "Immer mehr gewinnt es den Anschein, als überrage  diese  Frage alle anderen, als müsse die Kenntnis des Äthers uns nicht allein das Wesen der ehemaligen Imponderabilien [Unwägbarkeiten, wp] offenbaren, sondern auch das Wesen der alten Materie selbst und ihrer innersten Eigenschaften, der Schwere und der Trägheit. Die Quintessenz uralter physikalischer Lehrgebäude ist uns in den Worten aufbewahrt, daß alles, was ist, aus Wasser, aus Feuer geschaffen ist. Der heutigen Physik liegt die Frage nicht mehr fern, ob nicht alles, was ist, aus dem Äther geschaffen sei." (7)

In welchem Zusammenhang diese Sätze mit unseren Ausführungen stehen, bedarf kaum der ausdrücklichen Hervorhebung. Als aus den elementaren Bestandteilen des Äthers bestehend müßte, wenn eine Theorie in diesem Sinne ausgebildet wäre, dann alle Mannigfaltigkeit der Körperwelt gedacht werden. Es käme nur darauf an, die Gesetze der verschiedenen Ätherbewegungen kennen zu lernen, die wir als Licht oder Wärme, Elektrizität oder Schall bezeichnen. Dann wäre diese physikalische Mannigfaltigkeit nicht mehr in einer unbestimmten Wortbedeutung ignoriert, sondern in Relationsbegriffen, die Gesetze enthalten, mechanisch verständlich geworden. Auch die Körperatome oder die Massenatome im engeren Sinne, als Bestandteile der ponderablen Materie, wären anzusehen als "Verdichtungszentren" der einen Äthermasse und wären daher, ebenso wie Schall und Wärme, Licht und Elektrizität, als besondere Formen der Ätherbewegung begriffen. Im Äther hätten wir also den Begriff, der die Brücke schlüge über jene Kluft zwischen Mechanik und Physik, die heute noch besteht, d. h. in ihm wäre, um in unserer Terminologie zu reden, jenes logisch geforderte "letzte Ding" (8) gefunden, mit Hilfe dessen es möglich ist, alle Mannigfaltigkeit der Körperwelt ohne Willkür mechanisch zu überwinden. Und wären dann alle diese Ätherbewegungen schließlich aus dem einen Grundgesetz (9) der HERTZschen Mechanik zu verstehen, so wären wir im Besitz eines logisch vollkommenen Weltbegriffs, dem sich alle denkbaren Dinge und Vorgänge der Körperwelt unterordnen lassen.

Ob das von HERTZ entworfene Ideal für die Naturwissenschaft jemals erreichbar ist, danach fragen wir nicht. Nur darauf kommt es uns an, daß es mit dem von uns konstruierten logischen Ideal in allen wesentlichen Punkten übereinstimmt und daß ein prinzipieller Fortschritt in den allgemeinen Theorien der Körperwelt einen Schritt in der Richtung auf dieses Zeil hin bedeutet.

Nun finden sich aber, wie bereits angedeutet, in der modernen Naturwissenschaft auch Theorien, die sich in einer anderen Richtung bewegen. Es wird daher noch weiter zur Erläuterung unserer Ausführungen beitragen, wenn wir uns auch mit dieser Richtung kurz auseinandersetzen, die unseren logischen Konstruktionen zu widersprechen scheint. Wir wollen uns auch hier auf ein Beispiel beschränken und zwar wählen wir eine Theorie, die, so weit wie möglich von den HERTZschen Gedanken abweicht. Können wir nachweisen, daß sogar sie nicht geeignet ist, unsere logischen Ausführungen zu erschüttern, so werden damit auch die zwischen ihr und den Ansichten von HERTZ liegenden Theorien erledigt sein.

OSTWALD hat mit seiner "Energetik" sich auf das Entschiedenste gegen die Ansicht gewendet, daß die Auflösung der Erscheinungen in ein System bewegter Massenpunkte das Ziel sei, welches die Naturerklärung erreichen könne. Er will die "mechanistische Weltauffassung" beseitigen und durch die "energetische" ersetzen, d. h. anstelle des Begriffs der Materie oder der bewegten Masse soll der Begriff der Energie treten. Der allgemeinste Weltbegriff würde sich danach so gestalten, daß "alles Geschehen in der Welt nur in Änderungen der Energie im Raum und in der Zeit besteht und daß somit diese drei Größen die allgemeinsten Grundbegriffe sind." (10)

Zunächst sehen wir, daß auch diese Ansicht im Wesentlichen mit den allgemeinsten Ergebnissen unserer logischen Ausführungen übereinstimmt. Wir finden sogar bei OSTWALD wiederholt den Gedanken ausdrücklich formuliert, daß es die Aufgabe der Wissenschaft sei, die unbegrenzte Mannigfaltigkeit der Erscheinungswelt gedanklich zu bewältigen. Wenn er sich auch nicht darüber klar ist, daß die Vereinfachung der Welt in einer Umwandlung der Wirklichkeit durch die Begriffsbildung besteht, sondern zu meinen scheint, in der unmittelbar gegebenen Wirklichkeit selbst ein Einfaches und Beständiges vorfinden zu können, so geht doch diese Differenz mehr auf die erkenntnistheoretische Deutung der naturwissenschaftlichen Theorien, als auf die Gestaltung dieser Theorien selbst und kann daher hier unberücksichtigt bleiben.

Ja, in gewisser Hinsicht scheint sogar die Energetik unseren Ansichten noch weiter entgegen zu kommen, als die mechanische Naturauffassung, nämlich in Bezug auf die Beseitigung der Vorstellungen von Dingen. Die Dingbegriffe sind hier so vollständig in Relationsbegriffe aufgelöst, als ob es eine Grenze dafür nicht gebe und die Notwendigkeit, den Begriff eines letzten Dinges übrig zu behalten, für die Naturwissenschaft garnicht bestände, denn der Energiebegriff soll doch wohl kein Dingbegriff mehr sein. Wird also der Begriff der Masse vollständig durch den der Energie ersetzt und in der Energie das gesehen, was die eigentliche "Realität" der Körperwelt bildet, so sieht es hier in der Tat so aus, als ob eine allgemeine Theorie der Körperwelt ausgebildet wäre, die nur noch mit Relationsbegriffen arbeitet.

Es könnte also so scheinen, als sei hiernach unsere Einschränkung in Bezug auf die Umsetzung der Dingbegriffe in Relationsbegriffe gar nicht nötig gewesen. Wenn wir nur diese Einschränkung nicht gemacht hätten, so würde die Energetik noch mehr als die Äthertheorie der Richtigkeit unserer logischen Deduktionen bestätigen. Dann könnten wir es also bei dem Gesagten bewenden lassen und uns auch auf die Energetik als ein mit unserem logischen Ideal übereinstimmende allgemeine Theorie der Körperwelt berufen, in der sogar der Begriff des letzten Dinges beseitigt sei. Der Meinung, daß das Wesen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung in einer Vereinfachung der gegebenen Mannigfaltigkeit durch Umwandlung der Dingbegriffe in Relationsbegriffe besteht, widerspricht die Energetik jedenfalls nicht.

Trotzdem wollen wir zu zeigen versuchen, daß die vollständige Beseitiung der Dingbegriffe durch die Energetik nur scheinbar gelungen ist und also unsere Einschränkung durchaus notwendig war. Doch müssen wir dabei einen Vorbehalt machen. Es kann hier nicht unsere Sache sein, über die Bedeutung zu urteilen, welche die Energetik für die Lösung spezieller naturwissenschaftlicher Probleme besitzt. Die Naturwissenschaft hat sehr oft Wege zu gehen, die durchaus nicht mit denen übereinzustimmen brauchen, die von logischen Gesichtspunkten aus als die kürzesten erscheinen. Nur in Rücksicht auf das letzte Ideal, auf das eine alle einzelnen Theorien umfassende Wissenschaft hinstrebt, muß die Logik mit der empirischen Wissenschaft schließlich zusammentreffen, sonst aber ist es sehr wohl möglich, daß unter Umständen eine logisch vollkommene Theorie für vorläufige Zwecke innerhalb der Spezialwissenschaft noch ganz ungeeignet ist. Es würde daher gar nichts gegen unsere logischen Ausführungen beweisen, wenn eine Äthertheorie im Sinne von HERTZ sich für die augenblicklich gegebenen Probleme der Naturwissenschaft unfruchbarer erwiese, als die Energetik von OSTWALD. Die Äthertheorie könnte darum immer noch ihre Bedeutung als Darstellung des letzten Zieles der naturwissenschaftlichen Arbeit behalten. Was wir zeigen wollen, ist lediglich dieses, daß mit Hilfe der Energetik nicht zu einer abschließenden, vollständig allgemeinen Theorie der Körperwelt zu gelangen ist, sondern daß die Energetik, um eine vollkommen allgemeine Theorie der Körperwelt zu werden, wenigstens so lange sie auf dem Boden des empirischen Realismus bleiben und die Körperwelt im dreidimensionalen Raum als eine absolute Realität betrachten will, schließlich auch darauf hinauskommen muß, alles körperliche Geschehen als Bewegung "letzter Dinge", also mechanisch zu begreifen.

Zunächst kann eine empirische Wissenschaft, wie wir das bereits hervorgehoben haben, niemals den Begriff von Dingen ganz entbehren. Das "raumerfüllende Mittel", von dem schließlich alle Gesetze gelten, muß immer ein Ding sein. Wenn also die Energie das eigentlich Reale" der Körperwelt sein soll, dann muß sie selbst als ein körperliches Ding oder als aus Dingen bestehend gedacht werden. Die Behauptung OSTWALDs, von materiellen Dingen wüßten wir nichts, wir erführen oder "fühlten" immer nur die Energie (11), führt gänzlich aus dem Gebiet der Physik hinaus, im günstigsten Fall zu erkenntnistheoretischen Deutungen, bei OSTWALD aber zu sehr bedenklichen spiritualistisch gefärbten metaphysischen Behauptungen, die den Mann der Naturwissenschaft als solchen gar nichts angehen. Wenn OSTWALD die Wissenschaft auf das beschränken will, was er und die anderen Menschen "fühlen", so wandelt er damit alle Objekte der Wissenschaft in psychische Vorgänge um. Das ist keine Naturwissenschaft mehr. Vom naturwissenschaftlichen Gesichtspunkt aus braucht man durchaus einen körperlichen "Träger" der körperlichen Eigenschaften und es ist ganz gleichgültig, welche erkenntnistheoretische Deutung man diesem Begriff des Trägers geben will.

Soll aber das Wort "fühlen" vielleicht nicht die Bedeutung haben, daß der Inhalt des Gefühlten dadurch zu etwas, das kein Körper mehr ist, umgedeutet wird? Nun, dann ist es lediglich als eine Änderung in der Terminologie zu betrachten, wenn man anstelle des Wortes  Materie  das Wort  Energie  setzt. Sachlich bleibt dann alles beim Alten. Die Energie ist dann nur ein neuer Name für das körperliche Ding, das als eigentliche Realität der gesamten körperlichen Welt zugrunde liegt. Diese Terminologie ist aber keine glückliche. Besonder in der populären Darstellung, die OSTWALD der Energetik gegeben hat, gehen naturwissenschaftliche, erkenntnistheoretische und metaphysische Gedankengänge durcheinander. Allerdings ist ja auch die mechanische Auffassung der Körperwelt, so wie sie gewöhnlich verstanden wird, von metaphysischen Elementen durchaus nicht frei, aber es herrscht in ihr eine materialistische Metaphysisik, die in naturwissenschaftlichen Untersuchungen über die Körperwelt unschädlich und einer spiritualistischen Metaphysik bei weitem vorzuziehen ist. Auf jeden Fall muß eine empirisch-naturwissenschaftliche allgemeine Theorie der Körperwelt materielle Dinge beibehalten, von denen sie anniemt, daß aus ihnen die Körperwelt besteht und von denen alle Gesetze gelten.

Noch deutlicher zeigt sich, daß bei Festhaltung des empirischen Standpunktes und konsequenter Entwicklung die Energetik in ihrer logischen Struktur schließlich mit einer mechanischen Theorie zusammenfallen muß, wenn wir darauf achten, was ihr fehlt, um sie zu einer vollkommen allgemeinen Theorie der Körperwelt zu machen. Sie benützt nämlich eine Mehrheit von verschiedenen Energieformen, von denen sich jedoch die eine in die andere umwandeln können soll. Will sie nun die Umwandlung der einen Energieform in eine andere so begreiflich machen, daß im früher angegebenen Sinne keine Mannigfaltigkeit mehr unbegriffen bleibt, so muß sie schließlich alle verschiedenen Energieformen auf  eine  letzte Art der Energie zurückführen. Bleibt aber nur eine allen Formen zugrunde liegende Energie übrig, wie sollen dann die verschiedenen Energieformen zu begreifen sein, wenn nicht als nur durch ihre räumliche Anordnung und Bewegung voneinander verschiedene Komplexe von "letzten" Energie-Elementen? Wenn man also die Umwandlung nicht für unbegreiflich erklären will, so muß man ebenso wie in der Äthertheorie die Körperwelt wieder in ein System bewegter letzter Teile auflösen, die untereinander vollständig gleich sind. Ob man dann aber dieses Substrat als Äther oder als Energie bezeichnen will, das ist mit Rücksicht auf eine allgemeine Theorie der Körperwelt wiederum eine rein terminologische Frage.

Jedenfalls ist also auch durch die Energetik eine vollständige Auflösung der Dingbegriffe in Relationsbegriffe nicht möglich und die Annahme bewegter Masseteilchen bleibt für eine allgemeine Theorie der Körperwelt unentbehrlich. Wohl mag man diese "letzten" Dinge bei der Einzelforschung ignorieren können und sein Augenmerk nur auf die Maßbestimmung richten, durch welche die Äquivalenz verschiedener Naturvorgänge ausgedrückt wird, wohl mag also die Energetik den Begriff der Masse aus ihren Berechnungen entfernen und es mag das für spezielle naturwissenschaftliche Zwecke auch ein großer Vorteil sein: es sind stets letzte Masseteilchen als das Beharrende im Wandel der Vorgänge stillschweigend vorausgesetzt. Auch wenn wir also den Wert der Energetik für einen vorläufigen Fortschritt in den Wissenschaften von der Körperwelt noch so hoch veranschlagen müßten, so könnte sie doch niemals die mechanische Naturauffassung ganz verdrängen. Diese bleibt vielmehr zumindest als letztes Ziel, dem wir uns, auch welchen Umwegen auch immer ,annähern müssen, in voller Geltung. Und darauf allein kommt es für uns an. Die Energetik kann nie mehr als ein vielleicht notwendiger Umweg zu einem letzten Ziel sein. Das ist übrigens insofern wohl auch die Meinung von OSTWALD selbst, als nach ihm die Energetik "voraussichtliche als ein besonderer Fall noch allgemeinerer Verhältnisse erscheinen" wird. Nur meint er, daß wir "von deren Form zur Zeit kaum eine Ahnung haben können". (12)

Nachdem wir gesehen haben, welche Gestalt das Ideal einer letzten Naturwissenschaft im tatsächlich vorhandenen Wissenschaftsbetrieb angenommen hat und annehmen muß, wollen wir jetzt noch einen Blick auf das Verhältnis werfen, in welchem die einzelnen Zweige der Naturwissenschaft zu dieser letzten Wissenschaft stehen, um damit auch den Gedanken einer Anordnung der verschiedenen Wissenschaften nach der logischen Vollkommenheit ihrer Begriffe an Beispielen zu verdeutlichen.

Im Prinzip muß dieser Gedanke bereits klar sein, wenn wir an das Verhältnis der Physik im engeren Sinne zu einer allgemeinen Theorie der Körperwelt etwa im Sinne der Äthertheorie von HERTZ denken. Beschäftigt sich die Physik nur mit einzelnen Gebieten der Körperwelt, so kann sie bei einigen Begriffen der logischen Vollkommenheit entbehren, d. h. bei Allgemeinheitsvorstellungen anschaulicher Mannigfaltigkeit stehen bleiben. Die Optik und die Lehre von der Elektrizität haben Großes geleistet, ehe ein gemeinsamer Begriff für Licht und Elektrizität gefunden war. Werden die Teile der Physik dagegen in Beziehung zu einer allumfassenden Theorie der Körperwelt gesetzt, so muß das Bedürfnis erweckt werden,  alle  ihre Begriffe unter einheitliche Relations- oder Gesetzesbegriffe zu bringen und jede bloße Allgemeinvorstellung zu beseitigen.

Andererseits würden jedoch, auch wenn eine solche Umwandlung der Begriffe gelungen wäre, die Untersuchungen, die nur innerhalb eines Ausschnittes der Wirklichkeit angestellt sind und die für diesen Ausschnitt gefundenen Gesetze niemals ihren selbständigen Wert verlieren. Es könnte mit anderen Worten eine allgemeine Theorie der Körperwelt niemals die speziellen physikalischen Theorien überflüssig machen oder die Physik ganz in Mechanik auflösen. Warum das so ist, wird sich erst in einem späteren Zusammenhang vollständig klarlegen lassen, wenn wir die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung festzustellen suchen und dabei sehen, was auch füreine in höchster Vollendung gedachte Theorie der Körperwelt immer unbegreiflich bleiben muß. Hier, wo es sich um die allgemeinsten Tendenzen dieser Begriffsbildung handelt, suchen wir nur zu zeigen, wie jede Spezialwissenschaft über sich hinausstrebt, um wenigstens Zusammenhang mit einer rein mechanischen Auffassung der Natur zu gewinnen. Nur insoweit haben wir daher auch das Verhältnis der Physik im engeren Sinne zu einer absolut allgemeinen Theorie der Körperwelt in Betracht gezogen und wir müssen auf spätere Ausführungen als Ergänzung dieser Gedankenreihe hinweisen.

Dasselbe Verhältnis, wie es zwischen Physik und Mechanik besteht, zeigt sich uns, wenn wir jetzt einen Blick auf die Begriffe der Chemie werfen. Wir tun das, um dabei auch das über die Qualität der "letzten Dinge" Gesagte zu erläutern. Wie die physikalische Mannigfaltigkeit gegenüber der mechanischen, so bieten die chemischen Eigenschaften der Dinge eine neue anschauliche Mannigfaltigkeit gegenüber den beiden bisher betrachteten dar. Es sind dies die Qualitäten der ponderablen Stoffe. Von ihnen ist nicht nur in der reinen Mechanik, sondern auch in der Physik bei Betrachtung der Körper willkürlich abstrahier. Die Chemie stellt sich als besondere Wissenschaft die Aufgabe, auch diese Mannigfaltigkeit begrifflich zu bearbeiten.

Durch den Begriff des chemischen "Elementes", als des Begriffs der unzersetzbaren Stoffe, aus denen alle bekannten Stoffe bestehen, hat sie es bereits zu einer sehr großen Vereinfachung der gegebenen Mannigfaltigkeit gebracht und sie kann sich für ihre speziellen Zwecke bei einer Vereinfachung dieser Art vollkommen begnügen. Die unübersehbare Fülle der gegebenen verschiedenen Stoffe ist auf eine relativ kleine Anzahl von Grundstoffen zurückgefüht. Unter Begriffe von gesetzmäßig erfolgender Kombinationen dieser Grundstoffe kann alle chemische Mannigfaltigkeit, die der Erfahrung direkt zugänglich ist, gebracht werden.

Dabei arbeitet aber die Chemie noch immer mit einer verhältnismäßig großen Anzahl von Dingbegriffen, denn ihre Elemente stehen als eine Mannigfaltigkeit verschiedener Dinge unvermittelt nebeneinander, ja bisweilen werden sogar neue Elemente entdeckt. Es gibt also noch keinen wirklich abgeschlossenen Gesetzesbegriff, unter den die Mannigfaltikgeit der chemischen Elemente zu bringen wär oder der gar eine Einordnung jedes neu auftauchenden chemischen Elementes gestattete. Ebenso wie zwischen der rein mechanischen und der physikalischen Wissenschaft ist noch keine vollständige Verbindung zwischen der chemischen Betrachtung und einer mechanisch-physikalischen Theorie hergestellt.

Aber ebenso ist auch das Streben nach der Bildung eines Begriffs in der Chemie vorhanden, der die Aufstellung von unbedingt allgemeinen Sätzen über die chemische Mannigfaltigkeit ermöglicht und es kommt in diesem Streben wieder genau die Tendenz zum Ausdruck, die wir aus logischen Gründen gefordert haben. Die qualitativ voneinander verschiedenen und daher als rein tatsächliche Mannigfaltigkeit nebeneinander stehenden chemischen Elemente versucht man zunächst in eine geordnete Reihe zu bringen. Dies ist möglich, seitdem die Eigenschaften der Elemente als eine periodische Funktion ihrer Atomgewichte angesehen werden dürfen. Das Atomgewicht weist jedem Element seinen Platz in einem "wohlgeordneten Gefüge" mit Naturnotwendigkeit an. Damit aber hängt etwas weiteres zusammen. "Die Erkenntnis der Zusammengehörigkeit  aller  chemischen Elemente zu  einer  Reihe, welcher sich seit der Auffindung des Periodengesetzes kaum irgendein Chemiker mehr verschließt, hat ... die Überzeugung befestigt, daß ihnen allen  ein gemeinsames Etwas  innewohne und damit die einstige Zerlegung der Elemente zu einem festen, wenn auch vielleicht fernen Ziel der wissenschaftlichen Forschung gestempelt." (13)

Die Chemie hat also bereits einen Begriff gebildet, unter den jedes Element sich als ein durch das Atomgewicht, d. h. nur noch quantitativ bestimmtes Glied einer Reihe bringen läßt. Denken wir uns nun diese Theorien bis zur größten Vollkommenheit durchgeführt, so würde schließlich auch für die Chemie als das "gemeinsame Etwas" in allen Elementen nur noch ein einziger Dingbegriff übrig bleiben, der Begriff eines "Urelementes", das in verschiedener Anzahl und Anordnung in den heute noch als "Elementen" betrachteten verschiedenen Stoffen auftritt. Als aus einer Menge nur noch in unbegrenzter Anzahl vorhandener, untereinander aber völlig gleicher Urelementsatome bestehend, würde dann die gesamte Mannigfaltigkeit aller überhaupt möglichen chemischen Vorgänge zu denken sein. Setzen wir dann weiter den Begriff des Urelementes in Beziehung zu einer vollkommen allgemeinen Theorie der Materie im Sinne der Äthertheorie von HERTZ, so müßte das Urelement insofern mit dem Äther selbst identisch gedacht werden, als es die Art der Äthermodifikation darstellt, die als ponderable Materie bezeichnet wird. Und die Gesetze endlich, unter denen sich die verschiedenen chemischen Stoffe bilden, müßten natürlich ebenfalls dieselben mechanischen Gesetze sein, welche die Ätherbewegungen überhaupt beherrschen. Dann wäre auch die gesamte chemische Mannigfaltigkeit in einer rein mechanischen Naturauffassung untergebracht und dadurch vollständig begriffen.

Jedoch würde auch hierdurch wiederum der Chemie ihr Charakter als selbständige Wissenschaft so wenig genommen werden, wie der Optik oder Akustik gegenüber der Mechanik. Die Chemie bleibt als Chemie bei den Eigenschaften der chemischen Stoffe stehen und überläßt ihren letzten Dingbegriff, den chemischen Stoff überhaupt oder das Urelement, der letzten Naturwissenschaft, die ihn in einen Relationsbegriff umzuwandeln hätte. Nur darauf kommt es hier an, daß, wenn wir uns eine allgemeine Theore der Körperwelt vollendet denken, in ihr alle Begriffe der Chemie, ebenso wie der Physik, in Relations- oder Gesetzesbegriffe aufgelöst werden könnten.

Wenn nun aber auch alle diese Theorien vollkommen ausgebildet wären, so wäre damit ein Abschluß der naturwissenschaftlichen Arbeit noch immer nicht erreicht. Immer neue Mannigfaltigkeiten bietet uns die in der empirischen Anschauung gegebene Wirklichkeit dar, die sich einer Unterordnung unter die hier betrachteten Begriffe bisher entziehen. Vor allem stellt die Welt der Organismen, das "Reich" der lebenden Körper, die Wissenschaft vor neue Fragen. Sind auch diese Körper mechanisch zu begreifen? Wir verfolgen diese Gedanken hier jedoch nicht weiter. Ein anderer Zusammenhang wird uns von Neuem darauf führen und erst in ihm werden wir den Gedanken der systematischen Gliederung aller verschiedenen Naturwissenschaften vollständig klarlegen können. Wir müssen dazu erst den Begriff des  Historischen  gewonnen haben. Er spielt in seiner weitesten Bedeutung schon in den Gedanken einer  Entstehung  der verschiedenen chemischen Elemente aus einem Urelement hinein, er ist noch viel unentbehrlicher für eine Klarlegung der logischen Prinzipien der Biologie, die ja heute unter dem Zeichen der Entwicklungs geschichte  steht. Hier kam es zunächst nur darauf an, zu sehen, wie weit sich unsere Theorie über die Dingbegriffe und Relationsbegriffe an einigen Begriffen der Naturwissenschaft klarlegen liessen. Daß diese Ausführungen von aller inhaltlichen Richtigkeit der herangezogenen naturwissenschaftlichen Theorien vollkommen absehen, sei nochmals ausdrücklich hervorgehoben. Es liegt dieser Untersuchung nichts ferner, als irgendwelche naturphilosophischen Spekulationen anzustellen. Im Gegenteil, das rein logische ist möglichst sorgfältig von allem sachlichen Inhalt zu scheiden.
LITERATUR - Heinrich Rickert, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung [Eine Einleitung in die historischen Wissenschaften], Freiburg i. Br./Leipzig 1896
    Anmerkungen
    1) Streng genommen haben wir erst im Abschnitt IV den Umstand benutzt, daß die gegebene Mannigfaltigkeit aus ausgedehnten Dingen im Raum, also aus Körpern besteht. Der Inhalt der Abschnitte I - III ist so formuliert, daß die verschiedenen Momente des Begriffs (Allgemeinheit, Bestimmtheit und Geltung) gewonnen sind, ohne auf die Eigenart gerade der Körperwelt ausdrücklich Rücksicht zu nehmen. Wir werden uns auf diesen Umstand berufen können, wenn es sich im zweiten Kapitel um die Frage handelt, wie weit die naturwissenschaftliche Begriffsbildung zur Bearbeitung des geistigen Lebens brauchbar ist. Diese Frage von vornherein soweit wie möglich im Zusammenhang mit der begrifflichen Bearbeitung der Körperwelt zu behandeln, schien deswegen nicht angemessen, weil der Begriff des Gegenstandes der Psychologie nicht so selbstverständlich ist, wie der einer anschaulich gegebenen Körperwelt. Um Mißverständnissen vorzubeugen, weisen wir jedoch schon hier darauf hin, daß nur einige spezielle Eigentümlichkeiten, nicht aber die allgemeinen Eigenschaften des naturwissenschaftlichen Begriffs aus einer sachlichen Besonderheit der Körperwelt abgeleitet sind.
    2) HEINRICH HERTZ, Gesammelte Werke, Bd. III
    3) HERTZ, ebenda, Seite XIX
    4) HERTZ, ebenda, Seite 34
    5) HERTZ, ebenda, Seite 30
    6) HELMHOLTZ in HERTZ, ebenda Seite XXII
    7) HEINRICH HERTZ, Über die Bedingungen zwischen Licht und Elektrizität, Seite 26f
    8) Selbstverständlich haben wir hier weder über die Bedeutung der "Kontinuitätshypothesen", noch der Atomistik, insofern sie zu ihnen in Gegensatz tritt, zu entscheiden. Wird das Substrat, aus dem die Körperwelt besteht, als kontinuierlich aufgefaßt, so kann man davon als von  einem  "letzten Ding" reden. Das aber widerspricht unseren Ausführungen nicht. Auch die Kontinuitätshypothese muß ihr Substrat irgendwie als aus Teilen bestehend denken und kann daher den Begriff des "Atoms" nicht gänzlich entbehren. (Vgl. hierzu WUNDT, Logik II 1, 2. Auflage, Seite 427f) Die Vielheit "letzter Dinge", von der wir reden, ist also identisch zu denken mit der Vielheit der "Atome" in der allgemeinsten Bedeutung des Wortes, wobei es ganz dahingestellt bleibt, ob sich zwischen den "Atomen" leerer Raum befindet oder nicht.
    9) Die außerordentlich große Tragweite gerade dieses kant'schen Gedankens hat niemand überzeugender dargestellt, als WILHELM WINDELBAND. Vgl. besonders seine Präludien, Seite 112f
    10) WILHELM OSTWALD, Lehrbuch der allgemeinen Chemie, Bd. II 1: Chemische Energie, 2. Auflage, Seite VI. - Vgl. ferner: Studien zur Energetik, Berichte über die Verhandlungen der königlich-sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, Mathematisch-physische Klasse, Bd. 43 (1891) Seite 271f und Bd. 44 (1892) Seite 211f. Eine populäre Darstellung hat OSTWALD in seinem Vortrag über "die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus" (1895) gegeben.
    11) WILHELM OSTWALD, Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus, Seite 29
    12) OSTWALD, Die Überwindung usw. Seite 35
    13) VIKTOR MEYER, Probleme der Atomistik, Seite 20. Ein näheres Eingehen auf die von MENDELEJEFF und LOTHAR MEYER ausgebildeten Theorien, die dabei in Frage kommen, würde das logische Prinzip, das allein hier von Bedeutung ist, nicht klarer stellen. Ich habe mich in diesem Abschnitt, so weit es möglich war, absichtlich auf die Berücksichtigung solcher Darstellungen beschränkt, die von angesehenen Forschern unter dem Einfluß des Bedürfisses gegeben sind, ihre speziellen Probleme zu allgemeineren Fragen in Beziehung zu setzen. Hier findet der Logiker sein bestes Material. Er selbst hat keine Veranlassung, bei seinen Ausführungen mit einem möglichst großen Aufwand von Zitaten aus Spezialuntersuchungen zu arbeiten, um so weniger, als seine Gelehrsamkeit bei der Vielseitigkeit, zu der er gezwungen ist, auf dem Gebiet der Spezialwissenschaften doch nur selten eine fachmännische Gründlichkeit erreichen kann. Er wird vielmehr am sichersten den Anschein des Dilettantismus vermeiden, wenn er sich auf das Heranziehen von Spezialuntersuchungen nur soweit einläßt, als notwendig ist, um seine Theorie an Beispielen zu verdeutlichen.