tb-2p-4Das erkenntnistheoretische IchWundt - Definition der Psychologie     
 
RUDOLF WILLY
Die Krisis der Psychologie
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INHALT: 1. Brentanos prinzipielle Unterscheidung von Vorstellung und Urteil hat keinen erfahrungsmäßigen, sondern einen spirituell-metaphysischen Ursprung. Dies wird gezeigt durch eine Betrachtung der "intentionalen Inexistenz" bei Brentano nebst Berücksichtigung von K. Twardowski ("Inhalt und Gegenstand der Vorstellungen"). 2. Beeinflußung C. Stumpfs (Tonpsychologie) durch Brentano. 3. Kurze Schilderung der "Psychologie des Erkennens von G. K. Uphues. 4. Kritik der neuen Theorie der Empfindungsintensität von Brentano im Zusammenhang mit seiner allgemeinen Psychologie. 5. Übergang zur methodologischen Krisis.


II. Die metaphysische Krisis oder
der Spiritualismus und die Psychologie


3. Franz Brentano und verwandte Richtungen (1)

FRANZ BRENTANO hat vor allem auf eine Reihe österreichischer oder in Österreich wirkender Psychologen und Philosophen einen nicht geringen Einfluß ausgeübt. Freilich sind es hauptsächlich nur einige Sätze, welche diesen Einfluß veranlaßten. Aber auch hiervon abgesehen, dürfen wir uns, wie unsere Kritik zeigen wird, auf die angedeuteten Gesichtspunkte der allgemeinen Psychologie (2) beschränken. Neben dieser, wie es scheint, übrigens auf den ersten Band und allgemeinen Teil für immer beschränkt bleibenden Psychologie, hat BRENTANO in neuester Zeit: am letzten internationalen Psychologen-Kongreß in München einen Vortrag gehalten und ein Thema besprochen, worafu er selbst sehr großen Wert legt. Wir werden diesen Vortrag (3) gleichfalls besprechen, weil er, wie wir finden werden, sowohl im Sinne unserer Betrachtung von Interesse ist, als er uns überdies, gleichwie die Lehre der allgemeinen Psychologie des Verfassers ein hübsches Beispiel derselben ebenso scharfsinnigen als unhaltbaren und unerquicklichen Verquickung von Erfahrung und Scholastik vor Augen stellt.

Der Hauptsatz der von BRENTANO sogenannten empirischen Psychologie ist der Satz, daß die  intentionale Inexistenz  die psychischen Phänomene eben als psychische und im Gegensatz zu den physischen charakterisiere und weiterhin zu den verschiedenen Weisen jener intentionalen Inexistenz führe wie sie (eben diese Weisen) in der Unterscheidung von  Vorstellung  und  Urteil  zutage treten. Diese intentionale Inexistenz in ihrer zweifachen Wendung: inwiefern sie nämlich sowohl im allgemeinen einen prinzipiellen Unterschied zwischen psychischen und physischen Phänomenen behauptet und insofern sie im besonderen den angedeuteten allgemeinen Gegensatz in Form einer verschiedenen Weise der intentionalen Inexistenz auf Vorstellung und Urteil überträgt: diese intentionale Inexistenz, sagen wir, war es eben, wodurch sich BRENTANO in der Psychologie eine gewisse herrschende Stellung eroberte. Diesen Satz der intenionalen Inexistenz werden wir daher vorzugsweise betrachten und zwar in etwas vereinfachter Gestalt, insofern wir uns weniger an die allgemeine Unterscheidung der psychischen und physischen Phänomene als an die durch Vorstellung und Urteil repräsentierten verschiedenen Weisen der intentionalen Inexistenz halten werden. Wir werden finden, daß nicht nur die Bezeichnung:  intentionale Inexistenz  der Scholastik entstammt, sondern daß der Inhalt des Satzes selbst  größtenteils  in reiner Scholastik aufgeht. Freilich klingen daneben allerdings eine Reihe Tatsachen an, aber nur so, wie eine halb erstickte Stimme, so daß man nicht weiß, ist's ein menschlicher Seufzer oder irgendetwas anderes nur seufzerähnliches Geräusch. Es ist daher nötig, daß wir zuerst die hierbei in Betracht kommenden Tatsachen ohne scholastische Verstümmelung und in voller Deutlichkeit vorführen.


1) Der Tatbestand
Wenn wir nur eine rein konventionelle Bedeutung von "Vorstellung" und "Urteil" und ohne noch im mindesten an eine prinzipielle Ausdeutung zu denken, festhalten, so sind es etwa folgende Tatsachen, welche die angedeutete (rein konventionelle) Unterscheidung von Vorstellung und Urteil herbeiführen.

Geläufig und allbekannt ist uns die Unterscheidung zwischen Phantasiegestalten wie Sirene, Triton oder Nereide und Existenzen, wie sie der Physiker beschreibt oder wie wir sie unmittelbar vorfinden, wenn wir mit unseresgleichen verkehren. Hiermit haben wir den Unterschied zwischen dem Wahrgenommenen und dem Vorgestellten angedeutet, welchen Unterschied wir der Kürze wegen oft einfach so ausdrücken, daß wir das Wahrgenommene schlechtweg als das "Existierende" bezeichnen. Dies ist nun freilich nur eine durch die jeweiligen besonderen Umstände gerechtfertigte abgekürzte Redewendung. Denn, obwohl das Wahrgenommene schließlich allerdings das Urmaß aller, so oder anders, nämlich als wahr-unwahr, als seiend-nichtseiend, als wirklich-scheinbar, als gewiß-zweifelhaft-wahrscheinlich ... charakterisierter Aussagen ist: so haben wir ja auch die Freiheit, ganz beliebige Inhalte als Existenzen auszusagen, sofern es uns einfach darauf ankommt, dasjenige, was wir gerade betrachten, als so und nicht anders und eben in  diesem  Sinne daher auch als  Existenz  zu markieren. Es ist ferner klar, daß insbesondere jene Gedanken oder Vorstellungen, welche als Umgebungsreflexe irgendeine, entweder nähere oder fernere oder menschliche oder außermenschliche Umgebung repräsentieren, so sehr zum  Seienden  in  weiterer  Bedeutung gehören, daß wir ja erst mit Hilfe derartiger Vorstellungen unsere unmittelbare Erfahrung erweitern, ergänzen und  berichtigen.  Beides: sowohl die Unterscheidung von Phantasiegestalt und physischem Körper oder menschlichem Individuum, als die Aussage, daß irgendetwas gerade als Wahrgenommenes und nicht nur als Vorgestelltes in Betracht fällt, ist in BRENTANOs Grundeinteilung der psychischen Phänomene in Vorstellung und Urteil wohl deutlich spürbar, aber es verliert auch alsbald jede erfahrungsmäßige Charakteristik, sobald wir bedenken, daß BRENTANO seine Einteilung als  elementare  Zweiteilung versteht, welche in Vorstellung und Urteil etwas  toto genere  [auf jede Art, wp] Verschiedenes voneinander scheidet. Aber diese Zweiteilung aufgrund eines Auseinanderfallens von Vorstellung und Urteil hat der sich selbst so nennende empirische Psychologe keineswegs der Erfahrung abgelauscht. Unsere Erfahrung weiß nicht von einer Vorstellung wie von einer mechanischen Spiegelung, so daß nun im Urteil wie durch einen Zauber etwas zweites und ganz andersartiges zur Vorstellung hinzutreten müßte. Anfänglich, im aufdämmernden Kindesalter wissen wir wohl überhaupt noch nichts davon, daß Vorstellung und Urteil nicht dasselbe sind. Alles schwebt hier vielmehr gleichmäßig wie in einem diffusen Schimmer, so daß wir gewiß auch alles für ein Wahrgenommenes und Seiendes halten. Aber nun später, wenn wir aus dem Traum der Kindheit erwacht sind, können wir vielleicht jetzt und wäre es nur an einem einzigen Beispiel, jenen prinzipiellen Gegensatz verdeutlichen, wie ihn unser Philosoph in Gestalt von Vorstellung und Urteil aufgestellt hat? Ich behaupte, wir können es nicht und dies nicht an einem einzigen Beispiel. Vielmehr ist, was ich finde, etwas ganz anderes. Wenn z. B. verschiedene miteinander unverträgliche Meinungen auftauchen, so kann man zu seinem Gegner sagen: ich verstehe wohl, was du meinst, aber ich leugne es, ich glaube es nicht und behaupte das Gegenteil. Was ist nun aber der Sinn dieser Worte? Etwa dies, daß  A  und  B  ganz genau wie zwei stumme Spiegel dasselbe zwar vorstellen, aber nicht auch glauben und für wahr halten? So etwas ist mir etwas Unbekanntes, weil ich bei mir selbst die Vorstellung immer nur im Zusammenhang mit etwas Wahrgenommenem vorfinde. Ereignet es sich nun, daß jemand etwas behauptet, was ich verneine, so fällt es mir nicht im mindesten ein, anzunehmen, daß mein Gegner  genau  dasselbe zwar vorstelle, was ich vorstelle und sich nur in seinem Glauben anders verhalte, wie ich. Nein! Sondern es kann gar nicht anders sein, als daß mein Gegner und ich, soweit wir eben  Gegner  sind, nicht bloß nicht denselben Glauben haben, sondern auch nicht dasselbe vorstellen. Und daß wir andererseits, sofern wir dasselbe vorstellen, gewiß auch ganz denselben Glauben haben. Ich habe hiermit nur angedeutet, was auf ihre Weise schon sowohl SPINOZA als DAVID HUME klar ausgesprochen haben. SPINOZA sagte: die Vorstellungen sind keine stummen Bilder und DAVID HUME gab sich gerade eine außerordentlich große Mühe, zu zeigen, daß jene Vorstellungen, welche wir glauben, eben auch ganz andere Vorstellungen sind als jene, welche wir nicht für wahr halten. Denn alles kommt ja darauf an, welche Stellung und welchen Zusammenhang die Vorstellungen besitzen, wenn wir sie das eine Mal glauben und ein anderes Mal nicht glauben. Alles, was mit meiner Erfahrung, d. h. mit demjenigen, was ich für wahr halte, nicht in Widerspruch steht, lasse ich mindestens als glaubhaft gelten und verneine alles, was mit meiner Erfahrung unverträglich ist.

Dies ist nun allerdings etwas sehr anderes, als BRENTANO behauptet. Denn weder sind, wie unser Philosoph lehrt, Vorstellung und Urteil als Gegensätze elementare Charaktere, wie etwa an einem Ton die Tonhöhe oder -stärke und die entsprechende, begleitende, angenehme oder unangenehme Erregung, noch sind sie insbesondere  prinzipielle  Gegensätze. Sondern, wie unser Beispiel gezeigt hat, ist es prinzipiell sogar ganz einerlei, ob ich von Vorstellung oder Urteil spreche. Wir dürfen beides miteinander vertauschen und haben vollkommen freie Wahl zwischen ihnen. Oft freilich machen wir einen Unterschied, wie etwa in dem Fall, wenn wir sagen, daß wir unser Urteil zurückhalten und nur tatsächliche Mitteilungen machen. Daß aber hier (der Kürze und Prägnanz halber) Vorstellung und Urteil einander nur so gegenübertreten, wie - es ist nun gleichviel was - wenn wir entweder verschiedenartige (gegensätzliche) Vorstellungen (oder entsprechende Urteile) für sich allein genommen in irgendeine Beziehung setzen würden: dies ersieht man sofort, wenn man im Sinne unseres Beispieles erwägt, wie verschieden  dieselben  als rein tatsächlich bezeichnete Mitteilungen gefärbt erscheinen, je nach den Individuen, welche die Mitteilungen machen und zwar, wie die Aussagenden und wohl (von ihrem Standpunkt aus) mit Recht behaupten, ohne daß sie hierbei ihr Urteil mit einfließen ließen. Wer sein Urteil wohl zurückhält, aber seine Sache genau versteht oder eine fremde Meinung vollkommen durchschaut, referiert ja offenbar ganz anders, als jemand, der nur da und dort etwas aufgeschnappt hat. In diesem letzteren Fall hätten wir nun ja allerdings ein Analogon zu den stummen Vorstellungsbildern, wie sie BRENTANO dem Urteil entgegensetzt. Vorstellungen aber, die etwas bedeuten, wären dies eben nicht mehr. Um nicht nur Trümmer, sondern Vorstellungen zu besitzen, müssen wir natürlich immer auch zugleich dasjenige mitbesitzen, was unser Philosoph durch Zerstörung eines ungeteilten und unteilbaren Ganzen, seinem sogenannten (besonderen) Urteil zuweist. Daß das Gesagte sich, nur ein wenig modifiziert, wiederholt, wenn vielleicht jemand in der ästhetischen Anschauung die reine Vorstellung ohne alles Urteil entdeckt zu haben glaubt: dies ersieht man ohne weiteres. Denn es genügt zu dieser Einsicht schon die Bemerkung, daß wir in unserem ästhetischen Verhalten nichts weniger als nur vorstellen, sondern geradeim Gegenteil sehr eindrucksvolle Realitäten erfahren, nur eben etwas andere, als im gewöhnlichen Leben. Endlich haben wir ja die Einheit und den fortwährenden Übergang von Vorstellung und Urteil überall da vor Augen, wo wir uns nur erst eine Frage vorlegen, ohne daß wir auch schon die Antwort gefunden hätten, sondern uns noch mitten im Drang des Suchens befinden. Eine Vorstellungsreihe verdrängt hier die andere, bis schließlich  eine  Festigkeit gewinnt und nun auch sogleich den Charakter des Urteils erwirbt, etwa in der Form, daß dies oder das sich so oder so oder nicht so verhalte. Hiergegen möchte uns nun wohl BRENTANO einwenden, daß er die Einheit von Urteil und Vorstellung keineswegs zerschlage, sondern durch den Akt des Vorstellen im Gegensatz zum Vorgestellten gerade besonders hervorhebe, da er ja das Vorstellen als  Akt  zur einheitlichen Grundlage aller psychischen Phänomene gemacht hätte.

Allerdings! Wir sind ganz einverstanden und halten mit BRENTANO dafür, daß in der Unterscheidung von Vorstellen und Vorgestelltem eine bedeutsame Tatsache steckt. Diese bedeutsame Tatsache jedoch - fahren wir in unserer Gegenantwort fort - hat unser Psychologe eben gerade nicht erfahrungsmäßig verwertet, sondern er hat sie (die Tatsache) durch die Behauptung, daß Vorstellung und Urteil von einander  toto genere  verschieden seien, sogleich nachdem er sie entdeckt hatte, in den Schlingen der "intentionalen Inexistenz" erwürgt. Dieser intentionalen Inexistenz, welche bei BRENTANO mit dem Akt des Vorstellens in unlösbarer Einheit erscheint, müssen wir nun unsere ganz besondere Aufmerksamkeit schenken. Wir erlauben uns dabei die Freiheit, daß wir unserer Betrachtung die Vorstellungstheorie von KASIMIR TWARDOWSKI (4) zugrunde legen.

TWARDOWSKI ist von BRENTANO inspiriert und (soweit er eben für uns in Betracht kommt) ganz in Übereinstimmung mit ihm. Nur bietet seine Darstellung den Vorzug, daß die Theorie reiner als bei BRENTANO und mit einer Deutlichkeit hervortritt, welche nichts zu wünschen übrig läßt und ganz nach Art eines transzendenten Mechanismus das Gefüge unserer Erfahrung wie ein Mühlstein zerreibt.


2) Der transzendente Mechanismus der intentionalen Inexistenz
Um die von BRENTANO als intentionale Inexistenz gekennzeichnete Vorstellung kennen zu lernen, sehen wir zu, wie TWARDOWSKI in der genannten Schrift (Seite 3 - 20) jene Inexistenz oder Beziehung der Vorstellung auf einen  immanenten  Gegenstand schildert. Verfasser benützt (Seite 13 - 16), ums seine Theorie zu verdeutlichen, ein Gleichnis. Er sagt: denken wir uns zuerst eine Landschaft, dann das ihr entsprechende gemalte Landschaftsbild und endlich den Maler oder Betrachter, welcher im Gemälde die Landschaft wiedererkennt, so haben wir ein zutreffendes Analogon der Inexistenz-Theorie. Die Landschaft nämlich bedeutet den Gegenstand, auf welchem die psychische Tätigkeit (als vorstellende und urteilende) gerichtet ist; das Landschaftsbild fällt zusammen mit dem Vorstellungs&bild  oder dem  immanenten  Gegenstand; und das Wiedererkennen des Betrachters oder Malers ist die mit dem Vorstellungsakt verbundene intentionale Beziehung des Urteilens. - - Trefflich gesagt, fürwahr! Wenn wir nur auch mit dem Maler, welcher seine vorstellende Tätigkeit auf einen ( transzendenten ) Gegenstand richtet, so genaue Bekanntschaft gemacht hätten, wie mit dem Künstler im Atelier oder dem Besucher einer Gemäldegallerie! Freilich reden die Philosophen vom  Subjekt,  welches mit dem  Gegenstand  in Beziehung steht, so vertraut wie vom besten Freund! Daß aber das philosophische Subjekt das Weltgemälde herstellt, wie der Maler ein Landschaftsbild entwirft, das sagt uns wenigsten TWARDOWSKI nicht. Sonder er (Seite 5) hält gerade im Gegenteil die besondere Art der intentionalen Beziehung auf den Gegenstand für etwas  Unbeschreibliches,  was nur die "innere Erfahrung" unmittelbar verdeutlichen könne.

Bekanntlich jedoch bedeutet die Berufung auf die sogenannte innere Erfahrung so viel als die Bekanntmachung eines Orakels. Und auf unserem Standpunkt betrachten wir dieses Orakel nur als eine Einladung, seinem Ursprung nachzugehen, so daß wir denn doch vielleicht das philosophisch "Unbeschreibliche" erfahrungsmäßig faßbar machen.

Wenn die Materialisten des Altertums eine Beziehung zwischen Subjekt und Gegenstand durch die  Ausflüsse  und ειδωλα herstellten, wenn später die Scholastiker des Mittelalters den  Spezies  und  ficta  eine ähnliche Funktion zuwiesen: so können wir von der Frage, ob die betreffenden Philosophen ihre Bilder und Operationen als innere Erfahrung oder sonstwie, vielleicht als Eingebung, Erleuchtung und dgl. schilderten, ganz abgesehen. Denn die Hauptsache hierbei bleibt der Umstand, daß die angedeuteten philosophischen Theorien die Komponenten unserer Erfahrung, nämlich die Umgebung und das menschliche Individuum wie zwei für sich (beziehungslos) bestehende Stücke betrachteten. Erst nachträglich, infolge eben des Umstandes, daß wir erfahren (wahrnehmen) und denken, kommen die Philosophen auf den Einfall, die zwei von ihnen ursprünglich als getrennt betrachteten Stücke miteinander zu verbinden. Man kennt diese Schwerfälligkit des Denkens, welche die verschiedenen Bestandteile eines einheitlichen und unzertrennlichen Ganzen als Einheit nicht festzuhalten vermag, im allgemeinen schon längst und beschreibt sie auch richtig als Verwechslung der Abstraktionsprodukte mit den einheitlichen Bestandteilen der Anschauung. Aber diese allgemeine Kenntnis ist bei den Philosophen gewöhnlich nur eine angelernte Tradition. Denn sie zeigt sich, wie der gute Vorsatz, welcher nie eine Entscheidung herbeiführt, immer wieder viel schwächer, als der alte Schlendrian. Das Beste, was sie wissen, vergessen unsere Philosophen immer wieder. Sonst würden sie nicht eine Theorie aufstellen, welche, wie die "intentionale Inexistenz", nur eine sublimierte Zuspitzung der demokritischen ειδωλα und der mittelalterlichen Spezies und ficta darstellt. Wer anstelle der Einheit und funktionellen Beziehung zwischen Umgebung und Individuum zwei getrennte Stücke setzt und nun die auf diese Weise transzendent gemachten Trennstücke durch eine nach rein räumlichen Analogien gedachte imaginäre Beziehung wieder zusammenschweißt, hat offenbar einen ganz anderen Erkenntnisdrang, als wer unsere Erfahrung kennen lernen möchte. Doch ist es leicht erklärlich, wie er derartiger tief metaphysischer Erkenntnisdrang nach und nach feste Gewohnheit und "innere", philosophische Erfahrung wird. Wer seine große und spezifische Freude an Rätseln hat, kann ganz unabhängig von aller Erfahrung jene Freude auskosten und wenn die Sache sich weiter so gefügt hat, daß die Erfahrung den zufälligen Anlaß zu den Rätselfragen gab, so ist nun der Schritt bis zur Verwechslung der internen Rätselfragen mit der Erfahrungserkenntnis gar nicht mehr weit. Und in unserem Fall reicht der Anlaß zu den metaphysischen Rätseln eben bis zu dem Punkt zurück, wo mit der Scheidung und Trennung von Subjekt und Objekt die sonst so bekannte und durch Wahrnehmung wohl vertraute "Existen" unserer Umgebung die tiefste Erschütterung erleidet. Nachdem dieser Stoß und Schlag einmal geschehen war, endete die Bewegung bekanntlich nicht eher, als daß Umgebung und menschliches Individuum vom Schauplatz der Philosophen radikal verschwanden. Auch unsere BRENTANO und TWARDOWSKI haben die Wanderung und den Auszug ins gelobte Land bis hierher mitgemacht. Sie haben die Heimat verlassen und befinden sich mit den meisten anderen Philosophen in einer Gegend, wo es nur noch (anstelle der Umgebung) eine (transzendente) Welt  außer uns  und (anstelle des menschlichen Individuums) ein (transzendentes) Subjekt  in uns  gibt. In diesem Land der Verheißung wachsen nun, wie man weiß, sehr verschiedene Früchte. Alle aber schmecken wie Himmelsbrot und so freuen sich denn auch unsere beiden Psychologen ihrer schönen Entdeckung der intentionalen Inexistenz. BRENTANO gelangte zu seiner Entdeckung durch die Fragen: was ist Vorstellung, was ist Erkenntnis? Da nun der Philosoph, ohne Umgebung und Individuum, sich nur noch auf eine transzendente Aktion zwischen Subjekt und Objekt angewiesen sah, so mußte er seine Fragen auf diesem Boden beantworten. Weil nun aber das philosophische Subjekt ohne Kopf und ohne Muskeln, so konnte sich unser Denker seine transzendenten Aktionen nur noch als rein geistige (unbewußte) Reflextätigkeiten nach Analogie geköpfter Frösche denken. Und wirklich: die doppelte intentionale Beziehung des Vorstellens und Urteilens ist nichts anderes, als ein (abgeschwächte) doppelte Reflexaktion des enthaupteten metaphysischen Frosch-Subjekts. Im ersten Akt (infolge des  Anstoßes  von außen) stellt das Subjekt vor; im zweiten Akt bestätigt es jene Vorstellung und erkennt sie. Von Vorstellung und Erkenntnis (Urteil) dürften wir streng genommen freilich gar nicht mehr reden. Sondern wir müßten an deren Stelle nichts, als die unbewußten Reflexzuckungen setzen. Das Fehlende nun ersetzt der Philosoph durch energische Worte wie: "unmittelbare Evidenz, innere Wahrnehmung, inneres Bewußtsein".

Und an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt, nährt sich BRENTANO, wie die Götter, von Ambrosia. Uns jedoch genügt diese Speise so wenig, daß wir bei ihr, wie BURIDAN zischen den süß duftenden Bündeln Heu verhungern müßten. Aber wir mögen Umschau halten, wo wir wollen, etwas anderes, als Ambrosia setzt uns BRENTANO nicht vor. Und um das zu begründen, genügt es, wenn wir eine einzige Behauptung (Psychologie Seite 119) des Philosophen besonders berücksichtigen. An der bezeichneten Stelle findet sich neben der Behauptung, daß unter allen Erfahrungsgegenstäänden einzig den psychischen Phänomenen eine "unmittelbare und untrügliche Evidenz" zukomme, noch überdies der Zusatz, daß die "innere" Wahrnehmung die  einzige Wahrnehmung  im "eigentlichen Sinne des Wortes" sei, weil die von BRENTANO so bezeichnete "äußere" Wahrnehmung "streng genommen" als solche gar nicht betrachtet werden dürfte. Ähnlich spricht (Seite 35 und 36) sich TWARDOWSKI aus, wenn er bemerkt, daß die intentionale Inexistenz Gültigkeit beanspruche, wie immer man - und gleichviel, ob überhaupt positiv oder nur noch negativ - den transzendenten Gegenstand bestimmen möchte, dessen "immanentes Abbild oder Zeichen" eben durch die immanente Beziehung des Vorstellens und Urteilens die "innere" Erfahrungund Wahrnehmung darstelle. Was besagt dies doch - nur eben unbeabsichtigt - mit trockenen Worten anderes, als was wir schon immer bemerkten, daß nämlich, nachdem die Umgebung verschwunden, nun Existenzen und Evidenzen durch irgendein nachträgliche Konstruktion vergebens heraufbeschworen werden! Versichert euch durch eure intentionalen Aktionen und Transaktionen eurer inneren Erfahrung so oft ihr wollt und sagt uns nur immer weiter, daß die Wahrnehmung unserer Umgebung gar keine Wahrnehmung sei, weil wir ja doch nur den immanenten (im Subjekt drin steckenden) Gegenstand besäßen. Das alles macht auf uns denselben Eindruck, wie wenn die Spiritisten gewisse Fußabdrücke und aufgeschriebene Worte ihren spiritis anrechnen. Freilich, die intentionale Inexistenz ist kein Klopfgeist. Da aber bei allen Geistern nicht sowohl der Geist selbst, als vielmehr das Medium und die allgemeine Geisterstimmung das Wirksame sind, so können wir die entsprechende Wirkung auch in unserem Fall sehr schön beobachten. Denn weshalb macht BRENTANO aus Vorstellung und Urteil zwei psychische Phänomene ganz besonderer Art und weshalb erklärt (Seite 5) TWARDOWSKI so nachdrücklich, daß es zwischen Vorstellen und Urteilen keine Übergänge gebe? Nun, einfach deshalb, weil der transzendent-immanente Aktions-Ticktack der intentionalen Doppelbeziehung (Vorstellen, Urteilen) eben nur Tick und Tack machen kann. BRENTANO hat nun freilich seine scholastischen Präparierübungen mit einer zwischen Grazie und Grandezza schwebenden sanften Würde und Ruhe ausgeführt.

Unser empiristisch angehauchter und ganz modernisierter Scholastiker drückt sich sehr gemessen und überall in wohl geprägten Worten aus. Obwohl der Philosoph wenig eigene Erfahrungen bietet, so zeigt er sich doch andererseits mit den Ergebnissen der Wissenschaft und noch mehr mit den philosophischen Streitfragen aller Zeiten sehr vertraut. So kann es nicht fehlen, daß das feine in das Meer geworfene Netz einige Goldfische an die Oberwelt schleudert, so daß nun der seltsame Fischer wie in magischem Glanz erscheint und auf philosophische Gemüter keine geringe Anziehungskraft übt. Rein zufällig wenigstens ist es gewiß nicht, wenn die neuesten Urteilstheorien sowohl der Logiker als Psychologe zu einer besonderen Literatur angeschwollen sind. Sehr erbaulich nun ist diese Literatur gerade nicht. Ihre Schilderung würde uns viel zu weit ablenken. Doch wollen wir nicht unbemerkt lassen, daß ohne Berücksichtigung des Ganzen und des jeweiligen Zusammenhangs, am isolierten Satzglied nur noch Splittersachen aufzustöbern sind. Die Urteilstheoretiker scheinen ihre Analyse so gründlich durchzuführen, daß sie ihren Gegenstand in Stücke schlagen, um doch ja die einzelnen Steine und Steinchen von allen Seiten begucken zu können. Diese, die Analyse mit Zersplitterung verwechselnde Scholastik, macht sich auch bei BRENTANO schon bemerkbar, ohne daß man erst seine Theorie der  Inexistenz  näher kennen lernt. Der Philosoph greift irgendein einfaches Sätzchen heraus, um daran den Unterschied von Vorstellung und Urteil zu demonstrieren. Und so viel freilich, daß uns wenigstens die Gegensätze von Phantasiegestalt und Wahrnehmungsgegenstand vorschweben, läßt sich schon auf diesem Weg erreichen. Was BRENTANO, abgesehen von seiner speziellen Theorie, sonst noch vorbringt, scheint nichts anderes zu sein, als daß er die Kennzeichnung irgendeiner Aussage im Charakter der Gültigkeit oder Ungültigkeit besonders hervorhebt. Etwas anderes als das läßt sich für die Reduktion des sogenannten kategorischen Satzes auf das "Existenzialurteil", worauf BRENTANO so großes Gewicht legt, schwerlich auftreiben. Weiter, wie bemerkt, befassen wir uns mit den Urteilstheorien nicht. Wohl aber ist es von Interesse, unsere bisherige Charakteristik der  Inexistenz  von einer etwas neuen Seite kennen zu lernen, wenn wir ihre Spuren in CARL STUMPFs "Tonpsychologie" (5) ein wenig verfolgen.


3) Beeinflußung Stumpfs durch Brentano
In seinen hübschen Untersuchungen der Tonpsychologie (I, Seite 53 und 54) charakterisiert CARL STUMPF die Psychophysik als ein Kapitel einer  messenden Urteilslehre.  STUMPF (Bd. I, Seite 51) greift BRENTANOs Bemerkung, daß die Gleichheit und die Gleichmerklichkeit der Empfindungen voneinander unterschieden werden müßten, auf und gibt überhaupt (Bd. I, Seite 4) seine volle Zustimmung zur Lehre von Vorstellung und Urteil, wie wir sie bei BRENTANO kennen gelernt haben. Der Verfasser glaubt durch Beispiele und Experimente der messenden Psychologie das intentionale Vorstellungs- und Urteils-Doppelwesen demonstrieren zu können. Wenn wir, bemerkt (Bd. I, Seite 4) unser Psychologe, einen Tonunterschie nur unsicher anzugeben vermögen, so liegt dies an der Beurteilung. Denn, sagt der Verfasser weiter, in der augenblicklichen Empfindung muß ja das Verhältnis (Tonunterschied) ganz unzweifelhaft existieren und erst wenn nun die Beurteilung als eine "neue und heterogene Funktion" hinzutritt, ändert sich die Sache. An einer zweiten Stelle (Bd. I, Seite 32) legt uns STUMPF das Beispiel einer schnellen Tonfolge und Punktreihe vor und findet es nun als selbstverständlich, daß, wenn der Beobachter die Zahl der TÖne oder Punkte einmal als 15 und einmal als 20 schätzt, die "Schuld" nicht die Ton- oder Punktempfindung selbst trägt. Diese "Schuld", meinen wir, trägt aber auch nicht die von der Empfindung ganz "heterogene Urteilsfunktion". Denn von einer solchen vermögen wir in den Beispielen nichts zu entdecken. Beide Male liegt eben einfach der Fall vor, daß wir  feinere  Unterschiede unmittelbar weniger leicht wahrnehmen, als gröbere. Denn im ersten Beispiel des Abschätzens von Tonhöhen existiert, wie der Verfasser sich ausdrückt, der Tonunterschied in der "augenblicklichen Empfindung" allerdings, aber eben nicht so fein, daß wir ihn sogleich mit einem bestimmten Intervall der Tonskala bezeichnen könnten. Umd das zu können, müssen wir entweder mit erhöhter Spannung wahrnehmen oder uns auf andere Weise üben, daß wir auch feinere Tonunterschiede mit Leichtigkeit wahrnehmen.

Ganz dasselbe lehrt das zweite Beispiel. Da wir, um den Eindruck einer Reihe zu erhalten, Zeit brauchen, so ist einleuchtend, daß wir uns, wenn wir in  sehr kurzer Zeit  eine Reihe abschätzen sollen, sehr leicht täuschen. Die "Schuld" oder der Irrtum und die Täuschung liegt also allerdings ebensowenig an der Empfindung, als an der  Urteilsfunktion,  sondern an der längeren oder kürzeren Zeit, an der wechselnden Aufmerksamkeit und Übung. Im weiteren stützt sich STUMPF für seine "messende Urteilslehre" nur noch auf die Unterscheidung der Unterschiedsempfindlichkeit und der Unterscheidungsfähigkeit oder mit anderen und kürzeren Worten: auf den Unterschied der "bemerkten" und der "unbemerkten" Empfindungen.

Und allerdings: die  bemerkte  und die  unbemerkte  Empfindung sind nur ein vereinfachtes und daher besonders deutliches Gegenbild der intentionalen Vorstellungs- und Urteilsfunktion. Wir sehen daraus, daß die durch BRENTANO zu einiger Berühmtheit gelangte Unterscheidung gelegentlich vollständig mit den berühmten bewußten und unbewußten Empfindungen zusammenfällt. STUMPF gibt sich zwar große Mühe, einen solchen Vorwurf abzulehnen, aber nur nach Art eines hüpfenden Balles, der uns ja wohl immer aus den Händen gleitet, aber doch auch wieder jedesmal, so oft er zur Erde fällt, einen neuen Stoß erhält. Unser Psychologe (Tonpsychologie I, Seite 35) glaubt, die unbemerkten Empfindungen dadurch zu retten und sie von den unbewußten zu unterscheiden, daß er sie als solche hinstellt, welche nur durch ihre "relative Schwäche und gleichzeitige Verbindung mit andern" (Empfindungen) der "analysierenden Aufmerksamkeit" entgehen. Aber, fragen wir, ist noch etwas Unbewußtes denkbar, als was auch der angestrengtesten ("analysierenden") Aufmerksamkeit entgeht? Hat es vielleicht einen Sinn, daß man (Seite 35) die "unverbundenen" und "starken"  unbewußten  Empfindungen den "schwachen" und "verbundenen"  unbemerkten  als etwas Zweites und anderes gegenüberstellt? Mit demselben Recht könnte man auch von stark und schwach schneidenden Messern ohne Heft und Klinge sprechen. Und an einer Stelle wenigsten (Seite 34) spricht der Verfasser von der Empfindung und ihrer "Wahrheit", wie ein Philosoph von einem unbekannten Ding an sich spricht. Hier nämlich hebt der Psychologe hervor, daß es Fälle gebe, "wo wir bei aller Anstrengung die eigenen Empfindungen nicht, wie sie in Wahrheit sind, erkennen". Unterdessen ist es wahrscheinlich, daß neben der Einwirkung BRENTANOs noch ein weiterer Umstand hinzukam, um in STUMPF jene Einwirkung zu befestigen. Und dieser Umstand scheint kein anderer zu sein, als das Bemühen der Psychophysik, zwischen Reiz und Empfindung eine strenge Gesetzmäßigkeit herzustellen. Unser Tonpsychologe machte eben in seinen Untersuchungen die Erfahrung, daß die diesen Untersuchungen zugrunde gelegten Schätzungen überaus wechselnden Bedingungen unterliegen.

Ein (strenges) Gesetz, meint daher (Seite 51, Anmerk.) STUMPF, kann sich nur auf eine einzelne jener Bedingungen beziehen; welche einzelne Bedingungen eben keine andere ist, als die "Empfindlichkeit". BRENTANO nun aber hat unseren Psychologen gelehrt, daß  Empfinden  (Vorstellen) und  Unterscheiden  (Urteilen) zwei ganz verschiedene Dinge seien (!), und infolge dessen betrachtet STUMPF eben jene sehr wechselnden Schätzungen, womit sich seine Tonpsychologie beschäftigt, als Urteile und überläßt die Empfindungen den Psychophysikern. Denn (Seite 35) zuerst, meint STUMPF, müßte man die wechselnden Bedingungen vor allem der "subjektiven Zuverlässigkeit" kennen lernen, da ja die reinen (unbeurteilten) Empfindungen nur den übrig bleibenden Rest ausmachen, nachdem erst die Unterscheidungen und Schätzungen als solche in Abrechnung gebracht sind. Wir glauben freilich, daß die Psychophysiker mit dieser Rollenverteilung schwerlich einverstanden sein werden. Das in "weitere Ferne" gerückte psychophysische "Restproblem" mag immerhin ein Ferneproblem sein, aber nur ja kein  Restproblem.  Denn, da wir diesen Rest soeben als eine der vielen Maskengestalten des Unbewußten aufgezeigt haben, so kann es nun natürlich nur jene psychophysische Beziehung geben, welch anstelle der reinen (unbemerkten) Empfindung das  Physische  und anstell der  heterogenen  Funktionen des Vorstellens und Urteilens das Psychische in seiner Ungeteiltheit und Einheit setzt.

Die mancherlei übrigen Beeinflussungen BRENTANOs, welche sich bei Männern wie MEINONG, HÖFLER; MARTY, EHRENFELS sehr deutlich und zum Teil in maßgebender Weise zeigen, dürfen wir übergehen. Sie sind teils zu zerstreut und teils würden sie unserer Krisisbetrachtung doch zu wenig Neues bieten. Dagegen liegt allerdings ein psychologisches Werk vor, welches, wenn auch schwerlich von BRENTANO direkt angeregt, doch seinem allgemeinen Charakter nach, durchaus in die Richtung: BRENTANO - TWARDOWSKI gehört und daher hier eingereiht werden muß. Das angedeutete Werk hat G. K. UPHUES zum Verfasser und bezeichnet sich als Psychologie des Erkennens. (6) Das Zeichen des  empirischen Standpunktes,  welches, wie bei BRENTANO, an der Stirne prangt, täuschte uns indes nicht lange. Eine nähere Durchsicht zeigte uns, daß der Verfasser seine gesamte Metaphysik und Erkenntnistheorie nebst reichlichen und zu selbständigen großen Exkursen angewachsenen historisch-kritischen Bemerkungen und Exegesen zu  einem  Büschel zusammengestellt und mit dem Bindfaden der "empirischen Psychologie des Erkennens" versehen hat. Dies hatte nun am Ende in seiner Weise freilich auch BRENTANO in seiner allgemeinen Psychologie so gemacht. Indes bei BRENTANO hebt sich eine bestimmte Lehre aus der breiten sich dahinwälzenden Stoffmasse ab; eben diejenige, welche in die wissenschaftliche Psychologie eingedrungen und welche wir besprochen haben. So etwas darf man nun bei UPHUES nicht suchen. Der unermüdliche Scharfsinn und die ausgedehnten Kenntnisse dieses Philosophen liegen so tief im Geschiebe der historischen Überlieferung darin verschüttet, daß es ein sehr schlechtes Geschäft wäre, dieses Bergwerk auszubeuten. Unlänst erst (Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 1896, Heft 3) haben wir eine Schrift eines Schülers von UPHUES besprochen; und wir können das früher Gesagte mit den nötigen Änderungen einfach auf UPHUES selbst übertragen. Von jener durch UPHUES inspirierten Schrift ("Bewußtsein der Transzendenz oder Wirklichkeit") von EMIL KOCH haben wir gesagt und begründet, daß sie keine Früchte gezeitigt hätte. Dasselbe müssen wir von UPHUES wiederholen und verweisen zur Begründung dieser Behauptung auf unsere Besprechung der Schrift von EMIL KOCH. So kehren wir wieder zu BRENTANO zurück und betrachten seine psychologische Intensitätstheorie.


4. Brentanos neueste Theorie der Empfindungs-Intensität (7)
Hätte BRENTANO durch seine Vorstellungs- und Urteilslehre eine Verdoppelung eingeführt, so macht er uns in seinen Beiträgen zur Empfindungstheorie im Gegenteil mit einer einschneidenden Vereinfachung bekannt, indem er die Intensitätscharakteristik unserer Wahrnehmung und Erfahrung überhaupt mit  einem  Schlag abschafft. Wir werden nun freilich sehen, daß jene Verdoppelung und diese Vereinfachung wie zwei Komplementärstücke zusammengehören und dies eben war der Grund, weswegen wir hier die spezielle Empfindungstheore des Verfassers mit seiner allgemeinen Psychologie in Zusammenhang bringen. Schon die Art, wie der Philosoph gegen die Annahme der Intensität vorgeht, ist sehr bezeichnend. Keineswegs etwa geht der Theoretiker von der Wahrnehmung aus. Jemand, welcher beispielsweise einfach sagen würde: an einem Ton nehme ich außer seiner Höhe auch seine Stärke wahr; und wenn ich eine Farbe sehe, entgeht mir neben ihrer spezifischen Farbenqualität und ihrer größeren oder geringeren Reinheit und Helligkeit auch der Umstand nicht, daß sie mehr oder weniger  brennt,  als von ungleicher  Intensität  ist: jemanden, sagen wir, der so sprechen würde, läßt unser empiristischer (!) Psychologe und Philosoph überhaupt und von vornherein gar nicht zu Wort kommen. Sondern er benimmt sich von Anfang an so, als ob es gar nicht anders sein könnte, als daß irgendeine Theorie ganz selbstverständlich das Erste sein müßte und die Tatsachen so gut oder so schlecht wie es eben geht, sich nach der apriori-Theorie zu richten hätten. Die Theorie nun, welche er bekämpft, stellt unser Neuerer (Seite 16, Anmerk.) als etwas in sich Absurdes dar und schließt daraus, daß hier offenbar Unklarheit bestehen müßte, da außer ihm die absurde Intensitätstheorie noch gar niemand gerügt hätte. Wir indes brauchen uns mit der von BRENTANO so gekennzeichneten absurden Intensitätstheorie, welche er überdies sogar als die herrschedne bezeichnet, gar nicht zu befassen und lassen es daher auch ganz dahingestellt, ob sie wirklich, wie BRENTANO behauptet, die herrschende sei. Für uns kommt eben keine andere Theorie als diejenige BRENTANOs in Betracht und alles, was wir sonst noch wissen möchten, dreht sich um nichts, als die Frage, wie sich der Intensitätstheoretiker zur Erfahrung stellt. Nachdem der Meister seine Theorie dargestellt hat, empfiehlt er sie uns gegen Ende (Seite 19) seiner Betrachtung als eine "anschauliche Hypothese" und spricht vom "Segen", welchen die Einführung einer anschaulichen Vorstellung ja überall erhoffen ließe. Lassen wir uns also segnen und hören wir andächtig, was von den Lippen des Weisen zu uns herüberströmt. Seine "anschauliche Hypothese" hat BRENTANO selbst (Seite 9) in die Schlagworte zusammengefaßt: die Intensität ist ein  gewisses  Maß von Dichtigkeit der Erscheinung im allereigentlichsten Sinne.' Dichtigkeit der Erscheinung! Das klingt ja ganz physikalisch! Aber eben gerade dieser freilich in hohem Ansehen stehende Klang scheint unserem Entdecker im Ohr gesummt zu haben, als er seine neue Hypothese ausdachte. Denn allerdings, es ist nicht anders, jene "Dichtigkeit der Erscheinung" betrachtet BRENTANO selbst durchaus nur als Übertragung der Atom-Vorstellung auf die Empfindung. Der Philosoph, wie er (Seite 16) ausdrücklich hervorhebt, will, wie der Physiker, den Unterschied leichterer und schwerer Stoffe auf die "Besonderheit der Kollokation" [Anordnung, wp] zurückführt, seinerseits die Intensitätsunterschiede der Empfindung durch dieselbe (physikalische) Kollokationsvorstellung "erklären".

Wie man sieht, ist das freilich eine "gesegnete" Anschauung (!), welche sich von der profanen und erfahrungsmäßigen Anschauung so gründlich entfernt, daß von dieser letzteren rein nichts mehr übrig bleibt, als ein gebrochener Widerschein, welcher sich mit den Tatsachen entweder überhaupt gar nicht verträgt oder ihnen mindestens Gewalt antut. Wir wollen nun vom starken prinzipiellen Widerspruch, welcher in der Übertragung der "Kollokation" auf die Empfindung liegt, sogar ganz absehen, weil wir denselben Widerspruch, nur eben in anderer Form, schon bei REHMKE (im zweiten Artikel) angetroffen haben. Wie wir das von REHMKE so bezeichnete "abstrakte Individuum" als Begriffsgespenst kennen gelernt haben, so ist ja natürlich auch der "Empfindungsraum", das "Individuationsprinzip" und "Gesetz der Undurchdringlichkeit" der Empfindung, womit sich BRENTANO zu schaffen macht, dasselbe verschwommene Gemengsel. Wer, wie unsere Philosophen, nur noch die eigene "innere" Wahrnehmung besitzt und doch andererseits die volle Körperlichkeit unserer Umgebung täglich vor Augen hat, gebraucht eben diese Umgebung nur noch so, wie der Maler seine Farben und seine Leinwand benützt. Und demgemäß zeichnen denn auch unsere Maler-Philosophen ihre "innere" Erfahrung auf das Papier der "äußeren" Erfahrung und produzieren nun ihre Gestalten als lauter Wolkenklexen.

Doch wollen wir, wie gesagt, diese nun einmal üblich philosophische Manier nicht weiter antasten. Sondern wir möchten gar nichts anderes, als nur die Frage erheben: was für Vorzüge bietet uns denn die Intensitätskollokationstheorie, wenn wir sie nur, wie die physikalische Atomvorstellung, als Hilfsfiktion betrachten?

BRENTANO wird uns ohne Zweifel antworten: es sei doch gewiß ein Vorzug, wenn man eine Sache besser verstehe; und er hat denn auch an einigen Beispielen dieses bessere Verständnis der Sache zu zeigen versucht. Folgen wir also dem Philosophen so weit und betrachten wir seine Beispiele.

Die Mischfarben (und Mischklänge), meint BRENTANO, können wir uns so am besten verdeutlichen, wenn wir uns z. B. (Seite 8 - 11 und Seite 17) das Violett aus unendlich kleinen roten und blauen Mosaikstücken zusammengesetzt denken und uns nun weiter die Mosaikmonaden dichter oder weniger dicht zusammengedrängt oder in größeren oder in kleineren Abständen befindlich vorstellen. Ein intensiveres Violett ist nun zusammengesetzt aus roten und blauen Mosaikstiften, welche für sich weniger intensiv und d. h. weniger dicht gruppiert oder gelagert sind. Und analog ist nun auch der (qualitative) ungeteilte Mischeindruck des Violett als solcher zu erklären. Denn wie das Empfindungsmosaik in ungleichen Abständen gelagert ist, so müssen wir auch unmerkliche kleine Übergänge in den Qualitäten (Seite 6) voraussetzen, so daß wohl noch verschiedene Teile im allgemeinen, aber nicht mehr die Verteilung im einzelnen unterscheidbar ist.

Was speziell die Empfindung betrifft, so haben wir nun hiermit diese neuen Intensitäts- und Farbentheorie kennen gelernt. Und gewiß: wenn sie lachen könnten, die Farben würden über ihren Hofmeister mit Mosaikaugen in das Lachen der homerischen Götter ausbrechen! Das Violett würde sagen: zwar nur das Veilchen unter den Farbenblumen, bin ich deswegen nichts weniger, als nur aus lauter unmerklichen Übergängen zusammengesetzt. Und daß man mich aus Blau und Rot herstellt, kümmert mich wenig. Denn, nachdem ich einmal bin, was ich bin, so bin ich gerade eine so vollwertige, selbständige und einheitliche Farbe, wie jede andere. Zu dieser Stimme gesellen sich die übrigen; und vor allen die Kontrastfarben und das Hell und das Dunkel verstärken kräftig und beifällig die führende Stimme. Auch der Philosoph kann sich diesem Chor nicht verschließen und wird deswegen doch etwas kleinlaut. Zwar glaubt er sich mit dem ganzen Sinnesgebiet des Gesichts dadurch abzufinden, daß er überhaupt gar keine Intensitätsunterschiede anerkennt und sich hierfür (Seite 9) auf HERING beruft. Nun ist es ja freilich bekannt, daß man Hell und Dunkel auch als Farben und insofern als Qualitäten betrachten darf. Dies gestattet jedoch nicht im mindesten, die Intensitätscharaktere der Lichtempfindung zu vernachlässigen, sondern es hat dies offenbar ja nur den Sinn, daß Hell und Dunkel uns veranlassen, einen zwiefachen Gesichtspunkt der Betrachtung, nämlich einen solchen sowohl der Intensität als auch Qualität, auf sie auszudehnen. Doch das sieht BRENTANO schließlich auch selbst ein und sagt (Seite 11) denn auch geradezu und wohl ganz in Übereinstimmung mit uns: daß es nur in gewissem Sinne statthaft sei, den Farberscheinungen die Intensitätsunterschiede abzusprechen. Denn in anderem Sinne wäre eine derartige Annahme entschieden falsch und der Erfahrung entgegen. An der Schwierigkeit dieses Falles drückt sich daher unser Philosoph vorbei, da er mit seinem Fliegengarn die Licht- und Farbenschmetterling vergebens zu erhaschen sich bemühte. Was von der ganzen neuen Intensitätstheorie noch übrig zu bleiben scheint, ist demgemäß nur die Tatsache, daß eine ausgedehntere Fläche, z. B. ein breiterer Streifen Rot einen stärkeren Eindruck macht, als ein weniger breiter. Doch setzt dies natürlich immer voraus, daß die Intensitäten neben den Qualitäten ursprünglich und fortwährend wahrgenommen werden. BRENTANO nun aber verfolgte mit seiner Theorie gerade die Absicht, die Intensitätsunterschiede aus reinen Qualitätsverdichtungen und -Verdünnungen zu "erklären". Eine Erklärung dieser Art, welche mit der Intensität auch alle übrigen, einheitlich und unzertrennlich mit ihr verbundenen Bestandteile der Empfindung  wegerklärt: eine solche Erklärung, sagen wir, gehört offenbar ganz woanders hin als in in eine empirische Psychologie. Und diesem Gefühl vermag sich auch BRENTANO nicht zu verschließen, wenn er endlich (Seite 15 und 16) zuletzt doch mit seiner, alle Anschauung und Erfahrung negierenden Metaphysik ungescheut herausrückt. BRENTANO zitiert an der angedeuteten Stelle DESCARTES und sagt in Übereinstimmung mit seinem Gewährsmann: würden wir nicht die sinnlichen Erscheinungen mit  unvollkommener Deutlichkeit  perzipieren, so würden wir statt eines  Schein von Intensitätsunterschieden und Wechseldurchdringung (Mischempfindungen) nur  Besonderheiten der Kollokation  in unserem Bewußtsein vorfinden.

Wir brauchen dem Leser nicht weiter auseinander zu setzen, daß diese sich auf die  gesamte  Erfahrung erstreckende  unvollkommene Deutlichkeit  offenbar ganz dasselbe ist, was die in ihrem ganzen Umfang als  verworren  bezeichnete Erfahrungserkenntnis als philosophischer Rationalismus war. Es ist daher nur ganz in Ordnung, aber freilich eine seltsame Kombination, wenn sich unser  Erfahrungsphilosoph von so verworrenen Sachen, wie seiner Meinung nach unsere  Erfahrung  ist, fern hält und sich ganz nur einer reinen und erfahrungslosen Erkenntnis widmet. Und daß BRENTANO das wirklich und gerade auch in seiner Empfindungstheorie getan hat, das sehen wir, wenn wir noch die schon von vornherein und gerade mit Absicht herausgekehrte rein negative Seite der Intensitätslehre unseres Denkers ein wenig berücksichtigen. Im zweiten Teil seiner Abhandlung (Seite 13 - 15) nämlich kommt es dem Verfasser nur darauf an, uns einzuschärfen, daß alles Nichtsinnliche, wie vor allem das abstrakte Denken, gar keine Intensität besitze. Und ein Verdienst allerdings räumen wir hier unserem Gegner sehr gern ein. Denn sein Scharfsinn hält mit vollem Recht Sachen auseinander, die nur zu oft entweder überhaupt gar nicht unterschieden, oder, was noch bei weitem schlimmer, miteinander verwechselt werden. Intensität nämlich, sagt BRENTANO mit vollem Recht, ist nicht dasselbe, was ein bestimmter Grad der Überzeugung oder was eine Zuversicht ist. Zuversicht und Überzeugung als solche können sehr stark, ja unerschütterlich sein, und dennoch ist es gar nicht ausgeschlossen, daß,  was  man glaubt oder  worauf  man hofft, der  Intensität  nach uns nur sehr schwach und kaum wie ein leiser Lufthauch berührt. Mit dieser letzten Bemerkung nun haben wir die Grenzen der Übereinstimmung mit BRENTANO schon überschritten. BRENTANO behauptet: was nicht spezifisch sinnlich ist, hat keine Intensität. Wir dagegen behaupten: alles besitzt eine Intensität und muß eine besitzen, weil auch das zarteste und von der vollen (sinnlichen) Anschauung am weitesten abliegende Psychische mit dem Sinnlichen an einer so wesentlichen Stelle wie die Intensität seinen Zusammenhang und seine einheitliche Zusammengehörigkeit mit ihm nie verlieren darf. Dagegen allerdings haben wir volle und unbeschränkte Freiheit, die verschiedenen Grade der Intensität beliebig abzustufen. Wir können deswegen eben im Gegensatz zu BRENTANO (Seite 14) gar nicht einsehen, weshalb im Denken des "Begriffs" 3 oder im "Urteil" 1 + 1 = 2 nicht das mindeste von Intensität stecken sollte. Viel braucht es ja nicht zu sein. Aber daß etwas dabei ist, fühlt man sehr deutlich, man mag sich nun bei jenem mathematischen Beispielen einfach die Ziffer vorstellen oder sie an einem konkreten Zählakt veranschaulichen. Wenn wir die genaue Größe und Gestalt eines Sandkorns angeben sollten, so würden wir diese Zumutung freilich ablehnen. Dessen ungeachtet jedoch sind wir überzeugt, daß auch das Sandkorn allerdings eine Figur und Größe besitzt. So können wir auch die Intensität nur in den wenigsten Fällen und insbesondere auch dann, wenn sie nur als schwacher, hauchartiger Nachhall vorhanden ist, nicht genauer bezeichnen. Aber sie überhaupt zu leugnen, fällt uns deswegen doch nicht ein. Daß aber ein Philosoph, welche die wahrgenommene Körperwelt als  solche  gar nicht gelten läßt, die Intensität leugnet, begreifen wir freilich sehr wohl. Denn woher anders sollte die (psychische) Intensität zuletzt stammen, wenn nicht aus dem Kontakt unseres Organismus mit der Umgebung?

Nun erkennen wir auch den Zusammenhang seiner Empfindungstheorie mit der Vorstellungs- und Urteilslehre der allgemeinen Psychologie unseres Philosophen. Weil beide Male die  Umgebung  fehlt, so sind nun auch sowohl die "Empfindungen" als die "Vorstellungs- und Urteilsakte" eine so luzide Erkenntnis, daß man durch sie, wie durch eine einzige große, aber lichtlose Lichtung hindurchsieht!

Dennoch spricht (Seite 22 - 23) BRENTANO zuletzt noch von einer Körperwelt, welche er sich nicht rauben lasse, sondern sie (die Körperwelt) mit der Naturwissenschaft (?) als  Hypothese aller Hypothesen  betrachte. So freilich darf nur ein Philosoph sprechen. Denn da dür alle Nicht-Philosophen die Körperwelt in ihrem  Gesamtbestand  unmöglich jemals hypothetisch werden kann, so müssen wird die "Hypothese aller Hypothesen" in  eine  Linie mit der Meinung jener Waldphilosophen stellen, welche die ehemals am Himmel befindliche Erde zu uns herabfallen und dafür die ehemals unten befindlichen Sterne an den Himmel aufsteigen läßt. Wir müssen diese Waldphilosophie nur umkehren und dann erhalten wir wohl die Hypothese unseres Philosophen, welcher unsere Erde weit weg von uns an den Himmel verlegt und nun aus Sternweite über unsere irdischen Dinge wie über eine "unbemerkte Empfindung" (!) philosophiert.

Nun aber genug des Spiritualismus in der Psychologie! Unsere Absicht war, zu zeigen, daß die Psychologie, solange sie ihre Aufgabe noch darin erblickt, einen besonderen Gegenstand, wie im Sinne REHMKEs: das "Seelen-Konkrete" oder wie die spezifischen "psychischen Phänomene", wodurch BRENTANO die psychologische Wissenschaft zu umgrenzen versuchte, zu bearbeiten: daß, sagen wir solange das geschieht, sich die Psychologie überhaupt gar nicht auf dem Boden der Erfahrung bewegt. Doch mußten wir uns an diesem Punkt etwas länger aufhalten, weil er allerdings nicht nur sehr aktuell, sondern überhaupt entwicklungsgeschichtlich von großem Interesse ist. In unserem Fall nämlich lernten wir den Spiritualismus nicht etwa als eine frei in den Lüften schwebende Metaphysik, sondern als eine Seeschlange kennen, welche den Saft unserer Erfahrung so ausgesogen hatte, wie ein Vampyr eine ganze Gegend aussagt. Es ist dies eben eine Folge des Umstandes, daß sich die Metaphysik zwar in Nebel auflöst, aber noch keineswegs zerstreut hat. Dieser Zustand ist daher wie dazu geschaffen, eine allgemeine, bald zu Erweichung, bald mehr zu Verhärtung neigende Ideen-Schrumpfung einzuleiten, wie wir sie bei WUNDT, REHMKE und BRENTANO geschildert haben.

So weit also wenigstens sind wir, um einzusehen, daß die streng erfahrungsmäßige psychologische Betrachtungsweise sich unmöglich in dem Sinne zu einer Wissenschaft emporarbeiten kann, daß sie, wie das mit Erfolg die Naturwissenschaft tut,  besondere Gegenstände  bearbeitet. Was aber soll die Psychologie dann tun? Diese Frage, welche in die methodologische Krisis überführt, wird uns in unseren späteren Betrachtungen beschäftigen.
LITERATUR - Rudolf Willy, Die Krisis der Psychologie, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Nr. 21, 1897
    Anmerkungen
    1) Drittes Kapitel des zweiten Abschnittes: "Die metaphysische Krisis oder der Spiritualismus und die Psychologie" (siehe Heft 1, Seite 84f, Heft 2, Seite 227f)
    2) FRANZ BRENTANO, "Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 1, Leipzig, 1874
    3) "Zur Lehre von der Empfindung" von Dr. FRANZ BRENTANO. Der Vortrag wurde den Teilnehmern des Kongresses gedruckt und ausgeteilt und umfaßt 23 Seiten.
    4) KASIMIR TWARDOWSKI, "Zur Lehre vom Inhalt und Gegenstand der Vorstellungen", Wien 1894
    5) CARL STUMPF, Tonpsychologie, Bd. I, Leipzig 1883, Seite 427
    6) GOSWIN K. UPHUES, Psychologie des Erkennens, Bd. I, Leipzig 1893, Seite 318
    7) Die nachfolgenden eingeklammerten Seitenzahlen beziehen sich auf BRENTANOs früher bezeichneten Kongress-Vortrag.