p-4Zukunft der PhilosophieDie Wende der Philosophie    
 
CARL STUMPF
Die Wiedergeburt
der Philosophie

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"Die Verbindung der Physiologie mit der Psychologie, die zur Einführung der experimentellen Methode in diese geführt hat, scheint manchen so unphilosophisch, daß sie beantragen, die Psychologie von der Philosophie zu trennen. Sie ist aber im Gegenteil auch eines der Fundamente, auf denen die neue Philosophie sich erheben muß."

In den Wissenschaften der Organismen ist der Entwicklungsgedanke aufgetaucht, hat manche Kinderkrankheiten überstanden, aber auch seine Kreise immer weiter gezogen, schlechthin alle Gebiete erfaßt. Diesen Gedanken hat man schon bei HEGEL finden wollen, ja, die berühmteste Darstellung seines Systems beginnt mit einem Hinweis auf DARWIN und HÄCKEL als die Vollender dessen, was HEGEL begonnen hat. Man nennt sogar LEIBNIZ und ARISTOTELES als Vertreter des Entwicklungsgedankens für das Weltganze. Das ist jedoch unrichtig oder ein bloßes Wortspiel. Denn was wir heute Entwicklung nennen, bedeutet nicht eine unzeitliche Stufenfolge von Wesen, die ein wohlgeordnetes System ausmachen, sondern eine zeitliche und kausal bedingte Aufeinanderfolge des jeweilig Höheren auf das Niedere. Eine solche zeitlich-kausale Entwicklung hat aber für die Natur, wie ARISTOTELES, so auch HEGEL direkt geleugnet. Er hat sie als eine ungeschickte Vorstellung abgewiesen. Nur für das geistige Gebiet ist sie von ihm, wie von allen früheren, die eine Philosophie der Geschichte versuchten, anerkannt worden. Es handelt sich also auch in dieser Beziehung, wenn wir gegenwärtig die physische und die psychische Welt im Zusammenhang als einen ungeheuren zeitlich-kausalen Entwicklungsprozeß zu verstehen suchen, um eine wesentlich neue Auffassungsweise, zu welcher der Philosoph seine Ausrüstung in erster Linie aus Botanik und Zoologie holen muß. Die unorganische Natur auf der einen und das Geistesleben auf der anderen Seite werden zu Verallgemeinerungen, wahrscheinlich auch zu tieferen Erklärungen führen; und die allgemeinen Gesichtspunkte, auf die man so geführt wird, könnten zuletzt sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit HEGELs dialektischen Formeln haben. Aber ihren realen Sinn und ihre Überzeugungskraft können sie nur auf dem Weg von unten nach oben gewinnen, nur so kann das Haus gebaut werden.

Die Verbindung der Physiologie mit der Psychologie, die zur Einführung der experimentellen Methode in diese geführt hat, scheint manchen so unphilosophisch, daß sie beantragen, die Psychologie von der Philosophie zu trennen. Sie ist aber im Gegenteil auch eines der Fundamente, auf denen die neue Philosophie sich erheben muß. Wie kann man hoffen, die Welt zu verstehen, ohne die Gesetze des Psychischen zu kennen und wie kann man diese erkennen, ohne die Wechselbeziehungen des Psychischen und des Physischen zu berücksichtigen? Wenngleich der ungehemmte Verlauf des Denkens und Wollens bei oberflächlicher Betrachtung die Täuschung erwecken mag, als hätten die organischen Prozesse daran keinen Anteil, so brauchen wir nur einen Blick auf die Störungen des Denkens, Sprechens, Fühlens, Wollens, der ganzen Persönlichkeit zu werfen, mit denen wieder erst die neuere Forschung uns vertraut gemacht hat, um die Vertiefung und Bereicherung zu würdigen, die der Psychologie von der Psychiatrie und Pathologie (und freilich auch umgekehrt diesen Wissenszweigen von einer subjektiv analysierenden Psychologie) zuteil wird. Die alte Frage nach der Verknüpfung zwischen den physischen und den psychischen Vorgängen in der Welt überhaupt, nach Dualismus und Monismus, kann zwar nicht allein auf diesem Weg gelöst werden, da sie außer umfassenden empirischen Kenntnissen auch die schärfste Zergliederung der Begriffe von Kausalität und Substantialität erfordert: aber sie wird durch das Zusammenwirken aller dieser Untersuchungen zweifellos weitergeführt und ist jetzt schon für den Einsichtigen weit über die Phrasen hinausgeführt, mit denen ein großes Publikum sich noch abspeisen läßt. Der Most paßt nicht mehr in die alten Schläuche, weder in die groben des Materialismus, noch in die der feinen Spekulation.

Es ist aber noch ein Gebiet erstanden, woran Psychologen mit Naturforschern namentlich seit HELMHOLTZ zusammenarbeiten: die Phänomenologie, d. h. eine bis zu den letzten Elementen vordringende Analyse der sinnlichen Erscheinungen in sich selbst. Die Erscheinungen von Farben, Tönen, Gerüchen, Gestaltungen in Raum und Zeit sind nicht die physische Welt selbst, wie sie sich dem Geist des Naturforschers darstellt, noch auch sind sie die psychische Welt. Aber sie sind das Material, woraus der Physiker schöpft und sie sind zugleich der Ausgangspunkt und der Nährstoff des gesamten Seelenlebens. Deshalb bedarf sowohl Natur- wie Geistesforschung dieser Untersuchung und am meisten natürlich die Philosophie, die die Gesetze der Natur und des Geistes gleichsehr berücksichtigen soll.

Wie eine genaue Zergliederung der sinnlichen Erscheinungen als solcher sofort auf philosophische Konsequenzen führt, möge ein Beispiel erläutern, das an Fichte anknüpft. Er lehrte, daß das Bewußtsein eines Dinges außer uns nichts weiter sei, als das Produkt unseres eigenen Vorstellungsvermögens. Diesen Satz stützte er darauf, daß unsere Sinnesempfindungen an sich nicht von räumlichen Unterschieden zeigen, daß z. B. Farben punktuell erscheinen und daß ihre Ausbreitung in Linien und Flächen bereits die Leistung einer geistigen Tätigkeit sei. Das hat er als Tatsache hingestellt, aber nirgends bewiesen. Aufgrund der psychologischen Analyse darf heute mit Sicherheit das Gegenteil behauptet werden, daß nälich unsere optischen Erscheinungen von vornherein ebenso quantitativ wie qualitativ bestimmt sind. FICHTEs metaphysische Ansicht wird dadurch nicht schon widerlegt, aber ihre Begründung erweist sich als hinfällig. Als zweites Beispiel möge das "Tätigkeitsgefühl" dienen, an das viele tiefsinnige Betrachtungen geknüpft worden sind. Ist es nicht vielleicht eine bloße Summe von Sinnesempfindungen? Wir wissen jetzt, daß die Muskelempfindungen, die in der alten Lehre von den fünf Sinnen fehlten, in der Entwicklung des Seelenlebens eine beträchtliche Rolle spielen, ja die physiologische Psychologie hat sie gleichsam zur Ehrenrettung mehr, als gut war, herangezogen. Es gilt also jedenfalls, aus dem Bewußtsein der Aktivität zunächst alles abzusondern, was bloße Muskelempfindung ist, um zu beurteilen, was etwa als übersinnlicher Kern, als rein funktionelles Element, als Ich-Betätigung im FICHTEschen Sinn übrig bleibt. Und so führt noch in anderen Richtungen die Phänomenologie auf Schritt und Tritt zur Klärung metaphysischer Fragen.

Aus solchen Gründen müssen wir also auf einer naturwissenschaftlich orientierten und fundamentierten Philosophie bestehen.

Trotz alledem aber würde es, das sei jetzt nicht minder betont, den Untergang der Philosophie bedeuten, wollte man sie den Naturwissenschaften allein in die Hände geben. Solchen Versuchen, an denen es heute nicht fehlt, möchte ich fast lebhafter widersprechen als den Träumen der Idealisten. Ein anderes ist die zweckmäßigste Grundlegung, ein anderes die Durchführung philosophischer Untersuchungen. Dazu reicht Naturwissenschaft als solche nicht aus. Den unendlich mannigfaltigen, eigenartigen Erscheinungen des inneren Lebens steht der Physiker als solcher fremd gegenüber. Selbst die Psychologie im gewöhnlichen Sinne, die sich nur mit den elementaren Funktionen beschäftigt, vermag das Seelenleben nicht nach seinem ganzen Reichtum darzustellen. Hier greifen die konkreten Geisteswissenschaften ein und diejenigen Disziplinen der Philosophie, die aus ihnen gleichsam den Honig sammeln, die Ästhetik, Ethik, Rechts- und Gesellschaftsphilosophie, Geschichtsphilosophie. Auch sie können heute allerdings nicht mehr von oben, sondern nur von unten gebaut werden und wir sehen ihre Förderer bemüht, der ganzen Breite der erfahrungsmäßigen Verschiedenheiten des Geschmackes, der Sitten und Gebräuche, wie sie Geschichte und vergleichende Völkerkunde bieten, gerecht zu werden.

In der Auffassung des geistigen Daseins sieht sich nun die heutige Philosophie und wieder nicht erst die des 20. Jahrhunderts, sondern schon die LOTZEs und FECHNERs, hinsichtlich bestimmter Grundanschauungen mit den Idealisten einig. Man kann sagen, das letzte Ziel des deutschen Idealismus sei gewesen: die Priorität des Geistes gegenüber der Natur zu erweisen, Priorität im Sinne der Ursprünglichkeit als auch im Sinn eines höheren Ranges verstanden. Auch auf SCHELLING findet dies trotz seines parallelistischen Systems Anwendung, ganz klar aber auf FICHTE und HEGEL. Für jenen ist die Natur nur das versinnlichte Material der Pflicht, für diesen ist sie das Außersichsein des Geistes, der dann in höherer Stufe zu sich zurückkehrt. Und diese höhere Stufe, Selbstbewußtsein, subjektive und objektive Sittlichkeit, ist für HEGEL, aber auch schon für seine beiden Vorgängen, das eigentliche Ziel des gesamten Weltprozesses und die Darstellung dieser Endstufe die Krönung der Philosophie.

Nun mahnen uns zwar nicht bloß HUME und KANT, sondern in anderer Weise auch die Naturwissenschaften, mit der Anwendung des Zweckbegriffes auf das Weltganze und speziell auf die Natur vorsichtig zu sein. Ohne weiteres aber erkennen wir die Priorität des Geistes in dem Sinn an, daß nur Geistiges unserer Erkenntnis unmittelbar als Realität gegeben ist, während die Wirklichkeit von Dingen, die unseren Sinnesempfindungen korrespondieren, bestenfalls nur erschlossen werden kann. Nicht minder sind wir darüber einig, daß nur im geistigen Leben von unmittelbaren Werten, Gütern, Zielen gesprochen werden kann und daß uns primäre Werte nicht durch den Verstand, sondern allein durch das Gefühl gegeben werden. Auch das weitere dürften wenige leugnen, daß der Wille und am meisten der sittliche Wille, das Zentrum des vollentwickelten Geisteslebens bildet, daß das bloß rezeptige Sein hier nichts bedeutet. Es ist ferner eine ausschließliche Eigentümlichkeit des Geistigen, die man mit AUGUSTINUS ein tiefes Mysterium nennen muß, daß es die Vergangenheit in Form des Zeitbewußtseins in sich aufzubewahren vermag und daß hierdurch eine Art von Summierung der wahren Werte möglich wird, wie sie jeder in seinem individuellen Gemüt beim Älterwerden erlebt.

Ob aber die Gesamtsumme alles wahrhaft Wertvollen, in unendlicher Steigerung gedacht, in irgendeinem Sinn als präexistierend anzusehen sei, darüber finden wir die gegenwärtigen Weltweisen nicht so einstimmig wie die Idealisten, die in diesem Punkt auch LEIBNIZ und ARISTOTELES zu Vorgängern hatten, wenngleich sie deren Theismus in Pantheismus umwandelten. Die naturwissenschaftliche Entwicklungslehre hat manchen den Gedanken nahegelegt, das Vollkommene möchte überall nur Ende, nicht Anfang der Entwicklung sein, im Großen wie im Kleinen. Dränge dieser Gedanke durch, hielte er allen Gegenerwägungen stand, dann würde die Weltanschauung der Zukunft ein gänzlich verändertes Gesicht zeigen. So viel ist klar: die neue Zeit stellt den Philosophen mit neuer Gewalt vor die älteste aller Fragen. Aber auch das ist klar, daß hier weder mit Erneuerung dialektischer Künste, noch mit Berufung auf unmittelbare Intuition noch mit kantischer Erkenntniskritik durchzukommen ist. Das unergründlich tiefe Problem des Übels, das LEIBNIZ mit all seinem Scharfsinn nicht zu befriedigender Lösung führte, hat auch im 19. Jahrhundert immer wieder neue Umformungen der Welt- und Gottesvorstellungen hervorgetrieben. Selbst der Pessimismus liegt als eine ausbildete Weltanschauung vor, vertreten durch den unterhaltendsten Schriftsteller, den wir seit VOLTAIRE unter Philosophen besitzen. Soweit dabei nur Stimmungen in Frage kommen, können sie durch Erziehung und Willensentschluß bekämpft werden. Nach der Seite des Tatsächlichen aber gibt es keine Widerlegung als durch Vertiefung der psychologisch-ethischen Analyse und gleichzeitige Vertiefung der entwicklungstheoretischen Gesichtspunkte. Hier muß von den Fragestellungen an bis zu den letzten Schlußfolgerungen geradezu alles revidiert werden.

Nichts beleuchtet greller die gewaltige Gärung der Zeit, als daß sich Grundanschauungen von Jahrtausenden Umgestaltungsversuchen nicht entziehen können. Daß ber die meisten offiziellen Vertreter der Philosophie nur zögernd an diese letzten Fragen allen Wissens rühren, ist nicht die Folge eine mutlosen Skeptizismus, auch nicht einer Furcht vor Staatsgewalten, wie sie SCHOPENHAUER seinen Zeitgenossen so grimmig vorwirft, sondern es ist der Ausfluß jener Denkweise, die allerdings SCHOPENHAUER so fremd ist wie den Idealisten, die sich dem Schwersten, Höchsten und Letzten nur in unendlichem Fortschritt durch Bearbeitung der Erfahrungsbegriffe zu nähern wagt.

Sind nun neue Formulierungen der alten Probleme, neue Mittel und Wege der Untersuchung, neue Energie und jugendlicher Mut der Suchenden Kennzeichen wissenschaftlicher Wiedergeburt, so dürfen wir getrost sagen: die Philosophie ist wiedergeboren. Anstelle der versunkenen Atlantis der idealistisch-konstruktiven Systeme hat sich ein neuer Kontinent erhoben. Sehr langsam ist sein Emporsteigen, doch scheint er an Größe und fester Gestaltung Jahrzehnt für Jahrzehnt zu gewinnen. An seinen Ufern verlaufen sich allgemach die von der Katastrophe hinterlassenen Wellen. Nur als solche nachläufige Wellen sind alle Versuche anzusehen, die alten Systeme in modernisiertem Gewand wiedereinzuführen. Auf den Gefilden des neuen Landes sehen wir zahlreiche Arbeiter beschäftigt. Sie halten die Fackeln und reichen sie einander. Sie schaufeln und bauen und verwenden auch das Bauholz, das jene Wellen herantreiben. Ihre entsagungsvolle Kleinarbeit ist  auch  Idealismus. Sie ist nur die bewußte Durchführung des Grundsatzes, der die Naturwissenschaften groß gemacht hat und immer mehr in die Geisteswissenschaften eingedrungen ist. "Überall" sagt HARNACK, "verdrängt das Studium primitiver Zustände das der komplizierteren und an die Stelle der Beschäftigung mit den erhebenden Epochen der Geschichte ist die Forschung in den Niederungen getreten. Welche Fülle von Erkenntnissen und Entdeckungen hat sich dieser Arbeitsweise erschlossen! ... Wer darf daher gebieten, daß die Wissenschaft umkehre und es anders mache?" Man wird, meine ich, nicht einmal sagen können, daß die Geisteswissenschaften unphilosophischer geworden seien als früher, sie philosophieren nur in anderer Weise, so, wie es auch die Philosophen selbst tun.

Eines freilich fehlt dem neuen Kontinent: ein Oberhaupt. Vielleicht werden wir nie wieder ein solches im Sinne der Omnipotenz besitzen. Denn einerseits ist der Autoritätsglaube, wie er im Mittelalter den ARISTOTELES zum "philosophus" schlechthin erhob, wie er aber auch zu HEGELs Zeit noch stark grassierte, immer mehr im Schwinden. Die Bildung ausgebreiteter und durch zähen Dogmatismus zusammengeschlossener Schulen wird daher seltener. Und dies ist keineswegs zu bedauern. Wer die Wissenschaft mehr liebt, als den Ruhm, müßte einer solchen Schulformation nur nach Kräften entgegenwirken. Andererseits wird aber auch die einheitliche Verknüpfung der allgemeinsten Forschungsergebnisse immer schwerer, je weiter die Wissenschaften fortschreiten. Nur solchen wird sie immer leicht bleiben, die Verschiedenartiges, ja Unverträgliches sorglos zusammenmischen, nicht aber solchen, die in höchster Präzision und Folgerichtigkeit die Ehre des Philosophen erblicken. Auch darum ist der gegenwärtige Zustand eine begreifliche Begleiterscheinung der neueren Bestrebungen. Auch nach dieser Seite hin ein Symptom des Fortschrittes, aber in sich selbst kein Fortschritt. Das elegische Wort, das MOMMSEN einmal im Rückblick auf die Universalität LEIBNIZens gesprochen hatte, können wir heute nur in gleichem Ton wiederholen: "Unser Werk lobt keinen Meister und keines Meisters Auge freut sich an ihm; denn es hat keinen Meister und wir sind alle nur Gesellen."

Zu einem gewissen einheitlichen Gedankenbau gelangt zwar ein jeder, der den Sinn aufs Größte gerichtet hält und alle Kräfte des Denkens und der Imagination diesem Ziel zuwendet. Denn Einheitlichkeit ist nicht das spezielle Merkmal einzelner Systeme, die sie durch schematisierende Formeln erzwingen wollen, sondern sie ist die selbstverständliche Eigenschaft eines jeden völlig durchgearbeiteten Gedankenkomplexes. Fügen sich nun solche Gedankenkomplexe in neuen Individuen zusammen und lösen sich ihre scheinbaren Widersprüche allmählich auf, so muß sich von selbst als wachsender Gewinn aus der Arbeit vieler, die keineswegs immer Berufsphilosophen zu sein brauchen, eine neue einheitliche Weltanschauung aufbauen. Ob sie dann das Gemüt ebenso wie den Verstand befriedigen wird, hängt teilweise auch vom Gemüt ab. Denn auch dieses unterliegt einer gewissen Umbildung. Nicht jeder sehnt sich nach den Göttern Griechenlands oder Ägyptens und vom Christentum gehört doch mindestens der persönliche Teufel nicht mehr zu unseren Herzensbedürfnissen.

In solcher Weise hat mancher Lebende die verlorene Harmonie des Denkens und Fühlens auf höherer Stufe für seine Person wiedergewonnen und Anhänger seiner Auffassungen gefunden. Aber die höchste Palme menschlicher Geistesarbeit harrt noch des Siegers. Es gälte, eine die Natur- und Geisteswissenschaften gleichmäßig durchdringende Ideenwelt zu schaffen, die mit sachlicher Überzeugungskraft die weitesten Kreise der Forscher bezwänge und durch sie die gebildete Menschheit überhaupt mit neuem Lebensblut füllte. Dies könnte nur einem königlichen Genius gelingen, wenn er noch irgend möglich ist, der LEIBNIZens mathematisch-physikalische Begabung, die unbegrenzte Weite seiner Interessen, die durchsichtige Klarheit seiner Gedankenbildung mit KANTs bohrendem Tiefsinn und ethischem Pathos vereinigte. Hoffen wir, daß ein solcher Genius komme und daß es wieder unserem deutschen Vaterland beschieden sei, ihn hervorzubringen. Hoffen wir aber auch, daß, was immer die Zukunft bringen möge, sie uns dreierlei nicht nehme: die Einigkeit unter den Nationen, die zu gemeinschaftlicher Geistesarbeit berufen sind, die Einfalt des Sinnes, ohne die auch Schlangenklugheit nicht zur Wahrheit führen kann und die Freiheit wissenschaftlicher Forschung und Lehre, die keine Wissenschaft so unbedingt und rückhaltlos beanspruchen muß, wie die Philosophie.
LITERATUR - Carl Stumpf, Die Wiedergeburt der Philosophie, Rede zum Antritt des Rektorats der Königlichen Friedrich-Wilhems-Universität in Berlin am 15. Oktober 1907, Leipzig 1908