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CARL VOGT
Köhlerglaube und Wissenschaft
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"Von einer eigenen Untersuchung der verschiedenen Säugetierspezies, deren Einheit Herr Wagner keck behauptet, ist keine Rede, ebenso von einem Nachweis des Überlaufens der unterscheidenden Eigentümlichkeiten. Aber eine Behauptung, wie keck sie auch ausgesprochen werden möge, ist noch keine Tatsache. Wir unsererseits gestehen nun zwar sehr gerne ein, daß nur wenige Beispiele von Erzeugung fruchtbarer Bastarde in der Tierwelt existieren, wir meinen aber auch bescheiden, daß man diese erwiesenen Tatsachen damit nicht umwerfen kann, daß man frischweg ohne weitere Beweise behauptet, die zeugenden Stammeltern der Bastarde bildeten nur eine Art. Was man Art nennt, ist überhaupt nur eine Abstraktion, gestützt auf die Beobachtung der gleichartigen Individuen: der Charakter der fruchtbaren Zeugung und Fortpflanzung, den Herr Wagner als einzig gültigen reklamieren möchte, ist ebenfalls eine Abstraktion, die man wohl im Allgemeinen festhalten kann, nicht aber in einzelnen Fällen. Selbst bei solchen Arten, bei welchen sich keine Unterschiede nachweisen lassen, ist dennoch die Abstammung von einem Paar aus geographischen Gründen oft eine reine Unmöglichkeit."

Wissenschaftliches

Die wissenschaftlichen Differenzen, welche zwischen Herrn WAGNER und mir obwalten, beziehen sich auf zwei Puknte, die ich hier ganz in derselben Reihenfolge besprechen will, wie Herr WAGNER sie selbst behandelt hat. Die  eine  Frage betrifft die Abstammung der Menschen von einem Paar, die andere die Existenz einer eigentümlichen individuellen unsterblichen Seele. Wir wenden uns zuerst zu dem anthropologischen Punkt, dem Herr WAGNER selbst die größte Bedeutung für den Glauben zuschreibt. "Es kann kein Zweifel sein", sagt er in seinem Göttinger Vortrag, "mit der Bejahung oder Verneinung der Abstammung aller Menschen von einem Paar steht und fällt das ganze historische Christentum in seinem tiefen Zusammenhang mit der Menschenschöpfung; der einfachste, schlichteste Bibelglaube ebensogut, als das ganze Gebäude unserer kirchlichen Lehrbegriffe, stürzen zusammen und unserer wissenschaftlichen Theologie, so weit sich dieselbe eins weiß mit der Kirche, wird der Boden unter den Füßen weggezogen."

Wir werden diese Frage von zwei Seite beleuchten, zuerst von der rein wissenschaftlichen, sodann aber auch vom Standpunkt des Bibelaberglaubens aus, der, wie wir zeigen werden, selbst dann nicht festgehalten werden kann, wenn sich die Wissenschaft auch zugunsten der Möglichkeit der Abstammung von einem Paar aussprechen würde. In der wissenschaftlichen Beweisführung werden wir uns sogar streng an WAGNER halten und zeigen, daß es ihm nur durch eine halbe Unredlichkeit gelingt, die Beweisführung zu seinen Gunsten zu wenden.

Herr WAGNER stimmt darin mit uns überein, daß es ständige Verschiedenheiten unter dem Menschengeschlecht gibt, welche in unvordenklicher Zeit entstanden sein müssen, weil sie jetzt unabhängig von Klimaten und äußeren Einflüssen fortbestehen und, so weit unsere Forschungen reichen, sich unter keinen äußeren Verhältnissen wesentlich verändert haben. Herr WAGNER nennt diese Verschiedenheiten ständige Varietäten, wir nennen sie verschiedene Arten (Spezies). Herr WAGNER behauptet wenigstens die Möglichkeit, wir behaupten die Unmöglichkeit der Entstehung aus einem Paar. Behalten wir, ehe der Streit entschieden ist, einstweilen die Benennung "Rassen" bei, welche keiner Antwort präjudizierlich ist. Es gibt also Rassen, welche charakteristische ständige Merkmale haben und deren Bildung jedenfalls in eine unvordenkliche, der historischen Forschung völlig unzugängliche Zeit fällt; - wir können hinzufügen, daß einzelne Menschenrassen ganz gewiß schon zur Zeit der Diluvialbildungen [Eiszeitbildungen - wp], zur Zeit des Höhlenbären und des ausgestorbenen Mammut existierten, eine Epoche, die sich jedenfalls nur nach Hunderttausenden von Jahren berechnen läßt. Diese Tatsache, die man zur Zeit CUVIERs noch zuwenig kannt, ums sie zu beachten, geht auf das Evidenteste aus den Untersuchungen in den belgischen Höhlen hervor und zwar namentlich aus den Untersuchungen von SCHMERLIN und SPRING. (1) Der Mensch ist demnach, beiläufig gesagt, wohl nicht das letzte Geschöpf, welches auf Erden auftrat, indem die meisten Zeitgenossen seiner ersten Existenz schon längst anderen Arten Platz gemacht haben, wie z. B. der Höhlenbär und die übrigen diluvianischen Spezies großenteils untergegangen sind. Gleiches läßt sich indessen auch von der damals in Belgien existierenden primitiven Menschenrasse behaupten, den nach den Beobachtungen von SPRING nähern sich die Charaktere der Knochen, besonders aber die Konformation des Kopfes, weit mehr derjenigen des Negers, als des Europäers. An den Köpfen, welche SPRING in der Nähe von Chauvaux fand und die er mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit als die Reste eines Mahles von Kannibalen ansieht, war der Schädel absolut und namentlich im Verhältnis zu den Kinnladen sehr klein, die Stirne fliehend, die Schläfen abgeplattet, die Nasenlöcher breit, die Zahnbogen sehr ausgesprochen, die Zähne schief gestellt, der Gesichtswinkel betrug höchstens 70°. Alles diese Charakteres weisen unzweifelhaft auf eine primitive Menschenart hin, welche den schiefzähnigen Alfurus, den Negern und überhaupt dem ganzen niederen Typus der Menschenbildung [!!! - wp] ähnlicher ist, als dem höheren. Jedenfalls zeigen alle diese Beobachtungen über die primitiven Menschenreste, daß die ideale Urrasse, von der alle übrigen Rassen nach WAGNER abstammen sollen, nicht, wie derselbe behauptet, der indoeuropäischen, sondern vielmehr einer schiefzähnigen Rasse am nächsten gestanden haben muß. Unserer Überzeugung nach gehören freilich diese diluvialen (2) Überreste einer ebenso verschiedenen und ebenso ausgestorbenen Art an, wie der Höhlenbär. Nimmt man aber, wie Herr WAGNER, die Abstammung von einem Paar an, so muß man auch notgedrungen annehmen, daß diese, viele Tausende von Jahren alten Knochen in ihrer Bildung dem Urpaar näher kamen, als wir, die wir zeitlich vom Ursprungspaar jedenfalls weit mehr abliegen. Daraus folgt aber dann auch, daß Adam ein Schiefzähner, d. h. ein dem Affentypus näher stehender Mensch war. Die WAGNERsche Annahme, daß die ideale, nicht mehr aufzufindende menschliche Urform, von welcher alle Rassen abstammen sollen, der indoeuropäischen Rasse am nächsten stehe, wird also durchaus durch die Tatsachen widerlegt. Freilich ist es ärgerlich, des Respektes wegen, den man vor den Patriarchen haben soll, wenn man sich Adam etwa unter dem Bild eines Buschmanns oder eines Wilden von Neuholland, die Eva unter demjenigen einer hottentottischen Venus denken soll!

Die übrigen Beweise für die ursprüngliche Einheit des Menschengeschlechts, die Herr WAGNER aufzustellen sucht, sind mit Ausnahme eines Einzigen vollkommen wertlos. Sein erster Satz: "Alle körperlichen Verschiedenheiten, welche unter den Völkern des Erdballes vorkommen, sind nicht größer, als die Verschiedenheiten, welche bei Tieren und Pflanzen von einer und derselben Art (Spezies), z. B. beim Hund, beim Schaf, vorkommen und die wir mit dem Namen der Spielarten oder Varietäten bezeichnen" - dieser erste Satz hat ebensoviel Wert, als seine vollständige Negation, indem man gerade so viel Analogien für als gegen denselben anführen kann. Von allen älteren Haustieren: Kamel, Hund, Schaf, Pferd, Ochse usw. hat sich die Stammform gar nicht mehr im wilden Zustand mit Sicherheit finden lassen und es ist durchaus nicht nachzuweisen, daß die hauptsächlichen Rassen dieser Tiere wirklich von einer und derselben Art herstammen. Schäferhund, Dogge, Dachshund sind so alt, als unsere Kenntnis von Tieren überhaupt, und der Nachweis, daß der kamtschadalische [paläoasiatische - wp] Hund z. B. auch nur eine Rasse und nicht eine Art sei, dürfte schwer zu führen sein. Zudem aber variiert eine jede Art nur innerhalb bestimmter Grenzen, die nicht nach der Analogie aufgefaßt und bestimmt werden können und man kann wohl sagen, daß nur diejenigen Tierarten zu Haustieren benutzt werden können, welche eine gewisse Flexibilität in dieser Hinsicht zeigen, während diejenigen Spezies, welche durchaus starr an den ursprünglichen Bedingungen ihrer Existenz kleben und keine Veränderungen einzugehen vermögen, auch unfähig sind, sich derjenigen Veränderung der äußeren Lebensbedingungen anzuschmiegen, welche durch die Zähmung erfordert wird. Unter denselben klimatischen Verhältnissen, unter welchen eine Tierspezies bedeutende Veränderungen erleidet, zeigt eine andere auch nicht eine Spur eines Einflusses. Der Wolf zeigt sich auf einem ungeheuren Verbreitungskreis, auf welchem das Schaf, der Ochse, das Pferd ziemlich bedeutende Veränderungen erleiden, ganz durchaus in derselben Weise; ist also weit weniger der Veränderung unterworfen, als diese. Der Puma oder amerikanische Löwe herrscht von der Südspitze Patagoniens bis über die Landenge von Panama hinaus in den verschiedensten Klimaten ohne die mindeste Varietät, während auf derselben Strecke die verschiedenen Haustiere mannigfache Änderungen erleiden. Den überzeugendsten Beweis aber für die Behauptungen unseres Satzes liefern die Erscheinungen in Amerika. Dort wurden seit 300 Jahren zu den ursprünglich auf diesem Erdteil vorkommenden Menschen- und Tierarten nicht nur zwei verschiedene Menschenrassen, Weiße und Neger, sondern auch eine gewisse Anzahl von Haustieren eingeführt, welche Änderungen in sehr verschiedenen Graden erlitten, wie uns dies RENGGER und ROULIN erzählen. Die Katze ist in Paraguay um ein Viertel kleiner geworden, ihr Rumpf ist schmächtiger, die Glieder zarter, die Haare sind kürzer, ganz glänzend, dünn stehend und sehr knapp anliegend; ja, was das Merkwürdigste ist, es zeigen diese paraguayischen Hauskatzen, die doch ganz sicher Nachkömmlinge der europäischen sind, eine entschiedene Abneigung gegen die unveränderten Katzen, welche aus Europa frisch eingebracht werden, so daß sie sich nur schwer mit denselben begatten. Auch die Schafe haben sich verändert. Das Merinoschaf hat statt der Wolle kurzes, fast strackes Haar erhalten, sein Fleisch ist weiß und mager geworden, seine Größe hat sich bedeutend verringert. Die in Kolumbien verwilderten Hausschweine sind dort alle schwarz geworden und haben ihre schlappen hängenden Ohren aufgerichtet. Weniger hat sich das Ochsengeschlecht verändert, seine Behaarung ist nur dünner geworden; - noch weniger das Pferd, das trotz der Wildheit, in welcher sich manche Herden befinden, keinen einzigen Charakterzug eingebüßt hat und noch ganz dem andalusischen Roß gleicht; - auch der Hund ist unverändert geblieben. Am allerwenigsten aber ist der Mensch betroffen worden, denn Weiße, Indianer und Neger stehen sich noch ganz vollkommen mit denselben Charakteren gegenüber, welche sie zur Zeit der Entdeckung besaßen. Wie darf man sich also bei gewissenhafter Naturforschung erlauben, Analogien solcher Art von einer Spezies auf die andere, ja sogar von Tierklassen oder selbst von Pflanzen auf den Menschen zu übertragen, wie Herr WAGNER das in seinen verschiedenen Aufsätzen tut? Aus dem angeführten Beispiel seiht man auf das Klarste, daß, was für die eine Art gilt, für die andere keine Anwendung finden kann; daß die Veränderung selbst bei der einen Spezies nach dieser, bei der anderen nach jener Richtung hin sich ausspricht; daß, mit einem Wort, eine jede Spezies ihr eigenes Gesetz der Veränderung oder der Stabilität hat, welches in keiner Weise auf eine andere Anwendung finden kann. Diejenigen klimatischen Einflüsse, welche eine Veränderung an der Katze, dem Schwein und dem Schaf hervorbrachten und zwar in verhältnismäßig kurzer Zeit, sind am Pferd, dem Hund und dem Menschen spurlos vorübergegangen; - es muß demnach bei diesen Spezies ein durchaus verschiedenes Maß der Veränderlichkeit obwalten. Das Quantum von Einflüssen, welches dem Schaf die Wolle raubt und dem Schwein die Ohren streckt, ist nicht imstande gewesen, eine sichtliche Veränderung beim Hund, dem Pferd und dem Menschen hervorzubringen. Vielleicht könnte man aber aus diesen Tatsachen den Schluß ziehen: daß die Länge der Zeit ebenfalls ein bedeutender Faktor sein könne und daß demnach, was in Amerika noch nicht mit dem Menschen geschehen sein könne, später nachkommen werde. Ganz gewiß müßte diese Zeit eine sehr bedeutende sein, denn wenn uns die ägyptischen Denkmäler aus jedenfalls vorsintflutlicher Zeit belehren, daß damals schon in demselben Klima Neger und Ägypter nebeneinander wohnten, zu denen noch kurze Zeit nach der Sintflut Semiten kamen (ABRAHAM, JAKOBs Söhne) und daß alle diese verschiedenen Rassen in demselben Klima, in denselben Verhältnissen sich Jahrtausende hindurch befanden, ohne ihre Eigentümlichkeiten auch nur im Geringsten einzubüßen, so muß wohl der Schluß gerechtfertigt sein, daß Jahrtausende an den Menschenrassen vorübergehen können, ohne eine merkliche Veränderung hervorzubringen. Herrn RUDOLF WAGNER scheint auch dieser Schluß vorgeschwebt zu haben, wenn er die Rassenentstehung in unvordenklicher Zeit setzt.

Aber selbst diese Ausflucht kann nicht gestattet werden. Wenn wir die Veränderungen, welche in den Tieren durch Änderung der Wohnsitze hervorgebracht werden, betrachten, so sehen wir, daß dieselben sehr schnell,  innerhalb weniger Generationen,  eintreten, dann aber statinär bleiben. Alle Veränderungen der in Amerika eingeführten Haustiere, die Modifikationen, welche die bei uns eingeführten Tiere, z. B. der Truthahn, erlitten haben, sind in wenigen Generationen vollendet, worauf die Rasse dem Klima angepaßt ist und keine weiteren Veränderungen erleidet. Wo wir klimatische Rassen der Tiere kennen und zwar seit ihrem Ursprung kennen, da haben sich dieselben schnell hervorgebildet und sind dann stationär geblieben, diejenigen Arten aber, die keine Veränderung in den ersten Generationen erlitten, haben auch keine solche in der weiteren Zeitfolge gezeigt. man darf diese Tatsachen wohl auf den Menschen anwenden, da sie alle Tiere gleichmäßig betreffen. Die Geschichte weist uns weitgreifende Wanderungen ganzer Völker nach, welche, in historischer Zeit, aber doch auch vor einem Jahrtausend wenigstens, in die Gebiete anderer Menschenrassen eindrangen - nirgends zeigt sich eine Spur von Veränderung. Auch jetzt sehen wir die Eindringlinge der weißen Rasse, die in  alle  Verbreitungsbezirke  aller  übrigen Rassen, in  alle  Klimate der ganzen Erde seit Jahrhunderten vorgedrungen' sind, ohne Änderung irgendeiner Art. Der Creole hat sich ebensowenig dem Indianer, als der Araber dem Neger oder der Boer dem Hottentotten genähert. Wären klimatische Einflüsse über den Menschen mächtig, so würden diese sich in den ersten Generationen geltend gemacht und unter unseren geschichtlichen Augen eine Rasse erzeugt haben, die dann dem Klima adäquat gewesen wäre. Das ist aber entschieden nicht der Fall; denn das stärkere Bräunen der Haut oder das Straffwerden der Haare ist noch keine Veränderung der wesentlichen Rassen-Charaktere und selbst in dieser Beziehung sind die Einflüsse nur sehr gering, da z. B. die blonden Haare selbst in den Tropen blond bleiben.

Man sieht also, daß der WAGNERsche Satz vollkommen irrig und, weil auf falsche Analogien gestützt, durchaus trügerisch ist und daß er vielmehr in folgender Weise formuliert werden muß:  Die körperlichen Verschiedenheiten, welche unter den Völkern des Erdballs vorkommen, sind so groß, daß sie auf keinen Fall durch die Einwirkungen äußerer Einflüsse erklärt werden können und demnach ursprünglich vorhanden gewesen sein müssen.  (3)

Mit diesem Satz stimmen dann auch die Tatsachen überein, daß die großen Sprachengrupen den physischen Rassenbildungen im Allgemein parallel gehen, d. h. mit anderen Worten, daß es so viel Ursprachenstämme gibt, als man menschliche Urrassen zählt. (4) und daß die geographische Begrenzung dieser Urrassen auch mit der geographischen Verbreitung der Faunen des Tierreichs im Einklang steht.

Somit bleibt dann unter allen Beweisen für die Einheit des Menschengeschlechts als Art nur ein einziger übrig, nämlich der: daß sich alle Menschenrassen freiwillig untereinander vermischen und fruchtbare Mischlinge erzeugen. Sehen wir zuerst, wie Herr WAGNER selbst die Bastardzeugung behandelt und wie nach und nach unter dieser Behandlung die Behauptung mehr und mehr Sicherheit erhalten hat.

Im Zusatz zur Naturgeschichte des Menschengeschlechts von PRICHARD, Bd. I, Seite 44, sagt Herr WAGNER: "Am Bekanntesten sind hier die Bastardzeugungen von Hund und Wolf geworden. Obwohl auch hier die Versuche zu einer Paarung derselben leicht mißlingen, so sind doch zahlreiche Fälle bekannt geworden, wo in der Regel Wölfinnen von männlichen Hunden belegt wurden, auch die Bastard sich durch Anpaarung mit Hunden wieder fruchtbar zeigten und sogar die Bastarde untereinander sich wieder fruchtbar fortpflanzten. Seltener und weniger konstatiert sind die Bastarde von Hund und Fuchs und Hund und Schakal. ... Im Pferdegeschlecht hat man am meisten Bastarde gezogen, besonders Maultiere vom Esel und Pferd, immer aber nur unter Zutun des Menschen und unter jenen Kautelen [Vorbehalten - wp], die bei der stets vorkommenden Abneigung verschiedener Spezies bei der Paarung angewendet werden müssen. Nur von Maultierstuten sind sichere Fälle von Fortpflanzung durch Anpaarung mit älterlichen Tieren bekannt, immer aber als große, oft im Lande unerhörte Seltenheiten. Die Bespringung von Esels- oder Pferdestuten durch Maultierhengste soll stets unfruchtbar sein. Von fruchtbarer Begattung dieser Bastardtiere ist nichts bekannt. Pferd und Esel zeugen in beiden Geschlechtern mit dem Zebra Bastarde." Im Nachtrag zum Artikel Zeugung (Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV) werden diejenigen Arten, die sich fruchtbar miteinander vermischen und fruchtbare Bastarde zeugen, schon mit größerer Bestimmtheit als nicht verschieden erklärt.
    "Nahe verwandte Arten können sich wohl, insbesondere unter künstlichen Einflüssen, fruchtbar begatten. Aber die daraus hervorgehenden Bastarde sind in der Regel steril oder können sich höchstens in sehr seltenen Fällen durch Anpaarung mit den ursprünglichen Stammtieren, niemals untereinander fortpflanzen und gehen so allmählich aus, indem sie in die Stammform zurückschlagen. Nach den bisher sicher beglaubigten Beispielen sind es wahrscheinlich immer nur weibliche Bastarde gewesen, kaum je männliche, welche sich in höchst seltenen Fällen fruchtbar erwiesen, d. h. durch Anpaarung mit einem männlichen Tier eines der beiden Stammarten trächtig wurden. Alle Tiere, welche sich untereinander dauernd fruchtbar vermischen, müssen wir zu einer Art rechnen, auch wenn sie äußerlich kleine Abweichungen im Bau, in der Farbe usw. zeigen. Daher sind sicher Ziege und Schaf, wahrscheinlich beide Kamele, entschieden die Raben und Nebelkrähe nur Varietäten einer Art."
Endlich im Vortrag vor den in Göttingen versammelten Naturforschern wird die ganze Sache als Axiom gefaßt: "Es steht fest, nur Tiere einer und derselben Art vermischen sich fruchtbar. Tiere verschiedener, nahe verwandter Art vermischen sich unter besonderen, meist nur künstlichen Verhältnissen, aber die Mischlinge sind unfruchtbar und sterben aus. Dieses tiefgreifende Gesetz besteht zum Schutz der historischen Existenz der Arten."

Man sieht aus dieser Gradation, wie durch das Bedürfnis, die Behauptung der Ein-Artigkeit des Menschengeschlechts zu stützen, auch nach und nach die aus anderen Gebieten hergeholten Analogien eine stets festere und bestimmtere Gestaltung gewinne. Wenn in der Tat nachgewiesen werden kann, daß in einem einzigen Fall Bastarde zweier verschiedener Spezies unter sich fruchtbar gewesen sind, so fällt das ganze Gebäude der WAGNERschen Beweisführung über den Haufen; denn es ist kein Grund vorhanden, weshalb die Möglichkeit zur Erzeugung fruchtbarer Bastarde nicht bei den einen Arten größer sein sollte, als bei den andern, daß die Möglichkeit der Bastardzeugung ansich auch bei den Arten selbst in sehr verschiedenem Grad gegeben ist. Bei den meisten Insekten z. B. ist die Begattung zweier verschiedener Arten eine absolute Unmöglichkeit, weil die Hornstücke des Begattungsapparates nur bei Individuen denselben Art eine Vereinigung beider Geschlechter zulassen. Wer aus dieser Tatsache, auf Analogie gestützt, den Schluß herleiten wollte, daß Begattung zweier verschiedener Arten überhaupt unmöglich sei, würde sogleich durch die schlagenden Tatsachen an Menschen, Säugetieren und Vögeln von der Wahrheit überzeugt werden müssen, daß Analogien in der Naturwissenschaft und besonders auf diesem Feld nur in höchst beschränktem Grad Anwendung finden können. Sehen wir nun die Tatsachen, welche über die Erzeugung fruchtbarer Bastarde bekannt sind.

Vor allen Dingen müssen wir hier die Fruchtbarkeit der weiblichen Bastarde, wenn sie sich mit stammälterlichen Männchen paaren, als auch von Herrn WAGNER zugestanden von unserer Untersuchung ausnehmen; weibliche Maultiere und Mauleselinnen sind von Pferde- und Eselhengsten fruchtbarer besprungen werden.  Die Fruchtbarkeit der weiblichen Bastarde leidet also keinen Zweifel. 

Dagegen leugnet Herr WAGNER die Fruchtbarkeit der männlichen Bastarde und sucht dieselbe aus der unvollständigen Bildung der Samenthierchen zu erklären. Über die Zeugung männlicher Bastarde finde ich nur folgende Angaben:

"Die Alten hatten einen Bastarden vom Maultier und der Stute (ginnus), ARISTOTELES Hist. animal, 6, 24" sagt OKEN in seiner Naturgeschichte, Bd. VII, Seite 1232. Wenn diese Angabe unrichtig ist, so ist damit der ganze Streit gelöst, denn Hr. Wagner selbst muß dann zugeben, daß ein von zwei verschiedenen Arten, Pferd und Esel, gezeugtes Bastardmännchen fruchtbar ist - es sei denn, daß er auch hier dann, seinem Axiom zuliebe, die bis jetzt zugestandene Verschiedenheit beider Arten nur leugnen wollte.

Herr WAGNER gibt selbst zu, daß Wolf und Hund, Schaf und Ziege, Kamel und Trampeltier fruchtbare Bastardmännchen erzeugt haben und daß die Bastarde von diesen Arten sich untereinander fruchtbar fortgepflanzt haben; - aber, sagt Herr WAGNER, alle diese Tiere sind nur Varietäten und nicht Arten.

Hinsichtlich des Hundes und des Wolfes beruft er sich auf CUVIER, der bei der Vergleichung des Skeletts beider Arten sagt: "Man hat Mühe des Gedankens sich zu erwehren, welchen DAUBENTON hatte, daß Hund und Wolf von derselben Art sind." (5) Beleuchtet man die unten vollständig angeführte Stelle CUVIERs näher, so sieht man, daß dieselbe nur auf die Untersuchung des Skeletts, besonders des Schädels gegründet ist und daß CUVIER alle anderen Kennzeichen beiseite läßt. Nun ist es aber bekannt, daß in solchen Fällen bei nahverwandten Spezies oft Zweifel über die Begrenzung verstehen zu können, die dann durch andere Charaktere gehoben werden. Die Geschichte vom Höhlenbären, den CUVIER als eigene Art auffaßte, BLAINVILLE mit dem brauen Bär zusammenwarf, ANDREAS WAGNER wieder als eigene Art in sein Recht einsetzte, könnte hier leicht überzeugen, daß bei Artbestimmungen, welche nur auf das Skelett gegründet sind, immer bedeutende Zweifel bleiben können, welche durch andere Charaktere gehoben werden. Wenn Herr WAGNER sich die Mühe machen will, die CUVIERsche Dissertation über die Pferde zu lesen (6), so wird er dort das Geständnis derselben Autorität finden, daß die verschiedenen lebenden Pferdearten: Pferd, Esel, Zebra, Quagga [ausgestorbene Zebraform - wp] usw. einanander in ihren Skeletten so ähnlich sind, daß ihre Unterscheidung, wenn nicht ganz unmöglich, so doch äußerst schwierig ist. Und doch zweifelt CUVIER durchaus nicht an der Verschiedenheit der einzelnen Pferdearten! Derselbe CUVIER aber, welcher in seinem Werk über die fossilen Knochen, wo er nur auf die Knochen eingeht, jenen sehr leisten Zweifel an der Unterscheidung von Hund und Wolf ausdrückt, sagt in seinem Tierreich, indem er vom Hund spricht: "Einige Naturforscher glauben, daß der Hund ein gezähmter Wolf, andere, daß ein gezähmter Schakal sei. Die Hunde, welche auf wüsten Inseln wieder wild geworden sind, gleichen indessen weder dem einen, noch dem andern." Vom Wolf sagt derselbe Forscher:  "Große Spezies  mit geradem Schwanz usw. Seine Gewohnheiten und seine physische Entwicklung haben große Ähnlichkeit mit dem Hund." Während CUVIER also in seinem Knochenwerk die Artverschiedenheit bezweifelt, indem er nur  auf die Knochen  Rücksicht nimmt, erkennt er in seinem Tierreich, wo er alle  Charaktere  berücksichtigt, diese Verschiedenheit vollkommen an.

Das Auffallendste ist, daß in demselben Buch, in welchem WAGNER die CUVIERschen Zweifel herbeizieht, sich folgende Stelle findet, die Herr WAGNER, obgleich Übersetzer und Herausgeber des Buches, nicht gekannt zu haben scheint (PRITCHARD, Bd. I, Seite 150): "So unterscheiden sich Wolf und Hund, wiewohl sehr verwandte Spezies, auf eine merkwürdige Weise durch die Zeit des Trächtiggehens. Die Wölfin trägt ihr Junges 90 Tage, während man weiß, daß die Periode des Trächtigseins bei der Hündin 62 oder 63 Tage beträgt. (7) Die Tragzeit der ersteren ist also fast ein Drittel länger als die der letzteren.  Wir  kennen keine ähnliche Verschiedenheit in diesem physiologischen Prozeß innerhalb der Grenzen irgendeiner Spezies' und es ist sehr unwahrscheinlich, daß man je eine solche Tatsache beobachten wird."

Wir können zu all dem nur hinzufügen, daß kein einziger neuerer Schriftsteller die Zweifel über die verschiedenen Artrechte von Hund und Wolf teilt und daß seit der Auffindung des wilden Hundes in Nepal und Dekkan [südliches Indien - wp], welcher dem Haushund in allen seinen Charakteren weit näher kommt, als der Wolf, von diesem aber in seinem Verbreitungsbezirk durchaus getrennt ist, auch niemand mehr daran gedacht hat, Hund und Wolf als dieselbe Art zu behandeln.

Hinsichtlich der Identität von Dromedar und Trampeltier, die ebenfalls fruchtbare Bastarde miteinander zeugen, beruft sich Herr WAGNER auf den Herausgeber der SCHREBERschen Säugetiere, ANDREAS WAGNER in München. Auch diese Zweifel (8) sind ebenso unbestimmt ausgedrückt, wie die CUVIERschen, sie werden von keinem anderen Autor geteilt und können in der Tat vor der genaueren Untersuchung nicht bestehen. "Die spezifischen Charaktere treten deutlich hervor", sagt CHRISTOPH GOTTLIEB GIEBEL in seiner "Allgemeinen Zoologie", Seite 370 der vierten Lieferung. Ich hebe aus demselben Werk folgende spezifische Unterschiede hervor. Das  Dromedar  hat nur einen Höcker, der niemals umschlägt; der Dorn des siebenten Halswirbels ist sehr stark und nach vorne geneigt; der zwölfte Wirbel ist der Zwerchfellwirbel, ihm folgen sieben Lendenwirbel; der Zwerchfellknochen ist zollgroß, mandelförmig; Speiche und Elle sind miteinander verschmolzen; Pansen und Haube, Psalter [Blättermagen - wp] und Labmagen sind wohl voneinander getrennt; das Männchen treibt in der Brunftzeit eine doppelte Hautblase aus dem Rachen, die aus einem Duplikat der Schleimhaut des Gaumensegels besteht.

Das  Trampeltier  hat zwei Höcker, die nach der Seite überhängen; der Dornfortsatz des siebenten Halswirbels ist nach hinten gerichtet; der zehnte Rückenwirbel ist der Zwerchfellwirbel; man zählt zehn Lendenwirbel; die Hüftbeine sind breiter; die hintere Hälfte des Brustbeins dicker; Speiche und Ellenbogenbein sind im unteren Teil voneinander getrennt; die Brunftblase fehlt gänzlich; das Gaumensegel ist einfach; Pansen und Haube gehen so ineinander über, daß sie nur eine Magenabteilung bilden; Psalter und Labmagen lassen sich nur unvollkommen trennen; der Zwerchfellknochen bildet einen kleinen Ring und das Hohlvenenloch.

Wie man solchen Charakteren gegenüber noch heute die Identität der beiden Spezies behaupten könne, ist wahrlich schwierig einzusehen.

Auch für die Vereinigung von Ziege und Schaf in eine Art beruft sich RUDOLF WAGNER in Göttingen auf ANDREAS WAGNER aus München. Daß viele Skelettteile der Schafe, Ziegen und Antilopen große Ähnlichkeit miteinander haben, daß die Aufstellung besonderer Gattungen (genus) einigem Zweifel unterliegen kann, ist vollkommen richtig; daß aber das Hausschaf und die Hausziege, welche sich fruchtbar verpaaren,  nicht  verschiedene Arten seien, das mögen die beiden Herren WAGNER anderen weiß zu machen versuchen. Alle neueren Schriftsteller nehmen noch die getrennten Genera Ovis [Schafe - wp] und Capra [Ziegen - wp] an, was vielleicht unrecht ist, da das Mähnenschaf der nordafrikanischen Gebirge allerdings einen generischen Übergang bildet, indem ihm die Tränengruben der Schafe zwar fehlen, andererseits aber auch der Bart der Ziegen abgeht, während es die Klauendrüsen der Schafe hat. Wenn aber auch dadurch die Gattungs-Charakteres von Ovis und Capra schwankend werden, so kann doch über die ursprüngliche Verschiedenheit der einzelnen Ziegen- und Schafarten selbst dann kein Zweifel entstehen, wenn auch die Eigentümlichkeiten des Skeletts ziemlich übereinstimmen. Ich führe auch hier wieder GIEBEL als letzten und gründlichsten Bearbeiter der Naturgeschichte der Säugetiere an. Er sagt Seite 283: "Die Ziegen unterscheiden sich von den Schafen durch ihren Bart am Kinn, durch den steten Mangel der Tränengruben, durch höckerartig aufsteigende Stirn, den geraden Nasenrücken, die stets seitlich komprimierten Hörner, deren starke Querhöcker und stete halbmondförmige Krümmung nach hinten, den sehr kurzen, stets aufwärts getragenen Schwanz, die seitlich betrachtet vierseitig trapezoidalen Hufe und den Mangel der Klauendrüsen." Wenn man auch das Mufflon (Ovis musimon) als die Stammart der Hausschafe ansieht, was noch durchaus nicht erwiesen ist, wenn man auch die Hausziege von der Bezoar-Ziege [in der Türkei bis Afghanistan verbreitet - wp] abstammen läßt, was ebenfalls angezweifelt werden kann; so bleiben dennoch alle diese verschiedenen unterscheidenden Charaktere auch bei den Stammarten vollkommen wohl begründet und lassen sich bei allen Ziegen- und Schafrassen ohne weiteres auffinden. Dem wilden Mähnenschaf Nordafrikas, dem die Tränengruben fehlen, die Klauendrüsen aber eigen sind, wird dadurch eine Mittelstellung in den generischen Charakteren gegeben, nicht aber ein in den spezifischen, denn es ist noch keinem Menschen eingefallen zu behaupten, daß dieses Mähnenschaf mit der Ziege und dem Schaf zusammen nur eine Art darstelle - was darauf hinauskäme, zu behaupten, daß  alle  Schaf- und Ziegenarten, Mufflon, Argali, Burrhel, Steinbock, Walie, Beden und wie sie alle heißen mögen, nur eine einzige Art seien.

Im vortrefflichen "Tierleben der Alpenwelt" von FRIEDRICH von TSCHUDI finde ich Seite 555 folgende Stelle: "Trotz des oft geäußerten Zweifels ist es doch Tatsache, daß die Steinböcke sich sowohl im Freien als in der Gefangenschaft mit Ziegenpaaren und  fruchtbare Bastarde erzeugen.  Im Cogne-Tal kamen einst zwei Zeigen, die im Winter im Gebirge geblieben waren, trächtig zurück und warfen Steinbockbastarde, die nach Turin verkauft wurden. So wurden auch von den Steinböcken, die man früher in Bern hielt, etliche Bastarde gewonnen, im Berner Oberland verteilt und für  fruchtbar befunden.  Sie sind sehr groß, stark, gewandt, von gewaltigem Hörnerbau, aber ganz unbändig. Ein solcher Bastard warf einst auf der Grimsel die große Dogge des Hosipitiums, die sich ihm näherte, um ihm zu liebkosen, kurzhin mit den Hörnern über den Kopf weg. Er ist im Museum zu Bern aufgestellt und größer als seine beiderseitigen Eltern, hat einen langen Ziegenbart  und stand an Zeugungskraft keinem Ziegenbock nach. Die von ihm hinterlassene Nachkommenschaft war sehr zahlreich  und sein Bocksgeruch noch, nachdem er Jahre lang ausgestopft war, unerträglich."

Noch leben Augenzeugen genug in Bern, die diesen Bastardbock im Graben der Festungswerke am Leben sahen und Eigentümer, die Ziegen von ihm belegen ließen, welche recht hübsche Junge warfen. Unser Führer JAKOB LEUTHOLD, bei dessen Vater, dem damaligen Grimselwirt, der Bock in Pension war, erzählte mir, daß er eine Art Alleinherrschaft über die Herde Ziegen zu allseitiger Zufriedenheit besorgt habe.

Herr RUDOLF WAGNER wird wohl nun auch behaupten, Ziege und Steinbock seien nur  eine  Spezies - es fragt sich nur, ob er einen ANDREAS WAGNER findet, der ihn unterstützt.

Aus demselben Tierleben der Alpenwelt von TSCHUDI ziehe ich hier noch folgende Stelle Seite 413 heran: "Auch beim Fuchs wiederholt sich die beim Wolf schon bemerkte Erscheinung der entschiedensten Antipathie des Hundes gegen den Vetter. Er verfolgt ihn mit Leidenschaft, oft ganz allein und auf eigene Rechnung. ... Dennoch begatten sich Fuchs und Hund sowohl im Freien, als in der Gefangenschaft. Der Fuchs sucht nicht selten die läufige Hündin des Nachst vor der Hütte der Senner auf, während dagegen manche gute Hunde sich weigern, die Füchsin zur Brunftzeit zu verfolgen. Die Bastarde, die von der Hündin fallen, schlagen überwiegen in das Hundegeschlecht, haben bei weitem nicht jene unbändige Wildheit wie die Wolfsbastarde und  sind fruchtbar." 

Was oben für die Unterschiede zwischen Hund und Wolf gesagt wurde, gilt in noch erhöhterem Maß für diejenigen zwischen Fuchs und Hund; denn der Fuchs gehört zu jener Abteilung des Hundegeschlechts, die eine schlitzförmige Pupille wie die Katzen besitzt, während der Hund ein rundes Sehloch hat. Die übrigen Unterschiede in der Anatomie der weichen, wie der festen Teile, brauche ich hier nicht weiter anzuführen, da in der Tat noch kein Naturforscher auch nur entfernt auf die Idee gekommen ist, Fuchs und Hund als eine Spezies zu erklären.

Wir sind demnach zu dem Resultat gekommen, daß fast bei allen ähnlichen Säugetierarten, über welche man bis jetzt Beobachtungen angestellt hat, sowohl die Erzeugung von Bastarden, als auch diejenige von fruchtbaren Bastarden nachgewiesen ist. Wir sehen, daß die apodiktischen [logisch zwingenden, demonstrierbaren - wp] Behauptungen des Herrn RUDOLF WAGNER, die mit soviel Sicherheit in die Welt hinaus gesandt werden, ursprünglich auf Zweifeln beruhen, die von ihren Urhebern nur sehr bedingt und mit allen Restriktionen vorgetragen werden, welche die Schwierigkeit der Untersuchung erheischt. Daß Herr RUDOLF WAGNER, indem er diese Zweifel zu unumstößlichen Behauptungen zu erheben suchte, auch keine einzige erweiternde Tatsache auffand, kann man von vornherein erwarten. Von einer eigenen Untersuchung der verschiedenen Säugetierspezies, deren Einheit er keck behauptet, ist keine Rede, ebenso von einem Nachweis des Überlaufens der unterscheidenden Eigentümlichkeiten. Aber eine Behauptung, wie keck sie auch ausgesprochen werden möge, ist noch keine Tatsache. Wir unsererseits gestehen nun zwar sehr gerne ein, daß nur wenige Beispiele von Erzeugung fruchtbarer Bastarde in der Tierwelt existieren, wir meinen aber auch bescheiden, daß man diese erwiesenen Tatsachen damit nicht umwerfen kann, daß man frischweg ohne weitere Beweise behauptet, die zeugenden Stammeltern der Bastarde bildeten nur eine Art. Was man Art nennt, ist überhaupt nur eine Abstraktion, gestützt auf die Beobachtung der gleichartigen Individuen: der Charakter der fruchtbaren Zeugung und Fortpflanzung, den Herr WAGNER als einzig gültigen reklamieren möchte, ist ebenfalls eine Abstraktion, die man wohl im Allgemeinen festhalten kann, nicht aber in einzelnen Fällen. Selbst bei solchen Arten, bei welchen sich keine Unterschiede nachweisen lassen, ist dennoch die Abstammung von einem Paar aus geographischen Gründen oft eine reine Unmöglichkeit. Der Mufflon Sardiniens kann ebensowenig mit dem Mufflon Kleinasiens, von dem er doch kaum zu unterscheiden ist, von  einem  Paar abstammen, als die phrenäische Gemse, der Isard, mit der Alpengemse von einem Paar herkommen kann; der Mufflon kann nicht über die See, die Gemse nicht über die Ebene hinüber. Wenn wir also die Art so definieren, daß wir darunter diejenigen Individuen verstehen, welche so wenig voneinander verschieden sind, daß sie möglicherweise von einem Paar abstammen könnten, so schließt diese Definition auch notwendigerweise alle Individuen als zu anderen Arten gehörig aus, welche Charaktere besitzen, die wir in den Abstammungsreihen nicht entstehen sehen. Die Bevölkerung Amerikas, Australiens, der ozeanischen Inselgruppen vom kompakten Festland der drei alten Kontinente aus, ist ebensogut für die frühere, vorgeschichtliche Zeit eine Unmöglichkeit, wie das Überschiffen des Mufflons nach Sardinien und wenn auch die Wissenschaft (was nicht der Fall ist) dahin käme, nachweisen zu können, daß die einzelnen Menschenrassen so wenig verschieden sind, daß ihre  mögliche Abstammung von einem Paar  behauptet werden könnte, so müßte man dennoch, aus geographischen Gründen, die  Unmöglichkeit der wirklichen Abstammung  behaupten.

Werfen wir noch einen letzten Blick auf die über die Bastardzeugung gewonnenen Resultate, so erkennen wir in den bis jetzt beobachteten Tatsachen, so lückenhaft sie auch sein mögen, eine steigende Gradation, durch welche die Erzeugung von Bastarden umso mehr ermöglicht ist, je näher wir dem Menschen kommen. Wir haben gesehen, daß die Abneigung gegen die Paarung, auf welche Herr WAGNER sich beruft, sich auch bei denjenigen Varietäten einstellt, welche, wie die Hauskatze von Paraguay, evident nur Folgen der klimatischen Einflüsse sind. Wir haben gesehen, daß die Abneigung bei gewissen Spezies zur Brunftzeit überwunden wird; daß der Mensch sie leichter überwindet, als die Tiere, kann uns wohl nicht verwundern.

Mit den gewonnenen Resultaten in der Hand können wir aber auch füglich noch einen Schritt weiter gehen und die theoretische Spekulation über die Begrenzung des Begriffs Art verlassen. Weil die verschiedenen Menschenrassen fruchtbare Bastarde miteinander zeugen, deshalb können sie möglicherweise von einem Paar abstammen, sagt Herr WAGNER in seiner Argumentation und weil diese Möglichkeit existiert, deshalb behaupte ich ihre Abstammung von einem Paar. Wie nun, wenn wir dieselbe Argumentation auf die Tiere anwendeten und sagten: Weil Hund und Wolf, Hund und Fuchs, Kamel und Trampeltier, Ziege und Steinbock, Ziege und Schaf, Pferd und Esel fruchtbare Bastarde miteinander zeugen, deshalb stammen diese Tiere von einem Paar ab? Würde uns nicht Jedermann bei einer solchen Behauptung ins Gesicht lachen? Würden uns nicht die Besitzer eines gesunden Menschenverstandes ebenso aus ihrer Gemeinschaft hinausweisen, wie die Naturforscher aus der ihrigen? Ist aber die Schlußfolgerung nicht dieselbe? - Herr WAGNER mag sich also immerhin hinter  seine  Definition des Begriffes Art zurückziehen wollen, wir brauchen nicht einmal dahin zu folgen. Wenn man uns zugibt, daß die Verschiedenheiten zwischen Neger und Indianer, Neger und Europäer ebenso groß sind als zwischen Hund und Wolf, Hund und Fuchs, Pferd und Esel (sie sind sogar  weit bedeutender  in den Charakteren des Skeletts z. B.), so sind wir damit schon vollkommen zufrieden: denn jedermann wird uns zugeben, daß diese Tierarten nicht von  einem  Paar abstammen können und daß gleicher Schluß für die Menschenarten gerechtfertigt ist.

Sehen wir noch einmal speziell auf den Menschen ein, um dasjenige, was wir fanden, zu resümieren, so sehen wir, daß solche Unterschiede, wie die jetzt existierenden Rassen sie bieten, schon zu der Zeit existiert haben, in welcher zum erstenmal Spuren menschlicher Überreste entdeckt werden konnten. Wir haben ferner gesehen, daß diese Rassenunterschiede unter allen Klimaten, in allen Zonen unveränderlich bleiben und daß nicht eine einzige Veränderung auch nur entfernt denjenigen Unterschieden entspricht, welche die Rassen charakterisieren. Wir haben ferner gesehen, daß gleichartige Klimate auf verschiedene Arten auch sehr verschiedene Einwirkungen äußern und daß diese Einwirkungen verhältnismäßig schnell erfolgen, dann aber die Arten stationär bleiben und ihre veränderten Charaktere behalten, indem in Südamerika nur innerhalb weniger hundert Jahre dieselben bei den einen Arten heraustraten, bei anderen nicht. Wir haben endlich nachgewiesen, daß auch im Tierreich fruchtbare Bastardzeugung vorkommt und daß dieselbe kein Kriterium der Art bildet. So müssen wir also notwendig zu dem Schluß kommen,  daß  die verschiedenen Menschenrassen, die unverändert Jahrtausende hindurch bestanden haben, verschiedene Arten sind,' welche fruchtbar miteinander zeugen und auf diese Art die Mischvölker produzieren konnten.
LITERATUR - Carl Vogt, Köhlerglaube und Wissenschaft - Eine Streitschrift gegen Hofrat Rudolf Wagner in Göttingen, Giessen 1855
    Anmerkungen
    1) Erstere kann man vollständig resümiert finden bei F. T. PICTET, Manuel de Paléontologie I, 2. Auflage. Letztere im Bulleton der Brüsseler Akademie 1853.
    2) Um Wortschikanen zu vermeiden, bemerke ich nur kurz, daß die Worte "Diluvial", "Diluvial-Bildungen" sich auf eine, unserer Zeit vorhergegangene geologische Epoche, nicht aber auf die biblische Sintflut beziehen, von welcher die Geologie nichts weiß.
    3) Herr WAGNER sagt freilich: "Wir sehen unter unseren Augen in einzelnen kolonisierten Ländern physiognomische Eigentümlichkeiten bei Menschen und Tieren entstehen und beharrlich werden, welche, wenn auch nur entfernt, an die Rassenbildung erinnern." Wir möchten wissen, wo Herr WAGNER das  bei Menschen  gesehen hat? In welchen kolonisierten Ländern er prognate Gesichtsbildung in orthgnate übergehen hat sehen oder umgekehrt - kurz, wo er ein einziges Beispiel gesehen hat, daß auch nur entfernt durch klimatische Einflüsse Schädel- und Zahnbildung und die übrigen  wesentlichen  Charaktere verändert wurden. Die ganze Phrase ist, so weit sei den Menschen betrifft, rein aus der Luft gegriffen.
    4) Wie der lebendige Bibelglaube die Geschichte vom Turmbau zu Babel und der Sprachenverwirrung mit dieser Tatsache zusammenzureimen imstande sein möge, läßt sich schwer einsehen. Herr WAGNER gesteht zu, daß die Rassenbildung in "uvordenklicher Zeit" vor sich gegangen - die Bildung der großen Sprachengruppen, der Ursprachen, muß also in derselben unvordenklichen Zeit vor sich gegangen sein - nach der Bibel hatte aber (1Mos, Kap. 11) "alle Welt einerlei Zunge und Sprache" noch zur Zeit des Turmbaus von Babel, d. h. in historischer, vollkommen bestimmbarer Zeit, insofern dieser Turmbau jedenfalls  nach  der NOAHschen Flut stattfand!
    5) Herr WAGNER zitiert nur diese unvollständige Phrase; - damit man sehe, wie sie zu verstehen sei, setze ich den ganzen CUVIERschen Text (Ossemens fossile, Tom. IV, Kap. 6, Seite 457f in wortgetrauer Übersetzung her. - Nachdem CUVIER zur Einleitung bemerkt hat, er werde kürzer sein und nicht allzusehr in einzelheiten eingehen, gibt er die Gründe für dieses Verfahren mit folgenden Worten an: "Einerseits sind die vorzüglichen Arten (espéces - CUVIER braucht dieses Wort nie anders, als im Sinne des LINNEEschen Wortes  spezies)  der Gattung (genre - genus), Canis, der Wolf, der Hund, der Fuchs so gemein, daß sich jeder leicht Skelette davon verschaffen kann; andererseits sind  nicht nur diese Arten,  sondern auch die meisten übrigen der Gattung, wie der schwarze Wolf Europas, die Schakale und Füchse,  hinlänglich charakterisiert  und ihre Geschichte hinlänglich aufgeklärt. Dann fährt CUVIER fort: DAUBENTON hat schon bemerkt, wie schwer das  Skelett  eines Wolfs sich von demjenigen einer Dogge oder Schäferhundes von derselben Größe unterscheiden lasse. - Da ich noch mehr Interesse als er hatte, ihre Charaktere zu finden, so habe ich lange darüber gearbeitet und sorgfältig die Schädel mehrer Individuen jener Hunderassen mit denjenigen einiger Wölfe verglichen. Ich habe nur bemerken können, daß bei den Wölfen der dreieckige Teil der Stirn hinter den Augenhöhlen etws enger und platter ist, daß der Pfeil-Hinterhaupts-Kamm länger und höher und die Zähne, besonders die Eckzähne, verhältnismäßig dicker sind; aber dies sind so leichte Nuancen, daß man öfter viel bedeutendere bei Individuen derselben Art findet und daß man Mühe hat, des Gedankens sich zu erwehren, den DAUBENTON hatte, nämlich daß Hund und Wolf von derselben Art sind." - Nachdem nun CUVIER die verschiedenen fossilen Unterschiede beschrieben und die Unterschiede, welche die Konchen des Höhlenwolfes zeigen, auseinandergesetzt hat, fährt er Seite 462 fort: - "Wenn indessen diese Unterschiede nicht hinlänglich bewiesen sind, so ist auch die Identität der Art nicht durch diese Ähnlichkeite einzelner Teile bewiesen. - "Die verschiedenen Arten der Hundegattung, die verschiedenen Füchse etc. gleichen sich so sehr in Größe und Gestalt, daß möglicherweise manche ihrer Knochen nicht zu unterscheiden sind."
    6) CUVIER, Ossemens fossiles, Tom. II, 1. partie, Seite 112: "Ich habe sorgfältig die Skelette von verschiedenen Varietäten von Pferden, sowie diejenigen vom Maultier, Esel, Zebra und Quagga verglichen und keinen hinlänglichen beständigen Charakter finden können, der mir erlaubt hätte, über eine einzige dieser Arten nach einem isolierten Knochen einen Ausspruch zu wagen; selbst die Größe bietet nur unvollständige Unterscheidungsmittel, da die Pferde und Esel als Haustiere sehr in dieser Hinsicht variieren; ihre Unterschiede können bis zum Doppelten gehen und obgleich ich mir noch kein Skelett des Hemione [wilde Esel - wp] oder Dschiggetai [asiatischer Esel - wp] habe verschaffen können, so zweifle ich doch nicht, daß dieses ebensosehr den anderen Arten gleicht, als diese sich untereinander gleichen."
    7) Anmerkung PRITCHARDs: "BUFFON behauptet, daß die Wölfin über 100 Tage trächtig geht. Im 4. Band der Annalen des Museums der Naturgeschichte ist ein Fall erzählt, in welchem das Trächtigsein des Wolfes zwischen 89 und 91 Tagen betrug."
    8) Wie leicht Herr A. WAGNER in München an der Unterscheidung guter Arten zweifelt, geht aus seiner Anzweiflung der Selbständigkeit der javanischen Ochsenart (Bos Banteng Raffl.) hervor. GIEBEL weist im Bau des Skeletts, der Zähne etc. eine Menge von Verschiedenheiten nach, daß man die Selbständigkeit der Art nicht bezweifeln kann. "Wir würden auch dann noch die Artrechte verteidigen können", sagt GIEBEL, "wenn es sich bestätigen sollte, daß die Hauskühe dem Banteng zur Belegung zugetrieben werden, um deren Schlag zu verbessern." (GIEBEL, Seite 261f) Würden wohl das wohl die Javanesen tun, wenn die von den vom Banteng belegten Kühe geworfenen Bastarde unfruchtbar wären? Also auch hier wieder fruchtbare Bastardzeugung von zwei verschiedenen Arten.