p-4p-4A. MeinongM. SchlickR. AvenariusTh. ElsenhansP. Natorp    
 
WILHELM WUNDT
Psychologismus und Logizismus
[4/4]
    I. Einleitende Betrachtungen
II. Der Psychologismus in der Logik
III. Der Logizismus in der Psychologie
IV. Das Problem der reinen Logik
V. Psychologismus und Logizismus in der Erkenntnistheorie

"Husserl ist ein ausgezeichneter Kritiker. Im Zerstören sucht er seinesgleichen. Doch seine eigenen Aufstellungen, soweit sie sich auf seinen Begriffsanalysen herausschälen lassen, sind überaus dürftig, und, wo man ihrer habhaft wird, da laufen sie schließlich auf ein  idem per idem  hinaus, auf eine Nominaldefinition, die nicht einmal das ist, was eine ordentliche Nominaldefinition zu sein pflegt: Paraphrase eines Ausdrucks durch andere, bekanntere Ausdrücke. Vielmehr muß man sich meist mit der Versicherung begnügen, der betreffende Begriff existiere wirklich; es sei aber nichts weiter über ihn zu sagen, als daß er existiert."

"So ist dann Husserls Unternehmen einer  reinen Logik  zweifellos als gescheitert zu betrachten. Das läßt sich, auch wenn man seiner Arbeit zugute hält, daß sie eine bloße Voruntersuchung sein soll, aussprechen. Denn die Grundlegung der Logik, die hier versucht wird, ist im Prinzip verfehlt, so daß sich auf ihr überhaupt kein Gebäude errichten läßt. Gleichwohl ist diese Untersuchung darum keine nutzlose gewesen. Durch ihre Vorzüge wie durch ihre Mängel, durch die eindringliche Kritik der psychologistischen Logik wie durch seinen eigenen Rückfall in einen extrem nativistischen Psychologismus hat Husserl das Verdienst, auf den Hauptfehler hingewiesen zu haben, an dem sowohl die psychologische wie die formale Logik leidet, und mit diesen sein eigener Versuch, der beides, formalistisch und psychologistisch zugleich ist: auf den Mangel einer erkenntnistheoretischen Begründung der Logik."

IV. Das Problem der reinen Logik

1. Die Entstehung der formalen Logik

Nachdem die Logik unter dem Einfluß der empirischen Psychologie und einer im wesentlichen psychologisch gerichteten Erkenntnistheorie in ein bedenkliches Schwanken geraten war, durch das sie ihres alten Rufes unerschütterlicher Sicherheit verlustig zu gehen drohte, war es begreiflich, daß in neuerer Zeit mannigfache Versuche unternommen wurden, ihr diese Sicherheit wiederzugewinnen, indem man jenen Eindringling, der hauptsächlich an der Verwirrung schuld trug, den Psychologismus, völlig aus ihr verbannte. Nun waren schon die verschiedenen Richtungen der Philosophie des vorigen Jahrhunderts, ein HERBART und SCHOPENHAUER so gut wie ein FICHTE und HEGEL, so weit sie sonst auseinandergingen, darin ziemlich einig gewesen, daß die formale Logik zwar nicht viel leiste, daß sie aber in dem was sie leiste unangreifbar sei. Besonders die HERBARTsche Schule war daher bemüht, die Logik als eine nützliche Propädeutik der Philosophie, die den Vorteil biete, daß sie von dem sonstigen Streit der Systeme nicht berührt werde, zu kultivieren. Für die Inhaltsarmut der Logik mochte dann die Metaphysik mit ihren Anhangsgebieten, besonders der Naturphilosophie und der Psychologie, einen Ersatz bieten. Diese Situation, die von der Scholastik an ziemlich unverändert bestanden hatte, und bei der sich etwaige Reformversuche höchstens in den bescheidenen Grenzen wünschenswerter Vereinfachungen bewegten, wie solche z. B. WOLFF und KANT vorschlugen, war durch die Invasion des Psychologismus wesentlich gestört worden und diese psychologisch infizierte Logik war von neuen Aspirationen erfüllt. Sie wollte sich nicht mehr in herkömmlicher Weise mit der Aufstellung der Formen des Denkens zufrieden geben, sondern zu einem sehr wesentlichen Teil auch vom Stoff des Wissens Besitz ergreifen, ohne dabei in der Regel den Anspruch auf jene Evidenz und Allgemeingültigkeit aufzugeben, deren sich die alte Logik erfreut hatte. So wurde dann in der auch hier sich wiederholenden Ablösung der als unzulänglich erkannten Richtungen durch ihre Gegensätze um die Wende des verflossenen und des gegenwärtigen Jahrhunderts die Herrschaft des Psychologismus über die Logik durch das Problem einer "reinen Logik" abgelöst. Sie sollte die apriorische Evidenz und die Allgemeingültigkeit der alten Logik mit dem inhaltlichen Reichtum, den die psychologistische Logik durch Anleihen bei der empirischen Psychologie zu gewinnen versucht hatte, vereinigen.

Nun ist dieses Programm einer "reinen Logik" im Sinne einer nur auf sich selbst gestellten Wissenschaft des Denkens keineswegs neu, sondern es ist in den verschiedenen Gestaltungen, die es in der Geschichte der Philosophie angenommen hat, ein wichtiger Bestandteil dieser Geschichte selbst. Den Ausgangspunkt bildet aber hier eben jene formale Logik, die als eine von jedem konkreten Inhalt abstrahierende Betrachtung der Denkgesetze das Vorbild aller anderen in der gleichen Richtung unternommenen Versuche gewesen ist. Nur sind diese stets zugleich darauf ausgegangen, zu den allgemeingültigen Formen des Denkens ebenso allgemeingültige, aus dem Denken selbst zu abstrahierende Inhalte zu gewinnen und diesen so zu einer den Denkgesetzen ähnlichen Evidenz zu verhelfen. In diesem Sinne ist z. B. die transzendentale Logik KANTs nur eine einzelne unter den verschiedenen Entwicklungsphasen, die dieses Problem einer reinen, dabei aber die Formen des Denkens durch entsprechende Inhalte ergänzenden Logik zurückgelegt hat. Wenn diese Versuche, die Formen des Denkens mit den ihnen entsprechenden abstrakten Denkinhalten zu einem Ganzen zu vereinigen, in der Regel nicht zur "reinen Logik" gerechnet, sondern für sie andere, an diese Ergänzungen erinnernde Bezeichnungen gewählt werden, wie von KANT die einer "transzendentalen Logik", so liegt dies übrigens nicht sowohl in der Sache selbst als in einem gewissen Respekt vor der traditionellen Formalen Logik begründet, für die man diesen Titel reservieren zu müssen glaubte. Wo dieser Respekt nicht mehr mitzureden hatte, da hat daher auch ohne Bedenken eine solche Inhaltslogik schlechthin den Namen Logik angenommen: so nicht nur bei HEGEL, sondern auch bei Philosophen, die, wie z. B. in neuerer Zeit HERMANN COHEN, eine Reform und Weiterbildung der transzendenten Logik KANTs im Auge haben.

So könnte man denn versucht sein, in der formalen Logik gewissermaßen das Zentrum zu erblicken, von dem aus sich in den einzelnen Versuchen, ihre Formen durch einen an sie gebundenen ebenso notwendigen und allgemeingültigen Denkinhalt zu ergänzen, die verschiedenen Gestaltungen einer reinen Logik im weiteren Sinne entwickelt haben. Doch in dem hier vorzugsweise entscheidenden Punkt würde diese Vorstellung nicht zutreffen: darin nämlich, daß jene reine formale Logik tatsächlich keineswegs der Ausgangspunkt der übrigen Versuche reine Logik gewesen ist. Zwar ist es eine noch heute verbreitete Meinung, das von ARISTOTELES entworfene System der Logik sei im wesentlichen identisch mit der formalen Logik, wie sie sich vornehmlich in der scholastischen Philosophie entwickelt hat, eine Meinung, die dereinst KANT zu dem Ausspruch veranlaßte, die Logik habe seit dem ARISTOTELES keinen Schritt rückwärts noch vorwärts getan, sie scheine also allem Anschein nach geschlossen und vollendet zu sein. Geschichtlich betrachtet ist das nicht zutreffend. Denn die aristotelische Logik ist diese rein formale Disziplin mit ihrem zweifelhaften Ruhm der Abgeschlossenheit durchaus nicht gewesen, sondern erst auf dem Weg einer langen Entwicklung ist sie dazu geworden. Das aristotelische System der Logik bietet zwei Seiten dar, die es von einer reinen apriorischen Formwissenschaft erheblich entfernen: eine empirische oder, wie man im weiteren Sinne sagen kann, psychologische, und eine metaphysische. Der empirische Charakter der aristotelischen Logik offenbart sich vor allem in den Kategorien, die im einzelnen aus der Sprache abstrahiert sind, im obersten Begriff dieser aber, in der Substanz (ousia), zugleich die Verbindung mit der Metaphysik herstellen. Denn nach dieser entsprechen die Denkformen den Seinsformen. Das Denken ist das potentielle Wissen, das zum aktuellen wird, indem es sich des Stoffs der Erfahrung bemächtigt. (1) Darum ist die Dialektik, die sich nur mit dem Denken ansich beschäftigt, eine Vorstufe der Logik. Ihr Gebiet ist die Erwägung des Möglichen, die die Erkenntnis des Wirklichen vorbereitet. Dieser dient die Logik, indem sie die subjektiven Formen des Denkens zur Darstellung bringt, die den objektiven Formen des Seins als ihre adäquaten Abbilder gegenüberstehen (2). Insofern die Erwägung des Möglichen die Erkenntnis des Wirklichen nicht bloß vorbereitet, sondern überall hilfreich in sie eingreift, will nun aber ARISTOTELES keineswegs die Dialektik durch seine Logik ersetzen oder gar, wie man es zuweilen ausgedrückt hat, die Dialektik in Logik und Metaphysik scheiden, sondern Dialektik und Logik zusammen bilden die Hilfsmittel des metaphysischen Denkens. In dieser nahm die Logik die äußerlich am meisten hervortretende Stellung ein, indem durch die Technik der unmittelbaren Subsumtion im Urteil und der mittelbaren im Schluß, die sie lehrte, jene Ordnung der Begriffe zustande kam, in der für ARISTOTELES die wahre Interpretation der Natur besteht. Im Hintergrund dieser logischen Ordnung steht gleichwohl auch hier die Dialektik, die nach den inneren Beziehungen der Begriffe sucht, deren Prüfung und Sonderung dann die Aufgabe der eigentlichen oder ersten Philosophie, der Metaphysik ist. (3)

Wenn irgendein logisches System eine "Inhaltslogik" genannt werden kann, insofern die logischen Formen durchaus an den Stoff des Denkens gebunden sind, wie er zunächst durch die Erfahrung und dann durch die dialektische Bearbeitung der Begriffe geboten wird, so ist es daher die aristotelische; und eigentlich ist darum diese Logik eben auch keiner anderen Philosophie adäquat als einer solchen, der, wie der aristotelischen, die Aufgabe des wissenschaftlichen Denkens in einer streng durchgeführten Subsumtion aller Einzelbegriffe unter Allgemeinbegriffe besteht. Zwei Motive waren es, die diese Logik erst in die rein formale Disziplin umwandelten, als die wir sie aus der Überlieferung kennen. Indem in der späteren Philosophie Richtungen des Denkens zur Geltung gelangten, die in jener Subsumtionslehre nicht mehr ihren adäquaten Ausdruck fanden, und indem schon früh, besonders in der stoischen Schule, empirische Abstraktionen aus den Wort- und Satzformen der Sprache, die schon bei ARISTOTELES ein mitwirkender Faktor gewesen ist, zu einem stärkeren Einfluß gelangten, wurde die aristotelische Logik dem Boden entrissen, auf dem sie erwachsen war. Grammatische Distinktionen drängten sich zwischen die rein nach dem Prinzip der Subsumtion geschiedenen Denkformen, während doch dieses Prinzip selbst immer noch durch die Regelmäßigkeit und Geschlossenheit des Aufbaus, die es zustande brachte, eine dauernde Macht ausübte. Dazu kam später, in der ersten Blütezeit der Scholastik, ein negatives Moment: man strebte begierig nach einer neuen, das wachsende intellektuelle Bedürfnis befriedigenden Lösung der theologischen Probleme, die diese Zeit vor allen anderen bewegten. Aber die aus den lateinischen Kirchenlehrern älterer Zeit dem Abendland vermittelten Überlieferungen der griechischen Philosophie waren zu dürftig, um diesem neu erwachten Streben zu genügen. Nur das aristotelische Organon ragte vermöge eben jener erhaltenden Kraft, die diesem System mit seiner strengen Geschlossenheit innewohnte, aus den Trümmern der Vergangenheit als ein festgefügter Bau empor. Da war es dann verständlich genug, daß der wiedererwachte Trieb selbständigen Denkens zunächst die so von ihren philosophischen Wurzeln getrennte Logik als ein bloßes Mittel zur Gymnastik des Geistes betrieb, um mit ihm und mit den aus der älteren kirchlichen Wissenschaft zufließenden Überlebnissen platonischer Dialektik den Aufbau der neuen spezifisch theologischen Wissenschaft zu unternehmen. Je weniger es innerhalb dieser Bestrebungen an einem Widerstreit der Meinungen fehlte, umso mehr waren nun die hier einander gegenüberstehenden Parteien geneigt, die überlieferte Logik als eine eben infolge ihres schlechthin formalen Charakters allem Streit entrückte Disziplin zu betrachten. So ist die aristotelische Logik die formale Wissenschaft, als die sie noch ein KANT und HERBART gleichzeitig um ihrer Geschlossenheit willen priesen und um ihrer Dürftigkeit willen geringschätzten, nicht ursprünglich gewesen, und diese bildet nicht den Anfang, sondern das Ende einer langen Entwicklung. Wo immer sie aber weiterhin aus dieser Stellung einer bloß formalen Schule des Denkens sich zu erheben und mit einem neuen Inhalt zu erfüllen strebt, da tritt ihr wiederum wie in ihren Anfängen die Dialektik ergänzend zur Seite; und je mehr sie dagegen metaphysische Aspirationen zurückweist, umso strenger sucht sie das Prinzip der Subsumtion der Begriffe unter Ausscheidung aller aus der Grammatik eingedrungenen empirischen Bestandteile zu wahren. Der Dialektik entsagt trotzdem auch dieser strengere Formalismus nicht. Nur wendet er sich nicht einer transzendenten, in den Begriffen sich spiegelnden Ideenwelt, sondern jener empirischen Begriffswelt zu, die ihre Abbilder in den Worten der Sprache findet. So entstehen als divergierende Abzweigungen der formalen Logik die Richtungen des scholastischen Realismus und Nominalismus, die unter wechselnden Namen und in verschiedenen Formen bis zum heutigen Tag fortbestehen. Dem Realismus gilt die überlieferte Logik als ein wichtiges Werkzeug, das aber zu seiner Vollendung der dialektischen Bewegung der Gedanken bedarf, mit Hilfe deren es sich erst zur Welt des Übersinnlichen zu erheben vermag. Im Nominalismus wendet sich das logisch-dialektische Denken der empirisch fundierten, auch da, wo sie sich zum Übersinnlichen erhebt, nach dem Vorbild der Erfahrungswelt gedachten subjektiven Begriffswelt zu.


2. Ontologismus und Nominalismus

Gewiß ist es nicht zufällig, daß mit dem neu erwachten Eifer im Betrieb der überlieferten formalen Logik im 11. Jahrhundert die Spaltung der kirchlichen Richtungen zusammenfällt (4). Doch liegen die Motive dieser Spaltung wohl tiefer, als daß man sie auf die Nachwirkungen platonischer und aristotelischer Philosohie, die in dieser Zeit allmählich zutage treten, zurückführen könnte. Höchstens mögen diese als äußere Hilfskräfte in dem mit einem neu erwachten spekulativen Trieb sich regenden Kampf divergierender Denkweisen gewirkt haben. Handelt es sich doch hier um Gegensätze, die der Entwicklung des Denkens selbst immanent sind, und die nur je nach dem Gedankenhorizont und den Interessen der Zeit etwas verschiedene Gestalten annehmen können. Die große Schöpfung des platonisierenden Realismus der Scholastik ist der Ontologismus. In der platonischen Dialektik ist er zwar vorgebildet; aber er tritt hier noch durchaus hinter den sonstigen dialektischen Denkformen zurück, wie man aus der Stellung entnehmen kann, die im platonischen  Phädon  dem Beweis der Unsterblichkeit aus dem Begriff der Seele als des Lebensprinzips zugewiesen ist (Phädon 102f). Erst in diesem Zeitalter des scholastischen Realismus oder, wie wir es nach unseren heutigen Bezeichnungen nennen würden, des transzendenten Idealismus erhebt sich die Ontologie zur herrschenden Denkweise. Sie stellt damit eine neue Inhaltslogik der alten aristotelischen gegenüber. Ihr Inhalt sind aber nicht die Begriffe als Formen des Seins und des Denkens überhaupt, sondern die das Übersinnliche in Begriffe fassenden Gedanken, für die es eine andere als eine solche Begründung aus dem in uns liegenden, durch das dialektische Denken nur in das Licht des Erkennens erhobenen Begriff überhaupt nicht geben kann. Der Ontologismus wird so zum ersten rein spekulativen, prinzipiell auf jede Anlehnung an die Erfahrung verzichtenden logischen System. Denn sein Programm ist einzig und allein auf die Begründung der Theologie als einer reinen Wissenschaft des Übersinnlichen gerichtet. Gott ist der Inbegriff all dessen, was überhaupt möglich ist. Zu diesem Inbegriff des Möglichen gehört das Wirkliche als sein unlösbarer Bestandteil. KANT hat zuerst den ontologischen Gottesbeweis, der das typische Vorbild aller andern ontologischen Gottesbeweise ist, auf diese Formel zurückgeführt. Er hat damit auf jenes Prinzip des Denkmöglichen hingewiesen, das ARISTOTELES schon als die Grundlage des dialektischen Denkens erkannt hatte. In der Tat hat sich die Logik im Ontologismus dieses dialektische Prinzip dienstbar gemacht. Was die Dialektik als das Wesen einer Idee erkennt in die Form zwingender Syllogismen zu bringen, ist die Aufgabe der Logik. So beweist der große Urheber der ontologischen Theologie, ANSELMUS, das Dogma der stellvertretenden Erlösung, indem er dialektisch den Begriff der Sünde in den der unendlichen Schuld, und indem er den Begriff des Opfers auf den der Sühne eines durch die Schuld erzeugten Übels zurückführt, um dann syllogistisch aus dem unendlichen Wesen Gottes seine Selbstopferung für die unendliche Schuld der Menschheit zu beweisen. Wohl stehen hier menschliche, also empirische Rechtsverhältnisse als Ausgangspunkte einer solchen Deduktion im Hintergrund. Aber sie werden nicht in dieser ihrer empirischen Bedingtheit, sondern nur als allgemeine begriffliche Möglichkeiten in Betracht gezogen und in diesem Sinne auf Verhältnisse angewandt, die jenseits jeder möglichen Erfahrung liegen, damit aber auch erst die Totalität eben dieser Begriffe konstituieren. So ergibt sich überall der mögliche Begriff als die notwendige Ergänzung seiner wirklichen Geltung, und der gewinnt damit selbst seine absolute Notwendigkeit, die in jeder einzelnen Anwendung stillschweigend vorausgesetzt ist.

Nachdem auf diese Weise der scholastische Ontologismus die Begriffe zu transzendenten Objekten erhoben hat, die als Bedingungen alles Wirklichen eine notwendige Realität besitzen, vollendet sich diese Abstraktion in dem ihm folgenden philosophischen Ontologismus. Er eliminiert den in spezifischen Glaubensdogmen gegebenen Inhalt, um den reinen Begriff des Denknotwendigen zurückzubehalten. So entwickelt der philosophische Ontologismus die abstrakten Substanzbegriffe der spekulativen Metaphysik. Er hat diese Aufgabe nicht überall ungestört von Nachwirkungen der ihm die Wege bereitenden spekulativen Theologie durchgeführt; doch im ganzen strebt er unentwegt diesem Ziel zu. Am freiesten von solchen Trübungen hat sich dieser reine Ontologismus im Werk SPINOZAs ausgeprägt, das in seiner streng durchgeführten syllogistischen Beweismethode zugleich die vollendete Form einer reinen Subsumtionslogik darstellt, insofern alle einzelnen Begriffe aus der unmittelbaren oder mittelbaren Subsumtion unter die an die Spitze gestellte Definition des Begriffs der Substanz gewonnen sind.

Anders der Nominalismus. Ihm ist der Begriff nicht das Abbild eines möglichen oder durch die ihm beigefügten näheren Bestimmungen notwendigen Denkobjekts, sondern das Denkobjekt selbst, das als konkretes Gedankengebilde immer ein einzelnes Objekt bleibt, welches in dem ihm in der Sprache beigelegten Eigennamen unmittelbar oder in dem in abkürzender Absicht gebrauchten Gattungsnamen für eine Vielheit einzelner Dinge mittelbar vollgültig repräsentiert ist. Da hier die Begriffe vermöge ihrer Gebundenheit an die Worte bloß ein relativ zufälliges Existenzrecht besitzen, so betrachtet sie der Nominalismus als einen gleichgültigen Inhalt. Darum wird ihm die formale Logik zur philosophischen Grundwissenschaft. Ihr wesentliches Geschäft besteht in der logischen Ordnung der Begriffe, gleichgültig welchen Inhalts diese sein mögen; und der Scharfsinn der nominalistischen Scholastik betätigt sich vornehmlich teils in Fortbildung dieses logischen Formalismus selbst teils in der Analyse der Beziehungsformen der Begriffe. Daher jene Fülle scholastischer Termini, von denen einzelne Reste, wie die  contradictio,  die  contrapositio,  die  identitas  u. a., die der Unterscheidung solcher formaler Begriffsverhältnisse dienen, noch in die heutige Logik hereinreichen. So ist es dann auch vornehmlich der scholastische Nominalismus des 14. und 15. Jahrhunderts gewesen, der jenen äußerlichen Betrieb der Logik geschaffen hat, der die Angriffe und den Spott der Naturforscher und Philologen wie der Philosophen der Renaissancezeit herausforderte, und der, als die schlimmsten Exzesse dieser leeren und nutzlosen Distinktionen glücklich beseitigt waren, die Logik als die rein formale Disziplin zurückließ, der nun der Metaphysiker nur noch auf dem Vorplatz der Philosophie ein bescheidenes Plätzchen einräumte, indessen der Mann der positiven Wissenschaft sie als ein entbehrliches und besser durch die ernste Arbeit auf dem eigenen Gebiet zu ersetzendes Werkzeug des Denkens betrachtete. Der scholastische Nominalismus hat daher nicht, wie der ihm gegenüberstehende Ontologismus durch die von ihm geschaffene dialektische Logik, in der späteren Philosophie starke und lange dauernde Nachwirkungen zurückgelassen, sondern er scheiterte gerade mit dem, was die Hauptstärke seiner Leistungen ausmachte, mit der Aufrichtung einer reinen Logik auf der Grundlage des aristotelischen Organon. Mit dem Sturz der Scholastik brach diese ihre letzte Leistung zusammen, um nur noch in der propädeutischen Logik der Schule ein kümmerliches Dasein weiterzufristen. Ohne Nachwirkungen auf die neuere Philosophie ist gleichwohl auch der Nominalismus nicht geblieben. Aber diese lagen zunächst nicht in der Richtung der von ihm gepflegten Logik, sondern in seinem mehr indirekt mit dieser zusammenhängenden und darum verhältnismäßig leicht von ihr loszulösenden Kampf gegen den Ontologismus. Ihm setzten die nominalistisch gerichteten Denker eine von allen transzendenten metaphysischen Spekulationen sich abkehrende Denkweise entgegen, die sich zunächst dem aus der neuen Naturwissenschaft hervorgehenden Naturalismus und dann, die skeptischen Elemente des alten Nominalismus in sich aufnehmend und weiterführend, dem Empirismus zuwandte. In dieser Weise, wie die Väter des modernen Naturalismus und Empirismus, ein HOBBES und LOCKE, die Sprache als ein äußeres Werkzeug der Gedankenbildung betrachten, ist gleichwohl immer noch der Einfluß des Nominalismus auch in jener äußerlichen Richtung erkennbar, der er seinen Namen verdankt. Hierin liegen aber zugleich die Motive, die in einer späteren, dem Streit der theologischen wie der metaphysischen Richtungen des Ontologismus und Nominalismus entwachsenen Zeit der Erneuerung scholastischer Denkweisen und in ihr den Bemühungen um die Aufrichtung einer "reinen Logik" entgegenkamen, in der die Tendenzen des alten Nominalismus wieder auflebten. Allerdings ist dieser nicht allein an dieser Bewegung beteiligt, sondern, wie die Neoscholastik überhaupt, so ist auch diese in die Gegenwart hineinragende neoscholastische Logik synkretistisch [vermischend - wp]. Die einstigen Gegner, der scholastische Ontologismus und Nominalismus, reichen sich hier die Hände. Immerhin ist es vornehmlich der Nominalismus, der dem Ganzen sein Gepräge gibt. Auch sind die zwischenliegenden Evolutionen der neueren Philosophie, besonders die fortdauernden spekulativen Bemühungen um eine die ontologische Denkrichtung ablösende Inhaltslogik, wie sie in KANTs transzendentaler und dann in FICHTEs und HEGELs dialektischer Logik hervortraten, nicht ganz ohne einen gewissen Einfluß geblieben, wenn dieser auch ebensowohl ein negativer, zum Widerspruch herausfordernder, wie gelegentlich ein positiver gewesen ist.


3. Transzendentale und dialektische Logik

Sein Unternehmen, die Mitwirkung gewisser  a priori  dem Verstand innewohnender Begriffe bei der Bildung aller Erkenntnis nachzuweisen und zugleich die Grenzen dieses Verstandesgebrauchs zu bestimmen, nannte KANT "transzendentale Logik" oder in ihrem positiven Teil, in Anlehnung an den von ARISTOTELES seiner Logik gegebenen Namen, "transzendentale Analytik". Das Wort sollte in absichtlicher Unterscheidung von der formalen Logik eine "Inhaltslogik" im eigentlichen Sinne des Wortes bezeichnen, ein Lehrgebäude, das nicht sowohl die abstrakte Form als auch den allgemeingültigen, in den Stammbegriffen des Verstandes und den ihnen entsprechenden Grundsätzen niedergelegten apriorischen Inhalt des Erkennens darstelle. Ihrer allgemeinen Tendenz nach traf daher diese Logik wirder mit der ursprünglichen Bedeutung der aristotelischen zusammen. Umso weiter entfernte sie sich von ihr in den diesen Inhalt bestimmenden Voraussetzungen. War jene durchaus metaphysisch gerichtet, indem sie in der Untersuchung der den objektiven Seinsformen entsprechenden Denkformen ihre Aufgabe erblickte, so stand umgekehrt für KANT von vornherein fest, daß die aller Erfahrung vorausgehenden Begriffsformen die Prinzipien des Wirklichen selbst seien, die aber überall erst durch unseren Verstand dem uns gegebenen ansich formlosen Stof der Erfahrung entgegengebracht würden. Darum nennt KANT seine Inhaltslogik eine "transzendentale". Sie ist nicht metaphysisch, wie die aristotelische nach ihrer ursprünglichen Bedeutung gewesen war, sondern erkenntnistheoretisch. Aber sie will nicht eine Erkenntnistheore überhaupt sein, sondern eben nur eine erkenntnistheoretische  Logik,  ein Nachweis der Denkformen, die eine objektive Erkenntnis erst möglich machen. So ist die Kantische Logik nicht objektiv, wie die aristotelische, sondern durchaus  subjektiv  gerichtet. Eben darum wirkt nun aber zugleich die aus jener objektiven im Wandel der Zeiten hervorgegangene formale Logik mit innerer Notwendigkeit auf KANTs Unternehmen ein. Indem seine transzendentale Logik sich daran macht, nur dem denkenden Subjekt, unabhängig von allen objektiven Bedingungen, die Normen des erkennenden Denkens zu entnehmen, stehen ihr zur Erreichung dieser Absicht eben nur jene leeren Formen des Denkens zu Gebote, wie sie von der traditionellen Logik vornehmlich in ihrem System der Urteilsformen aufgestellt worden waren. So entnahm dann KANT das System seiner Kategorien den Urteilsformen der formalen Logik. Hier stand jedoch seine transzendentale Philosophie noch nach einer anderen, entgegengesetzten Richtung hin unter dem nachwirkenden Einfluß der nämlichen nominalistischen Denkweise, die sich in der Ausbildung des seinem Urteilsschema zugrunde liegenden Formalismus betätigt hatte. Mit dem aus dieser Denkweise erwachsenden Naturalismus war er darin einig, daß die empirische Welt die Grundlage sei, von der all unser Denken ausgehen müsse. Doch zugleich stand ihm fest, daß das mathematische Denken zwar gleichfalls sinnlich anschaulicher Natur sei, daß es aber außerdem einen Charakter der Denknotwendigkeit mit sich führe, der es den Kategorien gleichstelle. So ergab sich ihm der originellste Teil seiner Transzendentalphilosophie, die Lehre von den reinen Anschauungsformen, die, sinnlich und apriorisch zugleich, ein vermittelndes Band bilden sollen, durch das reine Begriffe überhaupt erst auf Erfahrung anwendbar werden. Das war eine neue Form von Logizismus, dem Ontologismus verwandt durch die Zurückführung des Wirklichen auf denknotwendige Begriffe, dem Nominalismus durch die Einschränkung des logischen Gebrauchs dieser Begriffe auf die sinnliche Wirklichkeit. Und hier liegt nun auch die Kluft, die die Dissertation von 1770 von der späteren "Kritik der reinen Vernunft" trennt. In jener steht KANT noch ganz auf dem Boden des Ontologismus, wenn auch die Erkenntnis der anschaulichen und gleichzeitig apriorischen Natur der Anschauungsformen, die ihm schon hier aufgegangen sind, der reinen Durchführung dieses Ontologismus im Sinne des älteren, nur auf Begriffen aufgebauten störend im Wege steht. Aber noch bilden die Anschauungsformen in dieser ersten Form der Transzendentalphilosophie sozusagen ein  caput mortuum  [wertloses Überbleibsel - wp], das zwar für die Grundlegung der Mathematik seine Dienste leistet, für das allgemeine Erkenntnisproblem dagegen unfruchtbar bleibt. Denn noch bilden die logischen Denkformen die einzige Basis der Kategorien. Damit ist diesen vermöge der unbeschränkten Natur des logischen Denkens erlaubt, über alle Grenzen der Erfahrung hinaus im Sinne des dogmatischen Ontologismus in das Reich der transzendenten Ideen vorzudringen. Erst in der Kritik setzt sich jene fruchtbare Wechselwirkung zwischen Begriffs- und Anschauungsformen durch, die die transzendente Anwendung der Verstandesbegriffe, ihren "usus realis", wie ihn KANT in unbewußter Anlehnung an den scholastischen Realismus nennt, verbietet, um den "usus logicus", die Subsumtion der Erfahrungsinhalte unter die Kategorien, allein übrig zu lassen. Doch der Weg hierzu hatte sich erst in dem Augenblick eröffnet, wo KANT zu seiner neben der Auffindung des Begriffs der Anschauungsformen wichtigsten spekulativen Entdeckung, zu seinem transzendentalen Schematismus der Zeitformen gelangt war. Nun rückten alsbald die Beziehungen der Zeitvorstellungen zu den kategorialen Begriffsformen in jene Stellung ein, die sie zur eigentlichen Grundlage der Deduktion der Kategorien erhoben, während ihre logische Ableitung, wie sie in der Rückbeziehung auf die Tafel der von der Logik überlieferten Urteilsformen gegeben wurde, in die bloß vorbereitende Rolle eines "Leitfadens" zu ihrer Auffindung zurücktrat. Mit dieser Feststellung einer notwendigen Beziehung der Begriffe auf Anschauungen war aber nun auch endgültig die Verbindung mit dem dogmatischen Ontologismus gelöst und ihr "usus realis" trat in der Kritik in eine neue Beleuchtung: er wurde zu einem dialektischen Schein, der auf einen die Grenzen möglicher Erkenntnis überschreitenden Mißbrauch der Kategorien zurückzuführen war.

Doch der Logizismus hatte durch diese Lösung seines Bündnisses mit dem Ontologismus auch in der kritischen Philosophie seine Herrschaft keineswegs eingebüßt. Nachdem die Anschauungsformen die beiden wichtigen Dienste geleistet, alle Erkenntnis auf die Erfahrung einzuschränken und die Mathematik als eine nur der Kategorie der Quantität unterworfene, im übrigen aber ganz auf die reinen Anschauungsformen gegründete Wissenschaft zu erweisen, sind es die Kategorien, die in allen Teilen des Kantischen Systems die leitenden Prinzipien abgeben, indem ihnen allein die den einzelnen Disziplinen der Philosophie eigenen Begriffe und Grundsätze subsumiert werden. So geben sie nicht bloß  in  der praktischen Philosophie, für die ein irgendwie der transzendentalen Ästhetik parallel gehendes Gebiet im Hinblick auf die unanschauliche Natur des Willens anscheinend mit gutem Recht, wenigstens im Sinne KANTs, abgelehnt werden kann, sondern auch in der Ästhetik und Teleologie und selbst in der Naturphilosophie allein das Gerüst ab, das den systematischen Zusammenhang der spezifischen Prinzipien dieser Gebiete vermittelt und zugleich ihre apriorische Geltung begründet. Für die Nachwirkungen, die KANT auf die spätere Philosophie ausgeübt hat, ist es aber bezeichnend, daß ein Denker, der im weiteren Sinne wohl auch ein Kantianer genannt werden kann, der aber KANT freier gegenübersteht, SCHOPENHAUER, von der transzendentalen Ästhetik in den Tönen höchster Bewunderung spricht, indessen er das Kategorienschema und vollends dessen überall wiederkehrende Verwendung als scholastische Spitzfindigkeit zurückweist. Völlig entgegengesetzt hat dagegen das Vorbild KANTs auf die ältere und neuere Kantische Schule gewirkt. Auf sie hat gerade dieser scholastische Logizismus KANTs eine besondere Attraktionskraft ausgeübt. Diese Tendenz springt umso mehr in die Augen, je weiter sich die Probleme, auf die jenes Verfahren der Subsumtion unter das Kategorienschema angewandt wird, von der ursprünglichen Entstehung dieses Schemas entfernen, wie man das bei KANT selbst schon beobachten kann. Es konnte nicht ausbleiben, daß diese Entwicklung schließlich zur Elimination der Anschauungsformen überhaupt führte, so daß als die einzige Aufgabe die Aufstellung eines Systems denknotwendiger Urteile und Begriffe zurückblieb, dem alle Erkenntnisinhalte unterzuordnen seien. Hierbei mußte dann naturgemäß auch die Matematik, die ohnehin längst der bloßen Beziehung auf eine Konstruktion der Begriffe in der Anschauung entwachsen war, die ihr bei KANT eingeräumte Ausnahmestellung einbüßen. Wir besitzen jetzt in HERMANN COHENs Logik eine in diesem Sinne konsequente Durchführung eines solchen Systems rein begrifflicher transzendentaler Logik. (5)

Dieses Ziel, dem KANT und seine dem Programm der transzendentalen Logik treugebliebener Schüler älterer und neuerer Zeit als der logischen Vollendung der kritischen Philosophie zustrebten, ist nun von der  dialektischen Logik  von Anfang an, freilich zugleich unter wesentlicher Veränderung der angewandten Methode des Denkens, ins Auge gefaßt worden. Sie erkannte, daß die Subsumtionslogik mit ihrer schematisierenden Unterordnung des Einzelnen unter ein fest geschlossenes System von Begriffen nur dann den erforderlichen logischen Zusammenhang besitze, wenn die Begriffe selbst als notwendig unter sich zusammenhängend erwiesen würden, wenn sie also mit anderen Worten nicht, wie in KANTs Kategorientafel, eine bloß äußerlich aneinander gereihte Folge von Prinzipien, sondern Produkte einer ihnen immanenten Gedankenbewegung seien, in der jeder Begriff ebenso die anderen wie die Subsumtion des Einzelnen fordere. Damit hatte sich von selbst das auf der Grundlage der formalen Logik entwickelte System die Aufgabe gestellt, die transzendentale Logik, die, entsprechend der formalen logischen Grundlage, die sie beibehielt, eine Inhaltslogik von subsumierendem Charakter gewesen war, zur dialektischen Logik zu entwickeln. Denn die Aufgabe, die Kategorien durch den Nachweis der in ihnen liegenden Motive des Gedankenfortschritts zu einem wahren Begriffssystem zu erheben, läßt sich mit den Denkmitteln der eigentlichen Logik überhaupt nicht lösen, sondern dies ist die spezifische Aufgabe der Dialektik. Freilich kann auch eine dialektische Logik der Prinzipien der Logik in der engeren Bedeutung dieses Wortes beim systematischen Aufbau ihrer Begriffe nicht entraten; daher sie mit Recht den Namen einer "Logik", den ihr HEGEL gegeben hat, in Anspruch nehmen kann, wogegen die eigentliche Dialektik überall erst auf das Verfahren der Begriffsentwicklung im einzelnen gerichtet ist. In dieser dialektischen Gedankenbewegung gibt es insbesondere zwei Punkte, bei denen sich die dialektischen und die spezifisch logischen Motive eines solchen Systems innig berühren: erstens der Ausgangspunkt, bei dem die Grundlagen der dialektischen Gedankenbewegung den Prinzipien des logischen Urteilens und Schließens entsprechen müssen; und zweitens der Endpunkt, bei dem die dialektisch abgeleiteten Begriffe die Subsumtion des Einzelnen fordern, um für die Anwendung fruchtbar zu werden. Besonders deutlich springt dies im ersten systematisch durchgeführten Versuch einer solchen dialektischen Logik, in FICHTEs "Wissenschaftslehre", namentlich in der ersten Darstellung derselben, ins Auge. Den logischen Ausgangspunkt bilden hier die drei logischen Fundamentalgesetze der Identität, des Widerspruchs und des Grundes. Ihrer bemächtigt sich dann die Dialektik in dem Sinne, daß sie erstens diese drei logischen Prinzipien selbst als notwendig zusammengehörig in dieser ihnen durch die thetische, antithetische und synthetische Funktion des Denkens angewiesenen Aufeinanderfolge dartut, und daß sie zweitens aus ihnen weitere Begriffe entwickelt. Als die in der Reihenfolge dieser Begriffe hervortretenden Endpunkte ergeben sich aber diejenigen Prinzipien, die jedesmal als Grundlagen einer bestimmten positiven Wissenschaft dienen, und denen nun die einzelnen Tatsachen und Gesetze dieser Wissenschaft logisch subsumiert werden sollen. Als primären Inhalt der gesamten dialektischen Bewegung setzt endlich FICHTE das denkende Ich voraus, daher dann auch die ganze folgende dialektische Entwicklung nach der überall sich ergebenden Beziehung zum Ich orientiert ist. Dieser subjektiven Grundlage des denkenden Ich hat dann HEGEL die objektive des Seins substituiert, wodurch nun der Schwerpunkt des Systems vom praktischen auf das theoretische Interesse verlegt wird. Während dort das tätige Ich das System der Begriffe hervorbringt, in denen es selbst zuerst erkennend und dann handelnd dem Sein gegenübertritt, ist es hier das Sein selbst, das durch die ihm immanente Gedankenbewegung die Begriffe, die alles Wirkliche beherrschen, in sich trägt. Wieder sind es jene drei, in Position, Negation und in der Vereinigung beider sich betätigenden Prinzipien des logischen Denkens, die die Grundlagen, und sind es die das Einzelne in die im Denken gewonnenen Begriffe einordnenden Urteile und Schlüsse, die die Anwendungen dieser dialektischen Logik bilden. In dem Maße aber als hier die Dialektik die allgemeinen Begriffe in ihre Einzelgestaltungen verfolgt, gestaltet sich die Aufgabe umfassender als die der transzendentalen Logik, die noch heute das Kennzeichen des ausschließlich nach der Naturwissenschaft orientierten Zeitalters ihrer Entstehung an sich trägt, indem sie mit KANT neben der Mathematik nur die mathematische Naturwissenschaft als ihr unmittelbares Anwendungsgebiet betrachtet.

Nun kann man gewiß die geistige Energie, die sich in diesen beiden Versuchen, zwischen den Formen und dem Inhalt des Denkens ein System innerer Beziehungen herzustellen, bekundet, nicht hoch genug schätzen. Doch wenn man, wie es schließlich geschehen muß, den Erfolg zum Maßstab nimmt, so hat zwar jede dieser Richtungen nach vielen Seiten hin der wissenschaftlichen Arbeit fruchtbare Anregungen gegeben. Aber die inneren Beziehungen zwischen den Formen des Denkens und dem in dieser Arbeit niedergelegten Wissensinhalt herzustellen, ist keiner von ihnen geglückt. Das Gold, das sie darboten, mochte eine Zeitlang blenden, schließlich wurde es als Scheingold erkannt. Die verhältnismäßig bescheideneren Versuche der transzendentalen Logik, der exakten Wissenschaft ihre Wege zu zeigen, haben ebensowenig wie die kühneren und weitgreifenderen Aspirationen der dialektischen Logik den Inhalt des Wissens wirklich zu assimilieren vermocht. Wer erkennt heute noch, außer einigen Kantianern unter den Philosophen, die Kantische Kategorientafel als eine für die Ordnung des Wissensinhaltes brauchbare Form an? Oder wem gilt das "Reich der Schatten", durch das HEGEL in seiner Logik den mitdenkenden Leser geleiten wollte, heute noch als das ideale Spiegelbild des Zusammenhangs der Wirklichkeit, das HEGEL selbst unter jenem Ausdruck verstand? Gewiß soll damit nicht gesagt werden, daß die Arbeit KANTs oder HEGELs vergeblich gewesen sei. Aber ihre Bedeutung lag auf einem ganz anderen Boden, als auf dem sie, der überlieferten Logik gegenüber, von ihren Urhebern und deren Schülern gesucht wurde. Sie bestand in der allgemeinen Weltanschauung, die in diesen Systemen ihren Ausdruck fand, nicht in der Gewinnung einer realen Logik, deren Denkformen für jeden gegebenen Inhalt der Erkenntnis bestimmend sein sollten. Daß weder die transzendentale Logik KANTs noch die dialektische HEGELs ein Organon wissenschaftlicher Erkenntnis in diesem Sinne gewesen ist, das hat der Erfolg jedenfalls dadurch gezeigt, daß die Wissenschaft selbst diesen Anspruch schließlich überall zurückwies.

Fragen wir jedoch, worin der Grund dieses relativen Mißerfolgs liege, so kann die Antwort möglicherweise eine doppelte sein. Entweder sind diese Bestrebungen um die Gewinnung einer Form und Inhalt zur Einheit zusammenschließenden Logik überhaupt verfehlt, und das logische Problem muß wieder in jene Schranken zurückgewiesen werden, die die formale Logik einhielt, nur daß man versucht, diese streng auf die Darlegung der Formen des Denkens gerichtete Logik tiefer zu begründen und exakter durchzuführen, als dies in der aristotelisch-scholastischen Logik geschehen ist. Oder man muß am allgemeinen Programm einer wechselseitigen Durchdringung von Form und Inhalt festhalten, ein solches Unternehmen aber auf eine neue Grundlage zu stellen suchen, durch die es zugleich von vornherein mit den positiven Wissenschaften in eine engere Beziehung gebracht wird. Eine solche Grundlage bildet nun diejenige philosophische Disziplin, auf die schon KANTs kritische Philosophie hingewiesen hat: die  Erkenntnistheorie.  So gehen denn die logischen Bestrebungen der Gegenwart, abgesehen von den Nachwirkungen der transzendentalen und der dialektischen Logik, vornehmlich nach zwei Seiten auseinander: die einen sind auf eine  Reform der formalen Logik  im Sinne einer zeitgemäßen Erneuerung und Weiterbildung der in der Scholastik aufgebauten reinen formalen Logik gerichtet; die andern suchen zunächst die Logik mit Hilfe der Erkenntnistheorie zu begründen, woran dann der Versuch zur Ausführung eines Organon im BACON'schen Sinne, einer Methodenlehre wissenschaftlicher Erkenntnis auf der durch die heutige Wissenschaft gebotenen Grundlage, sich anschließt. Die Darlegung der Aufgaben einer solchen erkenntnistheoretischen Logik müssen wir uns hier für den nächsten Abschnitt vorbehalten, da sie mit den innerhalb der Erkenntnistheorie sich begegnenden Strömungen des Psychologismus und Logizismus zusammenhängen. So bleibt dann noch übrig, hier der Versuche zu gedenken, die auf eine "reine Logik" im Sinne einer Reform der formalen Logik ausgehen. Wir können die hier vorherrschenden Richtungen, da sie im wesentlichen wieder auf das Vorbild der scholastischen Logik zurückgehen, kurz als die  neoscholastischen  bezeichnen.


4. Neuscholastische Richtungen der Logik

Die Mißachtung, die seit langer Zeit der scholastischen Philosophie zuteil wurde, hat in den letzten Jahrzehnten vielfach einer objektiveren und gerechteren Beurteilung Platz gemacht, und die Anerkennung, die den Größen der Scholastik gezollt wurde, ist in verschiedenen Versuchen einer Neubelebung scholastischer Lehren zutage getreten. Auch wo der Rückgang auf die Scholastik nicht, wie im offiziellen Thomismus der spezifisch katholischen Philosophie der Gegenwart, in der rückhaltlosen Annahme eines bestimmten Systems bestand, sondern sich nur in der Aufnahme der Ideen der Scholastik unter die einer ernsten Beachtung werten Überlieferung vergangener Epochen der Philosophie betätigte, kam es zu einer Erneuerung von der Scholastik geprägten Begriffe und von Anschauungen, die den Charakter scholastischen Denkens selbst da nicht verleugneten, wo man sich nicht ausdrücklich auf sie berief. Eine bemerkenswerte Mittlerstellung in diesem Prozeß einer scholastischen Renaissance, die in der geistigen Bewegung der Gegenwart ein eigentümliches Gegenstück zur eigentlichen Renaissance bildet, nimmt FRANZ BRENTANO ein, dessen oben schon als eines Hauptvertreters des auf die Scholastik zurückgehenden Zweiges des psychologischen Logizismus gedacht wurde. Nicht als ob solche persönliche Einwirkungen allein imstande gewesen wären, eine philosophische Strömung wie diese zu erzeugen. Sie lag im Geist der Zeit, die einerseits positiv durch den Scholastizismus der zu erneutem Einfluß gelangten Kantischen Philosophie, andererseits negativ durch die mehr und mehr anwachsende Reaktion gegen den logischen und erkenntnistheoretischen Empirismus veranlaßt war. Gerade hier war aber der, wie wenige der Zeitgenossen, in aristotelischer und scholastischer Philosophie geschulte und dabei doch dogmatisch unbefangene Gelehrte der richtige Mann, nicht um eine selbständige Philosophie auszubilden - dazu waren weder in der Art seines Philosophierens, noch in seiner scholastischen Bildung die Vorbedingungen gegeben - wohl aber einem in der Zeit liegenden Streben Richtung und Ausdruck zu geben. Dieses Streben lag freilich abseits von den in den Vordergrund des öffentlichen Interesses tretenden, mit Vorliebe die Grenze des willkürlich Phantastischen überschreitenden Konzeptionen eines SCHOPENHAUER oder NIETZSCHE. Aber es entsprach einem in ernster gesinnten philosophischen Kreisen empfundenen Bedürfnis der Anlehnung. Von KANT und dem Kantianismus fühlte man sich übersättigt, HERBART, der im Land des stärksten Anlehnungsbedürfnisses, in Österreich, lange als der kanonische Philosoph galt, hatte seine Rolle ausgespielt, HERBERT SPENCER war zu naturalistisch, auch manchen zu oberflächlich. Man bedurfte eines Neuen und war doch nicht imstande, selber etwas Neues hervorzubringen. Da bot dieses Neue eine  freie  Neuscholastik, nicht die kirchlich gebundene, sondern eine solche, die aus eigener Wahl die von der Scholastik erarbeiteten Werte wieder aufnahm, sie kombinierte, weiterführt und durch Aufnahme all dessen, was aus neuerer Philosophie sich eignen mochte, modernisierte. In dieser Umschöpfung bot die Scholastik den dreifachen Vorteil eines festen, an beruhigender Kraft dem Dogma nicht allzusehr nachstehenden Rückhalts, einer vortrefflichen Schulung philosophischen Scharfsinns, und einer Denkrichtung, die bei ihrer eminent logischen, praktischen Fragen vorsichtig aus dem Weg gehenden Richtung zu den in Staat und Kirche geltenden Mächten im ganzen ein friedliches Verhältnis bewahrte. Daß dieser neue Scholastizismus trotz all dem von jedem dogmatischen Zwang frei war und daher, im starken Gegensatz zur eigentlichen Neuscholastik, der Eigenart des Einzelnen freie Bewegung gestattete, übte dabei noch eine besondere Anziehungskraft aus.

Gleichwohl haftete dieser Richtung ein Mangel an, welcher sich in einem bedenklichen Synkretismus [Mischlehre - wp] weit voneinander abliegender und zum Teil entgegengesetzter Motive äußerte, der freilich ebenfalls in der Zeit lag, eben darum aber auch allmählich zu seiner Beseitigung herausforderte. Das Auftreten BRENTANOs fiel nämlich mit der Herrschaft des Psychologismus in der Philosophie, insbesondere in der Logik zusammen. BRENTANO selbst gewann daher seine erste Anregung zur Anwendung scholastischer Begriffe und Methoden auf moderne Probleme auf dem Boden der empirischen Psychologie, also gerade auf dem Gebiet, das dem scholastischen Logizismus so heterogen wie möglich ist. Wohl wurde dieser Gegensatz dadurch etwas gemildert, daß ja, wie wir früher sahen, die Psychologie selbst zu dieser Zeit stark logizistisch infiziert war, und daß BRENTANO durch seine aus der alten scholastischen Lehre von der intentionalen Ergänzung geschöpfte Theorie der latent an die Vorstellungen gebundenen Urteile an dieser logizistischen Strömung teilnahm. Immerhin machten bei ihm und den Psychologen, die sich ihm anschlossen, die Tatsachen und die aus der empirischen Psychologie überlieferten Lehren ihre Rechte geltend. In den psychologischen Arbeiten BRENTANOs selbst und der BRENTANOschen Schule betätigte sich daher der logizistische Trieb zwar überaus mächtig in Begriffsanalysen, die sich für psychologische Analysen ausgaben; aber es ließ sich nirgends für solche Zergliederungen psychischer Erlebnisse mehr als eine hypothetische Geltung gewinnen, in der sie mit beliebigen andern Hypothesen in Konkurrenz treten mochten: von jener Evidenz und Allgemeingültigkeit, die das logische Denken überall in Anspruch zu nehmen pflegt, wo es selbständig auftritt, konnte nicht die Rede sein. Um zum Sieg durchzudringen, mußte die Logik selbst zum Schauplatz des neuen, bei der Scholastik in die Schule gegangenen Logizismus gemacht werden. War dann die Psychologie ihrerseits zu einem bloßen Anwendungsgebiet logischer Begriffsanalysen geworden, so konnte die Vorherrschaft dieser fernerhin nicht mehr bestritten werden. Das ist die Position, die nach einigem Abirren in psychologistische Bahnen schließlich EDMUND HUSSERL in seiner "reinen Logik" einnahm. Dabei hatte sein Eintreten für einen ohne alle Kompromisse und in offenem Anschluß an die Scholastik durchgeführten Logizismus nicht seine geringste Stärke darin, daß er seine Vorgänger und Mitstrebenden in gleicher Richtung, einen BRENTANO, STUMPF, MEINONG und deren Schüler, selbst des Psychologismus bezichtigte, während er außerdem alle und jede Anlehnung der Logik an die Psychologie mit triftigen Argumenten zu schlagen suchte. (6)

Eine bessere  captatio benevolentiae  [fishing for Wohlwollen - wp] konnte dieser Autor seinem Versuch einer Neubegründung der "reinen Logik" in der Tat nicht vorausschicken als seine glänzende Kritik des Psychologismus in der neueren Logik. Auch konnte er die Wahl der Repräsentanten des modernen logischen Psychologismus kaum geschickter treffen, als indem er hauptsächlich JOHN STUART MILL, SIGWART und THEODOR LIPPS voranstellt. Hier bot MILL, der radikale Empiriker, der von irgendeiner Art von Denknotwendigkeit oder Allgemeingültigkeit überhaupt nichts wissen wollte, die günstigsten Angriffspunkte. SIGWART konnte als der Vertreter der ziemlich verbreiteten Richtung gelten, die mehr indirekt dem Psychologismus verfiel, weil sie bestrebt war, die Logik zunächst erkenntnistheoretisch zu begründen, dabei aber in der Erkenntnistheorie der psychologischen Untersuchung ziemlich weitgehende Rechte einräumte. Endlich LIPPS konnte als der Repräsentant jenes prinzipiellen Psychologismus vorgeführt werden, der die Logik nicht sowohl um ihrer selbst willen der Psychologie unterordnete, als vielmehr aus dem allgemeineren Grund, weil ihm diese als die allgemeine Wissenschaft des Geistes mit der Philosophie überhaupt im wesentlichen zusammenfiel. Der Erfolg dieser Kritik hat sich wohl am sprechendsten darin geäußert, daß von keiner Seite meines Wissens eine ernsthafte Entgegnung oder Widerlegung erfolgt ist. MILL und SIGWART konnten freilich nicht mehr antworten. Aber auch die Schule BRENTANOs machte kaum Versuche, den Vorwurf des partiellen Psychologismus von sich abzulehnen; und auf LIPPS hat, wie die späteren Auflagen seines "Leitfadens der Psychologie" in leisen Spuren zu verraten scheinen, die Kritik von HUSSERL vielleicht eher eine Wendung zum Logizismus befördert, die freilich latent diesem hervorragenden Psychologen immer eigen war. In der Tat muß man wohl den Einwänden HUSSERLs gegen den Psychologismus in der Logik in allem wesentlichen beistimmen. Nur möchte ich glauben, daß seine kritischen Ausstellungen einerseits nicht immer auf den Zusammenhang Rücksicht nehmen, in den die betreffenden Autoren selbst ihre Psychologismen gebracht haben. So ist es z. B. gewiß eine feine psychologische Beobachtung SIGWARTs, daß man sich im gewöhnlichen Leben apodiktischer [logisch zwingender, demonstrierbarer - wp] Urteile mit Vorliebe da zu bedienen pflegt, wo man seiner Sache keineswegs sicher sei. Auch ist dem Autor einer Logik kaum zuzumuten, daß er eine solche Bemerkung unterdrückt, weil er gerade eine Logik schreibt. Des Fehlers einer ungesunden Vermengung von Psychologie mit Logik würde er sich erst dann schuldig machen, wenn er etwa behaupten wollte, das apodiktische Urteil habe überhaupt die logische Bedeutung einer verminderten Gewißheit. Ebenso wird dem Logiker nicht verwehrt werden dürfen, daß er die Denkvorgänge, da sie nun einmal Bewußtseinsvorgänge sind, in diesem ihrem empirischen Vorkommen und in ihrer Beziehung zu anderen Bewußtseinvorgängen untersucht. Vielmehr wird das immer eine nützliche Vorbereitung zum eigentlichen Thema der Logik sein. Nur muß freilich zugestanden werden, daß er dann besser tut, solche Betrachtungen über die Psychologie des Denkens von der im eigentlichen Sinne logischen Untersuchung zu sondern; und man muß zugeben, daß besonders SIGWART dieser Forderung zuwenig gerecht worden ist. Wenn übrigens HUSSERL im ersten Teil seines Werkes den nicht nur von SIGWART, sondern wohl von den meisten neueren Logikern vertretenen Gedanken, daß aus den von der Psychologie betrachteten tatsächlichen Denkvorgängen die Normen des logischen Denkens nach dem Merkmal der Evidenz auszuscheiden seien, unter die Vorurteile des Psychologismus zählt, so hindert das nicht, daß er im zweiten, positiven Teil seiner Untersuchung diese Unterscheidung selbst wieder einführt. Freilich nimmt er dabei zugleich eine merkwürdige Verschiebung der Begriffe vor, die dieser seiner Vorbereitung der Logik durch die Psychologie eine wesentlich andere Gestalt gibt, indem sie darauf hinausläuf, der Psychologie die Grammatik, demnach der psychologischen Analyse der unmittelbaren Bewußtseinsvorgänge die aufgrund des sprachlichen Ausdrucks der Gedanken auszuführende Begriffsanalyse zu substituieren. (7) Damit gewinnt dann diese Grundlegung einer "reinen Logik" jenen Charakter einer Wort- und Begriffsdialektik, wie sie dereinst in wesentlich übereinstimmendem Sinn vornehmlich von der nominalistischen Scholastik ausgebildet worden ist. Aber die Begründung dieses Standpunkts ist allerdings eine eigenartige, insofern sie durch die Ablehnung der üblichen psychologischen Begründung motiviert wird. Statt der deskriptiven Psychologie setzt die Logik, wie HUSSERL ausführt, vielmehr eine "Phänomenologie des Denkens" voraus. In dieser sollen aber die Denkphänomene nicht so, wie sie unmittelbar im Bewußtsein gegeben sind, sondern in ihren sprachlichen Formen, und diese wieder nicht in dem Sinne, in dem sie etwa die Sprachpsychologie als objektive Äußerungen des Gedankenverlaufs verwertet, sondern in der Umgestaltung, die ihnen die logische Unterscheidung der Wort- und Denkformen der Grammatiker gegeben hat, analysiert werden. Da nun diese Analyse im selben Sinne wie die grammatische, an die sie anknüpft, eine logische, durchaus keine psychologische ist, so heißt das mit anderen Worten: an die Stelle einer Beschreibung der Denkprozesse, wie sie die Psychologie zu geben sucht, tritt eine Betrachtung, welche die Produkte der grammatischen Analyse, die ja im wesentlichen eine logische ist, als Objekte einer begrifflichen Analyse zweiter Stufe behandelt, die den gewöhnlichen grammatischen Sinn der Wörter noch einmal in die in ihm latent liegenden Bedeutungen zerlegt. Diese "Phänomenologie", die der Psychologie substituiert wird, ist demnach überhaupt keine Psychologie, weder im gewöhnlichen noch in irgendeinem sonst gebrauchten oder brauchbaren Sinne, sondern sie ist eine die grammatische, insbesondere die Wortanalyse weiterführende Begriffsanalyse. "Phänomenologie" heißt demnach diese Vorbereitung zur "reinen Logik" jedenfalls nicht, weil sie es direkt mit Phänomenen oder Erscheinungen zu tun hat; und indem an die Stelle der Psychologie diese Phänomenologie tritt, bedeutet das nicht, wie der Ausdruck vermuten lassen könnte, daß hier der gewöhnlichen, allzusehr mit Erklärungsversuchen und mit hypothetischen Elementen vermischten Psychologie eine streng auf die Tatsachen beschränkte substituiert werde. Vielmehr soll grundsätzlich an die Stelle der Analyse der unmittelbar im Bewußtsein gegebenen Denkvorgänge die Analyse der Wortbedeutungen treten, insofern diese als "Zeichen" oder "Anzeichen" der Gedanken anzusehen sind, wobei HUSSERL überdies in der Ähnlichkeit der Wörter  Zeichen = Merkmal  (signum) und  zeigen = hinweisen  (monstrare) zugleich den Hinweis auf eine doppelte Bedeutung der sprachlichen Ausdrücke zu sehen scheint. (8)

Der Begriffe, die HUSSERL bei dieser "phänomenologischen" Untersuchung, ebenso wie in der auf ihr weiterbauenden Grundlegung der Logik, verwendet, ist bereits im vorigen Abschnitt bei Gelegenheit ihrer Anwendungen auf die Psychologie gedacht worden. Es sind die Begriffe des "Aktes" und seiner "intentionalen Ergänzung", die vor allem hier, im Gebiet der, wie man sie nach dem sonstigen Sprachgebrauch vielleicht nennen würde, grammatisch-semiotischen Vorbereitungen der Logik ihre eigentliche Heimat haben. Von ihnen bedarf zunächst der "intentionale Akt" einer weiteren Analyse, die ihn in seine möglichen, sei es nebeneinander, sei es unabhängig voneinander bestehenden, Faktoren zerlegt. Da zerfällt dann die Intention in die "bedeutungsverleihende" und in die "bedeutungserfüllende" (II, Seite 38f). Zu ihrer Erkennung bedarf es der Scheidung der flüchtigen Aussage vom "konstanten idealen Inhalt", der als solcher zunächst nur ein möglicher, eben darum aber, wie vornehmlich die mathematischen Gedankengebilde dartun, hypothetischer, nur eventuell, sofern bestimmte weitere Bedingungen hinzutreten, ein wirklicher ist. Von der Bedeutung unterscheidet sich dann der Gegenstand, auf den sie sich richtet. Dieser kann wieder teils im subjektiven (psychologischen) teils im objektiven oder logischen Sinn verstanden werden, eine Unterscheidung, bei der überdies die Ausdrücke "Sinn" und "Bedeutung" ihrer "Bedeutung" nach auseinanderzuhalten sind, wenn schädliche Äquivokationen vermieden werden sollen (Seite 52f) usw. Ich unterlasse es, auf diese Begriffsdistinktionen hier weiter einzugehen. Sie haben ja in den scholastischen Unterscheidungen, wie der Quidditas [Washeit - wp] und Haecceitas [Diesheit - wp], ihre deutlich erkennbaren Vorbilder, mit denen sie, wenn nicht ihrem Inhalt, so doch der Methode ihrer Gewinnung nach wesentlich übereinstimmen. Diese Methode ist nicht eine logische im eigentlichen, oben näher begrenzten Sinne, sondern eine dialektische. Doch ist sie nicht eine dialektische im platonischen Sinne; sie geht nicht, wie diese, direkt auf die Begriffe, sondern auf die  Worte.  Sie analysiert das Wort oder den Satz als sprachlichen Ausdruck des Gedankens in Bezug auf seinen möglichen Gedankeninhalt, wobei übrigens auch diese Wortdialektik in der durchgängig nach dem Prinzip des Gegensatzes erfolgenden dualen Gliederung der Begriffe der Hauptmethode der platonischen Dialektik treubleibt. Neben den obigen Beispielen gehört hierher die charakteristische Unterscheidung der Satzformen in solche, die das Gegenständliche, das sie nennen, zugleich kundgeben, und in solche, bei denen der genannte und der kundgegebene Inhalt auseinandertreten (Seite 78). Unter jenen versteht HUSSERL die Frage-, Wunsch- und Befehlssätze, unter diesen die Aussagesätze, - eine Klassifikation, die, abgesehen davon, daß sie offenbar nur auf einige zufällig aufgegriffene Fälle gegründet und daher tatsächlich unrichtig ist, sich dadurch auszeichnet, daß sie einerseits die der Bedeutung nach sehr verschiedenen Formen auf einen dualen Gegensatz reduziert, und daß andererseits der Einteilungsgrund, den sie wählt, höchstens eine grammatische, inhaltlich aber gar keine Bedeutung besitzt. Man könnte sie einem sprachwissenschaftlich geschulten Grammatiker als Rätsel aufgeben. Ich glaube kaum, daß er das Rätsel lösen würde.

Nun bleibt es allerdings der Logik wie der Wissenschaft überhaupt unbenommen, die Begriffe, deren sie bedarf, und die Bedeutung der Ausdrücke für diese Begriffe nach eigenem Ermessen zu fixieren. Aber wenn sie sich dabei auch nicht an praktische Bedürfnisse zu kehren braucht, so muß doch irgendein theoretischer Zweck solche Begriffsbildungen und Begriffsunterscheidungen rechtfertigen, falls sie überhaupt einen wissenschaftlichen Wert haben sollen. Von einer Klassifikation der Sätze, die den Unterschied der Frage und der Ausrufung unberücksichtigt läßt, oder die inhaltlich bedeutungslose Merkmale zur Einteilungsgründen macht, wird man beispielsweise nicht behaupten können, daß sie von theoretischem Wert sei. Dasselbe Bedenken richtet sich nun aber auch gegen die dialektischen Gliederungen des "intentionalen Aktes" in seine Bestandteile, wenn man diese unter dem Gesichtspunkt einer "Phänomenologie des Denkens" oder nach der diesem Begriff hier beigelegten Bedeutung einer "Semantik" der sprachlichen Ausdrucksformen betrachtet. Die Aufgabe dieser oder der früher unpassenderweise sogenannten "Synonymik" pflegt man bekanntlich gerade darin zu sehen, daß sie jene "Äquivokationen" der Begriffe aufzeigt, auf deren Beseitigung HUSSERL mit Recht einen großen Wert legt. Alle diese Äquivokationen stehen aber tatsächlich unter der Bedingung, daß die sprachlichen Ausdrucksformen ebenso wie die ihnen entsprechenden Begriffe fließende Erscheinungen sind, die in ihrer Entstehung und Veränderung verfolgt werden müssen, wenn sie überhaupt verstanden werden sollen. Eine Phänomenologie des Denkens, die im Bedeutungswechsel der Worte von vornherein eine "logische Abnormität" sieht, substituiert daher in Wahrheit dem phänomenologischen den logischen oder vielmehr, da es sich hier zunächst um eine Vorbereitung zur Logik handelt, den dialektischen Standpunkt (II, Seite 309); und die Idee einer "reinen Grammatik" in diesem Sinne liegt nicht nur jenseits jeder wirklichen Grammatik, sondern sie ist überhaupt keine Grammatik, sondern eine dialektische Wortanalyse, die von willkürlich fixierten Wortbedeutungen ausgeht, um diese in Begriffsmomente zu zerlegen, die nicht im Gedankeninhalt selbst liegen, sondern erst vom reflektierenden Denken in diesen hineingetragen werden, indem man sich dabei überall des gleichen dialektischen Schemas der Beziehung des Denkenden zu seinem Gegenstand bedient. Das sind Voraussetzungen, die vom Standpunkt des alten Nominalismus aus verständlich und darum relativ gerechtfertigt waren. Er besaß in seinem Latein eine Universalsprache, deren Worte ohne Bedenken Allgemeingültigkeit und bei der Stabilität des wissenschaftlichen Betriebes auch eine zureichende Konstanz der Bedeutungen für sich in Anspruch nehmen konnten. Erhöhte sich dadurch naturgemäß die Geltung des Wortes als unmittelbaren Ausdrucks der Gedanken, so leitete das ganz von selbst von der Gedankenanalyse zur Wortanalyse hinüber, die, da eine psychologische oder historische Semantik in unserem Sinne unmöglich war, kaum eine andere als eine dialektische sein konnte, die in rein reflexionsmäßigen Zerlegungen der Wortbedeutungen und ihrer Beziehungen bestand. Heute ist die Situation immerhin eine wesentlich andere geworden. Gewiß kann die Logik auch heute noch der Fixierung der Begriffe nicht entraten. Aber es geht nicht mehr an, daß wir dieses logische Postulat auf das was der Logik vorausgeht, auf eine "Phänomenologie des Denkens", mögen wir nun dieses Wort im gewöhnlichen psychologischen oder im semantischen Sinn nehmen, übertragen. Das zeigt sich deutlich, sobald wir in irgendeines der Anwendungsgebiete einer solchen Bedeutungslehre herabsteigen. Hier ist gerade das, was für die Scholastik eine gelegentlich zu duldende, im ganzen aber zu vernachlässigende Ausnahme war, zur Hauptsache geworden. Die Bedeutungslehre kann heute nicht mehr die Konstanz der Bedeutungen zur Voraussetzung nehmen, sondern ihre wesentliche Aufgabe besteht umgekehrt im Nachweis des Wandels der Bedeutungen. Die Gesetze dieses Wandels bilden aber insofern zugleich eine wichtige Grundlage der Logik, als sie auf die Bildung der Begriffe und auf die wechselseitigen Beziehungen der Begriffskategorien Licht werfen. Wenn eine der Logik vorausgehenden "Phänomenologie des Denkens" in diesem Sinne der Logik Dienste leisten soll, so muß sie daher vor allem darüber Rechenschaft geben, wie die Begriffsunterschiede, die die Logik als gegebene, durch den allgemeinen wissenschaftlichen Gebrauch ihr entgegenbrachte vorfindet, z. B. die des Abstrakten und Konkreten, des Generellen und des Individuellen, der Wahrheit und der Wahrscheinlichkeit, der Evidenz, tatsächlich entstanden sind. Eine Phänomenologie der Ausdrucksformen, die diese Fundamentalfragen beiseite schiebt, um jeden dieser Begriffe als einen in konstanter Bedeutung gegebenen zu betrachten, gerät daher in Gefahr, bei leeren Namenerklärungen stehen zu bleiben oder die Begriffe samt ihren Unterschieden als fertig gegebene, nicht weiter zu erklärende hinzunehmen.

Betrachtet man die von HUSSERL im zweiten Band seines Werkes mitgeteilten Begriffsanalysen näher, so erhellt sich ohne weiteres die Richtigkeit dieser Bemerkung. Aber noch eine andere, schon früher berührte Eigentümlichkeit fällt in die Augen. Wenn ich die von diesem Autor seiner Untersuchung vorausgesandte Polemik gegen den Psychologismus eine treffliche  captatio benevolentiae  genannt habe, so gilt das nicht minder für diese Kritik der geläufigen logischen Grundbegriffe, wenngleich hier Kritik und eigene Auffassung meist enger miteinander verwebt und daher die eigenen Begriffsbestimmungen des Verfassers, soweit solche überhaupt existieren, in ihrer Zerstreuung über verschiedene Stellen schwer zu finden sind. Ja, ich muß freimütig bekennen, daß es mir trotz aufmerksamer Lektüre nicht möglich gewesen ist, klare positive Definitionen der hier behandelten logischen Fundamentalbegriffe, wie Wahrheit, Wahrscheinlichkeit, Evidenz, Abstraktion usw., zu entdecken. Ich habe zwar viele scharfsinnige Ausführungen darüber gefunden, was alle diese Dinge nicht sind, - aber an keiner einzigen Stelle einen zureichenden Aufschluß darüber, was sie wirklich sind, oder wofür der Autor sie hält. HUSSERL ist ein ausgezeichneter Kritiker. Im Zerstören sucht er seinesgleichen. Doch seine eigenen Aufstellungen, soweit sie sich aus seinen Begriffsanalysen herausschälen lassen, sind überaus dürftig, und, wo man ihrer habhaft wird, da laufen sie schließlich auf ein "idem per idem" hinaus, auf eine Nominaldefinition, die nicht einmal das ist, was eine ordentliche Nominaldefinition zu sein pflegt: Paraphrase eines Ausdrucks durch andere, bekanntere Ausdrücke. Vielmehr muß man sich meist mit der Versicherung begnügen, der betreffende Begriff existiere wirklich; es sei aber nichts weiter über ihn zu sagen, als daß er existiert. Einen ausgezeichneten Beleg hierfür liefert der von HUSSERL sehr ausführlich behandelte Begriff der Abstraktion. Er weist hier in einer Reihe von Auseinandersetzungen die Mängel der verschiedenen Abstraktionstheorien von LOCKE, BERKELEY, HUME usw. nach. Niemand wir die meist zutreffende Kritik dieser Theorien, die ebenso die partielle Richtigkeit mancher dieser Auffassungen wie die Ursachen ihres Scheiterns im ganzen beleuchtet, ohne mannigfache Belehrung lesen. Wesentlich Neues ist allerdings in diesen kritischen Ausführungen kaum enthalten, mindestens das meiste von dem, was hier gesagt wird, ist auch schon von anderen bemerkt worden. Immerhin so wohl geordnet und so eindringlich sind die Argumente gegen diese mehr oder minder psychologistisch gerichteten Abstraktionstheorien wohl noch niemals vorgeführt worden. Eher könnte man aussetzen, daß sonstige, nicht psychologisch gerichtete, sondern namentlich den Methoden der Mathematik und Naturwissenschaft nachgehende erkenntnistheoretische Untersuchungen vom Verfasser nicht berücksichtigt sind. Doch einem Werk, das nun einmal hauptsächlich den Psychologismus als Objekt des Angriffs aufs Korn genommen hat, darf man es wohl nicht verargen, wenn es bei der Auswahl der Lehren, die es kritisiert, diesem Zweck eine gewisse Rechnung trägt. Auch würde eine Berücksichtigung irgendwelcher weiterer logisch oder erkenntnistheoretisch gerichteter Abstraktionstheorien ohnehin an der Situation nichts geändert haben. Denn die Abstraktion ist dem Verfasser überhaupt kein logischer oder erkenntnistheoretischer Akt, sondern eine spezifische Art der "Bedeutungserfüllung". Das Abstraktum selbst ist "das eigenartige Bewußtsein, das die spezifische Einheit auf dem intuitiven Grund erfaßt" (II, Seite 156). Ebenso sind die Unterschiede von "abstrakt" und "konkret" "Bewußtseinsweisen" von spezifischem Erfüllungscharakter, die sich ebensowenig wie der Begriff der "Bedeutung" selbst oder wie Farbe oder Ton näher definieren lassen (Seite 181f). So wird die Abstraktion und wird jede Unterart der Abstraktion zu einem spezifischen "Erlebnis". Wollte man sich an den unmittelbaren Wortlaut dieser Erklärungen halten, so könnte man sie wohl für einen Rückfall in einen Psychologismus ansehen. Aber so ist die Sache nicht gemeint. Was gelegentlich psychologisch als Bewußtseinserlebnis definiert wird, das ist seiner wahren Bedeutung nach eine "Bedeutungsintention". Diese selbst aber ist ein "schlechthin irreduzibles Bewußtseinsmoment, dessen Eigenart man nur anerkennen, aber durch keinerlei psychologisch-genetischen Betrachtungen hinwegdeuten kann" (Seite 147. Gewiß, psychologisch im geläufigen Sinne sind solche Definitionen nicht, und ebensowenig erkenntnistheoretisch. Aber eine Art von nativistischem Psychologismus steckt doch in ihnen. Denn tatsächlich ist eben mit dieser Berufung auf ein unmittelbares Erlebnis ein Verzicht nicht nur auf jede psychologische Interpretaion - was im Zusammenhang mit der Logik vollkommen zu billigen ist - sondern auch auf jede  logische  ausgesprochen, welche letztere man immerhin erwarten dürfte. Wie sich die Eigenart der mathematischen zu der der physikalischen, wie die isolierende zur generalisierenden Abstraktion verhält, und vollends wie sich beide in ihren verschiedenen Anwendungsgebieten verhalten, wie die Begriffe Individuum, Spezies, Gattung usw. logisch fundiert sind, alle diese Fragen werden durch die Bemerkung zum Schweigen gebracht, jede dieser Arten der Abstraktion sei ein spezifisches Erlebnis, das man aufzeigen, aber nicht definieren könne. Und wer damit nicht zufrieden sein sollte, der wird darauf verwiesen, daß jedes derartige Erlebnis ein "Akt" ist, der Akt aber in eine Bedeutungs- und Erfüllungsintention zerfällt. Zwischen diesen steht dann einigermaßen die Wahl frei, da beide Akte eine "phänomenologische Einheit" bilden, demnach als wirkliche Erlebnisse überhaupt nicht zu unterscheiden sind, sondern erst durch die Zerlegung des Aktinhaltes in jenen ersten, den rein begrifflichen, und diesen zweiten, den Begriff in der Anschauung verwirklichenden Faktor entstehen (II, Seite 37f). Damit ist der Psychologismus in der Berufung auf ein spezifisches Erlebnis formell beseitigt, indem das psychologische Erlebnis in logischer Beleuchtung zum "Akt" wird, der Akt aber allezeit dialektisch in die Momente des "sinngebenden" und des "sinnerfüllenden" Aktes zerlegt werden kann. Subsumiert man daher jenes Erlebnis diesen beiden Momenten, so ist der psychologische Gehalt desselben verschwunden und der logische in seiner vollen Reinheit gewonnen. Der logisch-erkenntnistheoretischen Analyse des Begriffs der Abstraktion ist die dialektische Zerlegung substituiert. Da nun diese Operation bei jedem beliebigen Begriff in der nämlihcne Weise wiederkehrt, so kann sie selbstverständlich zu einem Nachweis des besonderen Inhalts des gerade untersuchten Begriffs niemals führen, sondern das spezifische Erlebnis bleibt ebenso undefinierbar, wie es zuvor gewesen ist. So ist es die von der aristotelisch-scholastischen Philosophie ausgebildete Methode der dialektischen Analyse und der ihr folgenden logischen Subsumtion, die hier wiederkehrt. Nur war selbst in der Scholastik das Prinzip der platonischen Dialektik, bei der dialektischen Zergliederung eines Begriffs dessen spezifische Eigenschaften zugrunde zu legen, noch einigermaßen erhalten geblieben, wenn sie auch bereits im scholastischen Nominalismus durch die Substitution der Wortanalyse für die Begriffsanalyse zugunsten einer schematisierenden Anwendung stehender Kategorien zurückgedrängt worden war. Eben diesen Schematismus hat nun dieser moderne Nominalismus bis zu seinem Extrem ausgebildet, indem der das nämliche Schema der Aktzerlegung auf alle denkbaren Begriffe anwendet. So ist es dann eigentlich selbstverständlich, daß schließlich jede Definition auf die Erklärung hinausläuft, der betreffende Begriff sei ein spezifisches Erlebnis, das als solches überhaupt nicht zu definieren sei.

Dieses Ergebnis stellt sich nun endlich auch bei demjenigen Begriff heraus, der in HUSSERLs logischen Untersuchungen die größte Rolle spielt: beim Begriff der  Evidenz.  Die Berufung auf die Evidenz irgendwelcher Begriffe, die im übrigen für undefinierbare spezifische Erlebnisse erklärt werden, kehrt überall wieder. Die Evidenz ist der Maßstab der Exaktheit nicht nur einzelner Sätze, sondern ganzer Wissenschaftsgebiete. Die Geisteswissenschaften werden, da ihre Tatsachen wie ihre etwaigen Gesetze der Evidenz ermangeln und höchstens eine gewisse Wahrscheinlichkeit zulassen sollen, von der reinen Logik ausgeschlossen. Die Evidenz selbst aber ist wiederum lediglich ein spezifisches Erlebnis. Zur Exemplifikation wird gelegentlich auf den Modus  Barbara  hingewiesen (I, Seite 62). Wie sich jedoch die verschiedenen Arten der Evidenz, die unmittelbare und die mittelbare, die anschauliche und die begriffliche, die unbedingte, apodiktische und die einer bloßen Wahrscheinlichkeit, zueinander verhalten, davon ist ebensowenig die Rede, wie von irgendeiner Erklärung über den Begriff der Evidenz überhaupt: wir müssen sie hinnehmen, wo wir sie finden. Erteilte der Urteilende, der einen evidenten Satz ausspricht, diesem nicht die spezifische "Auszeichnung", die wir eben Evidenz nennen, so würde es überhaupt keine Evidenz geben (I, Seite 111). Ich kann nicht finden, daß diese "Auszeichnung" besser ist als das "Evidenzgefühl", dessen sich SIGWART und andere psychologistisch gerichtete Logiker bedienen, oder daß sie weniger psychologistisch ist. Vom Begriff der Evidenz darf man aber wohl sagen, daß seine Feststellung diejenige Aufgabe der Logik ist, durch die diese erst ihre eigene Existenzberechtigung nachzuweisen hat, und daß der Aufgabe einer solchen Feststellung weder durch eine psychologische Beschreibung der dabei erlebten Zustände noch durch die bloße Anerkennung, daß irgendetwas evident oder nicht evident sei, genügt wird. Jene Aufgabe kann freilich nicht auf dem Gebiet der Logik selbst liegen, da eben Logik erst aufgrund ihrer Lösung möglich ist. Wohl aber ist sie eines der vornehmsten Probleme der  Erkenntnistheorie.  Am Problem der erkenntnistheoretischen Fundierung der Logik vorbeigegangen zu sein, das bildet daher den entscheidenden Mangel dieser "logischen Untersuchungen". Ohne erkenntnistheoretische Grundlegung strandet die Logik, wenn sie sich nicht mit notdürftigen Entlehnungen aus der Psychologie zufrieden geben will, unvermeidlich an der Klippe der formalen Logik: die logischen Formen mit allen ihren Voraussetzungen als ein Gegebenes hinzunehmen. Am allerwenigstens kann aber hier eine solche fehlende Begründung durch die scholastische Wortanalyse und durch die Subsumtion unter ein uniformes und darum bedeutungsloses dialektisches Schema ersetzt werden.

So ist dann HUSSERLs Unternehmen einer "reinen Logik" zweifellos als gescheitert zu betrachten. Das läßt sich, auch wenn man seiner Arbeit zugute hält, daß sie eine bloße Voruntersuchung sein soll, aussprechen. Denn die Grundlegung der Logik, die hier versucht wird, ist im Prinzip verfehlt, so daß sich auf ihr überhaupt kein Gebäude errichten läßt. Gleichwohl ist diese Untersuchung darum keine nutzlose gewesen. Durch ihre Vorzüge wie durch ihre Mängel, durch die eindringliche Kritik der psychologistischen Logik wie durch seinen eigenen Rückfall in einen extrem nativistischen Psychologismus hat HUSSERL das Verdienst, auf den Hauptfehler hingewiesen zu haben, an dem sowohl die psychologische wie die formale Logik leidet, und mit diesen sein eigener Versuch, der beides, formalistisch und psychologistisch zugleich ist: auf den Mangel einer erkenntnistheoretischen Begründung der Logik.

Historisch betrachtet bleibt aber dieser Versuch einer von dogmatischer Gebundenheit freien Renaissance der Scholastik eine interessante, für die geistigen Strömungen unserer Zeit bezeichnende Erscheinung. Wirkt in ihm, wie bemerkt, zunäscht der scholastische Nominalismus mit seiner scharfsinnig zugespitzten Wortdialektik nach, so fehlt es in diesem Rückgang auf die Scholastik doch auch nicht an einem Motiv, das ihn mit dem scholastischen Ontologismus verbindet. Hatte dieser die ganze Kraft seiner Dialektik darauf gerichtet, aus dem  Denkmöglichen  eine transzendente Wirklichkeit zu gewinnen, die den Glauben in ein Wissen verwandeln sollte, so verzichtet freilich der weltlich gerichtete neue Scholastizismus auf solche Forderungen. Dafür erweitern sich diese bei ihm zu dem Streben, die reinen Wissenschaft überhaupt auf das unbegrenzte Gebiet des Denkmöglichen auszudehnen, und als die spezifische Wissenschaft dieses Denkmöglichen gilt ihm die "reine Logik". Hier berührt sich daher dieser Versuch auf das engste mit der Entwicklung der neueren Mathematik. Diese hat längst aufgehört, jene "Wissenschaft der reinen Anschhauung" zu sein, als die KANT sie bezeichnete. Sie ist in der Tat zu einer Wissenschaft des "Denkmöglichen" geworden, die allerdings von der reinen Anschauung ausgeht, dann aber nach dem von HERMANN HANKEL zuerst glücklich formulierten "Permanenzprinzip" in beliebigem Fortschritt der einmal eingeführten Operationen zu überwirklichen Begriffen oder, wie man hinzusetzen kann, nicht minder durch willkürliche Abstraktion, sofern diese nur denkmöglich ist, zu unterwirklichen fortschreitet. Man denke nur an die transfinite Zahlenmannigfaltigkeit GEORG CANTORs auf der einen und an DAVID HILBERTs Zerlegung der geometrischen Axiome in mehrere selbständige Axiomgruppen auf der anderen Seite. (9) So fruchtbar dieses Prinzip der Permanenz oder des formalen Progressus und Regressus, wie man es wohl auch nennen könnte, für die Mathematik infolge der Mannigfaltigkeit der Größenoperationen und der Begriffselemente, über die sie verfügt, geworden ist, so verschwindend dürftig ist aber der Ertrag, wenn es auf die reine Logik angewandt wird. Hier bleibt als das  ultimum refugium  [letzte Zuflucht - wp], sobald man sich vom gewählten formalen Schema entfernt, wie ein solches z. B. im "sinngebenden und sinnerfüllenden Akt" vorliegt, um auf den spezifischen Inhalt eines Begriffs zurückzugehen, nichts übrig als der Satz der Identität, das  A = A in seiner primitivsten Form der Wortwiederholung. Evidenz ist Evidenz, Abstraktion ist Abstraktion usw. Wer damit nicht zufrieden ist, wird auf sein eigenes Erlebnis zurückverwiesen. An dieser Klippe der falschen Übertragung der mathematischen Denkmöglichkeit auf die Logik ist schon der scharfsinnige Verfasser der "Paradoxien des Unendlichen", BOLZANO, in dessen Spuren HUSSERL, wie er dankbar selbst anerkennt, wandelt, in seiner "Wissenschaftslehre" gescheitert. (10) BOLZANOs Unternehmen endete nach vielen, für die Logik fruchtlosen Umschweifen mit dem verblüffenden Versuch einer Anleitung, wie man es anfangen müsse, um Lehrbücher zu schreiben. HUSSERLs mehr theoretisch als praktisch gerichtete Grundlegung einer neuen Logik endet bei jeder seine Begriffsanalysen, soweit diese einen positiven Inhalt besitzen, mit der Versicherung, daß wirklich  A = A,  und daß es nichts anderes sei. Die Nichtigkeit dieses Ergebnises ist nicht weniger wie der Beifall, den es in weiten Kreisen der gelehrten Welt gefunden hat, bezeichnend für die philosophischen Strömungen unserer Zeit. An einem philosophischen Werk schätzt man vor allem den Scharfsinn, der sich darin betätigt. Ob dieser Scharfsinn zu irgendeinem Resultat führt, ist gleichgültig. Im Gegenteil, der Scharfsinn als "Ding ansich", ohne Rücksicht darauf, ob er ein Ergebnis oder ob er überhaupt ein Ziel hat, wird eben da, wo er lediglich um seiner selbst willen geübt wird, umso geschätzter.


V. Psychologismus und Logizismus in der Erkenntnistheorie

1. Das Problem der Außenwelt

Wer die in der neueren Erkenntnistheorie verbreiteten psychologistischen und logizistischen Strömungen ähnlich voneinander scheiden wollte wie etwa den Psychologismus in der Logik und den Logizismus in der Psychologie, der würde bald bemerken, daß ein solches Unternehmen undurchführbar ist. Nicht daß diese Richtungen hier fehlten. Aber sie sind so innig verflochten, daß zwar allenfalls die in einer bestimmten Theorie enthaltenen logischen und psychologischen Elemente nachgewiesen werden können, daß aber kaum eine Theorie ausschließlich auf die eine oder die andere Seite zu stellen ist. Im ganzen kann man nur sagen, daß der Psychologismus in der heutigen Erkenntnistheorie die Vorherrschaft führt, daß jedoch daneben logizistische Elemente umso leichter Aufnahme finden, da die Psychologie in vielen ihrer Vertreter noch stark logizistisch infiziert zu sein pflegt. Auch wird von manchen Seiten geradezu die Notwendigkeit eines Zusammenwirkens der Psychologie und der Logik betont, oder es werden endlich die Aufgaben der Logik und Erkenntnistheorie als wesentlich zusammenfallend betrachtet. (11) Sieht man von solchen "transzendental" oder metaphysisch gerichteten Arbeiten ab, so gewinnt man aber von der erkennnistheoretischen Literatur der Gegenwart und nächsten Vergangenheit durchaus den Eindruck, daß es hier die Erkenntnistheorie zu einer selbständigen Wissenschaft nicht gebracht hat, sondern daß, was sich so nennt, aus psychologisch-logischen Reflexionen besteht, die im ganzen ebensogut ein Kapitel der Psychologie im Sinne des gewöhnlichen psychologischen Intellektualismus bilden könnten.

Einen sprechenden Beleg hierfür bieten die Verhandlungen über diejenige Frage, die gegenwärtig geradezu im Vordergrund des erkenntnistheoretischen Interesses steht: über das sogenannte "Problem der Außenwelt". Das ist nicht immer so gewesen. Allerdings im Zeitalter LOCKEs, BERKELEYs, HUMEs wurde sie bereits vielfach diskutiert. Durch KANT war sie aber in den Hintergrund gedrängt worden. Seine Transzendentalphilosophie betrachtete die Welt außer uns als den gegebenen Stoff der Empfindungen, der durch die in uns liegenden Formen der Anschauung als räumliche Ordnung außer uns und gleichzeitig als zeitliche in uns bestimmt wird. Erst die neuere Erkenntnistheorie ist hier wieder zur alten Fragestellung LOCKEs zurückgekehrt, die ja in der Tat einem eben erst zur Selbstbesinnung erwachenden reflektierenden Empirismus naheliegt: wie kommt es, daß meine Empfindungen und Vorstellungen, die als solche zunächst Inhalte  meines  Bewußtseins sein, als außer mir liegende Gegenstände erscheinen?

In der Beantwortung dieser Frage teilt sich im allgemeinen die Schar der heutigen Erkenntnistheoretiker in  zwei  Gruppen. Die einen nehmen mit SCHOPENHAUER, dem unter den Physiologen vornehmlich HELMHOLTZ, aber auch manche Psychologen, sich anschlossen, zum Kausalprinzip ihre Zuflucht, mögen sie nun dieses als eine  a priori  in uns liegende oder als eine selbst erst empirisch bestimmte Funktion betrachten. (12) Die andere Gruppe verlegt den Ursprung der Vorstellung einer Außenwelt in eine selbständige Tätigkeit des Bewußtsein, wobei diese entweder als eine spezifische, in dieser Funktion ausschließlich sich äußernde aufgefaßt wird, wie z. B. von VOLKELT in seiner Lehre von der "transsubjektiven Tätigkeit des Bewußtseins", oder aber eine besondere Seite der Willensfunktion sein soll, die sich ausbildet, sobald der Wille irgendwelche Hemmungen erfährt. (13)

Daß nach einer dieser beiden Richtungen die Antworten auf die gestellte Frage gehen müssen, ist einleuchtend: entweder ist unsere Vorstellung einer Außenwelt in erster Linie durch diese, d. h. durch ihre Einwirkung auf uns bestimmt, oder ihre Quelle liegt in uns, in einer spezifischen Eigenschaft unseres Bewußtseins. Die erste Anschauung ist im allgemeinen den realistischen, die zweite den idealistischen Richtungen der Vergangenheit verwandt - jene hat ihr Vorbild in der Lehre LOCKEs vom Zwang der Wahrnehmung, diese in FICHTEs tätigem Ich, das sich seine Schranken selbst schafft. Doch liegt in der Verwendung des Kausalprinzips als einer subjektiven Funktion von seiten der Theorien erster Art zugleich eine gewisse Vermittlung zwischen beiden Standpunkten.

Daraus, daß diese Standpunkte möglich sind, folgt nun aber noch keineswegs, daß sie zulässig sind. Vielmehr kommt es zunächst daraun an, ob die Frage, die sie beantworten wollen, richtig gestellt ist. Diese Frage nämlich setzt voraus, die Überzeugung von der Existenz einer Außenwelt beruth auf einem Erkenntnisprozeß, aufgrund dessen erst unsere subjektiven Empfindungen auf Objekte außer uns bezogen oder als solche gedeutet werden. Wäre dies zutreffend, so würde die Analyse dieses Erkenntnisprozesses in der Tat eine wichtige Aufgabe der Erkenntnistheorie sein. Nun steht aber jene Annahme eines ursprünglichen subjektiven Stoffs der Empfindungen, der nachträglich durch irgendeinen spezifischen Akt der Projektion nach außen verlegt worden sei, völlig in der Luft. Niemand hat solche rein subjektiven Sinnesempfindungen, niemand ihre Projektionen beobachtet. Der vorausgesetzte Erkenntnisprozeß existiert also überhaupt nicht, weil das, was er hervorbringen soll, die Existenz einer ausgedehnten, in verschiedene Objekte sich gliedernden Welt, zu deren Inhalten auch unser eigener Körper mit den an ihn gebundenen Bewußtseinsinhalten gehört, von Anfang an da ist, so daß der Erkenntnisprozeß, der jene Objekte in ihrem Verhältnis zum erkennenden Subjekt ordnen soll, zu spät kommt, weil er die ihm zugemutete Arbeit schon getan findet. Da bleibt dann nichts übrig, als ihn diese vergebliche Arbeit dennoch tun zu lassen, indem man sich ausdenkt, wie ein Intellekt es anfangen müßte, wenn ihm die Aufgabe gestellt wäre, die ihm gegebene Außenwelt aus irgendwelchen subjektiven Elementen zu konstruieren.

Nun gibt es allerdings eine Wissenschaft, die darüber Rechenschaft zu geben hat, wie durch unsere Sinnes- und Bewußtseinsfunktionen jene Anschauung einer Außenwelt, in deren Mitte wir unserem eigenen Ich seine Stelle anweisen, zustande kommt. Aber diese Wissenschaft ist nicht die Erkenntnistheorie, sondern die Psychologie. Die Ordnung undserer Licht-, Tast-, Gehörsempfindungen im Raum ist geradeso eine psychologische Aufgabe wie die Untersuchung der Intensitätsverhältnisse unserer Empfindungen oder der Entstehung komplexer Vorstellungen aus ihren Bestandteilen und der weiteren Verbindung solcher Vorstellungen. Die Vorgänge, die die Entstehung aller dieser Bewußtseinsinhalte bestimmen, hat jedoch die Psychologie lediglich aus der Analyse der Produkte dieser Vorgänge selbst zu gewinnen, und sie begibt sich von vornherein auf den Irrweg falscher Antizipationen, wenn sie dieselben als Erkenntnisprozeß deutet. Hat sie sich freilich erst einmal des Fehlers, die Aufgaben der psychologischen Analyse auf das Feld logischer Reflexionen zu verlegen, schuldig gemacht, so geschieht es dann leicht, daß nun umgekehrt die Erkenntnistheorie die psychologische Aufgabe für sich in Anspruch nimmt, indem sie sich anbietet, nachzuweisen, wie und warum wir überhaupt die Existenz von Objekten unserem eigenen Ich gegenüberstellen. Das sogenannte Problem der Außenwelt ist demnach überhaupt kein erkenntnistheoretisches, sondern ein psychologisches Problem. Denn die Frage nach der Bildung unserer Vorstellungen von Gegenständen im Raum, zu denen auch unser eigener Körper gehört, an den wir uns die Bildung eben jener Vorstellungen gebunden denken, ist eine ganz und gar psychologische Aufgabe. Die Außenwelt selbst aber, die den Gegenstand dieser psychologischen Analyse bildet, ist der gegebene Inhalt unseres Erkennens. Nicht wie dieser gegebene Inhalt entsteht, sondern unter welchen Bedingungen er als  wirklich  zu gelten hat, das ist die Frage, die von der Erkenntnistheorie zu stellen und zu beantworten ist. Weder der Ursprung der Dinge noch der unserer Vorstellungen von ihnen bildet das Objekt ihrer Betrachtungen; - jener gehört vor das Forum der Naturwissenschaft, dieser vor das der Psychologie. Vielmehr beginnt ihre Aufgabe da, wo es sich um die Fragen wahr oder falsch, Sein oder Schein und um die hier sich anlehnenden weiteren Begriffe der Existenz, der Gewißheit, der Wahrscheinlichkeit usw. handelt.

Selbstverständlich kann nun aber diese Untersuchung nicht mit einer Voraussetzung beginnen, die von vornherein die Existenz der Tatsachen, mit denen sie sich beschäftigt, in Frage stellt; sondern muß überall die Voraussetzung der Wirklichkeit des in der Erfahrung Gegebenen der feste Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie sein. Erst die Widersprüche, in die diese Voraussetzung das Denken verwickelt, und denen gegenüber dieses sich überhaupt erst zum erkennenden Denken erhebt, stellen mit der beginnenden Unterscheidung von Sein und Schein, von wahr und falsch der Erkenntnistheorie ihre Aufgaben. Diese Aufgaben hat sie auf den ihr durch die positive Wissenschaft gebotenen Grundlagen zu lösen, um sie dann auf allgemeine Prinzipien des Erkennens zurückzuführen, mit denen sie nun selbst wieder der Wissenschaft kritisch gegenübertritt.


2. Der Begriff des Ich.

Neben dem Problem der Außenwelt und meist in engem Zusammenhang mit ihm spielt der Begriff des Ich in den Erkenntnistheorien verschiedener Richtungen eine bedeutsame Rolle. Daß das "Ich" oder das Selbstbewußtsein ein primärer Akt des Erkennens sei, gilt als unbedingtes Postulat, mag im übrigen dieses Ich als ein unmittelbar empirisch gegebenes, selbst an eines der Objekte der Körperwelt, den eigenen Leib, gebundenes, oder mag es als die metaphysische Einheit angesehen werden, die allem Vorstellen und Denken vorausgeht, weil ohne sie das Problem der Außenwelt überhaupt nicht entstehen könnte. Die erste Auffassung herrscht in den empirischen Erkenntnistheorien, die den Objekten eine kausale Wirkung auf das Subjekt zuschreiben. Die andere pflegt den idealistisch gerichteten eigen zu sein. Doch laufen diese Grenzen zum Teil ineinander. So nimmt besonders die Annahme einer ursprünglichen Koordination des Ich und der Außenwelt, wie sie z. B. die empiriokritische Philosophie vertritt, eine Art Zwischenstellung ein, bei der die der Kausaltheorie eigene Verwechslung des natürlichen Bewußtseins mit dem Standpunkt des über seine Sinneswahrnehmungen reflektierenden Psychologen vermieden, dafür aber ein ganz und gar metaphysischer Ichbegriff eingeführt wird, der sich von dem der sonstigen "Ichphilosophen" nur durch seine Anlehnung an einer materialistische Metaphysik unterscheidet. (14)

Da die Stellung des Ich in der Erkenntnistheorie ein Komplement zum Problem der Außenwelt bildet, so können wir uns in der Kritik dieses Begriffs kurzfassen. Er bietet jenem gegenüber nur insofern eine eigentümliche Seite, als der metaphysische Einschlag, der besonders bei den idealistisch gerichteten Anschauungen schon beim ersteren Problem deutlich zu bemerken war, hier noch mehr hervortritt und sich, wie gerade das Beispiel des Empiriokritizismus zeigt, selbst in die sonst objektivistischen Theorien herübererstreckt. Freilich pflegt dann ein psychologisches Motiv mit dem metaphysischen zusammenzutreffen. Schon der Psychologie ist ja diese Verbindung geläufig. Sie findet ihren Ausdruck in einer "Ichpsychologie", die, von der subjektiven Seite des Seelenlebens, dem Fühlen, Streben, Wollen ausgehend, das tätige Ich als letzten voraussetzungslosen Ausgangspunkt der psychologischen Analyse annimmt. (15) Diese Anschauung wird dann den Erkenntnisproblemen gegenüber von selbst zu einem metaphysisch beeinflußten Psychologismus, wobei bald die empirisch-psychologische, bald die metaphysische Seite überwiegen kann. Eine stark nach der Metaphysik gewandte gemischte Richtung dieser Art ist z. B. in der "immanenten Philosophie" mit ihrem auch in andere Erkenntnistheorien aufgenommenen Begriff eines "überindividuellen Ich" vertreten. Dieses überindividuelle Ich, das die Allgemeingültigkeit der Erkenntnisnormen sicherstellen soll, ist in der Tat vom absoluten Ich FICHTEs nicht mehr allzuweit entfernt. (16)

Was für das "Problem der Außenwelt", das gilt nun aber in etwas verändertem Sinn auch für das Problem des "Ich". Zunächst ist es überhaupt kein erkenntnistheoretisches Problem, sondern entweder ein psychologisches oder ein metaphysisches, je nach dem Zusammenhang der Aufgaben, unter die es gestellt wird. Hierbei ist aber das psychologische Ich ein wesentlich anderer Begriff als das metaphysische. Hat die Psychologie die empirische Entwicklung des Selbstbewußtseins zu verfolgen, so bemächtigt sich die metaphysische Betrachtung des letzten, durch die Psychologie nahegelegten, aber niemals ganz zu vollendenden abstrakten Ichbegriffs, um ihn innerhalb der allgemeinen Deutungen, die sie den einzelnen Teilen des Weltproblems zu geben sucht, seine Stelle anzuweisen.

Nun liegen beide Begriffe, der psychologische wie der metaphysische, gänzlich außerhalb der oben bezeichneten Aufgaben der Erkenntnistheorie. Mit der Entwicklungsgeschichte des Selbstbewußtseins hat sich diese ebensowenig wie mit der Bildung unserer objektiven Raumvorstellung und ihrer Verbindung zur Anschauung der Außenwelt zu beschäftigen. Nicht minder liegt die Frage nach der metaphysischen Bedeutung des Ichbegriffs außerhalb ihrer Sphäre. Hier würde vielmehr die Aufnahme desselben nichts anderes als einen Rückfall in jene dogmatische Philosophie bedeuten, für die die Erkenntnisprobleme überhaupt noch keine selbständige Bedeutung besaßen, sondern lediglich als Anwendungen metaphysischer Lehren in Frage kamen. Welchen dieser beiden Ichbegriffe man daher anwenden mag, die Erkenntnistheorie selbst geht dabei leer aus. Denn entweder verfällt sie der Vermengung mit der Psychologie, in der der ältere Empirismus befangen geblieben war, oder sie wird das Opfer irgendeines philosophischen Systems, an dessen hypothetischen Charakter sie nun teilnimmt, oder es geschieht beides zugleich: sie wird zu einem trüben Gemenge von Metaphysik und Reflexionspsychologie. Da es nun einen dritten Ichbegriff außer dem psychologischen metaphysischen nicht gibt, so hat die Erkenntnistheorie überhaupt mit dem Begriff des Ich nichts zu tun. Dagegen bedarf sie eines anderen Prinzips, das allerdings zu den beiden Formen des Ichbegriffs in Beziehung steht, jedoch von beiden derart verschieden ist, daß zwar das psychologische wie das metaphysische Ich mit ihm verbunden werden kann, daß aber keineswegs umgekehrt das Erkenntnisprinzip selbst jener psychologischen und metaphysischen Begriffe irgendwie bedarf.

Der so für die Erkenntnistheorie zurückbleibende, ihr spezifisch eigene Begriff ist der des  denkenden Subjekts.  Unter ihm hat man aber nicht ein Wesen zu verstehen, das die denkende Tätigkeit ausübt, nicht ein Ich, dessen Funktion das Denken ist, sondern lediglich den  Inbegriff der Denkgesetze selbst,  die sich in den Akten des Erkennens betätigen. Denn nur insoweit setzt eben jedes Objekt des Erkennens ein erkennendes Subjekt voraus, als der Erkenntnisakt die Anwendung der Denkgesetze auf das Objekt in sich schließt. Diese Denkgesetze, aus deren Zusammenwirken mit einem gegebenen Erkenntnisobjekt die Akte des Erkennens hervorgehen, sind die drei logischen Axiome der Identität, des Widerspruchs und des Grundes in ihren fortwährend ineinandergreifenden Anwendungen. Die Axiome der Identität und des Widerspruchs sind bei der Erkennung des Übereinstimmenden und der Unterscheidung des Verschiedenen wirksam. Der Satz des Grundes verkettet die Denkakte nach den Beziehungen, in die sie durch ihre begrifflichen Bestimmungen zueinander treten, und er enthält so das Postulat der widerspruchslosen Verknüpfung der gegebenen Erkenntnisinhalte im Keim bereits in sich. (17) Setzt jeder Erkenntnisakt ein Objekt der Erkenntnis und ein erkennendes Subjekt voraus, so kann nun aber dieses Subjekt nicht selbst wieder als Erkenntnisobjekt betrachtet und in diesem Sinne dem Versuch einer Begriffsanalyse oder einer Untersuchung seines Ursprungs unterworfen werden. Sobald dies geschieht, schiebt sich entweder der psychologische oder der metaphysische Ichbegriff unter. Beide setzen bereits die Erkenntnisfunktionen voraus, und sie können daher nicht selbst wiederum zu Grundlagen derselben gemacht werden.

Dementsprechend leiden an diesem Fehler nicht bloß die verschiedenen Kausal- und Projektionstheorien, die wir im "Problem der Außenwelt" kennenlernten, sondern insbesondere machen sich dieser Objektivierung des denkenden Subjekts zur metaphysischen Substanz auch die Anschauungen schuldig, die irgendeine Art ursprünglicher Koordination zwischen Subjekt und Objekt voraussetzen. Selbstverständlich kann es ja keine Erkenntnisobjekte geben ohne Erkenntnisfunktionen, ebenso wie umgekehrt keine Erkenntnisfunktionen ohne Objekt, die ihren Inhalt bilden. Aber diese Korrelation der Begriffe Subjekt und Objekt ist keine Koordination von Objekten. Sie darf nicht dazu verführen, der Analogie der Wortbezeichnungen nachgebend, das Subjekt gleichfalls für ein Objekt zu halten. In Wahrheit ist dieses Subjekt schlechthin nur das nach den erwähnten Gesetzen wirkende Denken selbst. Es bildet zusammen mit den Erkenntnisobjekten eine unmittelbare Einheit, die erst aufgrund einer den Erkenntnisakten nachfolgenden Reflexion über diese Akte vorübergehend gelöst wird, um sofort wieder zur Einheit zu verschmelnzen, sobald an die Stelle solcher nachträglicher Reflexion der Erkenntnisakt selbst tritt. Eben weil das denkende Subjekt kein Objekt, sondern lediglich die an Objekte gebundene Gedankentätigkeit ist, wird es nun aber auch vollkommen verständlich, daß die Vorstellung des Objekts und das Objekt selbst ursprünglich eins sind, und daß die Scheidung in das Objekt und die subjektive Wahrnehmung oder Vorstellung erst eine verhältnismäßig späte Handlung des nämlichen erkennenden Denkens ist, das sich schon lange zuvor in der Auffassung und Ordnung der in der Wahrnehmung gegebenen Objekte betätigt hat. (18)


3. Evidenz

Anders als mit den Problemen der Außenwelt und des Ich, die nur durch eine falsche Vermengung mit psychologischen und metaphysischen Fragen unter die Aufgaben der Erkenntnislehre geraten sind, verhält es sich mit dem Begriff der  Evidenz.  Von ihm kann man wohl umgekehrt sagen, er sei der Fundamentalbegriff der Erkenntnistheorie selbst und seine Untersuchung ein Geschäft, in das keine andere Disziplin, weder die Psychologie noch die Metaphysik noch auch die Logik im engeren Sinne, dreinzureden habe. Denn mit dem Begriff der Evidenz hängen alle anderen spezifisch erkenntnistheoretischen Begriffe zusammen. Er bildet den festen Punkt, nach dem sie sämtlich orientiert sind. Ohne evidente Sätze, denen wir eine absolute Gewißheit zuschreiben, würden Begriffe wie die der Wahrheit, Wahrscheinlichkeit, Möglichkeit, Notwendigkeit nicht existieren. Zugleich scheiden sich aber hier durchaus die Aufgaben der Erkenntnistheorie von denen der Psychologie wie der Metaphysik, indem sich die Psychologie lediglich mit dem tatsächlichen Verhalten der Bewußtseinsinhalte ohne Rücksicht auf ihren Erkenntniswert beschäftigt und die Metaphysik schließlich stets auf den überempirischen und eben darum allezeit hypothetischen Zusammenhang der Dinge zu einem Weltganzen gerichtet ist.

Daß nun diesen spezifischen Aufgaben der Erkenntnistheorie gegenüber der Psychologismus unrettbar scheitern muß, ist einleuchtend. Bei den anderen Problemen, die nebenbei auch eine psychologische Seite haben, oder gar, wie das der Außenwelt, rein psychologischer Natur sind, mochte es jenem leichter werden, seine Blöße mit einem von der Psychologie geborgten Kleid zu decken. Hier, wo es sich um Fragen handelt, bei denen die Psychologie absolut nicht mitzureden hat, muß die Unzulänglichkeit des Psychologismus klar zutage treten. In der Tat bestätigt sich das in der sehr merkwürdigen Erscheinung, daß, während diese Richtung sonst durch die ihr eigene Reflexionspsychologie die Grenzen der Gebiete zu verwischen pflegt, sie hier, beim Problem der Evidenz, auf ein Phänomen verfällt, das als ein spezifisch psychologisches intellektualistischen Deutungen unzugängliches zu gelten pflegt: auf das des  Gefühls.  Als Kriterium der Evidenz gilt ihr nämlich durchweg ein unmittelbares  Evidenzgefühl,  eine Erscheinung, die, soweit sie wirklich existiert, auf keinen Fall einen Erkenntniswert besitzt und daher höchstens als psychisches  Symptom  erkenntnistheoretisch näher zu bestimmender Motive angesehen werden könnte. Dazu kommt, daß, wenn irgendwelche subjektive Symptome trügerisch sind, dies von den Gefühlssymptomen gilt. Darum hat eine Erkenntnistheorie, die das Urteil, ob wahr oder falsch, auf ein bloßes Gefühl gründet, ihre eigene Unzulänglichkeit eingestanden. Sie gleicht einem Richter, der das Mitleid zur obersten Richtschnur seiner Entscheidungen macht.

Noch merkwürdiger als das Scheitern des Psychologismus ist jedoch die Tatsache, daß es auch dem  Logizismus  nicht besser ergeht, so sehr er sich gerade dem Psychologismus gegenüber emphatisch auf die Evidenz der logischen Gesetze zu berufen pflegt. Denn er bewegt sich bei dieser Berufung in einem fortwährenden Zirkel. indem er die logischen Gesetze für evident erklärt, die Evidenz selbst aber wieder auf die Gültigkeit der logischen Gesetze gründet. Um aus diesem Zirkel herauszukommen, bleibt ihm daher nur übrig zu erklären, die Evidenz sei eine nicht weiter definierbare letzte Tatsache. Da nun eine Tatsache ein Existenzrecht nur dann besitzt, wenn sie uns irgendwie in der Anschauung gegeben ist, so wird auch der Hinweis auf die unmittelbare Anschauung als eine dieser Behauptung der Undefinierbarkeit äquivalente Form der Begründung betrachtet. Man kann, so wird erklärt, die Evidenz so wenig definieren, wie man die Farben Rot und Blau definieren kann, man kann nur auf sie hinweisen. So pflegt dann auch der Logizismus zur Bekräftigung dieser Behauptung auf einzelne evidente Sätze, wie z. B. auf das Identitätsaxiom  A = A,  oder auf evidente Gedankenverbindungen, wie den Modus  Barbara,  zu verweisen. Nun ist aber alles, was in der unmittelbaren Anschauung gegeben ist, da es, woran seit KANT wohl niemand mehr zweifelt, eine reine Anschauung ohne Empfindungsinhalt nicht gibt, ein  empirisch  Gegebenes, wie das von den als Beispiele beigebrachten Empfindungen Rot und Blau ohne weiteres zugegeben wird. Verweist man also die Evidenz in das Gebiet der unmittelbaren Anschauung, so erklärt man sie damit für ein Produkt der Erfahrungen. STUART MILL, der alle logischen Prinzipien auf Induktion gründete, und der reine Logizismus, der sie auf unmittelbare Anschauung gründet, stehen sich hier nicht allzu fern: ja man könnte MILL für den gemäßigteren Empiristen halten, da ihm die Induktion immerhin eine logische Denkoperation ist, während diese hier zurückgewiesen wird. Zugleich liegt darin eine Rückkehr zum Standpunkt der alten formalen Logik. Von ihr hatte FICHTE, eben im Hinblick auf die fehlende Begründung ihrer Gesetze, mit Recht gesagt, sie sei eigentlich eine empirische Wissenschaft. Da nun aber weiterhin jede unmittelbare Anschauung ein psychologischer Vorgang ist, so bedeutet dieser Hinweis auf die Anschauung einen Rückfall in einen Psychologismus, und der Unterschied von der Theorie des gewöhnlichen Psychologismus besteht nur darin, daß dieser den Ursprung der Evidenz in die Region des  Gefühls  verlegt, während ihn jener der unmittelbaren Anschauung oder der  Empfindung  zuweist. So ist hier der Logizismus seinem Standpunkt nur darin einigermaßen treu geblieben, daß er nicht das subjektive Element des Seelenlebens, das Gefühl, sondern, im Sinne seiner allgemeinen intellektualistischen Tendenz, das objektive, die Empfindung, zur Grundlage der Evidenz macht.

Was jedoch beide Theorien wieder einander nahebringt, sie gewissermaßen zu Spielarten eines naiven oder nativistischen Psychologismus macht, ist die Berufung auf  Tatsachen Mag die Tatsache in einem Gefühl, oder mag sie in einer Anschauung bestehen, subjektiv oder objektiv oder beides zugleich sein, das Moment des  Unmittelbaren,  das der Tatsache eigen ist, soll auch die Evidenz auszeichnen. Hier hängt dann diese Auffassung mit dem jeder Art von Reflexionspsychologie eigenen Streben zusammen, die Inhalte des Bewußtseins, ob sie nun einfacher oder zusammengesetzter Natur sind, zu intellektualisieren, indem man sie in Teile gliedert, die in irgendwelche logische Beziehungen zueinander gebracht werden. Am klarsten zeigt sich dieses Streben in der Urteilstheorie BRENTANOs, nach der ein elementares Urteil schon die einfache Empfindung begleiten und ihr dadurch die Anerkennung der Evidenz verschaffen soll. Enthält so jede Tatsache an und für sich dieses Moment der Anerkennung, so wird die Unterscheidung zwischen der Auffassung einer Tatsache und der eines evidenten Verhältnisses überhaupt hinfällig. Jede Tatsache ist an und für sich evident, weil sie ein Urteil enthält, das einen evidenten Satz ausspricht, nämlich den Satz, daß sie existiere. Mit dieser Ausdehnung des Evidenzprinzips auf die Gesamtheit der in der Erfahrung gegebenen Tatsachen verliert aber natürlich der Begriff selbst ganz und gar seinen spezifischen Inhalt, und so bleibt nur übrig, gewissen Tatsachen oder Beziehungen von Tatsachen einen höheren Gewißheitsgrad jenes Existenzialurteils zuzuschreiben. Da nun die Gewißheit ihrerseits auf der Evidenz beruth, so würde sich eine solche Erklärung wiederum im Zirkel bewegen. So besteht der letzte Ausweg darin, daß man das Moment der Evidenz selbst für eine besondere Tatsache erklärt, die sich mit gewissen anderen Tatsachen verbinden könne. Damit ist schließlich der Begriff der Evidenz von den als evident anerkannten Erkenntnisinhalten völlig getrennt worden, um in einen spezifischen und darum nicht weiter zu beschreibenden Bewußtseinsinhalt verwandelt zu werden. Hierin besteht eben jener "nativistische Psychologismus", von dem oben die Rede war.

Nun ist das erste Erfordernis zu einer einwurfsfreien Feststellung des Begriffs der Evidenz offenbar dies, daß dieser Begriff von jeder Vermengung mit Hypothesen, mögen sie psychologistischer oder logizistischer Herkunft sein, befreit werde. Eine solche Hypothese ist ohne Frage die des latenten, in jeder Tatsache verborgenen Existenzialurteils. Nur auf die durch das letztere bewirkte künstliche Scheidung in die Tatsache selbst und ihre Anerkennung gründet sich aber der Anspruch, den Begriff der Evidenz schon auf die einzelne Tatsache anzuwenden, woraus dann die weitere Nötigung entsteht, die Evidenz selbst zu einer spezifischen Tatsache zu hypostasieren [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp]. Evident können nur Urteile und Urteilsverbindungen sein, nicht einzelne Begriffe oder Vorstellungen. Im Begriff  A  als solchem ist nicht evident, ob er er sich auf ein tatsächlich Gegebenes bezieht oder nicht. Der Satz  A = A  ist aber evident, auch wenn das  A  nichts tatsächlich Gegebenes bedeutet. Um eine Tatsache festzustellen, dazu genügt, daß sie in der Anschauung gegeben sei; um zu bestimmen, ob ein Urteil oder eine Urteilsverbindung evident sei, dazu genügt aber nicht die Anschauung, sondern es muß das vergleichende und beziehende Denken hinzukommen, das aus dem Angeschauten das herauslöst, was als evident festgehalten werden soll. Es gibt kein  A,  das einem andern  A  wirklich gleich ist; das Denken erst stellt die Gleichheit her. Es beseitigt das Widerstreitende, hält das Übereinstimmende fest und setzt es identisch. In diesen Handlungen des Denkens wirkt daher die begriffliche Abstraktion mit den Denkgesetzen zusammen, um evidente Sätze zu erzeugen. So sind die Denkgesetze gleichzeitig die Quellen der Evidenz und ihre ursprünglichsten Formen. Die Sätze der Identität und des Widerspruchs sind die Prinzipien der unmittelbaren, der Satz des Grundes ist das Prinzip der mittelbaren Evidenz. Dabei setzt das letztere ebenso die beiden ersten, wie der Widerspruch die Identität voraus, ohne daß übrigens jeweils das nachfolgende Prinzip im vorangehenden bereits enthalten wäre. (19)

So stehen diese drei Prinzipien mitten inne zwischen Erkenntnistheorie und Logik. Ihrem Ursprung nach gehören sie der ersteren, ihrer Anwendung nach der letzteren an, so daß eben durch ihre Vermittlung die Logik in der Erkenntnistheorie ihre Grundlage findet. Diese weist sie als die idealen Gesetze des Denkens nach, die in der Anschauung wurzeln, selbst aber erst durch die ihnen immanente Abstraktion von den ihnen nicht adäquaten Bestandteilen der Erfahrung ihren normativen Inhalt gewinnen. Demnach stammen sie aus der empirischen Anschauung, ohne selbst in irgendeiner konkreten Anschauung verwirklicht zu sein. In diesem Sinne sind sie Ideale, aber nicht überwirkliche, sondern innerwirkliche, die in der durch das Denken vermittelten Rekonstruktion den idealen Gehalt der in der Anschauung gegebenen Wirklichkeit in einzelnen Prinzipien und Gesetzen festhalten. Auch diese letzteren kommen daher so, wie sie das Denken nach der ihm immanenten und in den logischen Axiomen zum Ausdruck kommenden Gesetzmäßigkeit aufstellt, in der Wirklichkeit selbst nicht vor. Aber sie sind ihr ebenso immanent, wie die logischen Axiome dem an der angeschauten Wirklichkeit entwickelten Denken immanent sind. Das Beharrungsprinzip, das Prinzip der Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkung, der Konstanz der Energie usw., - sie sind in der konkreten Erfahrung ebensowenig wie der Satz  A = A  jemals vollkommen verwirklicht, sondern sie sind Teile einer idealen Wirklichkeit, die erst in ihrer aller Verbindung der Wirklichkeit selbst adäquat werden. Das ist ein Ziel, dem wiederum das Denken sich nur asymptotisch [im Unendlichen annähernd - wp] nähern kann, so daß damit der Erkenntnisprozeß selbst zu einer unendlichen Aufgabe wird. Darum sind aber zugleich vom Standpunkt der bloßen Erfahrung aus alle Prinzipien und Gesetze der Naturwissenschaft  Hypothesen.  Doch sind sie nicht willkürliche Hypothesen, wie der skeptische Empirismus behauptet, sondern, soweit sie zu einer relativ bleibenden, d. h. auf einer bestimmten Stufe wissenschaftlicher Erkenntnis nicht hinwegzudenkenden Bedeutung gelangt sind,  notwendige  Hypothesen, die allezeit in den logischen Normen des Denkens die idealen Vorbilder finden, denen sie sich zu nähern streben.

Das "Evidente" ist nun, wie das von Sehen abgeleitete Wort selbst sagt, zunächst das "Anschauliche". Aber im logischen Gebrauch hat es im doppelten Sinn diesen ursprünglichen Umfang des Begriffs überschritten. Erstens ist die Anschauung vom Gesichtssinn auf die Gesamtheit der Sinne übergegangen; und zweitens hat sie sich mit der Verarbeitung des Angeschauten durch das logische Denken verbunden. In dieser Zusammensetzung des Begriffs aus den beiden Faktoren der ursprünglichen Anschauung und seiner denkenden Verarbeitung ist aber zugleich die Grundlage zu einer weiteren Entwicklung des Begriffs der Evidenz selbst gegeben. Indem das Denken seine der Anschauung gegenüber geübten Funktionen auf abstrakte Begriffe und Begriffsverbindungen überträgt, spaltet sich die Evidenz in  zwei  Formen: in die  anschauliche  und die  begriffliche.  Der Pleonasmus [Doppelmoppel - wp], der in dem Wort "anschauliche Evidenz" liegt, zeigt deutlich, daß diese zugleich die ursprüngliche Evidenz ist, von der aus sie auf abstrakte und daher ansich unanschauliche Begriffsverhältnisse übertragen wurde. Die Vehikel dieser Übertragung bilden wiederum die logischen Axiome. Die Grundlage jeder begrifflichen Evidenz bildet nämlich die  analytische Begriffsdefinition.  Jede solche Definition ist eine Anwendung des Identitätsaxioms aufgrund der die Gleichsetzung der Glieder des Urteils vermittelnden Denkakte. In dieser Rückbeziehung auf die Denkakte als solche ist dann aber die ursprüngliche Grundlage dieser Denkakte, die Anschauung, eliminiert worden. So ist die Definition "Substantia es id quod in se est et per se concipitur" [Substanz existiert an und für sich - wp] ein  A = A  ohne alle Anschauung.

Die ursprüngliche Heimat der begrifflichen Evidenz ist die  Mathematik.  Sie ist zugleich dasjenige Gebiet des Denkens, das unmittelbar von der anschaulichen zur begriffliche Evidenz hinüberführt, indem sie sich aus einer Wissenschaft der "reinen Anschauung" auf der Grundlage dieser reinen Anschauung durch fortgesetzte Anwendung der nämlichen Denkoperationen zu einer Wissenschaft des "Denkmöglichen" entwickelt. Ein zweites Anwendungsgebiet der begrifflichen Evidenz, der Zeit nach das frühere, ist die  Metaphysik.  Ihre Eigenart besteht darin, daß sie von vornherein reine Begriffe zur Grundlage hat, indem sie die innerhalb der empirischen Begriffsbildungen vorbereiteten und dann durch die Wissenschaft weiter entwickelten abstrakten Korrelatbegriffe, Sein und Werden, Ursache und Wirkung, Substanz und Kausalität usw., in ihrer Bedeutung für die Erkenntnis des Wirklichen und im Wert, den sie als zusammenfassende Einheitsbegriffe der Wirklichkeit besitzen, festzustellen such, - eine Aufgabe, in deren Lösung dann die metaphysischen Systeme verschiedener Zeiten und Richtungen eben um jener Einheitlichkeit willen jeweils von einzelnen unter den abstrakten Begriffen ausgehen. (20)

Unter diesen verschiedenen Formen der Evidenz bilden die anschauliche und die aufgrund der Anschauung entwickelte begriffliche der Mathematik auf der einen, die rein begriffliche der Metaphysik auf der anderen Seite die zwei Hauptgruppen, die durch die in ihnen geübte Methode des Denkens am weitesten divergieren. Die Mathematik gründet sich auf die logisch-synthetische, die Metaphysik auf die dialektisch-analytische Methode. Daran darf der Umstand nicht irre machen, daß in der Mathematik das analytische Verfahren einen mit der Erhebung der mathematischen Betrachtung über das Gebiet der reinen Anschauung immer mehr zunehmenden Wert gewonnen hat. Denn es bleibt die Eigenart auch der mathematischen Analyse, daß sie fortan auf der durch die Anschauung geforderten Synthese des Mannigfaltigen ruht. Ebenso ist es für diese Frage irrelevant, daß sich die Metaphysik zu gewissen Zeiten mit Vorliebe der logisch-synthetischen Demonstration bedient hat. Die wirkliche Grundlage der Metaphysik bleibt überall die dialektische Analyse der Begriffe, und diese verbirgt sich in solchen Fällen nur unter einem täuschenden, der Mathematik entlehnten Gewand, wenn man vorgibt, "more geometrico" zu verfahren. Als synthetisch-logische Disziplin wird die Metaphysik in der Tat zu einer bloßen Scheinwissenschaft, wogegen sie als Dialektik der abstrakten Begriffe eine unbestreitbare, schon durch die Existenz jener Begriffe gesicherte Domäne für sich in Anspruch nehmen kann. Daß sie von Anfang an Dialektik ist und es bleiben muß, wenn sie nicht in die unhaltbare Position einer willkürlichen Begriffsdichtung geraten will, das zeigt übrigens auf den ersten Blick die Natur jener abstrakten Begriffe selbst, welche die Ausgangspunkte ihrer Untersuchungen bilden. Indem nämlich diese Begriffe von früh an als Korrelatbegriffe auftreten, geben sie sich eben dadurch als Produkte einer dialektischen Analyse zu erkennen, die bei einzelnen schon in das vorwissenschaftliche Denken zurückreichen mag, im ganzen aber doch erst durch die Philosophie weitergeführt und zu einheitlichen Begriffsystemen, in denen je nach den besonderen Bedingungen einzelne unter jenen metaphysischen Begriffsbildungen dominieren, entwickelt worden sind.

Zu den mathematischen Gebieten stellt sich der Natur ihrer Aufgaben gemäß auch die  Naturwissenschaft,  nur daß für sie vermöge ihrer Gebundenheit an die Erfahrung die anschauliche Evidenz in einem höheren Maß die Bedeutung bewahrt hat, die ihr ursprünglich auch für die Mathematik zukam. Immerhin entspricht es der großen Bedeutung, die sich die mathematischen Methoden auf physikalischem Gebiet errungen haben, daß die Physik abstrakte mathematische Spekulationen, die sich auf das Gebiet der begrifflichen Evidenz begeben, nicht ganz abwehren kann. Nur sollte sie dabei freilich, was nicht immer geschieht, prinzipiell an der Forderung festhalten, daß das Endergebnis solch abstrakter Betrachtungen schließlich immer wieder zur anschaulichen Evidenz zurückkehren muß, die die Erfahrung als solche niemals zu überschreiten vermag. Aber noch eine andere Substitution einer begrifflichen für die anschauliche Evidenz hat zu Zeiten auf die Entwicklung der Naturwissenschaft einen Einfluß ausgeübt, der sie nicht selten auf bedenkliche Irrwege geführt hat. Sie besteht in der Übertragung der begrifflichen Evidenz der Metaphysik auf die physikalische Betrachtung. Hier entsteht dann der Versuch, aus irgendeiner Begriffsnotwendigkeit, die man in die Naturerscheinungen verlegt, und die regelmäßig in einer falschen Anwendung der dialektischen Begriffsanalyse ihre Quelle hat, die wirklichen Erscheinungen abzuleiten oder Behauptungen über sie aufzustellen. Am deutlichsten treten solche Vermengungen da zutage, wo eine so gewonnene rein begriffsmäßige Evidenz mit der anschaulichen in Widerspruch tritt, und wo sich nun aus beiden eine Antinomie mit scheinbar gleich triftigen Beweisen und Gegenbeweisen entwickeln kann. So wirft dieser Gegensatz auch in die kosmologischen Antinomien KANTs sowie in den in der Naturwissenschaft selbst mannigfach hervorgetretenen Streit um die allgemeinen Weltbegriffe seine Schatten. Auch sonst hat er noch in die Geschichte der naturwissenschaftlichen Begriffe, besonders in die Feststellung prinzipieller Sätze, wie des Beharrungsprinzips, des Äquivalenzprinzips, endlich des Kausalprinzips selber eingegriffen. Dabei ist es aber ein wichtiger Zug dieser Geschichte, daß hier überall die anschauliche über die begriffliche Evidenz gesiegt und damit zugleich diese Verwendung metaphysischer Methoden zur Lösung physischer Probleme als unstatthaft erwiesen hat. (21)


4. Die Erkenntnistheorie als Wissenschaftstheorie

Die neuere Erkenntnistheorie beginnt mit JOHN LOCKE, und sie trägt, welche Richtung sie auch sonst verfolgen mag, vor allem in  einer  Beziehung noch heute die Merkmale an sich, die ihr dieser große Empiriker, für den Psychologie und Erkenntnislehre noch eins waren, aufgeprägt hat: sie behandelt die Erkenntnistheorie als einen Teil der Philosophie, der von den positiven Wissenschaften unabhängig sei, dabei aber als eine Art Hodegetik [Grundsatzlehre - wp] zur Wissenschaft überhaupt dienen könne. Das ist auch durch KANT nicht wesentlich anders geworden, so sehr er sich auf die Mathematik und mechanische Naturlehre, auf die erste bei seiner Lehre von den Anschauungsformen, auf die zweite bei der Feststellung seiner Prinzipien der begrifflichen Erkenntnis berief. Er begnügte sich mit dem Hinweis auf die allgemeinen Voraussetzungen dieser Wissenschaften, die ihm als ein gegebener, keines näheren Nachweises über seine tatsächliche Entwicklung bedürftiger Besitz galten. Das ist die Lage der Dinge noch heute. Nur knüpft die neuere Erkenntnistheorie zumeist mehr an den von logischen Reflexionen duchsetzten Psychologismus LOCKEs als an den Apriorismus KANTs an, und sie hat so jenen Charakter bewahrt, nach welchem der in der Psychologie herrschende Logizismus zusammen mit dem in die Logik eingedrungenen Psychologismus gewissermaßen als das rechtmäßige Erbteil der Erkenntnistheorie angesehen wird. Und merkwürdigerweise gilt das nicht gerade wenig von den innerhalb der positiven Gebiete, besonders der Naturwissenschaft, hervorgetretenen erkenntnistheoretischen Richtungen. Denn vor allem hier kam die Anschauung auf, die Erkenntnistheorie habe überhaupt nicht festzustellen, wie die Prinzipien der wissenschaftlichen Erkenntnis samt den Hilfsbegriffen, deren sie bedürfen, wirklich entstanden seien, sondern wie sie unter der Leitung einer an sie herangebrachten allgemeinen Maxime teleologischer Beurteilung, z. B. der einer möglichst kleinen Gedankenanstrengung oder einer möglichst einheitlich gestalteten Konvention, betrachtet werden könnten. Auf diese Weise bilden der "Ökonomismus" und der "Konventionalismus" geradezu die radikalen Zuspitzungen jener herrschenden Tendenz der Erkenntnistheorie, abseits von den Wegen der wirklichen Wissenschaft die realen Erkenntnisprobleme zu lösen. Dabei beseitigt allerdings das hier eingeführt skeptische Motiv einer willkürlichen Erfindung jener leitenden Maximen den gewöhnlichen Psychologismus und Logizismus. Denn dieser Begriff der Erfindung lehnt alle irgendwie psychologisch oder logisch geartete Interpretation von vornherein ab. So kehrt hier die von so mancherlei Theorien übersättigte Kritik frisch entschlossen freiwillig auf den Standpunkt zurück, der im Grunde allen anderen vorausging, und der ursprünglich mehr ein Ausdruck der Verwunderung über das Unerklärliche als selbst eine Theorie war: der "Erfindungstheorie".

In allem Widerstreit der Meinungen, der über die Probleme der Erkenntnis herrschen mag, gibt es nun aber  einen  Punkt, über den, wie man wohl annehmen darf, alle Welt einig ist: das ist die Überzeugung, daß, soweit überhaupt Erkenntnis möglich ist, die  Wissenschaft  dazu berufen sei, sie zu vermitteln. Das vorwissenschaftliche Denken eröffnet - auch das darf man als eine unbestrittene Überzeugung ansehen- den Zugang zu ihr. Doch die Hallen der Erkenntnis selbst, der kritisch geprüften und dann fort und fort anhand der Erfahrung und durch die Vervollkommnung der Hilfsmittel des Denkens geläuterte, erschließt erst die Wissenschaft. Freilich beginnt hier schon der Streit darüber, welcher Wissenschaft der Vorrang gebührt, ob der Philosophie oder den einzelnen Wissenschaften in ihrer Gesamtheit, oder endlich einer einzigen unter ihnen, wie z. B. der Mathematik oder Naturwissenschaft. Wer sich die Wissenschaft in ihrer Geschichte vergegenwärtigt, der kann aber nicht zweifeln, daß in diesem Fall die Philosophie auf den Vortritt verzichten muß. Ist sie auch im allgemeinsten Sinn genommen die älteste, so ist sie dies doch nicht in der Bedeutung, die im Begriff des Erkennens in Frage kommt. Die Philosophie im Anfangsstadium wissenschaftlicher Entwicklung ist die Pfadfinderin auf dem Weg der Erkenntnis, nicht die Vollbringerin. Sie stellt die künftigen Probleme ans Licht, doch sie löst sie niemals endgültig, weil sie selbst nur ein zusammenfassendes Bild der jeweiligen Stufe der Wissenschaft ihrer Zeit, gesehen von einem bestimmten, wiederum in der allgemeinen Zeitlage gegebenen Augenpunkt aus, ist. Daher gliedert sich das von ihr entworfene Gesamtbild in dem Maße wieder in eine Mehrheit einzelner Bilder, je reicher die Erkenntnis geworden ist. Deshalb ist es ein fehlerhafter Zirkel, wenn man die Philospie zur Grundlage der Erkenntnislehre macht, die ja selbst ein Teil der Philosophie ist. Als solcher erfüllt sie aber ihre Bestimmung nur dann, wenn sie sich auf das positive Wissen, nicht auf den, noch dazu mehr oder weniger einseitigen Ausdruck stützt, den dieses in der Philosophie oder, was in diesem Fall dasselbe sagen will, in irgendeinem bevorzugten philosophischen System gefunden hat. Noch ungenügender jedoch ist eine Erkenntnistheorie, die eine einzelne Disziplin, etwa unter dem Vorwand, daß ein exaktes Wissen nur in ihr zuhause sei, zur Grundlage nehmen will, sind doch die Probleme der Erkenntnis selbstverständlich nicht auf die Fragen beschränkt, die sich mit exakten Mitteln lösen lassen. Jede Beschränkung solcher Art bedeudet daher eine willkürliche Vergewaltigung der Probleme, indem diese nicht unter den ihnen selbst adäquaten Gesichtspunkten, sondern von denen eines ihnen fremden Gebietes aus betrachtet werden.

Nun könnte man freilich einwenden, was hier verlangt werde, das habe ja die Geschichte der Wissenschaften oder eventuell, sofern eine das Ganze umfassende Geschichte unmöglich sein sollte, eine ihre Stelle vertretene Geschichte der Philosophie zu leisten. Doch dieser Einwand würde wiederum auf einer unzulässigen Vermengung wissenschaftlicher Aufgaben beruhen. Die Geschichte der Wissenschaft hat es mit der  tatsächlichen  Entwicklung zu tun. Sie kann an einer Fülle historisch bedeutsamen Stoffs nicht vorübergehen, der für die Erkenntnis im ganzen bedeutungslos ist; und sie ist verpflichtet, auch der mannigfachen Irrwege, zahlreicher verfehlter Lösungen der Probleme zu gedenken, die indirekt sogar einen gewissen erkenntnistheoretischen Wert besitzen können, darum aber doch keineswegs Bestandteile der Erkenntnisentwicklung als solcher sind. So bildet die Geschichte der Wissenschaften, und in erster Linie die der positiven Wissenschaften, zwar die Grundlage der Erkenntniswissenschaft; sie ist aber nicht diese selbst. Vielmehr besteht die Aufgabe der letzteren in einer  idealen Rekonstruktion der Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis.  In diesem Sinne ist sie nicht "Wissenschaftslehre" in der diesem Wort seit seiner Einführung durch FICHTE gebliebenen Bedeutung einer Lehre, die darstellen soll, wie Wissenschaft gewonnen werden müsse, sondern einer Theorie, die aufgrund der Geschichte der Wissenschaft nachweist, wie die wissenschaftliche Erkenntnis wirklich geworden ist und welches die logischen Motive gewesen sind, die bei dieser Entwicklung wirksam waren. So wichtig diese Fragen, und so zweifellos sie es sind, die die Aufgabe der Erkenntnistheorie im wissenschaftlichen Sinne eigentlich erst in sich schließen, so pflegen sich doch die herrschenden Richtungen der Erkenntnistheorie wenig um sie zu kümmern. Ist diese empirisch und psychologisch gerichtet, so sucht sie sich, wenn sie über den Ursprung der Erkenntnis Rechenschaft geben will, allenfalls über die Anfänge des kindlichen Bewußtseins und über die ersten Äußerungen seines Erkenntnistriebes zu orientieren. Hat der Logizismus die Oberhand, so muß die Metaphysik mit ihrem Ichbegriff und dem aus ihm abgeleiteten Verhältnis des Ich zum Nichtich aushelfen. Selten nur sieht man sich danach um, wie denn in der Wissenschaft selbst die Probleme entstanden, und wie sie auf den verschiedenen Stufen der Erkenntnisentwicklung gelöst worden sind. Und doch wäre dies geschehen, so würden Fragen, wie die nach dem Ursprung unserer Vorstellungen von der Außenwelt oder nach dem Wesen des Ich, Fragen, die teils in die Psychologie, teils in die Metaphysik gehören, niemals unter die Probleme der Erkenntnislehre geraten sein. (22)

LITERATUR - Wilhelm Wundt, Psychologismus und Logizismus, Kleiner Schriften I, Leipzig 1910
    Anmerkungen
    1) De anim. III, 7, 8. Analyt. post II, 19.
    2) Metaphysik IX, 8 - 10
    3) Metaphysik I, 9. Top. VIII, 2.
    4) CARL PRANTL, Geschichte der Logik im Abendland, Bd. 2, Seite 35f
    5) HERMANN COHEN, Logik der reinen Erkenntnis, 1902
    6) EDMUND HUSSERL, Logische Untersuchungen, Bd. I und II, 1900 - 1901.
    7) EDMUND HUSSERL, Logische Untersuchungen, Bd. 1, Seite 180f; Bd. 2, Seite 4f.
    8) HUSSERL, a. a. O. II, Seite 33f, 83f. Daß  Zeichen = signum  und  zeigen = monstrare  auch im Deutschen bloß durch eine zufällige Lautähnlichkeit zusammenhängen, braucht wohl kaum bemerkt zu werden. Merkwürdigerweise verwendet HUSSERL, der auf den Nachweis falscher "Äquivokatoinen" mit Recht großen Wert legt, die beiden Ausdrücke "Anzeichen" und "Anzeigen" gelegentlich in einem übereinstimmenden Sinn.
    9) HERMANN HANKEL, Theorie der komplexen Zalen, 1867, Seite 10f. GEORG CANTOR, Grundlagen einer allgemeinen Mannigfaltigkeitslehre, 1883. DAVID HILBERT, Grundlagen der Geometrie, 1903.
    10) BERNARD BOLZANO, Wissenschaftslehre, Versuch einer ausführlichen und größtenteils neuen Darstellung der Logik, Sulzbach 1837, 4 Bde.
    11) Den ersten dieser Standpunkt vertritt HEINRICH RICKERT, "Zwei Wege der Erkenntnistheorie", 1909 (Kant-Studien, Bd. 14, Heft II); den zweiten besonders WILHELM SCHUPPE, "Erkenntnistheoretische Logik", 1878, und "Grundriß der Erkenntnistheorie und Logik", 1894. Die Schrift von RICKERT erstrebt übrigens eine "transzendentale Logik" und sie nimmt auch den psychologischen Erkenntnisweg in einem "tranzendentalpsychologischen" Sinn. Sie liegt daher außerhalb des hier behandelten erkenntnistheoretischen Psychologismus.
    12) Vgl. z. B. STÖRRING, Einführung in die Erkenntnistheorie, 1909, Seite 142f. STÖRRING weist hierbei zugleich zutreffend nach, daß die noch von einigen anderen empirisch gerichteten Philosophen geteilte Theorie JOHN STUART MILLs von der "Außenwelt" als einer allgemeinen Möglichkeit von Empfindungen" ihrem Wesen nach mit der Kausalitätstheorie identisch ist.
    13) VOLKELT, "Die Quellen der menschlichen Gewißheit", 1906, Seite 35f. WILHELM DILTHEY, "Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt", Sitzungsbericht der Berliner Akademie, 1890, Bd. 39.
    14) Vgl. meinen Aufsatz über naiven und kritischen Realismus.
    15) Vgl. THEODOR LIPPS, Leitfaden der Psychologie, Seite 1f
    16) WUNDT, Über naiven und kritischen Realismus, Seite 332
    17) Über den Sinn dieser drei logischen Axiome und ihre Beziehungen zueinander und zu einigen sie ergänzenden Korollarsätzen vgl. meine Logik I, Seite 552f.
    18) Vgl. den Aufsatz über den Empiriokritizismus und System der Philosophie I, Seite 91
    19) Näheres über die Bedeutung der drei Prinzipien vgl. meine Logik I, Seite 552f.
    20) Vgl. meinen Aufsatz zur "Geschichte und Theorie der abstrakten Begriffe".
    21) Vgl. meinen Aufsatz über das kosmologische Problem (Kleine Schriften), sowie hinsichtlich der analogen Antinomien auf dem Gebiet der Physik meine Schrift "Die Prinzipien der mechanischen Naturlehre, 1910, Seite 115f
    22) Von dem oben kurz skizzierten Standpunkt aus habe ich die Erkenntnistheorie vorzugsweise mit Rücksicht auf die immanente logische Entwicklung der Begriffe in meinem System der Philosophie I, Seite 92f und, anknüpfend an die geschichtliche Entwicklung der Hauptprobleme, in meiner Logik I, zu behandeln versucht.