Der Sinn der Wertfreiheit | dow 240 KB
 
MAX WEBER
Die "Objektivität"
sozialwissenschaftlicher und
sozialpolitischer Erkenntnis


III

"Stets wiederholen sich die Versuche, den  eigentlichen, wahren  Sinn historischer Begriffe festzustellen, und niemals gelangen sie zu Ende."

Was ist nun aber die Bedeutung solcher idealtypischen Begriffe für eine  Erfahrungswissenschaft, wie wir sie treiben wollen? Vorweg sei hervorgehoben, daß der Gedanke des Sein  sollenden,  "Vorbildlichen" von diesen in rein  logischem  Sinn "idealen" Gedankengebilden, die wir besprechen, hier zunächst sorgsam fernzuhalten ist. Es handelt sich um die Konstruktion von Zusammenhängen, welche unserer  Phantasie  als zulänglich motiviert und also "objektiv möglich", unserem nomologischen Wissen als  adäquat  erscheinen.

Wer auf dem Standpunkt steht, daß die Erkenntnis der historischen Wirklichkeit "voraussetzungslose" Abbildung "objektiver" Tatsachen sein soll oder kann, wird ihnen jeden Wert absprechen. Und selbst wer erkannt hat, daß es eine "Voraussetzungslosigkeit" im logischen Sinn auf dem Boden der Wirklichkeit nicht gibt und auch das einfachste Aktenexzerpt oder Urkundenregest nur durch Bezugnahme auf "Bedeutungen", und damit auf Wertideen als letzte Instanz, irgend welchen wissenschaftlichen Sinn haben kann, wird doch die Konstruktion irgend welcher historischer "Utopien" als ein für die Unbefangenheit der historischen Arbeit gefährliches Veranschaulichungsmittel, überwiegend aber einfach als Spielerei ansehen. Und in der Tat: ob es sich um reines Gedankenspiel oder um eine wissenschaftlich fruchtbare Begriffsbildung handelt, kann a priori niemals entschieden werden; es gibt auch hier nur einen Maßstab: den des Erfolges für die Erkenntnis konkreter Kulturerscheinungen in ihrem Zusammenhang, ihrer ursächlichen Bedingtheit und ihrer  Bedeutung.  Nicht als Ziel, sondern als  Mittel  kommt mithin die Bildung abstrakter Idealtypen in Betracht. Jede aufmerksame Beobachtung der begrifflichen Elemente historischer Darstellung zeigt nun aber, daß der Historiker, sobald er den Versuch unternimmt, über das bloße Konstatieren konkreter Zusammenhänge hinaus die  Kulturbedeutung  eines noch so einfachen individuellen Vorgangs festzustellen, ihn zu "charakterisieren", mit Begriffen arbeitet und arbeiten  muß,  welche regelmäßig nur in Idealtypen scharf und eindeutig bestimmbar sind. Oder sind Begriffe wie etwa: "Individualismus", "Imperialismus", "Feudalismus", "Merkantilismus" "konventionell" und die zahllosen Begriffsbildungen ähnlicher Art, mittels deren wir uns der Wirklichkeit denkend und verstehend zu bemächtigen suchen, ihrem Inhalt nach durch "voraussetzungslose"  Beschreibung  irgend  einer  konkreten Erscheinung oder aber durch abstrahierende Zusammenfassung dessen, was  mehreren  konkreten Erscheinungen  gemeinsam  ist, zu bestimmen? Die Sprache, die der Historiker spricht, enthält in hunderten von Worten solche unbestimmten, dem unreflektiert waltenden Bedürfnis des Ausdrucks entnommenen Gedankenbilder, deren Bedeutung zunächst nur anschaulich empfunden, nicht klar gedacht wird. In unendlich vielen Fällen, zumal auf dem Gebiet der darstellenden politischen Geschichte, tut nun die Unbestimmtheit ihres Inhaltes der Klarheit der Darstellung sicherlich keinen Abbruch. Es genügt dann, daß im einzelnen Falle  empfunden  wird, was dem Historiker vorschwebt, oder aber man kann sich damit begnügen, daß eine  partikuläre  Bestimmtheit des Begriffsinhaltes von  relativer  Bedeutung für den einzelnen Fall als gedacht vorschwebt. Je schärfer aber die Bedeutsamkeit einer Kulturerscheinung zum klaren Bewußtsein gebracht werden soll, desto unabweislicher wird das Bedürfnis, mit klaren und nicht nur partikulär, sondern allseitig bestimmten Begriffen zu arbeiten. Eine "Definition" jener Synthesen des historischen Denkens nach dem Schema: genus proximum, differentia specifica ist natürlich ein Unding: man mache doch die Probe. Eine solche Form der Feststellung der Wortbedeutung gibt es nur auf dem Boden dogmatischer Disziplinen, welche mit Syllogismen arbeiten. Eine einfach "schildernde Auflösung" jener Begriffe in ihre Bestandteile gibt es ebenfalls nicht oder nur scheinbar, denn es kommt eben darauf an,  welche  dieser Bestandteile denn als wesentlich gelten sollen. Es bleibt, wenn eine genetische Definition des Begriffsinhaltes versucht werden soll, nur die Form des Idealtypus im oben fixierten Sinn. Er ist ein Gedankenbild, welches nicht die historische Wirklichkeit oder gar die "eigentliche" Wirklichkeit  ist,  welches noch viel weniger dazu da ist, als ein Schema zu dienen,  in  welches die Wirklichkeit als  Exemplar  eingeordnet werden sollte, sondern welches die Bedeutung eines rein idealen  Grenzbegriffes hat, an welchem die Wirklichkeit zur Verdeutlichung bestimmter bedeutsamer Bestandteile ihres empirischen Gehaltes  gemessen,  mit dem sie  verglichen  wird. Solche Begriffe sind Gebilde, in welchen wir Zusammenhänge unter Verwendung der Kategorie der objektiven Möglichkeit konstruieren, die unsere, an der Wirklichkeit orientierte und geschulte  Phantasie  als adäquat  beurteilt.

Der Idealtypus ist in dieser Funktion insbesondere der Versuch, historische Individuen oder deren Einzelbestandteile in  genetische  Begriffe zu fassen. Man nehme etwa die Begriffe: "Kirche" und "Sekte". Sie lassen sich rein klassifizierend in Merkmalskomplexe auflösen, wobei dann nicht nur die Grenze zwischen beiden, sondern auch der Begriffsinhalt stets flüssig bleiben muß. Will ich aber den Begriff der "Sekte"  genetisch,  z.B. in Bezug auf gewisse wichtige Kulturbedeutungen, die der "Sektengeist" für die moderne Kultur gehabt hat, erfassen, so werden bestimmte Merkmale beider  wesentlich,  weil sie in adäquater ursächlicher Beziehung zu jenen Wirkungen stehen. Die Begriffe werden aber alsdann zugleich  ideal typisch, d.h. in voller begrifflicher  Reinheit  sind sie nicht oder nur vereinzelt vertreten. Hier wie überall führt eben jeder nicht  rein  klassifikatorische Begriff von der Wirklichkeit ab. Aber die diskursive Natur unseres Erkennens: der Umstand, daß wir die Wirklichkeit nur durch eine Kette von Vorstellungsveränderungen hindurch erfassen, postuliert eine solche Begriffsstenographie. Unsere Phantasie kann ihre ausdrückliche begriffliche Formulierung sicherlich oft als Mittel der  Forschung  entbehren, - für die  Darstellung  ist, soweit sie eindeutig sein will, ihre Verwendung auf dem Boden der Kulturanalyse in zahlreichen Fällen ganz unvermeidlich. Wer sie grundsätzlich verwirft, muß sich auf die formale, etwa die rechtshistorische Seite der Kulturerscheinungen beschränken. Der Kosmos der  rechtlichen  Normen ist natürlich zugleich begrifflich klar bestimmbar und (im  rechtlichen Sinn!) für die historische Wirklichkeit  geltend. Aber ihre praktische  Bedeutung  ist es, mit der die Arbeit der Sozialwissenschaft in unserem Sinn zu tun hat. Diese Bedeutung aber ist sehr oft nur durch Beziehung des empirisch Gegebenen auf einen idealen Grenzfall eindeutig zum Bewußtsein zu bringen. Lehnt der Historiker (im weitesten Sinne des Wortes) einen Formulierungsversuch eines solchen Idealtypus als "theoretische Konstruktion", d. h. als für seinen konkreten Erkenntniszweck nicht tauglich oder entbehrlich, ab, so ist die Folge regelmäßig entweder, daß er, bewußt oder unbewußt, andere ähnliche  ohne  sprachliche Formulierung und logische Bearbeitung verwendet, oder daß er im Gebiet des unbestimmt "Empfundenen" stecken bleibt.

Nichts aber ist allerdings gefährlicher als die, naturalistischen Vorurteilen entstammende, Vermischung  von Theorie und Geschichte, sei es in der Form, daß man glaubt, in jenen theoretischen Begriffsbildern den "eigentlichen" Gehalt, das "Wesen" der geschichtlichen Wirklichkeit fixiert zu haben, oder daß man sie als ein Prokrustesbett benutzt, in welches die Geschichte hineingezwängt werden soll, oder daß man gar die "Ideen" als eine hinter der Flucht der Erscheinungen stehende "eigentliche" Wirklichkeit, als reale "Kräfte" hypostasiert [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] , die sich in der Geschichte auswirkten.

Speziell diese letztere Gefahr liegt nun um so näher, als wir unter "Ideen" einer Epoche auch und sogar in erster Linie Gedanken oder Ideale zu verstehen gewohnt sind, welche die Masse oder einen geschichtlich ins Gewicht fallenden Teil der Menschen jener Epoche selbst  beherrscht haben  und dadurch für deren Kultureigenart als Komponenten bedeutsam gewesen sind. Und es kommt noch zweierlei hinzu: Zunächst der Umstand, daß zwischen der "Idee" im Sinn von praktischer oder theoretischer Gedankenrichtung und der "Idee" im Sinn eines von uns als begriffliches Hilfsmittel konstruierten Ideal typus  einer Epoche regelmäßig bestimmte Beziehungen bestehen. Ein Idealtypus bestimmter gesellschaftlicher Zustände, welcher sich aus gewissen charakteristischen sozialen Erscheinungen einer Epoche abstrahieren läßt, kann - und dies ist sogar recht häufig der Fall - den Zeitgenossen selbst als praktisch zu erstrebendes Ideal oder doch als Maxime für die Regelung bestimmter sozialer Beziehungen vorgeschwebt haben. So steht es schon mit der "Idee" des "Nahrungsschutzes" und manchen Theorien der Kanonisten, speziell des heiligen THOMAS, im Verhältnis zu dem heute verwendeten idealtypischen Begriff der "Stadtwirtschaft" des Mittelalters, den wir oben besprachen. Erst recht steht es so mit dem berüchtigten "Grundbegriff" der Nationalökonomie: dem des "wirtschaftlichen  Werts".  Von der Scholastik an bis in die MARXsche Theorie hinein verquickt sich hier der Gedanke von etwas "objektiv" Geltendem, d.h. also: Sein sollendem, mit einer Abstraktion aus dem empirischen Verlauf der Preisbildung. Und jener Gedanke, daß der " Wert" der Güter nach bestimmten "naturrechtlichen" Prinzipien reguliert sein  soll,  hat unermeßliche Bedeutung für die Kulturentwicklung - und zwar nicht nur des Mittelalters - gehabt und hat sie noch. Und er hat speziell auch die empirische Preisbildung intensiv beeinflußt.  Was  aber unter jenem theoretischen Begriff gedacht  wird  und gedacht werden kann, das ist  nur  durch scharfe, das heißt idealtypische Begriffsbildung wirklich eindeutig klar zu machen, - das sollte der Spott über die "Robinsonaden" der abstrakten Theorie jedenfalls so lange bedenken, als er nichts besseres, d.h. hier:  Klareres  an die Stelle zu setzen vermag.

Das Kausalverhältnis zwischen der historisch konstatierbaren, die Menschen beherrschenden,  Idee  und denjenigen Bestandteilen der historischen Wirklichkeit, aus welchen der ihr korrespondierende Ideal typus  sich abstrahieren läßt, kann dabei natürlich höchst verschieden gestaltet sein. Festzuhalten ist prinzipiell nur, daß beides selbstverständlich grundverschiedene Dinge sind. Nun aber tritt noch etwas weiteres hinzu: Jene die Menschen einer Epoche beherrschenden, d. h. diffus in ihnen wirksamen "Ideen"  selbst  können wir, sobald es sich dabei um irgend kompliziertere Gedankengebilde handelt, mit begrifflicher Schärfe wiederum nur  in  Gestalt eines  Idealtypus  erfassen, weil sie empirisch ja in den Köpfen einer unbestimmten und wechselnden Vielzahl von Individuen leben und in ihnen die mannigfachsten Abschattierungen nach Form und Inhalt, Klarheit und Sinn erfahren. Diejenigen Bestandteile des Geisteslebens der einzelnen Individuen in einer bestimmten Epoche des Mittelalters z. B., die wir als "das Christentum" der betreffenden Individuen ansprechen dürfen, würden,  wenn  wir sie vollständig zur Darstellung zu bringen vermöchten, natürlich ein Chaos unendlich differenzierter und höchst widerspruchsvoller Gedanken- und Gefühlszusammenhänge aller Art sein, trotzdem die Kirche des Mittelalters die Einheit des Glaubens und der Sitten sicherlich in besonders hohem Maße durchzusetzen vermocht hat. Wirft man nun die Frage auf, was denn in diesem Chaos  das  "Christentum" des Mittelalters, mit dem man doch fortwährend als mit einem feststehenden Begriff operieren muß, gewesen sei, worin  das  "Christliche", welches wir in den Institutionen des Mittelalters finden, denn liege, so zeigt sich alsbald, daß auch hier in jedem einzelnen Fall ein von uns geschaffenes reines Gedankengebilde verwendet wird. Es ist eine Verbindung von Glaubenssätzen, Kirchenrechts- und sittlichen Normen, Maximen der Lebensführung und zahllosen Einzelzusammenhängen, die  wir  zu einer "Idee" verbinden: eine Synthese, zu der wir ohne die Verwendung idealtypischer Begriffe gar nicht widerspruchslos zu gelangen vermöchten.

Die logische Struktur der Begriffssysteme, in denen wir solche "Ideen" zur Darstellung bringen, und ihr Verhältnis zu dem, was uns in der empirischen Wirklichkeit unmittelbar gegeben ist, sind nun natürlich höchst verschieden. Verhältnismäßig einfach gestaltet sich die Sache noch, wenn es sich um Fälle handelt, in denen ein oder einige wenige leicht in Formeln zu fassende theoretische Leitsätze - etwa der Prädestinationsglaube Calvins - oder klar formulierbare sittliche Postulate es sind, welche sich der Menschen bemächtigt und historische Wirkungen erzeugt haben, so daß wir die "Idee" in eine Hierarchie von Gedanken gliedern können, welche logisch aus jenen Leitsätzen sich entwickeln. Schon dann wird freilich leicht übersehen, daß, so gewaltig die Bedeutung auch der rein  logisch  zwingenden Macht des Gedankens in der Geschichte gewesen ist - der Marxismus ist ein hervorragendes Beispiel dafür -, doch der empirisch-historische Vorgang in den Köpfen der Menschen regelmäßig als ein  psychologisch, nicht als ein logisch bedingter verstanden werden muß. Deutlicher noch zeigt sich der idealtypische Charakter solcher Synthesen von historisch wirksamen Ideen dann, wenn jene grundlegenden Leitsätze und Postulate gar nicht oder nicht mehr in den Köpfen derjenigen Einzelnen leben, die von den aus ihnen logisch folgenden oder von ihnen durch Assoziation ausgelösten Gedanken beherrscht sind, weil die historisch ursprünglich zugrunde liegende "Idee" entweder abgestorben ist, oder überhaupt nur in ihren Konsequenzen in die Breite gedrungen war. Und noch entschiedener tritt der Charakter der Synthese als einer "Idee", die  wir  schaffen, dann hervor, wenn jene grundlegenden Leitsätze von Anfang an nur unvollkommen oder gar nicht zum deutlichen Bewußtsein gekommen sind oder wenigstens nicht die Form klarer Gedankenzusammenhänge angenommen haben. Wenn alsdann diese Prozedur von uns vorgenommen wird, wie es unendlich oft geschieht und auch geschehen muß, so handelt es sich bei dieser "Idee" - etwa des "Liberalismus" einer bestimmten Periode oder des "Methodismus" oder irgendeiner gedanklich unentwickelten Spielart des "Sozialismus" - um einen  reinen  Idealtypus ganz des gleichen Charakters wie die Synthese von "Prinzipien" einer Wirtschaftsepoche, von denen wir ausgingen. Je umfassender die Zusammenhänge sind, um deren Darstellung es sich handelt, und je vielseitiger ihre Kulturbedeutung  gewesen ist, desto mehr nähert sich ihre zusammenfassende systematische Darstellung in einem Begriffs- und Gedankensystem dem Charakter des Idealtypus, desto  weniger  ist es möglich, mit  einem  derartigen Begriffe auszukommen, desto natürlicher und unumgänglicher daher die immer wiederholten Versuche, immer  neue  Seiten der Bedeutsamkeit durch neue Bildung idealtypischer Begriffe zum Bewußtsein zu bringen. Alle Darstellungen eines  "Wesens"  des Christentums z.B. sind Idealtypen von stets und notwendig nur sehr relativer und problematischer Gültigkeit, wenn sie als historische Darstellung des empirisch Vorhandenen angesehen sein wollen, dagegen von hohem heuristischen Wert für die Forschung und hohem systematischen Wert für die Darstellung, wenn sie lediglich als begriffliche Mittel zur  Vergleichung  und  Messung  der Wirklichkeit an ihnen verwendet werden. In dieser Funktion sind sie geradezu unentbehrlich. Nun aber haftet solchen idealtypischen Darstellungen regelmäßig noch ein anderes, ihre Bedeutung noch weiter komplizierendes Moment an. Sie wollen sein, oder sind unbewußt, regelmäßig Idealtypen nicht nur im  logischen,  sondern auch im  praktischen  Sinne:  vorbildliche  Typen, welche - in unserem Beispiel - das enthalten, was das Christentum nach der Ansicht des Darstellers sein  soll,  was an ihm das  für ihn  "Wesentliche",  weil dauernd Wertvolle  ist. Ist dies aber bewußt oder - häufiger - unbewußt der Fall, dann enthalten sie Ideale,  auf  welche der Darsteller das Christentum  wertend  bezieht: Aufgaben und Ziele, auf die hin er seine "Idee" des Christentums ausrichtet und welche natürlich von den Werten, auf welche die Zeitgenossen, etwa die Urchristen, das Christentum bezogen, höchst verschieden sein können, ja zweifellos immer sein werden. In dieser Bedeutung sind die "Ideen" dann aber natürlich nicht mehr rein  logische  Hilfsmittel, nicht mehr Begriffe, an welchen die Wirklichkeit vergleichend  gemessen,  sondern Ideale, aus denen sie wertend  beurteilt  wird. Es handelt sich hier  nicht  mehr um den rein theoretischen Vorgang der  Beziehung  des Empirischen auf Werte, sondern um Werturteile,  welche in den "Begriff" des Christentums aufgenommen sind. Weil hier der Idealtypus empirische  Geltung  beansprucht, ragt er in die Region der wertenden  Deutung  des Christentums hinein: der Boden der Erfahrungswissenschaft ist verlassen; es liegt ein persönliches Bekenntnis vor,  nicht  eine ideal-typische  Begriffsbildung. So prinzipiell dieser Unterschied ist, so tritt die  Vermischung jener beiden grundverschiedenen Bedeutungen der "Idee" im Verlauf der historischen Arbeit doch außerordentlich häufig ein. Sie liegt immer sehr nahe, sobald der darstellende Historiker seine "Auffassung" einer Persönlichkeit oder Epoche zu entwickeln beginnt. Im Gegensatz zu den konstant bleibenden ethischen Maßstäben, die SCHLOSSER im Geiste des Rationalismus verwendete, hat der moderne relativistisch eingeschulte Historiker, der die Epoche, von der er spricht, einerseits "aus ihr selbst verstehen", andererseits doch auch "beurteilen" will, das Bedürfnis, die Maßstäbe seines Urteils "dem Stoff" zu entnehmen, d.h. die "Idee" im Sinne des  Ideals  aus der "Idee" im Sinne des "Idealtypus  " herauswachsen zu lassen. Und das ästhetisch Reizvolle eines solchen Verfahrens verlockt ihn fortwährend dazu, die Linie, wo beide sich scheiden, zu verwischen - eine Halbheit, welche einerseits das wertende Urteilen nicht lassen kann, andererseits die Verantwortung für ihre Urteile von sich abzulehnen trachtet. Demgegenüber ist es aber eine  elementare Pflicht der wissenschaftlichen Selbstkontrolle  und das einzige Mittel zur Verhütung von Erschleichungen, die logisch  vergleichende  Beziehung der Wirklichkeit auf Ideal typen  im logischen Sinne von der wertenden  Beurteilung  der Wirklichkeit aus  Idealen  heraus scharf zu scheiden. Ein "Idealtypus" in unserem Sinne ist, wie noch einmal wiederholt sein mag, etwas gegenüber der  wertenden  Beurteilung völlig indifferentes, er hat mit irgend einer anderen als einer rein  logischen  "Vollkommenheit" nichts zu tun. Es gibt Idealtypen von Bordellen so gut wie von Religionen, und es gibt von den ersteren sowohl Idealtypen von solchen, die vom Standpunkt der heutigen Polizeiethik aus technisch "zweckmäßig" erscheinen würden, wie von solchen, bei denen das gerade Gegenteil der Fall ist.

Notgedrungen muß hier die eingehende Erörterung des weitaus kompliziertesten und interessantesten Falles: die Frage der logischen Struktur des  Staatsbegriffes  beiseite bleiben. Nur folgendes sei dazu bemerkt: Wenn wir fragen, was in der empirischen Wirklichkeit dem Gedanken "Staat" entspricht, so finden wir eine Unendlichkeit diffuser und diskreter menschlicher Handlungen und Duldungen, faktischer und rechtlich geordneter Beziehungen, teils einmaligen, teils regelmäßig wiederkehrenden Charakters, zusammengehalten durch eine Idee, den Glauben an tatsächlich geltende oder gelten sollende Normen und Herrschaftsverhältnisse von Menschen über Menschen. Dieser Glaube ist teils gedanklich entwickelter geistiger Besitz, teils dunkel empfunden, teils passiv hingenommen und auf das mannigfaltigste abschattiert in den Köpfen der Einzelnen vorhanden, welche, wenn sie die "Idee" wirklich selbst klar als solche  dächten,  ja nicht erst der "allgemeinen Staatslehre" bedürften, die sie entwickeln will. Der wissenschaftliche Staatsbegriff, wie immer er formuliert werde, ist nun natürlich stets eine Synthese, die  wir  zu bestimmten Erkenntniszwecken vornehmen. Aber er ist andererseits auch abstrahiert aus den unklaren Synthesen, welche in den Köpfen der historischen Menschen vorgefunden werden. Der konkrete Inhalt aber, den der historische "Staat" in jenen Synthesen der Zeitgenossen annimmt, kann wiederum nur durch Orientierung an idealtypischen Begriffen zur Anschauung gebracht werden. Und ferner unterliegt es nicht dem mindesten Zweifel, daß die Art, wie jene Synthesen, in logisch stets unvollkommener Form, von den Zeitgenossen vollzogen werden, der "Ideen", die  sie  sich vom Staat machen, - die deutsche "organische" Staatsmetaphysik z.B. im Gegensatz zu der "geschäftlichen" amerikanischen Auffassung, - von eminenter praktischer Bedeutung ist, daß mit anderen Worten auch hier die als geltensollend oder geltend  geglaubte praktische  Idee und der zu Erkenntniszwecken konstruierte theoretische Ideal typus  nebeneinander herlaufen und die stete Neigung zeigen, ineinander überzugehen.

Wir hatten oben absichtlich den "Idealtypus" wesentlich - wenn auch nicht ausschließlich - als gedankliche Konstruktion zur Messung und systematischen Charakterisierung von  individuellen,  d.h. in ihrer Einzigartigkeit bedeutsamen Zusammenhängen - wie Christentum, Kapitalismus usw. - betrachtet. Dies geschah, um die landläufige Vorstellung zu beseitigen, als ob auf dem Gebiet der Kulturerscheinungen das abstrakt  Typische  mit dem abstrakt  Gattungsmäßigen  identisch sei. Das ist nicht der Fall. Ohne den viel erörterten und durch Mißbrauch stark diskreditierten Begriff des "Typischen" hier prinzipiell analysieren zu können, entnehmen wir doch schon unserer bisherigen Erörterung, daß die Bildung von Typenbegriffen im Sinn der Ausscheidung des "Zufälligen" auch und gerade bei  historischen Individuen  ihre Stätte findet. Nun aber können natürlich auch diejenigen  Gattungs begriffe, die wir fortwährend als Bestandteile historischer Darstellungen und konkreter historischer Begriffe finden, durch Abstraktion und Steigerung bestimmter ihnen begriffswesentlicher Elemente als Idealtypen geformt werden. Dies ist sogar ein praktisch besonders häufiger und wichtiger Anwendungsfall der idealtypischen Begriffe, und jeder  individuelle  Idealtypus setzt sich aus begrifflichen  Elementen  zusammen, die gattungsmäßig sind und als Idealtypen geformt worden sind. Auch in diesem Falle zeigt sich aber die spezifische logische Funktion der idealtypischen Begriffe. Ein einfacher Gattungsbegriff im Sinne eines Komplexes von Merkmalen, die sich an mehreren Erscheinungen gemeinsam vorfinden, ist z.B. der Begriff des "Tausches", so lange ich von der  Bedeutung  der Begriffsbestandteile absehe, also einfach den Sprachgebrauch des Alltags analysiere. Setze ich diesen Begriff nun aber etwa zu dem "Grenznutzgesetz" in Beziehung und bilde den Begriff des "ökonomischen Tausches" als eines ökonomisch  rationalen  Vorgangs, dann enthält dieser, wie  jeder  logisch voll entwickelte Begriff, ein  Urteil  über die "typischen"  Bedingungen  des Tausches in sich. Er nimmt  genetischen  Charakter an und wird damit zugleich im logischen Sinn idealtypisch, d. h. er entfernt sich von der empirischen Wirklichkeit, die nur mit ihm  verglichen,  auf ihn bezogen werden kann. Ähnliches gilt von allen sogenannten "Grundbegriffen" der Nationalökonomie: sie sind in  genetischer  Form nur als Idealtypen zu entwickeln. Der Gegensatz zwischen einfachen Gattungsbegriffen, welche lediglich das  empirischen  Erscheinungen Gemeinsame zusammenfassen, und gattungsmäßigen  Idealtypen - wie etwa einem idealtypischen Begriff des "Wesens" des Handwerks - ist natürlich im einzelnen flüssig. Aber  kein  Gattungsbegriff hat als solcher "typischen" Charakter und einen reinen gattungsmäßigen "Durchschnitts"- Typus  gibt es nicht. Wo immer wir - z.B. in der Statistik - von "typischen" Größen reden, liegt mehr als ein bloßer Durchschnitt vor. Je mehr es sich um einfache  Klassifikation  von Vorgängen handelt, die als Massenerscheinungen in der Wirklichkeit auftreten, desto mehr handelt es sich um  Gattungsbegriffe, je mehr dagegen komplizierte historische Zusammenhänge in denjenigen ihrer Bestandteile, auf welchen ihre spezifische  Kulturbedeutung  ruht, begrifflich geformt werden, desto mehr wird der Begriff - oder das Begriffssystem - den Charakter des  Idealtypus an sich tragen. Denn Zweck der idealtypischen Begriffsbildung ist es überall,  nicht  das Gattungsmäßige, sondern umgekehrt die  Eigenart  von Kulturerscheinungen scharf zum Bewußtsein zu bringen.

Die Tatsache, daß Idealtypen, auch gattungsmäßige, verwendet werden können und verwendet werden, bietet  methodisches  Interesse erst im Zusammenhang mit einem anderen Tatbestand.

Bisher haben wir die Idealtypen wesentlich nur als abstrakte Begriffe von Zusammenhängen kennen gelernt, welche, als im Fluß des Geschehens verharrend, als historische Individuen,  an  denen sich Entwicklungen vollziehen, von uns vorgestellt werden. Nun aber tritt eine Komplikation ein, welche das naturalistische Vorurteil, daß das Ziel der Sozialwissenschaften die Reduktion der Wirklichkeit auf  "Gesetze"  sein müsse, mit Hilfe des Begriffes des "Typischen" außerordentlich leicht wieder hereinpraktiziert. Auch  Entwicklungen  lassen sich nämlich als Idealtypen konstruieren, und diese Konstruktionen können ganz erheblichen heuristischen Wert haben. Aber es entsteht dabei in ganz besonders hohem Maße die Gefahr, daß Idealtypus und Wirklichkeit ineinander geschoben werden. Man kann z.B. zu dem theoretischen Ergebnis gelangen, daß in einer  streng  "handwerksmäßig" organisierten Gesellschaft die einzige Quelle der Kapitalakkumulation die Grundrente sein könne. Daraus kann man dann vielleicht - denn die Richtigkeit der Konstruktion wäre hier nicht zu untersuchen - ein rein durch bestimmte einfache Faktoren: - begrenzter Boden, steigende Volkszahl, Edelmetallzufluß, Rationalisierung der Lebensführung, - bedingtes Idealbild einer Umbildung der handwerksmäßigen in die kapitalistische Wirtschaftsform konstruieren. Ob der empirisch-historische Verlauf der Entwicklung tatsächlich der konstruierte gewesen ist, wäre nun erst mit Hilfe dieser Konstruktion als heuristischem Mittel zu untersuchen im Wege der Vergleichung zwischen Idealtypus und "Tatsachen". War der Idealtypus "richtig" konstruiert und entspricht der tatsächliche Verlauf dem idealtypischen  nicht,  so wäre damit der Beweis geliefert, daß die mittelalterliche Gesellschaft eben in bestimmten Beziehungen  keine  streng "handwerksmäßige" war. Und wenn der Idealtypus in heuristisch  "idealer"  Weise konstruiert war, - ob und wie dies in unserem Beispiel der Fall sein könnte, bleibt hier gänzlich außer Betracht, -  dann  wird er zugleich die Forschung auf den Weg lenken, der zu einer schärferen Erfassung jener  nicht  handwerksmäßigen Bestandteile der mittelalterlichen Gesellschaft in ihrer Eigenart und historischen Bedeutung führt. Er hat, wenn er zu diesem Ergebnis führt, seinen logischen Zweck erfüllt, gerade  indem  er seine eigene Unwirklichkeit manifestierte. Es war - in diesem Fall - die Erprobung einer Hypothese. Der Vorgang bietet keinerlei methodologische Bedenken,  so lange  man sich stets gegenwärtig hält, daß idealtypische Entwicklungskonstruktion  und  Geschichte  zwei streng zu scheidende Dinge sind und daß die Konstruktion hier lediglich das Mittel war, planvoll  die  gültige  Zurechnung eines historischen Vorganges zu seinen wirklichen Ursachen aus dem Kreise der nach Lage unserer Erkenntnis  möglichen  zu vollziehen.

Diese Scheidung streng aufrecht zu erhalten, wird nun erfahrungsgemäß durch einen Umstand oft ungemein erschwert. Im Interesse der anschaulichen Demonstration des Idealtypus oder der idealtypischen Entwicklung wird man sie durch Anschauungsmaterial aus der empirisch-historischen Wirklichkeit zu  verdeutlichen  suchen. Die Gefahr dieses an sich ganz legitimen Verfahrens liegt darin, daß das geschichtliche Wissen hier einmal als  Diener  der Theorie erscheint statt umgekehrt. Die Versuchung liegt für den Theoretiker recht nahe, dieses Verhältnis entweder als das normale anzusehen, oder, was schlimmer ist, Theorie und Geschichte ineinander zu schieben und geradezu miteinander zu verwechseln. In noch gesteigertem Maße liegt dieser Fall dann vor, wenn die Idealkonstruktion einer Entwicklung mit der begrifflichen Klassifikation von Idealtypen bestimmter Kulturgebilde (z.B. der gewerblichen Betriebsformen von der "geschlossenen Hauswirtschaft" ausgehend, oder etwa der religiösen Begriffe von den "Augenblicksgöttern" anfangend) zu einer  genetischen  Klassifikation ineinander gearbeitet wird. Die nach den gewählten Begriffsmerkmalen sich ergebende Reihenfolge der Typen erscheint dann als eine gesetzlich notwendige historische Aufeinanderfolge derselben. Logische Ordnung der Begriffe einerseits und empirische Anordnung des Begriffenen in Raum, Zeit und ursächlicher Verknüpfung andererseits erscheinen dann so miteinander verkittet, daß die Versuchung, der Wirklichkeit Gewalt anzutun, um die reale Geltung der Konstruktion in der Wirklichkeit zu erhärten, fast unwiderstehlich wird.

Absichtlich ist es vermieden worden, an dem für uns weitaus wichtigsten Fall idealtypischer Konstruktionen zu demonstrieren: an MARX. Es geschah, um die Darstellung nicht durch Hineinziehen von MARX-Interpretationen noch zu komplizieren und um den Erörterungen in unserer Zeitschrift, welche die Literatur, die über und im Anschluß an den großen Denker erwächst, zum regelmäßigen Gegenstand kritischer Analyse machen wird, nicht vorzugreifen. Daher sei hier nur konstatiert, daß natürlich  alle  spezifisch-marxistischen "Gesetze" und Entwicklungskonstruktionen - soweit sie  theoretisch  fehlerfrei sind - idealtypischen Charakter haben. Die eminente, ja einzigartige  heuristische  Bedeutung dieser Idealtypen, wenn man sie zur  Vergleichung  der Wirklichkeit mit ihnen benutzt, und ebenso ihre Gefährlichkeit, sobald sie als empirisch geltend oder gar als  reale  (d.h. in Wahrheit: metaphysische) "wirkende  Kräfte",  "Tendenzen" usw. vorgestellt werden, kennt jeder, der je mit marxistischen Begriffen gearbeitet hat.

Gattungsbegriffe - Idealtypen - idealtypische Gattungsbegriffe, - Ideen im Sinne von empirisch in historischen Menschen wirksamen Gedankenverbindungen - Idealtypen solcher Ideen - Ideale, welche historische Menschen beherrschen - Idealtypen solcher Ideale - Ideale, auf welche der Historiker die Geschichte bezieht; -  theoretische  Konstruktionen unter  illustrativer  Benutzung des Empirischen -  geschichtliche  Untersuchung unter Benutzung der theoretischen Begriffe als idealer Grenzfälle, - dazu dann die verschiedenen möglichen Komplikationen, die hier nur angedeutet werden konnten: lauter gedankliche Bildungen, deren Verhältnis zur empirischen Wirklichkeit des unmittelbar Gegebenen in jedem einzelnen Fall problematisch ist: - diese Musterkarte allein zeigt schon die unendliche Verschlungenheit der begrifflich-methodischen Probleme, welche auf dem Gebiet der Kulturwissenschaften fortwährend lebendig bleiben. Und wir mußten uns schlechthin versagen, auf die praktisch methodologischen Fragen hier, wo die Probleme nur  gezeigt  werden sollten, ernstlich einzugehen, die Beziehungen der idealtypischen zur "gesetzlichen" Erkenntnis, der idealtypischen Begriffe zu den Kollektivbegriffen usw. eingehender zu erörtern.

Der Historiker wird nach allen diesen Auseinandersetzungen doch immer wieder darauf beharren, daß die Herrschaft der idealtypischen Form der Begriffsbildung und Konstruktion spezifische Symptome der Jugendlichkeit einer Disziplin seien. Und darin ist ihm in gewissem Sinne recht zu geben, freilich mit anderen Konsequenzen, als er sie ziehen wird. Nehmen wir ein paar Beispiele aus anderen Disziplinen. Es ist gewiß wahr: der geplagte Quartaner ebenso wie der primitive Philologe stellt sich zunächst eine Sprache  "organisch",  d. h. als ein von Normen beherrschtes überempirisches  Ganzes  vor, die Aufgabe der Wissenschaft aber als die: festzustellen, was - als Sprachregel - gelten  solle.  Die "Schriftsprache" logisch zu bearbeiten, wie etwa die Crusca [florentiner Sprachgesellschaft des 16. Jhd. - wp] es tat, ihren Gehalt auf  Regeln  zu reduzieren, ist die normalerweise erste Aufgabe, welche sich eine "Philologie" stellt. Und wenn demgegenüber heute ein führender Philologe das "Sprechen  jedes Einzelnen"  als Objekt der Philologie proklamiert, so ist selbst die Aufstellung eines solchen Programms nur möglich, nachdem in der Schriftsprache ein relativ fester Idealtypus vorliegt, mit welchem die sonst gänzlich orientierungs- und uferlose Durchforschung der unendlichen Mannigfaltigkeit des  Sprechens  (mindestens stillschweigend) operieren kann. - Und nicht anders funktionierten die Konstruktionen der naturrechtlichen und der organischen Staatstheorien, oder etwa - um an einen Idealtypus in  unserm  Sinn zu erinnern - die BENJAMIN CONSTANTsche Theorie des antiken Staats, gewissermaßen als Nothäfen, bis man gelernt hatte, sich auf dem ungeheueren Meere der empirischen Tatsachen zurechtzufinden. Die reif werdende Wissenschaft bedeutet also in der Tat immer  Überwindung  des Idealtypus, sofern er als empirisch  geltend  oder als  Gattungsbegriff  gedacht wird. Allein nicht nur ist z.B. die Benutzung der geistvollen CONSTANTschen Konstruktion zur Demonstration gewisser Seiten und historischer Eigenarten antiken Staatslebens noch heute ganz legitim, sobald man sorgsam ihren idealtypischen Charakter festhält. Sondern vor allem: es gibt Wissenschaften, denen ewige Jugendlichkeit beschieden ist, und das sind alle  historischen  Disziplinen, alle die, denen der ewig fortschreitende Fluß der Kultur stets neue Problemstellungen zuführt. Bei ihnen liegt die Vergänglichkeit  aller, aber  zugleich die Unvermeidlichkeit immer  neuer  idealtypischer Konstruktionen im Wesen der Aufgabe.

Stets wiederholen sich die Versuche, den "eigentlichen", "wahren" Sinn historischer Begriffe festzustellen, und niemals gelangen sie zu Ende. Ganz regelmäßig bleiben infolgedessen die Synthesen, mit denen die Geschichte fortwährend arbeitet, entweder nur relativ bestimmte Begriffe, oder, sobald Eindeutigkeit des Begriffsinhaltes erzwungen werden soll, wird der Begriff zum abstrakten Idealtypus und enthüllt sich damit als ein theoretischer, also "einseitiger" Gesichtspunkt, unter dem die Wirklichkeit beleuchtet, auf den sie bezogen werden kann, der aber zum Schema, in das sie restlos  eingeordnet  werden könnte, sich selbstverständlich als ungeeignet erweist. Denn keines jener Gedankensysteme, deren wir zur Erfassung der jeweils bedeutsamen Bestandteile der Wirklichkeit nicht entraten können, kann ja ihren unendlichen Reichtum erschöpfen. Keins ist etwas anderes als der Versuch, auf Grund des jeweiligen Standes unseres Wissens und der uns jeweils zur Verfügung stehenden begrifflichen Gebilde, Ordnung in das Chaos derjenigen Tatsachen zu bringen, welche wir in den Kreis unseres  Interesses jeweils einbezogen haben. Der Gedankenapparat, welchen die Vergangenheit durch denkende Bearbeitung, das heißt aber in Wahrheit: denkende  Umbildung,  der unmittelbar gegebenen Wirklichkeit und durch Einordnung in diejenigen Begriffe, die dem Stande ihrer Erkenntnis und der Richtung ihres Interesses entsprachen, entwickelt hat, steht in steter Auseinandersetzung mit dem, was wir an neuer Erkenntnis aus der Wirklichkeit gewinnen können und  wollen. In diesem Kampf vollzieht sich der Fortschritt der kulturwissenschaftlichen Arbeit. Ihr Ergebnis ist ein steter Umbildungsprozeß jener Begriffe, in denen wir die Wirklichkeit zu erfassen suchen. Die Geschichte der Wissenschaften vom sozialen Leben ist und bleibt daher ein steter Wechsel zwischen dem Versuch, durch Begriffsbildung Tatsachen gedanklich zu ordnen, - der Auflösung der so gewonnenen Gedankenbilder durch Erweiterung und Verschiebung des wissenschaftlichen Horizontes, - und der Neubildung von Begriffen auf der so veränderten Grundlage. Nicht etwa das Fehlerhafte des Versuchs, Begriffssysteme  überhaupt  zu bilden, spricht sich darin aus: - eine jede Wissenschaft, auch die einfach darstellende Geschichte, arbeitet mit dem Begriffsvorrat ihrer Zeit -, sondern  der  Umstand kommt darin zum Ausdruck, daß in den Wissenschaften von der menschlichen Kultur die Bildung der Begriffe von der Stellung der Probleme abhängt, und daß diese letztere wandelbar ist mit dem Inhalt der Kultur selbst. Das Verhältnis von Begriff und Begriffenem in den Kulturwissenschaften bringt die Vergänglichkeit jeder solchen Synthese mit sich. Große begriffliche Konstruktionsversuche haben auf dem Gebiet unserer Wissenschaft ihren Wert regelmäßig gerade darin gehabt, daß sie die  Schranken  der Bedeutung desjenigen Gesichtspunktes, der ihnen zugrunde lag, enthüllten. Die weittragendsten Fortschritte auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften knüpfen sich  sachlich  an die Verschiebung der praktischen Kulturprobleme und kleiden sich in die  Form  einer Kritik der Begriffsbildung. Es wird zu den vornehmsten Aufgaben unserer Zeitschrift gehören, dem Zweck dieser Kritik und damit der Untersuchung der  Prinzipien der Synthese auf dem Gebiet der Sozialwissenschaft zu dienen.

Bei den Konsequenzen, die aus dem Gesagten zu ziehen sind, gelangen wir nun an einen Punkt, wo unsere Ansichten sich vielleicht hier und da von denen mancher, auch hervorragender, Vertreter der historischen Schule, zu deren Kindern wir ja selbst gehören, scheiden. Diese letzteren nämlich verharren vielfach ausdrücklich oder stillschweigend in der Meinung, es sei das Endziel, der Zweck, jeder Wissenschaft, ihren Stoff in einem System von Begriffen zu ordnen, deren Inhalt durch Beobachtung empirischer Regelmäßigkeiten, Hypothesenbildung und Verifikation derselben zu gewinnen und langsam zu vervollkommnen sei, bis irgend wann eine "vollendete" und  deshalb  deduktive Wissenschaft daraus entstanden sei. Für dieses Ziel sei die historisch-induktive Arbeit der Gegenwart eine durch die Unvollkommenheit unserer Disziplin bedingte Vorarbeit: nichts muß naturgemäß vom Standpunkt dieser Betrachtungsweise aus bedenklicher erscheinen als die Bildung und Verwendung scharfer Begriffe, die ja jenes Ziel einer fernen Zukunft voreilig vorwegzunehmen trachten müßte. - Prinzipiell unanfechtbar wäre diese Auffassung auf dem Boden der antik-scholastischen Erkenntnislehre, welche denn auch der Masse der Spezialarbeiter der historischen Schule noch tief im Blute steckt: als Zweck der Begriffe wird vorausgesetzt, vorstellungsmäßige  Abbilder  der "objektiven" Wirklichkeit zu sein; daher der immer wiederkehrende Hinweis auf die  Unwirklichkeit  aller scharfen Begriffe. Wer den Grundgedanken der auf Kant zurückgehenden modernen Erkenntnislehre, daß die Begriffe vielmehr gedankliche Mittel zum Zweck der geistigen Beherrschung des empirisch Gegebenen sind und allein sein können, zu Ende denkt, dem wird der Umstand, daß scharfe genetische Begriffe notwendig Idealtypen sind, nicht gegen die Bildung von solchen sprechen können. Ihm kehrt sich das Verhältnis von Begriff und historischer Arbeit um: jenes Endziel erscheint ihm logisch unmöglich, die Begriffe sind nicht  Ziel,  sondern  Mittel  zum Zweck der Erkenntnis der unter individuellen Gesichtspunkten bedeutsamen Zusammenhänge: gerade weil die Inhalte der historischen Begriffe notwendig wandelbar sind, müssen sie jeweils notwendig scharf formuliert werden. Er wird nur das Verlangen stellen, daß bei ihrer  Verwendung  stets ihr Charakter als idealer Gedankengebilde sorgsam festgehalten, Idealtypus und Geschichte nicht verwechselt werde. Er wird, da wirklich definitive historische Begriffe bei dem unvermeidlichen Wechsel der leitenden Wertideen als generelles Endziel nicht in Betracht kommen, glauben, daß eben dadurch, daß für den  einzelnen,  jeweils leitenden Gesichtspunkt scharfe und eindeutige Begriffe gebildet werden, die Möglichkeit gegeben sei, die  Schranken  ihrer Geltung jeweils klar im Bewußtsein zu behalten.

Man wird nun darauf hinweisen, und wir haben es selbst zugegeben, daß ein konkreter historischer Zusammenhang im einzelnen Fall sehr wohl in seinem Ablauf anschaulich gemacht werden könne, ohne daß er fortwährend mit definierten Begriffen in Beziehung gesetzt werde. Und man wird demgemäß für den Historiker unserer Disziplin in Anspruch nehmen, daß er ebenso, wie man dies von dem politischen Historiker gesagt hat, die "Sprache  des  Lebens" reden dürfe. Gewiß! Nur ist dazu zu sagen, daß es bei diesem Verfahren bis zu einem oft  sehr  hohen Grade notwendig Zufall bleibt, ob der Gesichtspunkt, unter welchem der behandelte Vorgang Bedeutung gewinnt, zu klarem Bewußtsein gelangt. Wir sind im allgemeinen nicht in der günstigen Lage des politischen Historikers, bei welchem die Kulturinhalte, auf die er seine Darstellung bezieht, regelmäßig eindeutig sind - oder zu sein scheinen. Jeder nur anschaulichen Schilderung haftet die Eigenart der Bedeutung  künstlerischer  Darstellung an: "Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt", - gültige  Urteile  setzen überall die  logische  Bearbeitung des Anschaulichen, das heißt die Verwendung von  Begriffen  voraus, und es ist zwar möglich und oft ästhetisch reizvoll, diese in petto zu behalten, aber es gefährdet stets die Sicherheit der Orientierung des Lesers, oft die des Schriftstellers selbst, über Inhalt und Tragweite seiner Urteile.

Ganz hervorragend gefährlich aber kann nun die Unterlassung scharfer Begriffsbildung für praktische, wirtschafts- und sozial politische  Erörterungen werden. Was hier z.B. die Verwendung des Terminus  "Wert"  - jenes Schmerzenskindes unserer Disziplin, welchem eben  nur  idealtypisch irgendein eindeutiger Sinn gegeben werden kann -, oder Worte wie "produktiv", "vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus" usw., die überhaupt keiner begrifflich klaren Analyse standhalten, für Verwirrung gestiftet haben, ist für den Außenstehenden geradezu unglaublich. Und zwar sind es hier vornehmlich die der Sprache des Lebens entnommenen  Kollektivbegriffe, welche Unsegen stiften. Man nehme, um ein für den Laien möglichst durchsichtiges Schulbeispiel herauszugreifen, den Begriff "Landwirtschaft", wie er in der Wortverbindung "Interessen der Landwirtschaft" auftritt. Nehmen wir zunächst die "Interessen der Landwirtschaft" als die empirisch konstatierbaren mehr oder minder klaren  subjektiven  Vorstellungen der einzelnen wirtschaftenden Individuen von ihren Interessen, und sehen wir dabei ganz und gar von den unzähligen Konflikten der Interessen viehzüchtender, viehmästender, kornbauender, kornverfütternder, schnapsdestillierender usw. Landwirte hier ab, so kennt zwar nicht jeder Laie, aber doch jeder Fachmann das gewaltige Knäuel von durch- und gegeneinander laufenden Wertbeziehungen, das darunter unklar vorgestellt wird. Wir wollen hier nur einige wenige aufzählen: Interessen von Landwirten, welche ihr Gut verkaufen wollen und deshalb lediglich an einer schnellen Hausse des Bodenpreises interessiert sind; - das gerade entgegengesetzte Interesse von solchen, die sich ankaufen, arrondieren oder pachten wollen; das Interesse derjenigen, die ein bestimmtes Gut ihren Nachfahren um sozialer Vorteile willen zu erhalten wünschen und deshalb an Stabilität des Bodenbesitzes interessiert sind; - das entgegengesetzte Interesse solcher, die in ihrem und ihrer Kinder Interesse Bewegung des Bodens in der Richtung zum besten Wirt oder - was nicht ohne weiteres dasselbe ist - zum kapitalkräftigsten Käufer wünschen; das rein ökonomische Interesse der im privatwirtschaftlichen Sinne "tüchtigsten Wirte" an ökonomischer Bewegungsfreiheit; - das damit im Konflikt stehende Interesse bestimmter herrschender Schichten an der Erhaltung der überkommenen sozialen und politischen Position des eigenen "Standes" und damit der eigenen Nachkommen; das soziale Interesse der  nicht  herrschenden Schichten der Landwirte am Wegfall jener oberen, ihre eigene Position drückenden Schichten; - ihr unter Umständen damit kollidierendes Interesse, in jenen politische Führer zur Wahrung ihrer Erwerbsinteressen zu besitzen. - Die Liste könnte noch gewaltig vermehrt werden, ohne ein Ende zu finden, obwohl wir so summarisch und unpräzis wie nur möglich verfahren sind. Daß sich mit den mehr "egoistischen" Interessen dieser Art die verschiedensten rein idealen Werte mischen, verbinden, sie hemmen und ablenken können, übergehen wir, um uns vor allem zu erinnern, daß, wenn wir von "Interessen der Landwirtschaft" reden, wir regelmäßig  nicht nur  an jene materiellen und idealen Werte denken, auf welche die jeweiligen Landwirte selbst ihre "Interessen" beziehen, sondern daneben an die zum Teil ganz heterogenen Wertideen, auf welche  wir  die Landwirtschaft beziehen können, - beispielsweise: Produktionsinteressen, hergeleitet aus dem Interesse billiger und dem damit nicht immer zusammenfallenden Interesse qualitativ guter Ernährung der Bevölkerung, wobei die Interessen von Stadt und Land in den mannigfachsten Kollisionen liegen können, und wobei das Interesse der gegenwärtigen Generation mit den wahrscheinlichen Interessen künftiger Generationen keineswegs identisch sein muß; - populationistische Interessen: insbesondere Interesse an einer  zahlreichen  Landbevölkerung, hergeleitet, sei es aus Interessen "des Staates", machtpolitischen oder innerpolitischen, oder aus anderen ideellen Interessen von unter sich verschiedener Art, z.B. an dem erwarteten Einfluß einer zahlreichen Landbevölkerung auf die Kultureigenart eines Landes; - dies populationistische Interesse kann mit den verschiedensten privatwirtschaftlichen Interessen aller Teile der Landbevölkerung, ja denkbarerweise mit allen Gegenwartsinteressen der Masse der Landbevölkerung kollidieren. Oder etwa das Interesse an einer bestimmten Art der sozialen  Gliederung  der Landbevölkerung wegen der Art der politischen oder Kultureinflüsse, die sich daraus ergeben: dies Interesse kann je nach seiner Richtung mit allen denkbaren, auch den dringlichsten Gegenwarts- und Zukunftsinteressen der einzelnen Landwirte sowohl wie "des Staates" kollidieren. Und - dies kompliziert die Sache weiter - der "Staat", auf dessen "Interesse" wir solche und zahlreiche andere ähnliche Einzelinteressen gern beziehen, ist uns dabei ja oft nur Deckadresse für ein in sich höchst verschlungenes Knäuel von Wertideen, auf die er seinerseits von uns im einzelnen Falle bezogen wird: rein militärische Sicherung nach außen; Sicherung der Herrscherstellung einer Dynastie oder bestimmter Klassen nach innen; Interesse an der Erhaltung und Erweiterung der formal-staatlichen Einheit der Nation, um ihrer selbst willen oder im Interesse der Erhaltung bestimmter objektiver, unter sich wieder sehr verschiedener Kulturwerte, die wir als staatlich geeintes Volk zu vertreten glauben; Umgestaltung des sozialen Charakters des Staates im Sinne bestimmter, wiederum sehr verschiedener Kulturideale, - es würde zu weit führen, auch nur anzudeuten, was alles unter dem Sammelnamen "staatlicher Interessen" läuft, auf die wir "die Landwirtschaft" beziehen können. Das hier gewählte Beispiel und noch mehr unsere summarische Analyse sind plump und einfach. Der Laie möge sich nun einmal etwa den Begriff "Klasseninteresse der Arbeiter" ähnlich (und gründlicher) analysieren, um zu sehen, welch widerspruchsvolles Knäuel teils von Interessen und Idealen der Arbeiter, teils von Idealen, unter denen  wir  die Arbeiter betrachten, dahintersteckt. Es ist unmöglich, die Schlagworte des Interessenkampfes durch rein empiristische Betonung ihrer "Relativität" zu überwinden: klare, scharfe, begriffliche Feststellung der verschiedenen  möglichen  Gesichtspunkte ist der einzige Weg, der hier über die Unklarheit der Phrase hinausführt. Das "Freihandelsargument" als  Weltanschauung  oder gültige  Norm  ist eine Lächerlichkeit, aber schweren Schaden hat es für unsere handelspolitischen Erörterungen mit sich gebracht - und zwar ganz gleichgültig,  welche  handelspolitischen Ideale der Einzelne vertreten will -, daß wir die in solchen idealtypischen Formeln niedergelegte alte Lebensweisheit der größten Kaufleute der Erde in ihrem heuristischen Wert unterschätzt haben. Nur durch idealtypische Begriffsformeln werden die Gesichtspunkte, die im Einzelfalle in Betracht kommen, in ihrer Eigenart im Wege der  Konfrontierung  des Empirischen mit dem Idealtypus wirklich deutlich. Der Gebrauch der undifferenzierten Kollektivbegriffe, mit denen die Sprache des Alltags arbeitet, ist stets Deckmantel von Unklarheiten des Denkens oder Wollens, oft genug das Werkzeug bedenklicher Erschleichungen, immer aber ein Mittel, die Entwicklung der richtigen Problemstellung zu hemmen.

Wir sind am Ende dieser Ausführungen, die lediglich den Zweck verfolgen, die oft haarfeine Linie, welche Wissenschaft und Glauben scheidet, hervortreten und den  Sinn  sozialökonomischen Erkenntnisstrebens erkennen zu lassen. Die  objektive  Gültigkeit alles Erfahrungswissens beruht darauf und nur darauf, daß die gegebene Wirklichkeit nach Kategorien geordnet wird, welche in einem spezifischen Sinn  subjektiv,  nämlich die Voraussetzung unserer Erkenntnis darstellend, und an die  Voraussetzung  des  Wertes  derjenigen Wahrheit gebunden sind, die das Erfahrungswissen allein uns zu geben vermag. Wem diese Wahrheit nicht wertvoll ist - und der Glaube an den Wert wissenschaftlicher Wahrheit ist Produkt bestimmter Kulturen und nichts Naturgegebenes -, dem haben wir mit den Mitteln unserer Wissenschaft nichts zu bieten. Freilich wird er vergeblich nach einer anderen Wahrheit suchen, die ihm die Wissenschaft in demjenigen ersetzt, was  sie  allein leisten kann: Begriffe und Urteile, die nicht die empirische Wirklichkeit sind, auch nicht sie abbilden, aber sie in gültiger Weise  denkend ordnen  lassen. Auf dem Gebiet der empirischen sozialen Kulturwissenschaften ist, so sahen wir, die Möglichkeit sinnvoller Erkenntnis des für uns Wesentlichen in der unendlichen Fülle des Geschehens gebunden an die unausgesetzte Verwendung von Gesichtspunkten spezifisch besonderten Charakters, welche alle in letzter Instanz ausgerichtet sind auf Wertideen, die ihrerseits zwar empirisch als Elemente alles sinnvollen menschlichen Handelns konstatierbar und erlebbar,  nicht  aber aus dem empirischen Stoff als geltend begründbar sind. Die "Objektivität" sozialwissenschaftlicher Erkenntis hängt vielmehr davon ab, daß das empirisch Gegebene zwar stets auf jene Wertideen, die ihr allein Erkenntnis wert  verleihen, ausgerichtet, in ihrer Bedeutung aus ihnen verstanden, dennoch aber niemals zum Piedestal für den empirisch unmöglichen Nachweis ihrer Geltung gemacht wird. Und der uns allen in irgendeiner Form innewohnende  Glaube  an die überempirische Geltung letzter und höchster Wertideen, an denen wir den Sinn unseres Daseins verankern, schließt die unausgesetzte Wandelbarkeit der konkreten Gesichtspunkte, unter denen die empirische Wirklichkeit Bedeutung erhält, nicht etwa aus, sondern ein: das Leben in seiner irrationalen Wirklichkeit und sein Gehalt an  möglichen  Bedeutungen sind unausschöpfbar, die  konkrete  Gestaltung der Wertbeziehung bleibt daher fließend, dem Wandel unterworfen in die dunkle Zukunft der menschlichen Kultur hinein. Das Licht, welches jene höchsten Wertideen spenden, fällt jeweilig auf einen stets wechselnden endlichen Teil des ungeheuren chaotischen Stromes von Geschehnissen, der sich durch die Zeit dahinwälzt.

Das alles möge nun nicht dahin mißverstanden werden, daß die eigentliche Aufgabe der Sozialwissenschaft eine stete Hetzjagd nach neuen Gesichtspunkten und begrifflichen Konstruktionen sein solle. Im  Gegenteil:  nichts sollte hier schärfer betont werden als der Satz, daß der Dienst an der Erkenntnis der  Kulturbedeutung konkreter historischer Zusammenhänge  ausschließlich und allein das letzte Ziel ist, dem, neben anderen Mitteln, auch die begriffsbildende und begriffskritische Arbeit dienen will. - Es gibt, um mit FRIEDRICH THEODOR VISCHER zu reden, auch auf unserem Gebiete "Stoffhuber" und "Sinnhuber". Der tatsachengierige Schlund der ersteren ist nur durch Aktenmaterial, statistische Folianten und Enqueten zu stopfen, für die Feinheit des neuen Gedankens ist er unempfindlich. Die Gourmandise der letzteren verdirbt sich den Geschmack an den Tatsachen durch immer neue Gedankendestillate. Jene echte Künstlerschaft, wie sie z.B. unter den Historikern RANKE in so grandiosem Maße besaß, pflegt sich gerade darin zu manifestieren, daß sie durch Beziehung  bekannter  Tatsachen auf  bekannte  Gesichtspunkte dennoch ein Neues zu schaffen weiß.

Alle kulturwissenschaftliche Arbeit in einer Zeit der Spezialisierung wird, nachdem sie durch bestimmte Problemstellungen einmal auf einen bestimmten Stoff hin ausgerichtet ist und sich ihre methodischen Prinzipien geschaffen hat, die Bearbeitung dieses Stoffes als Selbstzweck betrachten, ohne den Erkenntniswert der einzelnen Tatsachen stets bewußt an den letzten Wertideen zu kontrollieren, ja ohne sich ihrer Verankerung an diesen Wertideen überhaupt bewußt zu bleiben. Und es ist gut so. Aber irgendwann wechselt die Farbe: die Bedeutung der unreflektiert verwerteten Gesichtspunkte wird unsicher, der Weg verliert sich in der Dämmerung. Das Licht der großen Kulturprobleme ist weiter gezogen. Dann rüstet sich auch die Wissenschaft, ihren Standort und ihren Begriffsapparat zu wechseln und aus der Höhe des Gedankens auf den Strom des Geschehens zu blicken. Sie zieht jenen Gestirnen nach, welche allein ihrer Arbeit Sinn und Richtung zu weisen vermögen:
    "... der neue Trieb erwacht, Ich eile fort, ihr ew'ges Licht zu trinken, Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht, Den Himmel über mir und unter mir die Wellen."
LITERATUR - Max Weber, Die "Objektivität" sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, Tübingen 1922