p-3Die deutsche Ideologie
 
ADAM SCHAFF
Die vollkommene Sprache
Marxistische Sprachkritik
Unscharfe Ausdrücke
über Allgemeine Semantik
Die Widerspiegelungstheorie
"Wir können das Ideal der Präzision vor uns sehen und ihm immer näher kommen, bis ins Unendliche, wir können es aber niemals erreichen."- BERTRAND RUSSELL


Wir kommen nun auf die sprachlichen Schwierigkeiten zurück, von denen anfangs die Rede war. So alt wie die Philosophie, ist die Klage über Irrtümer im Denken und in der zwischenmenschlichen Kommunikation, an denen die Sprache schuld sei; und ebenso alt ist - in dieser oder jener Form - das Räsonnement über die Rolle der Sprache im Denkprozeß. Dieses Rässonnement finden wir in den Upanischaden und in der chinesischen Philosophie, und im antiken Griechenland wurde es zu einer wichtigen Strömung innerhalb der Philosophie.

In der Neuzeit befassen sich neben vielen anderen DESCARTES und BERKELEY, BACON und LEIBNIZ mit diesem Thema. Der Gedanke an eine vollkommene Sprache, die alle Mängel der Sprache und die sich daraus ergebenden Fehler überwinden könnte, steht natürlich im engsten Zusammenhang mit der Logik.

Zur Entfaltung gelangte dieser Gedanke denn auch gleichzeitig mit der Entwicklung der modernen Logik in ihrer mathematischen Form. Man könnte allerdings auch hier auf die Stoiker zurückgreifen, man dürfte sich auf RAIMUNDUS LULLUS und vor allem später auf LEIBNIZ als auf Vorläufer dieses Gedankens berufen, aber die Idee einer vollkommenen Sprache, als entwickelte und theoretisch fundierte Idee, ist die Schöpfung einer Epoche, als die Logik sich vor die Aufgabe - in ihrer ganzen Tragweite - gestellt sah, die in den Grundlagen der Mathematik und Logik entdeckten Antinomien zu überwinden, als es sich herausgestellt hatte, daß eine wissenschaftliche Verwendung der Sprache die Einschränkung gewisser Sprachverwendungen erforderte und die Sprache nicht nur Werkzeug, sondern auch Gegenstand der Erkenntnis und Forschung sein muß.

Das, was die symbolische Logik damals in ihrem Vorstoß gegen die Verschwommenheit, Ungenauigkeit und Unexaktheit der Umgangssprache erreichte, war von so großer Bedeutung, daß es eine Euphorie hervorrufen konnte: Wenn man auch noch nicht das Niveau der vollkommenen Sprache erreicht habe, sei man ihr doch auf der Spur. Die symbolische Sprache der Logik sei diese Sprache, jedenfalls aber sei sie der Weg, der zur vollkommenen Sprache führe - das war am Anfang unseres Jahrhunderts eine Empfindung, die fast alle Logiker teilten.

So nimmt es denn nicht wunder, daß BERTRAND RUSSELL, der am Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen mit A.N. WHITEHEAD in den 'Principia Mathematica' eine hochentwickelte Sprache dieses Typus schuf, dazu neigte, sie für vollkommen zu halten, oder zumindest glaubte, sie befinde sich auf dem Wege zur Vollkommenheit. RUSSELL schreibt auch in den 'Principia', es sei eine Sprache, die ausschließlich eine Syntax und keinen eigentlichen Wortschatz besitzt.
"Sie verfolgt den Zweck, eine Art Sprache zu werden, die nach der Erforschung des Wortschatzes eine logisch vollkommene Sprache wäre."
Wie WARNOCK mit Recht festgestellt hat, ist RUSSELL überzeugt, daß das von ihm geschaffene Kalkül - wenn man sich so ausdrücken kann - das Skelett der Umgangssprache abbilde, die Sprache aber sei prinzipiell dieses mit dem Fleisch der Worte bekleidete Skelett.

Gerade weil die Anschauungen RUSSELLs über diese Frage eine Widerspiegelung der unter den Logikern weit verbreiteten Stimmungen und Überzeugungen sind, verlohnt es der Mühe, sich ihre Entwicklung kurz vor Augen zu führen.

Die Anschauungen RUSSELLs über die vollkommene Sprache standen, was heute in der Fachliteratur allgemein zugegeben wird - mit der Metaphysik der logischen Atomismus in engstem Zusammenhang. Die Überzeugung, daß sich die Welt aus einfachen atomaren Fakten zusammensetzt, wird von der Überzeugung begleitet, daß atomare Aussagen deren logische Entsprechungen sind und daß, wenn man zwischen ihnen ein eindeutiges Verhältnis herstellen könnte, die Sprache vollkommen wäre und sich jegliche Unschärfe und Ungenauigkeit sowie die Gefahr von Hypostasen [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] beseitigen ließe.

Um so interessanter ist die Beobachtung, wie gerade im Zusammenhang mit diesen Gedankengängen bei RUSSELL das Bedürfnis entsteht, das Problem der Unschärfe der Ausdrücke zu erforschen. Als RUSSELL im Jahre 1918 eine Reihe von Vorlesungen über den logischen Atomismus eröffnete, berührte er gleich am Anfang der ersten Vorlesung das Problem der Unschärfe der Ausdrücke. Es ist eine interessante Tatsache - sagt RUSSELL dort - daß die Daten, mit denen wir unser Philosophieren beginnen, unscharf sind.
"Der Prozeß des gesunden Philosophierens beruht meiner Meinung nach hauptsächlich auf dem Übergang von diesen evidenten, vagen, vieldeutigen Dingen, die wir als etwas Gewisses empfinden, zu etwas Präzisem, Klarem, Bestimmtem, was - wie die Reflexion und Analyse zeigt - in diese vagen Dinge, mit denen wir beginnen, verflochten ist und sozusagen die reale Wahrheit enthält, von der jenes vage Ding ein Art Schatten ist."
Wir entnehmen diesem Satz nicht nur die Idee der vollkommenen Sprache, die sich irgendwo unter der Oberfläche der Unschärfe der Ausdrücke verbirgt, sondern auch den metaphysischen, deutlich platonisierenden Untergrund (RUSSEL macht daraus kein Hehl) der Überzeugungen, auf die sich diese Idee gründet. Aber unmittelbar danach kommt RUSSELL auf das Problem der Unschärfe zurück:
"Wenn ich mehr Zeit hätte und mehr wüßte, würde ich gern dem Problem der Unschärfe eine ganze Vorlesung widmen."
Diese Absicht hat RUSSELL drei Jahre später in seiner Vorlesung "Vagueness" verwirklicht, von der oben die Rede war. Hier stellt sich das Bild schon anders dar, wenn es auch keineswegs eindeutig ist. Einerseits gelangt RUSSELL zu der Überzeugung, daß die Unschärfe der Ausdrücke nicht nur eine allgemeine Erscheinung ist, s ondern daß sie sich nicht beseitigen läßt und deshalb die Logik, die eine ideale Exaktheit ihrer Zeichen voraussetzt, nur auf platonische Idealexistenzen angewandt werden kann; anderseits aber verzichtet er nicht auf die Idee einer Sprache, deren Zeichen in einem ein-eindeutigen Verhältnis zu den Fakten der Wirklichkeit stünden und die auf diese Weise die Unzulänglichkeiten der undeutlichen Ausdrücke überwinden würden.

Bald danach erschie der "'Tractatus Logico-Philosophicus'" WITTGENSTEINs, der die Ideen RUSSELLs fortsetzte. RUSSELL schrieb ein Vorwort zu diesem Werk, was ihm die Möglichkeit gab, von neuem zu der Idee der vollkommenen Sprache Stellung zu nehmen. Um das Buch WITTGENSTEINs richtig zu verstehen, sagt RUSSELL, müsse man begreifen, worum es in diesem Werk vor allem geht. Hier sei sein zentrales Problem:
"In dem Teil seiner Theorie, in dem er sich mit dem Problem des Symbolismus auseinandersetzt, stellt er die Frage nach den Bedingungen, die eine logisch vollkommene Sprache zu erfüllen hätte."
Die Hauptbedingung bestehe in dem uns bereits bekannten Postulat des ein-eindeutigen Verhältnisses zwischen den Ausdrücken der Sprache und den einfachen Fakten der Wirklichkeit:
"Eine logisch vollkommene Sprache hat Regeln der Syntax, die Nonsense verhindern, und operiert mit einzelnen Symbolen, die immer eine bestimmte und einzige Bedeutung haben."
Dennoch darf man die Tatsache nicht übersehen, daß RUSSELL hier die Ideen WITTGENSTEINs über die vollkommene Sprache mit einer gewissen Skepsis interpretiert, die wir bereits aus dem Essay 'Vagueness' kennen: Die vollkommene Sprache ist nichts Wirkliches und schon jetzt Gegebenes oder Erreichbares, sondern sie ist einzig und allein ein Idealmodell, dem wir zustreben, ohne es je ganz zu erreichen.
"Herr WITTGENSTEIN stellt Erwägungen über die Bedingungen einer logisch vollkommenen Sprache an, nicht als sei irgendeine Sprache logisch vollkommen, noch auch als glaubten wir an unsere Fähigkeit, hier und jetzt eine logisch vollkommene Sprache zu konstruieren - sondern in dem Sinne, daß es die ganze Funktion der Sprache ist, Bedeutung zu haben und sie diese Funktion nur in dem Maße erfüllt, als sie sich der Idealsprache, die wir postulieren, nähert."
Die Ideen RUSSELLs sind durch die Vermittlung WITTGENSTEINs in der paradox zugespitzten Form, die ihnen der 'Traktat' gegeben hat, zu uns gekommen. Sie riefen in den Kreisen des damals entstehenden logischen Empirismus oder Neopositivismus eine Euphorie hervor und verwandelten sich hier und da in eine wahre Mythologie der symbolischen Sprache.

Da nun die Sprache der symbolischen Logik eine vollkommene Sprache sein, jedenfalls aber zur Vollkommenheit führen sollte, begannen manche mit Eifer einen wahren Kult mit den logischen Zeichen zu treiben, der auf der Überzeugung beruhte, daß eine beliebige Trivialität, der man das Gewand einer symbolischen Aussage anlegt, sich in eine fast vollkommene Aussage verwandle. Diese typische Erscheinung des Schamanentums auf der sublimen Ebene der zeitgenössischen Kultur ging im Westen relativ schnell vorüber und gehört heute der Vergangenheit an.

Zunächst nun eine Bemerkung, die sich am Rande auf die Idee einer vollkommenen Sprache bezieht, bezüglich der konkreten Anschauungen RUSSELLs und WITTGENSTEINs jedoch wichtig ist. Wie schon gesagt, hat der sogenannte logische Atomismus, mit dem diese Anschauungen über die vollkommene Sprache zusammenhängen, seinen metaphysischen Hintergrund. Dieser bestand nicht nur in der Überzeugung, daß die Welt sich aus irgendwelchen einfachen atomaren Fakten zusammensetze, sondern auch darin, daß eine Entsprechung zwischen den atomaren Aussagen und den atomaren Fakten bestehe.

Diese Widerspiegelungstheorie besonderer Art, von WITTGENSTEIN krass formuliert, nimmt an, daß diese gegenseitige Entsprechung auf einer den sprachlichen Fakten und den Fakten der Wirklichkeit gemeinsamen Struktur beruhe. Die vollkommene Sprache sollte also geradezu die Eigenschaft haben, daß sich durch die Erkenntnis ihrer Struktur die Struktur der Wirklichkeit enthüllt. Aber man muß zuvor die Struktur der Wirklichkeit erkennen, um behaupten zu können, die Sprache sei tatsächlich vollkommen im Sinne der Adäquanz beider Strukturen.

Die vollkommene Sprache kann also nicht, wie angenommen wurde, als Mittel der philosophischen Analyse der Wirklichkeit dienen. Das Postulat, zuerst eine vollkommene Sprache zu konstruieren und erst hernach - wie angenommen wurde - durch ihre Vermittlung die ontologische Struktur der Wirklichkeit zu erforschen, enthält einen 'circulus vitiosus'.

Wie wir sahen, führen jegliche Versuche einer völligen Beseitigung der Unschärfe der Ausdrücke, einschließlich der Präzisierung ihres Sinnes auf dem Wege der Übereinkunft, zu nichts. Es bleibt noch eine Möglichkeit übrig, die man in Betracht ziehen sollte. Es geht hier um eine Konstruktion, die durch die Einführung einer ein-eindeutigen Relation zwischen dem Ausdruck und dem Faktum das Problem der Unbestimmtheit überhaupt beseitigen würde, da sie die Möglichkeit der Entstehung von Unbestimmtheit - als der Beziehung eines Ausdrucks zu einer ungenau bestimmten Vielheit von Fakten - eliminieren würde.

Das ist ein radikales Rezept, das soviel bedeutet, wie das Kind mit dem Bade ausschütten. Denn hier verschwindet tatsächlich das Problem der unbestimmten Ausdrücke, aber auf Kosten des Vermögens, abstrakt zu denken - nicht mehr und nicht weniger. Eine solche Perspektive rechtfertigt es, wenn wir oben die Idee RUSSELLs als katastrophal in ihren Auswirkungen bezeichnet haben. Wir wissen doch, daß jedes Wort verallgemeinert, daß der Prozeß der Abstraktion ein Verallgemeinerungsprozeß ist.

Wenn das Wort 'ex definitione' nur individuelle Bedeutung hätte, wenn wir somit die Möglichkeit der Verallgemeinerung ausschlössen, müßten wir zwei Wunder gleichzeitig vollbringen: Wir müßten das historisch herausgebildete System abstrakten Denkens vergessen und wir müßten fähig sein, eine unendliche Menge von Wörtern zu behalten (schon ganz zu schweigen von dem ständigen Wortschöpfungsprozeß), die der unendlichen Menge von Dingen und Erscheinungen entsprächen. Es sei nebenbei bemerkt, daß dieses Hirngespinst mit der Konzeption einer formalisierten Sprache als eines Skeletts der vollkommenen Sprache nicht das Geringste zu tun hat; die formalisierte Sprache gründet sich doch auf das geradezu entgegengesetzte Prinzip, sich zu den höchsten Höhen der Abstraktion aufzuschwingen.

Man kann also ruhig feststellen, daß, wenn der von RUSSELL gewiesene Weg der einzige zur Überwindung der Unschärfe der Ausdrücke ist, sich diese Unschärfe eben nicht aus der Welt schaffen läßt. Persönlich würde ich weiter gehen und behaupten, daß die ideale Exaktheit der Ausdrücke nicht nur unerreichbar ist und an das berühmte Problem der Quadratur des Kreises erinnert, sondern überdies keineswegs erwünscht wäre.

Zur Erhellung dieses Standpunktes wollen wir eine genaue Analogie heranziehen. Die Philosophen, die sich auf diese oder jene Weise über die Rolle des subjektiven Faktors im Erkenntnisprozeß Rechenschaft ablegen, schlagen sich seit langer Zeit mit dem Problem der absolut objektiven Erkenntnis herum. In diesem Zusammenhang kam KANT, obwohl er die objektive Existenz der Welt anerkannte und den Standpunkt des Realismus vertrat, zur subjektiv-idealistischen Konzeption des Phänomenalismus, durch welche doch das Weltbild auf eine subjektive Konstruktion des Subjekts hinausläuft und sich die Welt der 'noumena' in ein Postulat verwandelt, das sich auf einen durch nicht gerechtfertigten Glauben gründet.

In unserer Zeit kam KARL MANNHEIM von der Anerkennung der gesellschaftlichen Bedingtheit der menschlichen Erkenntnis zu einem extremen Relativismus, der die Möglichkeit objektiven Wissens über die gesellschaftlichen Erscheinungen überhaupt ausschließt, indem er deren objektive Existenz in ein spezifisch KANTsches Ding an sich verwandelt.

In beiden Fällen wurde - von verschiedenen Seiten her - die Rolle des subjektiven Faktors im Erkenntnisprozeß mit Recht betont, aber in beiden Fällen wurden aus dieser Beobachtung falsche und äußerst skeptische Schlußfolgerungen für die Möglichkeit objektiver Erkenntnis gezogen. Wir können den Einfluß des subjektiven Faktors bei der Erkenntnis nicht leugnen, da dieser Faktor mit den objektiven Bedingungen des Erkenntnisprozesses zusammenhängt: der Wahrnehmungsapparat bleibt natürlich ein menschlicher Apparat, und unser Bewußtsein kann nicht durch ein Wunder den eigenen gesellschaftlichen Bedingungen entschlüpfen, in denen es geformt wird.

Die Beschränkungen des Wahrnehmungsapparates verursachen eine spezifische Begrenzung unserer Erkenntnis: Gewisse Dinge nehmen wir überhaupt nicht wahr, obwohl wir sie mit Hilfe eines anderen Apparates registrieren könnten, andere nehmen wir immer auf eine spezifische Art und Weise wahr, obwohl wir sie mit Hilfe eines anderen Apparates perzipieren könnten. Aber überwinden wir denn nicht diese Beschränkungen, lernen wir denn nicht die Dinge wahrnehmen, die unseren Sinnen gewöhnlich unzugänglich sind, korrigieren wir nicht deren Fehler und Unzulänglichkeiten?

Ähnlich verhält es sich mit der Frage der gesellschaftlichen Bedingtheit unseres Bewußtseins und mit anderen Symptomen der Einwirkung des subjektiven Faktors auf unsere Erkenntniss. Die Praxis lehrt uns, daß unsere Erkenntnis objektiv ist, obzwar diese Objektivität keineswegs absolut ist und nur in dem unendlichen Prozeß des Fortschritts unseres Wissens zutage tritt.

Dieser nicht zu bezweifelnde Fortschritt des menschlichen Wissens erbringt den Beweis, daß uns die objektive Erkenntnis zugänglich ist, ohne daß wir nach der Quadratur des Kreises suchen, d.h. den Versuch machen, eine ideale Objektivität zu erreichen, die in einem einzigen Erkenntnisakt verwirklicht würde, bei dem alle Schranken fielen - die sich doch naturgemäß weder von unseren Wünschen beeinflussen noch sich überhaupt beseitigen lassen.

Das Ideal einer absolut objektiven und absolut vollständigen Erkenntnis, d.h. einer Erkenntnis, die dem Kriterium der absoluten Wahrheit entspricht, setzt eine außer- oder übermenschliche Erkenntnis voraus. Seinerzeit verwies JOSEF DIETZGEN, ein deutscher Arbeiter, der sozusagen auf eigene Faust und unabhängig von MARX zu der Formulierung der Grundideen seiner Philosophie gelangte, die Verfechter einer solchen engelhaften Erkenntnis (es ging dabei um die Polemik mit den Neukantianern) in die Welt der 'Engel', mit der Bitte, uns nicht in unserem Jammertal zu stören. Und er hatte recht.

Mutatis mutandis [das zu Ändernde geändert, wp] kann man diesen Gedankengang auf die Sprache beziehen als auf das Werkzeug des Denkens und der zwischenmenschlichen Kommunikation. Die Sprache ist mit einer Reihe von Unvollkommenheiten behaftet, u.a. mit dem Defekt der Unschärfe der Ausdrücke, der objektive Ursachen hat, von denen weiter oben die Rede war. Muß man denn angesichts dessen die Quadratur des Kreises suchen, d.h. sich um die absolute Eliminierung eines Defektes bemühen, der sich nicht absolut eliminieren läßt, muß man den Versuch machen, eine "vollkommene" Sprache zu konstruieren, die sich nicht konstruieren läßt?

Die Erfahrung lehrt uns, daß das nicht notwendig ist, daß, wenn wir die Sprache so weit vervollkommnen, wie dies unter den jeweiligen Bedingungen unentbehrlich ist, wir unsere Erkenntnisziele erreichen, ohne an Aufgaben heranzugehen, die unlösbar sind. Die Geschichte dieses Problems lehrt uns, daß die Idee einer vollkommenen Sprache, in der euphorischen Atmosphäre der schwindelerregenden Erfolg der symbolischen Logik und der formalisierten Sprachen geboren, zum Mißlingen verurteilt war.

Wir vermögen es nicht, eine Sprache zu konstruieren, deren Ausdrücke absolut präzis wären, aber wir bedürfen dieser Konstruktion auch gar nicht. Wir sind schließlich fähig, die Ausdrücke mit Hilfe verschiedener Mittel bis zu den uns konkret notwendigen Grenzen zu präzisieren und solche unbestimmten Ausdrücke in exakter Weise zu handhaben. Somit steht uns alles zur Verfügung, was zur Vervollkommnung unserer Sprache und unserer Erkenntnis notwendig ist, und die "vollkommene" Sprache können wir, nach dem guten Rat JOSEF DIETZGENs, den Engeln überlassen.

Vor allem ist es notwendig, klar zu sehen, daß diese mühselige Quadratur des Kreises, über die sich so manche bis zum heutigen Tage den Kopf zerbrechen, nicht nur unnötig, sondern geradezu hinderlich ist. Die Grenzen der Exaktheit des Sich-Ausdrückens hängen vor allem von dem Ziel ab, das wir jeweils der Erkenntnis setzen. Messungen mit Hilfe eines Elektronenmikroskops sind für die Bedürfnisse des täglichen Lebens nicht nur nicht nötig, sondern würden uns auch bei unserem Handeln hinerlich sein. Es ist auch niemand auf den abstrusen Gedanken gekommen, dergleichen zu postulieren.

Ähnlich verhält es sich mit den Ausdrücken der Sprache. Da die Idee der Festlegung einer ein-eindeutigen Beziehung zwischen den sprachlichen Ausdrücken und den Fakten aufzugeben ist, müssen die Ausdrücke ungenau sein. Sie sind auch oft mehrdeutig im Sinne der Homonymie. Aber außerdem spielen noch andere Faktoren mit, die sie von der idealen Eindeutigkeit entfernen. Denn die Sprache dient doch nicht nur der Vermittlung von Informationen, sondern sie besitzt z.B. auch eine emotionale Funktion, die im Wie der Äußerung zutage tritt usw.

Die Mehrdeutigkeit eines Ausdrucks und seine Unschärfe vervielfachen sich deshalb in seiner tatsächlichen Anwendung. Das ist eine in einem bestimmten Sinne positive Erscheinung, denn je elastischer ein Ausdruck ist, um so größer ist seine Expressivität. Hier gehen der Gesichtspunkt der Logikers und der des Sprachwissenschaftlers radikal auseinander.

Und wie verhält es sich nun mit der Exaktheit des Sich-Ausdrückens, mit dem Kampf gegen die Unbestimmtheit der Ausdrücke, die doch in gewissen Fällen schwerwiegende Fehler nach sich zieht? Die Sprache besitzt eine Reihe von Mitteln, die geeignet sind, auch diese Forderung zu erfüllen, von den einfachsten und am häufigsten angewandten Mitteln, wie der Situation und dem verbalen Kontext, die meistens die aus der Mehrdeutigkeit entspringenden Mißverständnisse beseitigen, bis zur Präzisierung durch Definitionen, die es tatsächlich erlauben, in dem Maße, wie es notwendig ist, die "Randzone" der Unbestimmtheit zu verschieben und sich dem 'limes', d.h. der idealen Exaktheit des Ausdrucks immer mehr zu nähern.

Wenn es jedoch die Wissenschaft erfordert, kann man sich auch der Idealisierung bedienen, die die Fiktion der idealen Exaktheit bewußt einführt - genau wie man in der Geometrie mit der Fiktion des idealen Punktes, der idealen Geraden und den idealen geometrischen Figuren arbeitet.

Prkatisch gesehen gibt es keine Grenzen für die Präzisierung und "Schärfung" der Ausdrücke, wenn wir auch in diesen Fällen den idealen 'limes' niemals erreichen. Und das ist das Wichtigste. Es geht dabei um das volle Bewußtsein, daß die Grenzen der notwendigen Exaktheit eine Funktion des praktischen oder theoretischen Ziels sind, das wir uns stecken. Nur in diesem Zusammenhang läßt sich das Problem der formalisierten Sprachen, deren sich die Mathematik und in gewissen Fällen auch die Logik bedient, und insbesondere ihres Anspruchs auf den Status einer vollkommenen Sprache lösen.

Die praktischen Schlußfolgerungen aus diesen Erörterungen stellen sich folgendermaßen dar:

Man sollte die Jagd nach dem Schein der Exaktheit bei der Verwendung der symbolischen Aussageform nicht übertreiben, denn sie ist für die Forschung gar nicht notwendig. Keine Aussageform kann die Unbestimmtheit der Ausdrücke dort beseitigen, wo diese deren objektives Merkmal ist, und eine Banalität bleibt, auch wenn man ihr die Form einer symbolischen Aussage gibt eine Banalität.

Das kann höchstens den Laien imponieren, nach dem Vorurteil, daß etwas Kluges hinter den Dingen verborgen sein müsse, die wir nicht begreifen. Damit leugnen wir keineswegs, daß symbolische Zeichen in gewissen Fällen notwendig und nützlich sind. Es gibt Auditorien, für die sie u.a. eine didaktische Bedeutung haben mögen, weil sie gewisse Gedankengänge verdeutlichen können. Das symbolische Zeichen kann auch eine heuristische Bedeutung haben, weil gerade eine gegebene Form des Zeichens den Forschungsgeist inspirieren kann, was bei einer anderen Form vielleicht nicht der Fall wäre.

Das symbolische Zeichen kann auch die Lösung gewisser Probleme erleichtern. Deshalb drängt sich einem die Schlußfolgerung auf, daß man, ohne die Wichtigkeit der symbolischen Zeichen zu verabsolutieren, lernen sollte, eine den Erfordernissen des jeweiligen Forschungszwecks gemäße Sprache auszuwählen.

Wir können und sollen nach Präzision der Ausdrucksweise und Exaktheit der verwendeten Ausdrücke streben, doch je nach den Bedürfnissen, die uns das gesteckte Ziel diktiert. Man sollte dabei immer bedenken, daß die Schärfung von Werkzeugen niemals ein Ziel in sich ist. Übertreibung bis zum Vergnügen an der "Schärfung" der von uns verwendeten Ausdrücke ist nicht weniger schädlich als Sorglosigkeit bei der Verwendung unbestimmter Ausdrücke und verschwommener Aussagen. Wenn nämlich jemand der Angewohnheit verfällt, aus der puren Freude an der Präzision seine Aussagen zu präzisieren, droht ihm eine vollkommene Sterilität des Denkens. Denn es gibt keine Grenzen für den Prozeß der "Verschärfung" der Ausdrücke, und wer es nicht versteht, ihn an einem bestimmten Punkt zu unterbrechen, ist zu einer Sisyphus-Arbeit besonderer Art verurteilt.

Gerade deshalb muß man vor einer schlechten Anwendung der in anderer Hinsicht nützlichen und anerkennenswerten Methode der Analyse warnen. Denn etwas anderes ist das utopische Postulat absoluter Exaktheit von Aussagen und absoluter Präzision von Ausdrücken, und etwas anderes das reale und richtige Postulat einer optimalen Exaktheit und Präzision, das den Bedürfnissen der einzelnen Gebiete und Probleme adäquat ist.
LITERATUR - Adam Schaff, "Die vollkommene Sprache" und die Grenzen der Exaktheit der Ausdrücke, in Schaff, "Essays über die Philosophie der Sprache", Wien/Frankfurt/Zürich 1968