tb-1Frischeisen-KöhlerZur Lehre von der DefinitionErnst Bloch    
 
HEINRICH RICKERT
Die Grenzen der
naturwissenschaftlichen Begriffsbildung

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Einleitung
Erstes Kapitel - Die begriffliche Erkenntnis der Körperwelt
I. Die Mannigfaltigkeit der Körperwelt
II. Die Bestimmtheit des Begriffs
III. Die Geltung des Begriffs
IV. Dingbegriffe und Relationsbegriffe
V. Die mechanische Naturauffassung
VI. Beschreibung und Erklärung

Zweites Kapitel - Natur und Geist
I. Physisch und Psychisch
II. Begriffliche Erkenntnis des Seelenlebens
III. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft
Drittes Kapitel - Natur und Geschichte
I. Begriffsbildung und empirische Wirklichkeit
II. Der Begriff des Historischen
III. Historische Bestandteile in den Naturwissenschaften
IV. Naturwissenschaft
und Geschichtswissenschaft

"Das Individuelle im strengen Sinne verschwindet bereits durch die primitivste Begriffsbildung, und schließlich kommt die Naturwissenschaft darauf hinaus, daß alle Wirklichkeit im Grunde genommen immer und überall dieselbe ist, also gar nichts Individuelles mehr enthält."

"Ist irgendetwas naturwissenschaftlich begriffen, so ist im Begriff mit der Mannigfaltigkeit der empirischen Anschauung also zugleich auch alles verloren gegangen, was es zu einem Individuum macht."

"Im Grunde ist es ja nichts als ein uralter Gedanke, der hier zum Ausdruck kommt, und der so wenig paradox ist, daß man ihn vielmehr trivial nennen könnte. Um den Gegensatz vom Allgemeinen zum Besonderen bewegt sich die Logik seit  Sokrates,  und wenn wir sagen, daß alles Besondere, d. h. alles Anschauliche und Individuelle unbegreiflich im Sinne der Naturwissenschaft ist, so sagen wir damit eigentlich nichts Anderes, als daß das Allgemeine nicht das Besondere ist."

"Einheit fordert zwar die Vernunft,
die Natur aber Mannigfaltigkeit, und von den beiden
Legislationen wird der Mensch in Anspruch genommen.
Das Gesetz der Erstern ist ihm durch ein unbestechliches
Bewusstsein, das Gesetz der Andern durch ein
unvertilgbares Gefühl eingeprägt."
- Schiller


Drittes Kapitel
Natur und Geschichte

Wenn wir nun aber kein Recht haben, unter logischen Gesichtspunkten die Geisteswissenschaften prinzipiell von den Naturwissenschaften zu trennen, warum suchen wir dann überhaupt noch nach einer anderen als der naturwissenschaftlichen Methode, und worin kann diese Methode bestehen? Deutet nicht gerade die Ablehnung des Gegensatzes von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft darauf hin, daß diejenigen Recht haben, welche die Naturwissenschaft für die einzige wirkliche Wissenschaft halten, und daß es Grenzen der Naturwissenschaft, die eine andere Methode nothwendig machen, nicht gibt? Indem wir uns der Beantwortung dieser Fragen zuwenden, kommen wir endlich zu dem Grundgedanken unserer Arbeit. Alle bisherigen Ausführungen hatten nur den Zweck, zu ihm hinzuführen, und er muß sich aus ihnen jetzt als eine im Grunde genommen selbstverständliche, vielleicht Manchem allzu selbstverständliche Konsequenz ergeben.

Über den Weg, den wir einzuschlagen haben, können wir nicht im Zweifel sein. Da wir wissen, daß die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung nicht durch Reflexion auf sachliche Eigentümlichkeiten festgestellt werden können, die uns nur einen Teil der empirischen Welt darbietet, so haben wir jetzt darauf allein zu achten, in  welchem Verhältnis die naturwissenschaftliche Begriffsbildung zur empirischen Wirklichkeit überhaupt steht.  Es ist dies der einzige Weg, der uns übrig bleibt.

Sind wir uns über dieses Verhältnis klar geworden, so suchen wir zu zeigen, daß das, was aus rein logischen Gründen niemals in einen naturwissenschaftlichen Begriff einzugehen vermag, so weit es überhaupt Gegenstand einer Wissenschaft werden soll, nur in Wissenschaften darzustellen ist, die wir als geschichtlich bezeichnen müssen, denn der Begriff dessen, was der Naturwissenschaft eine Grenze setzt, fällt genau mit dem  Begriff des Historischen  im weitesten, logischen Sinne dieses Wortes zusammen. So erhalten wir einen prinzipiellen Gegensatz von Natur und Geschichte von rein logischer Bedeutung.

Von da ab wenden wir uns dann der Aufgabe zu, mit Hilfe dieses Gegensatzes das Prinzip für eine logische Gliederung der tatsächlich vorhandenen empirischen Wissenschaften zu gewinnen. Zunächst wird sich ergeben, daß die Begriffe von Natur und Geschichte in gewisser Hinsicht relativ sind, und daß daher  historische Bestandteile in den Naturwissenschaften  eine Rolle spielen, ja sogar eine logische Gliederung der Naturwissenschaften selbst ermöglichen. Dies gilt natürlich sowohl für die Körperwissenschaften als auch für die psychologischen Disziplinen. Ebenso wie unser Begriff der Natur Physisches und Psychiches gleichmäßig umfaßt, so ist auch der logische Begriff des Historischen in seiner weitesten Bedeutung vollkommen unabhängig vom Gegensatz von Körper und Geist. Wir finden mehr oder weniger historische Elemente in allen Wissenschaften, welche die Wirklichkeit als Natur in dem angegebenen Sinne betrachten.

Schließlich aber lässt sich zeigen, daß diese Relativität der Begriffe  Natur  und  Geschichte  ihre logische Bedeutung nicht aufhebt. Denn, wie man den Begriff der Geschichtswissenschaften im Einzelnen auch bestimmen mag, so ist die naturwissenschaftliche Behandlung der Geschichte unter allen Umständen ausgeschlossen, und daher müssen  Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft  stets in prinzipiellem logischen Gegensatz zueinander stehen. Wenn wir so zunächst den Begriff einer wissenschaftlichen  Aufgabe  gewonnen haben, die nicht durch die naturwissenschaftliche Methode lösbar ist, können wir im vierten Kapitel zu positiven Aufstellungen über das Wesen der historischen Wissenschaften übergehen und im Gegensatz zu den Eigenarten der naturwissenschaftlichen Methode ihre logischen Grundbegriffe und Voraussetzungen entwickeln.


I. Die naturwissenschaftliche Begriffsbildung und die empirische Wirklichkeit

Was ist es, das der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung die Grenze setzt, über die sie niemals hinauszukommen vermag? Wir sagten, daß die Antwort auf diese Frage sich aus den Ausführungen der beiden ersten Kapitel als nahezu selbstverständlich ergeben muß. Alles Material der empirischen Wissenschaften besteht, wie wir wissen, aus einer unübersehbaren Mannigfaltigkeit einzelner anschaulicher Gebilde. Die naturwissenschaftliche Begriffsbildung aber geht darauf aus, dieses Material, gleichviel ob es physisch oder psychisch ist, in ein übersehbares System zu bringen, und zur Erreichung dieses Zieles ist eine Umformung und Vereinfachung notwendig. Bisher haben wir immer nur die Vorteile hervorgehoben, die daraus für die Bildung der naturwissenschaftlichen Theorien entstehen. Um einzusehen, wo die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung liegen, richten wir jetzt unser Augenmerk darauf, was durch die Umformung und Vereinfachung in den Darstellungen und Systemen der Naturwissenschaft notwendig  verloren  geht. Wenn die Wissenschaft die empirische Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt betrachtet, daß sie eine Natur ist, was kann sie dann nicht in den Inhalt ihrer Begriffe aufnehmen? Durch die Beantwortung dieser Frage werden wir die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung kennen lernen. Wir brauchen also gewissermaßen nur die Kehrseite des wissenschaftlichen Prozesses zu betrachten, den wir bisher untersucht haben.

Wir gehen zu diesem Zweck von dem Verhältnis aus, in dem die naturwissenschaftliche Begriffsbildung zur  Anschaulichkeit  der empirischen Welt steht. Schon die primitivsten Begriffe, d. h. die bei einer naturwissenschaftlichen "Beschreibung" verwendeten unwillkürlich entstandenen allgemeinen Wortbedeutungen, sehen von der anschaulichen Mannigfaltigkeit, die jedes einzelne Gebilde uns unmittelbar darbietet, ab. Sie tun dies, um das den verschiedenen Dingen und Vorgängen Gemeinsame zu umfassen. Dies Gemeinsame aber ist nicht mehr anschaulich. Allerdings werden die ursprünglichen Begriffe in vielen Fällen noch durch die Mannigfaltigkeit einzelner Anschauungen im Denkprozeß vertreten, jedoch ist diese stellvertretende Anschauung nicht nur unwesentlich sondern kann sogar wegen ihrer Mannigfaltigkeit geradezu störend werden. Sie zu beseitigen, ist daher, wie wir zeigen konnten, eine weitere Aufgabe, die Begriffsbildung sich stellen muß. Ist auch diese Aufgabe durch die Definition gelöst, so ist es nicht mehr möglich, sich den Inhalt des Begriffes durch die Vorstellung irgendeiner anschaulichen Wirklichkeit in adäquater Weise zu vergegenwärtigen. Höchstens die einzelnen Bestandteile des Begriffes, die "Merkmale", können dann noch durch Anschauungen vertreten werden, aber auch diese anschaulichen Elemente sind im günstigsten Falle als Reste zu betrachten, auf die es der Wissenschaft gar nicht ankommt. Sie verschwinden um so mehr, je weiter die Begriffsbildung fortschreitet, und denken wir uns schliesslich das logische Ideal einer naturwissenschaftlichen Theorie erreicht, so finden wir im Inhalt ihrer Begriffe nichts mehr von der Anschauung, die die Erfahrung uns unmittelbar darbietet. Wir können daher geradezu sagen, daß die logische Vollkommenheit eines naturwissenschaftlichen Begriffes vom Grad abhängt, in dem die empirische Anschauung aus seinem Inhalt verschwunden ist. Die Vereinfachung durch die Begriffsbildung geht notwendig mit einer Vernichtung der Anschaulichkeit Hand in Hand.

Obwohl dieser Satz nichts als eine Konsequenz unserer früheren Ausführungen ist, wollen wir ihn doch im Einzelnen etwas genauer erläutern. Man könnte nämlich meinen, daß er nicht für alle Naturwissenschaften in gleicher Weise zutrifft. Zwar wird man ohne weiteres anerkennen, daß der abschließende Begriff des "Absoluten", wie eine naturwissenschaftlich verfahrende  Metaphysik  ihn bilden muß, von allen Elementen der empirischen Anschauung frei zu denken ist. Doch hat dieser Umstand für unseren Zusammenhang wenig Bedeutung, da wir von der Metaphysik ja lediglich als von einer logischen Möglichkeit gesprochen haben, und es außerdem üblich ist, die Naturwissenschaft in den entschiedensten Gegensatz zur Metaphysik zu bringen. Wir gehen daher hierauf nicht näher ein, und beschränken uns darauf, die Anschaulichkeit des Inhalts des psychologischen und der im engeren Sinne naturwissenschaftlichen Theorien noch einer Betrachtung zu unterziehen.

Für die  Psychologie  ist es deshalb schwer zu zeigen, daß ihre Begriffe, wenn sie logisch vollkommen sind, keine anschaulichen Elemente mehr enthalten, weil es ein Ideal logisch vollkommener Begriffe, das sich allgemeiner Anerkennung erfreut, in dieser Wissenschaft bisher nicht gibt. Wer meint, daß es unmöglich ist, das gesamte psychische Leben unter einen einheitlichen Begriff zu bringen, und z. B. Vorstellung, Gefühl und Wille oder irgend eine andere Mehrheit von Gruppen psychischer Vorgänge als die letzten Klassen betrachtet, die mit keinem höheren Begriff zu umfassen sind, der wird allerdings auch die empirische Anschauung niemals gänzlich aus den psychologischen Begriffen entfernen wollen. Der Inhalt solcher "letzten" Begriffe ist nur dadurch zu gewinnen, daß man an einen einzelnen anschaulichen psychischen Vorgang denkt, der zu je einer der letzten Klassen gehört. Den allgemeinsten Begriff eines psychischen Vorganges überhaupt kann man unter dieser Voraussetzung ebenfalls nur dadurch bilden, daß man entweder eine Vorstellung oder ein Gefühl oder einen Willensakt als Stellvertretung des Begriffsinhaltes auftauchen läßt und sich zugleich darauf besinnt, daß es nicht darauf ankommt, welchen Vorgang man gerade zu diesem Zwecke gewählt hat. Einen selbständigen wissenschaftlichen Inhalt hat dann der allgemeinste Begriff des Psychischen nicht.

Anders aber steht es, wenn man versucht, alles psychische Leben unter einen einheitlichen Begriff zu bringen, der unabhängig von diesen Bestandtheilen ist, d. h. Wenn man meint, daß in den Gefühlen und Willensakten wie überhaupt allen psychischen Vorgängen kein psychisches Element vorkommen kann, das nicht in irgendwelchen Vorstellungen ebenfalls enthalten ist, und diese Behauptung, um wieder auf die als Beispiel bereits herangezogene Theorie zurückzukommen, darauf stützt, daß alle psychischen Vorgänge als Komplexe von bloßen Empfindungen zu begreifen seien. In einem solchen Begriff des Seelenlebens wäre kein anschauliches Element mehr enthalten, denn sollen die Empfindungen die "letzten" Elemente  alles  Seelenlebens sein, so müssen sie wie die "letzten Dinge" definiert werden als etwas, das einfach ist, und damit ist dann der Begriff von etwas gebildet, das wir niemals anschaulich vorstellen können. Wenn überhaupt eine psychologische Theorie darauf ausgeht, alle psychischen Vorgänge unter Begriffe zu bringen, die nur noch die "einfachen" Bestandteile des Psychischen enthalten, so muß sie bestrebt sein, immer mehr das zu entfernen, was uns in der Anschauung als psychisch gegeben ist, d. h. für die naturwissenschaftliche Psychologie ist es jedenfalls richtig, daß in ihre primitiveren Begriffe immer nur ein Teil der empirischen Anschauung hineingeht, der darin lediglich die Rolle der Stellvertretung spielt, und daß ein Fortschritt in der logischen Vollkommenheit der Begriffsbildung mit einer Entfernung dieser Anschauung aus dem Inhalt der Begriffe zusammenfällt.

Die stärksten Bedenken werden der Behauptung entgegenstehen, daß es auch den Begriffen, in denen die Naturwissenschaft von  Körperwelt  denkt, an empirischer Anschauung um so mehr fehlt, je vollkommener sie sind. Nicht selten wird ja gerade die Anschaulichkeit dieser Wissenschaft als ihr besonderer Vorzug hervorgehoben, ja es läßt sich sogar die Behauptung vertreten, daß die Körperwelt für uns umso anschaulicher wird, je weiter die naturwissenschaftliche Begriffsbildung fortschreitet, und daß insbesondere eine vollkommene naturwissenschaftliche, d. h. eine mechanische Erklärung eines physischen Vorganges geradezu mit seiner Veranschaulichung identifiziert werden muß. Es ist z. B., kann man sagen, so lange eine mechanische Theorie fehlt, ganz unvorstellbar, wodurch aus der Mischung zweier chemischer Stoffe unter bestimmten Bedingungen ein dritter Stoff entsteht, der mit den beiden anderen keine anschauliche Ähnlichkeit mehr besitzt. Gelingt es dagegen, alle Vorgänge solcher Art auf Bewegung letzter Dinge zurückzuführen, so sind sie dadurch zugleich auch anschaulich vorstellbar geworden. Der Weltbegriff der letzten Naturwissenschaft scheint uns also erst eine wirkliche Anschauung von den Vorgängen der Körperwelt zu geben, die wir in der unmittelbaren Erfahrung noch nicht besitzen.

Selbstverständlich sind wir weit davon entfernt, der mechanischen Naturwissenschaft die Anschaulichkeit überhaupt abzusprechen, und nur  das  meinen wir, daß der wesentliche Inhalt ihrer Begriffe, sobald wir von allen Stellvertretungen absehen, mit  der  Anschauung, die wir aus der Erfahrungswelt unmittelbar kennen, um so weniger zu tun hat, je weiter wir die mechanische Naturauffassung in dem früher angegebenen Sinn als vollendet denken. Um uns dies klar zu machen, brauchen wir in dem mechanischen Weltbegriff nur wieder die Relationsbegriffe von den Dingbegriffen zu scheiden. daß der Begriff der "letzten Dinge" nichts Anschauliches mehr enthält, wissen wir. Anders aber steht es allerdings mit den Relationsbegriffen, wenn wir voraussetzen, daß alle Beziehungen zwischen den Dingen aus Bewegungen bestehen, denn was eine Bewegung ist, ist uns nur aus der empirischen Anschauung bekannt. Dennoch besteht zwischen den Bewegungen, die wir kennen, und denen, die im Inhalt der Begriffe der letzten Naturwissenschaft vorkommen, ein erheblicher Unterschied. Wirklich anschaulich vorstellbar ist immer nur die Bewegung eines anschaulich vorstellbaren Körpers. Da es sich aber in einer rein mechanischen Naturauffassung nur um die Bewegung von Körpern handelt, die in keiner Anschauung gegeben sein können, so enthalten auch die Relationsbegriffe der letzten Naturwissenschaft nichts mehr, was in dem Sinne anschaulich ist, wie die empirische Wirklichkeit. Die Anschaulichkeit im Inhalte eines vollkommen mechanischen Weltbegriffs ist vielmehr nur noch mathematisch und hat also mit der stets qualitativ mannigfaltigen Anschauung der Erfahrungswelt nichts zu tun (1).

Dabei wollen wir natürlich nicht in Abrede stellen, daß man immer geneigt ist, an die Stelle der naturwissenschaftlichen Begriffe Vorstellungen treten zu lassen, die auch empirisch anschaulich sind. Statt den Begriff einfacher oder letzter Dinge zu bilden, denken wir sehr leicht kleine, aber doch immer noch anschauliche Körper und setzen so an die Stelle des in Wahrheit völlig unanschaulichen Weltbegriffs das in hohem Maße anschauliche Bild einer Menge von Kugeln oder dergleichen, die aufeinander stoßen, voneinander abprallen, sich eventuell anziehen usw. Es soll auch ferner nicht geleugnet werden, daß die Möglichkeit einer solchen empirisch anschaulichen Stellvertretung bei der allmähligen Entstehung der mechanischen Naturauffassung neben der mathematischen Anschaulichkeit dieses Weltbegriffs von großer Bedeutung gewesen ist, ja, noch heute würde die mechanische Naturauffassung vielleicht nicht so populär sein, wenn sich ihren Begriffen nicht diese empirisch anschauliche Stellvertretung unterschieben ließe. Es ist sogar schließlich nicht zu bestreiten, daß das empirisch anschauliche Bild in vielen Fällen das naturwissenschaftliche Verständnis erleichtern und fördern wird. Es fehlt nämlich in den mathematisch naturwissenschaftlichen Begriffen das, was sonst so leicht das Auftreten von Anschauungen als störend für die sichere Anwendung der Begriffe erscheinen läßt. Weil wir wissen, daß diese Begriffe eigentlich von  aller  empirischen Anschauung frei sein sollen, so können wir niemals im Zweifel darüber sein, welche Teile der Anschauung wesentlich sind und welche nicht. Ebenso wie in der Mathematik selbst vermag die zur Erleichterung des Denkens herangezogene Mannigfaltigkeit der empirischen Anschauung daher niemals eine unwissenschaftliche Unbestimmtheit der Begriffe herbeizuführen.

Aber all das soll nur erklären, warum über die Anschaulichkeit des naturwissenschaftlichen Weltbegriffs verschiedene Meinungen bestehen können, und zeigen, daß, wenn wir von den stellvertretenden Bildern absehen, das Ziel der Körperwissenschaften ebenso wie das der anderen Naturwissenschaften in einer Entfernung der empirischen Anschauung aus dem Inhalt ihrer Begriffe besteht. Das Resultat, zu dem wir bei Beantwortung der Frage gekommen sind, in welchem Verhältnis die naturwissenschaftliche Begriffsbildung zur Anschaulichkeit der Wirklichkeit steht, ist daher für jede Naturwissenschaft gleichgültig. Einen Gegensatz zwischen dem Inhalt der Begriffe einerseits und der gegebenen anschaulichen Wirklichkeit andererseits möglichst scharf herauszuarbeiten, ist gerade der Sinn und der Zweck der Naturwissenschaft. Die Erzeugung einer derartigen Kluft ist das notwendige Resultat jeder Betrachtung der Wirklichkeit als Natur, d. h. mit Rücksicht auf das Allgemeine. Welches auch immer der Inhalt der Begriffe sein mag, zur empirischen Welt des Anschaulichen steht er im entschiedensten Gegensatz. Damit hängt nun etwas anderes unmittelbar zusammen, das die Bedeutung dieses Gegensatzes für uns erst völlig klar macht. Die Beseitigung der empirischen Anschauung ist nämlich zugleich die Beseitigung des  individuellen  Charakters der gegebenen Wirklichkeit, und ebenso wie von der empirischen Anschauung enthalten die Begriffe der Naturwissenschaft auch von allem Individuellen umso weniger, je vollkoemmener sie werden. Das Individuelle im strengen Sinne verschwindet bereits durch die primitivste Begriffsbildung, und schließlich kommt die Naturwissenschaft darauf hinaus, daß alle Wirklichkeit im Grunde genommen immer und überall dieselbe ist, also gar nichts Individuelles mehr enthält. Dies für die verschiedenen Wissenschaften im Einzelnen ausführlicher zu zeigen, ist nicht nothwendig. Wir sehen: welchem Teil der bunten Welt, in der wir leben, man auch betrachten mag, so hat man nach naturwissenschaftlicher Ansicht, wenn es sich um Körper handelt, überall nichts als Bewegung von Atomen vor sich, und für das Seelenleben wird eine analoge Auffassung wenigstens versucht. Ist irgendetwas naturwissenschaftlich begriffen, so ist im Begriff mit der Mannigfaltigkeit der empirischen Anschauung also zugleich auch alles verloren gegangen, was es zu einem Individuum macht.

Nur einen Punkt müssen wir dabei noch ausdrücklich klarstellen. Bei dem Wort  Individuum  sind wir gewöhnt, vor allem an eine  Persönlichkeit  zu denken. Diese Bedeutung aber kommt für uns hier zunächst garnicht in Frage, sondern der Begriff des Individuums, den wir im Auge haben, ist viel umfassender, so daß das menschliche Individuum nur eine seiner Arten bildet. Wir müssen uns vielmehr besinnen, daß  jeder  körperliche oder geistige Vorgang, so wie wir ihn erfahren, ein Individuum ist, d. h. etwas, das nur einmal an dieser bestimmten Stelle des Raumes und der Zeit vorkommt und von allem anderen körperlichen oder geistigen Sein verschieden ist, das sich also niemals wiederholt und daher, wenn es zerstört wird, für immer verloren ist. Im Grunde genommen ist ja auch dies etwas absolut Selbstverständliches, und doch wird es sehr leicht übersehen. Wir sind geneigt, den Begriff der Individualität als dessen, was einzig und von allem anderen verschieden ist, nur mit einem Teile der Wirklichkeit zu verbinden, und gerade die naturwissenschaftliche Betrachtung der Wirklichkeit ist es, die uns hieran gewöhnt hat. Wenn wir nämlich in der Naturwissenschaft von der individuellen Gestaltung der Dinge absehen, so stört uns dies in den bei weitem meisten Fällen nicht, und besonders, wenn es sich um Körper handelt, merken wir es kaum. Uns interessiert nicht, daß jedes Blatt an einem Baum anders aussieht als die Blätter daneben, daß kein Stück eines chemischen Stoffes, das in eine Retorte geworfen wird, irgend einem anderen Stücke desselben Stoffes gleicht. Der gemeinsame Name genügt uns, und wir kümmern uns nur um das, was vorhanden sein muß, wenn der Name angewendet werden soll, d. h. wir setzen unwillkürlich die Wirklichkeit in Begriffe um, und meinen dann, daß, weil wir immer wieder etwas finden, das unseren Begriffen entspricht, auch die Wirklichkeit selbst sich wiederholt.

Dies aber ist durchaus nicht der Fall, und sobald wir nun daran denken, daß jedes Stück der Wirklichkeit sich in seiner anschaulichen Gestaltung von jedem anderen unterscheidet, und daß ferner das Einzelne, Anschauliche und Individuelle die einzige Wirklichkeit bildet, die wir kennen, so muß uns auch die Tragweite der Tatsache, daß alle Begriffsbildung die Individualität der Wirklichkeit vernichtet, zum Bewusstsein kommen. Wenn nämlich nichts Individuelles und Anschauliches in den Inhalt der naturwissenschaftlichen Begriffe eingeht, so folgt daraus, daß nichts Wirkliches in sie eingeht. Die Kluft zwischen den Begriffen und den Individuen, die durch die Naturwissenschaft hervorgebracht werden muß, ist also eine Kluft zwischen den Begriffen und der Wirklichkeit überhaupt.

Wir kommen damit zu folgendem Resultat. Die Wirklichkeit können wir wohl unmittelbar erleben oder erfahren, aber wir müssen einsehen, daß, sobald wir den Versuch machen, sie durch die Naturwissenschaft zu begreifen, uns immer gerade das von ihr entweicht, was sie zur Wirklichkeit macht. Nur mit dem unmittelbaren Leben, aber niemals mit der Naturwissenschaft kommen wir an sie heran. Alles, was wir von dem Verhältnis der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung zur Anschaulichkeit und Individualität sagen konnten, gilt auch vom Verhältnis dieser Begriffsbildung zur empirischen Wirklichkeit selbst. Um so vollkommener wir unsere naturwissenschaftlichen Theorien ausbilden, um so weiter entfernen wir uns von ihr, und um so sicherer geht sie uns bei der Arbeit unter den Händen verloren. Arbeiten wir mit den bloßen Wortbedeutungen, so behalten wir in ihnen von der Wirklichkeit noch relativ viel: die anschaulichen Vertretungen der Begriffe, die uns von der anschaulichen Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit ein Bild geben, drängen sich fortwährend heran. Aber sie kümmern uns nicht, sondern sie stören uns sogar, und wir setzen an ihre Stelle Merkmalskomplexe, die nichts Wirkliches mehr enthalten. Und wenn wir die naturwissenschaftlichen Theorien vollendet haben, dann reden wir von Dingen oder Vorgängen, von denen wir sorgfältig alles das verneinen, was die unmittelbare Erfahrung uns von der Wirklichkeit überall auf Schritt und Tritt darbietet. Wir haben das früher ja bereits ausführlich gezeigt, und wir können daher hier in aller Kürze sagen: was die Naturwissenschaft noch an Wirklichkeit enthält, das hat sie auch noch nicht begriffen; ist der Begriff gebildet, so ist alles Wirkliche aus seinem Inhalt verschwunden. Damit haben wir zugleich auch eine Antwort auf die Frage gefunden, die im Mittelpunkt unserer Untersuchung steht.  Das, was der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung die Grenze setzt, über die sie niemals hinwegzukommen vermag, ist nichts anderes als die empirische Wirklichkeit selbst. 

Das Ergebnis dieser Untersuchung muß zunächst paradox klingen. Die Begriffe der Naturwissenschaft sind umso vollkommener, je weniger sie von der Wirklichkeit enthalten, zu deren Erkenntniss wir sie gebildet haben? Das kann nicht richtig sein, denn unter dieser Voraussetzung hätte ja die Naturwissenschaft ihren Zweck vollständig verfehlt. Sie soll uns doch zur Wirklichkeit hinführen, nicht aber von ihr entfernen. Ihr Ziel kann daher unmöglich ein System von Begriffen sein, dessen Inhalt im Gegensatz zur Wirklichkeit steht. Solche und ähnliche Gedanken werden sich sogleich unseren Ausführungen entgegenstellen.

Wir können ihnen gegenüber nur darauf hinweisen, daß es natürlich jedem frei steht, sich unter Naturwissenschaft das zu denken, was er will, und daß man daher unsere Definition der Naturwissenschaft ablehnen kann, nach der sie, um das Ganze einer unübersehbaren Wirklichkeit zu erkennen, diese Wirklichkeit mit Rücksicht auf das Allgemeine zu betrachten und wenn möglich ihre Gesetze zu finden hat. Zugleich aber können wir es auch als Tatsache konstatiren, daß überall die Wissenschaften, welche die Gesetze der Wirklichkeit zu erkennen suchen, als Naturwissenschaften bezeichnet werden, und wir wissen, daß  diese  Wissenschaften nicht den Zweck haben können, die Wirklichkeit selbst in ihre Theorien aufzunehmen. Er muß vielmehr für jede wissenschaftliche Arbeit, welche zu derartigen Untersuchungen in einer wesentlichen Beziehung steht, d. h. also für jede Forschung, die irgendein Stück der Wirklichkeit systematisch mit Begriffen darstellen will, nothwendig das Ergebnis unserer Ausführungen als gültig anerkannt werden. Jeder Versuch einer Systembildung ist aus rein logischen Gründen unzertrennlich verknüpft mit einem Absehen von der individuellen Gestaltung der Wirklichkeit, und ebenso sicher ist es, daß alle Wirklichkeit, die wir kennen, lediglich aus individuell gestalteten Gebilden besteht, daß daher die empirische Wirklichkeit, so wie sie ist, in kein Begriffssystem eingehen kann und somit die Grenze jeder begrifflichen Erkenntniss bildet, kann nicht bestritten werden, und dies ist das Einzige, worauf es uns ankommt. Will man eine solche Untersuchungen nicht naturwissenschaftlich nennen, so wird man auch von der Naturwissenschaft eine Erkentnis der Körperwelt oder des Seelenlebens im Allgemeinen nicht fordern dürfen.

Wer dies dennoch von der Naturwissenschaft verlangt, und trotzdem an dem Satz festhalten möchte, daß sie die Aufgabe hat, uns zur Wirklichkeit hinzuführen statt uns von ihr zu entfernen, dem bleibt nur  ein  Ausweg noch übrig, um den von uns gezogenen Konsequenzen zu entgehen. Er wird zugeben, daß die  empirische  Wirklichkeit in den Theorien der Naturwissenschaft notwendig verloren geht, aber zugleich die Frage erheben, ob denn diese empirische Wirklichkeit die einzige ist, ob nicht vielmehr gerade die Naturwissenschaft den Beweis dafür liefert, daß noch etwas anderes als die unmittelbar erlebte Sinnenwelt existiert, ja, daß diese andere erst als die wahre Wirklichkeit betrachtet werden muß. Die wahre Wirklichkeit, so wird man, falls diese Voraussetzung gemacht wird, sagen können, ist so wenig die Grenze der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, daß vielmehr erst die Begriffe der Naturwissenschaft uns von ihr Kunde geben. Die Welt  ist  etwas anderes, als was sie zu sein  scheint.  Sie ist nicht die bunte Mannigfaltigkeit, die wir wahrnehmen, sondern, soweit sie körperlich ist, ein komplex einfacher Dinge, und so weit sie Seelenleben ist, ein ebenfalls aus einfachen psychischen Elementen bestehendes überall gleiches Sein (2). Dann kann man ruhig zugeben, daß die Naturwissenschaft zwar anschauliche und individuelle Gestaltung der Wirklichkeit aus dem Inhalte ihrer Begriffe nach Möglichkeit zu entfernen sucht, denn man wird hinzufügen, daß sie sich dadurch durchaus nicht von der Wirklichkeit entfernt sondern im Gegenteil von der Welt des Scheines loskommt und zur Wirklichkeit vordringt. Ihre angebliche Grenze ist eben nur das, was sie zu überwinden hat, und in diesem Vordringen vom Schein zum Sein besteht das Wesen aller wahren Naturwissenschaft.

Besonders die Metaphysik wird geneigt sein, diese Unterscheidung zwischen Schein und Wirklichkeit zu machen, und den Anspruch erheben, mit ihrem Begriff des Absoluten, die wahre Realität zu erfassen im Gegensatz zu der nur erfahrenen Welt. Die Psychologie und die Wissenschaften von der Körperwelt werden einen solchen Anspruch nur ungern erheben und ihn eventuell entschieden zurückweisen. Behaupten sie jedoch, sich mit ihren Begriffen nicht von der Wirklichkeit zu entfernen, sondern sich ihr immer mehr zu nähern, so haben sie zu einer solchen Zurückweisung durchaus kein Recht. Sie verfahren dann vielmehr genau, wie die Metaphysik zu verfahren wünscht, d. h. sie behaupten, daß die Dinge etwas anderes sind als das, was sich der Erfahrung darbietet, und sie behaupten ferner, daß die wahre Wirklichkeit den äußersten Gegensatz zur empirisch gegebenen Wirklichkeit bildet.

Es ist notwendig, daß wir uns über die Bedeutung dieses Gegensatzes ganz klar werden. In der Wirklichkeit, die wir kennen, ist  alles  anschaulich vorstellbar, und  jeder  einzelne Vorgang ist als ein Individuum von jedem anderen verschieden. Soll dagegen das wahrhaft wirkliche Seelenleben aus nichts anderem als aus lauter einfachen Empfindungen oder psychischen "Elementen" bestehen, und jedes körperliche Ding aus letzten Dingen oder physischen Atomen zusammengesetzt sein wie ein Haus aus Ziegelsteinen, so hat offenbar die wahre Wirklichkeit mit der erfahrenen  nichts  mehr gemein. Besonders deutlich ist das in Bezug auf die Körperwelt, und zwar gerade deshalb, weil die Wissenschaft von ihr als die logisch vollkommenste Naturwissenschaft angesehen werden muß. Jeder Körper, den wir kennen, ist individuell gestaltet, und selbst wenn es zwei Dinge gäbe, die einander in jeder Hinsicht glichen, so könnte ein Beweis dafür wegen ihrer unübersehbaren Mannigfaltigkeit niemals geführt werden. Die Atome dagegen sind untereinander vollständig gleich. Obwohl die Worte  Atom  und  Individuum  dasselbe zu bedeuten scheinen, so ist doch das, was durch sie bezeichnet wird, voneinander so verschieden wie irgend möglich. Daß der Inhalt dieser beiden Begriffe in dem denkbar größten Gegensatz steht, kann nicht genug hervorgehoben werden. Während das Atom, wenn es, um nur dies zu sagen, kein naturwissenschaftliches Problem mehr enthalten sondern Lösung von Problemen dienen soll, als einfach angenommen werden muß, so ist jedes Individuum, da es sich von allen anderen Individuen unterscheidet, stets mannigfaltig und zusammengesetzt. Eine Wissenschaft, die von einer Welt der Individuen zu einer Welt der Atome übergeht, behält also von der ihr ursprünglich gegebenen und erfahrbaren Wirklichkeit nichts mehr übrig. Ein prinzipieller Unterschied zwischen Metaphysik und Naturwissenschaft ist dann insofern nicht zu machen, als beide darauf ausgehen, aus der Welt der Erfahrung zu einer unerfahrbaren Welt vorzudringen.

Mit welchem Rechte man eine andere Wirklichkeit als die erfahrene annimmt, haben wir hier nicht zu erörtern. Uns kommt es lediglich auf das Verhältnis der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung zur  empirischen  Wirklichkeit an, und durch die Realität irgendeiner erst durch die Begriffsbildung erreichten Welt wird an diesem Verhältnis garnichts geändert. Es bleibt dabei, daß in die Begriffe der Naturwissenschaft von  der  Welt, die wir kennen, um so weniger eingeht, je vollkommener diese Begriffe sind. Spricht man aus diesen oder anderen Gründen der Erfahrungswelt die wahre Realität ab, so bleibt diese Welt jedenfalls die Wirklichkeit, in der wir leben, aus der unsere Freuden und unsere Schmerzen stammen. Mag also die Naturwissenschaft aus dieser Welt zur wahren Wirklichkeit vordringen, unter allen Umständen wird sie darauf verzichten müssen, das, was wir unmittelbar erleben, in ihre Theorien aufzunehmen, und dies allein ist es, was wir feststellen wollen. Warum wir uns auf dieses Ergebnis beschränken können, werden wir sehen, sobald wir fragen, was schon aus dieser Tatsache für die Methode der Geschichtswissenschaften folgen muß.

Zunächst jedoch wollen wir das Verhältnis der Begriffsbildung zur Wirklichkeit noch in einer anderen Hinsicht betrachten. Auch wenn wir nämlich unser Ergebnis in der soeben erwähnten Weise einschränken, daß nur die  empirische  Wirklichkeit als die Grenze der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung behauptet wird, so hat unser Gedankengang für Viele seinen Anschein von Paradoxie wahrscheinlich noch nicht verloren. Die Trennung einer "wahren" Wirklichkeit von der gegebenen vollziehen die empirischen Wissenschaften doch nicht ohne Bedenken. Die Meinung, daß die Welt der Atome, die nichts mehr mit der erfahrbaren Welt gemein hat, die wahre Wirklichkeit ist, muß daher auch in naturwissenschaftlichen Kreisen immer mehr an Boden verlieren, und ebenso wird der Psychologe sich scheuen, alles wirklich erlebte psychische Sein für Schein zu erklären. Es liegt so sehr viel näher, den Begriff des letzten Dinges und ebenso den der einfachen Empfindung nur als den Abschluß jenes Prozesses anzusehen, der die gegebene Wirklichkeit unter immer umfassendere Begriffe zu bringen sucht. Nach dieser Auffassung würde es dann letzte Dinge oder einfache Empfindungen als Wirklichkeiten so wenig geben, wie dem Begriff der Pflanze oder des chemischen Elements oder des Willens jemals eine andere Wirklichkeit entspricht, als ganz besondere individuelle Pflanzen oder ganz besondere individuelle Mengen bestimmter Stoffe oder einzelne persönliche Willensäußerungen, kurz, Dinge und Vorgänge, die wir unmittelbar vorfinden, wahrnehmen oder erleben können. Dann aber würden Atome und einfache Empfindungen niemals als Gegenstände der Erkenntniss, sondern die Begriffe von ihnen lediglich als Erkenntnis mittel  zu betrachten sein, und es wäre dann nicht mehr die Aufgabe der Naturwissenschaft, eine unerfahrbare Wirklichkeit zu entdecken, sondern auch für sie besäße lediglich die empirische Welt Realität.

Sobald wir dieses aber annehmen, wird es, wie bereits angedeutet, wiederum so scheinen, als verliere die Naturwissenschaft jeden Sinn, d. h. als erreiche man durch die naturwissenschaftliche Begriffsbildung das Gegenteil von dem, was man beabsichtigt. Selbstverständlich ist dies nicht unsere Meinung, und es kommt nun darauf an, dem Resultat unserer Untersuchung auch unter der Voraussetzung, daß die empirische Wirklichkeit die einzige Wirklichkeit ist, mit der die Naturwissenschaft es zu tun hat, den Anschein von Paradoxie nehmen. Die Gedanken, die wir zu diesem Zweck hervorzuheben haben, ergeben sich wie alles Bisherige im Wesentlichen wieder bereits aus den Ausführungen der früheren Kapitel.

Die Meinung, daß eine naturwissenschaftliche Theorie ihr Ziel verfehlt, wenn es ihr nicht gelingt, die Wirklichkeit selbst darzustellen, kann nur unter der Voraussetzung eines ganz bestimmten  Erkentnisbegriffes  entstehen, unter der Voraussetzung nämlich, daß das Erkennen die Aufgabe hat, die Wirklichkeit  abzubilden.  Ein Abbild ist selbstverständlich umso vollkommener, je mehr es das Original, so wie es ist, wiedergibt. Darf aber das wissenschaftliche Erkennen dem Abbilden gleichgesetzt werden? Die Frage ist entschieden zu verneinen. Gegen diese Auffassung des Erkennens waren unsere ganzen bisherigen Ausführungen ebenso gerichtet wie dagegen, daß die Naturwissenschaft das Anschauliche und Individuelle in ihre Theorien aufnehmen kann.

Es läßt sich schon von ganz allgemeinen logischen Gesichtspunkten aus zeigen, daß, weil jede Erkenntnis als Urteil auftreten muß, es ganz unmöglich ist, daß sie ein Abbild gibt, oder daß, wie man sich auszudrücken pflegt, die Wahrheit der Erkenntnis in der "Übereinstimmung der Vorstellung mit ihrem Gegenstand" besteht. Wir erkennen nicht mit Vorstellungen, sondern mit Urteilen, und zwischen der Wirklichkeit und den Urteilen, die über sie gefällt werden, kann niemals ein Verhältnis wie zwischen Original und Abbild bestehen. Wohl ist es möglich, durch eine besondere Art von Beschreibung auch mit Urteilen die Wirklichkeit so darzustellen, daß wir eine Art Bild von ihr gewinnen. Nur ist eine solche Beschreibung niemals naturwissenschaftlich, wie wir ausführlich gezeigt haben. Die früher entwickelte Begriffstheorie scheint daher geeignet, die Abbildtheorie noch von einer speziellen Seite her gründlich zu untergraben. Die Naturerkenntniss kann immer nur eine Bearbeitung und Umformung der Wirklichkeit vornehmen, weil das Ganze der Welt sich überhaupt nicht abbilden läßt: das Unendliche und Unübersehbare abbilden wollen, das ist ein logisch widersinniges Unternehmen. In der Tat hätte die Naturwissenschaft bisher noch nichts geleistet, wenn das Naturerkennen aus einem Abbilden der Welt bestände. Gibt man aber die Abbildtheorie auf, so braucht das Erkennen durchaus nicht deshalb wertlos zu sein, weil es die Wirklichkeit selbst in seine Begriffe nicht aufzunehmen vermag. Aus den beiden Sätzen, daß einerseits die Wirklichkeit uns überall eine unendliche Mannigfaltigkeit zeigt, und andererseits eine naturwissenschaftliche Theorie umso höher steht, je einfacher sie ist, folgt als völlig selbstverständlich, daß eine naturwissenschaftliche Theorie umso vollkommener ist, je  weniger  Wirklichkeit ihre Begriffe enthalten. Das Ergebnis unserer Untersuchung muß, sobald man sich hierüber klar ist, seinen Anschein von Paradoxie zum größten Teile verloren haben.

Es muß ihn völlig verlieren, sobald wir noch einen anderen Gedanken ausdrücklich hervorheben. Wenn auch die Begriffe der Naturwissenschaft von der empirischen Wirklichkeit nur wenig enthalten, so stehen sie selbstverständlich in engster Beziehung zu dieser Wirklichkeit und sind weit davon entfernt, etwa Produkte der Willkür zu sein. So entschieden wir den Gedanken abweisen müssen, daß eine Betrachtung der Wirklichkeit mit Rücksicht auf das Allgemeine die Darstellung dieser Wirklichkeit selbst geben kann, ebenso entschieden müssen wir daran festhalten, daß eine solche Betrachtung nur dann einen Sinn hat, wenn dem Allgemeinen, das sie darstellt,  Geltung  zukommt. Die neuere Erkenntnistheorie befindet sich in Rücksicht auf dieses Verhältnis von Sein und Gelten fast überall noch in einer Art von Übergangsstadium. Vielfach ist man ja bemüht, den platonischen Begriffsrealismus endgültig zu beseitigen, aber nicht überall geschieht dies mit der notwendigen Konsequenz, und wo es einmal geschieht, entsteht dann meistens eine Stimmung, die zu skeptischen Angriffen gegen die Bedeutung aller Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft geneigt machen muß. Der Grund dafür ist leicht zu zeigen. Es genügt nicht, mit dem platonischen Begriffsrealismus aufzuräumen, sondern man muß auch versuchen, etwas Neues an seine Stelle zu setzen, das die bisher von ihm erfüllte Leistung zu übernehmen geeignet ist, nämlich die "Objektivität" der Naturwissenschaft zu begründen. So lange dies nicht geschehen ist, scheint unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten jede begrifflich-systematische Wissenschaft haltlos in der Luft zu schweben. Der erkenntnisstheoretische Neubau selbst kann uns hier natürlich nicht beschäftigen. Wir müssen uns begnügen, darauf hinzuweisen, daß anstelle des Seienden, das die Begriffe nicht darstellen können, die Geltung zu treten hat, die sie haben müssen: die naturwissenschaftlichen Begriffe sind nicht dadurch wahr, daß sie die Wirklichkeit abbilden, sondern daß sie für die Wirklichkeit  gelten.  Sobald sie dies tun, ist es nicht mehr nötig, daß sie selbst die Wirklichkeit enthalten. Mit der Beseitigung des falschen Wahrheitsbegriffes muß jeder Schein von Paradoxie unserem Ergebnis genommen sein.

Im Grunde ist es ja nichts als ein uralter Gedanke, der hier zum Ausdruck kommt, und der so wenig paradox ist, daß man ihn vielmehr trivial nennen könnte. Um den Gegensatz vom Allgemeinen zum Besonderen bewegt sich die Logik seit SOKRATES, und wenn wir sagen, daß alles Besondere, d. h. alles Anschauliche und Individuelle unbegreiflich im Sinne der Naturwissenschaft ist, so sagen wir damit eigentlich nichts Anderes, als daß das Allgemeine nicht das Besondere ist. Eine Bedeutung gewinnt dieser Satz nur dadurch, daß wir heute keine allgemeinen Wirklichkeiten mehr kennen, sondern daß für uns alles Wirkliche im Anschaulichen und Individuellen, also im Besonderen steckt. Es kommt uns im Wesentlichen darauf an, zu zeigen, daß die Logik bisher fast nur Wissenschaften berücksichtigt hat, die auf eine Darstellung des Allgemeinen und Geltenden gerichtet sind, und übersehen hat, was in dieser Darstellung immer verloren gehen muß. Unter  Natur  verstehen wir die Wirklichkeit in Rücksicht auf das Allgemeine. Da die Logik, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bisher nur den wissenschaftlichen Prozeß beachtete, der das Besondere im Allgemeinen aufgehen läßt, so mußte sie sich einseitig zu einer Logik der Naturwissenschaften gestalten. In welcher Richtung die Ergänzung dieser Einseitigkeit zu suchen ist, wollen wir nun im Folgenden feststellen.
LITERATUR - Heinrich Rickert, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung [Eine Einleitung in die historischen Wissenschaften], Freiburg i. Br./Leipzig 1896
    Anmerkungen
    1) Daß wir einen prinzipiellen Gegensatz zwischen mathematischer und empirischer Anschauung ohne Beweis  voraussetzen,  wird hoffentlich nicht allzu viele Leser dieser Schrift stören. Auf die Bedenken, die noch immer dagegen vorgebracht werden, können wir hier nicht eingehen.
    2) Daß dieser Gegensatz von Sein und Schein nichts mit dem  kantischen  Gegensatz von "Ding an sich" und "Erscheinung" zu tun hat, sei, um Mißverständnissen vorzubeugen, ausdrücklich hervorgehoben. Es ist selbstverständlich, daß die  räumliche  Welt der Atome zu dem gehört, was KANT "Erscheinung" nennt, und die Elemente des Seelenlebens müssen ihr als etwas, das in der Zeit vorhanden ist, ebenfalls zugerechnet werden.