p-3Die deutsche Ideologie
 

ADAM SCHAFF
Die Widerspiegelungstheorie
Marxistische Sprachkritik
Unscharfe Ausdrücke
über Allgemeine Semantik
Die vollkommene Sprache
" Bekanntlich behauptet der naive Realismus - im Unterschied zum kritischen -, daß die Dinge so sind, wie sie zu sein scheinen, und die sinnlichen Qualitäten in den Dingen selber stecken.

Nach der Analyse der gegenseitigen Beziehung von Sprache und Denken sehen wir uns vor die Probleme gestellt, die mit dem Verhältnis der Sprache zur Wirklichkeit zusammenhängen. Wirklichkeit verstehen wir als Klasse von Gegenständen,  über die  wir sprechen und die sich dadurch kennzeichnen, daß sie außerhalb und unabhängig von uns, das heißt  objektiv existieren. Die Erörterung dieses Problemkomplexes wird ein weiterer Schritt vorwärts bei der Verwirklichung unserer Forschungsziele sein, das heißt bei der Analyse der aktiven Rolle der Sprache im Erkenntnisprozeß.

Das Sprechen, sowohl im Sinne der lauten, geäußerten als auch der stillen, inneren Rede ist immer ein Sprechen  über  etwas. Sein Gegenstand kann die Wirklichkeit der Natur, der Gesellschaft oder des Seelenzustandes als Gegenstand der Erscheinungen von  jemandes  Innenleben sein, dessen Akte und Erzeugnisse für uns objektiv, das heißt außerhalb und unabhängig von uns, existieren, indem sie einen Teil der Wirklichkeit ausmachen, den wir erkennen.

Der bis heute noch nicht beigelegte Streit über Fragen der Erkenntnistheorie bezieht sich auf die Beantwortung der Frage, was hier das  Primäre  sei: die Sprache, die unser Bild  schafft,  oder die Wirklichkeit, die, durch die Sprache widergespiegelt, abgebildet, reproduziert wird. Dieser Streit enthält unzweideutig eine Alternative: Entweder ist der Sprachvorgang ein Akt der  Schaffung  des Wirklichkeitsbildes, oder er ist ein Akt der Widerspiegelung, der Abbildung der Wirklichkeit.

Wenn also der Sprachvorgang als Akt der erkennenden Widerspiegelung der Wirklichkeit aufgefaßt wird, dann soll das angeblich die aktive, schöpferische Rolle der Sprache in diesem Prozeß ausschließen, und  vice versa.  Indem wir den weiteren Verlauf unserer Erörterungen vorwegnehmen, können wir feststellen, daß nicht zum erstenmal in der Ideengeschichte eine falsche Fragestellung die Beantwortung erschwert oder geradezu unmöglich gemacht hat.

Beseitigen wir vorerst die Quelle möglicher Mißverständnisse. Stellen wir also noch einmal fest: Wenn wir von der Sprache reden, meinen wir ein einheitliches Zeichen- und Bedeutungsgebilde, das tatsächlich beim Akt des menschlichen Sprechens in Funktion tritt, und nicht ein Lautsystem oder ein System anderer Zeichen  an sich.  Zwar befaßt sich die Phonetik in autonomer Weise mit der lautlichen Seite der Sprache, aber die Laute selbst sind noch keine Sprache, und solange sie keine bestimmten Bedeutungen haben, ist der Streit, ob sie das Bild der Wirklichkeit schaffen oder nur ein Abbild oder eine Reproduktion der objektiven Wirklichkeit sind, völlig belanglos.

Überlegen wir uns nun, was eigentlich mit der Behauptung gemeint ist, daß die Sprache die menschliche Wirklichkeit oder die menschliche Welt  schaffe,  das heißt diejenige Wirklichkeit oder diejenige Welt, die in der menschlichen Erkenntnis gegeben ist, an die wir denken und schließlich, über die wir uns etwas mitteilen.

Wenn wir von der Konzeption der Schaffung unseres Wirklichkeitsbildes durch die Sprache rede, meinen wir solche Anschauungen wie die  Philosophie der symbolischen Formen  CASSIRERs, das  Prinzip der Toleranz  CARNAPs usw.

Wir haben bewußt nur eine bestimmte Gruppe unter den vielen Spielarten der Richtungen ausgewählt, die sich mit der allgemein gehaltenen Formulierung einverstanden erklären würden, nämlich damit, daß die Sprache unser Weltbild  schaffe,  die sich jedoch voneinander sehr radikal in der Auslegung dieser Formulierung unterscheiden.

Warum geht es also denen, die daran festhalten, daß die Sprache die Wirklichkeit  schaffe,  die dem Menschen gegeben ist?

Es geht ihnen vor allem darum, daß die Sprache eine bestimmte Weltansicht enthält, oder anders ausgedrückt, daß sie die Art und Weise unserer Wahrnehmung und Erfassung der Wirklichkeit bestimmt. Also in diesem Sinne  schafft  die Sprache unser Wirklichkeitsbild, zwingt uns dieses Bild auf. Sie wäre gleichsam die Form, die das ursprüngliche Chaos ordnet und gliedert, welches die Wirklichkeit "an sich" sein soll.

Sie Sprache, die dem Verstand, der immer in irgendeiner Sprache denkt, eine bestimmte Art und Weise aufzwingt, auf welche die Bestandteile dieses Chaos zu verbinden seien oder, mit anderen Worten, auf welche Art und Weise gewisse Teile aus diesem Chaos herausgesondert werden können, entscheidet faktisch darüber, was wir als Ding, Ereignis, Gesetzmäßigkeit ansehen, und eben dadurch  schafft  die Sprache unser geordnetes Weltbild. Die einen Richtungen berufen sich dabei auf die schöpferische Rolle des Begriffsapparates (CARNAP), die anderen auf die das Denken herausbildende Funktion der symbolischen Formen (CASSIRER).

Wir sind vorläufig vorbehaltlos damit einverstanden, daß die Sprache auf unsere Art der Weltperzeption einwirkt und in diesem Sinn das Bild der Welt schafft. Bedeutet das bei unserer Auffassung des Wortes "schaffen", daß eine solche "Schaffung"  willkürlich  ist? Keineswegs. Da wir nun einmal begriffen haben, daß die Sprache kein Gebilde einer beliebigen Konvention und auch kein spontanes Erzeugnis irgendeiner biologischen Funktion ist, sondern ein  gesellschaftliches  Produkt, das genetisch und funktional mit der gesellschaftlichen  Praxis  des Menschen zusammenhängt, verstehen wir natürlich auch, daß das uns durch eine gegebene Sprache gebotene oder aufgezwungene Weltbild nicht willkürlich ist und nicht beliebig nach dem Prinzip der willkürlichen Wahl geändert werden kann.

Versuchen wir nun die Frage zu beantworten, was gemeint ist, wenn man behauptet, daß die Sprache die Wirklichkeit widerspiegelt, abbildet, oder wie immer man sagen will. Was bedeutet es also, wenn wir sagen, die Sprache als Zeichen- und Bedeutungsgebilde spiegele die Wirklichkeit wider, kopiere sie?

Die Widerspiegelungstheorie ist alt - zumindest so alt wie die klassische Definition der Wahrheit - und daher mit einer Vieldeutigkeit belastet, die sich aus ihren mannifachen Auslegungen in verschiedenen philosophischen Systemen ergibt. Indem man diese Unterschiede in der Auffassung der Widerspiegelungstheorie, die oft kaum greifbar sind, im Sinn behält, ist es gleichzeitig geraten, sich an den Zusammenhang der Widerspiegelungstheorie mit der klassischen Definition der Wahrheit zu erinnern.

Denn wenn jemand sagt, daß zwischen den Erscheinungen der menschlichen Erkenntnis und der erkannten Wirklichkeit eine Beziehung zustande kommt, die der Beziehung zwischen der Spiegelreflexion und dem widergespiegelten Gegenstand oder zwischen Original und Kopie, zwischen Gegenstand und dessen photographischem Abbild  analog  ist (kein Vernünftiger wird behaupten, daß es sich um eine Beziehung der Identität handelt), dann gibt er eine Ansicht kund, die unlösbar mit der Auffassung verbunden ist, daß ein Gedanke dann wahr ist, wenn es sich in Wirklichkeit so verhält, wie wir es sagen. Die klassische Definition der Wahrheit, die seit Jahrtausenden in der Theorie der Wahrheit herrscht, ist faktisch eine spezifische Formulierung der Widerspiegelungstheorie und außerhalb ihrer überhaupt nicht möglich.

Was dachte denn schon ARISTOTELES anderes, als er in seiner "Metaphysik" schrieb:
"Nicht darum nämlich, weil wir meinen, du seiest in Wahrheit weiß, bist du weiß, sondern weil du weiß bist, so reden wir, die das behaupten, die Wahrheit."
Wenn man sich den Zusammenhang dieser beiden Theorien klarmacht, begreift man die Widerspiegelungstheorie besser, vor allem aber kann man sich dann der meiner Meinung nach unrichtigen Tendenz widersetzen, diese Theorie ausschließlich mit den Sinneseindrücken in Verbindung zu bringen und nicht mit dem Nachdenken über die Wirklichkeit.

Wir kommen nun zu den Deutungsmöglichkeiten des Ausdrucks "Widerspiegelungstheorie".

HELENA EILSTEIN hat mit Recht darauf hingewiesen, daß das Wort "Wider spiegelung" und "Abbild", bezogen auf das menschliche Denken, in drei verschiedenen Bedeutungen begriffen werden kann:
Im ersten Sinne bezeichnet das Wort "Widerspiegelung" das Verhältnis von Ursache und Wirkung, das zwischen den aus der materiellen Welt stammenden Reizen und den psychischen Akten zustande kommt, die durch diese Reize hervorgerufen werden. Es geht hier also um eine Widerspiegelung im  genetischen  Sinne.

Zweitens gebrauchen wir das Wort "Widerspiegelung", um die Beziehung zu kennzeichnen, welche zwischen den psychischen Akten und den sie bedingenden Eigentümlichkeiten der Gesellschaft zustande kommt, die einen bildenden Einfluß auf die Haltung des Subjekts ausübt. Das ist also eine "Widerspiegelung" im soziologischen Sinne.

Und schließlich geht es drittens um eine "Widerspiegelung" im  gnoseologischen  Sinne, wenn wir darunter eine spezifische Erkenntnisrelation zwischen den Inhalten gewisser psychischer Akte und deren Korrelaten in Form bestimmter Elemente der materiellen Welt verstehen.
Diese Unterscheidung ist interessant und von Wert, wenn sie natürlich auch keine starre Klassifikation darstellt, in der die Gruppen einander ausschließen. Die hier unterschiedenen, seine Vieldeutigkeit beweisenden Bedeutungen des Wortes "Widerspiegelung" sind irgendwie miteinander verbunden und überschneiden sich zum Teil. Aber unter diesem Vorbehalt lohnt es sich, an folgendes zu erinnern:
"Wenn wir sagen, daß die Theorie einen Sachverhalt getreu oder ungetreu  widerspiegelt,  meinen wir einfach, daß sie über diesen Sachverhalt die Wahrheit oder eine Unwahrheit aussagt. Wenn wir sagen, daß die Theorie die Interessen, Anschauungen, Haltungen irgendeiner Gesellschaftsklasse widerspiegelt, meinen wir, daß die Entstehung, Entwicklung, Verbreitung der Theorie eines bestimmten Inhaltes durch das Vorhandensein einer Klasse mit bestimmten Interessen, Bestrebungen, Haltungen bedingt ist, deren intellektuelle Avantgarde sich dieser Theorie bedient, sei es als Quelle für die Richtlinien der Praxis des Klassenkampfes, sei es als Instrument der Propaganda, sei es natürlich für beide Zwecke." (EILSTEIN)
Was haben all diese Bedeutungen des Wortes "Widerspiegelung" gemeinsam?

Erstens implizieren sie alle die Anerkennung der Existenz einer  objektiven  Wirklichkeit, die außerhalb und unabhängig vom erkennenden Verstand ein Sein hat und die durch den Geist "widergespiegelt", "abgebildet" und so weiter wird. Die Widerspiegelungstheorie impliziert in jeder ihrer Bedeutungen die Anerkennung des  realistischen,  wenn auch nicht unbedingt des materialistischen Standpunktes.

Auch der objektive Idealist kann die Konzeption der Widerspiegelung verfechten, was auch tatsächlich in der Geschichte der Philosophie vorgekommen ist. Aber außerhalb des Realismus ist diese Konzeption nicht denkbar: Denn soll der Geist, in welchem Sinne des Wortes auch immer, etwas  widerspiegeln,  muß dieses Etwas  objektiv  existieren, das heißt unabhängig von dem betreffenden erkennenden Verstand sein.

Zweitens enthält jede der bereits genannten Bedeutungen des Wortes "Widerspiegelung" die Anerkennung der Beziehung  genetischer Abhängigkeit  zwischen dem Erlebnis oder Erlebnisinhalt und der objektiven Wirklichkeit, die das Erlebnis auslöst, das heißt die Anerkennung des Ursache-Folge-Zusammenhangs zwischen der Wirkung der Außenwelt auf den Geist und dem was im Geist in Erscheinung tritt.

Drittens enthält jede dieser Bedeutungen nicht nur die Anerkennung der genetischen Abhängigkeit zwischen der objektiven Wirklichkeit und dem, was im Geist erscheint, sondern auch die Anerkennung der Tatsache, daß zwischen dem Erlebnisinhalt und der Wirklichkeit eine Beziehung der  Abbildung  zustande kommt. Das Wort "Abbildung" verstehe ich hier in einem weiteren Sine als die Termini "Ähnlichkeit" oder "Entsprechung", die von den miteinander konkurrierenden Interpreten der "Widerspiegelung" gebraucht werden.

Schließlich und viertens hängt das Wort "Widerspiegelung" in jeder der oben genannten Bedeutungen zusammen mit der Unterscheidung des Erlebnisses oder des Erlebnisinhaltes von der Wirklichkeit; aus diesem Grunde wird die Widerspiegelung immer als etwas anderes aufgefaßt als die Wirklichkeit selber, ist etwas  Subjektives  gegenüber der  objektiven  Wirklichkeit, in jeder dieser Bedeutungen impliziert es  Subjektivität.  Für die Analyse der Kategorie der "Widerspiegelung" ist dies eine äußerst wichtige Feststellung.

Wie bei jeder wesentlichen philosophischen Kategorie, haben wir es hier mit Folgerungen zu tun, welche sich aus einer bestimmten Lösung der philosophischen Grundprobleme ergeben, die direkt oder indirekt mit unserem Problem zusammenhängen. Im vorliegenden Fall treten zwei deutliche philosophische Implikationen zutage, die mit der Anerkennung der Widerspiegelungstheorie in jeder ihrer hier genannten Bedeutungen zusammenhängen: der gegen den subjektiven Idealismus gerichtete Realismus und der Anti-Agnostizismus, der sich gegen die Lehre der Unerkennbarkeit der Welt wendet.

Trotz der gemeinsamen Thesen und erkenntnistheoretischen Voraussetzungen, welche die hier besprochenen Bedeutungen und Auffassungen der Widerspiegelungstheorie miteinander verbinden, bestehen auch Unterschiede zwischen ihnen. Sie treten bei der Ausdeutung des oben benutzten Terminus "Abbildung" zutage. Der Streit zwischen den diversen Richtungen der Widerspiegelungstheorie dreht sich um die Frage, ob man das Verhältnis der "Widerspiegelung" in den Kategorien der  Ähnlichkeit  oder der  Entsprechung  zu interpretieren habe.

Im ersten Fall, dem der Ähnlichkeit, geht es um eine Beziehung zwischen dem, was im Geiste erscheint, und der Wirklichkeit, in welcher zumindest einige Qualitäten der Widerspiegelung und des Widergespiegelten gleich, wenn nicht identisch sind. Im zweiten Falle, dem der Entsprechung, geht es um die Parallelität zweier Reihen - der Wirklichkeit und des im Geiste Erscheinenden -, deren Elemente in einer eindeutigen Relation verbleiben und die im Zusammenhang damit eine identische Struktur des Ganzen haben, aber nicht ähnlich sind in dem Sinne, daß einige ihrer Qualitäten gleich oder identisch wären.

Wie ZDZISTLAW CACKOWSKI in seiner Monographie aufgezeigt hat, war dieser Streit für die marxistische Erkenntnistheorie von grundlegender Bedeutung. Nichtsdestoweniger bin ich der Meinung, daß man seine Tragweite übertrieben hat, denn die Streitfrage ist wesentlich, wenn es um sinnliche Vorstellungen geht, aber sie verliert ihren Sinn, wenn es sich um abstraktes Denken handelt. In diesem Punkte kommt gerade die Bedeutung der Verbindungslinien zwischen der Widerspiegelungstheorie und klassischer Theorie der Wahrheit zur Geltung. Diese bezieht sich auch auf das  Denken  über die Wirklichkeit und nicht auf künstlich herausgelöste Sinneseindrücke oder -vorstellungen.

Man kann lange darüber streiten, ob der Sinneseindruck beispielsweise der roten Farbe der Eigenschaft der objektiven Wirklichkeit, die diesen Eindruck hervorruft, "ähnlich" oder "entsprechend" ist. Glücklicherweise müssen wir uns hier nicht für eine konkrete Lösung entscheiden, weil es uns um etwas anderes, Allgemeineres und gleichzeitig Wichtigeres geht. Die ganze Streitfrage wird - wie schon erwähnt - im Rahmen der Widerspiegelungstheorie wesenlos und verliert an Boden, wenn wir von den Sinneseindrücken zum menschlichen Denken über die Wirklichkeit übergehen: Nur dieses Denken kann als wahr oder falsch qualifiziert werden.

Selbstverständlich kann das Denken die Form eines Satzes annehmen - zum Beispiel "Dieser Baum ist grün" -, auf welchen sich schon der Streit um Ähnlichkeit oder Entsprechung bezieht. Aber betrachten wir solche Sätze wie: "Die Kategorie der Ehre ist bei der Darstellung der Adelsgesellschaft von größter Bedeutung", "Die Unbestimmbarkeitsrelation drückt den Zusammenhang aus zwischen der Genauigkeit der Impulsmessung und der Festlegung des Ortes der Elementarteilchen", "Die Gammastrahlen sind eine Art elektromagnetischer Wellen" und ähnliche mehr.

Bei jedem Satz dieser Art ist die Frage nach der Wahrheit, also nach der Widerspiegelung der Wirklichkeit im menschlichen Geist, gerechtfertigt, aber das Problem der Ähnlichkeit oder Entsprechung verliert hier überhaupt seinen Sinn. Daß die Kategorie der Ehre bei der Darstellung der Adelsgesellschaft von größter Bedeutung ist, ist ein wahrer Satz, entsprechende Untersuchungen können uns davon überzeugen. Dieser Satz ist also die "Widerspiegelung" eines objektiven Sachverhalts in unserem Geiste, und zwar in dem Sinne, daß wir sagen, daß es sich so und so verhält und es tatsächlich so ist, wie wir es sagen, wovon wir uns auf Grund bestimmter Kriterien überzeugen können.

Hingegen ist der Streit um die Art, wie diese "Widerspiegelung" zu verstehen sei - als Ähnlichkeit oder als Entsprechung -, eitel und geradezu sinnlos: Wir fragen nicht danach, und im gegebenen Fall kann man überhaupt nicht sinnvoll danach fragen.

Aber sogar in bezug auf die Sätze oder Urteile, die Sinnesempfindungen betreffen, ist die Sache nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag; zu einer richtigen Interpretation der Widerspiegelungstheorie ist auch hier eine eindringliche Analyse vonnöten.

Vor allem darf man nicht vergessen, daß nicht nur der "reine" Sinneseindruck, sondern auch die "reine" Sinnesvorstellung oder -erkenntnis eine Abstraktion ist, die zwar bei gewissen Erörterungen von Nutzen ist, die aber dennoch eine Abstraktion bleibt. Im wirklichen Erkenntnisprozeß können wir weder die sinnliche Wahrnehmung vom begrifflichen Denken trennen noch das mit der Sprache verknüpfte begriffliche Denken von der sinnlichen Seite der Erkenntnis lösen.

Und zwar deshalb, weil sie tatsächlich ein untrennbares, in der Phylogenese entstandenes Ganzes bilden, das man höchstens von verschiedenen Seiten betrachten kann. Wer ein Produkt der Abstraktion für etwas Wirkliches nimmt, begeht einen Fehler, und in doppelter Hinsicht irrt er, wenn er auf dieser Grundlage versucht, sein Gedankengebäude zu errichten.

Bekanntlich behauptet der naive Realismus - im Unterschied zum kritischen -, daß die Dinge so sind, wie sie zu sein scheinen, und die sinnlichen Qualitäten in den Dingen selber stecken. Und bekanntlich läßt sich keine dieser Behauptungen aufrechterhalten. Die Dinge  sind nicht  so, wie sie zu sein scheinen; das wird - auf Grund der Analyse der täglichen Wahrnehmungsfehler - durch die Erfahrung des Alltags und noch mehr durch die wissenschaftliche Erfahrung bewiesen, die den Unterschied zwischen dem Alltagsbild der Welt und dem mikro- oder makroskopischen, unseren Sinnen ohne zusätzliche Apparatur unzugänglichen Weltbild immer klarer herausarbeitet.

Die sinnlichen Qualitäten  stecken  nicht in den Dingen selber, was schon allein aus der Tatsache hervorgeht, daß sie je nach dem Perzeptionsapparat verschieden wahrgenommen werden: Entweder sind die Perzeptionsapparate selber verschieden, oder gewisse Eigenschaften des betreffenden Apparats ändern sich, etwa durch chemische Einwirkung, mechanische Beschädigung und so weiter.

Der naive Realismus ist ein vorwissenschaftlicher Standpunkt, und seitdem sich die Wissenschaft entsprechend entwickelt und verbreitet hat, auch ein antiwissenschaftlicher Standpunkt. Leider bildet er den Ausgangspunkt für gewisse Auslegungen der Widerspiegelungstheorie in unrechtmäßiger Weise nicht an die Analyse des Erkenntnisprozesses als eines Ganzen angewendet wird, sondern an die Analyse der autonom gefaßten, aus dem Gesamt dieses Prozesses isolierten sinnlichen Wahrnehmung.

Interpretieren wir auf dieser Grundlage die Widerspiegelungstheorie so, daß die Qualitäten der sinnlichen Wahrnehmung den Qualitäten der Dinge  ähnlich  sind, also in den Dingen selber stecken, und daß die Dinge folglich so sind, wie sie uns erscheinen, verfechten wir die Thesen des naiven Realismus, und unsere Theorie wird durch das falsche Herangehen an das Problem in peinlichster Weise flach und primitiv. Dieser Fehler wiegt um so schwerer für einen Marxisten, da er auf Thesen fußt, die in deutlichem Widerspruch zur erkenntnistheoretischen Grundlage des Marxismus stehen: Die Erkenntnis ist ein  ewiger  Prozeß, die Ergebnisse der Erkenntnis haben nicht den Charakter absoluter Wahrheiten, in der besonderen Bedeutung dieses Wortes.

Wenn wir vom Einfluß der Sprache auf die Widerspiegelung der Wirklichkeit im menschlichen Geiste sprechen, behandeln wir im Grunde die Sprache als  fertiges  Zeichensystem. Aber dieses für unsere Erkenntnis so wesentliche System ist doch selber - wie schon angedeutet - ein  Erzeugnis  ausgesprochen gesellschaftlichen Charakters. Oft spricht man, um den Einfluß der Sprache auf die Erkenntnis hervorzuheben, zum Beispiel von einer außergewöhnlichen Menge von Namen, die bei gewissen Völkern auftreten, um bestimmte für sie besonders wichtige Aspekte der Wirklichkeit auszudrücken, so etwa bei den Eskimos die Vielfalt der Namen für Schnee, die dessen verschiedenen Zuständen entsprechen; bei den Wüstenvölkern der Reichtum an Namen für die verschiedenen Schattierungen der braunen und gelben Farbe; die große Zahl von Fischnamen bei den Seevölkern für Pflanzen bei den Steppenvölkern und so weiter.

Aber gerade dieses Beispiel bestätigt in schlagender Weise die These, daß die Sprache sich in der menschlichen gesellschaftlichen Praxis herausbildet. Es ist klar, warum die Eskimos so viele Namen für Schnee und die Bewohner der Wüste so viele Namen für die verschiedenen Schattierungen der gelben Farbe haben und warum es nicht umgekehrt ist. Die Menschen sprechen, wie es ihnen das Leben, die Praxis, diktiert. Das bezieht sich übrigens nicht nur auf die Namen von Gegenständen, sondern spiegelt sich zweifellos in den Tätigkeitsworten und vielleicht auch in der sprachlichen Erfassung der Zeit- und Raumverhältnisse wider. Nach gewissen Hypothesen, zum Beispiel nach der Hypothese von MARX, kann man den Einfluß der gesellschaftlichen Praxis auf ganze Sprachformationen und ihre Entwicklung, auf Syntax und Morphologie, nachweisen.

Eines ist gewiß: Das fertige Sprachsystem bestimmt in irgendeinem Sinn unsere Weltansicht. Wenn wir nicht eine einzige Bezeichnung für Schnee haben, sondern - angenommen - dreißig, beruht der Unterschied nicht nur auf dem Reichtum des Wortschatzes, sondern auch darauf, daß wir beginnen, den Schnee eben durch diese Namen, die irgendwelche besonderen Sorten Schnee bezeichnen, in sehr differenzierter Weise wahrnehmen.

Aber noch etwas anderes ist gewiß:  Nicht wir schaffen  willkürlich die Unterschiede und Sorten von Schnee, sondern sie sind  objektiv  in der Natur vorhanden; der Unterschied liegt darin, daß wir vorher darüber hinwegsahen, indem wir uns auf die Eigenschaften konzentrierten, die allen Schneearten gemeinsam sind: auf seine Konsistenz, Farbe oder Temperatur. Daß eine gewisse menschliche Gemeinschaft die Unterschiede in ihrem Wortschatz berücksichtigte, ist keineswegs ein Werk der Konvention.

Dies war ein Gebot der Lebenspraxis: Für die Mitglieder dieser Gemeinschaft war die Unterscheidung der Sorten und Zustände des Schnees eine Frage von Leben und Tod. Auf dem Boden dieser Praxis entwickelte sich die betreffende Sache historisch; in ihrer Entstehungsgeschichte gibt es also nichts Geheimnisvolles oder Spekulatives. Etwas anderes ist es, daß die in der Sprache festgehaltene gesellschaftliche Erfahrung später unweigerlich die Geister der betreffenden menschlichen Gemeinschaft beherrscht. Die Eskimos  sehen  dreißig Sorten Schnee und nicht Schnee "überhaupt"; nicht weil sie es wollen, nicht weil sie das miteinander verabredet haben, sondern weil sie die Wirklichkeit nicht mehr anders wahrnehmen können.

Im Ergebnis unserer Analyse sind wir zu der eigentlichen Form der Widerspiegelungstheorie gelangt, die durch die Wechselwirkung der objektiven und subjektiven Seite beim menschlichen Erkennen gekennzeichnet ist. Die menschliche Erkenntnis ist immer die Erkenntnis als Folge von etwas, das dem erkennenden Verstand objektiv gegenübersteht und die äußere Ursache der Erkenntnis ist. Aber es handelt sich immer um eine subjektive Widerspiegelung, sofern sie im betreffenden Subjekt vor sich geht, dessen individuellen Züge (der Charakter des Perzeptionsapparates, das angesammelte Wissen und so weiter) den Charakter der Widerspiegelung determinieren.

Subjektive Widerspiegelung ist sie aber auch, wenn sie in der betreffenden Sprache, die gleichzeitig Denken ist, vollzogen wird, deren mit der gesellschaftlichen Erfahrung zusammenhängende Merkmale auch einen determinierenden Einfluß auf den Charakter der Widerspiegelung haben. Die Widerspiegelung hat also, ähnlich wie die durch die Erkenntnis erkannte Wahrheit, objektiv-subjektiven Charakter. Erst wenn wir uns diesen Sachverhalt völlig klarmachen, vermögen wir auch die für die marxistische Erkenntnistheorie charakteristische These vom prozessualen Charakter der Erkenntnis und der Wahrheit zu begreifen.

Wir können und sollen uns daher der Mühe unterziehen, die Rolle und den Einfluß des subjektiven Faktors, besonders des mit der Funktion der Sprache verbundenen, im Prozeß der Widerspiegelung der Wirklichkeit im menschlichen Geiste zu untersuchen. Das wird uns befähigen, die Probleme der Soziologie des Wissens von neuem anzuschneiden und die Frage der aktiven Rolle der Sprache im Erkenntnisprozeß in neuem Licht zu sehen.

Wir kommen zum Schluß noch einmal auf die anfangs aufgeworfenen Probleme zurück. Eines davon, die Frage, ob die Sprache das Wirklichkeitsbild  schaffe,  findet im Rahmen des von uns angenommenen Systems eine eindeutig negative Antwort. Die zweite Frage, ob es die Alternative gibt, daß die Sprache  entweder  das Wirklichkeitsbild schafft  oder  die Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit ist, wird ebenfalls verneinend beantwortet.

Aus unserem ganzen Gedankengang geht hervor, daß die Sprache das Wirklichkeitsbild weder - im Wortsinne - schafft, noch auch die Widerspiegelung dieser Wirklichkeit im Wortverstande des Terminus "Widerspiegelung" ist. Es geht um eine Widerspiegelung, die immer ein gewisses Element von Subjektivität besitzt, also in einem gemäßigten Sinne dieses Wortes das Bild der Wirklichkeit "schafft". Die Widerspiegelung der objektiven Wirklichkeit und die subjektive "Schaffung" ihres Bildes im Erkenntnisprozeß schließen einander nicht aus, sondern ergänzen einander, indem sie ein Ganzes bilden.
LITERATUR - Adam Schaff, Sprache und Wirklichkeit, in Adam Schaff "Sprache und Erkenntnis", Wien/Frankfurt/Zürich 1964