tb-1Frischeisen-KöhlerZur Lehre von der DefinitionErnst Bloch    
 
HEINRICH RICKERT
Die Grenzen der
naturwissenschaftlichen Begriffsbildung

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Einleitung
Erstes Kapitel - Die begriffliche Erkenntnis der Körperwelt
I. Die Mannigfaltigkeit der Körperwelt
II. Die Bestimmtheit des Begriffs
III. Die Geltung des Begriffs
IV. Dingbegriffe und Relationsbegriffe
V. Die mechanische Naturauffassung
VI. Beschreibung und Erklärung

Zweites Kapitel - Natur und Geist
I. Physisch und Psychisch
II. Begriffliche Erkenntnis des Seelenlebens
III. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft
Drittes Kapitel - Natur und Geschichte
I. Begriffsbildung und empirische Wirklichkeit
II. Der Begriff des Historischen
III. Historische Bestandteile in den Naturwissenschaften
IV. Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft

"Es läßt sich überhaupt nicht ohne weiteres vollkommen eindeutig angeben, worin das Material der Psychologie besteht. Ihrem Wortlaut nach handelt diese Wissenschaft von der Seele, aber von Seelen weißt die heutige Psychologie, so weit sie eine empirische Wissenschaft ist, nichts, denn Seelen sind niemals in der Art wie Körper in der Erfahrung gegebenen."

"Daß jedes unmittelbar gegebene Objekt, also auch die Körperwelt, so weit wir sie erfahren haben, notwendig zu denken ist in Bezug auf ein Subjekt, das ist ein Satz, der in keiner Erkenntnistheorie gänzlich fehlt und gegen den sich auch kaum etwas wird einwenden lassen. Wird nun aber dieses Subjekt wie üblich mit dem Bewußtsein gleichgesetzt, so folgt daraus auch, daß die gegebenen Körper nur für ein Bewußtsein oder als Vorgänge  im  Bewußtsein existieren und wird weiter dieses Bewußtsein als identisch mit dem Seelenleben angesehen, so läßt sich die Behauptung nicht vermeiden, daß, falls die Körperwelt nicht ein psychischer Vorgang sein soll, was absurd ist, sie für uns nur als  Phänomen  existiert. Das seelische Leben allein ist uns dann als Bewußtseinsvorgang auch direkt in seiner Realität gegeben."

Zweites Kapitel
Natur und Geist

"Denn die Natur ist immer dieselbe und ihre Kraft und ihr Vermögen zu wirken ist überall gleich, d. h. die Gesetze und Regeln der Natur, nach denen alles geschieht und aus einer Form in eine andere verwandelt wird, sind überall und immer die gleichen. Daher kann es auch nur eine Methode geben, nach der die Natur aller Dinge, um welche es sich auch immer handelt, erkannt wird, nämlich durch die allgemeinen Gesetze und Regeln der Natur." - Spinoza

Wir haben uns bisher bei der Klarlegung des Wesens der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung absichtlich auf ihre Bedeutung für die Erkenntnis der körperlichen Dinge und Vorgänge beschränkt, d. h. wir haben, dem in der Einleitung entwickelten Plan entsprechend, die Ausdrucksweise akzeptiert, nach der unter Natur nur die physische Welt zu verstehen ist. Die behandelte Methode des Begreifens ist zuerst bei der wissenschaftlichen Bearbeitung von Körpern ausgebildet worden und ließ sich daher auch am leichtesten und einfachsten verstehen, wenn sie zunächst nur mit Rücksicht hierauf logisch entwickelt wurde. Nachdem dies geschehen ist, müssen wir unsere Betrachtung erweitern. Da wir die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung kennen lernen, d. h. feststellen wollen bei welcher Art von wissenschaftlicher Arbeit sie nicht angewendet werden kann, wird es unsere Aufgabe sein, zu untersuchen, ob die  Gegenstände,  mit denen es andere empirische Wissenschaften zu tun haben, Eigentümlichkeiten aufweisen, welche die Anwendung der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung ausschließen und daher eine andere logische Form der wissenschaftlichen Darstellung erfordern. Dadurch wird dann die Frage entschieden werden können, ob es überhaupt in dem den empirischen Wissenschaften zugänglichen Material  sachliche  Unterschiede von solcher Art gibt, daß sie einer logischen Gliederung der Wissenschaften zugrunde zu legen sind.

Die Frage, mit welchem Recht noch andere Gegenstände als Körper für die empirische Wissenschaft als gegeben behauptet werden, übergehen wir hier. Wir haben bereits erwähnt, daß die Ansicht, welche kein anderes als körperliches Sein anerkennen will, nur noch wenige ernsthafte Vertreter hat und eine Auseinandersetzung mit dem Materialismus liegt jedenfalls nicht in unserem Plan. Wir dürfen sie hier umso mehr unterlassen, als auch den Materialisten seine metaphysischen Überzeugungen nicht hindern können, unseren weiteren Untersuchungen zuzustimmen. Die Probleme, die in diesem Kapitel behandelt werden, existieren nämlich für ihn überhaupt nicht, denn falls es, wie er meint, kein anderes Material als Körper für die Wissenschaft gibt, dann ist es von vornherein klar, daß die Grenzen für die naturwissenschaftliche Begriffsbildung nicht in der Natur irgendwelcher besonderen Gegenstände der Untersuchung bestehen und das allgemeinste Prinzip für die Einteilung der Wissenschaften nicht in einem sachlichen Unterschied des wissenschaftlichen Materials liegen kann. Und dies allein wollen wir ja in diesem Kapitel nachweisen. Ein Materialist kann also diese Ausführungen überschlagen und sogleich zum dritten Kapitel übergehen.

Welches ist nun das andere Material der empirischen Wissenschaft, das für uns noch in Frage kommt? Wenn überhaupt außer der Körperwelt etwas als existierend anerkannt wird, so ist es das, was man als  seelisches  oder  geistiges  Sein zu bezeichnen pflegt. Seele und Geist, ebenso wie seelisch und geistig, wollen wir zunächst, wie es heute vielfach üblich ist, als gleichbedeutend gebrauchen. Es können zwar die Wörter  Geist  und  geistig  auch in einem Sinne angewendet werden, der sich mit dem von  Seele  und  seelisch  durchaus nicht deckt, ja, es können die beiden Begriffe geradezu in einen Gegensatz zueinander treten. Davon jedoch sehen wir für's Erste ab und setzen ferner voraus, daß mit der Zweiteilung in körperliches und geistiges oder physisches und psychisches Geschehen das Gebiet, das den empirischen Wissenschaften zugänglich ist, erschöpft sein soll und daher alles als geistig bezeichnet wird, was nicht Körper ist. Unsere Frage kann demnach nur lauten, ob und wie weit bei der Erforschung des geistigen Lebens dieselbe Art der Begriffsbildung gestattet ist, wie bei der Erforschung der Körper, d. h. der sachliche Gegensatz, dessen logische Bedeutung uns im Folgenden beschäftigen wird, ist der von  Natur  und  Geist. 

Dieser Gegensatz muß auch deshalb für uns in Betracht kommen, weil wir ja die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung zu dem Zweck feststellen wollen, um eine Einsicht in das Wesen der  historischen  Wissenschaften zu gewinnen. Die meisten historischen Disziplinen aber haben es, wenigstens vorwiegend, mit psychischen Vorgängen zu tun und wenn überhaupt ein prinzipieller Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Geschichte anerkannt wird, so macht man als Grund für die Notwendigkeit einer besonderen historischen Methode meist den Umstand geltend, daß die Geschichte eine Geisteswissenschaft sei. Ist dies der richtige Weg, um eine Einsicht in die logische Struktur der historischen Wissenschaften zu gewinnen? Diese Frage läßt sich natürlich nur entscheiden, wenn wir wissen, in welchem Verhältnis die naturwissenschaftliche Begriffsbildung zum geistigen Leben überhaupt steht.

So ist uns also der Gang unserer weiteren Untersuchung vorgezeichnet. Setzt das geistige Sein der Naturwissenschaft eine Grenze? Das ist die Frage, auf die es ankommt. (1) Die umfassendste Wissenschaft vom Geistigen nennt man nun allgemein  Psychologie Auf die psychologische Begriffsbildung müssen wir daher unser Augenmerk richten.

Daß die Psychologie nach naturwissenschaftlicher Methode betrieben werden könne und müsse, ist zwar eine heute weit verbreitete Meinung. Daneben aber fehlt es gerade in neuester Zeit auch nicht an Stimmen, die dieser Ansicht entschieden entgegentreten und besonders mit Rücksicht darauf, daß die Psychologie die Grundlage für die Geisteswissenschaften sein soll, hat man die naturwissenschaftliche Behandlung des Seelenlebens bekämpft. (2) Ist es wirklich das Seelenleben, für das diese Ausführungen gelten oder werden nicht vielleicht logische Besonderheiten, die in den  historischen  Wissenschaften allerdings vorhanden sind, mit Unrecht auf den Umstand zurückgeführt, daß diese Wissenschaften es mit geistigen Vorgängen zu tun haben? Um zu dieser Frage Stellung zu nehmen, müssen wir das geistige Leben in seinen sachlichen Eigentümlichkeiten so weit kennen lernen, als notwendig ist, um zu sehen, in welcher Hinsicht es unter logischen Gesichtspunkten in einen Gegensatz zur Körperwelt gebracht werden kann. Wir versuchen also zunächst  die Begriffe des Physischen und des Psychischen in ihrem Verhältnis zueinander  mit Rücksicht darauf zu bestimmen, ob das  Material  der Psychologie als solches bereits einen für den Gegensatz der Methoden bedeutsamen Unterschied vom Material der Naturwissenschaften aufweist.

Nachdem wir zu einer Verneinung dieser Frage gekommen sind, können wir zu einer Untersuchung über  die begriffliche Erkenntnis des Seelenlebens  übergehen und schließlich müssen wir aufgrund dieser Erörterungen uns darüber klar werden, ob und in welchem Sinn es überhaupt möglich ist, unter logischen Gesichtspunkten einen Gegensatz von  Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft  aufzustellen. Wenn wir gezeigt haben, daß der  sachliche  Unterschied von Natur und Geist für eine allumfassende logische Gliederung der empirischen Wissenschaften unbrauchbar ist, erst dann werden wir uns im dritten Kapitel dem  logischen  Gegensatz zuwenden, in dem Natur und Geschichte zueinander stehen. Dieses zweite Kapitel hat also im Wesentlichen nur zu zeigen, wo die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung  nicht  liegen. Es sind aber Untersuchungen hierüber umso notwendiger, je mehr die Ansicht verbreitet ist, daß der Gegensatz von Natur und Geist von prinzipieller Bedeutung auch für die Wissenschaftslehre sein müsse.


I.
Physisch und Psychisch

Als es uns im Beginn des ersten Kapitels darauf ankam, das Material der Naturwissenschaften zu bestimmen, brauchten wir nur auf die Tatsache hinzuweisen, daß jedem eine Körperwelt als eine in Raum und Zeit ausgebreitete Wirklichkeit von anschaulichen Dingen und Vorgängen bekannt ist. Ein solcher Hinweis auf eine Tatsache reicht, wenn es sich um die Begriffsbestimmung des Seelenlebens im Gegensatz zur Körperwelt handelt, nicht aus. Es läßt sich überhaupt nicht ohne weiteres vollkommen eindeutig angeben, worin das Material der Psychologie besteht. Ihrem Wortlaut nach handelt diese Wissenschaft von der Seele, aber von Seelen weißt die heutige Psychologie, so weit sie eine empirische Wissenschaft ist, nichts, denn Seelen sind niemals in der Art wie Körper in der Erfahrung gegebenen. Sie kennt vielmehr nur sogenannte "psychische" oder "seelische" Vorgänge und so üblich auch diese Ausdrücke geworden sind, so müssen wir uns doch klar machen, daß wenn die Seele etwas Unbekanntes ist, die davon abgeleiteten Wörter  seelisch  oder  psychisch  ebenfalls nichts als bloße Namen sein können, die in keiner Weise den Begriff der darunter fallenden Vorgänge inhaltlich bestimmen. (3)

Zwar wissen wir, falls wir unser Urteil nicht irgendwelchen Theorien zuliebe gänzlich getrübt haben, genau, daß wenn jemand von einem "Urteil" oder von einem "Schmerz" spricht, er damit etwas meint, das nicht ein Körper ist. Wir zweifeln ferner auch nicht daran, daß es eine Fülle von Vorgängen gibt, die ebenso wie ein Urteil oder ein Schmerz sich von jedem körperlichen Vorgang in unzweideutiger Weise unterscheiden und zugleich im Gegensatz zu den Körpern etwas Gemeinsames haben. Worin aber dieses Gemeinsame im Inhalt der verschiedenen psychischen Vorgänge und worin sein Gegensatz zu dem allem körperlichen Sein Gemeinsamen besteht, darüber gehen die Meinungen weit auseinander und jedenfalls gibt es keine völlig eindeutige und von allen anerkannte Begriffsbestimmung des Psychischen, die wir einer Untersuchung über die Begriffsbildung der Psychologie zugrunde legen könnten.

Auch wir denken hier nicht daran, eine solche Begriffsbestimmung zu geben, aber wir müssen aus den angeführten Gründen zu der Frage, was eigentlich das Seelenleben sei, wenigstens soweit Stellung zu nehmen, als notwendig ist, um nachzuweisen, daß gewisse Unterschiede zwischen physischen und psychischen Vorgängen, die eine gemeinsame Methode der wissenschaftlichen Behandlung, insbesondere eine naturwissenschaftliche Psychologie unmöglich machen würden, mit Unrecht behauptet worden sind.

Im Wesentlichen können wir uns bei diesem Nachweis auf die Klarlegung eines entscheidenden Punktes beschränken. Es stützen sich nämlich die Ansichten von der Unmöglichkeit einer naturwissenschaftlichen Psychologie nicht selten auf die Behauptung, daß das psychische Sein dem erkennenden Subjekt  unmittelbarer  gegeben sei, als die Körperwelt und zwar wird diese Ansicht gerade dort vertreten, wo der Gegensatz von Natur und Geist als maßgebend für die logische Gliederung der Wissenschaften und für die Eigentümlichkeiten ihrer Methoden gilt. In den Naturwissenschaften sind uns, sagt z. B. DILTHEY, "die Tatsachen von außen, durch die Sinne, als Phänomene und einzeln gegeben", wogegen sie in den Geisteswissenschaften "von innen, als Realitäten und als ein lebendiger Zusammenhang auftreten." (4) Auch die Gedanken von WUNDT bewegen sich in einer ähnlichen Richtung. Er stellt der Naturwissenschaft die Aufgabe, die "Objekte" zu untersuchen, wobei sie vom "Subjekt" zu abstrahieren habe und meint, daß deshalb "ihre Erkenntnisweise eine mittelbare und ... abstrakt begriffliche" sei. Die Psychologie dagegen hebe diese Abstraktion wieder auf, "um die Erfahrung in ihrer unmittelbaren Wirklichkeit zu untersuchen." Ihre Erkenntnisweise sei demnach "im Gegensatz zu derjenigen der Naturwissenschaft eine unmittelbare und ... anschauliche." (5)

Es bedarf keiner Auseinandersetzung, weshalb gerade diese und ähnliche Ansichten hier für uns von Bedeutung sind. Wenn sie richtig wären, so müßten wir allerdings einen prinzipiellen Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Psychologie machen, denn wir haben ja ausführlich zu zeigen versucht, daß eine Erkenntnisweise, die man als  unmittelbar und anschaulich  bezeichnen kann, für die Naturwissenschaften von der Körperwelt in der Tat nicht verwendbar ist. Ist es, so müssen wir also fragen, richtig, daß die Psychologie das Seelenleben immer unmittelbar und anschaulich zu erkennen hat?

Wir sind weit davon entfernt, zu leugnen, daß den Ausführungen, zu denen wir hier Stellung zu nehmen haben, ein berechtigter Gedanke zugrunde liegt, insofern durch die Unterscheidung von abstrakt begrifflicher und anschaulicher Erkenntnisweise allerdings ein sehr wichtiger logischer Gegensatz der wissenschaftlichen Methoden angedeutet wird, der bisher viel zu wenig beachtet worden ist, aber wir meinen durchaus nicht, daß dieser Gedanke bei konsequenter Entwicklung geeignet ist, gerade die Psychologie in einen Gegensatz zur Naturwissenschaft zu bringen. Auch sind wir ferner durchaus der Ansicht, daß eine nach naturwissenschaftlicher Methode betriebene Psychologie außerstande sein würde, uns das zu leisten, was wir von einer Wissenschaft verlangen müssen, die Grundlage der historischen Disziplinen sein soll, ja, wir wollen selbst später zu zeigen suchen, warum eine naturwissenschaftliche Psychologie dieser Aufgabe, die man ihr glaubt stellen zu müssen, durchaus nicht gewachsen sein kann. Aber damit scheint uns noch gar nicht bewiesen zu sein, daß es nun überhaupt keine Naturwissenschaft vom Seelenleben geben soll, insbesondere daß das Seelenleben als solches sich der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung entziehe. Es sind vielmehr die Fragen nach der Methode der Psychologie und nach der Bedeutung dieser Wissenschaft für eine Grundlegung der Geisteswissenschaften durchaus von einander zu trennen. Wir müssen die Begriffsbildung der Psychologie zunächst ganz ohne Rücksicht darauf zu untersuchen, was diese Wissenschaft für die sogenannten Geisteswissenschaften zu leisten imstande ist. Nur so wird sich ein unbefangenes Urteil über sie gewinnen lassen und wir haben zu einer solchen Trennung der Probleme umso mehr Veranlassung, als die fast allgemein gemachte und, wie es scheint, als selbstverständlich geltende Voraussetzung, daß die Psychologie die Grundlage für die historischen Wissenschaften sein soll, gerade das ist, was wir hier in Frage stellen wollen.

Unterscheidet sich das psychische Sein wirklich in einer für die Logik bedeutsamen Weise von der Körperwelt? Insbesondere: ist es unmittelbarer gegeben als diese? Man kann versuchen, die Richtigkeit dieser Behauptung so zu begründen, daß man sagt: während das Material der Naturwissenschaften nur aus einer Welt von  Objekten  besteht, die als etwas Fremdes an das  Subjekt  herantreten, so hat es die Psychologie im Gegensatz dazu mit dem unmittelbar bekannten Subjekte selbst zu tun.

Diese Entgegensetzung von Subjekt und Objekt ist jedenfalls nicht direkt falsch, denn die Seele oder der Inbegriff der psychischen Vorgänge kann sehr wohl im Gegensatz zu den körperlichen Objekten ein Subjekt genannt werden. So richtig sie aber auch sein mag, so nichtssagend ist sie zugleich unter logischen Gesichtspunkte, wenn man nicht ganz genau anzugeben vermag, in welchem Sinn man in diesem Zusammenhang die Wörter  Subjekt  und  Objekt  gebrauchen will. Diese beiden Termini sind nämlich sehr vieldeutig und durchaus nicht auf jede ihrer Bedeutungen würde die Begründung eines methodologischen Unterschieds sich stützen lassen. Ja, wir meinen, daß die Ansichten, denen wir hier entgegentreten, im Wesentlichen auf einer Unklarheit über die Begriffe von Subjekt und Objekt und ihrem Verhältnis zueinander beruhen. Wir wollen daher, um über die logische Tragweite des angedeuteten Unterschiedes zwischen Naturwissenschaft und Psychologie ins Klare zu kommen, auf die verschiedenen Bedeutungen der Wörter Subjekt und Objekt etwas näher eingehen.

Dabei müssen wir auch einige  erkenntnistheoretische  Überlegung mit heranziehen. (6) Daß Erörterungen dieser Art notwendig sind, wo es sich nur um die Feststellung des Materials einer empirischen Wissenschaft handelt, kann auffallen. Im vorigen Kapitel haben wir jede erkenntnistheoretische Deutung des Seins der Körperwelt abgelehnt und, um unsere Untersuchungen möglichst einfach zu machen, an der Vermeidung solcher Deutungen bisher festgehalten. Vielleicht wird man schon aus dem Umstand, daß das in diesem Zusammenhang nicht mehr möglich ist, einen prinzipiellen Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Psychologie herleiten wollen.

Doch ist dabei zunächst zu bedenken, daß die Psychologie erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit anfängt, sich als eine empirische Spezialwissenschaft von der Philosophie loszulösen und daß man sich daher nicht wundern darf, wenn in ihr philosophische und besonders erkenntnistheoretische Elemente noch eine größere Rolle spielen als in den Wissenschaften von der Körperwelt, für die sich dieser Prozeß zum größten Teil längst vollzogen hat. Die erkenntnistheoretischen Überlegungen müssen hier umso unbedenklicher erscheinen, als sie hauptsächlich dem Zweck dienen sollen, einige störende metaphysische Behauptungen und Überreste veralteter Philosopheme zu beseitigen. Wir brauchen sie eigentlich nur, um im logischen Interesse das Verhältnis, in dem die Begriffe  Physisch  und  Psychisch  zueinander stehen, festzustellen.

Ferner müssen wir hervorheben, daß ein  prinzipieller  Unterschied in Bezug auf die Notwendigkeit erkenntnistheoretischer Untersuchungen für die Psychologie einerseits und die Naturwissenschaften andererseits überhaupt nicht besteht. Auch in den Naturwissenschaften finden wir Gebiete, in denen der Mangel an erkenntnistheoretischen Begriffen nicht nur die hier ziemlich harmlose Metaphysik des Materialismus gedeihen läßt, sondern ebenso wie in der Psychologie zu durchaus störenden und verwirrenden metaphysischen Behauptungen führen kann. Dies ist besonders dann der Fall, wenn es sich um die letzten und abschließenden Fragen nach der allgemeinen Natur der Körperwelt handelt. So ist uns z. B. in OSTWALDs "Energetik" der Gedanke begegnet, daß wir von materiellen Dingen nichts wüßten, sondern immer nur die Energie "fühlten". Diese Meinung kann nur dort entstehen, wo es an erkenntnistheoretischen Begriffen fehlt und zwar handelt es sich dabei im Wesentlichen um dieselben Begriffe, die wir auch hier erörtern wollen, nämlich um die Begriffe von Subjekt und Objekt. Wenn also sogar in den Wissenschaften von der Körperwelt zuweilen erkenntnistheoretische Überlegungen unentbehrlich sind, so darf es uns gewiß nicht auffallen, wenn wir in Untersuchungen über das Verhältnis des Psychischen zum Physischen nicht ohne sie auskommen können.

Endlich aber, und das ist das Wichtigste, wird sich ergeben, daß auch der Begriff der Körperwelt nur solange selbstverständlich und eindeutig ist, als man sein Verhältnis zum Begriff des Seelenlebens nicht berücksichtigt, daß dagegen, sobald dies geschieht, das körperliche Sein nicht selten mit Eigenschaften ausgestattet wird, von denen die empirische Wissenschaft gar nichts weiß. Wir werden uns im folgenden ebenso bemühen müssen, den Begriff der Körperwelt vor falschen Auffassungen zu schützen, wie den des Seelenlebens davon frei zu halten, ja, es wird die erste Aufgabe sogar die schwierigere sein. So, sehen wir, besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Psychologie mit Rücksicht auf ihr Verhältnis zur Erkenntnistheorie in keiner Weise. Daß wir die erkenntnistheoretischen Überlegungen im ersten Kapitel entbehren konnten, lag nur daran, daß wir gar nicht an das Verhältnis der Körperwelt zum Seelenleben zu denken brauchten.

Wir wenden uns nun einer Klarlegung der verschiedenen Bedeutungen der Begriffe Subjekt und Objekt zu und achten dabei vor allem auf drei Begriffspaare, deren Verwechslung miteinander schon in vielen Fällen die Quelle zahlreicher Irrtümer geworden ist. (7) Subjekt wird nämlich erstens der  beseelte Körper  genannt, im Gegensatz zu der ihn räumlich umgebenden Außenwelt. Ferner kann das Wort Subjekt die  Seele  bezeichnen im Gegensatz zum Körper, zu dem sie gehört und drittens nennt man endlich Subjekt auch das  Bewußtsein,  wozu dann die Objekte, die nicht bewußt sind, in Gegensatz treten müssen. Welcher dieser drei Subjektsbegrffe darf mit dem Material der empirischen Psychologie, d. h. den "psychischen" Vorgängen gleichgesetzt werden?

Daß der beseelte Körper nicht das Subjekt sein kann, das Gegenstand der Psychologie ist, versteht sich eigentlich von selbst und die Ausscheidung dieses Subjektsbegriffes kann keine Schwierigkeiten machen. Trotzdem müssen wir auch auf den Gegensatz, in dem der beseelte Körper zu der ihn räumlich umgebenden Außenwelt steht, mit ein paar Worten eingehen, denn auch er spielt in den Begriffsbestimmungen des Psychischen eine nicht unwesentliche Rolle. Nicht immer ist man sich nämlich darüber klar, daß in einer empirischen Wissenschaft das Wort  Seele  nur aus zusammenfassender Name für die unmittelbar gegebenen psychischen Vorgänge gebraucht werden darf. Es wird vielmehr die Seele nicht selten als ein Ding gedacht, das wie ein Körper einen bestimmten Ort im Raum einnimmt und zwar soll sie sich  innerhalb  der Körper befinden, die für beseelt gelten. Im Gegensatz zu einer  räumlichen  Seele kann man dann die den beseelten Körper umgebenden Dinge die  Außenwelt  nennen und zu ihr natürlich auch die fremden beseelten Körper zählen. Da nun ferner aber der eigene Körper vom örtlichen Standpunkt fremder Seelen ebenfalls als Außenwelt zu betrachten ist, so überträgt sich der Name Außenwelt schließlich auf  alle  Körper. Die Seelen allein bleiben unter dieser Voraussetzung im Gegensatz zur Außenwelt immer das Innere und die Bezeichnung des Seelenlebens als der  Innenwelt  hat so einen guten Sinn.

Nun haben wir es heute längst aufgegeben, in der empirischen Psychologie überhaupt noch von einer Seele zu reden und damit ist natürlich implizit ausgeschlossen, daß wir das Psychische räumlich an einen bestimmten Ort innerhalb eines Körpers verlegen. Die Voraussetzungen, welche den Gegensatz von Körper und Seele mit dem von Außen- und Innenwelt identisch setzen lassen und dieser Identifizierung allein einen verständlichen Sinn verleihen, sind somit alle für uns fortgefallen. Die sprachlichen Bezeichnungen haben wir trotzdem beibehalten. Die Körper werden noch immer die "Außenwelt" und das Seelenleben wird das "Innenleben" genannt, als handle es sich dabei um den Gegensatz, in dem ein Raumteil zu den ihn umgebenden anderen Raumteilen steht.

Die Sprache des täglichen Lebens bietet uns eine Fülle von Ausdrücken, die sich auf die Gleichsetzung der seelischen Vorgänge mit der Innenwelt zurückführen lassen. Insbesondere hat sich auch der Wertunterschied, den wir gewohnt sind, zwischen seelischem und körperlichem Sein zu machen, auf das Innen und Außen der Dinge übertragen. Was "äußerlich" und "oberflächlich" ist, gilt uns wenig und was "gründlich" sein soll, muß "tief" bis ins "Innere" der Dinge vordringen. Selbstverständlich wird es keinem Verständigen einfallen, den Gebrauch solcher Bilder zu tadeln. Es würde wenig von unserer Sprache übrig bleiben, wenn wir alle die Wendungen aus ihr verbannen wollten, die, aus einer ursprünglichen Anschauung räumlicher Verhältnisse stammend, später auch dort gebraucht werden, wo nicht mehr etwas Räumliches gemeint sein kann. Ganz anders aber liegt die Sache doch, wenn es sich um den Gebrauch solcher Wörter in der wissenschaftlichen Terminologie handelt und dann wie in unserem Fall die nur bildlich gemeinte Ausdrucksweise gerade durch ihren Nebensinn einen so großen Einfluß auf die wissenschaftlichen Theorien bekommt, daß Ansichten entstehen, als gebe es nicht nur eine Körperwelt draußen und ein Seelenleben drinnen, sondern außerdem auch noch zwei ganz verschiedene "Sinne", um etwas von diesen beiden Welten zu erfahren. Durch den "äußeren Sinn" sollen wir von den Körpern, durch den "inneren Sinn" vom Seelenleben etwas wissen. Ja, schließlich begegnen uns die Ausdrücke äußere und innere Erfahrung zur Bezeichnung des Unterschieds von  Physisch  und  Psychisch  in wichtigen und entscheidenden Gedankengängen psychologischer Schriften. Die Terminologie erhält dadurch eine Bedeutung, die ihr unter keinen Umständen zugestanden werden darf. Man ist in Gefahr zu vergessen, daß es sich beim Gebrauch dieser Wörter nur um die Anwendung eines Bildes handeln kann.

Mit aller Entschiedenheit müssen wir demgegenüber daran festhalten, daß Innenwelt und Außenwelt einen bestimmten und eigentlichen Sinn nur dann haben, wenn sie auf zwei verschiedene Teile der räumlichen Welt bezogen werden. Diese Bedeutung aber kann nicht gemeint sein sondern ist vielmehr gerade sorgfältig zu vermeiden, wenn mit dem Wort Innenwelt das Seelenleben im Gegensatz zur Körperwelt bezeichnet wird. Wäre es daher nicht am besten, in psychologischen Untersuchungen diesen Terminus überhaupt nicht zu verwenden, und damit zugleich die Unterscheidung der beiden verschiedenen Sinne und Arten des Erfahrens fallen zu lassen, von denen niemand etwas weiß, der vorurteilslos seine Erlebnisse zu konstatieren sucht? Man würde dann vielleicht auch nicht mehr meinen, irgendetwas Erhebliches gesagt zu haben, wenn man einen Psychologen deshalb verspottet, weil er, um sein Seelenleben erforschen zu können, seinen Blick "nach Innen" richten müsse.

Wir haben in der Philosopie schon viel zu viel Termini, die nur in einem uneigentlichen Sinn verstanden werden dürfen und wir sollten uns daher nicht scheuen, diejenigen unter ihnen auszumerzen, die wir ohne Schwierigkeiten entbehren können, auch wenn sie sich noch so sehr eingebürgert haben, wie dies bei den Ausdrücken des Innenlebens und der Außenwelt der Fall ist. Zumindest müssen wir sie mit großer Vorsicht gebrauchen. Wer sich einmal mit dem Problem der philosophischen Transzendenz beschäftigt hat, weiß, welche Verwirrung das in übertragener Bedeutung gebrauchte Wort Außenwelt und die Frage nach der "Realität der Außenwelt" hier angerichtet hat. Ist doch die Existenz der  Körperwelt  nicht nur manchen noch ein ernsthaftes wissenschaftliches Problem, sondern es ist auch so üblich geworden, die Frage nach der Existenz  transzendenter  Dinge mit diesem Problem zu identifizieren, daß jeder, der die Existenz transzendenter Dinge glaubt ablehnen zu müssen, heute noch in den Verdacht kommt, bei gesunden Sinnen die Existenz der ihn umgebenden räumlichen Außenwelt, d. h. Körperwelt zu bezweifeln.

Fast ebenso groß sind die Übelstände, die durch den Begriff der Innenwelt für psychologische Untersuchungen entstehen können. Gewiß hat es einen guten Sinn, das seelische Leben in einen besonders engen Zusammenhang mit  den  körperlichen Vorgängen zu bringen, die sich unterhalb der Haut des Menschen in seinen inneren Organen abspielen, aber auch unter dieser Voraussetzung ist das Seelische doch höchstens das vom Inneren "Abhängige" und niemals das Innere selbst. Halten wir also daran fest, daß das Innere des Menschen sein Gehirn, seine Nerven, seine Muskeln, seine Eingeweide, aber nicht sein Seelenleben ist und machen wir uns klar, daß der Gegensatz von Subjekt und Objekt, der den beseelten Leib und die ihn räumlich umgebende Außenwelt bezeichnet, für die Unterscheidung des psychischen vom physischen Leben ohne jede Bedeutung sein muß. Er darf eine Rolle nur in der physiologischen Psychologie oder in der Psychophysik spielen. Wir wollen daher das Subjekt in diesem Sinne als das  psycho-physische  bezeichnen, um es vom psychologischen Subjekt zu unterscheiden.

Auf jeden Fall werden wir, wenn Psychologie und Naturwissenschaft dadurch voneinander getrennt werden sollen, daß die Körper uns von außen, die psychischen Vorgänge dagegen von innen gegeben seien, durchaus nicht anzuerkennen brauchen, daß aufgrund dieser Unterscheidung irgendwelche Gegensätze in den Methoden der beiden Wissenschaften angenommen werden dürfen. Es ist vielmehr logisch bedeutungslos, wenn versichert wird, die Psychologie und die Geisteswissenschaften hätten es mit dem Innenleben, die Naturwissenschaften dagegen mit der Außenwelt zu tun. (8)

In den meisten Fällen ist nun aber mit dieser Behauptung allerdings auch wohl nur gemeint, daß das Psychische uns  unmittelbarer  gegeben sei als das Physische und über die Berechtigung dieser Unterscheidung ist natürlich durch die Ablehnung des Gegensatzes von Innen- und Außenwelt noch nichts gesagt. Wir müssen uns vielmehr jetzt, um dem tieferen Sinn der hier zu erörternden Unterscheidung näher zu kommen, dem an dritter Stelle genannten Subjektbegriff und seinem Verhältnis zum Material der Psychologie zuwenden, nämlich dem Begriff des Subjekts als des  Bewußtseins.  Es gilt, auch diesen Subjektbegriff sorgfältig von dem des Seelenlebens zu trennen, mit dem er nicht selten völlig gleichgesetzt wird. Wir werden dabei etwas größere Schwierigkeiten zu überwinden haben als bei der Scheidung des psychologischen Subjekts vom psycho-physischen.

Die beseelten Wesen, so sagt man allgemein, haben Bewußtsein oder sind bewußt im Gegensatz zu den unbewußten und daher seelenlosen Körpern. Auch die Entstehung des Seelenlebens wird angesehen als identisch mit der Entstehung des Bewußtseins. Ist dagegen ein Wesen bewußtlos, so empfindet, will, fühlt es auch nicht, d. h. es ist kein seelisches Leben mehr vorhanden. Beim Schlaf verläßt das Bewußtsein den Menschen, dann schläft auch die Seele und wenn im Tod das Bewußtsein für immer entwichen ist, dann kommt auch das Seelenleben niemals wieder. Aus allen diesen Sätzen geht deutlich hervor, daß es dem Sprachgebrauch durchaus entspricht, Bewußtsein und Seele einander gleichzusetzen und wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn das seelische Leben nicht selten geradezu als Bewußtseinsvorgang  definiert  wird. Auch wir wollen zunächst einmal diese Definition als berechtigt gelten lassen und zusehen, was daraus für unser Problem folgt.

Auf keinen Fall kann bestritten werden, daß das Wort  Bewußtsein  zur Begriffsbestimmung des Psychischen in  einer  Hinsicht brauchbarer ist als das Wort Innenleben. Während nämlich dieses, falls es nicht auf einen Raumteil angewendet wird, gar keine eigentliche Bedeutung mehr hat, so ist es unter allen Umständen vollkommen verständlich und eindeutig, wenn wir etwas als einen Bewußtseinsvorgang bezeichnen. Zwar vermögen wir nicht näher zu erklären, was wir mit dem Wort Bewußtsein meinen, aber wir sind doch sicher, daß jeder uns ebenso versteht wie dann, wen wir etwas einen Körper nennen und gerade dieser Umstand scheint für die Zwecke der Psychologie den Ausdruck geeignet zu machen.

Eines jedoch dürfen wir dabei nicht außer Acht lassen. Diese Begriffsbestimmung hat Konsequenzen, die weit über das Gebiet der Psychologie hinaus führen. Das Wort  Bewußtsein  ist gewissermaßen weniger harmlos als das Wort  Körperwelt.  Die Verständlichkeit seiner Bedeutung geht nämlich so weit, daß wir es gar nicht mehr recht zu verstehen vermögen, wenn uns gesagt wird, es gäbe etwas, das  nicht  ein Bewußtseinsvorgang ist. Wir kennen wenigstens in der  Erfahrung  kein Sein, das wir zu den Bewußtseinsvorgängen in einen Gegensatz bringen können, sondern wir finden, daß  alles,  was wir erfahren oder erleben, aus Bewußtseinsvorgängen besteht. Auch die Körperwelt kann daher, so wie sie uns  gegeben  ist, nichts anderes als ein Bewußtseinsvorgang sein. Daraus aber folgt, daß, wenn wir die psychischen Vorgänge als Bewußtseinsvorgänge definieren, wir auch sagen müssen, daß die gesamte uns unmittelbar gegebene und aus der Erfahrung bekannte Körperwelt ebenfalls unter den Begriff des  Psychischen  fällt.

Haben wir das aber einmal akzeptiert, so treibt uns die Begriffsbestimmung sogleich noch einen Schritt weiter. Da niemand im Ernst meinen kann, daß ein Unterschied zwischen körperlichem und seelischem Sein überhaupt nicht bestehe, d. h. daß die Körperwelt nichts als ein psychischer Vorgang sei, so scheint die Annahme unvermeidlich, die Körperwelt sei mehr als das, was wir als anschauliche Welt von räumlichen Dingen und Vorgängen unmittelbar erfahren, ja, wir müssen sogar behaupten, daß die Körper eigentlich gar nicht das sind, was wir von ihnen kennen. Das Erfahrene ist vielmehr nur ihr Abbild im Seelenleben oder ihre "Erscheinung". Daraus ergibt sich dann in der Tat sofort jene Auffassung von dem prinzipiellen Unterschied zwischen dem Material der Psychologie und dem der Naturwissenschaften, die wir hier erörtern und bekämpfen wollen. Wenn alles unmittelbar gegebene Sein Bewußtseinsvorgang und jeder Bewußtseinsvorgang etwas Psychisches ist, so kann uns das Seelenleben allein  unmittelbar,  die Körperwelt dagegen nur  mittelbar  gegeben sein.

Die Gleichsetzung des psychischen Seins mit den Bewußtseinsvorgängen hat uns also zu einer prinzipiellen Unterscheidung von Seelenleben und Körperwelt geführt, die auf dem  erkenntnistheoretischen  Gebiet liegt und wenn wir nun diesen Gedanken weiter verfolgen, so scheint gerade unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten die eben ausgesprochene Konsequenz unentfliehbar zu sein. Daß jedes unmittelbar gegebene Objekt, also auch die Körperwelt, so weit wir sie erfahren haben, notwendig zu denken ist in Bezug auf ein Subjekt, das ist ein Satz, der in keiner Erkenntnistheorie gänzlich fehlt und gegen den sich auch kaum etwas wird einwenden lassen. Wird nun aber dieses Subjekt wie üblich mit dem Bewußtsein gleichgesetzt, so folgt daraus auch, daß die gegebenen Körper nur für ein Bewußtsein oder als Vorgänge "im" Bewußtsein existieren und wird weiter dieses Bewußtsein als identisch mit dem Seelenleben angesehen, so läßt sich die Behauptung nicht vermeiden, daß, falls die Körperwelt nicht ein psychischer Vorgang sein soll, was absurd ist, sie für uns nur als  Phänomen  existiert. Das seelische Leben allein ist uns dann als Bewußtseinsvorgang auch direkt in seiner Realität gegeben.

Ja, noch deutlicher wird vielleicht die Notwendigkeit erscheinen, das Seelenleben als Realität, die Körper dagegen nur als Phänomene gelten zu lassen, wenn die Identifizierung von Subjekt, Bewußtsein und Seele in der Formulierung auftritt, daß die Körperwelt nur in  meinem  Bewußtsein gegeben ist oder daß  ich  das Subjekt bin, auf das sie bezogen werden muß. Wenn nämlich "mein Bewußtsein" zu aller Erfahrung gehört, dann wird nicht nur alle Erfahrung psychisch, sondern sie wird auch abhängig von mir. Wollte ich dann das Sein der Körperwelt nicht als etwas betrachten, daß mir nur "erscheint" und dessen wahre Realität mir verborgen ist, so würde ja dadurch nicht nur die selbständige Existenz einer Körperwelt von mir bestritten werden müssen, sondern es dürfte dann überhaupt nichts existieren als mein Seelenleben. Es ist bekannt, welche Rolle solche Erwägungen in der Erkenntnistheorie gespielt haben. Wer unter diesen Voraussetzungen kein anderes Sein als das unmittelbar erfahrene anerkennen will, muß dahin getrieben werden, daß der Solipsismus der Weisheit letzter Schluß ist und wer vor solchen Absurditäten zurückscheut, wird dann doch lieber die lediglich phänomenale Existenz der Körperwelt zugestehen. Ist also nicht die prinzipielle Unterscheidung des physischen und des psychischen Seins in Rücksicht auf Realität und Phänomenalität in mehrfacher Hinsicht wohl begründet?

In der Tat, die angedeuteten Konsequenzen sind unentfliehbar, wenn einmal die Voraussetzung zugestanden ist, auf der sie beruhen. Ist aber diese  Voraussetzung  richtig? Darf das Subjekt, das zu allem unmittelbar gegebenen Sein notwendig gehört und das man wohl als Bewußtsein bezeichnen kann,  dem  Subjekt und  dem  Bewußtsein gleichgesetzt werden, welches das Material der empirischen Psychologie bildet? Diese Frage, glauben wir, ist durchaus zu verneinen. Es läßt sich zeigen, daß hier noch ein dritter Subjektsbegriff eine Rolle spielt, der nichts anderes ist als das Produkt einer erkenntnistheoretischen Überlegung und der mit dem Gegenstand der Psychologie nicht mehr zu tun hat als mit dem Material der Körperwissenschaften. Wir wollen dieses allumfassende Bewußtsein daher, um es von den beiden anderen Subjekten zu unterscheiden, das  erkenntnistheoretische Subjekt  nennen und sein Verhältnis besonders zum psychologischen Subjekt genau festzustellen suchen. Dabei werden wir ein ebenso viel behandeltes wie schwieriges Problem streifen müssen, ohne jedoch weiter darauf einzugehen, als für unseren Zweck notwendig ist. Am einfachsten kommen wir vielleich zum Ziel, wenn wir noch einmal auf den Begriff des psychophysischen Subjekts und sein Verhältnis zum psychologischen zurückgreifen und zeigen, daß zwischen dem psychologischen und dem erkenntnistheoretischen Subjekt in gewisser Hinsicht in ganz analoges Verhältnis besteht, wie zwischen den beiden vorher betrachteten.

Fassen wir zu diesem Zweck einmal das Subjekt ganz im Allgemeinen als das Aktive auf, das etwas tut, das Objekt dagegen als das Passive, womit etwas getan wird. Diese Bedeutung kann als allen drei Begriffspaaren gemeinsam angesehen werden. Als aktiv können wir zunächst das psychophysische Subjekt betrachten, insofern es etwas mit der es räumlich umgebenden passiven Außenwelt vornimmt. Aktiv kann jedoch auch die Seele allein erscheinen im Gegensatz zu ihrem passiv gedachten Leib wie zur gesamten Körperwelt.

Dies aber sind nicht die einzigen Auffassungen, die möglich sind. Wir können nicht nur einmal unseren  gesamten  Leib zusammen mit der Seele als aktiv, das andere Mal dagegen  nur  die Seele als aktiv und den gesamten Leibt als passiv ansehen, sondern wir können außerdem noch verschiedene Begriffspaare bilden, die zwischen diesen beiden Extremen liegen. Zunächst brauche ich nur einen Teil meines Leibes als etwas Passives zu denken und kann dabei einem anderen Teil, zusammen mit der Seele, noch Aktivität beilegen. Ich kann dann ferner den Teil des Leibes, den ich zum Subjekt rechne, immer kleiner werden lassen und so allmählich dazu kommen, daß schließlich alles Körperliche Objekt geworden und nur noch das Seelische als Subjekt übrig geblieben ist. Es läßt sich mit anderen Worten ein Übergang von einem Subjekt zum anderen finden durch eine Mehrheit verschiedener Begriffspaare von Subjekt und Objekt hindurch, in denen eineseits der Begriff des Tätigen oder des Subjekts sich immer mehr verengt, während andererseits der Begriff des Passiven oder des Objekts einen immer größeren Umfang erhält. Von  dem  psychophysischen Subjekt, das zusammen mit der Seele den  ganzen  Leib umfaßt, führt also eine  Reihe  von anderen psychophysischen Subjektsbegriffen, in denen das Physische immer kleiner wird, uns schließlich zum rein psychologischen Subjekt, das gar nichts Körperliches mehr enthält, allmählich hinüber. Der Begriff des psychologischen Subjekts läßt sich daher geradezu so definieren, daß man ihn als das Endglied oder den Grenzbegriff der angegebenen Reihe von psychophysischen Subjektsbegriffen bezeichnet.

Der Gedanke dieser Reihenbildung und der damit zusammenhängenden Definition des psychologischen Subjekts ist an sich hier nicht wesentlich. Wir haben ihn nur angedeutet, um zu zeigen, daß die Reihe mit dem Begriff der Seele als des Subjekts durchaus noch nicht abgeschlossen zu sein braucht, sondern daß man sie über das psychologische Subjekt hinaus in einer ganz analogen Weise wie bisher weiter verfolgen kann. Wenn das geschieht, so wird sie für uns von Interesse, denn dann muß uns der neue Teil allmählich zum Begriff eines Subjekts hinführen, das in derselben Weise das Endglied der Reihe von psychologischen Subjekten bildet, wie das vorher betrachtete psychologische Subjekt das Endglied der dargestellten Reihe von psycho-physischen Subjekten war. Wir wollen also den Begriff des erkenntnistheoretischen Subjekts ebenfalls dadurch zu definieren suchen, daß wir in ihm das Endglied oder den Grenzbegriff einer Reihe von Subjektbegriffen sehen. So werden wir ihn ebenso sicher vom Subjektbegriff unterscheiden, wie wir diesen vom psycho-physischen unterscheiden konnten.

Die Tatsache, von der wir dabei ausgehen, wird nicht bestritten werden. Es kann nicht nur die Seele oder das psychologische Subjekt in seiner Gesamtheit als das Aktive im Gegensatz zu den passiven Körpern oder den Objekten aufgefaßt werden, sondern es läßt sich im psychologischen Subjekt selbst ein Aktives und ein Passives, ein Subjekt und ein Objekt unterscheiden. Wir beschränken uns hier auf den Fall, wobei Fühlen und Wollen nicht mit in Betracht kommen, sondern wo das Aktive oder das Subjekt die Bedeutung des  percipiens  [das Wahrnehmende - wp], das Passive die Bedeutung des  perceptum  [das Wahrgenommene - wp] hat. Könnten wir  nur  unseren Körper und nicht auch unsere Seele zu einem Objekt machen, so würde es keine empirische Wissenschaft von ihr geben. Auf der Möglichkeit einer Scheidung der Seele in percipiens und perceptum beruht also die Möglichkeit einer empirischen Psychologie. Das heißt aber nicht, daß dabei percipiens und perceptum identisch sind, denn Selbstwahrnehmung oder Selbstbeobachtung im strengen Sinne sind widerspruchsvolle Begriffe. Subjekt wird vielmehr in diesem Fall ein  Teil  des Seelenlebens, während ein anderer Teil das Objekt bildet, ebenso wie in der vorher betrachteten psycho-physischen Reihe ein Teil des Leibes Objekt werden konnte, während ein anderer noch zum Subjekt gehörte.

Um nun von dieser Tatsache aus zum Begriff des erkenntnistheoretischen Subjekts zu kommen, brauchen wir nur noch einen Schritt weiter zu gehen. Sollen wir unser ganzes Seelenleben kennen lernen, so muß es möglich sein,  jeden  Teil des psychologischen Subjekts als Objekt zu betrachten. Was nicht zum Objekt in diesem Sinne zu machen ist, kann jedenfalls, weil es sich der empirischen Wissenschaft entzieht, auch nicht zu  dem  Subjekt gerechnet werden, welches das Material der empirischen Psychologie bildet und das ist der Punkt, auf den es uns ankommt. Einen Übergang zu dem von uns gesuchten dritten Subjektbegriffe gewinnen wir dadurch, daß wir den Prozeß der Objektivierung des Seelenlebens immer weiter fortgesetzt denken, so daß, während das Objekt im Seelenleben sich immer mehr vergrößert, das Psychische im Subjekt immer kleiner wird, genau so, wie in der vorher betrachteten Reihe das Physische allmählich aus dem Subjekt verschwand. Denken wir uns schließlich den Prozeß der Objektivierung vollendet und nehmen wir an, daß das Material der Psychologie, d. h. das psychologische Subjekt ganz und gar zum Objekt geworden ist, so erhalten wir als notwendigen Korrelatbegriff zu diesem Objekt oder als Endglied und Grenzbegriff der psychologischen Subjektreihe den Begriff eines  percipiens,  für as alles empirische Sein  perceptum  ist, eines Subjekts, für das nicht nur die gesamte Körperwelt sondern auch alles Seelenleben, das überhaupt Material der empirischen Psychologie werden kann, zum Objekt geworden ist, eines Subjekts also, daß selbst gar kein empirisches Sein mehr enthält, weder physisches noch psychisches und niemals Gegenstand einer empirischen Wissenschaft werden kann. Dieses percipiens bezeichnen wir als das erkenntnistheoretische Subjekt. Von ihm kann gesagt werden, daß es die gesamte empirische Welt umfaßt und nennen wir es Bewußtsein, so müssen wir alles gegebene Sein als "Bewußtseinsinhalt" (9) bezeichnen. Vom psychologischen Subjekt aber ist  dieses  Bewußtsein sorgfältig zu unterscheiden, denn es enthält ebenso wenig Psychisches, wie das psychologische Subjekt Physisches enthält.

Im Grunde genommen ist auch dieser Gedanke einfach, ja selbstverständlich. Die Schwierigkeit, die ihm anhaftet, besteht nur darin, daß die Objektivierung des gesamten Seelenlebens niemals in der Weise vorgenommen werden kann, daß das erkenntnistheoretische Subjekt als empirische Realität übrig bleibt, die dem psychologischen Subjekt als einer ebensolchen Realität gegenüber gestellt werden könnte, wie das bei der Trennung des psycho-physischen vom psychologischen Subjekt möglich war. Es ist vielmehr die Trennung des psychologischen Subjekts vom erkenntnistheoretischen nur begrifflich möglich, d. h. es kann zwar jeder Teil des Seelenlebens Objekt werden, aber wir dürfen nicht voraussetzen, daß alle Teile des Seelenlebens auf einmal und zu gleicher Zeit zu objektivieren sind. Es bleibt vielmehr ein Teil des psychologischen Subjekts sozusagen immer mit dem erkenntnistheoretischen verbunden oder das erkenntnistheoretische Subjekt tritt niemals isoliert auf.

Wir müssen dies, um Mißverständnissen vorzubeugen, ausdrücklich hervorheben. Es könnte sonst die Frage entstehen, ob wir etwa meinen, daß das erkenntnistheoretische Subjekt das sei, das nun wirklich Psychologie treibe. Selbstverständlich kann die psychologische Untersuchung niemals vom erkenntnistheoretischen Subjekt geführt werden, sondern dazu ist immer ein psychologisches Subjekt nötig. Wenn der Psychologe "sich selbst" beobachtet, wie man sich auszudrücken pflegt, so beobachtet stets ein Teil seiner Seele den anderen. Das beobachtende Subjekt verliert also niemals seine empirische Realität. Wir müssen zugleich aber auch betonen, daß dieser Umstand für das, worauf es uns ankommt, ohne Bedeutung ist. Die  begriffliche  Scheidung des erkenntnistheoretischen vom psychologischen Subjekt ist jedenfalls unanfechtbar und der Begriff des erkenntnistheoretischen Subjekts selbst muß völlig eindeutig geworden sein. Mehr aber als diesen Begriff brauchen wir für unsere Zwecke nicht.

Kehren wir mit ihm nun noch einmal zurück zu der Gedankenreihe, aus der sich mit Notwendigkeit zu ergeben schien, daß das Seelenleben die einzige unmittelbare Realität sei und daß der Körperwelt nur eine Existenz als Phänomen zukomme. Zunächst, sehen wir, ist es offenbar unrichtig, dem Satz, daß alles Sein nur in Rücksicht auf ein Subjekt oder als Bewußtseinsinhalt existiert, die Form zu geben, daß die Körperwelt nur in  meinem  Bewußtsein auftritt oder daß  ich  das Subjekt bin, für das allein sie vorhanden ist. In jedem empirischen Ich ist vielmehr Subjekt und Objekt oder Bewußtsein und Bewußtseinsinhalt sorgfältig zu scheiden und alles, was indidivuell ist, muß zum Objekt gerechnet werden. Das Subjekt im erkenntnistheoretischen Sinne enthält von mir als einer bestimmten Person nichts und lediglich auf dieses unpersönliche Subjekt darf die Körperwelt bezogen werden. Alle Konsequenzen wie Solipsismus und dergleichen, zu deren Vermeidung die Annahme einer lediglich phänomenalen Existenz der Körperwelt als notwendig erscheinen konnte, sind damit vollkomen hinfällig geworden. Das individuelle Ich ist mit dem erkenntnistheoretischen Subjekt und  dem  Bewußtsein, als dessen Inhalt die Welt gelten kann, so wenig identisch, daß es für dieses Subjekt lediglich ein Objekt unter anderen Objekten ist. Es ist also ganz falsch, zu sagen, daß die unmittelbar gegebene Welt  mein  Bewußtseinsinhalt sei.

Ebensowenig ist es richtig, daß aus dem Satz, nach dem jede uns bekannte Wirklichkeit ein Bewußtseinsvorgang ist, geschlossen werden darf, daß sie ein  psychischer  Vorgang sei. Das Bewußtsein, von dem allein wir sagen dürfen, daß es alle bekannte Wirklichkeit umfaßt, enthält, ebenso wie es von allen individuellen Bestandteilen frei ist, auch nichts Psychisches mehr. Es hat mit dem Gegensatz von Physisch und Psychisch überhaupt nichts zu tun, es ist ein Subjekt nicht im Gegensatz zu Körpern, sondern zu  allen  Objekten. Auch daraus, daß das erkenntnistheoretische Subjekt, das unabtrennbar von jedem Gegenstand der Erfahrung ist, immer nur zusammen mit einem Stück Seelenleben wirklich vorkommt, folgt keineswegs, daß alle Gegenstände der Erfahrung etwas Psychisches sind.

Wenn endlich das Wort  Bewußtsein  für das erkenntnistheoretische Subjekt gebraucht wird, so muß man die Erfahrungswelt zwar in ihrer Gesamtheit als Bewußtseinsinhalt bezeichnen, aber das Bewußtsein ist dann eben nur der Name für alle in der Erfahrung gegebene Wirklichkeit und wenn unter dieser Voraussetzung die Körper auch Bewußtseinsinhalte genannt werden müssen, so hören sie darum durchaus nicht auf,  ihre unmittelbare Realität als Körper zu behalten.  Es sind vielmehr durch die Trennung der beiden Subjektbegriffe alle Gründe, Physisch und Psychisch in der Weise von einander zu unterscheiden, daß das eine nur Phänomen, das andere allein Realität sei, fortgefallen. Das Physische und das Psychische sind, wie man sie auch sonst definieren mag, jedenfalls beide gleich unmittelbar gegeben. Die Definition des Psychischen  allein  durch den Bewußtseinsinhalt genügt nicht nur nicht, sondern muß zu Mißverständnissen führen, wenn nicht hinzugefügt wird, daß es außer dem Psychischen noch einen anderen Bewußtseinsinhalt gibt: die Körperwelt. Das Bewußtsein kann in einer Definition des Psychischen höchstens das genus proximum [nächsthöhere Gattung - wp] sein, die spezifische Differenz muß erst gefunden werden. Die Definition des Psychischen als der Bewußtseinsvorgänge ist also unter allen Umständen viel zu weit und ganz ungeeignet, um es gegen die Körperwelt abzugrenzen. Im Gegenteil, alles, was sich aus dieser Definition für den Begriff des Psychischen ergibt, ist auch für den des Physischen gültig: auch das Physische ist eine unmittelbar gegebene Realität.

Ja, wir können sogar, um zu zeigen, wie wenig das Physische als nur mittelbar im Vergleich zum Psychischen bezeichnet werden darf, noch einen Schritt weiter gehen. Wollte man überhaupt zwischen den physischen und den psychischen Vorgängen mit Rücksicht darauf, daß sie mehr oder weniger unmittelbar gegeben sind, einen Unterschied machen, so würde man sagen müssen, daß die Körperwelt  der  Teil des Bewußtseinsinhaltes ist, der von allen Menschen gemeinsam und unmittelbar erfahren wird. Seelisches Leben dagegen ist jedem Einzelnen nur so weit unmittelbar gegeben, als es sein eigenes Seelenleben bildet und das übrige kennen wir nur mittelbar durch die Deutung von unmittelbar gegebenen körperlichen Vorgängen; wir müssen es nach Analogie unseres eigenen Seelenlebens erschließen. Ob aus diesem Umstand sich prinzipielle Unterschiede für die Methode der Psychologie im Gegensatz zu der der Naturwissenschaften ergeben, lassen wir zunächst dahin gestellt, wir haben ihn hier nur angedeutet, um zu zeigen, wie falsch es ist, das Psychische mit dem unmittelbaren Sein zu identifizieren im Gegensatz zur Körperwelt, die uns nur mittelbar bekannt sein soll.

Nur einen Umstand wollen wir noch erwähnen, der ebenfalls dazu beitragen kann, die Ansichten über das Verhältnis, in dem das Material der Psychologie unter logischen Gesichtspunkten zu dem der Naturwissenschaften steht, zu verwirren und der bisweilen vielleicht gerade auch den Mann der empirischen Wissenschaft in die Irre führt. Es sollte sich von selbst verstehen, daß, wenn man im logischen Interesse feststellen will, wie der Begriff des Psychischen sich zu dem des Physischen verhält, man dabei immer nur das Physische so nehmen darf, wie es sich uns als noch nicht wissenschaftlich umgeformtes Material darbietet, ebenso wie man doch das Psychische in der Gestalt nimmt, wie es vorgefunden wird. Diese Bedingung aber ist durchaus nicht immer erfüllt. Anstelle der Körperwelt, wie sie als empirische Wirklichkeit unmittelbar gegeben ist, tritt unwillkürlich der Begriff der Körperwelt, wie ihn die Naturwissenschaft mehr oder weniger bereits bearbeitet hat. Wir haben nun gesehen, daß dieser Prozeß der Bearbeitung von vornherein darauf gerichtet ist, die Anschaulichkeit der körperlichen Dinge und Vorgänge, die ihnen als unmittelbar gegebenen Bewußtseinsinhalten notwendig zukommt, immer mehr zu verdrängen. Vergleicht man dann diese naturwissenschaftlichen  Begriffe  mit dem unmittelbar gegebenen anschaulichen Material der Psychologie, so muß natürlich der Anschein entstehen, als ob Physisches und Psychisches prinzipiell voneinander verschieden wären. Daß aber ein solcher Vergleich vollkommen unberechtigt ist, bedarf keiner näheren Begründung. Nur die anschauliche, begrifflich noch nicht bearbeitete Körperwelt ist das Material der Naturwissenschaften und sie allein darf mit der ebenso anschaulichen und begrifflich nicht bearbeiteten Welt des Seelenlebens verglichen werden, die das Material der Psychologie bildet.

Selbstverständlich sollen diese Ausführungen durchaus nicht alle die erkenntnistheoretischen Fragen erledigen, die sich in diesem Zusammenhang aufdrängen können und müssen. Es kommt hier vielmehr nur darauf an, den erkenntnistheoretischen oder besser den metaphysischen Gegensatz von Realität und Phänomenalität aus den Begriffsbestimmungen des Psychischen und Physischen fernzuhalten. Dabei dürfen wir uns allerdings eines nicht verhehlen. Die Form, in die wir dieses Resultat gekleidet haben, enthält einen starken Zusatz von Paradoxie. Die Gleichsetzung der Körperwelt mit einem Teil des Bewußtseinsinhaltes klingt ebenso sonderbar wie die Behauptung, daß das Psyschische nicht mit dem Bewußtsein ohne weiteres identifiziert werden dürfe und wenn das Fremdartige dieser Sätze vielleicht auch nur auf der Terminologie beruth, so wird man doch fragen, warum eine solche Terminologie notwendig ist, um etwas im Grunde so Einfaches, wie die Behauptung von der unmittelbaren Realität der Körperwelt, zum Ausdruck zu bringen. Soll man nicht lieber das Wort  Bewußtseinsinhalt  zur Bezeichnung der Körperwelt vermeiden und seine Bedeutung auf das Seelenleben beschränken?

Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich über die Zweckmäßigkeit unserer Terminologie streiten läßt, aber es ist nicht ganz leicht, eine bessere an ihre Stelle zu setzen. Das Wort  Bewußtseinsinhalt  hat eben zwei ganz verschiedene Bedeutungen und zwar eine weitere und eine engere. Aber nur seine weitere Bedeutung hat den Vorzug, als Name für die gesamte empirische Realität unmittelbar verständlich zu sein. In seiner engeren Bedeutung dagegen, mit dem Wort  Seelenleben  identifiziert, ist der Ausdruck  Bewußtsein  ebenso wie das Wort  psychisch  nur konventionell. Wird er daher zur Bezeichnung des Materials der Psychologie verwendet, so besteht immer die Gefahr, daß dem in einem psychologischen Zusammenhang bedeutungslosen Namen sich der weitere erkenntnistheoretische Begriff sich unterschieb, dessen Bedeutung jeder versteht und damit eine gerade von angeblichen Positivisten und Männern der reinen Erfahrung vertretene spriritualistische Metaphysik sich einschleicht, die alles Sein zum Psychischen stempeln möchte. Da dies in der Wissenschaftslehre nur Verwirrung stiften kann, so muß man geradezu sagen, daß der Ausdruck  Bewußtsein  von allen Namen für den Gegenstand der Psychologie der bedenklichste ist. Es wäre daher, wenn wir ihn wegen seiner Zweideutigkeit nicht überhaupt in der Philosophie vermeiden wollen, sehr gut, sich an eine Terminologie zu gewöhnen, nach der unter  Bewußtseinsinhalt  die gesamte empirische Wirklichkeit zu verstehen ist, welche die physischen Vorgänge ebenso umfaßt wie die psychischen und nach der das Bewußtsein selbst als erkenntnistheoretisches Subjekt weder psychisch noch physisch sein kann. Es würde dann vielleicht auch das Gerede aufhören, daß, weil doch alles, womit die Philosophie sich beschäftige, Bewußtseinsvorgang sei, die wahre Philosophie nur - Psychologie sein könne, ein Argument, das dann allein einigen Anspruch auf Konsequenz machen dürfte, falls Physik oder Biologie auch als Teil der Psychologie bezeichnet würden. (10)

Doch mag man schließlich über die Terminologie denken, wie man will, wir wollen hier, wo Mißverständnisse möglich sind, das Wort  Bewußtsein  ganz vermeiden und uns auf eine Abwehr der Behauptung beschränken, daß, weil die Erfahrungswelt ein Bewußtseinsvorgang sei, nur das Seelenleben unmittelbare Realität besitze. Wir halten daran fest, daß das Wort psychisch jeden Sinn verliert, wenn es nicht auf einen  Teil  der gegebenen Wirklichkeit beschränkt wird, daß eine Körperwelt uns ebenso unmittelbar gegeben ist wie das Seelenleben und daß  diese  Körperwelt das einzige Material der empirischen Naturwissenschaften bildet. Das, was man unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten als Bewußtseinsinhalt zu bezeichnen gewohnt ist, nennen wir, um jede spiritualistische Auffassung unmöglich zu machen, die  empirische Wirklichkeit.  Um die Scheidung in Realitäten und Phänomene kümmern wir uns hier nicht weiter, nachdem wir ihre Bedeutungslosigkeit für unser Problem dargetan haben. Ob ihr überhaupt irgendeine Berechtigung zukommt, lassen wir dahingestellt. Es genügt uns, wenn wir zeigen können, daß durch sie jedenfalls das Physische vom Psychischen nicht getrennt werden darf. Wir finden unmittelbar vor eine Welt, die aus Körpern besteht und aus anderen Gebilden, die wir psychisch nennen. Von einer näheren Begriffsbestimmung des Psychischen sehen wir ebenfalls ab, ja wir wollen sogar ausdrücklich hervorheben, daß dieser Begriff durch unsere Untersuchungen in keiner Weise inhaltlich bestimmt sein soll. Wir wissen, daß das Psychische ein Teil der empirischen Wirklichkeit ist, so gut wie die Körper und wir beschränken uns darauf, zu sagen, daß psychisch alle Objekte sind, die nicht physische sind. Diese negative Bestimmung reicht hier vollständig aus.

Nehmen wir, um das Resultat dieser Ausführungen zusammenzufassen, endlich noch ausdrücklich Stellung zu der Formulierung, von der wir ausgegangen sind. Der Unterschied der Psychologie von der Naturwissenschaft sollte darin bestehen, daß das Material der einen die Objekte sind, die als etwas Fremdes an das Subjekt herantreten, die andere es dagegen mit dem unmittelbar gegebenen Subjekt selbst zu tun hat. Wir wissen, unter welchen Bedingungen allein dieser Satz eine Bedeutung für die Logik gewinnen könnte. Versteht man unter Subjekt das psycho-physische Subjekt, so wird man das Innenleben prinzipiell von der Außenwelt unterscheiden wollen. Denkt man an das erkenntnistheoretische Subjekt, so muß das Seelenleben als das allein unmittelbar gegebene Sein in einen Gegensatz zu der nur als Erscheinung gegebenen Welt der Körper treten. Diese beiden Subjektbegriffe kommen jedoch, wie wir gesehen haben, für die Psychologie nicht in Betracht. Nicht das Subjektive als das Innere ist Gegenstand der Psychologie, denn zu dieser Behauptung hätte nur der Materialismus ein Recht, der in Vorgängen im Gehirn und Nervensystem das Seelische erblickt. Nicht das Subjektive als Bewußtseinsvorgang ist Gegenstand der Psychologie, denn diese Definition setzt die gesamte empirische Realität dem Seelenleben gleich und würde nur von einem spiritualistischen Standpunkt aus berechtigt sein. Beide Begriffsbestimmungen sind also metaphysisch und haben daher hier keine Stelle. Vielmehr darf als Psychisch nur das bezeichnet werden, was wir als psychologisches Subjekt von den beiden anderen Subjekten unterscheiden konnten. So allein gewinnen wir einen Standpunkt, von dem aus eine empirische Begriffsbestimmung des Psychischen möglich ist.

Halten wir hieran fest, so wissen wir auch, daß der Satz, die Psychologie habe es mit Subjekten, die Naturwissenschaften dagegen mit Objekten zu tun, so weit er richtig ist, für die Methodenlehre gar nichts bedeutet. Gewiß untersucht die Naturwissenschaft nur Objekte im erkenntnistheoretischen Sinne und wenn sie Körperwissenschaft ist, so kommt auch das psychologische Subjekt für sie selbstverständlich gar nicht in Frage. Das erkenntnistheoretische Subjekt gehört zwar zum Begriff jeder empirischen Wirklichkeit, aber die Einzelwissenschaften haben immer davon zu abstrahieren. Die Körperwissenschaften sehen also sowohl vom psychologischen als auch vom erkenntnistheoretischen Subjekt ab. Ganz falsch aber wäre es, zu sagen, daß wegen dieser Abstraktion ihre Erkenntnisweise eine mittelbare und abstrakt begriffliche ist. Weder die Ignorierung des psychologischen noch des erkenntnistheoretischen Subjekts nötigt zur Bildung von Begriffen, die anstelle der Anschauung treten, sondern die Gründe, die wir im vorigen Kapitel ausführlich dargelegt haben, sind hierfür maßgebend. Die Abstraktion von den beiden Subjekten bildet an sich kein Hindernis für einen Versuch, die Körperwelt unmittelbar zu erkennen. Man kann körperliche Vorgänge, so wie sie anschaulich gegeben sind, in der Weise zu beschreiben versuchen, daß durch die Beschreibung ein anschauliches Bild von ihrer unmittelbaren Wirklichkeit entsteht. Aber man kann das immer nur mit  einzelnen  Dingen und Vorgängen tun und warum solche Beschreibungen für die Naturwissenschaft ohne Bedeutung sind, haben wir gesehen.

Wie verhält es sich nun mit den Subjekten in der Psychologie? Wie die Naturwissenschaft sich nicht um das psychologische Subjekt kümmert, so hat die Psychologie von den körperlichen Vorgängen abzusehen. Eine Abstraktion vom erkenntnistheoretischen Subjekt muß sodann die Psychologie ebenfalls vornehmen, sonst würde sie keine empirische Psychologie sein, d. h. alles, was sie untersuchen soll, muß auch sie zum Objekt machen und wenn die Trennung des psychologischen Materials vom erkennenden Subjekt auch schwieriger auszuführen sein mag, so ist sie darum doch nicht minder notwendig. Durch diese Trennung aber und die Abstraktion vom erkenntnistheoretischen Subjekt verliert das Material der Psychologie natürlich ebensowenig von seiner Unmittelbarkeit wie das Material der Naturwissenschaften. Auch hier ist eine unmittelbare Erkenntnis einzelner psychischer Objekte nach Abstraktioin vom erkenntnistheoretischen Subjekt selbstverständlich möglich. Man kann einzelne unmittelbar erlebte psychische Tatsachen in derselben Weise wie die physischen beschreiben, sodaß dadurch anschauliche Bilder psychischer Wirklichkeiten entstehen. Soll nun aber hier diese nicht naturwissenschaftliche Art von Beschreibung einzelner Tatsachen die einzige Art der Erkenntnis sein? Soll die objektivierte Welt des Psychischen nicht ebenso wie die objektivierte Welt Physischen in ihrer Gesamtheit untersucht und zumindest einer Beschreibung nach Art der Naturwissenschaften, eventuell auch einer naturwissenschaftlichen Erklärung unterzogen werden? Es liegt nicht der mindeste Grund vor, diese Frage zu verneinen. Daß wir nicht das ganze Seelenleben auf einmal zum Objekt zu machen imstande sind, kann unmöglich ein Hindernis für eine naturwissenschaftliche Bearbeitung sein, denn auch die körperliche Wirklichkeit ist niemals in ihrer Totalität zugleich erfahrbar.

Nachdem wir also festgestellt haben, daß sich im Material der Psychologie als solchem nichts findet, was seine naturwissenschaftliche Behandlung von vornherein als weniger möglich erscheinen läßt als die der Körperwelt, müssen wir uns jetzt der Frage zuwenden, ob diese Behandlung nicht nur möglich, sondern auch inwieweit sie notwendig ist, wenn von einer wissenschaftlichen Erkenntnis des Seelenlebens überhaupt die Rede soll sein können.
LITERATUR - Heinrich Rickert, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung [Eine Einleitung in die historischen Wissenschaften], Freiburg i. Br./Leipzig 1896
    Anmerkungen
    1) Daß unsere Frage nichts mit dem "Problem" zu tun hat, wie aus der Bewegung von Atomen Empfindung werden kann, sondern daß wir in einem völlig anderen Sinn von "Grenzen" der Naturwissenschaft reden, haben wir in der Einleitung bereits hervorgehoben.
    2) Vgl. besonders WILHELM DILTHEY, Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie (Sitzungsberichte der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften, 1894, Seite 1309f). Ferner: WILHELM WUNDT, *Logik II, Methodenlehre, zweite Abteilung: Logik der Geisteswissenschaften und Philosophische Studien, Bd. XII, *Über die Definition der Psychologie.
    3) Vgl. RICHARD AVENARIUS, Bemerkungen zum Begriff des Gegenstandes der Psychologie (Erster Artikel), Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. XVIII, Seite 141: "Der Ausdruck psychisch ist mithin rein konventionell; ansich selbst ist er nach der Elimination der Seele nichtssagend."
    4) Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Sitzungsberichte usw. a. a. O., Seite 1313. Ähnliche Gedanken durchziehen die ganze Abhandlung.
    5) Vgl. WUNDT, Philosophische Studien, Bd. XII, Über die Definition der Psychologie, Seite 11f
    6) Einen scharfen Unterschied zwischen "logisch" im engeren Sinne und "erkenntnistheoretisch" zu machen, ist nicht ganz leicht. Hier genügt es, wenn wir hervorheben, daß alle die Gedankenreihen der Wissenschaftslehre erkenntnistheoretisch heißen sollen, die über die Methodenlehre hinaus zu Problemen führen, für welche der Ausdruck metaphysisch üblich ist, die zugleich aber diese Probleme nur vom Standpunkt einer Wissenschaftslehre behandeln.
    7) Den dreifachen Gegensatz des Subjekts zum Objekt, der den folgenden Ausführungen zugrunde liegt, habe ich bereits in meiner Schrift über den "Gegenstand der Erkenntnis" klarzulegen versucht. Doch besteht das folgende nicht in einer Wiederholung der früher gegebenen Ausführungen. Dort handelte es sich nämlich darum, die verschiedenen Subjekts- und Objektbegriffe in Rücksicht auf das Problem der philosophischen Transzendenz auseinander zu halten. Hier ist die Erörterung von anderen Gesichtspunkten aus mit Rücksicht auf die Begriffsbestimmung des Gegenstandes der empirischen Psychologie unternommen und es müssen daher hier Punkte in den Vordergrund geschoben werden, die dort zurücktreten durften. Doch kommen die beiden voneinander abweichenden Darstellungen im Wesentlichen natürlich auf dasselbe hinaus.
    8) Auch über den Begriff des "Inneren" als Gegenstand der Psychologie finden sich bei AVENARIUS (a. a. O., Seite 150 treffende Bemerkungen, wie überhaupt seine Lehre von der notwendigen "Ausschaltung der Introjektion" sehr wertvolle Bestandteil enthält. Nur scheint es mir gänzlich unbegründet, daß mit der Introjektion der Gegensatz von Subjekt und Objekt überhaupt beseitigt sein soll.
    9) Auch dieser Terminus enthält ein Bild. Das Bewußtsein ist selbstverständlich kein Raum, in dem etwas sein könnte. Doch kann der Ausdruck Mißverständnisse in dieser Richtung wohl nicht herbeiführen. Von der Behauptung irgendeiner Art von "Introjektion" sind wir weit entfernt.
    10) Wo dies geschieht, unterliegt natürlich die Gleichsetzung des Psychischen mit dem Bewußtsein keinem Bedenken mehr. Der Name des Psychischen wird dann zur Bezeichnung der gesamten empirischen Wirklichkeit, was ganz gewiß keine glückliche Terminologie ist. Sonderbarerweise hat man auch von naturwissenschaftlicher Seite diese Ausdrucksweise verwendet. So erklärt MAX VERWORN in seiner "Allgemeinen Physiologie" (Jena 1895), Seite 38: "Es existiert nur eins, das ist die Psyche", und hofft, "daß dieser Grundgedanke auch in der Naturforschung mehr und mehr an Boden gewinnen wird." Das Merkwürdigste dabei ist, daß VERWORN sich für diesen "Grundgedanken" auf die "Kritik der reinen Erfahrung" von AVENARIUS beruft, ein Buch, in dem so entschieden wie möglich Ansichten dieser Art bekämpft sind.