p-4 H. MaierTh. ZieglerA. HorwiczG. K. Uphues    
 
PAUL STERN
Einfühlung und Assoziation
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    Kapitel I - Der Einfühlungsgedanke in der Romantik
Kapitel II - Übergang vom Symbolbegriff zum Einfühlungsbegriff
Kapitel III - Die psychologische Tendenz bei Robert Vischer
Kapitel IV - Die Gestaltung des Gewonnenen
Kapitel V - Die Formulierung der Einwände gegen die Psychologie
Kapitel VI - Warum die Assoziation nicht ein bewußtes ...
Kapitel VII - Wie Assoziation und Gefühl zusammenhängt.
Kapitel VIII - Warum Assoziation nicht nur einen rein zufälligen ...
Kapitel IX - Zusammenfassung

"Überall da aber, wo sich dingliche Objekte, räumliche Formen im weitesten Sinne der ästhetischen Betrachtung darbieten, bestimmen neben den empfindungsmäßigen Wahrnehmungsinhalten in erster Linie die mit diesen verknüpften frühreren Erfahrungen die Eigenart des resultierenden Gefühls."


Kapitel VIII.
Zurückweisung des dritten Einwandes:

Warum Assoziation nicht nur einen rein
zufälligen Zusammenhang bedeutet

Wir haben bis jetzt den Einfühlungsakt analysiert und psychologisch beschrieben in Ansehung eines möglichst einfachen Falles. Derselbe war dadurch gegeben, daß das endgültige Gefühl hinsichtlich seiner Eigenart bereits durch das Verhältnis der in Betracht kommenden Empfindungen - Harmonik und Rhythmik von Tönen - bedingt war. Wir entschlugen uns damit vorläufig der Sorge um den bestimmenden Einfluß, den bei allen dinglichen Objekten die Erfahrungs-Assoziatioin auf die Eigenart des fraglichen Gefühles ausübt. Es galt uns zuvörderst nur deutlich zu machen, daß und in welcher WEise die Vertiefung dieses Gefühles zum ästhetischen als das Werk der Ähnlichkeits-Assoziation zu begreifen ist. Freilich waren auch hiermit frühere Erfahrungen und ihnen entstammende assoziative Komplexe stillschweigend vorausgesetzt: insofern nämlich, als überhaupt die Ähnlichkeits-Assoziation ein aus der Erfahrung stammendes Vorstellungsmaterial benötigt; die Reproduktion vollzog sich hingegen durchaus und ausschließlich aufgrund der Ähnlichkeit als solcher.

Überall da aber, wo sich dingliche Objekte, räumliche Formen im weitesten Sinne der ästhetischen Betrachtung darbieten, bestimmen neben den empfindungsmäßigen Wahrnehmungsinhalten in erster Linie die mit diesen verknüpften frühreren Erfahrungen die Eigenart des resultierenden Gefühls. Erst das tatsächliche Dasein und Bestehen desselben im Bewußtsein des ästhetisch Betrachtenden ist dann wiederum bedingt durch die Resonanz des Gleichartigen, d. h. durch die reine Wirkung der Ähnlichkeits-Assoziation. So wird die elastisch aufsteigende Säule nur dann einen ästhetischen Eindruck auf uns machen können, wenn wir an ihr zunächst die Momente des Tragens, Lastens, Stützens, Emporstrebens aufgrund allgemeiner Erfahrungen über die gegenseitigen Beziehungen aller im Raume befindlichen Objekte erkannt und wenn wir ferner die Vorstellung dieser Momente auf dem Weg der Ähnlichkeits-Assoziation und ihrer Resonanz mit persönlichen früheren Erfahrungen und Erlebnissen verknüpft und bereichert haben. Dann erst ist unsere Betrachtungsweise ästhetisch, dann erst beseelend. Daß wir ohne jenen Hinweis auf früher gemachte Erfahrungen nicht auskommen, wir besonders deutlich an der Wirkung der menschlichen Gestalt. Diese ist nicht schön als das Konglomerat von Farben, als das sie sich der primären Wahrnehmung darbietet, wie sie etwa ein Blindgeborener unmittelbar nach seiner Heilung vollzöge. Sie ist vielmehr schön eben als menschliche Gestalt, d. h. als dasjenige, was durch die unwillkürliche und unbewußte Mitwirkung aller früheren Erfahrung aus jenem Konglomerat für unser Bewußtsein entstanden ist. Sie wirkt danach "als der unmittelbare und naturgemäße Ausdruck des Inneren einer Persönlichkeit". (1)

Es ist klar, daß jene frühere Erfahrung nur dadurch neuerdings mitsprechen kann, daß sie von dem primär gegebenen Konglomerat reproduziert wird. Diese Reproduktion aber setzt eine Assoziation voraus. (2) Ferner zeigten wir bereits prinzipiell in unserem Vi. Kapitel, wie überhaupt assoziativ angeknüpfte Gegenstände unseres Vorstellens, Urteilens, Wissens so unmittelbar mit unseren Wahrnehmungen verbunden sein können, daß sie nur durch geflissentliche Analyse von denselben zu trennen sind. Von hier aus nun ist der Einwand VOLKELTs zu widerlegen, daß assoziative Verknüpfungen stets rein zufällige seien. Fragen wir uns nämlich, wie es kommt, daß jene Erfahrungen in so enge Verknüpfung mit bestimmt gearteten Wahrnehmungen treten, so ergibt sich, daß das nur möglich ist durch die Regelmäßigkeit, mit welcher derartige Erfahrungen gemacht werden. (3) Mögen auch die Nebenumstände, unter denen wir sie vollziehen, mannigfach wechseln, "die wichtigsten Assoziationen werden dem Menschen durch die allgemeine Natur der menschlichen, irdischen und kosmischen Verhältnisse auch allgemein aufgedrungen, wonach z. B. niemand den Ausdruck der Gebrechlichkeit mit dem der Kraft und Gesundheit, niemand den Ausdruck der Güte oder geistigen Begabtheit mit dem der Bösartigkeit oder Dummheit verwechseln kann." (4)

Finden sich aber doch Menschen, die in diesen Punkten irren, so wird dadurch die allgemeine Gültigkeit der Beziehung nicht erschüttert, welche zwischen der Erscheinung und dem, was sie bedeutet, waltet. Eine solche Deutung ist nun auch in der ästhetischen Anschauung enthalten, so weit sie es mit dinglichen Objekten zu tun hat. Die Allgemeingültigkeit der hier in Betracht kommenden Beziehungen - soweit sie unvermeidlich in Betracht kommen - sichert dem ästhetischen Urteil selbst seine Allgemeingültigkeit. (5) Die Leichtigkeit, mit der gerade hier persönliche Differenzen in der Auffassung und Beurteilung eintreten, kann daran nichts ändern. Denn die Allgemeingültigkeit jener Beziehungen gestattet es, (6) von richtigen und falschen Gefühlen zu reden in derselben Weise, wie wir von richtigen und falschen wissenschaftlichen Erkenntnissen längst zu reden gewohnt sind. Wiederum findet sich schon bei FECHNER diese Erwägung. "Bietet uns die Erfahrung oft Umstände, die nicht wesentlich zueinander gehören, doch oft miteinander in Verbindung dar, so entsteht eine falsche Assoziation und hiermit ein falsches Gefühl; es knüpft sich danach im Geiste zusammen, was in der Natur der Dinge nicht verknüpft ist und wir legen dann gefühlsweise den Dingen Bedeutungen bei, die sie nicht haben, so daß uns etwas gefallen kann, was mißfallen sollte und mißfallen, was gefallen sollte." (7)

In der Tat besteht zwischen dem ästhetischen Gefühl und dem Wissen im weitesten Sinne eine tiefgreifende Verwandtschaft. Wir wenden uns, um das zu erhärten, wiederum zu demjenigen Beispiel, das für uns stets den Prüfstein ästhetischer Theorien gebildet hatte, zum Problem der geometrischen Formen. Wir hatten gesehen, daß wir die Schönheit derselben danach beurteilen, wie sie sich gegen den allgemein im Raum wirkenden Kräften in ihrer Eigenart und Selbständigkeit zu behaupten schienen. Wir wissen jetzt, warum die Vorstellung dieser Kräfte zu Formen psychologisch in Beziehung treten mußte. Der Grund liegt eben in der Enge der Verknüpfung, welche zwischen unserer assoziativ gewonnenen Erfahrung über die Wirkungsweise jener Kräfte und der Vorstellung jedes beliebigen räumlichen Objektes waltet. Eben weil wir aus der eigenen Erfahrung wissen, daß zu jedem räumlichen Verharren und Bewegen ein größeres oder geringeres Maß von Kraft gehört, eben darum können wir uns der Vorstellung dieser letzteren keinem Räumlichen gegenüber entschlagen.

Welches sind denn nun aber jene allgemeinen Kräfte, deren assoziativ erworbene Kenntnis wir jedem ästhetisch Betrachtenden glauben zumuten zu dürfen?

Der erste dieser allem Individuellen feindlichen Widerstände betrifft sein Aufstreben zur Höhe. Je weniger sich die Einwirkungen der Schwerkraft, denn um diese handelt es sich hier, in der Haltung des Gebildes verraten, umso mehr eigene Energie glauben wir demselben zusprechen zu müssen. Wir kennen eben aus eigener Erfahrung die Art jener Wirkung.

Die zweite jener dem Individuellen feindlichen Tendenzen ist begründet in der allgemeinen Natur des Raumes selber. Der Anthropomorphismus macht aus dem Raum, aus dem Ausgedehnten kat exochen [schlechthin, wp] das sich Ausdehnende kat exochen. Wir können zuweilen diesem sich Ausdehnenden eine subjektive Sympathie entgegenbringen; so angesichts von Landschaften mit weiten Perspektiven. Hier "genießen wir das Glück" des allseitig oder wenigstens in einer Richtung ungehemmt sich verbreitenden Raumes. So verdankt auch speziell die Schönheit der Täler ihren Wert zum großen Teil dieser besonderen Art der Beseelung. Der gleiche Anthropomorphismus ist für die Auffassung der reinen Form von Wichtigkeit; nur freilich in der Weise, daß unsere Sympathie hier nicht auf Seiten der Ausbreitungstendenz zu stehen kommt. Die letztere ist nämlich offenbar eine Feindin jeder individuellen Form, die sich nur im festen Zusammenhalt ihrer Begrenzung so, wie sie ist, zu behaupten vermag. Überall sympathisieren wir daher mit denjenigen Formen, welche in konsequenter Weise über diese in ihnen selbst wirksame expansive Tendenz Herr zu werden scheinen.

Das dritte (5) jener alles bedrängenden Hemmnisse gilt jeder Bewegung, die von der geradlinigen abweicht; wo wir eine solche Bewegung sehen, da vermuten wir eine Kraft, deren Impuls die Abweichung herbeiführt. Wir schätzen es in diesem Fall, wenn die richtungändernde Kraft eine konstante ist; denn nur wenn sie es ist, scheint sie frei aus sich selber zu wirken.

Wir haben für die Wirkungsweise der hiermit bezeichneten Kräfte ein äußerst feines Gefühl; ein Gefühl, welches auch da noch ausreicht und sicher geht, wo die Kompliziertheit der Formen ihrer mathematischen Bestimmung bereits äußerste Schwierigkeiten entgegenstellt. Mit gutem Grund hat daher THEODOR LIPPS (6) der wissenschaftlichen Analyse dieses Gefühles den zunächst paradox klingenden Namen "ästhetische Mechanik" verliehen.

Es wäre leicht, auch für die ästhetische Betrachtung auf anderen Gebieten die ausschlaggebenden allgemeingültigen Erfahrungen zu bestimmen. So wird keiner die Landschaft verstehen, der nichts weiß über die Wechselwirkung zwischen ihrem Aspekt und ihrer unmittelbaren Wirkung auf unser Befinden und Ergehen. Dieser Wirkung nämlich glauben wir alles in der Landschaft Befindliche unterworfen zu sehen. Seine ästhetische Bedeutung gewinnt das Einzelne in ihr dann durch die Art, wie es sich jener allgemeinen Einwirkung gegenüber verhält. Es kann sich ihrer erfreuen, wie die Blume im Sonnenschein; es kann sich ihrer erwehren wie der Baum im Sturm. Und in der Landschaft als Ganzem scheint das betrachtete Stück Erde selbst sich dieser Wirkungen zu erfreuen oder darunter zu leiden, immer doch im Innersten ruhig und unerschüttert. Dazu tritt notwendig, die Wirkung steigernd oder störend, die in den Teilen des Bildes sich geltend machende Symbolik der Farben, Linien und räumlichen Erstreckungen.

So wird das ästhetische Urteil durch seine psychologische Zurückführung auf unbewußte assoziative Nebenvorstellungen durchaus nicht etwa in die Sphäre des lediglich subjektiv Gültigen zurückgewiesen, sondern vielmehr gerade so seine enge Relation zu objektiv gültigen Erfahrungen und damit seine eigene objektive Bestimmtheit erst deutlich gemacht.

Umgekehrt ist es auch so erst möglich, die Fehlerquellen aufzudecken, welche ästhetische Urteile minderwertig machen. Diese möglichen Fehler sind sehr verschiedener Herkunft.

Zunächst können die Empfindungen eines Menschen stumpf sein, es kann ihm an Feinsinnigkeit im eigentlichen Verstand fehlen. Dieser Mangel wird zum Beispiel fühlbar, wenn Unmusikalische über Musik, wenn Leute ohne Sinn für die Farbe über Bilder sprechen. In einem solchen Menschen würde von vornherein ein ästhetisches Gefühl nicht seiner Eigenart nach bestimmt sein können.

Es kann zweitens die allgemeine Erfahrung des Betrachters - wie die über die Kraftwirkungen im Raum, über den Zusammenhang zwischen Aspekt und Wirkungsweise der Landschaft usw. - eine unzureichende und unbestimmte sein. Es fehlt ihm dann, psychologisch geredet, an den nötigen Erfahrungs-Assoziationen; allgemeiner genommen entweder überhaupt an offenen Sinn für die Wirklichkeit, der die unerläßliche Vorbedingung aller künstlerischen Betätigung abgiebt oder zumindest an den Erfahrungen über einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit; so gibt es manche, denen nur darum ein ästhetisches Urteil über die Landschaft fehlt, weil sie dieselbe nicht kennen.

Es kann drittens ein speziellerer Mangel der Auffassungsgabe vorliegen. Es kann dem Betrachter dasjenige fehlen, was wir oben als die Kraft des zusammenfassenden Blickes bezeichneten, was man auch als Sinn für das Wesentliche bezeichnen könnte. Er wird dann stets nur kleinere Komplexe aus dem Material seiner Betrachtung herausgreifen und sein Urteil über einen solchen für ein berechtigtes Urteil über das Ganze halten.

Es kann viertens einem Menschen, selbst wenn ihm dieser Sinn für das Wesentliche nicht abgeht, doch die Gabe fehlen, ein gefordertes Gefühl in sich ausklingen zu lassen; sei es aus einseitiger Konsequenz, weil er ganz von einem großen empirischen Interessenkreis beherrscht ist, dessen Forderungen vor keine möglichen Eindruck verstummen - wir rechnen hierzu auch die technischen Interessen mancher Künstler -, sei es, weil er sich überempfindlich auch nicht dem geringsten äußeren Reiz durch innere Konzentration zu entziehen vermag, sei es schließlich nur aus schlechter Erziehung, in deren Folge etwa eine unüberwindliche Sprunghaftigkeit seiner Phantasie jeder anhebenden Vertiefung die Wege kreuzt. Psychologisch betrachtet fehlt hier die geforderte Wirkung der Ähnlichkeits-Assoziation. Es ist klar, daß dieser letzte Mangel gern mit dem vorigen Hand in Hand gehen wird.

Gesetzt nun aber, zwei Menschen erfüllten beide die mit diesen Mängeln implizit aufgezählten Forderungen, so bliebe immer noch die Möglichkeit offen, daß ihre ästhetischen Urteile demselben Objekt gegenüber in Bezug auf schön und häßlich differierten. Das beruth dann notwendig auf der Differenz der Persönlichkeiten. Der einen Persönlichkeit gelingt es leicht, gewisse Arten des inneren Erlebens, gewisse Modifikationen des Gefühls in sich zu verwirklichen, welche der anderen auf ewig verschlossen bleiben. Solche Fähigkeit kann keiner äußeren Erfahrung ihr Dasein verdanken. Sie kann höchstens von einer solchen geweckt werden; und zwar kann auch in der ästhetischen Auffassung selbst diese Erweckung vonstatten gehen.

Hierin tritt die letzte der Forderungen für die objektive Gültigkeit ästhetischer Urteile zutage. Wer sie fällen soll, muß als Persönlichkeit reich und mächtig genug dazu sein, um jedes mögliche menschliche Gefühl zugleich in höchster Stärke in sich erleben zu können. Wir haben bereits die psychologische Gleichartigkeit des ästhetisch befriedigenden Gefühls mit dem ethischen Selbstwertgefühl aufgedeckt. Der Unterschied zwischen der absoluten ethischen und der absoluten ästhetischen Persönlichkeit darf darum nicht übersehen werden. Für erstere ist die stete absolute Bereitschaft aller irgend möglichen Motive des Handelns erforderlich. Keines derselben darf je den Dienst versagen und sollte die Lage des Handelnden noch so sehr dazu angetan sein, ihn zu einseitigen Rücksichtnahmen zu verführen: Allgegegenwart der Motive hat sich mit ihrer absoluten Harmonie zu vereinen.

Die Aufgabe der ästhetischen Persönlichkeit kat exochen ist eine geringere. Wie etwa ein Märchen den reinen künstlerischen Genuß zuläßt, obwohl es, mit Konsequenz freilich, von gewissen Regeln der raumzeitlichen Erfahrung absieht, wie also hier die künstlerische Harmonie des Objektes ästethischer Betrachtung möglich ist ohne durchgreifende Berücksichtigung aller in der Wirklichkeit geltenden Gesetze, so kann auch im Schönheitsgefühl der absoluten ästhetischen Persönlichkeit selber die künstlerische Harmonie auf Kosten der Allgegenwart aller ethischen Motive zustande kommen. Wir erinnern wieder an RICHARD III. Hierin liegt das Unmoralische aller rein künstlerischen, das Unkünstlerische aller rein moralischen Betrachtungsweise.

Wie nun weiter im Märchen die Abweichung von den Bedingungen der Wirklichkeit nicht so weit getrieben werden darf, daß die Forderungen derselben sich trotz aller ästhetischen Isolation in die Betrachtung störend hineindrängen, so kann auch die Fähigkeit der Abstraktion von ethischen Motiven, zunächst für den einzelnen, eine Grenze zeigen, bei welcher die letzteren die ästhetische Erregung als solche nicht nur kreuzen, sondern gänzlich zunichte machen würden. Hier tritt uns der Gegensatz zwischen der absoluten ethischen und der absoluten ästhetischen Persönlichkeit am schärfsten vor die Augen: jene Grenze der Abstraktionsfähigkeit würde für die ästhetische Persönlichkeit im Unendlichen liegen, bei der ethischen gewissermaßen mit dem Nullpunkt zusammenfallen. Das heißt, es wäre der idealen ethischen Persönlichkeit überhaupt verwehrt, ihren Blick vom umfassenden Zusammenhang der praktischen Welt wegzuwenden; es wäre für sie keine Kunst in unserem Sinne mehr möglich. Es erhöbe sich weiterhin die Frage nach dem Wertverhältnis des ästhetischen und des ethischen Ideals. Indessen dieses Problem läge über die Grenzen unseres Themas hinaus.


Kapitel IX.
Zusammenfassung

Das Resultat unserer Untersuchungen ist somit den Hauptpunkten nach folgendes: "Einfühlung ist nicht das aufhellende Wort für den tatsächlichen psychischen Akt, der uns die Objekte unserer ästhetischen Anschauung gerade so und nicht anders erscheinen läßt, sondern nur eine metaphorische und nicht einmal eindeutige Bezeichnung in Bausch und Bogen, die ihn von seinem schließlichen Resultat aus allgemein zu charakterisieren geeignet ist.

Diesem psychischen Akt galt unsere Analyse.

Wir untersuchten zunächst, wodurch das in ihm verwirklichte Gefühl in seiner Eigenart bestimmt sei. Wir fanden es bestimmt durch die Eigenart der einzelnen in Betracht kommenden Empfindungen und ihre Stellung zur Psyche überhaupt. Wir fanden es ferner bestimmt durch die Beziehungen solcher Empfindungen zueinander, so durch die harmonische und rhythmische Ordnung der Klänge in der Musik; und schließlich durch die Bedeutung, welche die Objekte der Wahrnehmung auf dem Wege der Erfahrungs-Assoziation für uns gewonnen haben.

Wir fragten zweitens nach der Bedingung, die jenem Gefühl Selbständigkeit und Vertiefung zum ästhetischen sichert. Wir fanden dieselbe in der Resonanz der Ähnlichkeits-Assoziationen, womit ein sachlicher und deutlicher Ausdruck für den provisorischen und mißverständlichen des innere Nacherlebens und ein positiver für die Forderung der Freiheit von empirischen Interessen gefunden war.

Wir fragten ferner nach der Stellung dieses Gefühls zur ganzen Persönlichkeit und fanden die Vermittlung zwischen beiden im Willensgefühl.

Weiter suchten wir zu ergründen, warum und wie das so entwickelte Gefühl unmittelbar an die Inhalte der Wahrnehmung gebunden erscheine. Wir fanden den Grund für das Warum in der unentrinnbaren, unmittelbaren und unbewußten Wirksamkeit der disponiblen Assoziationen; den Grund für das Wie in der durchgreifenden Gleichartigkeit, die zwischen der ästhetischen Beseelung beliebiger Objekte und der ethisch praktischen Beseelung unserer Mitmenschen obwaltet, wonach sich das Sinnliche als Mittel des Ausdrucks, als Symbol des Geistigen darstellt.

Wir zeigten dabei, daß gerade aus der assoziationspsychologischen Betrachtungsweise ein Maßstab für die objektive Gültigkeit ästhetischer Urteile zu gewinnen sei.

Und schließlich führten wir die Tiefe und Macht des ästhetischen Eindrucks zurück auf die notwendig mit ihm gegebenen Modifikationen des ethischen Selbstwertgefühls.

LITERATUR: Paul Stern, Einfühlung und Assoziation - ein Beitrag zur psychologischen Analyse der ästhetischen Anschauung, in "Beiträge zur Ästhetik", Bd. 5, herausgegeben von Theodor Lipps und Richard Maria Werner, Hamburg und Leipzig 1898
    Anmerkungen
    1) THEODOR LIPPS, Über die Symbolik unserer Kleidung, "Nord und Süd", BD. XXXIII, Seite 332
    2) Vgl. LIPPS, Grundtatsachen des Seelenlebens, Seite 14 und 368, sowie derselbe "Über Formenschönheit usw.", "Nord und Süd", Bd. XLV, Seite 241
    3) Genauer müßte man sagen: Bereits jede erstmalige Assoziation ist durch jene Enge der Verknüpfung ausgezeichnet. Aus anderen Erfahrungen resultierende Assoziationen können dann mit jener ersten in Widerstreit geraten, sie aufheben oder modifizieren. Aus diesem Widerstreit der Assoziationen entwickelt sich asymptomisch die objektiv gültige Erfahrung. Vlg. THEODOR LIPPS, Grundzüge der Logik, Hamburg 1893
    4) GUSTAV FECHNER, Vorschule der Ästhetik, Bd. I, Seite 119
    5) Die hier gegebene Dreiteilung verdanke ich Herrn Prof. LIPPS.
    6) In den Beilagen zu seiner Vorlesung über Ästhetik.