tb-1Frischeisen-KöhlerZur Lehre von der DefinitionErnst Bloch    
 
HEINRICH RICKERT
Die Grenzen der
naturwissenschaftlichen Begriffsbildung

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Einleitung
Erstes Kapitel - Die begriffliche Erkenntnis der Körperwelt
I. Die Mannigfaltigkeit der Körperwelt
II. Die Bestimmtheit des Begriffs
III. Die Geltung des Begriffs
IV. Dingbegriffe und Relationsbegriffe
V. Die mechanische Naturauffassung
VI. Beschreibung und Erklärung

Zweites Kapitel - Natur und Geist
I. Physisch und Psychisch
II. Begriffliche Erkenntnis des Seelenlebens
III. Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft
Drittes Kapitel - Natur und Geschichte
I. Begriffsbildung und empirische Wirklichkeit
II. Der Begriff des Historischen
III. Historische Bestandteile in den Naturwissenschaften
IV. Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft

"Begreiflich ist das allein, das man mit etwas anderem vergleichen kann, und nur so weit ist es begreiflich, als es anderem gleicht. Unbegreiflich war daher das Licht in dem, was es vom Schall, unbegreiflich das organische Leben in dem, was es von der unbelebten Körperwelt trennt, und ebenso unbegreiflich ist jede einzelne Persönlichkeit in dem, was sie von anderen Persönlichkeiten unterscheidet."

"Die Einteilung nach Natur und Geschichte ist also vollständig und erschöpfend insofern, als die empirischen Wissenschaften nur entweder mit Rücksicht auf das Allgemeine oder mit Rücksicht auf das Besondere die Wirklichkeit betrachten können. Von einer dritten Art empirisch-wissenschaftlicher Behandlung der uns gegebenen Welt der Objekte vermögen wir uns keinen Begriff zu machen."


Zweites Kapitel
Natur und Geschichte

IV. Naturwissenschaft
und Geschichtswissenschaft

Wir wissen, nachdem wir die historischen Elemente in den Naturwissenschaften kennengelernt haben, welche Einschränkung unsere erste Formulierung des Gegensatzes von Naturwissenschaft und Geschichte erfahren muß, sobald das rein logisch gewonnene Prinzip auf die tatsächlich vorhandene wissenschaftliche Forschung angewendet werden soll, aber es wird auch zugleich klar geworden sein, daß der prinzipielle Unterschied zwischen den beiden Methoden dadurch nicht in Frage gestellt werden kann. Das relativ Historische, auch das höherer Ordnung, verbietet zwar eine naturwissenschaftliche Behandlung nicht, und ebenso wenig ist die Anwendung der historischen Darstellung beschränkt auf die empirische Wirklichkeit, wie sie als anschauliches und individuelles Sein im Einzelnen gegeben ist, denn sogar etwas so Allgemeines wie das mit dem Worte  Licht  Bezeichnete ist als Gegenstand der Geschichte denkbar. Immer aber müssen die Gedankenreihen, welche sich auf den wirklichen zeitlichen Verlauf des Geschehens einerseits und auf die allgemeinen begrifflichen Verhältnisse andererseits beziehen, in der wissenschaftlichen Darstellung, wenn auch nicht faktisch, so doch mit Rücksicht auf ihre logische Struktur auseinanderfallen.

Das zeigt sich auf all den verschiedenen Gebieten, bei denen die doppelte Behandlung des Materials möglich ist oder wirklich stattfindet. Um zunächst bei den  Körperwissenschaften  zu bleiben, so sahen wir, daß es Naturwissenschaft vom Licht nur gibt, wenn man sich um die Entstehung und das wirkliche Vorhandensein des Lichts gar nicht kümmert. Die Begriffe und Gesetze können zwar nur an irgendeinem wirklichen Licht gefunden werden, haben aber, wenn sie einmal gefunden sind, mit der historischen Wirklichkeit des Lichts so wenig zu thun, daß ihre Geltung vollkommen unabhängig ist davon, wo und wann, ja ob überhaupt irgendwo Licht in der Welt existiert. Die naturwissenschaftliche Theorie vermag uns also von einer Geschichte des Lichts auch nicht das Geringste mitzuteilen. Ebenso liegt die Sache in der Chemie, und nicht anders kann es sich in der Biologie verhalten. Dabei leugnen wir natürlich nicht, daß in der Chemie und noch mehr in der Biologie die historischen Sätze mit den naturwissenschaftlichen oft so eng verbunden auftreten, daß es bisweilen schwer ist, die beiden Bestandteile auseinander zu halten. Mit der Darstellung der wirklichen einmaligen Entwicklung ist die Darstellung der Gesetze, welche alle Entwicklung beherrschen sollen, innig verwoben. Aber die Trennung ist unter logischen Gesichtspunkten, wenn es sich um ein Verständnis der Geschichtswissenschaften handelt, besonders für dieBiologie nothwendig.

Machen wir uns also klar, daß die logische Struktur einer Darstellung, die uns z. B. berichtet, daß die ersten Lebewesen Amöben waren, daß darauf Moreaden, dann Blasteaden usw. folgten, sich prinzipiell von der logischen Struktur solcher Sätze unterscheidet, in denen uns gesagt wird, daß z. B. aus der ungemein großen Anzahl der Lebewesen immer nur diejenigen sich erhalten können, die ihrer Umgebung am besten „angepaßt" sind, und daß hieraus die Zweckmäßigkeit der Organismen zu erklären sei. Auch die sogenannten "Entwicklungsgesetze" sagen uns über die wirkliche Entwicklung nicht das Mindeste. Es wäre denkbar, daß die naturwissenschaftliche Biologie alle Gesetze, welche das Leben der Organismen beherrschen, vollständig zur Kenntnis gebracht hätte und doch von der Geschichte der Organismen nur wenig wüßte. Und umgekehrt, es könnte jemand die einmalige Entwicklung der Lebewesen auf unserer Erde kennen, ohne daß diese Kenntnis ihm etwas Wesentliches über die biologischen Gesetze zu sagen brauchte. Unter logischen Gesichtspunkten müssen wir daher zwischen  historischer  und  naturwissenschaftlicher Biologie  unterscheiden.

Wir können sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen, daß bei dieser Trennung der naturwissenschaftlichen und historischen Bestandteile in der Biologie vielleicht mehr als ein logisches Interesse vorliegt. Wenn man die neuesten biologischen Bestrebungen verfolgt, so sieht es so aus, als mache sich immer mehr eine Richtung geltend, welche darauf dringt, die historischen Darstellungen aus der Biologie zu entfernen, und diese Tendenzen müssen durchaus als berechtigt erscheinen, wenn die Biologie eine Naturwissenschaft werden soll in dem Sinne, wie die Physik und auch die Chemie es ist. Wir meinen hiermit nicht die Versuche, in den lebenden Körpern die physikalischen und chemischen Prozesse zu finden. Wir denken auch nicht an die Möglichkeit einer Begriffsbildung, in der  alles  Lebendige sich als eine besondere Art physikalisch-chemischer Vorgänge darstellt, denn auch diese Begriffe würden den Forscher aus der Biologie hinaus zur Physik und Chemie führen. Wir haben vielmehr, wenn wir von einer Beseitigung der historischen Elemente in der Biologie sprechen, nicht die Beseitigung des biologischen  Materials  im Auge, das einen relativ historischen Charakter zeigt, sondern die Bemühungen, nur die historische  Methode  aus der Biologie zu entfernen und sonst lediglich die Gesetze  innerhalb  der organischen Welt kennenzulernen.

Vielleicht sind die heute vielfach gebrauchten Ausdrücke wie "Entwickelungsmechanik" und ähnliche, in denen diese Tendenzen zum Ausdruck kommen, nicht glücklich gewählt, denn um eine Mechanik im strengen Sinn kann es sich dabei nie handeln (1), wohl aber verstehen wir, weshalb die Entwicklung der Organismen als ein einmaliger historischer Vorgang dem Biologen völlig gleichgültig wird, und weshalb er über die "Ahnengalerien" spottet, die langweilig sein sollen, weil sie auf kein "warum" antworten und keine Erklärung geben (2). Die Heftigkeit, mit der DARWIN bisweilen gerade von naturwissenschaftlicher Seite bekämpft wir, ist zum Teil auf das Überwiegen der historischen Gesichtspunkte zurückzuführen, die sich noch mehr als bei ihm selbst bei einigen seiner Nachfolger, z. B. bei HÄCKEL vorfinden. Es spricht aus diesem Kampf einerseits allerdings ein voller Mangel an Verständnis für den Wert des Historischen, denn Ahnengalerien sind nicht immer langweilig, und die Abstammung des Menschen besitzt gewiß wissenschaftliches Interesse. Andererseits aber läßt sich auch nicht leugnen, daß oft Berichte über die allmähliche Entwicklung der verschiedenen Lebensformen so gut wie nichts dazu beitragen können, die Biologie zu einer Gesetzeswissenschaft zu machen, und es scheint daher wohl möglich, daß allmählich die historische und die naturwissenschaftliche Biologie sich auch faktisch immer mehr von einander trennen.

Doch wie es sich hiermit auch verhalten mag, es muss sich aus diesen Ausführungen jedenfalls  eines  mit Bestimmtheit ergeben. Wenn der Geschichte deshalb die naturwissenschaftliche Methode empfohlen wird, weil zwischen ihr und der Biologie kein wesentlicher Unterschied bestehe, so ist damit gar nichts gesagt. Man muß, wenn es sich um die Anwendung der biologischen Methode handelt, vorher fragen, ob die Methode der naturwissenschaftlichen oder der historischen Biologie gemeint ist. Die erste Methode ist für die Geschichte gänzlich unbrauchbar. Gegen die zweite mögliche Behauptung, daß die Geschichte nach der Methode der historischen Biologie betrieben werden muß, wird sich allerdings prinzipiell nicht viel einwenden lassen, nur kann man von einer Übertragung biologischer Methoden auf die Geschichtswissenschaften deshalb nicht gut reden, weil eine genauere Untersuchung wohl ergeben würde, daß vielmehr umgekehrt die historischen Methoden auf die Biologie übertragen worden sind. In wie hohem Grad das der Fall ist, werden wir später noch sehen.

Daß endlich auch in den  psychologischen  Disziplinen ebenso wie in den Wissenschaften von der Körperwelt wenigstens logisch eine Scheidung der naturwissenschaftlichen von den historischen Bestandtheilen vollzogen werden muß, bedarf jetzt keiner besonderen Erörterung mehr, und nur darauf wollen wir noch mit einem Worte ausdrücklich hinweisen, daß auch die logische Möglichkeit einer "Soziologie" als Naturwissenschaft nichts am prinzipiellen Gegensatz von Naturwissenschaft und Geschichte, wie wir ihn aufgestellt haben, ändern kann.

Wir haben zwar gegen die naturwissenschaftliche Behandlung des Lebens der Menschheit logisch nichts einzuwenden, aber wir müssen zugleich auch bestreiten, daß diese Wissenschaft uns sagen könnte, was wirklich in der Welt geschehen ist. Ist auch die Gesellschaft ein relativ Historisches hoher Ordnung, so geht doch  vom gesellschaftlichen Leben,  das den Historiker interessiert, umso weniger in die Begriffe der "Soziologie" ein, je vollkommener sie als Naturwissenschaft geworden ist, d. h. je allgemeiner ihre Begriffe gelten. Wir müssen also zwischen einer  naturwissenschaftlichen  und einer  geschichtlichen Darstellung der menschlichen Gesellschaft  ebenso unterscheiden, wie wir zwischen naturwissenschaftlicher und historischer Biologie unterschieden haben. Der Umstand, daß auch die Naturwissenschaft das gesellschaftliche Leben zu ihrem Gegenstand machen  kann,  bedeutet für die Methode der Geschichtswissenschaften nicht das Geringste. So wenig wir also zumindest unter rein logischen Gesichtspunkten gegen eine naturwissenschaftliche "Soziologie" vorzubringen haben, so entschieden halten wir an der Unmöglichkeit einer naturwissenschaftlichen Geschichte fest, d. h. die Soziologie kann niemals an die Stelle der Geschichte treten. Sie ist daher auf das Nachdrücklichste zu bekämpfen, sobald sie den Anspruch erhebt, die einzige Wissenschaft vom gesellschaftlichen Leben der Menschen oder gar Geschichtswissenschaft zu sein (3).

Nur einen Einwand müssen wir schließlich noch berücksichtigen. Da auch das relativ Historische hoher Ordnung eine naturwissenschaftliche Behandlung nicht ausschließt, so liegt die Frage nahe, ob es denn nicht möglich ist, mit einer nach naturwissenschaftlicher Methode betriebenen Wissenschaft auch das  Interesse  zu befriedigen, das wir an der selbst nehmen. Man könnte die Richtigkeit dieser Annahme darauf stützen, daß, wenn ein Historisches immer höherer Ordnung zum Gegenstand der Untersuchung gemacht wird, man dadurch zumindest mit der Naturwissenschaft der Wirklichkeit immer näher kommt. Jedoch so richtig diese Behauptung auch ist, so wenig vermag sie etwas an unserem bisherigen Resultat zu ändern oder gar etwas zugunsten einer naturwissenschaftlichen Behandlung der Geschichte beizutragen.

Zunächst ergibt sich als selbstverständlich, daß  nur  das  relativ  Historische, niemals aber das absolut Historische oder das Historische höchster Ordnung, d. h. die Wirklichkeit als solche eine Darstellung nach naturwissenschaftlicher Methode zuläßt, und damit ist gesagt, daß die einzelnen  
Persönlichkeiten  der Geschichte in keiner naturwissenschaftlichen Untersuchung einen Platz haben können. Wir wissen, daß sie in dieser Hinsicht keine Ausnahmestellung einnehmen, sondern die Unmöglichkeit, in eine naturwissenschaftliche Theorie einzugehen, mit jedem einzelnen Ding und Vorgang der empirischen Wirklichkeit gemeinsam haben: begreiflich ist ja das allein, das man mit etwas anderem vergleichen kann, und nur so weit ist es begreiflich, als es anderem gleicht. Unbegreiflich war daher das Licht in dem, was es vom Schall, unbegreiflich das organische Leben in dem, was es von der unbelebten Körperwelt trennt, und ebenso unbegreiflich ist jede einzelne Persönlichkeit in dem, was sie von anderen Persönlichkeiten unterscheidet. Aber während es vom Licht und von den Organismen eine Naturwissenschaft gibt, weil sie ja nur relativ Historisches sind, und man daher innerhalb des Historischen auch die Natur dessen erforschen kann, was diesen Begriffen untergeordnet ist, so gibt es von den Individuen keine Naturwissenschaft, weil sich nichts Besonderes mehr ihnen unterordnen läßt, im Vergleich zu dem sie noch als ein allgemeiner Begriff oder als eine "Natur" aufzufassen wären.

Jedoch, auch wenn man dies anerkennt, wird man vielleicht meinen, daß damit nicht viel bewiesen sei, denn die einzelnen Persönlichkeiten hätten für die Geschichte wenig Bedeutung. Wir werden auf diese Frage später zurückkommen. Hier wollen wir einmal zugeben, daß es das Ideal einer Geschichtswissenschaft sein kann, eine Darstellung zu erstreben, in der von einzelnen Persönlichkeiten nicht mehr die Rede ist, oder doch nur von dem, was diese Persönlichkeiten mit anderen oder gar mit der großen Masse gemeinsam haben. Wäre denn das Hindernis, welches einer unser Interesse am Wirklichen befriedigenden naturwissenschaftlichen Behandlung des menschlichen Lebens entgegensteht, aus dem Wege geräumt?

Wir haben früher Individuen unterschieden, die nur Gattungsnamen tragen, von solchen, die Eigennamen führen. Die Unterordnung der Individuen mit Gattungsnamen unter allgemeine Begriffe ist uns so selbstverständlich, daß wir sie kaum bemerken, ja das, was nur einen Gattungsnamen hat, setzten wir fast immer in einen Begriff um. Bei Individuen mit Eigennamen dagegen können wir dies nicht, weil sie dadurch ihren Eigennamen verlieren. Das mag zunächst nur als etwas Äußerliches angesehen werden, aber es genügt uns hier, um zu zeigen, daß, wenn auch eine Wissenschaft vom menschlichen Leben die Individuen im strengen Sinne des Wortes ignorieren wollte, dies allein noch nicht ausreichen würde, um eine naturwissenschaftliche Behandlung ihres Gegenstandes zu ermöglichen. Nicht nur das absolut Historische nämlich, sondern auch manches, das nur ein relativ Historisches zu sein scheint, hat doch einen Eigennamen insofern, als sein Name nicht mit dem des naturwissenschaftlichen Begriffes identisch ist, unter den die von ihm bezeichneten Objekte fallen würden. Oder ist etwa der  natur wissenschaftliche Begriff von allen den Dingen und Vorgängen, die wir mit  griechisch  oder  deutsch  bezeichnen, brauchbar in einer Darstellung der griechischen oder der deutschen Geschichte, die unser Interesse am Besonderen und Individuellen der Völker zu befriedigen vermöchte?

Wir müssen diese Frage wohl verneinen, denn ein naturwissenschaftlicher Begriff der Deutschen dürfte nur das enthalten, was  allen  Deutschen gemeinsam ist, und wenn dieser Begriff gebildet wäre, so würde er ziemlich uninteressant sein und sich kaum von dem naturwissenschaftlichen Begriff des Franzosen oder auch vielleicht des Europäers unterscheiden. Verstehen wir also unter  griechisch  oder  deutsch  das, was wir bei allen Griechen oder Deutschen finden? Es wird kaum jemand geneigt sein, diese Frage zu bejahen. Die "Natur" des Deutschen feststellen in dem Sinne, wie die Optik die Natur des Lichtes erforscht, das hieße das ignorieren, was wir meinen, wenn wir deutsch sagen. Auch die Griechen oder die Deutschen lassen eine naturwissenschaftliche Behandlung ebensowenig zu wie die einzelnen Persönlichkeiten. Aus einer naturwissenschaftlichen Darstellung der Geschichte müßten mit den Eigennamen der Persönlichkeiten auch die Eigennamen der Völker verschwinden, und wenn das der Fall ist, so wird man doch nicht mehr behaupten können, daß eine solche Wissenschaft noch imstande wäre, das Interesse zu befriedigen, das wir am Besonderen und Individuellen der Wirklichkeit nehmen.

Eine vollständige Erledigung der Fragen, die sich hier aufdrängen, kann erst später gegeben werden. Nur das Eine sehen wir jetzt schon: der Begriff des relativ Historischen und die Möglichkeit, das relativ Historische naturwissenschaftlich zu behandeln, beseitigt das  Bedürfnis  nach einer Wissenschaft, die in einem ganz anderen Verhältnis zur empirischen Wirklichkeit steht als die Naturwissenschaft, durchaus nicht. Nur das  Anonyme  kann Objekt der Naturwissenschaft werden, auch das relativ Historische, das einen Eigennamen trägt, entzieht sich ihr unter allen Umständen, und vielleicht sogar noch Einiges mehr. Daß alle empirischen Wissenschaften entweder naturwissenschaftlich oder historisch verfahren müssen, darf also zwar nicht so verstanden werden, als gäbe es eine Gruppe von Wissenschaften, die rein naturwissenschaftlich, und eine andere, die rein geschichtlich ist, sondern die Einteilung gilt nur in dem Sinne, daß durch sie zwei Haupttendenzen der wissenschaftlichen Arbeit gekennzeichnet werden sollen. In dieser Hinsicht aber gilt sie auch absolut. Naturwissenschaftlich werden wir jede Untersuchung nennen, die innerhalb des Gebietes, das sie bearbeitet, so weit wie möglich zum Allgemeinen vorzudringen sucht, und was eine Untersuchung historisch macht, können wir jedenfalls dahin angeben, daß diese Tendenz in ihr nicht vorhanden sein kann. Wenn diese Bestimmung auch nur negativ ist, so ist sie für die Klarlegung der historischen Methode im Gegensatz zu der der Naturwissenschaften nicht ohne Bedeutung.

Wie weit die Geschichte in das Besondere einzudringen hat, wird sich erst später zeigen. Hier genügt es, wenn wir sagen, daß dort, wo die Begriffsbildung der Naturwissenschaft ihre Grenze findet, meist das Interesse der Geschichte erst beginnt. So ergänzen diese beiden Arten von Wissenschaften einander und umfassen zugleich Alles, was die empirische Wirklichkeit uns an wissenschaftlichen Aufgabe stellt. Die Einteilung nach Natur und Geschichte ist also auch vollständig und erschöpfend insofern, als die empirischen Wissenschaften nur entweder mit Rücksicht auf das Allgemeine oder mit Rücksicht auf das Besondere die Wirklichkeit betrachten können. Von einer dritten Art empirisch-wissenschaftlicher Behandlung der uns gegebenen Welt der Objekte vermögen wir uns keinen Begriff zu machen.

Bevor wir diese Ausführungen über Natur und Geschichte abschliessen, unr noch eine Anmerkung. Da wir öfter hervorgehoben haben, daß der logische Gegensatz von Natur und Geschichte in der Methodenlehre zu wenig beachtet wird, und meist der sachliche Gegensatz der Natur und Geist in den Vordergrund tritt, so wollen wir schliesslich nicht unterlassen, auch auf einige Schriften der neueren Zeit hinzuweisen, die ebenfalls eine logische Gliederung der Wissenschaften nach dem von uns hier aufstellten Prinzipe anstreben (4).

In einer kleinen Abhandlung über die Klassifikation der Wissenschaften unterscheidet ADRIEN NAVILLE (5) drei Gruppen: "Histoire", "théorématique" und "sciences régulatives". Die letzte Gruppe können wir hier beiseite lassen, um so wichtiger aber sind die beiden ersten. Die Geschichte besteht nach NAVILLE aus den Wissenschaften von der Wirklichkeit. Im Gegensatz dazu umfaßt die zweite das, was wir Naturwissenschaft genannt haben: die Wissenschaften von den notwendigen Bedingungen des Möglichen oder die Gesetzeswissenschaften. Die Einteilung der Wissenschaften gestaltet sich unter diesen Gesichtspunkten natürlich von der üblichen sehr abweichend. Zur Geschichte gehört z. B. nach NAVILLE die Statistik als Darstellung von den wirklichen Zahlenverhältnissen, und als Gesetzeswissenschaft entspricht ihr die Arithmetik, die es mit den möglichen Zahlenverhältnissen zu tun hat. Zur Geschichte gehören ferner außer den Wissenschaften, die man gewöhnlich dazu rechnet, Geodäsie, Astronomie, Geologie, ja sogar Botanik und Zoologie; weil sie von wirklichen Körpern handeln, während Mechanik, Physik, Chemie und Biologie Gesetze suchen und daher mit der Psychologie und der Soziologie, die dies ebenfalls tun, zusammen die andere Gruppe der Wissenschaften bilden müssen.

Es ist klar, wie gründlich hier der übliche Gegensatz von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften beseitigt ist, und wie ausschließlich ein logischer Gesichtspunkt für die Gliederung maßgebend wird. Trotzdem können wir dieser Einteilung nicht in allen Punkten zustimmen. Es geht nicht an, alles zur Geschichte zu rechnen, was nicht Gesetze aufstellt, denn das Gesetz ist nur die höchste Form des naturwissenschaftlichen Begriffs, und es ist daher nothwendig, klassifikatorische Wissenschaften, wie Botanik und Zoologie, mit den Gesetzeswissenschaften logisch zusammen zu stellen. Mit Geschichte haben sie weniger zu tun als die "entwicklungsgeschichtliche" Biologie. Es fehlt NAVILLE der Begriff des relativ Historischen, und er berücksichtigt nur die äußersten Extreme. Dies hat ihn auch dazu gebracht, Mathematik und reine Mechanik nicht von Physik und Chemie zu trennen, obwohl doch das Verhältnis zur Wirklichkeit in diesen Wissenschaften durchaus nicht überall dasselbe ist. Aber es kommt uns hier weniger darauf an, die Differenzen hervorzuheben, als die Übereinstimmung zu konstatieren.

Vortreffliche Bemerkungen über das Wesen der Geschichtswissenschaften finden sich sodann in einer Schrift von GEORG SIMMEL (6). Die Einsicht, daß zwischen erzählender und Gesetzeswissenschaft, logisch-begrifflich angesehen, der größte Unterschied besteht, den es überhaupt auf dem Gebiet des Wissens geben kann, ist hier ebenfalls deutlich ausgesprochen. "Insofern also Geschichtswissenschaft zu schildern hat, was wirklich geschehen ist, indem sie die Wirklichkeitswissenschaft schlechthin ist, tritt sie in den denkbar schärften Gegensatz gegen alle Gesetzeswissenschaft (7)."

Im Einzelnen können wir dann allerdings auch SIMMEL nicht überall zustimmen. Es scheint uns nicht glücklich, daß auch er noch von den  psychologischen  Voraussetzungen in der Geschichtsforschung ausgeht, und ferner wird von ihm der Gegensatz von Geschichte und Gesetzeswissenschaft, umgekehrt wie bei NAVILLE, wieder so sehr eingeschränkt und abgeschwächt, daß er seine Bedeutung fast zu verlieren scheint. Das hängt zum Teil mit SIMMELs Auffassung der Erkenntnistheorie zusammen, die lediglich eine "Beschreibung" der Erkenntnis geben aber durchaus keine Normen aufstellen soll. Doch davon abgesehen, muß insbesondere das zweite Kapitel der Schrift, das "von den historischen Gesetzen" handelt, als ein äußerst wertvoller Beitrag zur Methodenlehre der Geschichtswissenschaften angesehen werden. So sehr SIMMEL sich dagegen sträubt, Normen für das Erkennen aufstellen zu wollen, so wertvolle Waffen hat er hier in erfreulicher Inkonsequenz gerade für den Kampf gegen die Alleinherrschaft der naturwissenschaftlichen Methode geliefert, ein Kampf, der natürlich durch die Aufstellung von Normen geführt werden kann.

Das Beste über den Gegensatz von Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft scheint uns schließlich WINDELBAND gesagt zu haben. Schon seine Darstellung der philosophischen Begriffe und Probleme in ihrer Entwickelung von den Griechen bis zur Gegenwart klingt in einer Gegenüberstellung von Natur und Geschichte aus (8), und neuerdings hat er dieses Thema zum Gegenstand einer besonderen Erörterung gemacht (9). Er will die übliche Einteilung in Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften fallen lassen, vor allem, weil es nicht möglich ist, die Psychologie in ihr unterzubringen. An ihre Stelle hat die Unterscheidung der "Ereigniswissenschaften" von den "Gesetzeswissenschaften" zu treten, und die Methode der einen soll "idiographisch", die der anderen "nomothetisch" heissen. Der Ausdruck Gesetzeswissenschaft ist in sofern gewiß zutreffend, als das hchste Ideal der Naturwissenschaft in der Aufstellung von Gesetzen besteht, aber er ist streng genommen zu eng, da die "deskriptiven" Wissenschaften doch ebenfalls in einem Gegensatze zu den  "idio graphischen" stehen müssen. Was ferner den Terminus  idiographisch  betrifft, so bezeichnet er in einer gewissen Hinsicht aus Gründen, die wir angegeben haben, nur ein Problem oder bringt zumindesten das Wesen der historischen Methode nur nach  einer  Seite hin zum Ausdruck. Doch sind dies unwesentliche Ausstellungen, und überdies hat WINDELBAND noch kürzlich hervorgehoben, daß er mit dem Gegensatz nomothetischer und idiographischer Disziplinen nur polare Richtpunkte habe bezeichnen wollen, zwischen denen sich die methodische Arbeit zahlreicher Wissenschaften in der Mitte bewegt (10).

Hiermit schließen wir die Ausführungen über den allgemeinen logischen Gegensatz von Natur und Geschichte ab. Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung haben wir soweit kennen gelernt, als notwendig ist, um zu zeigen, worin das logische Wesen der historischen Wissenschaft  nicht  bestehen kann. Die erste Aufgabe, die wir uns in der Einteilung gestellt haben, ist damit gelöst. Wir wissen, in welchen Gebieten die Bildung naturwissenschaftlicher Begriffe einen Sinn hat, und auf welchen Gebieten sie diesen Sinn notwendig verlieren muß. Mit Rücksicht auf eine logische Einleitung in die Geschichtswissenschaften kann man die bisherigen Ausführungen auch als den  negativen  Teil dieser Arbeit bezeichnen. Zwar wissen wir auch bereits, welche Wissenschaft geeignet ist, die Lücke aufzufüllen, die die Naturwissenschaft für immer in unserem Wissen lassen muß. Aber der Begriff der Geschichtswissenschaften hat sich uns bisher lediglich als ein logisches Problem ergeben, und da der wesentliche Zweck dieser Arbeit, wie wir in der Einleitung gesagt haben, darauf gerichtet ist, das Unbefriedigende einer rein naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise der Welt klarzulegen, so können wir bei einem solchen rein problematischen Begriff der Geschichte nicht stehen bleiben. Wir müssen vielmehr im Anschluss an die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung das Wesen der historischen Wissenschaften selbst zumindest in seinen Grundzügen kennenlernen, damit die Einseitigkeit des naturwissenschaftlichen Denkens in ihrer ganzen Bedeutung heraustritt.

Wir wissen bisher nur, daß die Geschichte dort anfängt, wo die Naturwissenschaft aufhört. Ist diese Arbeit, die an der Grenze der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung beginnt, ist diese Wissenschaft von der Wirklichkeit selbst auch der Mühe wert? Erst wenn wir hierauf eine Antwort gegeben haben, können wir sagen, welche Tragweite die Feststellung der Grenzen der Naturwissenschaft besitzt. Wir werden daher im zweiten  positiven Teil  der Arbeit versuchen, diese Frage, so weit es unter logischen Gesichtspunkten möglich ist, zu beantworten, d. h. wir wollen die logischen Grundlagen und Voraussetzungen der wissenschaftlichen Geschichte klarlegen. So schließt sich an die Untersuchung über die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung eine logische Einleitung in die historischen Wissenschaften an.
LITERATUR - Heinrich Rickert, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung [Eine Einleitung in die historischen Wissenschaften], Freiburg i. Br./Leipzig 1896
    Anmerkungen
    1) Vgl. ROUX, "Einleitung" zum Archive für Entwicklungsmechanik der Organismen, 1894
    2) Siehe HANS DRIESCH, "Die Biologie als selbständige Grundwissenschaft", 1898, Seite 29f.
    3) Unter diesem Gesichtspunkte ist es daher nicht zu billigen, wenn die nicht-naturwissenschaftlichen Disziplinen dadurch charakterisiert werden, daß ihr Objekt die  "gesellschaftlich-geschichtliche Wirklichkeit"  sei, und wenn man von geschichtlich-gesellschaftlichen Wissenschaften spricht, wie DILTHEY dies in seiner "Einleitung in die Geisteswissenschaften" thut. Gesellschaftswissenschaft und Geschichtswissenschaft können logisch völlig auseinanderfallen.
    4) Selbstverständlich soll damit die Reihe der Werke, in denen für eine logische Trennung der historischen Disziplinen von den Naturwissenschaften wertvolle Beiträge gegeben sind, durchaus nicht erschöpft sein. Nur die Schriften, die zu den hier in den Vordergrund geschobenen Gedanken in besonders naher Beziehung stehen, möchte ich hervorheben. Im Übrigen sei außer auf die ungemein lehrreichen Ausführungen, die SIGWART in der zweiten Auflage seiner Methodenlehre (Logik, Bd. II, zweite Auflage, Seite 399f) über "die Erklärung im Gebiete der Geschichte" gegeben hat, vor allem auf DILTHEYs "Einleitung in die Geisteswissenschaften"; und auf WUNDTs "Logik der Geisteswissenschaften" (Logik, zweite Auflage, Bd. II, 2. Abt.) um so mehr hingewiesen, als ich mich in einigen Punkten gegen die Ansichten dieser beiden Autoren habe wenden müssen.
    5) De la classification des sciences. Étude logique. (Généve-Bâle 1888.) Die originelle Schrift scheint in Deutschland fast gar nicht beachtet worden zu sein.
    6) Die Probleme der Geschichtsphilosophie. Eine erkenntnistheoretische Studie, 1892.
    7) a. a. O. Seite 43
    8) Vgl. WINDELBAND, Geschichte der Philosophie, 1892, Seite 500f
    9) Geschichte und Naturwissenschaft, Straßburger Rektoratsrede, 1894. Der entscheidende Punkt ist hier bereits zu so prinzipieller Klarheit herausgearbeitet, daß dem, der die Ausführungen WINDELBANDs wirklich durchdacht hat, einige Teile der vorliegenden Schrift als überflüssig erscheinen können. Wenn ich trotzdem den schon vor mehreren Jahren entworfenen Plan dieser Arbeit auch nach dem Erscheinen von WINDELBANDs Rede unverändert gelassen habe, so bestimmte mich dabei unter anderem die Erwägung, daß wegen der durch die Form der Rede bedingten, bisweilen mehr andeutenden als ausführenden Darstellung WINDELBANDs es vielleicht nicht jedem, der nicht selbst schon über diese Fragen nachgedacht hat, gelungen ist, die dort entwickelten Gedanken in ihrer Tragweite zu erfassen.
    10) Jahresberichte der Geschichtswissenschaft, 1894 Bd. IV, Seite 112. Daß die Gedanken WINDELBANDs Widerspruch finden würden, war vorauszusehen. Wenn aber LUDWIG STEIN (Das Prinzip der Entwicklung in der Geistesgeschichte, Deutsche Rundschau, Juni 1895) in Bezug auf den Begriff der Ereigniswissenschaft schreibt: "Windelband  übersieht  (Seite 11), daß auch diese Ereignisse ihre Gesetze haben", so ist das doch überraschend und auch durch die Knappheit der Ausführung WINDELBANDs nicht zu entschuldigen.