tb-1Frischeisen-KöhlerZur Lehre von der DefinitionErnst Bloch    
 
HEINRICH RICKERT
Die Grenzen der
naturwissenschaftlichen Begriffsbildung

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Einleitung
Erstes Kapitel - Die begriffliche Erkenntnis der Körperwelt
I. Die Mannigfaltigkeit der Körperwelt
II. Die Bestimmtheit des Begriffs
III. Die Geltung des Begriffs
IV. Dingbegriffe und Relationsbegriffe
V. Die mechanische Naturauffassung
VI. Beschreibung und Erklärung

Zweites Kapitel - Natur und Geist
I. Physisch und Psychisch
II. Begriffliche Erkenntnis des Seelenlebens
III. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft
Drittes Kapitel - Natur und Geschichte
I. Begriffsbildung und empirische Wirklichkeit
II. Der Begriff des Historischen
III. Historische Bestandteile in den Naturwissenschaften
IV. Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft

"Natürlich" ist das, was in sich ruht und sich selbst genügt, ohne Rücksicht auf Gut oder Böse, so bildet es den Gegensatz zum Sittlichen oder zu Gott. Fast immer handelt es sich um das Gegensatzlose, Einheitliche, sich überall Gleichbleibende und immer Wiederkehrende. Wenn wir daher das Wort als einen logischen Terminus in der Wissenschaftslehre gebrauchen wollen, so werden wir sagen dürfen, daß Natur die Wirklichkeit ist mit Rücksicht auf ihren gesetzmässigen Zusammenhang. Diese Bedeutung finden wir z. B. in dem Worte  Naturgesetz.  Dann aber können wir die Natur der Dinge auch das nennen, was in die Begriffe eingeht, oder am kürzesten uns dahin ausdrücken:  die Natur ist die Wirklichkeit mit Rücksicht auf das Allgemeine.  So gewinnt dann das Wort erst eine logische Bedeutung.


Zweites Kapitel
Natur und Geist

III. Naturwissenschaft
und Geisteswissenschaft

Wir versuchen zunächst, den Begriff der Naturwissenschaft in seiner logischen Bedeutung festzustellen, und gehen zu diesem Zwecke auf den Begriff der Natur etwas näher ein. Im Beginn unserer Untersuchung haben wir dieses Wort als gleichbedeutend mit  Körperwelt  gebraucht, aber zweifellos ist dies nicht seine einzige Bedeutung. Ja, es wird kaum jemand geneigt sein, die völlige Gleichsetzung von Natur und Körperwelt zu billigen. Wir haben hier umso mehr Veranlassung, auch nach den anderen Bedeutungen zu fragen, die das Wort  Natur  haben kann, als der Begriff der Natur, wenn darunter nur die Körperwelt verstanden wird, für eine umfassende logische Gliederung der wissenschaftlichen Methoden nicht von wesentlicher Bedeutung zu werden vermag. Ist die Methode der Naturwissenschaften nicht auf die Körperwelt beschränkt, so hat es, falls Natur nur die Körperwelt bezeichnet, in der Wissenschaftslehre keinen Zweck mehr, von einer  "natur wissenschaftlichen" Methode zu reden. Wenn also das Wort  Naturwissenschaft  als logischer Terminus überhaupt eine Verwendung finden soll, so muss das Wort  Natur  in einem anderen Sinn als bisher gebraucht werden.

Der Ausdruck gehört ebenso wie der vorher erörterte Ausdruck Subjekt zu denen, deren Bedeutung erst dann völlig bestimmt ist, wenn gesagt wird, wozu sie in einem Gegensatz stehen. Wird die Natur in einen Gegensatz zum Seelenleben gebracht, so ist selbstverständlich nur die Körperwelt damit gemeint. Aber außer diesem Gegensatz von Natur und Geist sprechen wir nicht nur von Natur und Geschichte sondern auch von Natur und Kunst, Natur und Kultur, Natur und Sitte, Natur und Sittlichkeit, Natur und Gott, ja, es ließen sich wohl noch mehr Gegensatzpaare finden, in denen die Natur das eine Glied bildet, aber die genannten mögen genügen, um uns die große Vieldeutigkeit des Wortes zum Bewußtsein zu bringen. Zugleich sehen wir auch, daß Natur die Bedeutung des körperlichen Seins nur hat, wenn sie in einen Gegensatz zum Geist gebracht wird, und  geistig  nichts anderes als  seelisch  oder  psychisch  bedeutet. Man wird daher sagen müssen, daß in diesem Fall die Bedeutung ungebührlich verengt ist. Im Gegensatz zu Kultur, Kunst, Sitte, Gott usw. ist auf keinen Fall  nur  etwas Körperliches darunter zu verstehen, ja vielleicht würde sogar der Gegensatz von Natur und Geist überhaupt nicht üblich sein, wenn das Wort  Geist  nur das Psychische bedeutete, was, wie wir später noch erörtern werden, durchaus nicht der Fall ist. Jedenfalls gehört in den anderen Gegensatzpaaren das Seelenleben gerade so gut zur Natur wie die Körperwelt, und der Begriff der Natur ist also anwendbar auf  alle  der Erfahrung zugänglichen Objekte, da wir ja nur psychische oder physische Vorgänge in der Erfahrung kennen.

Unter diesen Umständen ist es nun sehr begreiflich, daß man unter Natur vielfach die empirische Wirklichkeit überhaupt verstanden hat. Der Gegensatz zu ihr würde dann entweder eine Wirklichkeit anderer Art als die uns gegebene und bekannte oder auch nur etwas nicht Wirkliches sein können. Doch ist dies wiederum nicht die Bedeutung, die das Wort im Gegensatz zu den vorher genannten Begriffen hat. Ein Kunstwerk z. B. oder irgend ein anderes Kulturerzeugnis ist ein Stück der empirischen Wirklichkeit und wird doch niemals Natur genannt werden. Als Bezeichnung für die gesammte empirische Wirklichkeit wäre also das Wort  Natur  zu weit. Auch hätte es dann eine wesentliche Bedeutung für die Gliederung der empirischen Wissenschaften ebenso wenig, wie wenn es nur für die Körperwelt verwendet wird. Wir müssen also, falls die Worte  Natur  und  Naturwissenschaft  in einem logischen Zusammenhang gebraucht werden sollen, noch nach einer dritten Bedeutung suchen.

Eines ist dabei von vorneherein klar. Wenn das Wort  Natur,  nur für die Körperwelt angewendet, eine zu enge, für die empirische Wirklichkeit überhaupt angewendet, dagegen eine zu weite Bedeutung hat, und seine Gleichsetzung mit dem Seelenleben selbstverständlich nicht in Frage kommen kann, so bleibt garnichts anderes mehr übrig, als daß es die Wirklichkeit unter einem bestimmten  Gesichtspunkt  bezeichnet, und dies dürfte in der Tat auch dem Sprachgebrauch am meisten entsprechen. Allerdings ist es kaum möglich, eine Bedeutung zu finden, die alles das umfaßt, was dem Wort in allen den verschiedenen Gegensatzpaaren gemeinsam ist, die wir aufgezählt haben. Doch wird in den meisten Fällen unter "Natur" die Wirklichkeit verstanden werden können unter dem Gesichtspunkt, daß sie, wie wir dies in der Einleitung bereits angedeutet haben, ein in sich geschlossenes, von rein immanenten Gesetzen beherrschtes Sein ist. "Natürlich" nennen wir im Gegensatz zur Kunst oder zur Kultur das, was von selbst wird und nicht von anderen gemacht ist. "Natürlich" ist das, was in sich ruht und sich selbst genügt, ohne Rücksicht auf Gut oder Böse, so bildet es den Gegensatz zum Sittlichen oder zu Gott. Fast immer handelt es sich um das Gegensatzlose, Einheitliche, sich überall Gleichbleibende und immer Wiederkehrende. Wenn wir daher das Wort als einen logischen Terminus in der Wissenschaftslehre gebrauchen wollen, so werden wir sagen dürfen, daß Natur die Wirklichkeit ist mit Rücksicht auf ihren gesetzmässigen Zusammenhang. Diese Bedeutung finden wir z. B. in dem Worte  Naturgesetz Dann aber können wir die Natur der Dinge auch das nennen, was in die Begriffe eingeht, oder am kürzesten uns dahin ausdrücken:  die Natur ist die Wirklichkeit mit Rücksicht auf das Allgemeine.  So gewinnt dann das Wort erst eine logische Bedeutung.

Wenn wir dies akzeptieren , so läßt sich zunächst dem Satz, daß es naturwissenschaftliche Psychologie gibt, noch ein anderer Sinn geben als bisher. Wir haben gezeigt, daß die Methode, die bei der Erforschung der Körperwelt ausgebildet worden ist, auch bei der Erforschung des Seelenlebens angewendet werden muß. Von naturwissenschaftlicher Psychologie konnten wir unter dieser Voraussetzung insofern reden, als die Psychologie nach der in den Naturwissenschaften üblichen Methode betrieben wird. Verstehen wir nun aber unter Natur die Wirklichkeit mit Rücksicht auf das Allgemeine, so muss die Psychologie deshalb eine Naturwissenschaft genannt werden, weil sie die Wissenschaft von der "Natur" des Seelenlebens ist, d. h. die Wissenschaft vom Seelenleben, insofern es aufgefasst wird als im Gegensatz stehend nicht zur Körperwelt sondern zur Kunst, zur Kultur, zur Sitte, zur Geschichte usw., d. h. als ein in sich ruhender, alles aus sich selbst hervorbringender, von immanenten Gesetzen beherrschter Zusammenhang, und insofern es darauf ankommt, das Seelenleben als Ganzes mit Rücksicht auf das Allgemeine zu begreifen. Und dies in der Tat meinen wir, wenn wir die Psychologie zu den Naturwissenschaften rechnen.

Es lässt sich nun nicht in Abrede stellen, daß diese Terminologie sich mit dem Sprachgebrauch nicht in völliger Uebereinstimmung befindet, aber es wäre sehr wünschenswert, wenn es Sprachgebrauch würde, die Psychologie eine Naturwissenschaft zu nennen, denn so allein wäre eine konsequente Verwendung des Wortes  Natur  in der Wissenschaftslehre möglich. Zweifellos muß man es ja als ganz sprachwidrig empfinden, falls jemand das Seelenleben vom Begriff der Natur ausschließt, denn nur in dem Ausdruck Natur wissenschaft  hat Natur in seiner Bedeutung eine Nuance, die es mit der Körperwelt in besonders nahe Beziehung bringt, und das ist deshalb sehr begreiflich, weil die Wissenschaften von der körperlichen Natur die älteren sind. Da aber der Ausdruck  Natur  sonst für das Seelenleben ebenso gebraucht wird wie für die Körperwelt, so sollte man auch das Wort  Naturwissenschaft  dementsprechend anwenden. Der Sprachgebrauch würde sich dann nur dem Umstände fügen, daß heute das Seelenleben nach derselben Methode wie die Körperwelt erforscht wird. Auch das Seelenleben ist etwas Natürliches, es wird und vergeht von selbst. Es kann angesehen werden ohne Rücksicht auf Gut und Böse und ebenso ohne Rücksicht auf jeden Gegensatz. Es unterscheidet sich also seinem allgemeinen Begriff nach von der Kultur, der Kunst, der Sitte usw. ebenso wie die Körperwelt. Es ist ebenso wie die Körperwelt daher auch eine Natur, und es muss eine Naturwissenschaft davon so gut wie von den Körpern geben.

Die vollständige Rechtfertigung der Verwendung des Wortes Natur in der angegebenen Bedeutung werden erst die späteren Ausführungen über den Gegensatz von Natur und Geschichte bringen können. Hier begnügen wir uns mit dem Hinweis darauf, daß wir einen gemeinsamen Terminus brauchen für die Wissenschaften, welche nach der an der Körperwelt erprobten Methode betrieben werden, und daß unter den vorhandenen Worten, die wir wählen könnten, das Wort  Naturwissenschaft  bei weitem das geeignetste ist. Wir werden es überall dort verwenden, wo die Wissenschaft ihre Objekte daraufhin ansieht, daß sie einen in sich ruhenden, gesetzmässigen Zusammenhang bilden, und darauf ausgeht, die Wirklichkeit in ein einheitliches Begriffssystem zu bringen, in dem der gesetzmässige Zusammenhang, das Wesen oder die "Natur" der Dinge zum Ausdrucke kommt.

Die Behauptung, daß auch das Seelenleben als Natur anzusehen ist, treibt uns nun sogleich noch einen Schritt weiter. Da die gesammte der Erfahrung zugängliche Wirklichkeit entweder psychisch oder physisch ist, und es demnach, wenn wir Recht haben, in ihr überhaupt nichts gibt, das nicht als Natur angesehen und einer Bearbeitung durch die naturwissenschaftliche Begriffsbildung unterzogen werden kann, so muß sich die Frage erheben, ob es denn die einzige Möglichkeit ist, die Wirklichkeit als Natur zu erforschen, daß wir dabei entweder nur das Physische oder nur das Psychische in Betracht ziehen. Umfasst der allgemeinste Begriff der Natur nicht Körperwelt und Seelenleben zusammen als seine Glieder? Ist die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit nicht ein einheitliches Ganzes, das als Natur zu erforschen eine berechtigte und nothwendige Aufgabe ist? Dies ist zweifellos eine Frage, die sich nicht ohne Weiteres abweisen läßt. Es ist vielmehr neben der Körperwissenschaft und der Psychologie noch eine dritte Wissenschaft möglich, die darauf ausgeht, die Mannigfaltigkeit der gesammten Wirklichkeit durch Begriffe zu vereinfachen und in ein einheitliches System zu bringen, also die "Natur" oder das Wesen der Wirklichkeit überhaupt kennen zu lernen.

Eine Wissenschaft, welche sich diese Aufgabe stellt, pflegt man als Metaphysik zu bezeichnen. Von den hier angedeuteten Gesichtspunkten aus ist es sehr wohl möglich, der Metaphysik Probleme zu stellen, die berechtigte wissenschaftliche Fragen enthalten. Zu ihrer Beantwortung würde man sich selbstverständlich der naturwissenschaftlichen Methode zu bedienen haben, d. h. man müsste versuchen, das Wesen der Wirklichkeit in einem die gesamte Mannigfaltigkeit umfassenden, gültigen Begriffssystem auszudrücken, ebenso wie dies die Wissenschaften von den Körpern für die physische Welt und die Psychologie für das Seelenleben anstreben. Eine wichtige Aufgabe dieser Wissenschaft könnte z. B. darin bestehen, Körper und Geist, die wir bisher als zwei prinzipiell von einander gesonderte Gebiete nur als Thatsachen hinnehmen können, unter einen umfassenden Begriff zu bringen, einen Begriff des "Absoluten", der physisches und seelisches Leben als Aeusserungen eines gemeinsamen Urgrundes verstehen lehrt (1). Auch hat es einen guten Sinn, von einer Wissenschaft, die derartiges unternimmt, zu sagen, daß sie in demselben Sinne eine Erfahrungswissenschaft ist wie die Physik oder die Psychologie. Sie ist natürlich nicht in dem Sinn auf Erfahrung gestützt, daß sie ein Abbild der Wirklichkeit zu geben vermöchte, denn das kann die Naturwissenschaft im engeren Sinne und die Psychologie auch nicht. Vielmehr ist allen diesen Wissenschaften gemeinsam, daß sie, ausgehend vom unmittelbar Gegebenen, Begriffe zu bilden suchen, die für das Gegebene gültig sind. Wir haben gesehen, daß alle Wissenschaften, auch wenn sie begrenzte Gebiete untersuchen und diese Gebiete erklären wollen, durch unbedingt allgemeine Urtheile oder Begriffe von mehr als empirisch allgemeiner Geltung die Erfahrung überschreiten müssen. Es liegt kein Grund vor, ein derartiges Überschreiten der Erfahrung einer Wissenschaft verbieten zu wollen, die sich von den anderen erklärenden Wissenschaften nur dadurch unterscheidet, daß sie statt eines Theiles der Wirklichkeit das Ganze zum Gegenstand ihrer Untersuchung und begrifflichen Bearbeitung macht. Kein Geringerer als EDUARD ZELLER ist noch kürzlich für die "Metaphysik als Erfahrungswissenschaft" entschieden eingetreten. Mit Recht sagt er, daß, wer die Möglichkeit des Wissens grundsätzlich einräumt, kein Recht hat, "dasselbe hinsichtlich seines Umfanges oder seiner Sicherheit in unverrückbare Schranken einzuschliessen" (2).

Doch wir haben diese Ausführungen nicht gemacht, um damit das Recht der Metaphysik zu verteidigen. Vielleicht würde sich bei genauerer Untersuchung ergeben, daß es hier sehr viel leichter ist, das Problem zu stellen als in erfolgreicher Weise an seiner Lösung zu arbeiten. Wir müssen sogar, um Mißverständnissen vorzubeugen, noch einige einschränkende Zusätze machen. Eine Metaphysik in dem hier angegebenen Sinn würde immer nur auf die begriffliche Bearbeitung dessen gerichtet sein, was Objekt werden kann in der Bedeutung, die die Erkenntnistheorie mit diesem Wort verbinden muß. Vom erkenntnistheoretischen Subjekt hätte auch diese Metaphysik völlig zu abstrahieren, und sie wäre zwar den anderen Erfahrungswissenschaften insofern übergeordnet, als sie umfassender ist als diese, der Erkenntnistheorie dagegen durchaus untergeordnet. Es ist ferner nicht recht einzusehen, wie diese Metaphysik eine Philosophie der Natur und eine Philosophie des Geistes unter sich befassen soll derart, daß die eine die Naturwissenschaften im engeren Sinne, die andere die Psychologie zu einem Abschluß zu bringen hat. Was für die Körperwelt und das Seelenleben von einer Erfahrungswissenschaft überhaupt zu leisten ist, das haben die Wissenschaften von den Körpern und die Psychologie selbst zu leisten, und in der Weise allein können diese Wissenschaften in die Philosophie übergehen, daß ihre "letzten" Begriffe nur durch erkenntnisstheoretische Erörterungen, d. h. mit Rücksicht auf das erkenntnistheoretische Subjekt klarzulegen sind. Dann aber greift eine völlig andere Methode als die der Erfahrungswissenschaften Platz, und man darf solche Untersuchungen nicht mehr in dem eben angegebenen Sinne metaphysisch nennen. Der Metaphysik als Erfahrungswissenschaft kann vielmehr eine besondere Aufgabe nur damit gestellt werden, daß sie ohne Rücksicht auf den Gegensatz von  Physisch  und  Psychisch  die Wirklichkeit einheitlich zu begreifen hat, und es ist gerade sehr zweifelhaft, ob sie imstande sein wird, mit den Begriffen zu arbeiten, die von den anderen Erfahrungswissenschaften mit Rücksicht entweder auf die Körper oder das Seelenleben allein gebildet sind. Wäre das nicht der Fall, so würde schon dieser Umstand es ausschließen, daß sie eine besondere Philosophie des Geistes und der Natur, die Psychologie und Physik zum Abschluß bringen soll, unter sich befaßt.

Doch alle diese Gedanken haben wir hier nicht weiter zu verfolgen. Uns kommt es nur darauf an, zu sehen, wo die Grenzen der Naturwissenschaft  nicht  liegen. Wir wollen der Naturwissenschaft alle Rechte einräumen, die sie nur irgend beanspruchen kann, und deshalb allein haben wir versucht zu zeigen, daß, wenn es eine Metaphysik gibt als Wissenschaft der gesamten Wirklichkeit, es sehr wohl möglich ist, daß sie nach naturwissenschaftlicher Methode betrieben wird. Es soll dadurch nur deutlich werden, wie wenig die Grenzen für die naturwissenschaftliche Begriffsbildung aus den Eigenschaften des  Materials  hergeleitet werden dürfen, das der Wissenschaft zur Bearbeitung gegeben ist. Wir nehmen das Wort  Natur  also in dem denkbar weitesten Sinne, um den Begriff der Geschichte um so sicherer dagegen abgrenzen zu können und zu zeigen, daß, selbst wenn alle Körperwissenschaften, alle psychologischen Disziplinen und die Metaphysik in dem angegebenen Sinne nach naturwissenschaftlicher Methode in denkbar höchster Vollendung ausgebildet wären, damit noch nicht ein einziges Problem der Geschichtswissenschaften gelöst, ja noch nicht einmal als Problem begriffen zu sein brauchte.

Bevor wir jedoch zum Gegensatz von Natur und Geschichte übergehen, haben wir schließlich noch den Blick auf den Begriff der  Geisteswissenschaften  zu richten, um das logische Verhältnis, in dem sie zu den Naturwissenschaften stehen, ausdrücklich festzustellen. Wenn wir das Wort  Naturwissenschaft  so verwenden, daß darunter jede Wissenschaft fällt, die ihre Objekte mit Rücksicht auf das Allgemeine betrachtet und, soweit es möglich ist, in Gesetzesbegriffen das Wesen der Dinge zu erfassen sucht, und wenn ferner das Wort  Geist  dasselbe bedeuten soll wie  seelisch  oder  psychisch,  so können wir es jetzt als völlig selbstverständlich bezeichnen, daß der Ausdruck "Geisteswissenschaften" gar keine logische Bedeutung haben kann. Weil das Seelenleben wie die Körperwelt als eine Natur anzusehen ist, so müßten "Geisteswissenschaften" als Wissenschaften vom Seelenleben auch nach naturwissenschaftlicher Methode betrieben werden. Oder: der Umstand, daß eine Wissenschaft es mit geistigen Vorgängen zu tun hat, kann für sich allein niemals einen prinzipiellen Unterschied der Methode begründen, denn das Wort  Geist  ist wie das Wort  Körper  logisch indifferent.

Bezeichnet man daher die Geschichte als eine Geisteswissenschaft und bestimmt als das Objekt der Geschichtswissenschaften einen Teil des menschlichen Geisteslebens, so ist es ganz unmöglich, logisch die Geschichte prinzipiell von der Naturwissenschaft zu scheiden. Sie kann dann nur als ein Teil der psychologischen Disziplinen angesehen werden, und es ist nicht einzusehen, warum sie nicht versuchen soll, das Leben der Völker und Menschen unter allgemeine Begriffe zu bringen und wenn möglich die Gesetze dieses Lebens kennen zu lernen. Wir begreifen es daher sehr wohl, daß JOHN STUART MILL, der wohl als Erster eine systematische Logik der Geisteswissenschaften unternahm, allein in der Übertragung der naturwissenschaftlichen Methode auf die Geisteswissenschaften den Weg sah, auch sie zu wahren Wissenschaften zu machen. Er konnte mit Recht im Seelenleben als solchem nichts entdecken, das eine andere Methode als die in den Naturwissenschaften erprobte erforderte. Die Logik der Geisteswissenschaften mußte also für ihn zu einem bloßen Anhang der Logik der Naturwissenschaften werden, denn wenn man keinen anderen Gegensatz als den von Wissenschaften, die es mit physischen Vorgängen, und denen, die es mit psychischen zu tun haben, kennt, ist es durchaus konsequent zu behaupten, daß alle Wissenschaften Naturwissenschaften sind. Aber eben so sicher ist es auch, daß man das logische Problem, um das es sich hier handelt, dann noch gar nicht gesehen hat. Der Gegensatz von Natur und Geist ist also für eine Gliederung der Wissenschaften unbrauchbar.

Wir können sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, daß auch der Brauch, die Wissenschaften in Natur und Geisteswissenschaften einzuteilen, gar nicht entstanden wäre, wenn das Wort  Geist  nur die bisher betrachtete Bedeutung des Psychischen, und das Wort  Natur  nur die Bedeutung des Physischen hätte. Auf die Vieldeutigkeit des Wortes  Natur  haben wir bereits hingewiesen. Wir müssen jetzt auch einen Blick auf die Bedeutungen werfen, die das Wort  Geist  besitzt, um zu zeigen, wie nichtssagend der Terminus "Geisteswissenschaften" ohne nähere Erklärung ist.

Zunächst hat auch das Wort  Geist  zwei der Bedeutungen, die das Wort  Subjekt  haben kann, d. h. außer der Seele ist unter Geist auch das erkenntnistheoretische Subjekt zu verstehen. Die Natur im Gegensatz zum Geist wäre dann wieder die gesamte empirische Wirklichkeit, die Welt der Objekte überhaupt. Da wir die Wissenschaftslehre gegen die Erfahrungswissenschaften so abgrenzen können, daß jene ausdrücklich auf das erkenntnistheoretische Subjekt reflektiert, während diese ausdrücklich davon abstrahieren, so würde man die Wissenschaftslehre als die Geisteswissenschaft im Gegensatz zu den "Naturwissenschaften" bezeichnen können, zu denen  alle  empirischen Wissenschaften mit Einschluß der Metaphysik im angegebenen Sinne zu rechnen wären. Auch dieser Gegensatz mag mehr oder weniger mitklingen, wo auf die Eintheilung in Natur- und Geisteswissenschaften ein Wert gelegt wird. Doch ist auch diese Terminologie nicht glücklich. Der Gegensatz von Natur und Geist wäre dann für eine Eintheilung der  empirischen  Wissenschaften gänzlich unbrauchbar, denn alle Wissenschaften, die sich auf Objekte im erkenntnistheoretischen Sinne beschränken, würden danach zu den Naturwissenschaften zu rechnen sein, und unter diesen Begriff fiele dann nicht nur die Psychologie, sondern auch die Geschichte.

Das Wort  Geist  hat vielmehr noch eine dritte Bedeutung, die sich weder mit der des psychischen Seins überhaupt, noch mit der des erkenntnistheoretischen Subjekts deckt, sondern in der es eine besondere  Art  des psychischen Seins bezeichnet, und auf dieser Bedeutung beruth es zweifellos vor allem, wenn die Einteilung in Natur- und Geisteswissenschaften so üblich geworden ist. Es ist bekannt, welche Rolle der Ausdruck  Geist  z. B. in der HEGELschen Philosophie spielt. Drei verschiedene Arten von Geist kennt HEGEL, den subjektiven, den objektiven und den absoluten Geist. Von ihnen ist jedoch nur der erste mit dem allenfalls zu identifiziren, was wir Psychisch nennen, und dieser subjektive Geist steht nach HEGEL durchaus nicht im Gegensatz zur Natur, sondern er wird "Naturgeist" genannt, und nur insofern, als aus ihm etwas anderes werden kann als Natur, ist er in einen Gegensatz zur Natur zu bringen. Erst wenn der Geist aus der Form der bloßen Subjektivität heraustritt, d. h. wenn er aufhört, mit dem bloss Psychischen identisch zu sein, ist er nach HEGEL Geist im Gegensatz zur Natur. Als objektiver Geist ist er dann Recht, Moralität und Sittlichkeit, als absoluter Geist Kunst, Religion und Philosophie. Die Wissenschaften, die von diesen Gegenständen handeln, kann man dann wohl als Geisteswissenschaften bezeichnen, aber sie müßten durchaus in einen Gegensatz zur Lehre vom subjektiven Geist, d. h. zur Psychologie gebracht werden. Soweit die HEGELsche Terminologie dazu beigetragen hat, das Wort  Geisteswissenschaften  gebräuchlich zu machen, ist es daher eigentlich eine Art von Mißverständnis, wenn man die Wissenschaften, deren Objekte psychische Vorgänge sind, als Geisteswissenschaften bezeichnet. Dieses Missverständniß sollte man doch beseitigen. Im Zusammenhang mit HEGELs Terminologie hat das Wort "Geisteswissenschaften" gewiß einen guten Sinn, ja, insofern Recht, Moralität usw. erst Produkte der Geschichte sind, und die Geisteswissenschaften also das Seelenleben auf einer besonderen Stufe seiner Entwickelung zu behandeln hätten, stände dieser Begriff mit dem der Geschichtswissenschaft in engster Beziehung. Lehnt man aber die Bedeutung, die HEGEL mit dem Worte Geist verbindet, ab, so wird man in der Wissenschaftslehre auch das Wort "Geisteswissenschaften" im Gegensatz zu einer Wissenschaft vom bloß Psychischen und damit überhaupt fallen lassen müssen.

Ganz ist ja allerdings in der deutschen Sprache noch heute das Gefühl dafür nicht geschwunden, daß Geist auch etwas bedeutet im Gegensatz zum bloß Psychischen. Wenn jemand z. B. eine "Darstellung der psychischen Vorgänge in den Spinnen" oder Untersuchungen über "das Seelenleben der Protisten" zu den Geisteswissenschaften rechnen wollte, so würde man dies als eine unhaltbare Terminologie empfinden. Das ist Naturwissenschaft, würde man allgemein sagen. Und umgekehrt, wenn jemand wie z. B. EUCKEN ein Buch schreibt über "den Kampf um einen geistigen Lebensinhalt", so weiß jeder von vornherein, daß damit nicht ein Kampf um einen psychischen Lebensinhalt gemeint ist. Den hat jedes Tier, und darum braucht man nicht zu kämpfen. So bezeichnet also das Wort  Geist  auch für uns noch ein psychisches Leben von besonderer Art, zumindest wird es menschliches Seelenleben sein müssen, das wir geistig nennen, und dies ist ebenfalls ein Grund, weshalb das Wort  Geisteswissenschaft  sich im Gegensatz zur Naturwissenschaft erhalten hat. Doch sollen diese Bemerkungen durchaus nicht den Terminus für die Logik retten oder seine Verwendung rechtfertigen sondern nur erklären, warum es vielleicht manchem schwer fällt, sich vom Ausdruck "Geisteswissenschaft" zu trennen. Daß er aus der Sprache überhaupt verschwinden wird, ist unwahrscheinlich, und darauf kommt es im Grunde genommen auch nicht an. Nur in der Logik sollte man ihn heute nicht zur Bezeichnung der nicht-naturwissenschaftlichen Disziplinen gebrauchen, weil er zu unbestimmt geworden ist und vor allen Dingen immer das Mißverständnis hervorrufen kann, als seien mit den Geisteswissenschaften die Wissenschaften vom psychischen Leben gemeint, und als gehöre daher zuerst die Psychologie selbst zu den Geisteswissenschaften und nicht zu den Wissenschaften von der Natur.

Vielleicht bekommt das Wort  Geist  einmal im Gegensatz nicht nur zur physischen sondern auch zur psychischen Natur wieder einen bestimmten Sinn, der allgemein anerkannt und verständlich ist. Heute haben wir um so mehr Veranlassung, es in der Wissenschaftslehre zu vermeiden, da das Wort  Geschichte  den logisch bedeutsamen Gegensatz zur Natur, der uns nötigt, zwei Gruppen von Wissenschaften zu unterscheiden, in völlig ausreichender Weise bezeichnet. Das schließt natürlich nicht aus, daß für die Geschichtswissenschaften, soweit sie sich mit psychischen Vorgängen beschäftigen, als  Material  fast ausschließlich eine Art des Psychischen in Betracht kommt, für die man mit Rücksicht auf eine früher übliche Terminologie sehr gut den Ausdruck des  Geistigen  im Gegensatz zum bloß Psychischen verwenden könnte. Eine solche Verwendung aber setzt unter allen Umständen Begriffsbestimmungen voraus, die uns erst im Folgenden beschäftigen können. Ausgehen darf die Logik jedenfalls nicht von dem Satz, daß es außer den Naturwissenschaften noch andere Wissenschaften gibt, die das geistige Leben zu ihrem Gegenstand haben, und daß diese beiden Gruppen die gesamten empirischen Wissenschaften umfassen. Insbesondere _darf die Meinung über die Methode der Psychologie die Ansichten über die historische Methode gar nicht beeinflussen.

Hiermit können wir die Ausführungen über den Gegensatz von Natur und Geist abschließen. Vielleicht wird man finden, daß wir zum Teil rein terminologischen Fragen allzu eingehende Erörterungen gewidmet haben, und in der Tat mag der Mann der Einzelwissenschaften solche Überlegungen entbehren können. Für die Wissenschaftslehre jedoch sind sie nicht überflüssig. Nur allzuleicht schleicht sich mit einer unangemessenen Terminologie auch eine falsche Theorie ein, oder zumindest findet der Gegner in der Terminologie eine Stelle, wo er mit seinen Angriffen einsetzen kann. Für eine Bekämpfung des einseitig naturwissenschaftlichen Denkens ist es daher wichtig hervorzuheben, daß die Frage, ob die Geschichte in ihrer Eigenschaft als  Geistes wissenschaft der Behandlung durch die naturwissenschafltiche Begriffsbildung entzogen sei, verneint werden muß, daß vielmehr auch das Seelenleben in seiner unübersehbaren Mannigfaltigkeit notwendig unter ein Begriffsystem zu bringen ist wie die Körperwelt durch die Naturwissenschaft, und daß überhaupt kein der Erfahrung zugängliches Material durch seine sachlichen Eigentümlichkeiten einer Bearbeitung durch die naturwissenschaftliche Begriffsbildung prinzipielle Schranken setzt. Dadurch werden alle Angriffe gegen eine selbständige logische Stellung der Geschichtswissenschaften gegenstandslos, welche sich darauf stützen, daß, weil die Gesamtwirklichkeit ein einheitliches Ganzes ist, auch der  Mensch  als ein Glied der Natur betrachtet werden muß, und seine Schicksale einer naturwissenschaftlichen Behandlung nicht entzogen werden dürfen. Gegen Argumente solcher Art ist vom Standpunkt der Geisteswissenschaften in der Tat nichts einzuwenden, und Verfechter der naturwissenschaftlichen Universalmethode wie COMTE, MILL, SPENCER und ihre Nachfolger können dann leicht als Sieger erscheinen. Aus diesem Grund mußten wir ausführlich zeigen, daß die Eigenart des geistigen Lebens für die Logik der Geschichtswissenschaften zunächst gar nicht in Frage kommen darf. Die Aufmerksamkeit muß sich vielmehr einer Gedankenreihe zuwenden, die von den sonst in den Vordergrund geschobenen Streitfragen völlig unabhängig ist. Auf diesem Wege allein wird es dann möglich sein, die Selbständigkeit der historischen Wissenschaften logisch zu begründen. Vielleicht erscheint der Weg, den wir zu diesem Zweck eingeschlagen haben, etwas umständlich, doch wenn es uns nur gelingt, auf ihm mit Sicherheit zum Ziel zu kommen, so wollen wir uns diesen Vorwurf gern gefallen lassen.
LITERATUR - Heinrich Rickert, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung [Eine Einleitung in die historischen Wissenschaften], Freiburg i. Br./Leipzig 1896
    Anmerkungen
    1) Die Aufgabe, "gewisse umfassendste Weltgegensätze, in die alle Wirklichkeit zerfällt", in einen einheitlichen Zusammenhang zu bringen und zu dem "All-Einen, als der Macht, die in allem Endlichen und Vereinzelten lebt", vorzudringen, hat auch VOLKELT (Vorträge zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart, Seite 63f) der Metaphysik gestellt. Eine weitere Aufgabe aber, die er ihr zuschieben will, die Untersuchung der allen Wissenschaften gemeinsamen Begriffe, wie Ding und Eigenschaft, Substanz und Veränderung usw. würde eine Metaphysik in dem hier angedeuteten Sinn kaum lösen können. Wir meinen, daß dies unter allen Umständen Sache der Erkenntnistheorie sein muß. Es ist durchaus nicht richtig, daß die Aufgabe der Erkenntnistheorie diesen Begriffen gegenüber nur in einer Vorstellungsanalyse besteht. Gerade die Fragen in Betreff ihres objektiven Erkenntniswertes hat die Wissenschaftslehre zu beantworten, indem sie diese Begriffe als Erkenntnissmittel auf ihre Gültigkeit hin prüft. VOLKELT rechtfertigt mit guten Gründen die Metaphysik als eine Wissenschaft, die sich nicht prinzipiell von der Naturwissenschaft unterscheidet. Als Naturwissenschaft aber hat sie abzusehen von allen Werten, und ist daher auch zu einem Urteil über den Erkenntniswert von Begriffen wie Ding usw. außerstande.
    2) Archiv für systematische Philosophie, Bd. 1, Seite 12.