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CARL VOGT
Köhlerglaube und Wissenschaft
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"Dem Laien gelten die Resultate der Wissenschaft als Wahrheiten; er muß sie hinnehmen auf Treu und Glauben, denn er kann nicht auf den Wegen nachgehen, die man zu ihrer Erreichung gewandelt ist. Der Fachgenosse kann diese Wege untersuchen; was man ihm geboten hat, kann er kritisch zerlegen; er kann die Fehler der Methode nachweisen oder die Richtigkeit des Resultates bestätigen. Diese Kritik ist dem Laien unmöglich, weil er bald nicht Mittel, bald nicht Kenntnisse, bald nicht Zeit hat, sie zu üben; ihm bleibt als Anhaltspunkt nur das Vertrauen auf die Kritik der Fachgenossen, auf die Währung des Namens, der ihm diese oder jene Resultate vorführt."

I. Historisches und Persönliches
[Fortsetzung]

Welch' engelgleiches Gemüt muß Herr WAGNER besitzen, daß er nicht wenigstens seine Hälfte reklamiert, daß er seine beiden Kollegen nicht wenigstens literarischen Diebstahls bezichtigt, da ihm schon das "Diskreditieren der Beobachtungen anderer von vornherein" eine "ethische Verirrung" schien! Doch man beruhige sich! Trotz des kategorischen "Wir" in der Allgemeinen Zeitung wird Herr WAGNER dennoch über diesen Punkt keine Reklamation erheben und man wird fortfahren, ohne eine Sünde am Entdecker WAGNER zu begehen, die Körperchen "MEISSNERsche Körperchen" und Herrn MEISSNER "Entdecker der Tastkörperchen" zu nennen. Aber durch diese Benennungen wird man auch wissen, wer diese Körperchen wirklich zuerst fand und wer mit ihrer Entdeckung als echter Scharlatan auf die Schaubühne der großen Publizität trat und sich dort gebärdete, als seien nun die sieben Siegel vom Grabe SALOMONs gelöst. Indem SIEBOLD Herrn MEISSNER den Entdecker der Tastkörperchen und KÖLLIKER die Körperchen MEISSNERsche Körperchen nennt, geben diese beiden Forscher wirklich nur dem Kaiser, was des Kaisers ist und lassen dem Scharlatan, was des Scharlatans ist.

Wir haben so Herrn WAGNER schon über den Punkt hinaus begleitet, wo er seiner literarischen Nichtsnutzigkeit durch die Veröffentlichung der sogenannten physiologischen Briefe in der Allgemeinen Zeitung die Krone aufsetzte. Da dieses Faktum aber auf das Engste mit der Entstehung meines Streites mit ihm verknüpft ist, so komme ich erst jetzt darauf zurück. Ich befand mich damals in Nizza, wo ich neben den vielen Arbeiten ums Brot auch einige selbständige Untersuchungen machen konnte, die freilich nicht ganz so reichlich ausfielen, als man es bei längerem Aufenthalt hätte erwarten dürfen. Die Allgemeine Zeitung war das einzige deutsche Blatt, welches uns dort in die Hände fiel; wir waren vielleicht dadurch empfindlicher für den Ruf der deutschen Wissenschaft, als wir es bei uns zu Hause gewesen wären. Die physiologischen Briefe erschienen. Wir begannen zu lesen und mußten mehrmals nach der Unterschrift sehen, um an den Verfasser glauben zu können; - wir folgten der Veröffentlichung aufmerksam und unser Erstaunen steigerte sich zur Entrüstung! Noch nie war ein solches Sammelsurium von Plattheiten und Trivialitäten, von hochtrabenden Floskeln und marktschreierischen Anpreisungen mit ähnlicher Unverschämtheit vorgetragen worden; - noch nie war ein ordnungsloseres Haufwerk von Anekdoten, Sprüchen, Glaubensbekenntnissen und Absurditäten aus allen Winkeln zusammengekehrt worden, wie in diesem Machwerk der Impotenz. Was aber am meisten entrüsten mußte, das war die Art und Weise, wie neben den Resultaten der Wissenschaft auch alberne, dogmatische Spitzfindigkeiten und Hirngespinste dem größeren Publikum als allgemeingültige, wissenschaftlich begründete Sätze dargeboten wurden. Auch wir halten dafür, daß jeder Schriftsteller für seine Worte verantwortlich sei - nicht vor einem zukünftigen fingierten Richterstuhl, sondern vor der Gesamtheit derer, die ihn lesen und verstehen können und durch welche sein Wort bis in die weitesten Kreise hin getragen werden kann. Aber doppelt lastet unserer Meinung nach die Verantwortlichkeit auf dem Schriftsteller, welcher die Resultate der Wissenschaft dem größeren Publikum mitzuteilen unternimmt und hier diejenigen Aufklärungen geben will, die der Stand der Bildung seiner Zeit erfordert. Denn hier mehr wie auf anderen Gebieten gilt jenes unschätzbare Wort LIEBIGs, das ich noch einmal mir erlaube anzuführen: "Jede naturwissenschaftliche Arbeit welche einigermaßen den Stempel der Vollendung an sich trägt, läßt sich im Resultat in wenigen Worten wiedergeben. Allein diese wenigen Worte sind unvergängliche Tatsachen, zu deren Auffindung zahllose Versuche und Fragen erforderlich waren; die Arbeiten selbst, die mühsamen Versuche und verwickelten Apparate fallen der Vergangenheit anheim, sobald nur die Wahrheit ermittelt ist; es sind die Leitern, die Schachte und Werkzeuge, welche nicht entbehrt werden konnten, um zu einem reichen Erzgang zu gelangen; es sind die Stollen und Luftzüge, welche die Gruben von Wassern und bösen Wettern frei halten." Dem Laien gelten diese Resultate der Wissenschaft als Wahrheiten; er muß sie hinnehmen auf Treu und Glauben, denn er kann nicht auf den Wegen nachgehen, die man zu ihrer Erreichung gewandelt ist. Der Fachgenosse kann diese Wege untersuchen; was man ihm geboten hat, kann er kritisch zerlegen; er kann die Fehler der Methode nachweisen oder die Richtigkeit des Resultates bestätigen. Diese Kritik ist dem Laien unmöglich, weil er bald nicht Mittel, bald nicht Kenntnisse, bald nicht Zeit hat, sie zu üben; ihm bleibt als Anhaltspunkt nur das Vertrauen auf die Kritik der Fachgenossen, auf die Währung des Namens, der ihm diese oder jene Resultate vorführt. Ich gestehe offen, daß ich unfähig bin, mir vollständig die Mittel und Wege anzueignen, auf welchen die Astronomen die allgemeine Gravitation und die Bewegung der Erde um die Sonne nachgewiesen haben; - ich bin kein Mathematiker und werde mir niemals anmaßen, die Rechnungen von KOPERNIKUS, KEPLER, NEWTON und LAPLACE meiner Kritik unterwerfen zu wollen. Nichtsdestoweniger bin ich vollkommen von der Wahrheit des Resultates überzeugt, zu welchem alle diese Männer gelangten und wenn auch in der Bibel das Gegenteil davon geschrieben steht und Herr WAGNER ganz in meinem Fall sein dürfte, was mathematische Befähigung betrifft, so wird er dennoch, trotz seines lebendigen Glaubens an die unmittelbare Offenbarung, zugestehen müssen, daß sich die Erde bewegt und die Sonne still steht; - denn er wie ich, wir sind beide Laien gegenüber der Astronomie und verhalten uns dieser Wissenschaft gegenüber wie die übrigen Laien gegenüber der Physiologie. Darum gerade aber ist es schändlich, einen Namen, der mit Recht oder Unrecht, durch Gunst oder Ungunst ein Name geworden ist, so zu mißbrauchen, daß man die faktischen Resultate der Wissenschaft mit eigenen Träumen und Hirngespinsten trügerisch vermischt und das Potpourri dem Laien so darbietet, als sei all das auf demselben Weg gewonnen worden. Ein solches Verfahren ist für uns mehr als eine Sünde gegen den heiligen Geist; - es ist eine Sünde an der lebendigen Überzeugung des Volkes, dem man auf diese Weise Steine darbietet, während es Brot verlangt. Je üppiger also das WAGNERsche Unkraut in der Allgemeinen Zeitung wucherte, desto nötiger war es, in seine geilen Sprößlinge einen scharfen Hieb zu führen. Ich tat dies in meinen "Bildern aus dem Tierleben" und setze diese Stelle, die als Schlußwort des Buches gilt, hierher, damit man sehen kann, in welcher Weise sich der Streit entspann, in welcher er später fortgeführt wurde.
    "In dem Augenblick, als ich dieses zum Druck befördere, fällt mir eines jener Blätter der Augsburger Allgemeinen Zeitung in die Hand, in welcher Herr RUDOLF WAGNER in Göttingen unter dem Titel "Physiologische Briefe" vom Geist Gottes, der über den Wassern schwebt, von König LUDWIG von Bayern, von den Fingerspitzen schöner Damen und dem zarten Flaum auf dem Rücken ihrer Arme, von Eisenbahnen und Nildampfschiffen, von der Bibel und den Büchern MOSES, von Vorlesungen über die Naturgeschichte des Menschen - (so stand ich - so lag der Griechenschädel vor mir - so hatte ich zur rechten Hand einen Kretin, zur Linken einen Neger - - so lag ich und so führt' ich meine Klinge) - und gelegentlich auch zur Schande der deutschen Wissenschaft und zur gänzlichen Vernichtung ihres früheren Rufes etwas von Physiologie schwatzt, wenn auch Letzteres in sparsamer Dosis. In diesem Blatt spricht auch Herr WAGNER seine Überzeugung aus, daß sich die Seele  teilen  könne und findet den Beweis darin, daß das Kind von Vater und Mutter vieles erbe - da müsse sich doch die Seele des Vaters, der Mutter geteilt haben, um dem Kind dieses oder jenes mitzuteilen. Was heißt das anders, in verständliches Deutsch übersetzt, als daß dem Kind gewisse Eigentümlichkeiten der Organisation mitgeteilt werden, welche sich auch im Gehirn finden, so gut als in der Nase oder der Handform (beiläufig gesagt, sind Hand und Fuß in ihrer Form weit charakteristischer für Familienähnlichkeit, als das Gesicht, an welches man sich gewöhnlich hält) und daß sich demnach auch eine Familienähnlichkeit in geistigen Eigenschaften vererben muß. Geteilte Seelen aber, welch' entsetzlicher Unsinn! Die Seele, welche gerade der Inbegriff, das Wesen der Individualität, des einzelnen, unteilbaren Wesens ausmachen soll, die Seele soll sich teilen können! Theologen, nehmt Euch diesen Ketzer zur Beute - er war bisher der euren einer! Geteilte Seelen! Wenn sich die Seele im Akt der Zeugung, wie Herr WAGNER meint, teilen kann, so könnte sie sich auch vielleicht im Tod teilen und die eine mit Sünden beladene Portion ins Fegefeuer gehen, während die andere direkt ins Paradies marschiert. Herr WAGNER verspricht zum Schluß seiner physiologischen Briefe auch Exkurse in das Gebiet der Psychologie der geteilten Seelen!"
Herr WAGNER antwortete darauf in der Allgemeinen Zeitung, Beilage vom 22. November 1852 und man möge aus dem folgenden Abdruck ersehen, wie er die Polemik führte. Herr WAGNER hat mit einem Wiederabdruck dieses Faktums gedroht, den ich ihm gern erspare; denn ich darf billig einen Jeden auffordern zum Richter zwischen mir und ihm; ich darf billig einem Jeden die Frage vorlegen, wer zuerst die Bahn des Humors verließ, um zu anderen Waffen zu greifen.
    "Im 13. physiologischen Brief hatte ich die Frage berührt: ob die Seele teilbar ist? Ich bemerkte damals, daß ich bei einer näheren Prüfung dieser Frage zu dem Resultat gekommen sei, die Seele müsse teilbar sein und ich behielt mir die nähere Erörterung für die zweite Serie der physiologischen Briefe vor. Seitdem haben diese letzteren und insbesondere die Aufstellung der These von der Teilbarkeit der Seele einen mit seiner bekannten frivolen Grobheit auftretenden Gegner an Herrn KARL VOGT gefunden, der, nachdem er von der Zoologie zur Politik übergegangen war, und sich von der Professur in Giessen binnen kurzem zum erhabenen Posten eines deutschen Reichsregenten emporgeschwungen hatte, gegenwärtig wieder als Lehrer der Geologie in Genf angestellt ist. In einem soeben erschienenen Buch greift derselbe diese Ansicht von der Teilbarkeit der Seele an.
Da es die einzige der vielen Schmähstellen über den Verfasser der physiologischen Briefe ist, in welcher derselbe einigermaßen sachlich eingeht, so mag sie hier als Probe seiner Polemik stehen ... Es scheint, daß Herr KARL VOGT gar keine Ahnung hat, daß die Frage nach der Teilbarkeit der Seele eine uralte ist und Jahrhunderte lang die heidnische und christliche Philosohie des Altertums beschäftigt hat. ... Wer die physiologischen Briefe und das Buch des Herrn VOGT gelesen hat, der wird keinen Augenblick zweifelhaft sein, woher dieses Autors jetziger Grimm gegen den Verfasser stammt. Derselbe rührt von jener Stelle im 6. Brief her, wo, ohne daß der Name des Autors genannt wurde, eine unwiderlegliche Kritik an einem Satz des Herrn VOGT geübt ward, in welchem derselben in einem verbreiteten Werk die ganze Physiologie der Seele auf einer halben Seite abmacht. .... Nach diesen Worten sieht es aus, als könnte man die Erscheinung der Seelentätigkeit bald in eine sehr einfache Formel fassen. Wenn der Verfasser dieser gedankenreichen Exposition des so verwickelten und mannigfaltig gegliederten Prozesses der Gedankenbildung sich darauf beschränkt hätte, zu erklären: daß die geistigen Produkte mancher Individuen in Bezug auf den wahren Wert derselben keine höhere Dignität hätten, als die Galle und den Urin, so hätte man ihm vielleicht, im Hinblick auf den politischen Unsinn, den einzelne hirnverbrannte Köpfe in den letzten Jahren zutage förderten, Recht geben können. Aber auch das möchte nur bedingt angehen, denn aus den Zersetzungsprodukten des Urins ist doch wenigstens ein guter Dünger für nutzbare Pflanzen zu gewinnen, während jene erwähnten Geistesprodukte nur als Fermente zur Zersetzung der gesellschaftlichen Ordnung und nationalen Bildung dienen. Aber wenn wir auch den physiologischen Vergleich zwischen Nieren und Gehirn einen Augenblick gelten lassen wollten, so müßten wir im nächsten Augenblick das Unpassende desselben sogleich bei näherer Betrachtung einsehen. Die Nieren bilden keine neuen chemischen Körper, sondern diese werden ihnen alle fertig von dem zu ihnen strömenden Blut geliefert; was als Urin abläuft, sind Bestandteile des Blutes, welche aus dem Organismus entfernt werden sollen - eine Tatsache, wofür wir alle exakten Beweise in Händen haben. Schwerlich werden dieselben Physiologen sich zu beweisen getrauen, daß das Gehirn ein Filter sei, in welchem die demselben mit dem Blut zugeführten Bestandteile als psychische Tätigkeiten abfiltiert oder in Gedanken metamorphosiert. Dieser Vergleich war umso gedankenloser, da er auf die moderne Physiologie gegründet werden sollte. Man darf jenen Herren nicht die Ehre erweisen, daß sie ein historisches Bewußtsein gehabt und an die Weisheit der Pythagoräer gedacht haben, nach deren Lehre die Seele aus dem Blut bereitet wird, womit diese das Gehirn ernährt. Ich dächte, der Verfasser hätte an dieser Widerlegung genug haben und sich dabei beruhigen können. Daß der Hieb wenigstens vollständig gesessen hat, davon gibt eben der heftige Zorn Zeugnis, den Herr VOGT jetzt überall gegen den Verfasser der physiologischen Briefe ausschüttet. Jedoch hat diese Abfertigung den angenehmen Erfolg gehabt, daß Herr VOGT dadurch veranlaßt wurde, seine ganze psychologische Weisheit noch einmal zusammen zu nehmen und in einem besonderen Aufsatz "Tierseelen" unstreitig das Vollendetste zu geben, das er auf diesem Gebiet zu liefern imstande war. Ehe ich auf diesen Aufsatz näher eingehe, will ich doch eine Stelle aus einem jüngst erschienen Werk anführen, dessen Verfasser Herr VOGT nicht zu den streng orthodoxen zählen wird. Dieses Werk ist die medizinische Psychologie oder Physiologie der Seele, von HERMANN LOTZE, einem der scharfsinnigsten Forscher auf dem Gebiet der realistischen Philosophie. Bei Gelegenheit der Kritik der Einwürfe des Materialismus wird auch der VOGTschen Ansicht gedacht. LOTZE sagt hier: "Sowie die Funktion des Muskels Kontraktion ist, sowie die Nieren Urin absondern, auf gleiche Weise erzeugt das Gehirn Gedanken, Bestrebungen, Gefühle. Ob alle Gedanken der Menschen auf diesen uropoetischen Wegen entstehen sollten, bezweifle ich; nur dieser Ausspruch selber könnte auf die Vermutung bringen, es sei doch möglich. Auf die gleiche Weise, sagt man, und welches ist diese Weise? Die Funktion des Muskels besteht darin, daß  seine  Teilchen in veränderte Lagen geraten, die Funktion der Nieren darin, daß sie einer Quantität von Flüssigkeit, die schon vorher vorhanden war und auf deren chemische Mischung sie vielleicht durch ihre eigenen Strukturbestandteile einigen Einfluß ausüben, den Durchgang durch eine organische Membran gestatten. Welch ein unfiltrierter Einfall nun, zu behaupten, auf  gleiche Weise  oder auch nur irgendwie damit vergleichbar, entstehe der Gedanke, der Wille, das Gefühl! Sind sie Zuckungen der materiellen Substrate, so sind sie nicht Gedanke, nicht Wille, nicht Gefühl; werden sie vom Gehirn nur abgesondert, so waren sie vorher da und das Gehirn erzeugt sie vielmehr eben nicht; bildet sie etwa das Gehirn aus einem anderen Material aus, so wie vielleicht die Nieren aus dem Blut den Urin erzeugen, so wähle man, ob dieses vorangehende Material physischer oder psychischer Natur war. Im letzteren Falle würde das Gehirn einem Prozeß, dessen eigentümliche Qualität es nicht erzeugen kann, nur eine nähere Bestimmung erteilen, was nicht unmöglich, sondern sehr wahrscheinlich ist; im ersten dagegen würde ein physischer Prozeß einen zweiten gleichen durch seinen Einfluß in einen psychischen verwandeln - ein Ereignis, das mir wenigstens durch jene gedankenlosen Vergleichungen, die ich den Äußerungen nicht unbekannter Männer entnahm, nicht im mindesten begreiflicher wird." Wird Herr VOGT sich nunmehr zufrieden geben? Wird er endlich aus den urinösen Gedanken herauskommen? Doch nein, das zeigen seine neuesten Aufsätze."

Im folgenden Abschnitt kommt ein langes Exzerpt aus meinen Bildern vom Tierleben, über das Verhältnis der geistigen Funktionen, worin darauf hingedeutet wird, daß Stimmung und Entschluß, freier Wille und überhaupt jede Seelenfunktion von der augenblicklichen materiellen Zusammensetzung des Gehirns abhängt. Herr WAGNER fährt nach diesem Zitat fort:
    "Traut man seinen Augen, wenn man das liest? hat man je von einem vernünftigen Menschen einen solchen Unsinn über die menschliche Freiheit aussprechen hören? Es ist gut, daß der Verfasser selbst die logischen Konsequenzen aus seinen Untersuchungen gezogen hat, so daß wir uns begnügen können, dieselben durch einige Beispiele aus der eigenen Lebenserfahrung des Verfassers zu erläutern. Nach einer allgemein in der Schweiz verbreiteten Nachricht kam der Verfasser vor einigen Jahren, noch ehe er deutscher Reichsregent war, wegen einer seiner unbesonnenen und beleidigenden Äußerungen über die Sittlichkeit der Schweizerinnen in argen Konflikt mit der männlichen Bevölkerung des Berner Oberlandes. Wir wissen nicht ganz genau wie weit dieser Konflikt gediehen. Wenn aber die Sache stattfand, wie sie erzählt wird, so würden nach der Theorie des Verfassers  de libero arbitrio  [Augustinus, Über den freien Willen - wp] nicht bloß die blauen Flecke auf seinen Rücken unfreiwillige Folgen jenes Konflikts sein - was wir ja auch recht wohl von unserem Standpunkt zugeben - sondern auch jene Konfliktsakte selbst, von den Fäusten handfester Bürger und Bauern herrührend, müßten sich durchaus so verhalten wie die Faustkrämpfe der Hysterischen, d. h. es würden nur zwangsmäßige Äußerungen infolge der krankhaft aufgeregten Disposition jener oberländischen Hirnkonstruktionen sein. Es wäre hart, dem Verfasser jener sonst so trostlosen Theorie diesen harmlosen Trost für die erfahrende Behandlung zu rauben. Schwerlich wird aber selbst das ihm sonst befreundete Publikum glauben, wenn er auch gleiche Weise jene bekannte Bewegung, mit welcher sich einst sein Freund HERWEGH unter das Spritzleder versteckte, für eine unfreiwillige erklären will, obwohl selbst wir hier einige primäre mangelhafte, das Organ des Mutes betreffende Disposition in des Dichters Hirnfasern nicht ableugnen wollen. Einer der edelsten und geistreichsten unserer lebenden Staatsmänner läßt in seinem berühmten Gesprächen über Staat und Kirche einen der Sprechenden Folgendes sagen:

    "Die ganze Bürgschaft für das Übersinnliche entspringt doch immer nur aus der Antwort für die Frage: was wird aus dem Menschen nach seinem leiblichen Tod? Wer in unserer Zeit eine Grundlage der Moral, Religion und Politik für die entchristeten Massen schaffen will, der muß die Fortdauer nach dem Tod wieder zur Gewißheit aller erheben."

    Zu denjenigen, welche diese wohlgemeinte, aber wie es uns scheint von vornherein von diesem Standpunkt aus nicht ausführbare Ansicht teilen, gehört bekanntlich Herr VOGT nicht. Mit jenem Behagen, welches ihn und seine Gesinnungsgenossen charaktersiert, sucht er auch alle Weise in seinen Schriften alles, was auf einen Schöpfer und Erhalter der Welt, alles, was auf eine Seelensubstanz, als eines an und für sich seienden Wesens, alles, was auf eine übersinnliche Erkenntnis und moralische Grundlage seines Daseins hinweist, als dummes Zeug in Alt und Jung auszurotten und aus der Betrachtung der Natur hinauszufegen, was über den ordinärsten Materialismus hinausgeht. Daher setzt er auch seinem erwähnten Aufsatz über Tierseelen eine Stelle aus PLINIUS vor, in welcher dieser römische Autor den Glauben an das Wiederaufleben der Seele nach dem Tod leugnet,

    " da es den Austritt aus dem Leben doppelt schmerzhaft mache, wenn uns sogar noch der Gedanke an die Zukunft bekümmern soll."
Als ob man diesem geistlosen Kompilator des Altertums, dem Herr VOGT selbst sonst gewiß nicht das Prädikat eines selbständigen Naturforschers zugestehen wird, der sich die einfältigsten Fabeln aufbinden läßt, als ob sich diesem groben Materialisten und Epikureer nicht hundert Stellen aus PLATON und anderen Philosophen des Altertums entgegenstellen ließen, wo die Gründe für die Unsterblichkeit der Seele analysiert werden! Mögen diese Worte des PLINIUS Herrn VOGT und Konsorten einen kurzen Trost gewähren. Vielleicht wird auch er einst die Tage herankommen sehen, von denen es heißt: sie gefallen mir nicht, die Tage, welche selbst HEINRICH HEINE zur Erkenntnis eines persönlichen Gottes geführt haben! Ich glaube nicht, daß die Naturforschung je Mittel und Wege finden wird, große metaphysische Wahrheiten zu erweisen oder den "entchristeten Massen" exakte Beweise für das Dasein Gottes zu liefern, da hierfür ein anderes Organ des Geistes bestimmt ist. Aber ich glaube auf der anderen Seite ebenso sicher, daß, den Beweisführungen der Gegner gegenüber, diese auf wissenschaftlichem Weg sich immer in den Sand setzen lassen werden. Da der Verfasser das Prinzip Phrenologie für wahr hält - was der Schreiber dieser Zeilen auch bedingt von seiner Seite zugeben will - so wird er die konsequente Anwendung dieses Prinzips auf sein eigenes Gehirn nicht in Abrede stellen wollen. Wie nun, wenn wir behaupten, daß beim Verfasser, dem wir das Organ der Beobachtungsgabe, des Witzes und des Zerstörungstriebes nicht absprechen wollen, jenes der Vorsicht, der Ehrfurcht, der Hoffnung gänzlich fehlt oder nur im Minimum entwickelt ist, daß er in Bezug auf eine Begabung für übersinnliche Dinge mit partiellem Blödsinn behaftet ist? Wenn wir dies annehmen, wird uns der Verfasser wenigstens nicht vorwerfen können, was er zu tun Lust hat, daß wir ihn der Polizei denunzieren. Nicht im Entferntesten. Es kann gar nichts besseres geben, als wenn seine Bücher überall verbreitet werden. Untersuchungen, bei denen schließlich ein solcher Unsinn herauskommt, brechen sich selbst die Spitze ab. Auch weiter mit ihm streiten, oder ihn widerlegen zu wollen, fällt uns für die Zukunft nicht ein. Es wäre unehrenhaft, noch auf einen toten Gegner losschlagen zu wollen und zum Überfluß warnt uns der Verfasser selbst davor durch seinen nicht unwitzigen Vergleich mit FALSTAFF. Jeder Versuch, sich über seine erwähnten Absurditäten rechtzufertigen, würde für uns nicht das Zeugnis von einer neuen Lebensregung des Verfassers sein. Ein solches könnte höchstens mit einem Sichumkehren im Sarg verglichen werden." Meine Antwort erlitt von Seiten der Allgemeinen Zeitung die unangenehmste Verzögerung und sachentstellende Verstümmelungen. Man suchte so viel als möglich das Schoßkind zu decken, das seinerseits nichts mehr bedauert, als daß der "Meute solcher Gesellen noch eine Menge Blätter als Tummelplatz dient." Wie schön und herzlich könnte man doch in Eintracht zusammen leben, wenn nur die Allgemeine Zeitung existierte, die aufnähme, was ihren Schützlingen gefällig und verweigerte, was ihnen ungefällig ist. Hier meine


Erwiderung

"Als ich das  crimen laesi professoris  [Professorenbeleidigung - wp] mit Vorbedacht beging, wußte ich zum Voraus, daß ich von Seiten des Betroffenen wenigstens der verbesserten Dampfguillotine (1) überantwortet werden würde. Herr WAGNER in Göttingen führt den Reigen - andere werden folgen. Auch die Wiederholung all jener klassischen Stichwörter "Frivolität, Grobheit, Gemeinheit, Mangel an Ehrfurcht etc. erwartete ich - sie sind mir seit 1848 durch die Schreivögel und Wiedehopfe des politischen und unpolitischen Deutschlands zur Genüge geläufig geworden. In dem langen Artikel des Herrn WAGNER überrascht mich deshalb nur eines - der unverhältnismäßige Platz, den meine eigenen Worte darin einnehmen. Außer meinen Sätzen und jenen Stichwörter ist wenig Sonstiges darin zu finden. Möge er meinen Dank für die Verbreitung meiner Ansichten im Leserkreis der Augsburger Allgemeinen Zeitung hinnehmen - ich statte ihn, im Namen des Verlegers, umso lieber ab, als mir Herr WAGNER das  einzige Verdienst unbestritten läßt, nach welchem ich geize  - das, selbst verwickelte Dinge klar darzustellen und ihre Kenntnis in weiteren Kreisen einsichtlich zu verbreiten. Hätte ich noch einen Glauben an Autoritäten, ich würde Herrn WAGNER die Worte BUFFONs zitieren: "Der Stil ist der Mensch" und mit einer verbindlichen Verbeugung von ihm Abschied nehmen.

    "Ehrfurchtslos vor Autorität, welcher Art sie auch sei, bin ich genötigt, einiges beizufügen.
Ob die Gnostiker, TERTULLIAN und andere Christen oder Heiden, Kirchenväter oder Philosophen sich  früher  mit der Teilbarkeit der Seelen beschäftigt haben, war für meinen Zweck vollkommen gleichgültig - es genügte mir, daß Herr RUDOLF WAGNER  in unserer Zeit  Dinge ausgekramt hatte, die in meinen Augen barer Unsinn sind. Herr WAGNER hätte mir eben so gut einwerfen können, daß in alten Rittergeschichten Individuen durch einen mächtigen Schwertschlag in zwei Hälften geteilt worden und diese Hälften munter fortkämpften. Für mich ist Unsinn eben Unsinn, wo er auch herstammen mag. - Übrigens habe ich  nirgends  gesagt, daß ich diese Ansicht des Herrn WAGNER für eine  neue  halte - dieser Herr würde in meiner Schrift vergebens eine Stelle suchen, worin ich gesagt haben könnte, daß in seinen physiologischen Briefen  überhaupt irgendetwas Neues  vorkäme.
    "Man braucht nur die von Herrn WAGNER selbst zitierte Phrase, worin ich sage "daß alle jene Fähigkeiten, die wir unter dem Namen Seelentätigkeiten begreifen, nur  Funktionen des Gehirns  sind, oder,  um mich hier einigermaßen grob auszudrücken,  daß die Gedanken etwa in demselben Verhältnis zum Gehirn stehen, wie die Galle zur Leber oder der Urin zu den Nieren", man braucht nur diese Phrase, sage ich, genau zu lesen und  deutsch  zu verstehen, um einzusehen, daß der von Herrn WAGNER als Hofphilosoph des Göttinger physiologischen Instituts erfundene Herr LOTZE nicht nötig hatte, mir zu beweisen, daß sich das Gehirn weder kontrahiert, wie ein Muskel, noch filtriert, wie eine Niere. Den Beweis, den ich zur Widerlegung meiner Sätze verlangen kann: daß es eine vom Körper unabhängige Seele gebe; daß diese Seele nach dem Tod des Körpers fortleben könne; daß die Seelentätigkeiten  nicht  lediglich Funktionen des Gehirns sind - diesen Beweis haben weder Herr WAGNER noch Herr LOTZE geliefert und Herr WAGNER selbst die Unmöglichkeit eingestanden, ihn zu liefern.'

    "Daß Herr von RADOWITZ zur Stützung  seiner  Politik,  seiner  Religion,  seiner  Moral den Glauben an die Unsterblichkeit nötig habe, ist vollkommen richtig. Ich habe nie verhehlt, daß ich ein absoluter Gegner dieser Politiker und Moral bind - übrigens kenne ich aus längerem persönlichen Verhältnis zu Herrn von RADOWITZ als Gegner denselben genau genug, um zu wissen, daß der General jedenfalls scharfsinnig genug ist, einzusehen, daß hohe Stellungen im Staate auch manche verbindliche Bücklinge in ihrem Gefolge haben.

    Armer HEINE, der mit dem Rest eines halben Gehirns, das ihm noch unerweicht bleibt, von seinem SChmerzenslager herabgezerrt wird! Sagte aber der sterbende ARISTOPHANES nicht selbst noch kürzlich: wo die Gesundheit aufhört, fängt die Religion an?

    Die pikante Geschichte aus dem Berner Oberland, welche Herr RUDOLF WAGNER zur Widerlegung meiner Ansicht über die philosophische Begründung von Recht und Strafe mit so vielem Behagen erzählt, ist eine  ärmliche Lüge,  die einzig darauf beruth, daß ein Individuum gegen eine mißverstandene Stelle aus einem, vor zehn Jahren erschienenen Schriftchen: "Im Gebirg und auf den Gletschern" einen Zeitungsartikel mit Drohungen veröffentlicht hatte. Alles Übrige ist  gelogen. 

    Kurz - ich habe behauptet, daß die Seelentätigkeiten nur Funktionen des Gehirns seien; daß es keine unabhängige Seele gebe; daß aber, wenn man eine solche annehme, eine Teilbarkeit der Seele ein Unsinn sei; daß die physiologischen Briefe des Herrn WAGNER ein ärmliches Machwerk seien, geschrieben zur Schande der deutschen Wissenschaft.

    "Hat Herr WAGNER eine einzige dieser Behauptungen widerlegt oder nur erschüttert?

    "Hinsichtlich meines Urteils über seine  letzten  Leistungen sucht mich Herr WAGNER mit mir selbst in Opposition zu bringen, indem er eine, seine  früheren  Arbeiten anerkennende Stelle meiner "Physiologischen Briefe" abdruckt. Ist es meine Schuld, wenn ein Licht, welches früher einigen Schein warf, jetzt so zum Stumpen herabgebrannt ist, daß es nur noch unerträglichen Talggestank verbreitet?

    Genf, den 28. November 1852.
    C. Vogt."
Herr WAGNER hatte nun Ruhe, das Publikum aber auch, denn das Urteil über die physiologischen Briefe hatte sich unterdessen so festgestellt, aß an eine Fortsetzung derselben nicht zu denken war. Schon am 2. Mai 1853, also kaum ein halbes Jahr, nachdem Herr WAGNER noch mit jenem Ton des Propheten von oben herab die Vortrefflichkeit seiner Arbeit gepriesen hatte, mußte er selbst folgendes Geständnis in die Göttinger gelehrten Anzeigen bei Gelegenheit einer italienischen Übersetzung (!!) der physiologischen Briefe einrücken lassen:
    "Wenn wir mit der Übersetzung von unseren Arbeiten, die wir selbst nicht einmal in Buchform, sondern nur in Zeitschriften veröffentlicht haben, überrascht werden, so können wir uns einer unangenehmen Empfindung nicht erwehren. Dies ist mir auch mit obiger Schrift begegnet, welche mir der Übersetzer mit einem sehr wohlwollenden Begleitschreiben übersandte. Ich selbst hatte nicht die Absicht, die im vorigen Jahr in der Allgemeinen Zeitung abgedruckten "Physiologischen Briefe" wieder zu sammeln. Ich wünschte sie vielmehr der allmählichen Vergessenheit übergeben, als Kinder der Stimmungen des Tages und ich konnte dies nach der Art ihres Erscheinens auch erwarten. Aus der zugesandten Übersetzung sollte ich freilich die Wahrheit der alten Erfahrung ersehen, daß niemand seinem Schicksal entgehen kann, am wenigsten ein Autor.

    "In der Tat mußte ich nach vielen von Freund und Feind vernommenen Urteilen über diese Briefe allmählich die Überzeugung gewinnen, daß ich etwas in Inhalt und Form, ja vielleicht in der ganzen Aufgabe entschieden Verfehltes dem deutschen Publikum geboten habe. Ich muß diese mir nicht ganz leicht gewordene Überzeugung auch heute noch festhalten, trotz der die Eigenliebe sonst bestechenden Erfahrnungen, daß diese Briefe teilweise von deutschen Zeitungen, vollständig von zwei größeren amerikanischen Blättern, im Auszug in der Gazette médicale und nun eigens gesammelt im Italienischen wiedergegeben worden sind.

    "Am nachteiligsten, höre ich, waren die Urteile von Fachgenossen. Nun gestehe ich zwar offen, daß ich über die deutschen "Gelehrten von Profession" in vieler Hinsicht die Meinung GOETHEs teile und mich bei dieser Unternehmung am wenigsten um dasselbe kümmern würde. Schon in ein öffentliches Zeitungsblatt etwas zu schreiben, gilt vielen Fachgenossen für eine der Hoheit der Gelehrtenwelt sich entäußernde Tat, während ich dies für ein Überbleibsel des Pedantismus und Gelehrtendünkels aus dem vorigen Jahrhundert halte. Selbst das, was in England seit Jahren als die höchste und schwierigste Aufgabe wissenschaftlicher Männer galt, den Inhalt ihrer Spezialfächer in populärer Form zu verbreiten, erregt noch hie und da in Deutschland ein vornehmes Achselzucken. Außerdem ist ja das Nörgeln des einen deutschen Gelehrten über die Leistungen des anderen ein sehr allgemein geübtes Geschäft und aus der Kleinlichkeit unserer öffentlichen Verhältnisse erklärbar. Je mehr jemand aus dem engsten Kreis der Forschung und Mitteilungsweise heraustritt, umso häufiger hört man: "BRUTUS ist doch ein ehrenwerter Mann!"

    Ein fernerer Grund der Ungunst und des Lärmens über die physiologischen Briefe ist übrigen unstreitig die Entschiedenheit, mit welcher ich im sechsten Brief meine Ansicht über das Verhältnis des Glaubens zum Wissen ausgesprochen habe. Daran hat nicht bloß der "caporione di materialismo" [Häuptling des Materialismus - wp], wie der italienische Übersetzer einen der jüngst aufgetretenen Gegner nennt, Anstoß genommen; sondern in der Tat war dieser Brief für Viele die Losung, ihrem Ärger freien Lauf zu lassen.

    Das alles würde indessen doch nur einen sehr geringen Eindruck auf mich gemacht haben, hätte ich nicht die Überzeugung gewinnen müssen, daß auch wohlwollende und vollkommen urteilsfähige Männer wenigstens einen Teil der Briefe für verfehlt in Form und Inhalt halten. Die zuerst erschienen scheinen angezogen zu haben. Man erwartete aber eine weitere Ausführung und eine Lösung der darinnen gestellten Fragen, eine strengere Form der Behandlung und keine solche desultorische [planlose - wp] Verbreitung, bald über diese, bald über jene Materie.

    Ich muß dies wohl als gegründet zugeben. Nur darüber möchte ich meine Verwunderung aussprechen, daß trotzdem der Inhalt der einzelnen Briefe so viel gelesen wurde, wie mir aus einzelnen Gesprächen und zahlreichen Zuschriften aus verschiedenen Teilen des In- und Auslandes klar geworden ist.

    Die ersten Briefe waren in einer sehr anregenden Stimmung entfernt von der Heimat auf der Reise geschrieben. Später traten öffentliche und private peinliche Zustände ein. Ein sehr gestörtes körperliches Befinden vermehrte die geistige Unbehaglichkeit und nachdem einmal der erste frische Fluß der Briefe unterbrochen war, gestaltete sich deren Fortsetzung immer mehr zu einer Handlung der Pflicht, statt daß sie eine Tat freier Neigung hätte bleiben müssen.

    "So lastet auf diesem Unternehmen im Kleinen dasselbe Schicksal, welches die großen Unternehmungen des Vaterlanges seit 1848 zu keinem erfreulichen Fort- und Ausgang gedeihen ließ." (2)
Ich dachte wahrlich kaum mehr an Herrn WAGNER und seinen im Interesse des Glaubens unternommenen Kreuzzug und hatte dieses, in den Göttinger gelehrten Anzeigen abgedruckte Geständnis gar nicht zu Gesicht erhalten. Herr WAGNER sah sich aber veranlaßt, seine mit anderen unternommenen Arbeiten über die feinere Anatomie der Nerven noch einmal (zum wievielten Male?) als eigenes Werk unter dem Titel "Neurologische Untersuchungen" abdrucken zu lassen und diesem wiederholten Abdruck sein Geständnis anzuhängen. Mit der Ansicht dieses Werkes wurde mir zugleich die Nachricht, daß Herr WAGNER sich auf einen neuen Ausfall vorbereitete, welcher  á grand orchestre  [großes Orchester - wp] bei der Naturforscherversammlung in Göttingen stattfinden sollte. Dort wollte man die Frage den versammelten Naturforschern vorlegen und gleichsam wie von einem Konzil von Bischöfen das Verdammungsurteil über die verderbliche Richtung der Wissenschaft sprechen lassen. Ort und Zeit waren hierzu ganz so gewählt, wie es dem Feigen geziemt. Es gilt für eine alte ehrbare Regel, daß man den Gegner auch nur da angreift, wo er sich verteidigen kann. Feder gegen Feder, Mund gegen Mund, Waffe gegen Waffe; daß man Wind und Sonne gleich teilt und  fair play  in allen Stücken walten läßt. Vor einer großen Versammlung, in einer öffentlichen Sitzung, wo nur Vorträge gehört und keine Diskussionen gepflogen werden können, griff mich Herr WAGNER an, den Abwesenden, von dem er wohl wußte, daß er nicht erscheinen könne, ums ich ihm gegenüber stellen zu können. War dieses Verfahren schon undelikat zu nennen, so war die Art und Weise, wie WAGNER die Frage stellte, eine wahrhaft tückische Hinterlist gegen diejenigen Männer, welche in wissenschaftlicher Hinsicht ihm gegenüber treten konnten. Denn in jenem Vortrag, über dessen Verkauf in 3000 Exemplaren (3) er jubelt, wird kein Wort über die wissenschaftliche Begründung der Differenzen gesagt, sondern ein Angstschrei erhoben um die Existenz des Bestehenden, um die Staatsordnung, um die Moral, um die "sittlichen Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung" mit einem Worte. Aus der Wissenschaft heraus trat Herr WAGNER von vornherein als Ankläger, als politischer Denunziant derjenigen auf, die geneigt sein könnten, seinen Handschu aufzuheben; - von vornherein rief er in einer Zeit, wo wahrlich keine vollkommene Freiheit in solchen Dingen herrscht, die politische Staatsrache auf, ihm beizustehen. Indem er im Namen der Wissenschaft zur Diskussion aufforderte, denunzierte er im Namen der Politik schmählicherweise seine Gegner als Feinde der bestehenden Staatsgewalt. Indem er gewissermaßen zu einem ehrlichen Duell provozierte, legte er zugleich den Hinterhalt, in welchem sein Gegner sich verstricken sollte.
    "Halten Sie den Zustand unserer Wissenschaft wirklich für hinreichend reif", rief Herr WAGNER den Versammelten zu, "um aus deren Mittelpunkt heraus die Frage über die Natur der Seele überhaupt zu entscheiden?`Und wenn so, sind Sie geneigt, auf die Seite derjenigen zu treten, welche eine eigentümliche Seele leugnen zu müssen glauben?

    "Diese beiden Fragen sind rund, klar und bestimmt formuliert. Möchte Ihre Antwort, wenn Sie je auf dem Weg Ihres wissenschaftlichen oder praktischen Berufes in den Fall kommen, eine solche zu erteilen, ebenso unzweideutig ausfallen. Alle Halbheit ist des freien wissenschaftlichen Forschers unwürdig. Aber ich kann mir nicht denken, daß Sie bei einer ersten Vertiefung in den Gegenstand zu Resultaten kommen sollten, welche die Naturwissenschaften in den Verdacht bringen müssen, die sittlichen Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung völlig zu zerstören. Nur indem wir diese stützen und erhalten, erfüllen wir eine Pflicht gegen die Nation. Unsere Nachkommen werden uns darüber Rechenschaft abfordern."
So war die Falle gelegt: trat kein Gegner auf, so wurde der Sieg nach allen vier Weltgegenden ausposaunt, meldete sich ein Gegner, so war er der heimlichen Feme verfallen; - seine Anstellung oder Beförderung in Deutschland in Frage gestellt.

Aber die Dinge wendeten sich anders und statt mit Lorbeeren gekrönt, ging Herr Wagner nur in der Weise aus dem selbstangezettelten Kampf hervor, daß in jedem die Überzeugung einer gänzlich gefallenen Größe sich feststellen mußte. Hören wir darüber den Bericht eines Unbeteiligten, des Dr. RECLAM, der gewiß den allgemeinen Eindruck, den Herr WAGNER machte, vollkommen richtig darstellt und der seine Analyse der ersten Hälfte der WAGNERschen Rede in folgender Weise schließt (Deutsches Museum von PRUTZ, 1854, Nr. 47):
    "Die erste Hälfte seiner Rede schloß der Redner mit folgenden Worten: "Dies ist, wenn Sie so wollen, mein wissenschaftliches Glaubensbekenntnis." Als Hofrat RUDOLF WAGNER diese Worte sprach - hatte er vielleicht vergessen, wo er sich befand? vergessen, daß er als Göttinger Professor der Physiologie vor Naturforschern sprach und glaubte er statt dessen vielleicht sich auf dem gleichzeitigen Kirchentag zu Frankreich zu befinden? Dorthin hätten Glaubensbekenntnisse vom Katheder aus allerdings gepaßt, unter den in Göttingen versammelten Naturforschern dagegen war man der Meinung, daß jerder nur in seinem Herzen und in stiller Kammer seine Glaubensartikel sich zu bestimmen habe, nicht auf dem Marktplatz öffentlicher Sitzungen. Was hätte nur daraus werden sollen, wenn nach Herrn WAGNERs Beispiel auch nur der fünfte Teil der Anwesenden, wenn auch nur Hundert ihre "Glaubensbekenntnisse" öffentlich zu verkündigen sich gedrungen fühlten?"
Dann berührt RECLAM kurz die zweite Hälfte der Rede und fährt fort: "Dem Berichterstatter ziemt es nicht, von seinem eigenen wissenschaftlichen Standpunkt aus den Inhalt dieser Rede einer verwerfenden oder beistimmenden Kritik zu unterziehen; denn der Bericht würde dann dem Urteil der Leser vorgreifen und aufhören, parteilos und objektiv zu sein. Wohl aber ist er verpflichtet, über die Form des Vortrags und über die Art der geistigen Schachzüge das Urteil der Zuhörer in Worte zu fassen, so weit er dasselbe in Erfahrung gebracht hat. Dieses Urteil lautete freilich nicht sehr günstig! Man erwartete und war berechtigt zu erwarten, daß ein Lehrer der Physiologie einen der wichtigsten Streitpunkte seiner Wissenschaft in einer Versammlung von Fachgenossen auf andere Weise erörtert werde, als durch Vorbringen einiger Spottreden gegen seinen Gegner und durch Anführen einer Stelle aus eine populären Schrift eines Publizisten (RADOWITZ). Man war mit Recht erstaunt, daß ein Lehrer der Physiologie zur öffentlichen Bekämpfung eines Gegners keine Waffen der Wissenschaft verwende, sondern es vorziehe, seiner Wissenschaft (wem sonst?) öffentlich ein geistiges Armutszeugnis zu erteilen und nach Anführung einiger voreiliger und logisch nicht begründeter Schlußfolgerungen eine ganz naturwissenschaftliche Richtung vom (juristischen) Prinzip der Nützlichkeit zu verwerfen. Keine wissenschaftliche Partei hat je das Utilitätsprinzip gebilligt! Jede hat der freien Forschung das Wort geredet und dem Bestehen der Wissenschaft um ihrer selbst willen, nicht als Leibeigenen der Nützlichkeit. Wenn Herr WAGNER dieses Prinzip als oberste Richtschnur gelten lassen will, so müssen die Streichhölzer verboten werden, denn es kann eine Feuersbrunst durch sie entstehen - gegen die Lokomotive müssen Steckbriefe erlassen werden, denn es sind bereits Menschen überfahren worden und die Häuser dürfen keine Stockwerke enthalten, damit niemand aus dem Fenster fallen kann! VOGT hat für seine Ansicht ins Feld geführt: die wissenschaftliche Tatsache und die logische Folgerung. Wenn WAGNER ebenbürtig streiten wollte, so mußte er sich gleich Waffen bedienen oder die Unechtheit jener Kämpen nachweisen.  Die  Art des Kampfes aber, welche er vollführte, war des ernsten Gegenstandes, der Bedeutung der Versammlung und seiner Stellung an der Universität Göttingen gleich unwürdig!" WAGNER hätte besser getan, seinen Zuhörern nicht noch einmal jenen Ekel in das Gedächtnis zu rufen, welchen sie und jeder Gebildete vor seinen Zänkereien mit VOGT (in der Allgemeinen Zeitung) einst empfanden.  Die Erinnerung an jenen Streit ist ihm am wenigsten günstig  und wenn bei vielen Mitgliedern der Naturforscherversammlung der Nimbus gründlich zerstört ist, welcher sich bis dahin um WAGNERs Stirn zog, so hat er dieses Zerstörungswerk ganz allein verrichtet. ...
    "Hofrat WAGNER stand nicht an, bei der Wiedereinführung des am Tage vorher angeregten Streitpunktes auch seinerseits einen Schritt zur Wahrung seines Parteistandpunktes zu tun und forderte seine Gegner, speziell den Doktor LUDWIG aus Zürich, zu einer wissenschaftlichen Disputation über die Frage: Ob Seele, ob Hirn? für den übernächsten Tag heraus. Der Genannte war zufällig abwesend, hatt auch schon erklärt, daß ihn am nächsten Tag unaufschiebbare Geschäfte zur Abreise nötigen würden, ließ sich in Folge der Aufforderung dennoch aber bewegen, bis zum gesetzten Termin zu bleiben.

    "Zwar hat man in der gelehrten Welt länst den Stab über die Zungenkämpfe wissenschaftlicher Disputationen gebrochen, weil in der Regel Gewandtheit und Übung im Sprechen mehr Hoffnung auf den Sieg in denselben haben, als Kenntnisse und Gediegenheit; allein die Aussicht, in einer so bedeutsamen Frage die Vorkämpfer verschiedener Heere gleich den Helden vor Troja angesichts der Heere den Kampf bestehen zu sehen, lockte doch die Mehrzahl und zahlreiche Zuhörer erschienen amf festgesetzten Tag vor den Schranken. Zu Professor LUDWIG gesellte sich der Genosse seiner Richtung in dieser Frage, Professor FICK aus Marburg und außerdem vernahm man noch, die praktischen Ärzte Dr. SCHARLAU aus Stettin und Dr. SPIESS aus Frankfurt, beide durch schriftstellerische Tätigkeit vorteilhaft bekannt, ebenfalls gesonnen sein, die Arena als Gegner WAGNERs und seiner etwaigen Meinungsgenossen zu betreten. Noch fehlte dieser aber. Mit Spannung wendeten sich viele Blicke zur Tür hin und selbst der geistvolle Vortrag des berühmten Anatomen Professor HYRTL aus Wien vermochte nicht alle Alle zu fesseln und von der Erwartung des vielbesprochenen Gefechts abzuziehen - - als plötzlich der Sitzungspräsident einen Brief des Hernausfonderes vorlaus, welcher die Hoffnung auf ein Gegenstück zum Sängerkrieg auf der Wartburg vernichtete. Der Hofrath WAGNER teilte mit, daß er wegen plötzlich Unwohlseins nicht erscheinen könnte und daher die "beabsichtigte Diskussion" um  drei Tage  veschieben müsse. Dagegen lud er  auf den nächsten Tag  zu einem Besuch des physilogischen Instituts (dessen Direktor er ist) und zur Anhörung eines Vortrages von ihm in denselben ein. - Einige Ärzte verhehlten sich einander nach dieser Eröffnung nicht ihre hohe Achtung vor dem Scharfblick von WAGNERs Hausarzt, welcher es sicher voraussah, daß er den gewiß nicht unbedeutend Erkrankten (denn wie würde er ohne bedeutende Erkrankung und dringende Nötigung von einem Kampf weggeblieben sein, zu welchem er selber aufgefordert hatte?) in so kurzer Zeit herstellen würde, daß dieser bereits für den nächsten Tag zu einem Vortrag einladen konnte.

    "Der  Vortrag,  zu welchem bei dieser Gelegenheit eingeladen wurde, war nicht von erwähnenswerten Inhalt, da er nur in der Vorzeigung einiger schöner Objekte aus der BLUMENBACHschen Sammlung bestand, ohne daß der leitende Faden eines geordneten Vortrages die einzelnen Gegenstände miteinander verbunden hätte."
Dabei wurden nach RECLAM die Büsten zur Anthropologie von LAUNITZ vorgezeigt. Wahrscheinlich spielte auch der "berühmte Griechenschädel" wieder mit. Herr RECLAM, den ich persönlich kennen nicht die Ehre habe und mit welchem ich niemals in irgendeiner Verbindung gestanden bin, hatte wahrscheinlich, als der dies schrieb, nicht mehr den 13. physiologischen Brief WAGNERs vom 1. März 1852 im Gedächtnis, worin Herr WAGNER sogar die Vorbereitungen zu einem anthropologischen Vortrag, den er vor Damen hielt, dem großen Publikum beschreibt. Wenn ich RECLAMs Erzählung mit jenem Brief vergleiche, so kommt es mir wahrscheinlich ganze so vor, als ob Herr WAGNER den zwei Jahr vorher gehaltenen Damenvertrag vor versammelte Sektion noch einmal wiederholt hätte. Möge ein gütiges Schicksal einen Jeden vor socher Verarmung seines Gehirns bewahren!

Professor LUDWIG gab folgende Erklärung zu Protokoll, die auch im Tageblatt abgebildet wurde: "Professor LUDWIG erklärt, daß er seine Abreise, welche auf Donnerstag Morgen bestimmt war, auf Freitag Morgen verschoben hatte, um an der Diskussion über die Seele Teil zu nehmen, zu welcher Hofrat WAGNER ihn ganz besonders aufgefordert hat. Da nun aber Hofrat WAGNER diese Besprechung auf Sonnabend früh verschoben hat, so sieht er sich genötigt, auf die Teilnahme an derselben zu verzichten."

RECLAM fährt fort: "Die beabsichtigte Diskussion" fand endlich am letzten Versammlungstag statt. Hofrat WAGNER eröffnete dieselbe; er sprach zuerst über die letzten Enden der einzelnen (Primitiv-)Nervenfasern, welche seiner Ansicht nach nicht als Schlingen, sondern frei, gleich abgeschnittenen Fäden, endigen - er berührte dann die verschiedenen Methoden der Hirnuntersuchung und ging drittens plötzlich auf die Ganglienzellen über, welche er "für die allein wirksamen Elemente für die Tätigkeit der Seele" erklärte. Die nachfolgende Debatte bezog sich vorzugsweise auf diese kühne Behauptung und erging sich zwischen den beiden Annahmen, daß zur Funktion dieser Ganglienzellen entweder ein direkter Übergang der Nerven in dieselben unnötig sei (Kontiguität) oder daß er notwendig sei (Kontinuität). Hofrat WAGNER vertrat die letzte Ansicht und schien nicht zu bemerken, daß er dadurch in dieser Frage materialistischer gesinnt sei, wie seine als Materialisten verabscheuten Gegner. Von den letzteren war nur noch Dr. SPIESS anwesend, welcher aber während der Debatte den Saal verließ. So verlief die mit Pomp angekündigte Disputation im Sande."

Es dürfte schwer sein, in den Annalen der Wissenschaft eine ähnliche eklatante Niederlage des Scharlatanismus zu finden, wie diese. Pomphaft tritt der bewaffnete Ritter in die Szene, mannhaft zum Kampf fordernd und zugleich den feigen Hinterhalt legend, der den arglosen Gegner vernichten soll. Nichtsdestoweniger finden sicht Streiter und feige zieht sich der Herausforderer zurück, indem er Krankheit vortäuscht, aber für einen andern Tag, wo er seine Gegner fern weiß, aufs Neue in die Trompete stößt. Dieses Eintagsfieber, das den kühnen Mann zur rechten Zeit befällt, um ihn zu erlösen von der Haltung eines Versprechens, das er öffentlich abgelegt hatte! Wir wissen jedoch schon, wie es Herr WAGNER mit seinen Versprechen hält und wenden uns von diesem Gegenstand ab, indem wir nur noch zum Schluß einige Worte RECLAMs anführen, welche den Stand der Sache am Ende der Naturforscherversammlung hinlänglich dartun.

Der Leser wird sich von der geistigen Strömung und der allgemeinen Auffassung dieser Frage unter den Naturkundigen nach dem heutigen Standpunkt der Erkenntnis ein Bild machen können, zumal wenn er bedenkt, daß sich von den 500 Anwesenden  auch nicht eine einzige Stimme  zugunsten der im Beginn mit so großem Selbstgefühl auftretenden spiritualistischen Richtung erhob, obwohl doch gewichtige Namen und längst bewährte Forscher mit gediegener philosophischer Bildung gegenwärtig waren. Wer seine Zeit erkennen will, für den sind diese Wahrnehmungen nicht ohne Wert. denn bei einem so einhelligen Zusammenwirken kann auch der stärkste Gegendruck keinen Damm mehr bieten, welcher zur "Umkehr" nötigte, sondern er muß notwendigerweise nur das Weiterschreiten in der vorhandenen Richtung umso mehr beschleunigen. Freilich läßt sich dabei auch mit Sicherheit voraussehen, daß sich manche Schroffheit und manche Schärfe des Ausdrucks mit der zunehmenden Klarheit und Sicherheit mildern werde, wozu sich schon jetzt Andeutungen finden lassen. Möge die Gärung immerhin noch brausen! Sie trübt den Blick nur vorübergehend. Nach ihrem Wogen und Drängen klärt sich der junge Most zum goldenen Wein: der Wahrheit!"

Vor wenigen Wochen hat nun Herr WAGNER eine Fortsetzung seines in der Naturforscherversammlung gehaltenen Vortrags in die Welt gesendet, die unmittelbar an eine Erklärung anknüpft, welche ich zeitig genug einigen Redaktionen zugesendet hatte, um damit der beabsichtigten Diskussion in Göttingen die richtige Bedeutung und den etwa sich Beteiligenden einen Fingerzeig zu geben. Diese Erklärung lautet:
    "An die Redaktion der "Allgemeinen Zeitung".

    "Vor fast anderthalb Jahren brachten Ihre Spalten einen langen Angriff gegen mich von Herrn RUDOLF WAGNER in Göttingen, der sich in den heftigsten Ausdrücken besonders gegen zwei von mir ausgesprochene Punkte wandte: gegen meine Ansicht von der Wertlosigkeit der von Herrn WAGNER verfaßten physiologischen Briefe und gegen meine Ansicht von der Existenz einer immateriellen Seele.

    Meine Antwort wurde von Ihnen nur unvollständig wiedergegeben, so daß es scheinen könnte, als hätte ich den Kürzeren gezogen. Gerade in der jetzigen Zeit aber, wo die schon damals von Herrn WAGNER angerufene Polizeigewalt in ähnlicher Sache auftritt, darf ich vielleicht von Ihrer Parteilosigkeit erwarten, daß  Sie  diejenigen Selbstgeständnisse des Herrn WAGNER, die sich auf diese Punkte beziehen, Ihrem ausgedehntesten Leserkreis nicht entziehen werden.

    "Diese Geständnisse, die fast überraschend schnell dem WAGNERschen Angriff auf mich folgten, waren in einem so versteckten Winkel der wissenschaftlichen Literatur (den "Göttinger gelehrten Anzeigen") bisher vergraben, daß sie gewiß den meisten Fachgenossen, wie viel mehr also dem größeren Publikum unbekannt geblieben sein müssen. Auch in der Form der neueren Veröffentlichung sind sie nur auf einen sehr beschränkten, rein wissenschaftlichen Kreis berechnet.
In Bezug auf den ersten Punkt sagt WAGNER (Neurologische Untersuchungen, Göttingen 1854, Seite 242):
    "In der Tat muß ich nach den vielen von Freund und Feind vernommenen Urteilen über diese Briefe allmählich die Überzeugung gewinnen, daß ich etwas  in Inhalt und Form, ja vielleicht in der ganzen Aufgabe Verfehltes  dem deutschen Publikum geboten habe."

    "Was bleibt?"

    Druck und Papier der COTTAschen Offizin!

    In Bezug auf den zweiten Punkt sagt WAGNER (in demselben Buch Seite 198):

    Ich wiederhole es:  Nicht die Physiologie  nötigt mich zur Annahme einer Seele, sondern die  mir  immanente und von  mir  unzertrennliche Vorstellung einer moralischen Weltordnung."

    Da Herr WAGNER somit die Annahme einer Seele für einen rein individuellen Glaubensartikel erklärt,  der nicht  auf physiologischen Gründen, sondern auf ihm persönlich immanenten Vorstellungen beruth, so bedarf es denke ich, von Seiten derjenigen, die eine solche immanente Vorstellung einer moralischen Weltordnung nicht besitzen, auch keiner weiteren Bekämpfung des  Physiologen  WAGNER und seines im gedachten Buch weiter ausgesponnenen Glaubens.
Genf, den 14. September 1854.
CARL VOGT. Ich hebe aus der erwähnten neuesten WAGNERschen Schrift, die den Titel führt: "Über Wissen und Glauben, mit besonderer Beziehung zur Zukunft der Seelen" folgende zwei Stellen aus, welche charakteristisch für den Stil und Geist, aus welchem sie hervorgegangen sind, erscheinen.
    "Es gibt ehrenhafte, in ihrer wissenschaftlichen Stellung allgemein und auch von mir hochgeachtete Männer, welche eine mir ganz entgegengesetzte Weltanschauung haben. Mit ihnen in einem würdigen Ton zu kämpfen, ohne persönliche Gereiztheit (4), aber auch ohne der erlaubten Waffe des Humors ganz zu entsagen, werde ich mir stets zur Ehre anrechnen. Die wahre Scheidewand zwischen ihnen und einer anderen Klasse wird immer  die Lüge und die Frivolität  sein, der die letztere dient. Da man leider eine Begegnung mit derselben nicht ganz vermeiden kann, und die  Meute solcher Gesellen, denen eine Menge Blätter als Tummelplatz dienen,  nicht gering ist, wenn sie auch öfters auch Furcht äußerlich zahm erscheinen, so ist man doch zuweilen genötigt, zu  Peitschenhieben  zu greifen, um sich eine reine Bahn zu verschaffen. Man darf es nicht immer hingehen lassen, wenn dieses  frivole Gesindel  die Nation um die theuersten von unseren Vätern ererbten Güter betrügen will und  schamlos aus dem gährenden Inhalt seiner Eingeweide den stinkenden Atem dem Volk entgegenbläst  und diesem weiß machen will, es sei eitel Wohlgeruch.

    Ich würde hier nur wieder antworten können, wie einst in der Allgemeinen Zeitung, Beilage vom 22. November 1852, worauf ich verweise. Der Wiederabdruck kann in einer allenfalsigen zweiten Auflage erfolgen. Damals hatte ich VOGT mit einem umgekehrten Don Quixote verglichen, weil die auf ihn wirkenden und sehr freiwillig agierenden Arme seelenhafter und muskelstarker Berner Oberländer ihm nach seiner psychologischen Theorie als bloße Windmühlenflügel erscheinen mußten. Bei diesem Vergleich kommt auch nichts auf die variante Lesart an, ob die  schon  wegen gemeiner Schmähung deutscher Ehrenmänner vielfach verdiente Züchtigung wirklich erfolgte,' oder bloß angedroht wurde. Es handelte sich hier lediglich um ein plastisches Beispiel für VOGTs psychologische und strafrechtliche Theorien, das am besten seiner eigenen Lebensgeschichte entnommen) (5) wurde. Seine Begabung habe ich niemals verkannt, so wenig, als die des bekannten Freundes des Prinzen HEINZ, dessen endliches Schicksal er sicher teilen wird. VOGT mag an meine Voraussagung denken: es wird ihn im Alter ergehen wie HEINRICH HEINE (6) Seine Späße werden als abgestanden erscheinen und seine frivolen Witze werden selbst seine früheren Freunde mit Ekel erfüllen. Im kann dann mit König HEINRICH geantwortet werden:

    "Ich kenn dich, Alter,nicht; an dein Gebet!
    wie schlecht steht einem Schalksnarren weißes Haar!
    Ich träumte lang von einem solchen Mann,
    So aufgeschwellt vom Schlemmen, alt und ruchlos;
    Doch nun erwacht, veracht' ich meinen Traum.
    Den Leib vermindre, mehre Deine Gnade,
    Laß ab vom Schwelgen: wisse, daß das Grab
    Dir dreimal weiter gähnt, als andren Menschen.
    Erwidre nicht mit einem Narrenspaß!" 
Man möge hieraus den Ton erklären, in welchem die vorstehenden Blätter geschrieben sind. Ich habe bis jetzt noch immer dem Grundsatz gehuldigt:
    "Auf groben Klotz ein grober Keil,
    Auf einen Schelmen  anderthalbe!"
LITERATUR - Carl Vogt, Köhlerglaube und Wissenschaft - Eine Streitschrift gegen Hofrat Rudolf Wagner in Göttingen, Giessen 1855
    Anmerkungen
    1) "So bildet sich endlich aus verschiedenen wohlberechneten Elementen zusammengesetzt Hebel und Winde, das Rad und Gewehrschloß, der Wagen und das Schiff, der Pflug und die Egge, die Säh- und die Schöpfmaschine, das Spinn- und das Zwirn-Gerät, der Webe- und der Strickstuhl, die Hebe- und die Ramm-Maschine, die Poch- und Walk-, die Öl- und Mahlmühle, der Eisenhammer und die Papierfabrik, der Prägstock und -  die Guillotine, deren Wirkung durch Verbindung mit der Dampfmaschine meistens noch gesteigert, ja  wie in Schiffen und Wagen,  noch wesentlich geändert und verbessert  werden kann." HEINRICH BRONN, Handbuch der Geschichte der Natur III, Abt. 2, Seite 1033.
    2) Dieselbe liebenswürdige Bescheidenheit, welche die Tastkörperchen dem Neptun vergleichen ließ, stellt hier das Schicksal der physiologischen Briefe dem Ausgang der Revolution des Jahres 1848 zur Seite.
    3) Keine Literatur hat größere Verbreitung, als die Basler, Elberfelder und Hamburger "Traktätlein". Herrn R. WAGNERs Vortrag gehört zu diesem Genre.
    4) Man siehe ob die "ethische Verirrung"!
    5) Das heißt: zu derselben  erlogen  wurde.
    6) Man kann wahrlich müde werden ob solcher Starmatzen-Armut, die stets dasselbe nachplappert. Den armen HEINE hat der humoristische Hofrath auch hier zum zweiten Mal wieder vorgebracht. Wiederkäuendes Geschlecht!