tb-1HintzeSchmeidlerDroysenGrotenfeltvon Sybel    
 
HEINRICH RICKERT
Geschichtsphilosophie
[ 7 / 7 ]

Einleitung
I. Die Logik der Geschichtswissenschaft
II. Die Prinzipien des historischen Lebens
III. Universalgeschichte


"Es ergibt sich, daß die Prinzipien des geschichtlichen Lebens selbst Werte sind und die Behandlung dieser Werte mit Rücksicht auf ihre Geltung deshalb die zweite Aufgabe der Geschichtsphilosophie wird, die jedoch schließlich mit der Aufgabe der Philosophie als Wertwissenschaft überhaupt zusammenfällt."

III.

Die Geschichtsphilosophie
als Universalgeschichte

[Fortsetzung]

Freilich, KANT selbst hat ein System der Geschichtsphilosophie nicht geschaffen, aber auf dem Boden seines Denkens ist eines nach dem anderen emporgewachsen und hierin haben wir gewiß nicht eine unwesentliche Wirkung zu sehen. Der einmalige Verlauf der Menschheitsentwicklung konnte nun mit Hilfe der absoluten Wertbegriffe von Vernunft und Freiheit wieder als Einheit aufgefaßt und in seinen verschiedenen Stadien so gegliedert werden, daß man jede Stufe an dem maß, was sie in ihrer Eigenart zur Realisierung des Weltsinnes beigetragen hat. Diese Möglichkeit, zum geschichtlichen Leben wieder ein positives Verhältnis zu gewinnen, das ist es, was der Philosophie des  deutschen Idealismus  ihre überragende und für absehbare Zeit unvergängliche Bedeutung verleiht. Eine Philosophie, die hierzu im Prinzip unfähig ist, mag für spezielle Probleme Bedeutendes leisten, eine den Kulturmenschen befriedigende, wirklich umfassende Weltanschauung wird sie niemals zustande bringen und am wenigsten darf sie Anspruch darauf erheben, über die Philosophie des deutschen Idealismus fortgeschritten zu sein. Vom Gedanken beherrscht, der Zweck des Erdenlebens der Menschheit sei der, daß sie alle ihre Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einrichte, hat nicht nur FICHTE zum erstenmal nach KANT die "Weltgeschichte" philosophisch als einheitliches Ganzes konstruiert, sondern auch HEGEL hat vom Begriff der Freiheit aus sein geschichtsphilosophisches System entworfen, das viel mehr umfaßt, als die aus seinem Nachlaß herausgegebenen "Vorlesungen" und er hat damit zugleich den heute vielfach noch nicht verstandenen Höhepunkt dieser Art der geschichtsphilosophischen Betrachtung erreicht. Auf den Inhalt seines Systems können wir hier nicht eingehen. Es kommt auch nicht darauf an, die Unterschiede hervorzuheben, welche die Freiheitsbegriffe KANTs, FICHTEs und HEGELs voneinander trennen. Nur das ist hier wichtig, daß die Philosophie des deutschen Idealismus überhaupt einen unbedingten  Wertbegriff  fand, der es ihr ermöglichte, das Ganze des geschichtlichen Verlaufes in der angegebenen Weise philosophisch zu behandeln, daß dieser Wertbegriff zugleich formal genug war, um zum Beziehungspunkt für die Universalgeschichte zu dienen, wie das besonders bei HEGEL in großartiger Weise zum Ausdruck kommt und daß dabei endlich Voraussetzungen von der Art, wie die durch die moderne Naturwissenschaft zerstörte Geschichtsphilosophie sie gemacht hatte, im Prinzip gar nicht mehr gebraucht wurden.

Für die Geschichtsphilosophie unserer Zeit ergibt sich daraus die Frage, ob es möglich ist, auf dem Boden des durch KANT begründeten Idealismus und unter voller Anerkennung aller Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft, zunächst einen Wertgesichtspunkt zu finden, von dem aus sich die Universalgeschichte philosophisch behandeln läßt und dann zu einer Geschichtsphilosophie zu kommen, die mit Berücksichtigung des historischen Wissens unserer Zeit, bei aller inhaltlichen Verschiedenheit, im Prinzip doch dieselbe formale Struktur zeigen würde, wie die geschichtsphilosophischen Systeme FICHTEs und HEGELs. Daß eine solche Philosophie, die von formalen und absoluten Werten ausgeht, um von hier aus den Sinn der Geschichte zu deuten, deshalb zu hoch über dem Leben schweben müßte, braucht man nicht zu fürchten. Gerade die formalen Werte sind auf den ganzen Inhalt des Lebens anwendbar und wer Stellung zum Leben nehmen will, muß selbst auf einem absoluten Standpunkt feststehen. Der Relativismus ist nur durch Inkonsequenzen mit einem Interesse an den Problemen der Kultur verknüpft und der Naturalismus mit seiner notwendigen Tendenz zur Verallgemeinerung ist immer in Gefahr, gerade das Besondere und Einmalige, also das allein  Wirkliche,  aus den Augen zu verlieren. Nur vom Standpunkt eines absoluten Ideals aus, das wir als Maßstab an die empirische Wirklichkeit halten, hat es einen Sinn, das geschichtlich bedingte Kulturleben in seiner Eigenart und Individualität mit Werten zu durchsetzen. Daß HEGELs historisch orientierter Idealismus für die Probleme der Kultur und Geschichte eine eminente Bedeutung gehabt hat, kann nur ein Unwissender leugnen und noch deutlicher kann uns vielleicht FICHTE zeigen, daß ein noch so hochfliegender Idealismus nicht nur vereinbar ist mit einem starken Wirklichkeitssinn, sondern sogar notwendig hintreibt zu intensiver Beschäftigung mit den praktischen Fragen des geschichtlichen Lebens, ja, mit den brennenden Fragen des Tages.

Aber hiermit scheint und zwar gerade wegen der Erinnerung an diese Denker, das Problem einer philosophischen Behandlung des historischen Universums doch noch nicht genügend klargestellt zu sein. Die Geschichtsphilosophie des deutschen Idealismus ist nämlich zwar unabhängig von den Lehren der Naturwissenschaft, dafür jedoch umso abhängiger von Voraussetzungen über das der geschichtlichen "Erscheinungswelt" zugrunde liegende  metaphysische  Wesen. Schon KANTs Freiheitslehre hängt mit seinem metaphysischen Begriff eines intelligiblen Charakters zusammen und vollends deutlich ist es bei HEGEL, wie sehr seine Geschichtsphilosophie metaphysisch begründet ist. Läßt sich die Geschichtsphilosophie von der Metaphysik loslösen oder setzt sie immer  zwei Arten des Seins  voraus, eine Welt der Erscheinungen, in der sich die historischen Ereignisse abspielen und eine Welt der wahren, jenseits der Erscheinungen liegenden Realität, auf welche die historischen Ereignisse bezogen werden müssen, wenn sie sich zu einer einheitlichen und gegliederten Entwicklung zusammenschließen sollen? Damit scheinen wir erst an den entscheidenden Punkt gekommen zu sein und wegen des Zusammenhangs, den die verschiedenen geschichtsphilosophischen Probleme untereinander haben, reicht die Bedeutung dieser Frage noch weiter zurück.

Wir fanden nämlich, daß die Deutung des allgemeinen Sinnes der Geschichte die Idee eines Systems unbedingter Werte voraussetzt, an dem die empirisch allgemeinen Kulturwerte gemessen werden können. Wird nicht dieses System nur dann wirklich begründet sein, wenn man es, sozusagen, metaphysisch verankert hat und dadurch gewiß sein kann, daß das geschichtliche Sein in seinem metaphysischen Grund auch  angelegt  ist zur Realisierung dessen, was sein soll? Ja, auch für die empirische Geschichtswissenschaft scheinen metaphysische Voraussetzungen unentbehrlich zu sein. Es gibt Denker, denen die Geschichte als etwas "Gespenstisches" erscheint, solange ihre Objekte, insbesondere die geschichtlichen Persönlichkeiten, lediglich als immanente Wirklichkeiten betrachtet werden. Wesenhaft, metaphysische Seelen sollen es sein, die auf dem geschichtlichen Schauplatz tätig sind und wir müssen sie uns gewissermaßen eingebettet denken können in einen über die Einzelseelen hinausragenden, großen "geistigen" Zusammenhang, von dem die bloße Erfahrung nichts weiß, der aber der Träger der unbedingten Werte ist und ohne den daher alle Geschichte ein sinnloses Durcheinander bilden würde, dessen Erforschung keine Bedeutung hat. Kurz, setzt eine positiv kritische Behandlung der geschichtsphilosophischen Probleme nicht eine Metaphysik im Sinne einer Annahme von zwei Realitäten, einer bloß empirischen, immanenten und einer absoluten, transzendenten voraus?

Es ist notwendig, die Stellungnahme auch zu diesen Problemen wenigstens anzudeuten und wir beginnen mit der Frage nach  den  metaphysischen Voraussetzungen, welche auch die  empirische  Geschichtswissenschaft nicht soll entbehren können, weil so allein sich die Frage nach der Notwendigkeit metaphysischer Annahmen für die Erforschung des Sinnes der Geschichte und für die philosophische Behandlung der Universalgeschichte beantworten läßt.

Zunächst in unbedingt zuzugeben, daß viele Historiker einen  Glauben  haben, der, wenn man ihn begrifflich formulieren wollte, einen metaphysischen Charakter annehmen würde und ebenso steht fest, daß dieser Glaube mit dazu beiträgt, ihnen die Erforschung des geschichtlichen Lebens als wahrhaft bedeutsam erscheinen zu lassen. Auch hier kann wieder auf RANKE verwiesen werden, der die großen Tendenzen der Geschichte als Gedanken Gottes bezeichnet, durch die sich der göttliche Weltplan verwirklicht und bei anderen Historikern würde sich ebenfalls zeigen lassen, daß sie überempirische Voraussetzungen machen. Davon sind insbesondere diejenigen gewiß nicht frei, die "Entwicklungsgesetze" für alles geschichtliche Leben gefunden zu haben meinen. Bei ihnen nimmt der Glaube unter dem Einfluß der Mode zwar ein naturalistisches Gewand an und wird zum Glauben an Gesetzes begriffe  als wirkende  Kräfte,  hört aber darum nicht auf, metaphysisch zu sein; denn Gesetze können ja nur dann als wirkend gedacht werden, wenn man sie metaphysisch hypostasiert [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp]. Man kann auch das Problem, welches in einem solchen Glauben, wie in dem von RANKE geäußerten, steckt, nicht damit abweisen, daß man erklärt, das alles stehe außerhalb der Wissenschaft und übe auf sie nicht den geringsten Einfluß aus; denn diese Meinung ist nur in dem Sinne richtig, daß der Glaube, wie RANKE von seiner Ideenlehre sagt, Einzelheiten des geschichtlichen Lebens nirgends einen Zwang antut. Im übrigen aber gehört auch er zu den Voraussetzungen des geschichtlichen Forschens insofern, als in ihm die Überzeugung steckt, es sei mehr als eine willkürliche Annahme, wenn wir dem geschichtlichen Leben überhaupt eine "objektive" Bedeutung beilegen.

Damit ist jedoch andererseits noch nicht gesagt, daß gerade das im Glauben steckende  metaphysische  Moment dabei wichtig ist. Der Historiker wird als Historiker jedenfalls gut tun, es bei seinem Glauben als einem bloßen Glauben bewenden zu lassen und sich vor dem Hineinziehen jeder wissenschaftlich formulierten Metaphysik in seine Untersuchungen zu hüten. Er käme sonst auf den Boden der angedeuteten Theorie von zwei Seinsarten und geriete sofort in die größten Schwierigkeiten, wenn er irgendetwas über das Verhältnis der allein in der Erfahrungswelt sich abspielenden geschichtlichen Ereignisse zur transzendenten Wirklichkeit aussagen sollte. Ja, schon der Gedanke, daß die geschichtlichen bloße "Erscheinungen" eines dahinter liegenden metaphysischen Seins sind, ist nicht etwa geeignet, dem Historiker ihre Erforschung bedeutsamer erscheinen zu lassen, sondern muß ihm im Gegenteil jede Freude an seiner Arbeit verderben. Dem Mann der Naturwissenschaften mag es vielleicht gleichgültig sein, ob seine Objekte bloße Erscheinungen oder Realitäten sind. Sie kommen ja nur als Gattunsexemplare für ihn in Betracht und die allgemeinen Begriffe, die gesucht werden, behalten auf jeden Fall ihre Geltung. Die Ereignisse dagegen, die mit Rücksicht auf ihre Individualität wesentlich sind, verlieren ihre Bedeutung, wenn sie nicht als Realitäten angesehen werden dürfen und wenn nicht in dem der Wissenschaft unmittelbar zugänglichen Sein sich auch die Werte verwirklichen, auf welche der Historiker seine Objekte bezieht. Das Bedürfnis nach einer hinter ihnen steckenden absoluten Realität verdankt daher niemals einem geschichtswissenschaftlichen Interesse seine Entstehung. Es ist vielmehr zurückzuführen auf die Wirkungen jener sonderbaren "Erkenntnistheorie", welche die Erfahrungswelt zum bloßen Schein, zum Majaschleier macht und behauptet, daß ihre Anerkennung als Realität zum Somnambulismus oder, wie man neuerdings sagt, zum Jllusionismus führe. Dem Denken, das nicht in dieser oder ähnlicher Weise metaphysisch verbildet ist, kann das unmittelbar gegebene  Leben  niemals als ein Traum oder ein Gespenst gelten und jedenfalls hat sich der  empirische  Historiker an  die  Welt zu halten, die seiner Erfahrung zugänglich ist. Er darf in ihr die einzige Realität sehen, die ihn als Historiker kümmert und die Frage nach ihrem metaphysischen "Hintergrund" auf sich beruhen lassen.

Dürfen wir aber bei einem System von Werten als dem Letzten auch dann stehen bleiben, wenn wir nach den  Prinzipien  der Geschichte suchen und ihren Sinn deuten? Oder schließt die Annahme einer unbedingten Geltung dieser Werte nicht die Annahme einer transzendenten Realität ein und entsteht daraus für die Philosophie, die solche Fragen doch nicht in suspenso [in der Schwebe, wp] lassen darf, nicht die Aufgabe, das Verhältnis der Werte zu dieser metaphysischen Welt zu bestimmen?

Es ist auch hier zuzugeben, daß die Voraussetzung einer unbedingten Geltung von Werten uns aus der immanenten Welt hinaus und demnach ins Transzendente führt und es muß deshalb damit nichts verschleiert bleibt einer rein immanenten Philosophie gegenüber in der Tat die Geltung  transzendenter Werte  behauptet werden. Aber es ist doch sehr wenig geleistet, wenn man nun glaubt, noch weiter gehen zu müssen und erklärt, daß diese Werte auch auf irgendein transzendentes  Sein  hineuten. Erstens kann man mehr als ein solches ganz unbestimmtes Hindeuten mit gutem wissenschaftlichen Gewissen nicht aussagen und ferner muß jeder Versuch, die transzendente Realität näher zu bestimmen, sein Material entweder der immanenten Realität entnehmen oder bei reinen Negationen stehen bleiben. Daß aber über das Verhältnis einer ganz unbestimmten oder rein negativ bestimmten Realität zur immanenten Welt nichts wissenschaftlich Greifbares ausgesagt werden kann, bedarf keines Nachweises. Die transzendente  Realität  bleibt also auch für die Geschichtsphilosophie als Prinzipienlehre ein vollkommen leerer und unfruchtbarer Begriff. Diese Disziplin hat daher genug getan, wenn sie sich das klar macht und sich mit dem Streben nach der Aufstellung eines Systems unbedingt gültiger und insofern transzendenter  Werte  begnügt.

Man wende nicht ein, daß der Begriff des transzendenten  Sollens,  der dabei vorausgesetzt wird, mit denselben Argumenten als leer und unfruchtbar erwiesen werden könne wie der Begriff des transzendenten  Seins.  Zwar kann man nicht anders bestimmen, was ein transzendentes Sollen bedeutet, als daß man sagt, es handle sich dabei um Werte von übergeschichtlicher, zeitloser, unbedinger Geltung und gewiß ist also auch hier der Begriff insofern lediglich mittels der Negation gewonnen, als wir vom bedingten Wert ausgehen und ihm die Bedingtheit absprechen. Der dadurch entstehende Begriff aber hat eine ganz andere Bedeutung als diejenige, die entsteht, wenn wir, um den Begriff des transzendenten Seins zu gewinnen, vom Begriff des immanenten Seins ausgehen und dann seine Immanenz negieren. Dem Sein nehmen wir mit dieser Negation jeden  Inhalt,  den wir kennen, dem Sollen dagegen lassen wir seinen Inhalt und nehmen ihm nur eine Beschränkung, die es an der vollen Entfaltung einer in ihm steckenden Tendenz, zu gelten, hindert. Man kann sich diesen Unterschied von transzendenten Sein und transzendenten Sollen vielleicht an nichts anderem besser klar machen als wieder am kantischen Begriff der Idee. KANT wandelt hier ebenfalls den Begriff der transzendenten Realität in den des transzendenten Sollens um und stellt dadurch sowohl das Recht als auch das Unrecht einer nach dem Unbedingten strebenden Wissenschaft fest. Genau dasselbe geschieht, wenn wir beim transzendenten Sollen stehen bleiben und ein transzendentes Sein ablehnen und es gerade die Geschichtsphilosophie als Prinzipienwissenschaft hat keinen Grund, die Hindeutung der transzendenten Werte auf ein transzendentes Sein weiter zu verfolgen. Es sind eben nur Werte, die sie als Prinzipien des historischen Lebens findet und allein auf die Geltung der  Werte  kommt es ihr an. Ferner muß diese unbedingte Geltung schon feststehen, ehe auch nur von einer Hindeutung auf eine transzendente Realität gesprochen werden kann, das heißt, es muß das für die historische Prinzipienlehre allein bedeutsame Proble bereits  gelöst  sein, bevor das Proble einer transzendenten Realität überhaupt auftaucht. Deshalb kann auch die Geschichtsphilosophie, soweit sie es mit den Prinzipien des historischen Lebens zu tun hat, die metaphysischen Probleme ebenso in suspenso [in der Schwebe, wp] lassen, wie die empirische Geschichtswissenschaft; denn diese Probleme gehören jedenfalls nicht in diesen Teil der Philosophie.

Wie aber steht es endlich mit der philosophischen  Universalgeschichte,  falls wir gezwungen sein sollten, gegenüber der Frage nach einer transzendenten Realität und nach ihrem Verhältnis zum immanenten Sein bei einem non liquet [es ist nicht klar, wp] stehen zu bleiben oder gar den Gedanken an eine metaphysische Wirklichkeit überhaupt abzulehnen? Verliert die systematische philosophische Darstellung des historischen Universums, welche sich nicht auf die formalen Werte beschränkt, sondern sie ausdrücklich mit dem Inhalt des geschichtlichen Seins selbst in Verbindung bringt, nicht jeden Sinn, wenn sie ihre Werte gewissermaßen nur von außen an das historische Leben heranträgt und gar keine Voraussetzung darüber machen darf, ob und wie das immanente geschichtliche Sein nicht nur durch die Wertbeziehung, sondern auch  real  mit seinem Ziele der Wertverwirklichung zusammenhängt? Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir hier vor einem ungemein schwierigen Problem stehen und daß die metaphysischen Bestrebungen unserer Zeit, wie sie besonders in den Werken EUCKENs zum Ausdruck kommen, unter diesem Gesichtspunkt auch für die Geschichtsphilosophie eine nicht zu unterschätzende Bedeutung gewinnen. Zwar kann auch in diesem Zusammenhang nicht zugegeben werden, daß die Erfahrungswelt  deshalb  eines metaphysischen Unterbaues bedürfe, weil sonst die Welt sozusagen nicht real genug sei und etwas Gespenstisches bekomme. Denn wenn wir im unmittelbaren Erleben nicht genug Realität zu erfassen vermögen, so wird kein in abstrakten Begriffen sich bewegendes Denken diese Lücke ausfüllen. Aber, so kann man in der Tat fragen, setzt die  notwendige  Beziehung der geschichtlichen Realität auf unbedingte Werte nicht ein übergreifendes  Band  zwischen Sein und Sollen voraus und damit zugleich eine Art von Realität, die wir als immanent nicht mehr auffassen können, ein  Sein  des  Sollens,  das jenseits aller empirischen und geschichtlichen Wirklichkeit liegt? Hier scheint der Gedanke einer metaphysischen Wirklichkeit unvermeidlich und daher die Geschichtsphilosophie in der Weise mit der Metaphysik verknüpft, wie dies zum Beispiel bei HEGEL zum Ausdruck kommt.

Aber, werden wir vielleicht nicht auch hier sagen müssen, daß durch den bloßen Gedanken einer  Hindeutung  auf eine metaphysische Verbindung der Werte mit der empirischen Wirklichkeit zugleich alles erschöpft ist, was die Wissenschaft dabei zu denken vermag und daß es auch vollkommen genügt, wenn wir nur überhaupt  irgendeine,  nicht weiter bestimmbare, notwendige Beziehung der Wirklichkeit auf die Werte annehmen?

Sehen wir uns daraufhin wieder HEGELs Geschichtsphilosophie an, so werden wir finden, daß darin die Metaphysik bei der Ausführung aller  Einzelheiten  nur eine ganz geringe Rolle spielt. Für die Abgrenzung und Gliederung des historischen Universums kommt es doch eigentlich nur auf den Begriff der Freiheit als  Wert begriff an und auf die ganz allgemeine Überzeugung, daß die Entwicklung zur Freiheit im Wesen der Welt selbst irgendwie angelegt ist. Darin aber stecken nur die beiden genannten Voraussetzungen eines absoluten Wertes und dessen notwendiger Beziehung auf die geschichtliche Wirklichkeit überhaupt. Im übrigen bewegt sich HEGELs Geschichtsphilosophie in lauter Begriffen, die aus dem immanenten geschichtlichen Leben stammen und auf dieses immanente Leben allein bezogen werden.

Wird es sich nicht ebenso in allen geschichtsphilosophischen Versuchen verhalten, welche die Form einer Universalgeschichte haben, ja, müssen wir nicht sagen, daß auch für den Geschichtsphilosophen ein Mehr an Metaphysik nicht nur nicht erforderlich ist, sondern geradezu verderblich werden wird? Für ihn ist, ebenos wie für den empirischen Historiker, die  Entwicklung  der Kultur in der immanenten, räumlich-zeitlichen Welt das, was ihn interessiert. Wird also diese immanente Welt durch eine Metaphysik zu einer Realität zweiten Grades herabgesetzt und dann die wahre Realität, in der die höchsten Werte mit dem höchsten Sein zusammenfallen, als zeitlos und raumlos gedacht, so verliert sofort auch unter geschichtsphilosophischen, ebenso wie unter empirisch-geschichtlichen Gesichtspunkten, die räumlich-zeitliche, einmalige und individuelle  Entwicklung  ihren Sinn. Wozu jener ganze Prozeß des Ringens und Kämpfens der Menschheit der im Laufe der Jahrtausende doch nur annäherungsweise und unvollkommen das zu verwirklichen vermag, was im tiefsten Wesen der Welt ewig real ist? Dürfen wir in der Zeit nur einen Faden im Gewebe des Majaschleiers sehen und in allem Zeitlichen nur ein Sein zweiten Grades, dann gibt es keine positive Geschichtsphilosophie mehr. Dann besteht ihre Aufgabe allein darin, alles Historische, weil es notwendig in der Zeit verläuft, in seiner Nichtigkeit zu durchschauen und der Geschichte mit SCHOPENHAUER jeden Sinn abzusprechen. Es darf also jedenfalls gerade das  Zeitliche  an der Welt durch keine Metaphysik in seiner Realität herabgesetzt werden, wenn es nicht nur empirische Geschichtswissenschaft, sondern auch Philosophie der Geschichte geben soll.

Aber - so könnte man schließlich noch fragen - darf man denn nicht vielleicht dem Zeitlichen auch eine metaphysische Realität beilegen und ist das transzendente Sein notwendig zeitlos zu denken, wenn es überhaupt gedacht werden soll? Hier scheint sich noch ein letzter Weg zu eröffnen, auf dem Geschichtsphilosophie und Metaphysik miteinander zu vereinigen sind. Doch es scheint nur so; denn es wird durch die Annahme einer metaphysischen Realität des Zeitlichen der eigentliche Nerv des metaphysischen Denkens in der Geschichtsphilosophie durchschnitten. Das, was allein uns die Hindeutung auf ein transzendentes Wesen der Welt gab, war ja die Überzeugung von der transzendenten Geltung der Werte und die Forderung ihrer realen Verknüpfung mit der geschichtlichen Wirklichkeit. Die Transzendenz des Wertes bedeutet aber gerade seine  zeitlose  Geltung und nur eine zeitlose Realität also könnte der metaphysische "Träger" zeitloser Werte sein, niemals aber kann man, um eine notwendige Verbindung der geschichtlichen Entwicklung mit den zeitlosen Werten herzustellen, die Geltung der Werte auf ein in der Zeit ablaufendes metaphysisches Sein gründen, denn  dieses  transzendente Sein bliebe ja dann stets wie das immanente hinter dem transzendenten Sollen zurück und wäre im günstigsten Fall eine überflüssige Verdoppelung der immanenten zeitlichen Wirklichkeit.

Kurz, eine Metaphysik, die Basis der Geschichtsphilosophie sein will, gerät, sobald sie nach irgendeiner anderen begrifflichen Formulierung ihrer transzendenten Voraussetzungen strebt, als sie im Begriff des transzendenten  Sollens  oder zeitlos gültiger Werte enthalten ist, in die größten Schwierigkeiten. Wir bedürfen des Zeitlosen, um dem zeitlichen geschichtlichen Verlauf einen objektiven Sinn abzugewinnen. Sobald wir aber dieses Zeitlose als metaphysische Realität setzen und damit dem geschichtlichen Verlauf die wahre Realität nehmen, vernichten wir jeden Sinn der Geschichte und jede Möglichkeit ihrer philosophischen Behandlung. Gibt es einen Weg, um diesem Zirkel zu entfliehen oder muß an ihm nicht jede Geschichtsmetaphysik scheitern? Sind wir daher nicht genötigt, auch bei der philosophischen Behandlung der Universalgeschichte in den zeitlosen  Werten  und ihrer notwendigen, aber wissenschaftlich unbestimmbaren Beziehung auf die zeitliche Realität die  letzten  Voraussetzungen zu sehen, bei denen wir stehen zu bleiben haben?

Falls diese Frage bejaht werden müßte - und wir sehen bisher wenigstens keinen Weg, sie zu verneinen -, würden sich die Aufgaben der Geschichtsphilosophie, die zuerst in drei verschiedene Disziplinen zu zerfallen schien, schließlich durchaus einheitlich gestalten. Der Philosophie bleibt, nachdem sie das ganze Gebiet des empirischen Seins den Spezialwissenschaften zur Erforschung überlassen und auf eine Erfassung des metaphysischen Wesens der Welt verzichten muß, das Reich der Werte als ihr eigentliches Gebiet. Sie hat diese Werte als Werte zu behandeln, nach ihrer Geltung zu fragen und in die teleologischen Wertzusammenhänge einzudringen. Eines der Wertgebiete ist das der Wissenschaft, insofern diese nach der Verwirklichung der Wahrheitswerte strebt und die Geschichtsphilosophie hat es daher zunächst mit dem Wesen der Geschichtswissenschaft zu tun. Sie begreift sie als die individualisierende Darstellung der einmaligen Entwicklung der Kultur, das heißt, des mit Rücksicht auf die Kulturwerte in seiner Individualität bedeutungsvollen Seins und Geschehens. Daraus ergibt sich dann, daß die Prinzipien des geschichtlichen Lebens selbst Werte sind und die Behandlung dieser Werte mit Rücksicht auf ihre Geltung wird deshalb die zweite Aufgabe der Geschichtsphilosophie, die jedoch schließlich mit der Aufgabe der Philosophie als Wertwissenschaft überhaupt zusammenfällt. So stehen die beiden sich als notwendig ergebenden Untersuchungen in einem systematischen Zusammenhang und diesem Zusammenhang ordnet sich endlich auch die dritte Gruppe von geschichtsphilosophischen Fragen ein. Sie wird den Abschluß des ganzen philosophischen Systems bilden, indem sie versucht, zu zeigen, wieviel von den kritisch begründeten Werten im bisherigen Verlauf der Geschichte verwirklicht worden ist und welches die großen Epochen dieser Wertverwirklichung waren, um so zu begreifen, wo wir heute in diesem Entwicklungsgang stehen und wo wir unsere Aufgabe für die Zukunft zu suchen haben. Immer also sind es  Werte,  mit denen die Geschichtsphilosophie, die von der Logik der Geschichte ausgeht, es zu tun hat. Zunächst die Werte, aus denen sich die Denkformen und Normen des empirisch-geschichtlichen Forschens herleiten lassen, sodann die Werte, welche als Prinzipien des geschichtlich-wesentlichen Materials die Geschichte selbst erst konstituieren und endlich die Werte, deren allmähliche Verwirklichung sich im Lauf der Geschichte vollzieht.
LITERATUR - Heinrich Rickert, Geschichtsphilosophie, Philosophische Abhandlungen, Festschrift für Christoph Sigwart, Tübingen 1900